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[Fantasy] Verlorene Wege


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73 Antworten zu diesem Thema

#41 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 14 December 2013 - 17:57

Kapitel 18 – Ein Schaf im Wolfspelz

Der Wirt war nicht gerade begeistert von meiner Idee gewesen, ihn noch einmal zu besuchen. Die Taverne hatte unter meinem regen Treiben durchaus gelitten: Einem Stuhl fehlten sämtliche Beine, die Lehne war zerbrochen, als ich ihn an die Wand geschmettert hatte. Einen Tisch fehlte außerdem ebenfalls ein Bein, das ich – laut dem untoten Meister der Herberge – als Speer benutzt und ihn damit fast durchbohrt hätte.
Doch all sein Lamentieren und Wüten und flehentliches Bitten half ihm nichts. Ich nahm an einem freien Tisch Platz, woraufhin der Taure – einer der wenigen Lebenden, die man hier ab und zu fand – seinen Platz verließ. Auch wenn ich wusste, dass ich mich eigentlich dafür schämen sollte, so huschte doch ein Grinsen über meine Lippen. Das Vieh war riesig, hatte Arme dick wie junge Baumstämme und strotzte nur so von brutaler und natürlicher Kraft. Aber als es die bittere Geschichte des Wirts mitbekam, hielt der Krieger es wohl für besser, sich nicht mit mir einzulassen. Wie lächerlich.
Das erste Mal, seitdem ich angekommen war, richtete ich mich an den Wirt. »Einen Tee.«
Wäre sein recht steifes, leicht eingedelltes Gesicht dazu fähig gewesen, wäre es wohl zu einer Maske voller Verwunderung geworden. So blieb mir nur das Flackern der hell leuchtenden Augen als Indiz dafür, dass ich meinen Gegenüber mit meiner Bestellung gehörig überraschte. Für einen Moment blieb er noch unschlüssig stehen, hin und her gerissen, ob er mich davonjagen oder bedienen sollte. Schließlich aber brummte er missgelaunt etwas vor sich hin, das mir verdächtig wie eine tödliche Beleidigung vorkam, bevor er davon und hinter die Theke schlurfte.
Während ich auf meine Bestellung wartete, ließ ich den Ring an seiner silbernen Kette vor mir baumeln. Seit den Erinnerungen an ihr Begräbnis waren mir keine neuen Einzelheiten aus meinem früheren Leben gekommen. Mit einem traurigen Lächeln bemerkte ich, dass ich mich zwar an jede Einzelheit ihres Aussehens erinnern konnte, aber nicht an den Namen meiner lieben Gefährtin von einst. Falls es Götter gegeben hatte, die mir zu diesem Zeitpunkt noch gewogen gewesen waren, so hoffte ich, dass sie jetzt unter ihnen verweilte und mich nicht sehen konnte. Sie hatte mich geliebt, aber selbst Liebe hatte ihre Grenzen.
Irgendwann – es dauerte sehr lange, und mit Sicherheit länger, als es unbedingt musste – kam der untote Schankmeister mit einem dampfenden Becher zu mir hinüber. Was sich darin befand, konnte ich nicht einmal ansatzweise erraten, aber es roch verdächtig gut. Ich nickte dem Untoten zu, der nur daraufhin misstrauisch zurück zog und hinter seiner Theke Stellung nahm, wobei er mich nicht aus den Augen ließ. Wahrscheinlich machte er sich schon bereit, bei dem kleinsten Anzeichen von Zwist nach einer der Wachen zu rufen.
Ich hatte allerdings nicht vor, jetzt für Ärger zu sorgen. Ich hatte nur vor zu warten. Direflesh würde mich nicht allzu sehr vermissen. Aber eine bestimmte Person würde mit Sicherheit schon bald hier auftauchen, um ihrer Enttäuschung und Wut Luft zu machen.
Die Stunden vergingen. Mein Becher leerte und füllte sich immer wieder aufs Neue, und je öfter ich den seltsamen Tee trank, desto besser schmeckte er mir. Er hatte eine leicht süßliche Note, die meine Zunge womöglich gar nicht erst hätte schmecken sollen, und ich bekam allmählich den Verdacht, dass der Wirt mich tatsächlich vergiften wollte. Er schien ruhig und ein stiller Zeitgenosse zu sein, aber was sein Gesicht verbarg, schrien seine leuchtenden Augen geradezu heraus. Dieser Kerl war dermaßen mit unterdrückter Rachsucht erfüllt, dass es mich fast schon wunderte, dass ich noch immer aufrecht auf meinem Stuhl saß. Den teilweise besorgten Blicken, die er mir in unbeobachtet geglaubten Momenten zuwarf, nach zu urteilen, ging es ihm nicht wirklich anders.
Meine Gedanken kreisten aber nicht nur um den Wirt, sondern vor allem auch um meine nächsten Schritte. Natürlich hatte die junge Dame, auf deren Erscheinen ich gerade wartete, Recht gehabt. Es half nichts, sich einfach seinem Schicksal hinzugeben, wenn dieses noch nicht einmal geschrieben war. Wer konnte schon sagen, wer ich einst gewesen und zu was ich noch fähig war. Heilung und dämonische Macht vereinten sich in mir; das alleine war eigentlich schon Grund genug, mich zu einem Feind für jeden Lebenden und manchen Untoten zu machen. Eine Abnormalität, ein Monster gar, womöglich ein gefürchteter Kämpfer oder eher noch ein unheimlicher Attentäter. Aber wer wusste schon, welchem Zweck ich dienen sollte, außer jener Drecksack, der mich erschaffen hatte.
Direflesh musste mehr wissen. Es konnte nicht sein, dass ausgerechnet er, einer der unbeliebtesten Apotheker – falls man jemanden dieser Zunft überhaupt beliebt nennen konnte – aus reinem Zufall ein solch widerwärtiges Geschöpf wie mich in die Hände gespielt bekam. Ich musste mir auch mehr Gedanken darüber machen, was er mir genau verabreichte, wenn er mir seine seltsamen Tränke in die Hand drückte. Selbst wenn er nicht selbst mein Schöpfer gewesen war, so musste er einfach mit ihm zumindest in Kontakt stehen.
Wenn nicht, hätte ich keine Spur, der ich folgen konnte.
Aber ich konnte stärker werden. Die Heilzauber würden bestimmt mit der Zeit zu mir zurückkehren, so wie sie es ja schon getan hatten. Und die Tatsache, dass mein Körper von Magie beseelt war, reichte aus, dass ich zumindest die nächsten Zauber der Nekromantie in Angriff nehmen konnte. Ich würde mich rüsten für das, was mir bevorstand, und wenn es so geschehen würde, wie ich es mir ausmalte, mochten schon bald einige Särge durch die alten Hallen des Königs getragen werden, gefüllt mit Leibern von Untoten, denen Dämonenklauen und durchtrennte Kehlen arg zugesetzt hatten.
Auch wenn ich es natürlich nicht sehen konnte, so nahm ich an, dass bei diesen Gedanken meine Augen mindestens ebenso blitzten wie die des Wirts. Meist überlief mich dabei ein diabolischer Schauer voller Vorfreude, nur um beinahe sofort von Zweifeln und meinem argen Drängen danach, nicht alle Fäden aus der Hand zu geben, erstickt zu werden. Allmählich fing ich an, mir selbst zu misstrauen, unsicher darüber, ob ich überhaupt noch alle meine Sinne beisammen hatte oder ob ich allmählich wirklich zu dem wurde, was ich sah, wenn ich mich in einem Spiegel betrachtete.
Ich wusste nicht, wie viele Stunden in der Zwischenzeit vergangen waren, während ich so hier saß und über meine Lage brütete. Ich musste aber nicht eine Sekunde überlegen, wer gerade auf mich zukam, als ich die Schritte hörte und den Schatten über die Steine gleiten sah. Ihre schmale Silhouette verriet Aritana beinahe sofort. Vorsichtig legte ich den Ring, mit dem ich die ganze Zeit über mit meinen Fingern gespielt hatte, auf den Tisch und meine Hand daneben.
Sie war sehr erregt. Ihre Kapuze hatte sie dieses Mal gar nicht erst übergeworfen, ihre spitzen Ohren zuckten regelrecht vor brodelnden Emotionen, und ihre Augen brannten. »Du bist also noch immer hier. Versäufst auch noch deinen letzten Rest Verstand?«
Ich begegnete ihrem Blick mit kühler Gelassenheit und versuchte dabei, Bedauern und Schmerzen aus dem meinen zu verbannen. Neue Erkenntnisse waren schön und gut, aber schmerzhafte trübten gerne die Miene, und mir war gerade nicht danach, der Blutelfe mehr Holz für ihr kleines, wütendes Feuer zu liefern.
»Wozu habe ich dich eigentlich aus dieser stinkenden Hütte in Brill gezogen?! Du solltest vor mir kniend meine Füße küssen aus lauter Dankbarkeit, du verrottende miese Ratte! Gold habe ich bezahlt, um dich nach Undercity zu schaffen! GOLD!«
Ich hob mit mäßigem Interesse eine Augenbraue. Wie es der Zufall wollte, kam genau in diesem Moment der Wirt auf uns zu und stellte mir einen dampfenden Becher voll blutroter Flüssigkeit vor die Nase. Ich nickte ihm zu, griff in meinen Lederbeutel und suchte das fetteste und am sattesten glänzende, gelbe Goldstück heraus, das ich finden konnte. Mit dem Anflug eines Lächelns drückte ich es dem Untoten in die Hand, dessen Augen groß wie Teller wurden. Hatte vorhin mein Erscheinen nicht eine Regung auf seine steifen Gesichtszüge hervorgerufen, so gelang nun der Gier mühelos das, woran Wut, Angst und selbst Hass schmachvoll gescheitert waren. Seine Hände grabschten regelrecht nach dem Goldstück und hielten es wie einen Schatz fest umschlossen, als er zurück hinter seine Theke eilte.
Als ich mich erneut der Frau zuwandte, bebte diese vor unterdrücktem Zorn. Ich konnte ihr ansehen, wie sehr sie mich gerade hasste – wahrscheinlich gerade genug, um sich wahrhaftig meinen Tod zu wünschen.
»Setz dich«, sagte ich mit gleichgültiger Stimme. »Ich glaube, wir haben ein paar Dinge zu bereden.«
Natürlich kam sie meiner Aufforderung nicht nach, sondern fing stattdessen an, mich mit erlesensten Flüchen in verständlicher und unverständlicher Sprache zu bedecken, laut genug, dass schon wieder die ersten neugierigen Blicke in die Kaverne fielen, als Passanten an der Taverne vorbei liefen.
»Ich werde gleich deine Hilfe benötigen«, sandte ich meinen Gedanken an den Dämon in mir, während ich die Blutelfe genau beobachtete.
»Was hast du… oh, ich verstehe. Aber findest du das nicht etwas übertrieben?«
»Solche Worte von dir? Wirst du etwa zu einem Menschen?«
»Wirst du womöglich endlich zu einem Untoten? Aber gut, ich leihe dir meine Geschwindigkeit. Versuche, ihr möglichst weh zu tun.«
Die knöchernen Finger meiner linken Hand, die ich bisher unter dem Tisch gehalten hatte, umschlossen langsam den Griff meines alten, rostigen Dolchs. Genau in diesem Augenblick sah Aritana den goldenen Ring auf dem Tisch. Ihre Flüche und Verwünschungen stoppten, als sie das Kleinod betrachtete, dann flammte wieder die Wut in ihren Augen auf. »Nun, wenn du schon genügend Gold für einen billigen Trunk hast, dann macht es dir sicherlich nichts aus, wenn ich das hier an mich nehme!«
»Fass es nicht an«, knurrte ich leise.
Tatsächlich zögerte sie für einen Moment und sah mich beinahe erschrocken an. Ihre Emotionen gewannen jedoch rasch wieder die Oberhand, und das hässliche, selbstgefällige Lächeln, das ich an ihr so verabscheute, zierte ihre Miene. »Oder was willst du tun? Dich wieder auf ein kleines Gefecht mit mir einlassen? Ich bin mir sicher, du weißt noch genauso gut wie ich, wie das für dich geendet hat. Und glaube ja nicht, ich hätte nicht schon längst Schritte unternommen, um dich dieses Mal wirklich unter die Erde zu bringen.«
Ihre Hand bewegte sich wieder weiter nach vorne.
»Ich warne dich.«
Ihre Augen blitzten höhnisch, und ihr Lächeln wurde nur ein Stück breiter.
Gerade, als ihre Fingerspitzen das Geschmeide berührte, durchstieß mein Dolch mit voller Wucht ihre Hand und nagelte sie auf dem hölzernen Tisch fest. Für eine Sekunde herrschte Stille, bis ein lauter, gellender Schmerzensschrei aus dem Mund der Blutelfe drang.
Ich stand halb über ihrer Hand gebeugt und ließ langsam den Griff los. Sofort versuchte sie, mit ihrer freien Hand die Klinge aus dem Holz herauszuziehen, aber so sehr sie sich auch mühte, sie fügte sich nur mehr Schmerzen zu, anstatt sich zu befreien.
Dann sah sie mich an. Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Überheblichkeit wie weggeblasen. Dieser Ausdruck kam mir auf unheimliche Art und Weise vertraut vor, und einen Moment später fiel es mir wie Blätter von den Augen: Den gleichen Blick hatte sie Direflesh zugeworfen, als dieser mit seinem Hackbeil auf sie zugekommen war.
Mir wurde übel. Mir wurde so übel, dass ich kurz davor war, mich zu übergeben, und gleichzeitig schrie ich mich innerlich an, was bei allen unheiligen Dingen dieser Welt in mich gefahren war.
Natürlich wusste mein Dämon schon, was ich tun wollte, noch bevor ich es überhaupt ausführen konnte. »Du willst jetzt Schwäche zeigen? Nachdem du sie endlich wahrhaftig in deiner Gewalt hast?«
»Ich werde sie nicht mit Angst kontrollieren! Ich bin keins von diesen mordlustigen Gerippen!«
»Pfft. Du bist zumindest auf einem guten Weg dorthin. Mach dir jetzt nicht kaputt, was du gerade erreicht hast. Bring es mit Würde zu Ende.«
»Mit Würde?!«
»Vergiss nicht, wer uns alles beobachtet. Vergiss nicht, wer du jetzt bist.«
Mein Blick huschte durch die Kaverne. Er blieb für einen Augenblick an dem Wirt hängen, der sichtbar zitterte; dann an dem Tauren am Eingang der Taverne, der womöglich gekommen war in der Hoffnung, dass ich in der Zwischenzeit das Weite gesucht hatte, und jetzt mit geballten Fäusten und zu Schlitzen verengten Augen inmitten der schaulustigen Menge stand, die sich bereits versammelt hatte.
Die verdammte Seele hatte Recht. Ich war wieder einmal in eine fremde Haut geschlüpft, aber dieses Mal machte es mir keinerlei Spaß – vielleicht deshalb, weil ich genau wusste, dass nicht ich, sondern mein Dämon seine Freude an dem hatte, was ich gerade anstellte. Und dennoch musste ich es zu Ende führen und mit den Konsequenzen leben.
Die Frage war nur, womit ich sicherstellen konnte, dass niemand auf dumme Gedanken kommen würde, sobald er mich kommen sah, und wie ich gleichzeitig Aritana helfen konnte, die gerade höllische Schmerzen durchlitt.
Die Antwort traf mich wie ein Schlag. Sie war so lächerlich einfach und gleichzeitig abscheulich. Sie würde mir den Magen umdrehen und gleichzeitig meinen Namen, den es nicht gab, durch ganz Undercity tragen. Und sie würde vielleicht, wenn ich es geschickt anstellte und sich die richtige Gelegenheit ergab, für die Blutelfe einen großen Dienst erweisen.
Mir war schmerzlich bewusst, dass alle Blicke auf mich ruhten, als ich mich wieder Aritana zuwandte, aber ich verzog keine Miene. Stattdessen hielt ich mit meiner rechten Hand die ihre fest, bevor ich meine knöchernen Finger um den Dolchgriff legte.
Ihr Messer kam so schnell angeflogen, dass es unmöglich gewesen wäre, ihm auszuweichen oder noch rechtzeitig einen Schutzzauber zu sprechen. Es bohrte sich tief in meinen Arm und blieb dort stecken.
Ich betrachtete ernsthaft überrascht die Klinge, die jetzt aus meinem Fleisch heraus ragte. Ein dumpfes Pochen begann, sich an der Stelle breit zu machen, verbunden mit einem merklich stärker werdenden Schmerz; allerdings nichts, was ich nicht hätte aushalten können. Totes Fleisch fühlte eben nichts, und es machte mir umso mehr klar, wie gefährlich ich eigentlich sein konnte: Schmerzen von solch einer Wunde einfach zu ignorieren, schien für jeden anderen unmöglich, wie Aritana bereits eindrucksvoll gezeigt hatte.
Ich konnte gar nicht anders, als leise zu lachen. Die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu dem, was ich in den letzten Stunden innerlich durchgemacht hatte. Als ich bemerkte, wie der Taure einen Schritt in die Taverne hinein machte, lachte ich noch lauter, so sehr, dass es von den Wänden wiederhallte. Augenblicklich blieb er stehen, unsicher, ob er mein Gebaren als Hohn oder Wahnsinn auffassen sollte.
Mit einem Ruck holte ich meinen Dolch aus dem Holz und der Hand der Blutelfe heraus. Sie fiel polternd nach hinten, wo sie wimmernd und ihre verletzte Hand schützend an sich gepresst liegen blieb und mich anstarrte.
Meine Augen lagen auf dem Tauren, als ich lächelnd die Klinge an meinen Mund hob und das Blut ableckte. Es schmeckte genauso, wie ich es befürchtet hatte: stark, süß, geradezu köstlich. Ich konnte spüren, wie sich meine Lippen zu einem unseligen Grinsen verzogen und ich mich zusammen reißen musste, um nicht vor Ekel das Messer fallen zu lassen. Gleichzeitig überfiel mich unheimliche Gier nach mehr, und ich wusste, dass sie nicht von meinem Dämon herrührte, sondern von mir.
Mein hünenhafter Gegenüber erstarrte auf der Stelle. Vermutlich hatte er schon öfters Gerüchte darüber gehört, was Untote mit Lebenden anstellten. Womöglich hatte er auch schon davon gehört, wie überaus grausam die Verlassenen sein konnten, und es nur nicht so recht glauben wollen, weil ihm in Undercity noch nichts passiert oder dergleichen über den Weg gelaufen war.
Jetzt jedoch sah er mich mit großen Augen und schnaufender Schnauze an. Ich konnte nicht einschätzen, was er als Nächstes tun würde, aber zumindest für den Moment schien er zu sehr geschockt über das zu sein, was ich ihm darbot.
Ich zögerte nicht lange, sondern packte die Gelegenheit beim Schopf. In diesem Fall gehörte der Schopf Aritana. Als ich an sie heran trat und sie ohne Gnade hoch riss, schrie sie gepeinigt auf und versuchte krampfhaft, von mir loszukommen. Ich schüttelte sie ein wenig, bevor ich sie mit einem weiteren kräftigen Ruck an mich presste und umklammerte.
»Vertrau mir«, wisperte ich leise genug, dass nur sie es hören konnte.
Tatsächlich glaubte ich, zwischen all dem Schrecken und Wahnsinn, der in ihren Augen tobte, einen Funken Hoffnung zu sehen.
Dann ließ ich den Knauf meines Dolchs auf ihren Kopf niederfahren. Blut sickerte sofort aus der hässlichen Platzwunde, die ich ihr dabei zufügte, aber dafür wurde sie von süßer Ohnmacht umfangen.
Gespannte Stille senkte sich über die Taverne. Ich steckte meinen blutverschmierten Dolch in meinen Gürtel und warf mir den reglosen Körper der Blutelfe über die Schulter. Dann stapfte ich auf den Koloss zu, der mitten im Eingang der Taverne stand, und baute mich vor ihm auf.
»Trete zur Seite, mein Freund. Du versperrst mir und meinem Mahl den Weg.«
Der Taure schien, abgesehen von seinen geschlossenen Fäusten, relativ ruhig zu sein. Ein kräftiges Schnauben, das den Ring an seiner Schnauze erzittern ließ, blies mir ins Gesicht. Dann aber, sehr langsam und scheinbar mit sich selbst ringend, trat der Gehörnte zur Seite.
Gerade, als ich ihn passieren wollte, drang seine tiefe und massige Stimme an mein Ohr. »Wie heißt du, damit ich einen Namen auf dein Grab setzen kann, wenn ich dich einmal wiedersehe?«
Ich blieb stehen, zog meine Kapuze über meinen Kopf und grinste darunter hervor. »Ich habe keinen Namen. Und danke für das Angebot, aber ich habe vor, noch viele Male meinen Hunger zu tilgen.«
»Du wirst schon sehr bald für immer ruhen, wenn ich es bewerkstelligen kann.«
»Nicht hier und nicht heute«, entgegnete ich locker und winkte noch einmal mit meiner freien Hand, ohne mich umzudrehen. Ich achtete darauf, dass Aritanas Messer schön sichtbar in meinem Arm stecken blieb, während ich pfeifend durch die sich teilende Menge schritt und in die Katakomben Undercitys eindrang.

Das Feuer im Kamin prasselte fröhlich vor sich hin. Dieses Mal stand keine Monstrosität draußen Wache. Dafür hatte ich aus den umherliegenden verwertbaren Bruchstücken der einstigen Möbel ein provisorisches Bett gebastelt, es mit allem, was ich an sauberer Kleidung entbehren konnte, ausgepolstert, und Aritana schließlich darauf gelegt.
Die Heilung ihrer Wunden war einfacher gewesen, als ich gedacht hatte. Ich hatte das Gefühl, allmählich wieder zurück zu meinen Wurzeln zu kehren, auch wenn mich dieser einfache Heilzauber unheimlich auszehrte. Ich wusste, dass es bessere Formeln gab, bessere Wege, kleine Schnitte sogar über die Zeit zu heilen. Doch solange sie nicht zu mir kamen, musste ich mit dem Vorlieb nehmen, was ich hatte.
Das beinhaltete auch den kleinen Becher voll Blut, an dem ich immer wieder nippte. Es war schon halb geronnen, doch selbst die verkrusteten Überbleibsel schmeckten fantastisch, besser als alles, an das ich mich erinnern konnte.
Einige Stunden waren vergangen, seitdem ich den geheimen Unterschlupf der Blutelfe aufgesucht hatte. Den ganzen Weg hierher hatte ich einen inneren Kampf mit mir ausgefochten, ob ich meine Zähne in die verletzte Hand versenken und einige Finger abbeißen oder sie in Ruhe lassen sollte. Als ich schließlich angekommen war und merkte, wie ich allmählich meine Beherrschung verlor, hatte ich zuerst die noch immer blutende Wunde abgeleckt und am Ende einen schmutzigen, alten Becher aus einer Ecke des Zimmers hervor gekramt, ihn zur Hälfte mit Blut volllaufen lassen und dann endlich die Heilzauber gesprochen.
Jetzt tobte in mir ein Kampf darüber, ob ich diese rote Flüssigkeit genießen durfte oder nicht. Ich verstand allmählich, wie sich Untote in der Gegenwart von Lebenden fühlen mussten, und ich verstand auch, warum Lebende den Untoten so sehr misstrauten, abgesehen davon, dass sie absolut widernatürlich waren. Das Problem war nicht nur, dass es köstlich schmeckte; ich gierte danach. Es schien eine magische Kraft auf mich auszuüben, es schien mich regelrecht zu rufen. Ich konnte jetzt, wenn ich darauf achtete, jeden Herzschlag der Frau hören, die immerhin einige Schritt weit von mir entfernt lag, und ich konnte fast schon fühlen, wie der warme Lebenssaft durch ihre Adern schoss.
Ich schüttelte mich kurz und nahm dann rasch einen weiteren Schluck, nur um mich noch mehr zu schütteln. Ein kurzes Lachen entwich meiner Kehle, ein resignierender Laut, den ich mit dem Rest des Bechers ertränkte und mit einem langen Seufzer beendete. Wenigstens fühlte ich mich jetzt körperlich gesehen etwas besser. Meine Moral hingegen war inzwischen ein riesiger Scherbenhaufen.
Ein Stöhnen hinter mir ließ mich aufspringen und an das Bett eilen. Gerade, als ich neben ihr auf die Knie fiel, öffnete Aritana die Augen.
Kaum dass ihr Blick auf mich fiel, fing sie so laut an zu schreien, dass mir meine Ohren klingelten, und sie schlug wie wild mit ihren Armen auf mich ein. Selbst erschrocken darüber, schaute ich sie zuerst einmal vollkommen verdattert an, bis mich ein Kinnhaken schließlich dazu veranlasste, mich zur Wehr zu setzen. Ich versuchte, ihre Handgelenke zu fassen zu kriegen, während ich hastig auf sie einredete. Aber egal, was ich sagte, es half nicht im Geringsten.
Nach einer kurzen Rangelei, in der wir das schöne Bett wieder komplett zerstörten und durch den halben Raum kugelten, hielt ich schließlich ihre Arme mit meinen Knien auf den Boden und meine Hand auf ihren Mund gepresst. »Verflucht noch mal, sei leise, du tollwütiges Weib!« Ich warf einen besorgten Blick über meine Schulter zum Eingang des halb verfallenen Hauses; allerdings regte sich nichts, sah man von der Blutelfe ab, die sich unter mir wie ein Aal wandte in ihrem verzweifelten Versuch, freizukommen.
»Hör endlich auf, so zu zappeln! Ich werde dir nichts tun! Wenn ich dich hätte töten wollen, wärst du wohl kaum mehr aufgewacht!«
Diese Worte fruchteten endlich. Ihre Augen waren zwar noch immer weit aufgerissen, aber sie strampelte immer weniger, bis sie geradezu zaghaft aufhörte. Ihr Atem ging sehr schnell; warme Luft strich über meine Finger, wenn sie durch ihre Nase ausatmete.
»Ich werde meine Hand wegnehmen. Hör auf, so zu schreien. Du machst noch halb Undercity auf uns aufmerksam.«
Ihre Lippen bewegten sich bereits, noch bevor sich meine Finger gänzlich von ihnen gelöst hatten. »Warum ist dein Mund blutverschmiert?!«
Ich starrte sie entgeistert an, bevor ich mir mit meinem Handrücken über die Lippen fuhr und Blutreste daran kleben sah. »Oh.«
»Und warum hast du – du hast mich fast – was ist mit meiner Hand?!«
»Geheilt«, erwiderte ich, während ich vorsichtig aufstand und mir hastig über den Mund fuhr, bevor ich ihr meine Hand ausstreckte. »Ich werde alles erklären.«
Sie zögerte lange, bis sie endlich zu griff und sich von mir auf die Beine ziehen ließ. Ihre Finger strich immer wieder über den Rücken ihrer anderen Hand, ein wenig verwundert darüber, dass dort nicht einmal mehr das Anzeichen einer Verletzung zu sehen war. Ihre Miene sprach Bände; ihre Gestik, selbst ihr Gang zeigte, dass sie sich fürchtete vor dem, was kommen mochte. Dennoch ließ sie sich auf einen der Stühle nieder, die vor nicht allzu langer Zeit das Massaker der Monstrosität überlebt hatten. Dort saß sie schweigend, das Licht des Kaminfeuers auf ihren Zügen, und starrte mich an.
Ich stand zuerst etwas unschlüssig vor ihr, nach Worten ringend, die meine Gefühle treffend beschreiben sollten. Allerdings fiel mir nichts Vernünftiges ein, das mich nicht wie einen wahnsinnigen Messerschwinger hätte aussehen lassen. Ich seufzte leise, ließ mich auf einen anderen Stuhl ihr gegenüber fallen und zog dann Aritanas Messer aus meinen Gürtel. »Hier. Das gehört dir.«
Sie nahm die Waffe nicht sofort an sich, womöglich aus Furcht, ich könnte ihr eine perfide Falle stellen. Als ihre Finger schließlich den Griff berührten, schnappte sie es sich so schnell, wie sie nur konnte, und hielt es dann mit ausgestreckten Armen mir entgegen gereckt. »Ein Schritt«, wisperte sie leise. »Ein Schritt, und ich -«
»Ich habe dir vorhin schon gesagt, wenn ich dich tot sehen wollte, würdest du nicht mehr atmen.« Ich versuchte es mit einem schmalen Lächeln, aber anstatt sich zu entspannen, schien die Blutelfe sogar noch alarmierter zu werden. Ihr Dolch richtete sich jetzt auf mein Herz aus.
»Aritana, ich -«
»Du hast mir fast die Hand abgehackt, und du hast Blut an deinem Mund! Mein Blut! Erzähl mir nicht, dass du mir nicht weh tun wolltest!«
»Das wäre auch eine Lüge«, erwiderte ich mit einem genervten Unterton in meiner Stimme. Die Muskeln an meinen Augen fingen an zu zucken, als ich erkannte, was gerade passierte.
»Was zur Hölle tust du?!«, brüllte ich. Aritana fuhr erschrocken zusammen, unwissend, dass es nicht sie war, die ich anschrie.
Ich stand auf, ohne es zu wollen. Ich spürte, wie sich meine Lippen verzogen und ein hässliches, gequältes Grinsen bildeten. Und ich spürte Schmerzen, unheimliche Pein durch meine Adern pumpen, die nicht die meine war und mich doch an den Rand dessen, was ich ertragen konnte, drängte.
»Ich werde unserer kleinen Sin’dorei jetzt erklären, was sie zu tun hat, weil du scheinbar zu feinfühlig dafür bist.« Ich umrundete den Stuhl, woraufhin die Frau sofort aufsprang und, mit Horror in ihren Augen und das Messer immer auf mich gerichtet, sich mitdrehte. Ich schaffte es dennoch, mein Gesicht zumindest halb in der Dunkelheit zu behalten, während ihre Züge von den Flammen erhellt wurden.
»Das Einzige, das du erreichen wirst, ist, dass sie kein Auge mehr zumachen wird!«
»Oh, ich werde sehr viel mehr erreichen als das. Sie wird schon sehr bald verstehen, in was sie da hinein geraten ist. Nicht wahr, meine liebgewonnenen Feindin?«
Ein Ruck ging durch meinen Körper, als meine Beine verharrten, während mein Oberkörper eigentlich weiterlaufen wollte. »Lass sie in Ruhe!«, keuchte ich so laut, wie ich nur konnte, bestärkt dadurch, zumindest nicht vollkommen die Kontrolle verloren zu haben.
»Hör mir zu, Aritana«, wisperte mein Dämon leise durch meinen Mund. Auch seine Stimme klang schmerzerfüllt. »Du kennst mich. Und du wirst mir helfen, genauso wie meinem Freund, der mit mir gefangen ist. Du wirst mit ihm dafür Sorge tragen, dass ich wieder dorthin gelange, wo ich herkam, oder bei allem, was dir heilig ist, ich schneide dir im Schlaf deine verdammte Kehle durch und bade in deinem Blut, bevor ich deine Ohren verzehre!«
Die Frau war nicht mehr in der Lage zu antworten. Sie zitterte unkontrolliert am ganzen Leib, so sehr, dass ich ihr problemlos das Messer aus der Hand hätte schlagen können. Sie nickte nur, während Tränen der Angst in ihren Augen standen und begannen, ihre Wange hinab zu laufen.
Die Schmerzen verklangen genauso schnell, wie sie gekommen waren. Dennoch hinterließen sie einen Nachgeschmack dessen, was ich gefühlt hatte, in meinen Sehnen und Muskeln. Jede Bewegung schien sie fast reißen zu lassen. Gekrümmt tastete ich mit meiner Hand nach dem Stuhl, von dem ich mich eben erst erhoben hatte, und fiel dann einfach zusammen gekauert auf den kalten Steinboden, als ich ihn nicht erreichte.
Mein Atem ging merkwürdig schnell. Ich war es gar nicht mehr gewohnt, so schnell Luft in meine Lungen zu pressen, zumal ich sie ja nicht mehr wirklich zu benötigen schien. Jetzt aber fühlte ich mich verwundbar und ausgemergelt, als wäre eine Stierherde über mich getrampelt.
Aus dem Augenwinkel erkannte ich Aritana, die langsam auf mich zu kam und sich über mich aufbaute. Ihre Hände zitterten noch immer, aber den Dolch hielt sie jetzt fest umklammert.
Ich musste ihr nicht einmal ins Gesicht sehen, um zu wissen, was sie gerade dachte. Sie würde mir den Kopf vom Rumpf abtrennen, und wenn sie dafür einmal rund um den Hals schneiden musste. Sie würde die Gefahr nun, wo sie gerade so wehrlos war, einfach vernichten.
Ich schloss meine Augen. Ich wollte nicht sehen, wie es zu Ende geht.
»Ich hoffe, du bist zufrieden, du verdammtes Scheusal«, murmelte ich leise zwischen meinen Atemstößen hervor.
Ich wartete.
Aber der Schmerz kam nicht. Ich hörte weder das Knirschen von Knochen noch das ekelerregende Geräusch, wenn Blut auf den Boden tropfte, unscheinbar und harmlos wie Wasser.
Gerade, als ich wieder aufschaute, spürte ich doch noch einen fiesen Stich, der aus meiner rechten Hand kam. Ich keuchte leise – zu sehr viel mehr war ich gerade nicht fähig – und erkannte einen Moment später Aritanas Messer aus dem Fleisch heraus ragen.
Die neben mir kniende Blutelfe war so bleich, dass sie fast schon hätte tot sein können. Ihre leuchtenden Augen blinzelten mich an, bestrebt, die letzten Tränen zu vertreiben, die sich über ihre Haut zogen.
»Warum?«, fragte sie leise. Ihre Stimme war gebrochen von dem, was sie gerade erlebt hatte.
Ich musste gar nicht erst darüber nachdenken, was sie meinte. Aber ich musste mich zusammen reißen, um ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.
»Um ein Wolf zu werden… was mir nie gelingen wird.«
Stille senkte sich wieder über uns, nur unterbrochen vom Knacken des Feuers. Ich erkannte in dem wenigen Licht nicht sonderlich viel. Die leuchtenden Augen der Giftmischerin waren das einzige, auf das ich mich wirklich konzentrieren konnte.
»Du hast bereits einen Wolf in dir«, hauchte sie mir zu. »Einen, der meine Witterung hat.«
Ihre Finger berührten meine Stirn, und ein trauriges Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Und du hast versucht, ihn von mir abzubringen.«
Ich erwiderte ihr Lächeln. Das erste Mal an diesem verfluchten Tag fühlte es sich nicht falsch an.
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#42 Acid_1

Acid_1

    Metalhead

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  • PIPPIPPIPPIP
  • 572 Beiträge:

Geschrieben: 14 December 2013 - 21:01

Wow... mehr fällt mir nicht ein. Das beste Kapitel bis jetzt.
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#43 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 437 Beiträge:

Geschrieben: 14 January 2014 - 21:49

Hui! Neues Kapitel.

Hehehe... auf die Reaktionen bin ich gespannt.

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Kapitel 19 – Ein Wunsch für Seinesgleichen

Seitdem ich nicht mehr lebte, hatte ich fast nie geschlafen. Ich hatte immer wieder einmal meine Augen geschlossen, um nachzudenken, aber die sanfte Umarmung der Müdigkeit war mir nie vergönnt gewesen. Die einzige Ausnahme war, als ich Aritana von der Schwelle des Todes zurück ins Leben geholt hatte.
Jetzt fühlte ich mich zwar ebenso wie damals unheimlich matt und ausgelaugt, aber dennoch hielt ich meine Augen offen und meinen Geist geschärft. Aritana schlief – was ich als einen weiteren Beweis ihres Vertrauens mir gegenüber achtete – nur ein paar Schritte von mir entfernt in dem notdürftig wiedererrichteten Bett. Woher sie die Gewissheit nahm, dass ich sie nicht einfach abschlachten würde, war mir ein kleines Rätsel.
Ein umso größeres war, wie mein Dämon es geschafft hatte, mich einfach aus meinen eigenen Körper zu verbannen und Kontrolle über ihn zu erlangen. Ich verbrachte die nächsten Stunden in einer angeregten Diskussion mit ihm, indem ich ihn in meinem Geiste mit Fragen geradezu bombardierte und ihn so lange nervte, bis er mir Rede und Antwort stand. Unsere Verbindung ging doch sehr viel tiefgründiger, als ich anfangs angenommen hatte. Allerdings war es mir noch nicht gelungen, in die Erinnerungen der gefangenen Seele einzudringen, so wie sie es bei mir immer wieder tat.
All diese Dinge erfuhr ich nicht, während ich nur dumm in unserem geheimen Raum saß. Ich wanderte durch die Hallen von Undercity, während die Blutelfe schlief, auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person, die ich hier nicht ohne weiteres finden würde. Zu meinem Glück wusste ich genau den richtigen Ort für mein Vorhaben.
Meine Füße führten mich zielstrebig ins Magierviertel, hinein in die Pyramide und hinunter in ihre Katakomben. Wenn es eine Wache gab, so ließ sie sich nicht sehen. Die wenigen Untoten, die ich ansonsten antraf, passierte ich wortlos und mit tief in das Gesicht gezogener Kapuze. Ich bezweifelte, dass auch nur einer von ihnen wusste, was mich hinunter in das Gefängnis trieb.
Ich wanderte am Anfang etwas ziellos durch die Gänge, darauf bedacht, mit dem Ruß der Fackeln Pfeile an den Mauern zu hinterlassen, damit ich meinen Weg zurück finden würde. Bei Türen, hinter denen ich etwas zu hören glaubte, blieb ich kurz stehen und schaute durch die Gitterstäbe in die Zellen dahinter. Meistens handelte es sich allerdings nur um kleinere oder größere Ratten, die an Stroh und Knochen nagten und schnell die Flucht ergriffen, sobald der Schein der Fackel sie traf.
Dann ertönte jedoch ein schwaches Stöhnen aus einer der Zellen. Neugierig hob ich die Fackel noch etwas höher, um mehr Licht in das Verließ zu werfen. In einer Ecke kauerte eine Gestalt, deren Haupthaar verdreckt und ungepflegt wirkte. Sie hielt das Gesicht der Mauer zugewandt, hatte die Beine eng an den knochigen Körper gezogen und schien vor allem darauf bedacht zu sein, mir nicht zu nahe zu kommen.
Selbst dieses armselige Häuflein Elend reichte bereits aus, um einen gewissen Hunger in mir zum Erwachen zu bringen. Ich umgriff mit meiner freien Hand einen der Gitterstäbe, während ich mit wachsender Gier den Menschen anschaute. Seit meinem kleinen Zwischenmahl fühlte ich mich so gut wie schon lange nicht mehr, auch wenn ich mich innerlich schüttelte, sobald ich nur an das verkrustete Blut in dem Becher dachte. Und doch zeigte mir mein kleines Experiment bereits jetzt wieder auf, dass ich sehr bald sehr viel mehr davon benötigen würde.
Mit aufbrennendem Selbsthass zwang ich mich dazu, mich abzuwenden, und schlurfte den Weg zurück, den ich gekommen war. Mein Dolch hing an meinem Strick-Gürtel, und meine knöchernen Finger knackten bereits voller Vorfreude, wenn ich sie nur bewegte. Umso grimmiger stapfte ich die Stufen wieder hinauf und marschierte durch die Gänge der Pyramide, als plötzlich eine andere Gestalt vor mir auftauchte.
Sie blieb ebenso stehen wie ich, als sich unsere Blicke kurz trafen. Ich erkannte meinen Gegenüber sofort. Auch Elias schien mich nicht vergessen zu haben, denn seine Miene verzog sich zu einer Fratze aus Hass und Neid. Dennoch tat er vorerst nichts und blieb einfach nur etwas unschlüssig stehen.
»Ich muss vorbei«, versuchte ich es also vorsichtig mit einer möglichst neutralen Stimme.
»Und mich würde interessieren, was du dort unten gesucht hast«, erwiderte er gehässig. »Etwa mich? Willst du doch noch zu Ende führen, was du begonnen hast?«
Seine Frage kam mir so dämlich vor, dass ich tatsächlich eine Augenbraue hob und ihn überrascht anschaute. »Ich habe keinen Zwist mit dir, Elias.«
»Aber ich mit dir. Du hast meine Frau getötet.«
»Hast du sie überhaupt noch geliebt?«
Für einen Moment schien es ihm die Sprache verschlagen zu haben, bevor seine Augen geradezu Feuer fingen. »Ich brauche so etwas unwichtiges wie Liebe nicht, um den Mörder meiner Frau hassen zu können.«
»Du willst also für jemanden sterben, der dir komplett unwichtig ist? Bitte. Ich gebe dir sogar den ersten Streich. Ich will dich in deinem hasserfüllten Stolz nicht verletzen, indem du nicht einmal die Chance bekommst, einen Treffer zu landen.«
Gemächlich zog ich meinen Dolch, murmelte ein einzelnes Wort und ließ eine fauchende dunkle Kugel in meiner Hand erscheinen, die sich auf ein weiteres Wort hin wie ein Handschuh über meine Finger legte. Mein rechter Fuß schlurfte ein wenig über den Boden, als ich ihn nach hinten zog und mich in eine Kampfstellung brachte, wie sie mir meine Seele augenblicklich einflüsterte.
Elias hingegen blieb noch immer regungslos stehen. Sein Blick huschte von dem Dolch zu meiner von Finsternis ummantelten Hand und beobachtete dann meine Vorbereitung, wobei er immer panischer wurde. Auch ihm kam in den Sinn, was das letzte Mal passiert war, als er seine Kraft mit der meinen hatte messen wollen.
Ein feines Lächeln erschien auf seinen Lippen, und er deutete eine leichte Verbeugung an.
Sofort entspannte ich mich, entließ den Zauber mit einem Händewink und steckte den Dolch zurück in den Gürtel. »Schön, dass wir uns verstehen«, erwiderte ich mit einer Spur von Hohn in der Stimme. »Ich habe gehört, dass du ein guter Lehrer der dämonischen Künste sein sollst, und ich könnte noch einige Unterweisungen vertragen.«
Jetzt wurde sein Lächeln eine Spur breiter. »Für den richtigen Preis will ich gerne den Tod meiner Frau vergessen.«
»Worauf ich hätte wetten können«, erwiderte ich trocken. Tatsächlich schüttelte es mich innerlich geradezu vor Abneigung, wenn ich darüber nachdachte, wie wenig dieses wandelnde Skelett noch mit einem Menschen – oder mit mir – gemeinsam hatte. »Aus reiner Neugier: Was tust du, wenn dich einmal wieder die Lust nach frischem Blut übermannt?«
Die Augen des Untoten wurden groß, als ihn Verständnis überkam. »Ah. Das hat Euch also nach unten getrieben. Nun, wenn keine Lebenden in der Nähe sind, überkommt einen diese Lust nur selten, nicht wahr? Aber wenn Ihr wollt, kann ich Euch gerne zu einem… Exemplar führen, das Euren Ansprüchen genügen sollte.« Seine Finger spielten dabei mit den Schlüsseln, die an einem Bund an seinem ledernen Gürtel hingen.
»Kann ich auf deine Verschwiegenheit bauen?«
»Pah. Kann man überhaupt einem Untoten vertrauen?«
Ich musste lächeln. Bei all seinen Fehlern konnte ich den Galgenhumor des wandelnden Zombies gut leiden. Auch er schien mir jetzt, da er seine neue Lage betrachtete, mehr abgewinnen zu können. Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, als er an mir vorbei humpelte und die Treppe hinunter marschierte, die ich gerade erst wieder hochgekommen war.
Ich achtete darauf, auch weiterhin meine Markierungen anzubringen, während wir durch die unterirdischen Gänge schlichen. Als Elias bemerkte, was ich mit den Fackeln tat, nickte er nur anerkennend. »Guter Gedanke. Vertraue keinem Untoten. Erst recht nicht Direflesh, oder diesem alten Gauner Blackweaver. Hecken ständig neue Verschwörungen aus, die beiden.«
»Blackweaver scheint tatsächlich nicht gut auf Direflesh zu sprechen zu sein.«
»Wundert mich nicht«, gab der Untote zurück, während er um eine Ecke lugte und mich dann hinterher winkte. »Direflesh war mal Anwärter auf die Stelle, die Blackweaver gerade innehat, als höchster Magier in Undercity. In einem fairen Zweikampf – wobei, es gibt keine fairen Zweikämpfe zwischen Untoten. Jedenfalls, in einem Zweikampf hätte er wahrscheinlich gewonnen, aber Blackweaver hat ihn und einige seiner Experimente in Misskredit gebracht. Die blasse Elfe war nicht eben begeistert, und damit waren die Ambitionen des Apothekers vom Tisch.«
»Sylvanas Windrunner hatte mit Direflesh zu tun?«
»Nicht direkt. Aber er hat einige Experimente an Blutelfen ausgeführt. Die Kleine, die du angeblich gefressen hast – lustige Geschichte übrigens, wenn sie denn tatsächlich so stattgefunden hat – jedenfalls hatte er es in letzter Zeit auf sie abgesehen, für irgendeinen weiteren Trank, den er in seinem Wahnsinn zusammen panscht. Sylvanas war selbst früher mal eine Hochelfe, wie du sicher weißt, und sie versucht schon seit längerem, eine gute Beziehung zu den Sin’dorei herzustellen, also konnte sie solche Neuigkeiten nicht gebrauchen.«
Vor einer Zelle, die mir merkwürdig bekannt vorkam, blieb er schließlich stehen. Einer der unzähligen Schlüssel ließ schließlich das Schloss laut knacken, und die Tür schwang quietschend auf. »Ich nasche selbst gerne mal von ihr, wenn mich die Sehnsucht nach einer guten Mahlzeit treibt«, meinte Elias mit einem bösartigen Grinsen, als ich vorsichtig eintrat.
Die Gestalt saß noch immer so in der Ecke, wie ich sie erst kurz zuvor gesehen hatte. Ich konnte den Herzschlag der Frau hören, die nackt und regungslos auf das wartete, was kommen mochte.
Das Knallen der Tür war so laut, dass ich erschrocken herum wirbelte. Ich bekam gerade noch mit, wie Elias mit einem breiten Lächeln, das seine verfaulten Zähne entblößte, den Schlüssel drehte und das Schloss knackte. »Du bist ein schlechter Schüler. Vertraue keinem Untoten, habe ich gesagt.«
Lachend wandte er sich bereits zum Gehen, als ich voller Wut an den Gitterstäben rüttelte. »Und was willst du tun, du verdammtes Stück verfaulendes Fleisch? Mich hier verrotten lassen?!«
»Besser!«, hallte seine Stimme zurück. »Lass dich überraschen!«
Ich brüllte ihm noch einige Verwünschungen hinterher, bis ich einsah, dass es keinen Sinn hatte. Für eine Weile blieb ich noch stehen und versuchte, meines Zorns Herr zu werden, was mir allerdings nicht so recht gelingen wollte. Ich hatte mich gerade wie ein verdammter Idiot fangen lassen, und es betraf mich mehr, als ich mir eingestehen wollte.
Ein leises Rascheln in der Ecke ließ mich meiner Mitgefangenen gewahr werden. Als ich mich umdrehte, erschrak ich mindestens ebenso sehr wie vorher.
Das schwache Licht der Fackeln, die draußen im Gang hingen, drückte sich nur unzureichend an mir vorbei, und wahrscheinlich war es auch besser so. Das Gesicht der Frau war schön, wenn auch blass und eingefallen, und wurde von dreckig-weißem Haar eingerahmt. Ihre Augen, ebenso wie ihre Wangen von Falten umgeben, schienen trübe zu sein und es sah nicht so aus, als könnte sie mich erkennen; vielmehr blickte sie einfach durch mich hindurch. Ihre Lippen waren spröde und sahen aus, als hätten sie schon seit Wochen kein Wasser mehr benetzt.
Es waren die eitrigen Wunden und Schnitte, die den Rest ihres Körpers übersäten und mich dazu brachten, mich mit dem Rücken gegen die Eisenstäbe zu pressen. Mir dämmerte allmählich, was das faulende Gerippe gemeint hatte, als er mir von dem Exemplar erzählt hatte, das er im Hinterkopf habe. Und ich erkannte allmählich, wie grausam meine Brüder und Schwestern eigentlich sein konnten.
Und zu guter Letzt dämmerte mir, wie hungrig ich war und wie verlockend und verführerisch die Menschen-Frau aussah, die dort so wehrlos saß und einfach nur vor sich hin starrte.
Der erste Schritt fiel mir noch schwer. Ich wollte es eigentlich nicht tun. Der zweite ging dann schon viel leichter; sie musste unheimlich leiden, mit all den schwelenden Wunden und Verletzungen. Beim nächsten Schritt hatte ich schon den Beschluss gefasst, sie von ihrer grausamen Pein zu befreien; und beim vierten – den letzten – war ich mir sicher, dass sie mir dafür danken würde, wenn sie es nur könnte.
Ich ging vor ihr in die Hocke und atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor ich vorsichtig meinen Dolch zog. Ich wollte sie nicht erschrecken, nicht jetzt, wo sie ohnehin gleich nichts mehr spüren würde. Und ich fuhr mir bereits voller Vorfreude mit der Zunge über meine eigenen toten Lippen, immer darauf bedacht, mir einzureden, dass ich es auch für sie tat und nicht nur für mich.
Dann, völlig überraschend, teilten sich ihre Lippen.
»Wirst du mich endlich töten?«
Ich blinzelte sie ein paar Mal an, bevor ich meinen Dolch wieder sinken ließ. Ich verstand sie. Es war nicht die Gossensprache der Untoten, in der sie ihre Worte gewählt hatte. Es war eine andere Sprache, eine alte Sprache, die ich einst beherrscht hatte und die ich noch immer sprechen konnte. Aber ich hatte sie hier noch nie gehört.
Mühsam schob ich meinen größer werdenden Hunger beiseite. Ich würde ohnehin noch ein wenig hier bleiben, rief ich mir ins Gedächtnis, und ein kleines Gespräch mochte kein Verlust sein. Außerdem versuchte ich noch immer irgendwie, den Hunger unter Kontrolle zu kriegen, auch wenn ich keine große Hoffnung hegte. Ich befürchtete eher, dass die Frau am Ende unserer Unterhaltung nicht mehr am Leben und ich mit ihrem Blut besudelt sein würde.
Nochmals befeuchtete ich meine Lippen, dieses Mal jedoch nicht aus Gier, sondern eher aus einer alten Gewohnheit heraus, die wie von selbst zu mir kam. »Ich glaube nicht, dass ich jener bin, den Ihr erwartet habt.«
Ihre Augen wurden groß, als sie ihre eigene Sprache aus einem anderen Mund hörte. Ich glaubte sogar zu erkennen, wie ihre Unterlippe zu zittern begann, ganz sachte erst, dann immer stärker.
»Wer bist du?«, fragte sie leise, fast ängstlich, als könnte ich eine Einbildung sein.
»Ich… weiß es selbst nicht«, erwiderte ich etwas lahm. Es fiel mir nicht eben leicht, diese fremde und doch vertraute Zunge zu sprechen. Und außerdem sagte ich nur die Wahrheit.
Davon ließ sich die Frau jedoch nicht beirren. Ihre Hände streckten sich nach mir aus, ertasteten zuerst meine Brust, dann meinen Hals und fuhren schließlich sanft über mein Gesicht. »Du bist einer von ihnen!«, warf sie mir mit Ekel in der Stimme vor. Ihre Hände hielt das jedoch nicht davon ab, auch noch meine Haare zu befühlen und gar nicht mehr von mir abzulassen.
»Ich bin untot, ja. Aber ich bin nicht einer von ihnen.«
Ihre Hände stießen mich überraschend zurück, und ich taumelte ein wenig. »Natürlich bist du das! Warum bist du wohl in Magdas dreckige Zelle gekommen? Um ihr Gesellschaft zu leisten? Wohl kaum!«
Jetzt fühlte ich mich erst recht von mir selbst angeekelt. Sie hatte natürlich Recht. Und so starrte ich sie nur schweigend an, unfähig, etwas zu erwidern.
»Der, den sie Elias nennen, hat das getan«, brummte die alte Frau verbittert, während sie vorsichtig ihre Wunden betastete. »Er will mich nicht sterben lassen. Er hat seine dämonische Freude daran, mich leiden zu sehen, und lauscht jedem meiner Klageschreie. Er ist böse, durch und durch, so wie alle Untoten. Er lädt seinesgleichen ein, um sich an meinem Blut und meinem Körper zu laben, und wenn sie mit mir fertig sind, versorgen sie mich gerade so, dass ich nicht zu sterben vermag.«
»Ihr hättet Euch selbst töten können -«
»Niemals!«, giftete sie augenblicklich zurück, und ihre blinden Augen schienen sich in die meinen zu bohren. »Niemals gebe ich diesen Kanalratten die Genugtuung, die sie daraus ziehen würden! Sag mir endlich, warum bist du gekommen?!«
»Ich…« Es gab kein Entkommen vor ihren Augen. Sie musste blind sein, dessen war ich mir inzwischen fast sicher, aber dennoch schaffte sie es, meinen Blick gefangen zu halten und in mich hinein zu starren, um das Abscheulichste zutage zu fördern.
»Ich war gekommen, um… von Eurem Blut zu trinken.«
Ein triumphierendes Lachen kam zur Antwort. »Ich wusste es! Die alte Magda ist nicht dumm, vermaledeite Ratte! Und warum sprichst du mit mir in der Gemeinen Sprache? Hast du sie gelernt, damit du die alte Magda verhöhnen kannst, während du von ihrem Blut trinkst?!«
»Nein, ich… ich erkannte Eure Zunge. Aber ich weiß nicht, warum und woher.«
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Für einen Moment glaubte ich, dass sich der weiße Schleier auf ihnen zu bewegen schien, als würde ich in einen tiefen Strudel schauen, doch dann war es, als wäre nie etwas geschehen. Ich verfluchte das wenige Licht, das in unser Gefängnis fiel, bis die alte Frau plötzlich wieder ihre Hand ausstreckte und geschickt zwischen den Knöpfen meiner Tunika hindurch griff, um sie auf das Loch in meiner Brust zu legen. Verwirrt und perplex hielt ich die Luft an, darauf wartend, was als Nächstes passieren würde.
Tatsächlich glätteten sich die Zornesfalten auf dem Gesicht der Frau, und sie machten einer trauernden Miene Platz. »Oh. Oh, du armer Junge.«, wisperte sie leise, und um mich vollkommen in Konfusion zu stürzen, rann eine einzelne Träne aus ihrem blinden Auge und ihrer Wange hinab.
»Was… was seht, oder… was fühlt Ihr? Bitte, wenn Ihr etwas über mich wisst, dann müsst Ihr es mir sagen!«
»Der Andere, der in dir gefangen ist. Wer ist er?«
Jetzt starrte ich die Alte vollkommen entgeistert an. Auch mein Dämon in mir war mehr als nur überrascht von ihrer plötzlichen Erkenntnis; so überrascht, dass er sich sofort an die Oberfläche klaute. Ich erlaubte es ihm. Was jetzt kam, musste uns beide betreffen.
»Ich hieß Gregor«, sagte er durch meinen Mund, und wieder war seine Stimme, obwohl mit meiner Zunge gesprochen, doch ein klein wenig anders. »Woher wusstest du, dass ich hier bin? Woher -«
»Ich bedauere deinen Tod, Gregor. Und ich bedauere, wie du zu dem geworden bist, was du einst warst. Auch wenn ich dich verstehe… verzehrende Liebe, die in blanken Hass umschlägt, ist mächtig. Deine Ruhe war verdient und wurde dir dennoch geraubt.«
»Ich… was?!«, drang es aus mir heraus. »Woher… was, bei Arthas Bart, bist du, Weib?!«
»Die alte Magda war nicht immer alt, und sie war einst ebenfalls sehr mächtig.« Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre spröden Lippen, als sie ihre Hand wieder aus meiner Tunika herauszog und sanft meine Wange tätschelte. »Doch wer bist du, mein Junge? Jener, der nicht in den Seelenstein-Splittern gesperrt ist?«
Die Worte brauchten ein wenig, bis sie vollkommen in mir eingedrungen waren. Seelenstein-Splitter. Ich hatte schon von Seelensteinen gelesen, und dass man sie benutzte, um Seelen von lebenden Wesen in sie zu bannen und bei Beschwörungen zu opfern, auf dass Dämonen und Geister erschienen und dem Befehl ihres Beschwörers gehorchten.
»Ich… ich weiß nicht, wer ich bin. Mein Dämon -«
»Gregor, Junge. Sein Name ist Gregor.«
»Er ist ein Untoter, durch und durch!«, erwiderte ich erhitzt. »Er war es, der damals mit dem Gefangenen gespielt und ihn dann grausamst getötet hat! Er -«
»Junge«, unterbrach mich die alte Magda leise, und ich konnte nicht anders, als sofort zu verstummen. »Du weißt nicht, was Gregor erdulden musste. Und der Fluch der Untoten ist ein sehr starker, den man nicht einfach ungeschehen machen kann. Du – du bist keiner von ihnen, und doch unterliegst auch du ihrem Fluch. Was sonst hat dich in meine Zelle getrieben?«
»Aber – ich – « Ich rang nach Worten, um sie davon zu überzeugen, dass sie falsch lag. Aber tief in mir spürte ich, dass Gregor bereits die Wahrheit erkannt hatte und den Kopf darüber schüttelte, dass ich mich so sehr sträubte, sie anzuerkennen.
»Ich kann kein Untoter sein«, krächzte ich schließlich leise, als eine erste Träne aus meinen Augen trat. »Ich erinnere mich an alles. Ich war ein Priester des Lichts. Ich hatte eine Frau. Ich war ein guter Mann. Ich…«
»Du wolltest wissen, wer ich einst war«, unterbrach mich Gregor ebenso leise, mit fast schon erstickter Stimme. »Ich weiß nicht mehr viel von meinem Leben. Aber was ich weiß… Ich kann es dir zeigen.«
Das Gesicht der alten Magda verschwamm, und mit ihr die kalten und grauen Mauern unserer Gefängniszelle. Alles vermischte sich zu einem riesigen Strudel von Farben, die immer heller und heller wurden, bis sie plötzlich anhielten und ein neues Bild formten.
Bücher. Regale voller Bücher türmten sich vor mir auf, liefen der Wand entlang und überall um mich herum. Der Geruch von altem Pergament und frischer Tinte lag in der Luft. Ich fühlte mich pudelwohl hier, und der Gedanke, niemals diesen Ort des Wissens verlassen zu wollen, durchquerte kurz meinen Kopf. Dann widmete ich mich wieder meinen Studien, die vor mir ausgebreitet auf einem kleinen Schreibpult lagen, und betrachtete die Liste mit den Büchern, die ich später noch einsortieren würde.
Dann verschwamm wieder alles in dem Strudel, um sich gleich darauf wieder auf zu klaren.
Eine Elfe stand vor einem der Bücherregale und schaute mich auffordernd an. Sie war ausgesprochen hübsch; ihr ganzer Körper drückte tödliche Eleganz aus, und ihre saphirblauen Augen blitzten regelrecht, als sie mich anschaute. Ich erkannte Zuneigung in ihrem Blick, und ich war hin und weg davon. Ihre Haut war nicht so weiß wie die der Blutelfen, sondern ging eher ins violette über und gab ihr etwas ganz Besonderes, Exotisches. Als sie ihren Kopf leicht schräg legte, fiel ihr das kurz gehaltene silberne Haar vor die Augen, und sie schenkte mir ein sanftes Lächeln.
Mehr benötigte sie nicht. Ich war bereit, ihr bis ans Ende der Welt zu folgen.
Der wunderschöne Anblick wurde aufgesaugt und verschwand zusammen mit allem anderen. Verschiedene Orte erschienen kurz hintereinander und immer nur für einen Augenblick: Ein unendlich langer Tunnel, der sich sogar unter dem Meer erstreckte und nach Ironforge, der Hauptstadt der Zwerge, führte; dann diese mächtige Stadt selbst, mit ihren hellen Feuern und Schmelzöfen, die um jede Tages- und Nachtzeit brannten; schließlich die Gitterstäbe ihrer Gefängnisse, in denen ich eher schlecht als recht schlafen musste; und schließlich eine gewaltige Berglandschaft, in der ich mich wiederfand.
Ich stand jemandem gegenüber. Wir befanden uns in einem Zweikampf und waren wohl in etwa gleich stark. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, einige unschöne Kratzer zierten es, und er biss seine Zähne zusammen in dem Versuch, mich umzuwerfen. Der Schnee knirschte unter unseren Füßen, während wir beide stöhnten und grunzten, und ich erkannte gerade, dass er nur noch ein, zwei Schritte von einem tiefen Abgrund entfernt stand. Ich musste ihn nur über eben diesen schieben, oder ihn zwingen, aufzugeben, wenn er nicht sterben wollte. Ich hoffte, dass letzteres geschehen würde.
Dann spürte ich einen heftigen Schlag in den Rücken. Die in mir angestaute Luft entwich, und Schmerzen breiteten sich plötzlich in mir aus, so stark, als müsste ich in den nächsten Sekunden sterben. Im gleichen Moment verließen meine Beine die Kraft, ebenso wie meine Hände, und ich sackte schlaff gegen meinen Kontrahenten, der mich nur voller Entsetzen anschaute und hastig auffing.
»Wer… war das?«, flüsterte ich leise und blinzelte dabei ungläubig. Die Schmerzen wurden noch stärker, und ich spürte regelrecht, wie sich mein Gesicht in Qualen verzog. Jeder Atemzug schmerzte und wurde schwerer und schwerer.
»Silverarrow«, wisperte mein Kontrahent leise zurück. Eine Träne rann seiner Wange herab.
Silverarrow. Das war der Name der Elfe. Jener Elfe, die ich liebte; jene Elfe, die mich hierher geführt hatte. Jene Elfe, für die ich gerade in den Hort eines Drachens eingestiegen war, um dort einen gesuchten Verbrecher zu finden, der ihr ein überaus wertvolles Schwert geklaut hatte. Genau jenen Menschen, der mich gerade wie einen sterbenden Bruder in seinen Armen hielt und dessen Blick vor Wut glühte.
Mein Herz zog sich zusammen, als sich die eiskalte Faust des Zorns und des Hasses um es legte und den letzten Atem aus mir herausdrückte. Und mit diesem letzten Ausatmen schwor ich, nicht mehr hörbar für meinem Bruder im nahenden Tode, ewige Rache gegen das Scheusal, das mich gerade ermordet hatte.
Mit einem Schlag verschwand alles, und ich erblickte die trauernde alte Magda. Ich musste einige Male blinzeln, weil meine Sicht so verschwommen war, bis ich erkannte, dass ich weinte. Schwarze Tränen rannen mein Gesicht hinab und tropften auf den kalten Boden.
»Wer bist du, Frau?«, fragte Gregor erneut. Seine Stimme passte überhaupt nicht zu den Gefühlen, die gerade durch mich jagten und mich unendlich bedauern ließen, meine zweite Seele jemals Dämon genannt zu haben.
»Die alte Magda war einstmals eine große Nekromantin«, erwiderte sie leise und seufzte dabei. »Lange, lange ist das her. Jetzt ist sie nur noch eine Gefangene der Verlassenen. Ebenso wie du, mein Junge.«
Ich musste schwer schlucken und einige Male tief ein und ausatmen, was sich sehr seltsam anfühlte. Ich erkannte jetzt auch, warum: meine Lunge musste ein riesiges Loch haben, eben jenes, das der Pfeil der Elfe hinterlassen hatte.
»Gregor… wie kann ich ihm seine Ruhe schenken?«
Die alte Magda lächelte traurig und schüttelte dabei nur sanft den Kopf. »Ich weiß es nicht, Junge. Es tut mir leid, aber Magda hat niemals solch bösartige Gedanken gehegt, wie es die Verlassenen tun. Zwei Seelen in einen Körper zu sperren, und die falsche Seele in den falschen Körper… grausam. Grausam«, wiederholte sie noch einmal mit Nachdruck.
»Es muss eine Möglichkeit geben!«, drängte ich hastig und nahm ihre Hand in die meine. »Bitte, Magda, Ihr müsst mir sagen, was Ihr wisst! Ich will – nein, ich muss ihm helfen!«
Die alte Frau schüttelte nur weiter den Kopf, bis sie plötzlich damit aufhörte und sich ihre Stirn in Falten legte. »Versprichst du mir, Junge, mir einen Gefallen zu tun?«
»Alles! Alles, was in meiner Macht steht!«
Sie nickte zufrieden. »Seelen in einen Stein zu bannen, ist teuflisches Werk. Ich habe es früher getan, und es war nicht minder teuflisch und unrein. Aber für jeden Schmutz und jeden Dreck gibt es ein Wasser, das ihn abzuwaschen vermag. Heiliges Wasser, reinigendes Wasser.«
Voller Spannung wartete ich darauf, dass sie weiter sprach, und als sie es nicht tat, drückte ich ihre Hand noch ein wenig fester. »Welches Wasser, Magda? Bitte, sagt es mir!«
Sie seufzte noch schwerer als vorher. Dann nahm sie ihre andere Hand und drückte die meine. »Mondbrunnen-Wasser, mein Junge. Das reinste Wasser, das die Nachtelfen besitzen. Es ist alles, wofür die Untoten nicht stehen, und nichts, wofür die Untoten stehen. Es ist vielleicht deine einzige Hoffnung. Und vielleicht ist es auch dein sicherer Tod.«
»Moondbrunnen-Wasser«, wiederholten Gregor und ich gleichzeitig, und unsere Stimmen überlagerten sich zu einer einzigen, die gespenstisch nachzuhallen schien. Dennoch merkten wir beide, wie eine wohlige Wärme in unserem Körper aufzusteigen begann. Wir hatten eine Spur gefunden. Eine Spur, die zu unserer Erlösung führen würde, egal, wie diese Erlösung aussah.
»Dein Gefallen, Junge.«
Sofort riss ich mich aus meinen Gedanken und schaute Magda beinahe liebevoll an. »Sagt ihn mir, Magda. Ich will tun, was ich kann.«
Die Alte lächelte schwach. »Töte mich, Junge. Die alte Magda hat schon so lange gelebt und so lange gelitten, dass sie dessen überdrüssig ist. Und sie wird nicht an der Hand einer Kanalratte sterben, sondern durch die Barmherzigkeit eines Menschen.«
Ich schluckte noch schwerer als vorher, aber ich nickte augenblicklich meine Zustimmung.
»Und töte den Untoten, den sie Elias nennen. Töte ihn und wispere ihm meinen Namen ins Ohr, wenn er seinen letzten falschen Atemzug tut.«
Ein grausames Lächeln huschte über meine Lippen, als Gregor und ich das Gleiche dachten. Dann drückte ich ein letztes Mal ihre Hand. »Ich werde es tun, Magda. Ich verdanke Euch zu viel, als dass ich Euch irgendetwas ablehnen könnte.«
»Danke, mein Junge.« Ihre Worte kamen leise aus ihrem Mund, und das Lächeln, das sie mir schenkte, zeugte davon, wie sehr sie sich darauf freute, endlich ins Jenseits wandern zu dürfen.
Wieder zog ich meinen Dolch, doch meine Gier nach Blut war wie weggeblasen. Vorsichtig platzierte ich die Spitze der Klinge auf ihrer Brust, so, wie ich es schon bei Inessa getan hatte und Gregor es mir erklärte.
Bevor ich zustach, räusperten wir uns noch einmal, wobei wir uns anstrengten, die vermaledeiten Tränen zurückzuhalten. »Es war eine Ehre, Euch kennenlernen zu dürfen. Habt Dank für Eure Hilfe, und findet den Frieden, den Ihr verdient.«
Der Stahl fraß sich mühelos durch das Fleisch und durchdrang ebenso mühelos das Herz. Magdas Atem stockte für einen Augenblick, bevor er ein letztes Mal aus ihrer Brust drang und sie mit geschlossenen Augen und einem letzten Lächeln auf den Lippen zusammen sackte.
Ich fing sie auf, ebenso liebevoll und sanft, wie es mein Kontrahent getan hatte, als ich gegen ihn auf den eisigen Klippen in Dun Morogh, im Lande der Zwerge, gekämpft hatte. Vorsichtig bettete ich sie auf den kalten Stein, strich ihr das wirre Haar aus dem Gesicht und faltete ihre Hände auf ihrer Brust zusammen, nachdem ich meine Klinge wieder an mich genommen hatte. Als sie schließlich so aufgebahrt und wie friedlich schlummernd dalag, nahm ich meinen Umhang ab und deckte sie damit zu.
Voller Dankbarkeit schaute ich das Grab jener Frau an, die ich durch puren Zufall getroffen hatte und die mir ein neues Leben geschenkt hatte.

_________________________________________________________

Anmerkung des Autors (das bin ich)


Für diejenigen, die es bis hierher geschafft haben und keine Ahnung haben,
wovon Gregor spricht - ihr erfahrt es in der Geschichte "Heldentum", zu finden
in meiner Signatur. (Tut mir leid, dass ich euch das jetzt aufbürde, aber dieser
Verlauf der Geschichte war - leider! - von Anfang an so geplant. ;) )
  • 1

#44 Acid_1

Acid_1

    Metalhead

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Geschrieben: 19 January 2014 - 18:03

Wow... mehr fällt mir nicht ein. Das beste Kapitel bis jetzt.


Ich zitiere mich hier mal selbst, da muss ich es nicht nochmal schreiben.

Du bist ein verdammter Teufel, die Geschichte wird immer besser.
Du kannst wirklich Geschichten schreiben.

Leben. Tod. Wiedergeburt. 2 Leben verschmelzen zu einem. Ein Leben endet. Ein Neues beginnt.

Jetzt wissen wir auch endlich, wer der "Dämon" in ihm ist. Ich kann es kaum erwarten, dass sie Elias töten.

Zu der Anmerkung am Ende deines Posts noch ein paar Worte:

Du bist der Autor. Du entscheidest, was du schreibst, welche Geschichten du wann und in welchem Ausmaß miteinander verknüpfst, da brauchst du dich für nichts zu entschuldigen.

Entweder wir Leser akzeptieren das, oder sollen aufhören, deine Geschichten zu lesen.

Mach auf jeden Fall weiter so, eine klasse Story!

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Kleiner Einschub von Tante Edith:

Was mich aber schonmal interessieren würde ist, wie viele Leute überhaupt noch deine Geschichte verfolgen oder ob ich der einzig Übriggebliebene bin. :rolleyes:

Bearbeitet von Acid_1, 19 January 2014 - 18:14,

  • 0

#45 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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  • 437 Beiträge:

Geschrieben: 30 January 2014 - 10:32

Wenn man den Zahlen Glauben schenken darf, welche die Klicks auf diesen Thread angeben, dann bist du beileibe nicht der Einzige, der die Geschichte liest. Wohl aber der einzige, der Kommentare dazu abgibt. Danke dafür!
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Kapitel 20 – Von Versprechen und Verrat


Die Zeit verging nur schleppend, aber das störte weder Gregor noch mich. Wir saßen einfach nur vor den Gitterstäben und warteten darauf, dass Elias wieder antraben würde, um sich entweder über mich lustig zu machen oder seinem albernen Spiel eine ernstere Note zu verleihen. Was er schließlich// mit Sicherheit nicht beabsichtigte, war, mich verhungern zu lassen.
»Er lässt sich jedenfalls Zeit«, brummte Gregor gerade vor sich hin, während er mit dem Dolch spielte, ihn spielerisch in die Höhe warf und die wirbelnde Klinge wieder geschickt auffing. Ich beobachtete sie dabei, auch wenn ich mir sicher war, dass er den Sichtkontakt für sein kleines Kunststück gar nicht benötigte.
»Wer weiß, was er treibt. Vielleicht will er mich ja bei Blackweaver anschwärzen, von wegen, ich sei eingebrochen.«
»Dann wäre er schon längst wieder hier. Blackweaver mag es nicht, wenn man in seinen Katakomben herum stolziert.«
»Natürlich weiß Elias nicht, dass Blackweaver mich zu einem Spion für ihn gemacht hat.«
»Und dieser Tätigkeit bist du nicht wirklich hinterher gegangen.« Nachdem er den Dolch ein weiteres Mal erfolgreich gefangen hatte, seufzte Gregor, steckte ihn wieder weg und zog sich aus meinem Körper zurück, um mir wieder mehr Platz einzuräumen. Er erprobte immer mehr, wie weit er gehen und gleichzeitig dabei die Schmerzen aushalten konnte. Dabei hatten wir herausgefunden, dass wohl unsere Seelen konkurrierten und ich ihm – mit genügend Willenskraft und einigen unangenehmen Qualen meinerseits – den Körper zumindest teilweise überlassen konnte. Wahrscheinlich war das sogar der Grund, warum er in Kämpfen immer mehr ans Tageslicht gerückt war und ansonsten sich eher im Hintergrund hatte halten müssen: Meine Angst hatte es ihm leicht gemacht, die Kontrolle zu erringen.
»Wir können ihm dennoch genügend erzählen«, gab ich ziemlich zuversichtlich zurück. »Die Sache mit Aritana, um ein Beispiel zu nennen, und die vielen Tränke, die er in mich hinein kippt. Und nicht zuletzt unser seltsamer Zustand selbst.«
»Was wir ihm nur sagen sollten, wenn wir gar keinen anderen Ausweg mehr sehen. Am Ende ist der vermaledeite Magus genauso spitz darauf herauszufinden, wie das möglich ist, wie Direflesh. Falls das verfluchte Gerippe überhaupt davon Bescheid weiß.«
»Ich denke nicht. Woher auch? Wir wussten ja selbst nicht einmal, wie es möglich ist.«
Gregor brummte nur kurz zur Antwort, und wir verfielen in Schweigen, in dem wir nur Gedanken austauschten, Bilder über längst vergangene Tage, in dem Bestreben, uns besser kennen zu lernen. Selbstgespräche zu führen, war uns beiden am Anfang mehr als nur komisch vorgekommen; doch zum einen gefiel es Gregor mehr und mehr, wieder selbst etwas sagen zu können, ohne sich dabei den Weg an die Oberfläche klauen zu müssen. Zugleich war es eine gute Übung für mich, meiner zweiten Seele einen Platz in mir zu schaffen, von dem aus sie mehr bewirken konnte als nur eingeflüsterte Warnungen.
»Ich verstehe allmählich, warum du Aritana dermaßen hasst«, murmelte ich nach einer Weile. »Nicht genug, dass sie dich umgebracht hat – wofür sie mit Sicherheit ihre Gründe gehabt hatte – aber sie sieht der Nachtelfe aus deinen Erinnerungen sehr ähnlich.«
»Das ist nicht alles.« Gregor biss sich auf die Unterlippe, in dem Bestreben, die richtigen Worte für jene Gedanken zu finden, die mir verborgen blieben. »Ich habe das dumme Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. In meinem ersten Leben, meine ich. Aber ich bin nie darauf gekommen, wann das gewesen sein könnte.«
»Und glaubst du, du kannst jetzt deinen Hass auf sie überwinden?«
Das Lachen hallte die Gänge entlang und verlor sich in einem gespenstischen Widerhall. »Man merkt, dass du kein echter Untoter bist. Das Einzige, das mich davon wahrhaft davon abhält, dem Wahnsinn zu verfallen, ist mein ewig brennender Hass auf diese Elfen-Schlampe.«
»Aber es war doch nicht sie, die dich -«
»Sie lebt. Das reicht mir.«
Ich atmete schwer aus, darauf bedacht, nicht zu laut zu seufzen. Gregor konnte sein wie ein störrisches Kind, aber dieses Kind beherrschte den Umgang mit Klinge aller Art besser als jeder andere, den ich kannte. Eine solche Kombination konnte sehr unangenehm werden.
»Du wirst sie dennoch nicht töten.«
»Dein zuckersüßes Versprechen? Glaub nicht, ich hätte eure traute Zweisamkeit nicht mitbekommen. Ich hätte mich am liebsten übergeben, aber leider gehört mir mein Körper ja nicht mehr.«
»Sie kann uns nützlich sein«, erwiderte ich mit Nachdruck, während ich etwas abwesend meine Finger knacken ließ. »Überleg doch nur! Direflesh soll sie nicht in die Finger bekommen, weil Sylvanas Windrunner sich bei den Blutelfen einschmeicheln will, und -«
»Wir haben sie gefressen. Zumindest scheint die halbe Stadt das zu glauben.«
Meine schöne Gedankenwelt zerfiel zu Staub und Asche, als mir klar wurde, dass Gregor Recht hatte. »Das könnte bedeuten, dass die Banshee-Königin uns böse ist.«
»Sie wird uns vierteilen lassen, wenn sie erst einmal mitbekommt, dass wir hier unten gefangen sind. Oder schlimmer.«
»Aber sie ist ja nicht tot! Sie lebt noch, sie -«
»Niemand wird uns glauben. Warum auch? Die Banshee-Königin ist schrecklich in ihrem Zorn. Du glaubst, ich wäre grausam? Du weißt nicht einmal, was das Wort bedeutet. Jeder Verlassene weiß, dass Sylvanas Windrunner an Skrupellosigkeit nur schwer zu überbieten ist, auch wenn sie ihren Hass auf das Lebende gut unter Kontrolle zu haben scheint.«
Meine Ruhe war verflogen, und hastig sprang ich auf die Beine. »Dann sollten wir wohl besser versuchen, von hier zu verschwinden, oder nicht?« Ich untersuchte die Scharniere der Türen auf Schwächen, doch alles, was ich fand, war der rotbraune Rost, der an ihnen klebte.
»Unnütz. Wir kommen hier nicht weg, bis jemand – oh. Hörst du das? Ich glaube, es ist soweit.«
Schritte näherten sich, erst hallend und kaum auszumachen, aus welcher Richtung, dann immer lauter und eindeutiger. Es waren mehr als nur ein Paar Stiefel, die auf den steinernen Boden traten. Es hörte sich so an, als würde eine ganze Kohorte von im Gleichschritt marschierenden Gestalten auf uns zukommen.
Dann bogen die ersten gepanzerten Untoten um die Ecke. Ihre im Fackellicht glänzenden Brustpanzer und gepanzerten Hosen waren ohne Makel, ganz im Gegensatz zu einigen Gesichtern der Gerüsteten. Jeder von ihnen trug ein Schwert an der Seite, und ich erkannte sogar die eine oder andere starr nach vorne blickende Frau unter ihnen.
Als sie bei meiner Zelle angekommen waren, blieben sie allesamt gleichzeitig stehen und vollführten eine Vierteldrehung, um mich anzuschauen, bevor sie eine kleine Gasse bildeten. Es waren acht Krieger und Kriegerinnen, alle mit der Hand auf dem Knauf ihrer Schwerter.
Dann hörte ich den schlurfenden Gang von neuen Gestalten, und gleich darauf traten Elias und Blackweaver in den Fackelschein. Die wenigen Zahnstummel, die sich in seinem verfluchten Maul befanden, waren gut zu sehen, als mich der Zombie angrinste, dann aber hastig Platz machte, als sein Meister nach vorne trat und mich durch die Gitterstäbe hindurch lange ansah. Er trug dieses Mal eine leichte Robe ohne besondere Verzierungen, auch wenn ein mir unbekanntes Emblem auf seiner Brust prangerte und ihn wohl als hohes Tier der Magier-Gilde in Undercity auswies. Sein Blick fiel auch auf die Leiche hinter mir, bevor er sich wieder an mich wandte.
»Mein namenloser Freund. Als ich hörte, dass du dich an meinen Gefangenen vergehst, hielt ich es zuerst für einen schlechten Scherz. Nun muss ich sehen, dass die Berichte der Wahrheit entsprechen… eine sehr traurige Angelegenheit.«
Ich schaute nur mit einer versteinerten Miene zurück. Ich konnte tatsächlich spüren, wie mein Herz wieder einmal etwas schneller schlug und tatsächlich auf sich aufmerksam machte. Sonst hatte ich schon fast vergessen, dass ich überhaupt eines besaß.
»Was genau hat dich hier herunter getrieben? Die Gier nach Blut? Und das, obwohl du kurz zuvor erst eine ganze Blutelfe vertilgt haben sollst?«
Ich konnte sehen, wie sich Elias im Hintergrund buchstäblich voller Schadenfreude die Hände rieb. Seine Augen sprachen Bände, und die Erwartung, mich in irgendeiner Weise leidend und sterbend zu sehen, blitzte darin auf.
Blackweaver beugte sich noch ein Stück weiter nach vorne, so sehr, dass seine Stirn fast schon die eisernen Stäbe berührten. Ich verstand die Geste sofort, doch als ich einen ersten Schritt auf ihn zumachte, drang der Klang von acht halb gezogenen Schwertern durch die Korridore. Vorsichtig hob ich meine gespreizten Hände, verschränkte sie dann langsam hinter meinem Rücken und trat schließlich unter den wachsamen Augen der Wächter an den Untoten heran, um mich zu ihm vorzubeugen.
»Willst du mir vielleicht erzählen, was hier vorgefallen ist?«, wisperte der Magier mir zu, gerade laut genug, dass ich es verstehen konnte.
»Gerne. Vielleicht habe ich auch noch das eine oder andere über Direflesh, das Euch interessieren könnte. Aber muss das hier sein?«
Das äußerst schmale Lächeln, das er mir zur Antwort zeigte, ließ mich hoffen. Beide traten wir wieder einen Schritt von den Stangen zurück, und Blackweaver drehte sich zu seinen Wachen um. »Wir werden das Verhör fortsetzen, aber nicht hier. Es gibt bessere Räumlichkeiten für solche Zwecke.«
Die Worte zergingen wie Honig auf Elias Zunge. Gemächlich kramte er seine Schlüssel hervor und näherte sich, die Wächter wohlwissend in kampfbereiter Stellung in seinem Rücken, der Tür. »Vielleicht bedauerst du es ja jetzt, meine Minna getötet zu haben. Aber mach dir nichts daraus. Ich werde genügend Freude an deinem Verhör ha-«
Der Schlüssel war schon halb umgedreht, als ich zwei rasche Schritte auf ihn zu tat. Natürlich blieb dem Untoten mein Handeln nicht verborgen, und hastig wollte er zurückweichen, doch meine rechte Hand schoss bereits, zielsicher von Gregor geführt, durch die Stäbe hindurch und erhaschte seine Tunika. Unwirsch riss ich ihn wieder zurück, so dass er gegen das Eisen klatschte und panisch aufjaulte. Das Klirren der Schwerter wurde von meinem Dolch begleitet, dessen Spitze sich einen Moment später an die Kehle des Untoten legte.
»Lass mich los!«, quiekte Elias angst- und zugleich hasserfüllt, auch wenn er es nicht wagte, sich auch nur einen Zoll zu bewegen. Die Wachen hinter ihm umrundeten ihn, einige hoben bereits ihre Waffen, während zwei von ihnen versuchten, sich so zu positionieren, dass sie mich durch die Stäbe hindurch abstechen konnten.
»Sagt, Meister Blackweaver«, brummte ich mit einem grausamen Unterton in der Stimme, während ich voller Hass den winselnden Kadaver in meiner Hand anstarrte, »benötigt ihr dieses sabbernde Scheusal noch?«
Die Wächter verharrten mitten in ihren Bewegungen. Auch Elias hörte auf, sich zu winden und leise Flüche gegen mich auszustoßen. Alle warteten auf die Worte jenes Verlassenen, der etwas im Abseits stand und das Geschehen mit scheinbar großem Interesse betrachtete.
Nach einer kurzen Pause, in welcher die Spannung fast ins Unermessliche stieg, meinte er lapidar: »Er ist einer meiner besten Lehrer und mit Sicherheit mein bester Henker.«
Das Grinsen, das sich auf Elias Gesicht stahl, wurde so breit, dass ich es am liebsten mit einem wuchtigen Schlag hinfort gewischt hätte. Zähneknirschend nahm ich den Dolch von seiner Kehle und steckte ihn langsam wieder in meinen Gürtel.
Voller Siegesgewissheit trat der Untote einen Schritt zurück, wurde aber sofort wieder an das Gitter geschmettert, als ich ihn ruckartig zurückzog. Ich musste das Wort nicht einmal sagen; der Gedanke alleine reichte vollkommen aus, dass meine knöcherne Hand von dunkel-violetten Flammen verzehrt wurde.
»Dann tut es mir sehr leid.«
Beim Kreischen des Untoten zog sich in mir alles zusammen, aber der Hass war größer als mein Ekel. Meine Faust steckte bis zum Anschlag im Bauch des Verlassenen. Es roch schlagartig nach verbranntem Fleisch, kleine Rauchfahnen stiegen von der Wunde auf. Das Gesicht meines Opfers verzog sich in Höllenqualen, als es mich panisch anstarrte, während ich meine Lippen möglichst nahe an sein Ohr brachte.
»Die alte Magda lässt grüßen.«
Dann entließ ich den Schattenblitz schlagartig. Selbst die Wächter zuckten zurück, als dunkles Blut spritzte und die Schreie des Untoten abrupt verstummten. Ein letzter, dumpfer Aufschlag, als der leblose Körper nach hinten sackte und der Länge nach zu Boden fiel, zeugte von dem Ableben des grausigen Magisters.
Stille senkte sich über uns wie ein schweres Tuch. Niemand regte sich, niemand wagte es auch nur zu atmen.
Blackweaver betrachtete mich lange, bevor er seinen Wächtern einen letzten Blick zuwarf. »Wie ich schon sagte: andere Räumlichkeiten. Führt ihn in mein Arbeitszimmer. Zwei Wachen an der Tür. Ich denke, ab hier brauchen wir keinerlei weitere Überraschungen erwarten.«
Gemächlichen Schrittes begann der Magier bereits, den Korridor entlang zu schreiten, als er doch noch einmal stehen blieb. »Und bestraft ihn angemessen.«
Eine der Wachen – scheinbar ihr Anführer, ein für Untote seltsam eitler Gecke mit einem Federbusch auf seinem polierten Helm – nickte nur und wartete, bis sein Meister gegangen war. Dann befahl er einer nahestehenden Soldatin mit einem weiteren Nicken, die Tür aufzuschließen. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, als sie sich vorsichtig dem Schloss näherte. Ich grinste sie nur breit an, während ich zwei Schritte nach hinten tat, um ihr zu zeigen, dass sie nicht in unmittelbarer Gefahr schwebte. »Keine Angst, meine Hübsche«, purrte Gregor aus mir heraus. »Ein solch schönes Gesicht wie das deine würde ich niemals zerstören wollen.«
Allmählich bereute ich die Freiheiten, die ich Gregor einräumte. »Und sagt mir bitte, was diese Bestrafung sein soll«, fügte ich etwas ernster hinzu. Ich hatte gehofft, ohne eine Strafe auszukommen, war aber gar nicht erst davon ausgegangen, dass sich meine Hoffnung erfüllen würde. Immerhin war mein ziemlich waghalsiger Plan aufgegangen: Die Bestrafung bestand nicht aus einer Vierteilung, und mein Versprechen war eingelöst.
»Hast du dich denn jemals betrachtet?«
Natürlich konnte Gregor sein Maul nicht halten, aber seine Andeutung machte mich stutzig. »Was meinst du?«, fragte ich ihn, wobei ich meine Hände nach vorne streckte. Die Soldatin betrat mit einem Seil bewaffnet und von zwei ihrer Mitstreiter begleitet die Zelle. Ihr Gesicht war tatsächlich hübsch, sah man von der gräulichen Hautfarbe und den gespenstisch leuchtenden Augen ab. Zumindest für eine Untote versprühte sie noch eine gewisse Attraktivität. Diese wurde jedoch von ihrer versteinerten Miene nicht eben unterstrichen.
»Du hättest die Brandmarke gefunden, die ich bereits besitze. Ein altes Geschenk von Blackweaver, als ich einen seiner Aufträge nicht ganz so ausführte, wie er es wollte.«
Innerlich stöhnte ich auf. Kaum dass ich einen Gedanken an ihn senden wollte, überrollte mich meine zweite Seele geradezu mit Sinneseindrücken und allerlei Unsinn. Es war klar, dass er lieber selbst sprechen wollte, anstatt sich schweigend mit mir zu unterhalten, und mir blieb nicht viel anderes übrig, als sein Spiel mitzuspielen. »Hat es sehr weh getan?«
»Es war einigermaßen unerträglich.« Gregor lachte, während ich mir meine Arme widerstandslos hinter dem Rücken festbinden ließ. Kaum dass sie sich sicher war, dass der Knoten unmöglich zu öffnen war, stieß mich die Soldatin unwirsch nach vorne. »Wenn du schon weißt, was auf dich zukommt, kennst du sicherlich den Weg.«
»Natürlich, meine Teuerste! Und ich werde ihn liebend gerne in einer solch hübschen Begleitung beschreiten.«
»Wenn du nicht dein verdammtes Maul hältst, dann schneide ich dir eigenhändig auch noch die Zunge heraus.«
»Vielleicht solltest du auf deine Teuerste hören«, gab ich Gregor mit dem Anflug eines Grinsens zu bedenken. »Sie ist scheinbar nicht gewillt, deine Lobhuldigungen länger zu ertragen.«
»Schade. Ich dachte, endlich ein Mädchen für die späten Stunden gefunden zu haben.«
Jetzt war ich ehrlich überrascht. »Ich wusste nicht, dass Untote so etwas tun.«
»Oh nein, nicht das, was du meinst. Ich meine, um durch die Stadt zu schleichen und ein paar Kehlen durchzuschneiden. Möglichst die von Lebenden, natürlich.«
Aus irgendeinem Grund musste ich lachen, was meiner Bewacherin allerdings nicht sonderlich gefiel, denn sie schubste mich ein weiteres Mal, um mich anzutreiben. Gehorsam beschleunigte ich meinen Schritt und bog um jene Ecken, die mir Gregor aufzählte, während ich mich weiter mit ihm unterhielt, als würden wir nur einen kleinen Spaziergang unternehmen.
»Meinst du nicht, sie halten uns für verrückt?«, fragte ich ihn schließlich, wobei ich grinsend und zugleich neugierig die Untoten anschaute, die vor und hinter mir den Gang entlang marschierten.
Die Antwort kam prompt in Form eines Schwertknaufs, der mir mit gehöriger Wucht gegen den Kopf knallte. Ich stolperte fast, fing mich aber gerade noch, nur um doch im Dreck zu landen, als mir die Soldatin noch einen Tritt hinterher schickte. »Du sollst dein verfluchtes Maul halten, du verrückter Bastard!«
»Sie ist eindeutig kein Mädchen für die späten Stunden«, murmelte ich leise, während ich mich hastig aufrappelte und weiter den Soldaten folgte, die vor mir her schritten.
»Nein, das ist sie wirklich nicht«, pflichtete Gregor mir verbittert bei. »Dabei hat sie das schönste Gesicht von all den Leichen, die hier herum lungern.«
»Glaubst du, sie werden Bericht an Blackweaver geben, dass ich mit mir selbst rede?«
»Das will ich doch hoffen! Je verrückter wir sind, desto weniger nimmt man uns ab und desto gefährlicher werden wir.«
Das Seufzen, das aus mir drang, kam aus einer sehr tiefen Stelle in mir hervor. »Ich weiß nicht, ob ich gerne einen verrückten Untoten mimen möchte.«
»Solange ich bei dir bin, sollte es nicht sonderlich schwer werden. Wir werden ab und zu jemanden ohne Grund töten und verscharren, oder essen, je nachdem. Und allen, die uns böse hinterher blicken, wispere ich ein paar unschöne Worte zu, und du kannst dich danach bei ihnen entschuldigen. So wie bei unserer schönen Begleiterin -«
Der Schlag kam erwartet, aber deswegen nicht weniger hart. Dieses Mal fiel ich der Länge nach auf den Boden, und nur mithilfe zweier Wachen schaffte ich es, überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. Gregor, der die Schmerzen nicht so wahrzunehmen schien wie ich, fing an, fröhlich zu lachen, bevor er sich bei seiner Ehrengarde, wie er sie nannte, bedankte. Wenn er den Eindruck eines Wahnsinnigen erwecken wollte, dann machte er gute Fortschritte: Die ersten der Untoten verloren ihre starre Miene und schauten mich relativ entgeistert und verwirrt an.
»Warst du schon immer so?«, fragte ich ihn im Flüsterton, als wir endlich unser Ziel – eine etwas geräumigere Zelle, lediglich mit einem fest im Boden verschraubten Stuhl mit Scharnieren zum Anketten des Gefangenen bestückt – erreichten. Gehorsam und ohne überhaupt dazu gedrängt werden zu müssen, marschierte ich zu dem Stuhl hinüber und setzte mich hin, kaum dass mir das Seil abgenommen worden war.
»Nein, natürlich nicht. Ich war früher sehr schweigsam. Ein Teil meines Charmes, wenn du so willst. Niemand wusste, wie er auf mich reagieren sollte, weil ich fast nie antwortete.«
Hände und Füße wurden angekettet, und sogar mein Oberkörper wurde vorsorglich an die Stuhllehne festgebunden. In einer Ecke glomm heiße Glut in einer kleinen Kohlepfanne, und ein langer eiserner Stab war mitten in die Hitze versenkt. Meine Klamotten wurden mir recht unwirsch vom Leib gerissen, und als mein Oberkörper frei lag, erkannte ich, was Gregor vorher erwähnt hatte: Ein schwarzes Mal war an meiner Seite zu erkennen, und es ähnelte in gewisser Weise jenem Zeichen, das Blackweaver auf seiner Robe getragen hatte.
»Hast du geschrien, als sie dir das zugefügt haben?«
»Wie am Spieß.«
Die wundersam schöne Untote ging mit einem schmalen Lächeln zu der Pfanne herüber und zog das heiße Eisen heraus. Ihr Lächeln wurde breiter, als sie gemächlich und mit wippenden Hüften, das Folterinstrument lässig in der Hand schwingend, auf mich zukam.
»Blackweaver muss sehr oft Beschwerden haben, wenn man bedenkt, dass er sein Brandzeichen ständig erhitzt lässt«, gab ich in einem möglichst unbekümmerten Ton zu bedenken. Meine Augen folgten jedoch immer dem heißen, flirrenden Eisen, das vor ihnen auf und ab tanzte.
»Ich glaube, seine meisten Beschwerden enden mit dem Tod. Du kommst noch gut davon.«
»So, wie deine Angebetete gerade lächelt, habe ich Zweifel an deinen Worten.«
»Du würdest es auch genießen, jemanden brandmarken zu dürfen. Glaub mir, ich habe das schon getan. Die Wärme, das Zischen des Eisens auf der Haut, die Schreie -«
»Vielleicht solltest du sie später doch noch einmal fragen, ob sie nicht etwas mit dir unternehmen will. Ihr zwei scheint viel gemeinsam zu ha-«
Die verdammte Hure stieß mit dem Brandeisen zu wie mit einem Schwert. Dass sie von unserer kleinen Unterhaltung nicht eben begeistert war, zeigte sie dadurch, dass sie mir das erhitzte Metall so tief in die Brust trieb, wie sie nur konnte. Hätte Blackweaver nicht indirekt befohlen, mich am Leben zu lassen, hätte sie bestimmt noch ein wenig weiter nach rechts gezielt und mir das verfluchte Ding mitten in das Loch in meiner Brust gestoßen.
Der Qualm, der augenblicklich aufstieg, stank nach verbrannter Haut und Fleisch. Ich hatte schon meinen Anteil an bestialischen Schmerzen und Todesqualen gehabt, aber bisher den Eindruck gewonnen, dass ich als Untoter zumindest nicht mehr so stark fühlen konnte wie ein Lebender. Jetzt erkannte ich den Fehler in meinem Denken: Ich konnte noch mehr als genug fühlen. Allerdings schien die sanfte Ohnmacht nicht mehr gewillt, mir beizustehen, wenn die Schmerzen zu groß wurden. Während ich also so laut schrie, wie es meine Lungen zuließen, durchzuckte mich der Gedanke, dass meine bisherigen Ohnmachtsanfälle stets von zu viel Zauberei gekommen waren, von einer Ermüdung des Geistes, niemals aber von einer Ermüdung des Körpers.
Das Zischen endete so abrupt, wie es begonnen hatte, aber die Schmerzen blieben. Ich bezweifelte, dass ich sie jemals vergessen würde. Das neue Schandmal auf meinem Körper sah überaus hässlich aus: Durch meine hektischen Bewegungen war es immer wieder verrutscht, und auch meine Folter-Meisterin hatte ihren Spaß daran gehabt, das Eisen ein wenig zu drehen. Anstatt eines Zeichens schmückte jetzt also ein schwarzer, einigermaßen runder Fleck meine Brust.
Ich biss die Zähne zusammen, als meine Fesseln gelöst wurden. Als man mir wieder die Hände hinter dem Rücken zusammen band, musste ich mir auf die Lippen beißen, um nicht wieder laut aufzuschreien, als sich meine geschundene Haut spannte und anfühlte, als würde sie jeden Augenblick reißen. Gregor hingegen fing einmal öfters an, unbeschwert zu lachen, was sich auf seltsame Art und Weise mit kleinen Klageschreien meinerseits vermengte. Hatten von den sechs Wächtern vorher nur zwei oder drei immer wieder einen verwirrten und teils besorgten Blick auf mich geworfen, so starrten mich jetzt allesamt mit Augen an, die Bände sprachen. Wenigstens schubste mich jetzt niemand mehr auf dem Weg aus den Katakomben heraus: Sie alle hielten mindestens einen Schritt Abstand zu mir, und jeder von ihnen hatte sein Schwert gezogen, um mich im Zweifelsfall sofort zerhacken zu können.
Gregor und ich hielten unsere kleine Maskerade – er aus reinem Vergnügen, ich aus reinen Schmerzen heraus – selbst auf der Treppe hinauf noch aufrecht. Die wenigen Untoten, denen wir begegneten, machten einen weiten Bogen um uns, nicht zuletzt wegen meiner Begleitung und der Richtung, die wir in der Pyramide einschlugen. Nach einer weiteren Biegung erblickte ich bereits die Tür zu jenem Raum, in dem ich Blackweaver das erste Mal gesehen hatte.
Meine voranschreitenden Wärter zogen sie auf, kaum dass sie bei ihr angekommen waren, und nahmen dann rechts und links von der Tür Aufstellung. Mit einem kurzen Nicken und halb grinsender, halb schmerzverzerrter Miene marschierte ich an ihnen vorbei und in das Zimmer hinein. Kaum dass ich die Schwelle übertreten hatte, fiel die Tür hinter mir auch schon ins Schloss.
Noch immer lagen die alten, muffigen Teppiche auf dem Boden und dämpften jeden meiner Schritte. Auch die Regale waren mit Büchern vollgestopft, eben so, wie ich sie vom letzten Mal in Erinnerung hatte. Allerdings saß zu meiner Überraschung niemand an dem Tisch. Ich war alleine in dem düsteren, nur schwach von einem hellblauen magischen Licht erhellten Raum.
»Du kennst ihn. War Blackweaver jemals nicht in seinem Arbeitszimmer, wenn er dich sehen wollte?«
»Nein«, antwortete Gregor etwas gedehnt, während ich vorsichtig auf das Tischchen zuging. Ein halbleeres Tintenfass stand darauf, daneben lagen drei weiße Federn, die ordentlich angespitzt waren. Zusammengerolltes Pergament befand sich auf der anderen Seite, und in der Mitte lag ein dickes, in Leder eingebundenes Buch.
»Er wollte uns hier empfangen, oder nicht?«
»Natürlich. Und Ismael Blackweaver ist ein schlauer Bastard. Er würde uns nicht in sein Arbeitszimmer schicken und uns dort auch noch alleine lassen, wenn er nicht wollte, dass wir uns genau dieses Buch anschauen.«
Ich umrundete den Tisch nicht. Stattdessen drehte ich einfach nur das Buch um und legte behutsam meine Finger darauf. Gerade, als ich es aufschlagen wollte, verharrte ich mitten in der Bewegung. »Es macht keinen Sinn. Was er uns sagen will, hätte er uns auch persönlich mitteilen können.«
»Er wird seine Gründe haben. Jetzt schlag endlich das verdammte Buch auf. Ich wollte schon immer wissen, was er hinein kritzelt.«
Für einen Moment schloss ich die Augen und sandte ein kurzes Stoßgebet an das Licht – so sehr ich auch bezweifelte, dass es mir noch helfen würde, selbst wenn es mich hören konnte – und öffnete das Buch dann an genau jener Stelle, die ein schmaler Stoffstreifen, der in den Einband eingearbeitet war, markierte.
Rasch überflog ich den Absatz, der dort stand. Genauso schnell schlug ich das Buch wieder zu, um dann ein paar Schritte zurück zu taumeln und mir panisch an den Kopf zu fassen.
»Er weiß Bescheid«, murmelte Gregor aus mir hervor.
»Natürlich«, erklang es aus einer Ecke des Raums zur Antwort.
Dunkelviolette Flammen barsten regelrecht in meiner Hand auf, während ich hastig meinen Kopf hin und her drehte. Dann fing plötzlich etwas zu flimmern an und erhaschte meinen Blick. Nur drei Schritte von mir entfernt erschien Ismael Blackweaver mitten aus dem Nichts. Ein schmales Lächeln zierte seinen vernarbten Mund, doch keine Freude lag darin.
»Ein Unsichtbarkeitstrank.« Gregor klang fast anerkennend, während ich zuschaute, wie nach dem Oberkörper auch der Unterkörper des Magiers erschien und er schließlich in voller Gestalt vor uns stand. »Ihr hattet schon immer einen Hang zum Dramatischen, Blackweaver. Ich habe nie verstanden, warum.«
»Jeder hat seine kleinen Marotten. Du hast mir niemals deinen Namen genannt, um nur ein Beispiel zu nennen.«
»Und es freut mich, dass Ihr ihn noch immer nicht kennt.«
Das Lachen aus seinem Mund klang falsch. Blackweaver durchquerte mit aller Seelenruhe den Raum und setzte sich auf seinen Stuhl, um mich dann interessiert zu mustern. »Wer ist der andere, und welcher von euch beiden ist in Kontrolle?«
»Mit Verlaub, Meister Blackweaver, aber manche Geheimnisse sollten Geheimnisse bleiben.«
Meine Stimme war ungewohnt kühl. Auch wenn die eisige Furcht anfing, sich wieder durch meine Eingeweide zu wühlen, konnte ich nicht anders, als auch Gregor in mir zu fühlen, der mir klar vorgab, nichts zu verraten und Ruhe zu bewahren. Je länger er auf mich einredete, desto entspannter wurde ich. Ich spürte regelrecht, wie sich unsere Geister öffneten und allmählich anfingen, miteinander zu verschmelzen.
Dann ging alles sehr schnell. Einen Augenblick lang fühlte ich mich wie nicht mehr in meinem eigenen Körper, bis das Gefühl schlagartig genau ins Gegenteil umschlug: Es fühlte sich an, als wäre ich im absoluten Einklang mit mir selbst. Gregors Stimme war kurz verstummt, bis er zögerlich versuchte, einen Gedanken zu spinnen.
Aber es war nicht mehr nur sein Gedanke. Es war unserer.
Dafür war der Gedanke mit Schmerzen, Qualen und Pein gefüllt. Mit Angst vor dem Heiligen Licht, und dem unbändigen Gefühl, nicht mehr Herr seiner Selbst zu sein. Und nun war ich es, der hastig und beruhigend auf Gregor einredete, ihm Mut zusprach und es allmählich schaffte, seinem Gemüt Ruhe zu verschaffen, auch wenn ich mir selbst unsicher war, was gerade passierte. Ich hatte mehr denn je den Eindruck, zu mir selbst zu sprechen.
Das Ganze dauerte gerade lange genug, dass sich Blackweaver in seinem Stuhl zurück lehnen und mich genau beobachten konnte. »Geheimnisse zu wissen, gehört zu meinem Überleben. Willst du also wirklich Geheimnisse vor mir haben, mein neuer namenloser Freund?«
Es war wieder einmal Zeit, ein gewisses Risiko einzugehen. Ich ließ den Schattenblitz meine Hand und allmählich auch meinen ganzen Arm umwandern, als wäre der Zauber eine Schlange, die an mir empor kroch. »Wenn sie meinem Überleben dienen, immer.«
Blackweavers Lächeln wurde eine Spurt breiter. »Du bist nicht mein alter Attentäter, nicht wahr?«
»Schwer zu sagen, nicht wahr?«
Er lachte. Dieses Mal klang es tatsächlich belustigt, und mein Herz machte einen kleinen Sprung. »Nun, wie du dir sicher denken kannst, würde mich interessieren, wie deine… Verwandlung möglich ist. Und mich würde interessieren, wer du vorher gewesen warst.«
»Ein Priester des Lichts«, gab ich knapp zurück. »Was meine zweite Seele ist, wisst Ihr selbst ja am besten.«
»Natürlich. Natürlich…« Blackweaver strich sich nachdenklich über sein Kinn, und seine Augen bohrten sich dabei regelrecht in die meinen. Wenn er versuchte, etwas darin zu lesen, würde er sehr schnell enttäuscht sein: Ich starrte ihn nur ausdruckslos an, denn ich war in der Zwischenzeit beschäftigt, meinen Willen zu sammeln und Gregor wieder aus meinem Geist zu vertreiben. Jedes Mal, wenn ich die Grenze zwischen uns suchte, konnte ich regelrecht spüren, wie er zurück zuckte und Angst vor meiner Berührung hatte, als ob ich ihm schaden würde. Es war, als würde ich das Ende eines unendlich langen Seils suchen.
»Du bist nicht der Erste«, murmelte Ismael nach einer Weile.
Die Worte rissen mich regelrecht ins Diesseits zurück. Der Schattenblitz fing an zu zischeln, als würde die Schlange sich bereit machen, ihre Zähne in ein Opfer zu versenken.
»Was wisst Ihr darüber?«, presste ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Wut und Zorn fluteten durch mich und erfüllten jeden Winkel meines Geistes. Ich war mir nicht sicher, ob es der meine oder Gregors war.
»Es war ein sehr altes Projekt. In Zeiten, als ich und Zacharias noch nicht um jenen Posten stritten, den ich jetzt innehabe. Wir überlegten damals, ob es wohl möglich sei, magische Begabung in einen kampferprobten Körper zu verfrachten. Wir versuchten also herauszufinden, wie die Seuche funktionierte, die der Lichkönig Arthas über das Land gebracht hatte.
»Natürlich fanden wir nichts Vernünftiges heraus. Zu viele Apotheker versuchen sich an diesem Thema, ohne jemals etwas Bemerkenswertes zustande zu bringen. Also kamen wir auf die Idee, es mithilfe der Nekromantie zu probieren. Wir konnten logischerweise nicht zu irgendeinem beliebigen Untoten gehen, also schickte ich einige Leute aus, um mir eine Nekromantin zu fangen, egal woher.«
»Die alte Magda.«
Das Lächeln auf den Lippen des Untoten wurde breiter. »Ein wirklich lustiger Zufall. Alt war sie damals nicht. Aber sie war froh, mir helfen zu dürfen, solange ich dafür Elias etwas enger an seiner Leine hielt. Wir erschufen also Seelensteine, setzten sie in die Leichen von Gefallenen ein und hofften darauf, dass die Seuche den Rest tun würde. Aber wenn einmal einer aufstand, war er vom Wahnsinn zerfressen. Unsere Experimente sabberten nur vor sich hin, und wir konnten nicht einmal feststellen, ob eine von den beiden Seelen Kontrolle hatte.«
Gemächlich stand Blackweaver auf, umrundete den Tisch und blieb direkt vor mir stehen. »Ich habe kein Interesse mehr an Geschöpfen wie dich, mein Freund. Die Tage meiner Forschungen sind gezählt. Ich habe erreicht, was ich wollte. Aber mein alter Partner scheint seine Ambitionen noch immer nicht aufgegeben zu haben. Womöglich sollte ich etwas dagegen unternehmen.«
Er musste nicht mehr sagen. Ich nickte nur. Das Zeichen genügte Blackweaver, denn er drehte sich wieder um, setzte sich an seinen Tisch und schlug sein Buch auf.
Gerade, als ich mich der Tür zuwandte und die Hand bereits auf der Klinke hatte, räusperte sich der oberste Magier Undercitys noch einmal. »Warum hast du Elias eigentlich getötet?«
Ich öffnete die Tür, bevor ich mich noch einmal halb umdrehte und den Magier offen anschaute. Der Hass, der in meinem Blick lag, der mich bei dem bloßen Erwähnen des Namens dermaßen erfüllte, dass ich am liebsten laut geschrien hätte, ließ seine Miene regelrecht versteinern.
»Ich halte meine Versprechen.«

Bearbeitet von Al Fifino, 30 January 2014 - 10:33,

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#46 Acid_1

Acid_1

    Metalhead

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Geschrieben: 30 January 2014 - 18:20

Na denn.

Immer schön weiterschreiben. :victory:
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#47 the chinese

the chinese

    Pain is temporary, Victory is forever

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Geschrieben: 08 February 2014 - 18:06

Schön schön, keine sorge ich bein meistens nur stummer Leser, aber du hast noch deine Stammleserschaft :)
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#48 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 15 March 2014 - 10:31

Kapitel 21 – Was bedeutet schon ein Leben

Ich hastete den Kanal entlang, immer in Richtung des Apothekerviertels. Ich musste nicht einmal auf den Weg achten. Meine Beine wirbelten regelrecht unter mir, während ich die Straße entlang rannte. Ein Blick in mein Gesicht reichte, um die meisten Untoten zur Seite weichen zu lassen.
Es war nicht einfach, mir selbst klar zu werden, was ich eigentlich gerade fühlte. Schlimmer noch, ich konnte nicht sagen, wer gerade eigentlich was fühlte. Erinnerungen fluteten auf mich ein, Bilder von vergangenen Tagen, verschwommen wie trübes Sumpfwasser und dann wieder klar wie ein Gebirgsbach. Und in alledem formulierte ich Gedanken, die sich darum rankten, wie ich von mir selbst loskommen konnte, und dass das nicht ich war, der gerade nachdachte. Ich war eins geworden, aber ich wollte unbedingt wieder zweisam sein.
Ich war nahe daran, mich selbst für komplett verrückt zu erklären, hätte ich nicht gewusst, dass ich auf seltsame Art und Weise Recht hatte. Gregors Seele war irgendwie mit meiner verschmolzen, vielleicht wegen des Gefühlsausbruchs, in dem wir uns so nahe gewesen waren wie wohl selten. Noch immer rasten Wut und Hass durch meine Adern, peitschten mich an und ließen mich sogar immer wieder kurzzeitig vergessen, dass etwas nicht mit mir stimmte. Und jetzt rauschten wir – oder ich – dahin, um jenen zu töten, der uns diesen ganzen Mist angetan hatte.
Dennoch verbrachte ich einen Großteil der Zeit, die ich unterwegs war, mit dem Versuch, mich selbst wieder zu beruhigen. Meine Gedanken fingen an, von dem seltsamen Geschehen abzuschweifen und sich stattdessen mit dem bevorstehenden Mord zu befassen. Ich wusste, dass ich einen kühlen Kopf brauchen würde, wenn ich erst einmal meinem Peiniger gegenüber stand. Und selbst das würde noch keine Garantie für einen Sieg liefern. Das Beste – auch wenn es einem Teil von mir widerstrebte – würde sein, ihn aus dem Hinterhalt anzugreifen. Dummerweise war das praktisch unmöglich: das alte Gerippe verließ niemals seine vier Wände, genau aus diesem Grund hatte es mich zu seinem Sklaven gemacht.
Ich blinzelte ein paar Mal und schaute mich dann verwirrt um, als ich bemerkte, dass ich falsch gegangen war. Das Kriegerviertel tat sich vor mir auf: Kleinere Arenen, in denen untote Kämpfer ihre Künste übten und sich gegenseitig schon einmal eine Hand oder ein Bein abschlugen; leere Käfige, in denen manchmal totgeweihte Menschen oder andere Lebende steckten, die man zugunsten von Schaulustigen qualvoll in Kämpfen auf Leben und Tod sterben ließ; und natürlich Kasernen, in denen eine kleine Armee hauste, die der Bansheekönigin unterstanden. Hier hatte ich nichts zu suchen. Eigentlich hatte ich mitten durch Undercity hindurch gehen wollen, durch den Inneren Ring und auf dem direktesten Weg ins Apothekerviertel. Jetzt allerdings machte es keinen Unterschied mehr. Ich konnte genauso gut dem Kanal mit den grünen, schlackigen Fluten folgen, der sich zäh durch Undercity wandte.
Das alte Gerippe zu überraschen, würde jedenfalls nicht gelingen, es sei denn, ich brach direkt durch sein Dach ein, und das konnte nicht geschehen, ohne dabei entdeckt zu werden. Ich besaß als Waffen nur meinen Dolch und meinen Schattenblitz; beides war der Ausrüstung des Untoten unterlegen, der mit Hackebeil und Feuerkugeln um sich werfen konnte.
Nach einer Weile brummte ich nur missmutig vor mich hin. Es machte keinen Sinn, sich das Hirn darüber zu zermartern. Ich konnte mich darum kümmern, wenn es soweit war. Vielmehr hatte ich das dumpfe Gefühl, dass mir etwas sehr Wichtiges einfach entfallen war. Es hatte mit jemanden zu tun, den ich kannte, sehr gut sogar, aber sosehr ich mich auch anstrengte, mir wollte einfach nicht einfallen, was es war. Jedenfalls kam es mir so vor, als hätte ich diesen Jemanden verloren und sei zugleich näher mit ihm zusammen gerückt.
Ich war so sehr in Gedanken vertieft, dass der Schlund in der Wand, der zum Apothekerviertel führte, sehr plötzlich vor mir auftauchte. Der Anblick alleine reichte aus, um mich wieder in Rage zu versetzen. Gerade, als ich noch immer wütend weiterrennen wollte, verharrte ich mitten im Torbogen. Vieles in mir schrie geradezu danach, meinen Marsch zur Gerechtigkeit fortzusetzen; aber mindestens ebenso viel versuchte verzweifelt, mich zur Umkehr zu bewegen und erst einmal meine neue Lage zu überdenken. Ich hatte diese Ahnung, dass in den Schatten etwas lauerte und auf mich wartete, ob freundlich gesinnt oder nicht. Fast schien es mir, als wäre dieses Gefühl sogar schon die ganze Zeit über dagewesen. Außerdem stimmte irgendetwas nicht mit mir, auch wenn ich gerade nicht sagen konnte, warum genau ich dieses Unwohlsein in meiner Magengegend spürte. Es hatte irgendetwas mit dem zu tun, was vor kurzem passiert war, aber selbst das schien schon wieder lange her zu sein und entwischte meinen Gedanken wie ein Fisch, nach dem man greifen wollte. Ich konnte gerade noch eine Verbindung zwischen diesem Ereignis und Direflesh knüpfen.
Direflesh. Den Namen in Gedanken auszusprechen, war ein Fehler. Hass und Wut durchströmten mich. Meine Sicht verschwamm für einen Moment, um dann genau in der Mitte klarer zu werden und alles andere auszuschalten. Dass ich meinen Dolch in der Hand hielt und zwischen den Häusern, den aufgebauten Instrumenten und Apparaten hindurch hastete, bemerkte ich erst, als ich in kurzer Entfernung die Tür zu den Räumlichkeiten meines Erschaffers sah. Meine eigenen Schritte drangen nur gedämpft an mein Ohr, während ich darauf zu schritt, die Klinke packte und die Tür halb aus den Angeln riss, als ich sie öffnete.
Er war da. Zacharias Direflesh wirbelte herum, aufgeschreckt von meinem ungestümen Eindringen. Für einen Moment musterte er mich abschätzend, dann schnaubte er nur verächtlich, drehte sich einfach wieder um und beugte sich erneut über den Kessel in der Mitte des Raums, in dem irgendeine Flüssigkeit vor sich hin blubberte.
Drei Schritte. Mehr benötigte ich nicht, um mit erhobener Klinge direkt hinter ihm zu stehen.
»Willst du das wirklich tun? Mit all dem Gift, das in dir ist?«
Ich verharrte mitten in der Bewegung. Ich konnte hören, wie meine Zähne aufeinander mahlten, wie mein Atem stoßweise durch meine Nase drang und ich dabei schnaubte wie ein wildes Tier. Ich fixierte seinen Rücken, die Stelle, die ich durchstoßen musste, um an sein verfluchtes Herz zu gelangen, und zugleich ließ ich einen Schattenblitz meinen Arm umschmeicheln wie eine Schlange, die ihn gemächlich und faul hinauf und hinunter kroch.
»Wie geht es euch? Oder hat mein Trank endlich die Wirkung gezeigt, nach der ich schon so lange suche?«
Dieser Schlag saß. Endlich machten die vielen Tränke und Gebräue, die er mir verabreicht hatte, auch einen Sinn. Direflesh hatte mich mit irgendeinem Gift erschaffen, und mit einem weiteren Gift versuchte er scheinbar, mich zu vollkommen. Nur verstand ich für einen Augenblick nicht, was er genau meinte.
»Was soll das heißen?«, knurrte ich also, auch ein wenig verstimmt darüber, dass der verdammte Untote es nicht einmal für nötig hielt, mir ins Gesicht zu schauen.
»Das solltest du doch am besten wissen.« Sein Lachen gefiel mir überhaupt nicht. Er verhielt sich viel zu ruhig dafür, dass ich mit einem Messer und einem Zauber bewaffnet kampfbereit hinter ihm stand. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, als ich versuchte zu verstehen, was er von sich gab, aber ich kam einfach nicht darauf. Ich hatte das Gefühl, dass sich ein Seidenschleier über etwas gelegt hatte, das ich eigentlich wissen sollte. Er war durchsichtig, aber dennoch konnte ich nur sehr undeutlich erkennen, was sich dahinter verbarg, und jedes Mal, wenn ich ihn zur Seite ziehen wollte, entglitt er einfach meinen Fingern.
»Sag es mir!«, brüllte ich frustriert den Untoten an und packte ihn dabei an seiner Schulter, um ihn herum zu drehen. Sein süffisantes Lächeln brachte mich nur noch mehr in Rage. »Was hast du mit mir gemacht, du verdammter Giftmischer?!«
»Wenn du es nicht einmal mehr selbst weißt, Gregor, dann weiß zumindest ich alles, was ich wissen muss.«
Ein leises Knirschen war zu hören, verbunden mit einem Ruck, der durch meinen Bauch ging. Als ich hinunter sah, erkannte ich einen seltsam schimmernden Dolch, der bis zum Heft in meinem Fleisch steckte. Er war überaus schön gearbeitet, hatte kleine Verzierungen und auch der Griff wirkte gepflegt und umsorgt.
Voller Grimm und heimlicher Vorfreude über das Ende meines Gegenübers holte ich meinerseits aus. Dann, innerhalb eines Wimpernschlags, durchströmten mich Flammen, die heißer als Drachenfeuer sein mussten. Alles in mir zog sich zusammen, mein Schattenblitz zerbarst in tausende kleine schwarze Fetzen, und mein Dolch fiel einfach aus meiner sich öffnenden und wieder verkrampfenden Hand. Meine Ohren klingelten und sirrten, als würde ein Bienenschwarm darin hausen und wütend brummen. Alles, was ich sehen konnte, war tiefste Schwärze, und alles, was überhaupt noch an meine Ohren drang, waren die unmenschlichen Schreie, die aus meinem weit aufgerissenen Mund kreischten. Selbst meine Knochen, mein Kiefer, meine Brust, meine Zehen fühlten sich an wie unendlicher Hitze ausgeliefert.
Dann waren die Schmerzen plötzlich vorbei. Sie wurden ersetzt von einem unendlich tiefen Gefühl der Ohnmacht, aber sie war nicht gewillt, sich sanft und schützend über mich zu legen. Mein Augenlicht kehrte gähnend langsam wieder zurück, wenn auch zuerst sehr verschwommen und nur gemächlich schärfer werdend. Das Sirren in meinen Ohren hielt hingegen an, und meine Knochen schmerzten noch immer, als hätte man mich zusammen mit geschmolzenen Eisen in einen Tiegel geschmissen. Ich konnte nicht einmal mehr einen Finger bewegen, geschweige denn meinen Kopf, um zu erkennen, was gerade passiert war. Ich konnte nur erkennen, dass ich auf dem Rücken am Boden liegen musste, denn alles, was ich sah, war die schmutzige und finstere Decke.
»Hässlich, nicht wahr?«, drang eine Stimme nur leise in mir ein. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um zu erkennen, dass sie Direflesh gehörte. »Ein magischer Dolch. Sehr teuer. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht aus Versehen mit ihm schneide, denn er verbrennt jegliches Mana in dem Körper, in dem er steckt. Wortwörtlich.«
Es war schwer, seinen Worten zu folgen. Meine Gedanken trieben müde umher, unfähig, ihrem gewohnten Gang nachzugehen. Es war nicht so, als ob sie in Unordnung geraten wären; vielmehr fehlte ihnen einfach die Kraft, um ihre Bahnen zu ziehen. Dennoch, mit ungeahnter Geduld und scheinbar nur darauf erpicht, erreichte einer mein inneres Auge und ließ mich wissen, dass Direflesh mich Gregor genannt hatte.
Das war nicht mein Name.
Das Seltsame war, je angestrengter ich darüber nachdachte, wie ich eigentlich hieß, desto mehr spürte ich, dass ich es schlichtweg nicht wusste. Es war wie aus meinem Gedächtnis getilgt. Und je länger ich in meinen Erinnerungen forschte, desto mehr wurde mir bewusst, dass etwas mit mir nicht stimmte, denn die Erinnerungen fühlten sich falsch an. Sie waren die meinen, kein Zweifel; aber dennoch konnten sie gar nicht aus mir kommen.
Ich blinzelte kurz, als ich Direfleshs hässliche Fratze erkannte, die über mir schwebte. »Zeit, dieses kleine Experiment zu beenden. Es war mir eine Freude, Gregor.«
Die hässliche Klinge hob sich erneut, bereit, mir ins Auge zu stechen. Ich konnte nichts anderes tun, als meinen ehemaligen Lehrmeister und Sklavenhalter mit der größten Verachtung anzuschauen, die ich noch zustande brachte.
Ein schwarzer Schatten schoss hervor und riss den Untoten einfach mit sich. Der überraschte Schrei des Untoten übertönte sogar das Sirren und Brummen, und gleich darauf wandelte er von Überraschung zu Schmerzen, die wie Musik in meinen Ohren klang. Allerdings währte sie für meinen Geschmack viel zu kurz, denn sie stoppte einen Augenblick später und sehr abrupt.
Ich musste lächeln. Was auch immer der Schatten vorhatte, war mir völlig egal. Direflesh war tot. All die mächtigen Gefühle, die sich in mir aufgebaut hatten, ebbten nun ab und verschwanden einfach aus meinem Gemüt. Es wurde leichter, klar zu denken, und ich bemerkte endlich das Nagen in meinem Hinterkopf. Der Schleier lag in meiner Hand, ich musste ihn nur noch hinfort ziehen.
Und genau das tat ich.
Die Stimme, die in mir schrie, ließ mich aufschrecken und gequält stöhnen. Sie verstummte wieder, aber war nicht völlig fort, sondern brabbelte ununterbrochen auf mich ein. Je länger sie das tat, desto besser konnte ich sie verstehen und desto mehr spürte ich, wie sich etwas auseinander zog.
Endlich kam die Erkenntnis, die Erinnerung. Wir hatten nie Eins sein wollen. Gregor kämpfte mit allem, was er hatte, dagegen an, und jetzt, da ich allmählich erkannte, was vor sich ging, entließ ich ihn einfach aus meinen Klauen.
Es fühlte sich tatsächlich so an, als würde ich auseinander gerissen werden. Keine Schmerzen waren damit verbunden, aber unendliche Trauer darüber, dass es geschehen musste. Es fühlte sich schlichtweg falsch an, und ich hatte die unerklärliche Befürchtung, dass der Schmerz noch nachkommen würde.
»Was, bei allen Höllen -«, hörte ich Gregor durch meine Lippen sprechen, bis er einfach abbrach. Ich musste nicht einmal überlegen, warum er das tat: eine riesige, schwarze Pfote lag auf meiner Brust. Ich musste mit den Augen nur dem Bein hinauf folgen, um zu erkennen, dass sie zu einer ebenfalls pechschwarzen Wildkatze gehörte, die mich aus kristallblauen Augen anstarrte. Schwarzes Blut tropfte von den Fängen, und es wurde klar, was Direflesh gerade umgebracht hatte.
Ich brauchte eine Weile, um überhaupt zu begreifen, was da halb auf mir thronte. Dann schluckte ich nur schwer. »Ich werde mein Versprechen wohl nicht halten können.«
»Wenn das deine einzige Sorge ist, musst du als glücklicher Mann sterben.«
Ich wollte lachen, aber es reichte nur für ein klägliches Hüsteln. Dann schloss ich die Augen, wartete auf das Unausweichliche und hoffte nur noch, dass das Licht mir noch einigermaßen wohlgesonnen sein würde.
»Wenn du jetzt schlafen willst, dann beiße ich dir deine Nase ab.«
Wir schwiegen beide. Nicht genug, dass wir bis eben noch eine gemeinsame Seele gebildet hatten und noch immer nicht wussten, wie das überhaupt geschehen war; jetzt hörten Gregor und ich auch noch Stimmen, die uns nicht gehörten.
»Ich meine es ernst.«
Tatsächlich öffnete ich meine Augen. Und ich schrie voller Schrecken auf, als ich mitten in die blauen Augen des Tiers starrte. Die feuchte Nase des Panthers berührte fast die meine, und zu meinem Entsetzen schien das Wesen zu grinsen, soweit es ihm mit seinem zahnbewehrten Maul eben möglich war.
»Ich war mir nicht sicher, ob ich dich hier auffinden würde«, brummte die Wildkatze mit einer gewissen Zufriedenheit, während sie von mir abließ und ein wenig durch den Raum stromerte, mal dieses und mal jenes beschnüffelte, als wäre es das Normalste auf ganz Azeroth. »Jedenfalls konnte ich das verdammte Gerippe nicht einfach sein Werk vollenden lassen. Untote mögen nicht viel davon halten, aber ich begleiche meine Schulden.«
Ich schaffte es inzwischen immerhin, meinen Kopf ein wenig zu heben, so dass ich das wunderschöne und zugleich äußerst bedrohlich wirkende Tier verfolgen konnte. »Wer oder was bist du?«
Die Katze stellte ihre Ohren auf, als sie mich mit einer Mischung aus Neugier und Verschmitztheit anschaute. Zumindest glaubte ich, das in den raubtierhaften Zügen zu sehen. »Du kennst mich nicht?«
»Doch«, brummte Gregor mit unverhohlener Feindseligkeit aus mir hervor. Noch ehe ich ihn fragen konnte, schickte er mir bereits eine Erinnerung: Ein Pfahl in Schatten und Dunkelheit gelegen, an dem eine menschliche Gestalt gebunden war, und etwas, das sich in den Schatten schmiegte und darauf zu schlich. Eine einzelne Fackel erhellte nur bedingt die Höhle, aber sie reichte aus, damit ich das Gesicht der mir zugewandten Person erkennen konnte. Es war mein Bruder im Tode.
Einen Moment später konnte ich ihm ansehen, dass er gerade mit sich rang, um nicht vor Schrecken und Panik laut loszuschreien, als der Panther aus der Finsternis hervor trat und sich gemächlich auf ihn zu bewegte. Es war dasselbe Tier, daran gab es spätestens dann keinen Zweifel mehr, als es zu grinsen und zu sprechen anfing. Ich hielt mich angespannt hinter meinem Felsvorsprung und spitzelte nur vorsichtig hervor. Dann drückte ich mich mindestens ebenso panisch an den Felsen wie es mein Mit-Totgeweihter tat, als einige Sekunden später ein dumpfes Grollen durch den Berg rollte und nach einem weiteren Augenblick der Panther an mir vorbei raste, um in der Finsternis zu verschwinden.
Den Rest der Erinnerung konnte ich erahnen, aber ich sah ihn nicht. Es war auch nicht nötig, denn was ich wissen musste, hatte ich erfahren.
»Du warst in der Höhle«, stöhnte ich, während ich versuchte, meine Finger zu bewegen. Tatsächlich glaubte ich, sogar ein wenig Bewegung in sie bringen zu können, aber ich war mir nicht ganz sicher. Mein ganzer Körper fühlte sich geschunden an. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie lange es dauern musste, bis ich mich wieder einigermaßen bei Kräften fühlen würde.
»Das ist eine lange Zeit her«, erwiderte die Katze, wobei sie wieder auf mich zu kam und sich vor mir auf ihre Hinterläufe setzte, um mich frech anzuschauen. »Weißt du nicht mehr, alter Wolf?«
Ich blinzelte überrascht, als die Erkenntnis langsam in mir dämmerte. »Aritana?!«
»Wer sonst?« Ihr langer, im Feuer schimmernder Schwanz pendelte langsam hin und her, aber ich konnte ihr dennoch ansehen, dass es der Elfe Spaß machte, mich in einem solch traurigen Zustand zu sehen. »Willst du jetzt endlich aufstehen und -«
Das Geräusch von brechender Eiche drang vom Eingang her. Mir war klar, dass jenes Holz, welches ich von der Tür übrig gelassen hatte, gerade vollkommen der Zerstörung anheimgefallen war. Allerdings erkannte ich erst ein wenig später, dass ausgerechnet der massige Taure aus der Taverne dafür verantwortlich war. Er starrte mich äußerst unversöhnlich an, und sein Kriegshammer, dessen Kopf mindestens so groß war wie ich breit, hob sich drohend.
»Nein, Sandji!«, fauchte ihn die Katze erbost an. Mit einiger Überraschung verharrte das riesige Biest und starrte sie an. »Aber Aritana, er wollte -«
»Er hat mich gerettet. Jetzt pack ihn, und lass uns schnellstens von hier verschwinden.«
»Du willst, dass ich dieses untote Gezücht auf meiner Schulter trage?!«, brüllte der Taure entgeistert. Selbst ich, der ich noch nie sonderlich viel mit diesen Wesen zu tun hatte, konnte sagen, dass er mir nicht nur misstrauisch, sondern offen feindselig gegenüber stand.
Aritana blieb jedoch unerbittlich. »Du hast mich gehört, oder nicht?« Und ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, huschte sie an ihm vorbei und in das Apothekerviertel hinaus.
Einige Sekunden verstrichen, in denen ich alles Mögliche kommen sah: der Hammer, der auf meinen Schädel niederfuhr, um ihn zu zermalmen, oder das Abwenden des stolzen Kriegers, der mich noch immer mit unverhohlenem Hass anstarrte. Dann stellte er seinen Kriegshammer jedoch ab, und eine seiner mächtigen Hände packte mühelos meinen Arm, um mich daran hochzuziehen. »Lauf gefälligst selbst«, schnaubte mein unfreiwilliger Retter.
»Wenn ich das könnte, würde ich es schon längst tun, du Auerochse«, brummte Gregor aus mir hervor. Stöhnend schloss ich die Augen, und hätte ich die Kraft gehabt, hätte ich mir wahrscheinlich selbst gegen den Kopf geschlagen. »Entschuldigt bitte«, fügte ich rasch hinzu, als das Schnauben des Kriegers lauter wurde. »Ich sage nicht immer das, was ich meine. Und so leid es mir tut, ich bezweifle, dass ich alleine laufen kann.«
Der Taure hörte sich inzwischen an wie eine ganze Stierherde, und ich bezweifelte nicht, dass er sich auch wie eine verhalten würde, wenn ich nicht aufpasste. Anstatt zu antworten, packte er mich einfach nur unter der Achsel und zog mich halb mit hinaus.
»Wartet!«, rief ich plötzlich, als mir etwas Wichtiges einfiel. »Der Dolch! Bitte, nehmt den Dolch für mich mit!«
Sein Geduldsfaden wurde zusehends dünner. Die kleinen Augen des Stiers brodelten regelrecht vor Wut, als er abwechselnd mich und dann die Klinge, die gleich neben dem leblosen Körper Direfleshs lag, anstarrte.
»Was ist jetzt?!«, hörte ich Aritana von draußen rufen. »Beeilt euch, die Wachen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen!«
»Verfluchte Tote.« Ohne Rücksicht auf meinen geschwächten Zustand schob mich der Taure einfach zur Seite und an die Wand, wo ich verzweifelt versuchte, mich an ein Regal zu klammern, um nicht einfach umzukippen. Mit wenigen Schritten war er neben der Leiche, spuckte noch einmal geräuschvoll auf sie, steckte dann den magischen Dolch in seinen Gürtel und kehrte zu mir zurück, um mich ohne viel Federlesen wieder zu packen und nach draußen zu schleifen.
Aritana war noch immer in ihrer Katzengestalt zu sehen. Sie lugte mit peitschendem Schwanz aus einer dunklen Gasse hervor, die tiefer ins Apothekerviertel und womöglich auch von dort hinaus führen mochte. »Schnell, hier rein!«, drängte sie aufgeregt, als der Taure auf sie zu stapfte und mich hinter sich her zog.
Die Finsternis verschluckte uns sofort. Auf unserer wilden Flucht, die um viele Biegungen und durch enge Lücken führte, wurden wir nicht verfolgt, zumindest nicht, soweit ich das beurteilen konnte. Dafür lernte ich sehr schnell einige Dinge über Blutelfen, die sich in Wildkatzen verwandeln konnten, und Tauren: Die Elfen sahen sehr viel besser in der Dunkelheit als die wandelnden Ochsen. Mein gezwungener Begleiter schlug sich einige Male Kopf und Hörner an der teils niedrigen Decke an und fluchte dabei leise. Außerdem lernte ich, dass man über Tauren-Krieger besser nicht lachen sollte, solange man in ihren Händen lag. Ich konnte verstehen, warum er sich über die Härte des Steins ärgerte, als er mich einmal – mit Sicherheit aus Versehen – gegen die Decke donnerte.
Nach allem, was ich erkennen konnte, folgten wir einem alten und teils baufälligen Kanal, der schon seit einiger Zeit trocken lag. An manchen Stellen kletterten wir über kleine Steinhaufen, die aus den Wänden herausgebrochen waren. An anderen wies uns Aritana an, vorsichtig aufzutreten und nichts zu berühren, um nicht von lockeren und herabfallenden Brocken erschlagen zu werden. Ich schürfte mir Beine und Arme auf, während ich erbarmungslos durch das Geröll gezogen wurde, doch auch der Taure schnaubte immer wieder, wenn sich einmal öfters seine Augen irrten und er an einem Stein entlang schabte. Er nahm es mit kriegerischer Ausdauer und Konstitution. Ich ließ es mit einiger Verzweiflung und Kraftlosigkeit geschehen.
Das flackernde Fackellicht kam so plötzlich, dass nicht nur der Taure die Augen zusammenkneifen und sie abschirmen musste. Ich hatte damit gerechnet, noch sehr viel länger durch die Finsternis zu irren, immer darauf angewiesen, dass die Wildkatze wusste, wohin sie wollte.
Umso überraschter war ich, als ich den groben, grinsenden Kopf von Gordo erkannte, der einige Meter über mir auf seinem unförmigen Körper saß. »Du da. Du sicher. Schön.«
Ich schaffte es gerade noch, ein Lächeln zusammen zu bringen, bevor ich unwirsch weitergeschleift wurde. Noch ehe ich protestieren konnte, hörte ich schon das Knarren und Quietschen alten Stahls, und erst jetzt fiel mir auf, dass wir knöcheltief durch dreckiges Wasser wateten. Es stank nach Fäkalien und verrottetes Laub. Und von irgendwoher hinter uns kamen aufgebrachte Rufe und das Scheppern von Rüstungen.
Ohne Rücksicht wurde ich von dem tief gebückten Tauren durch ein enges Gitter gezogen, dessen Tür, ebenfalls aus allmählich verrostenden Stahlstäben bestehend, hinter uns zugeschmissen wurde. Aritana schmiegte sich dicht an die Stäbe und fragte gerade eindringlich: »Du weißt, was du zu tun hast, Gordo?«
Das dümmliche Gesicht leuchtete geradezu auf, als es nickte. »Niemand durchlassen.«
»Niemanden durchlassen?«, wiederholte ich lahm. Alles in meinem Körper mochte schmerzen, aber mein Hirn war davon nicht beeinträchtigt. Das Scheppern der Rüstungen war bereits näher gekommen, und nach dem, was wir verbrochen hatten, war es nicht schwer zu erraten, wen ihre Träger gerade suchten – und vor allem, an wen sie als nächstes vorbeikommen würden.
»Gordo -«, fing ich noch an, aber dann blieb mir die Luft weg, als mich der Taure einfach an der Gurgel packte und mitschleifte. Aritana war schon wieder weiter nach vorne in die Halbdunkelheit gehüpft, die nur ab und an von einer einsamen, halb heruntergebrannten Fackel erleuchtet wurde. Niemand kam hier des Öfteren vorbei, das war sofort ersichtlich.
Wir waren noch keine fünfzig Schritt weit gekommen, als hinter uns teils panische, teils wütende Rufe laut wurden. »Das sind sie!« vermengte sich mit »Aus dem Weg, du fetter Trottel!«. Alles wurde jedoch von der rumpelnden und mächtigen Stimme Gordos übertönt, als er brüllte: »Niemand durchlassen!«
Gespenstische Stille machte sich daraufhin breit, die nur durch das Schnaufen des Tauren und dem Platschen des Wassers, wenn seine Hufe darin auftrafen, unterbrochen wurde. Ich konnte in der Entfernung und dem schwachen Licht nur noch die vielen Schemen erkennen, die teils von der massigen Gestalt der Monstrosität verdeckt wurden. Dann glaubte ich zu sehen, wie sich eine der Gestalten an dem dicken Wächter vorbeizustehlen versuchte.
Gordo war vieles, aber sicherlich nicht unaufmerksam. Kaum dass die Gestalt ihre Hand ans Gitter legte, fuhr eine der Fäuste auf sie nieder und schlug sie einfach zu Boden. Nicht einmal ein Schrei drang den Gang hinauf, so schnell kam die Attacke.
Dafür zogen all jene, die sie noch nicht in der Hand hatten, wie ein einziger Mann ihre Schwerter aus den Scheiden. Gordo schmiss ihnen noch einmal seine Parole, »Niemand durchlassen!«, an den Kopf, bevor er sich mit animalischen Gebrüll auf sie stürzte und wie eine Naturgewalt durch die untoten Wachen pflügte, dort einen Widersacher packte und ihn wild um sich schlagend und panisch schreiend auf die anderen warf, woanders Schädel unter seinem mächtigen Hieben zermalmte und auch vor Rüstungen und Helmen nicht Halt machte.
Dann wurde ich um eine Biegung geschleift, und alles, was ich von dem tobenden Kampf mitbekommen konnte, waren die immer leiser werdenden Schreie.
Meine Hände tasteten an dem Tauren entlang, der bereits argwöhnisch zu schnauben anfing, bis ich endlich fand, was ich suchte. Meine Hand umklammerte fest den Griff des Dolchs, als ich ihn ruckartig über die Pranken zog, die meinen Hals gefangen hielten.
Tatsächlich schrie der Stier überrascht auf und lockerte seinen Griff gerade genug, dass ich meinen Kopf herausziehen und nach Luft schnappen konnte. Irgendwo nur ein Stück vor mir sah ich Aritana, die perplex stehen geblieben war und deren Schwanz jetzt umso unruhiger hin und her zuckte.
»Dieser Bastard hat mich geschnitten -«
»Wir müssen Gordo helfen!«, unterbrach ich den Tauren mit einer solch klaren Stimme, dass ich selbst für einen Moment verwundert darüber war. »Er wird von ihnen in Stücke geschlagen! Er -«
»Er ist das Einzige, das die Wachen aufhält, um uns die Flucht zu erkaufen«, knurrte Aritana zurück. »Also halt deine Klappe und halte uns nicht unnötig auf. Sandji, pack ihn und lass uns endlich aus dieser verfluchten Stadt verschwinden -«
»Wir können ihn nicht einfach zurück lassen!«, protestierte ich lautstark und schlug mehr schlecht als recht die Pranke zur Seite, die bereits nach mir griff, wobei ich fast in die ekligen Fluten stürzte, die sich um meine Knöchel herum wandte. Ich stand zitternd auf meinen Beinen, aber die Wut, die mich gerade durchströmte, gab mir Kraft.
Innerhalb eines Wimpernschlags stand die Raubkatze direkt vor mir und starrte mich aus ihren saphirblauen Augen bedrohlich an. »Das verdammte Monstrum wird sie gerade genug aufhalten, dass wir verschwinden können, es sei denn, du dummes Stück totes Fleisch hältst uns länger auf!«
Unsere Blicke kreuzten sich und hielten sich gegenseitig gefangen. »Und dass er stirbt, ist dir gleich?!«
Der Taure nahm den Augenblick wahr, um mich wie ein Schraubstock am Arm zu packen und weiterzuziehen. »Er ist ein verdammter Haufen aus Leichenteilen! Er war schon immer tot!«
»Aritana, sag deinem gehörnten Sklaven, er soll sein breites Maul halten, oder das Licht selbst wird ihn nicht mehr zusammenflicken können, wenn ich mit ihm fertig bin!«
»Wieso? Er hat Recht«, gab sie vollkommen ruhig zurück, während sie neben mir her tapste. »Und außerdem lässt er sich freiwillig von ihnen zu kleinen Scheiben schlagen. Er -«
»Freiwillig? Für dich?«, unterbrach ich sie voller Hohn, während ich den erbeuteten Dolch hastig in meinen Gürtel steckte, um ihn nicht auf meiner erzwungenen Flucht zu verlieren. »Du konntest ihn doch nie wirklich leiden, du Hure! Was hast du ihm erzählt? Dass er mir einen großen Dienst erweisen wird?«
»Genau das«, erwiderte sie eiskalt.
»Und welchen Dienst erweise ich dir gerade? Warum lässt du mich von diesem übergroßen Stier durch die Gegend tragen?«
»Das wirst du noch früh genug erfahren. Und jetzt halt deine Schnauze, oder Sandji stopft sie für dich.«
Das Grinsen, das bei diesen Worten über die Züge des Tauren huschte, ließ mich nur noch wütender werden. »Ausgerechnet du Fettsack hast zu lachen, hm? Ist ja nur ein unnatürliches Wesen, das da gerade sein Leben für deinen fleckigen Arsch hingibt, nicht wahr? Du musst genauso verblödet sein wie Gordo, aber wenigstens hat er Mut!«
Als der Taure seinen Kriegshammer abstellte, seine nun freie Hand zur Faust ballte und aufzog, wusste ich bereits, was auf mich zukam. Es war mir vollkommen gleich. Ich brüllte noch einen letzten, saftigen Fluch, der mit gebratenem Steak zu tun hatte, bevor der Aufschlag alles auslöschte.
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#49 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 05 April 2014 - 15:14

Kapitel 22 – In wärmere Gefilde

Das erste, das ich hörte, als ich aufwachte, war lautstarkes Dröhnen überall um mich herum. Es war stockdunkel, selbst meine Augen konnten absolut nichts erkennen, aber das Dröhnen bohrte sich in meinen Schädel und ließ die Kopfschmerzen, die ich – zum ersten Mal, seit ich denken konnte – spürte, regelrecht anschwellen.
Als ich versuchte, mir an den Kopf zu fassen, bemerkte ich, dass meine Hände gefesselt waren. Jemand hatte sich die Freiheit genommen, mich in meiner Quasi-Ohnmacht kampfunfähig zu machen. Ich war beileibe nicht ohnmächtig gewesen, obwohl der Schlag des Tauren das Einzige war, woran ich mich noch klar erinnern konnte. Alles danach war äußerst verschwommen und Laute waren nur dumpf und fast nicht vernehmbar an meine Ohren gedrungen. Dunkelheit war von helleren Flecken abgelöst worden, und das Dröhnen, das mir gerade den letzten Rest Verstand raubte, war schon damals da gewesen, jedoch mit der Zeit stetig lauter und lauter geworden. Wie viel Zeit genau vergangen war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen.
Für einen Moment flogen meine Gedanken zu dem Hünen, der jetzt vermutlich keiner mehr war, sondern von unzähligen Schwertern und anderen Waffen zermalmt. Gordo hatte etwas Treuherziges gehabt, eine Wesensart, die ich in keinem anderen Untoten hatte finden können – außer in mir. Erst jetzt erkannte ich, dass sich nicht nur Freundschaft, sondern eine Art Seelenverwandtschaft zwischen mir und dem grotesken Riesen gebildet hatte. Zu wissen, dass diese Verbindung nun durchschnitten war, versetzte mir einen Stich, der schmerzhafter nicht hätte sein können.
Kaum dass sich meine Gedanken in Richtung Aritana bewegten, erkannte ich jedoch, dass es durchaus schlimmer werden konnte. Ich hatte der Blutelfe vertraut. Ich hatte sie gerettet, vor einem Teil meiner Selbst. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes mit mir selbst gerungen und nur für sie gesiegt, damit sie am Leben blieb; ich hatte sie vor dem Hackebeil des verhassten Untoten gerettet, den sie am Ende scheinbar mühelos vernichtete. Die Frage, warum sie nicht schon damals einfach ihre Katzengestalt angenommen und ihn zerfleischt hatte, drängte sich auf, und ich hatte keine Antwort. Ich hatte nur das Gefühl brodelnden Hasses in meiner Magengegend, und ich verstand allmählich, warum Gregor die Lebenden und insbesondere die Blutelfe hasste. Ich konnte mich verstellen und sogar tatsächlich so etwas wie ein echter lebender Toter sein, aber schlussendlich betrachtete mich jeder doch nur als einen Untoten, als ein gierendes, hirnloses Ungeheuer. Genauso wie Gordo, der so viel mehr war als ein Haufen toten Fleischs.
Und jetzt war ich also ein Gefangener.
Es fühlte sich schlecht an. Wehrlos, dazu verdammt, alles über sich ergehen lassen zu müssen, das da kommen mochte. Bisher hatte es immer eine Fluchtmöglichkeit gegeben, einen Weg, der noch so ausweglos und verrückt erschienen war. Aber jetzt saß ich hier in der Dunkelheit und wartete.
Ich sammelte meine Gedanken, die für einen Moment frei in alle möglichen Richtungen davongeflogen und mit den düstersten Vermutungen zurückgekehrt waren. Die Vergangenheit lag irgendwo hinter mir und würde nicht mehr zurückkommen – zum Glück. Es galt, das Beste aus dem zu machen, was auf mich zukam.
Dummerweise hätte ich nicht einmal den hünenhaften Tauren gesehen, wenn er nur zwei Meter von mir entfernt stehen würde. Verunsichert schaute ich mich um. Abgesehen von zwei Schemen zu meinen beiden Seiten konnte ich nichts erkennen. Nach einer probehaften Berührung mit meinem Kopf und einer etwas härteren Kopfnuss war ich mir sicher, dass ich zwischen einigen Holzkisten lag. Warum es deshalb in diesem Raum so dunkel war wie die verfluchte Seele von Aritana, blieb mir ein Rätsel.
Jedenfalls hatte ich nicht vor, einfach still liegen zu bleiben und darauf zu warten, dass man mich holte. Ich rutschte ein wenig hin und her, kratzte dabei über den ebenfalls hölzernen Boden und versuchte, das unheimliche Dröhnen und Knattern zu ignorieren, was nur mäßig gelang. Aber ich schaffte es immerhin, mich fortzubewegen und über die Dielen zu kriechen wie ein Wurm, der sich im Staub wandte.
Irgendetwas war in der Dunkelheit zu erkennen. Es mochte eine Tür sein; es konnte genauso gut ein fetter, träger Bär sein, der darauf wartete, dass ich nahe genug zu ihm gekrochen war, um mich in einer faulen Bewegung zu packen und zu fressen.
Allerdings kannte ich keinen Bären, der mich mit polternder Stimme und mühelos den Lärm übertönend anschnauzte, gerade, als ich dem Schemen verdächtig nahe gekommen war. Ich machte erschrocken einen Satz nach vorne und knallte prompt gegen etwas, das noch viel härter war als Holz. Meine Kopfschmerzen wurden noch stärker, falls dies denn überhaupt möglich war, während ich mich ächzend herum rollte und es nach einigen Versuchen schaffte, mich auf meine Knie zu setzen.
Etwas starrte mich an. Ich konnte es nicht einmal undeutlich sehen, aber ich konnte es fühlen. Ich wusste, dass es etwas Lebendes war, denn mein Magen fing an zu grummeln, in einem tiefen, bedrohlichen Ton. Das Wort »Hunger« hallte in meinem Kopf, und ein dümmliches Grinsen schlich sich auf meine Lippen. Es war schon wieder einige Zeit her, seitdem ich das letzte Mal Fleisch gegessen hatte. Und je länger es dauern würde, desto stärker würde das Gefühl werden. Dann der Hass. Und dann das Schlemmen. Es war erschreckend, wie einfach und banal ich jetzt darüber denken konnte. Es ekelte mich natürlich noch immer an, allein der Gedanke ließ mich erschauern. Aber tief in mir wusste ich zugleich, dass ich – nicht Gregor, ich – mich auf den Moment freute.
Stangen verliefen direkt vor meiner Nase von oben nach unten; Gitterstäbe, um genau zu sein, zu eng aneinander, als dass man sich hätte durchquetschen können, und doch gerade weit genug, dass man es versucht hätte, wenn man verzweifelt genug war. Mein Gegenüber, der noch immer in der Finsternis vor sich hin grummelte und mich beobachtete, schien noch nicht verzweifelt genug zu sein.
»Ein Zwerg«, stöhnte Gregor leise. »Was zur Hölle macht ein Zwerg hier?«
Mein Grinsen gefror zu einer manischen Maske. »Ich wäre schon froh, wenn ich überhaupt wüsste, wo hier ist«, entgegnete ich steif. »Bist du dir sicher, dass es ein Zwerg ist?«
»Ich war für einige Zeit in Ironforge, bevor ich… verstarb.« Er lachte verbittert. »Glaub mir, ich erkenne ihre Sprache. Ich verstehe sie zwar nicht Wort für Wort, aber wenn dich ein Zwerg vor der halben Stadt herunter macht, nur weil du einen Schluck Bier verschüttet hast, dann -«
»Schon gut«, brummte ich missgelaunt, während ich versuchte, durch die Dunkelheit zu spähen und das vermutlich bärtige Gesicht des Gefangenen auszumachen.
»Du scheinst nicht gerade erfreut, von mir zu hören.«
»Warum sollte ich auch?«
»Ich hatte dich vor der Elfe gewarnt«, erwiderte Gregor mit einer gewissen Spitzfindigkeit in der Stimme. »Es gibt einen guten Grund, warum ich sie tot sehen wollte. Man konnte ihr schon damals nicht trauen, als ich noch meine Finger selbst bewegen konnte und nicht um Erlaubnis fragen musste.«
»Du musst nicht um Erlaubnis fragen!«, entgegnete ich aufgebracht.
»Und jetzt hat sie dich verraten. Was für ein Wunder! Sie hat deine naive Gutmütigkeit ausgenutzt und dafür deinen einzigen wahren Freund geopfert. Ich fühle mit dir, wirklich!«
»Ach ja? Du hättest Gordo also nicht als lebendes Schutzschild verwendet?«
»Doch, natürlich! Aber ich hätte ihn vorher mit entflammbaren Öl benetzt und angezündet, bevor ich gegangen wäre. Weißt du, wie lange so eine Monstrosität überlebt, obwohl sie komplett in Flammen steht? Es macht ihnen rein gar nichts aus, auch wenn sie dann so verrückt werden wie eine Schafsherde, die einen Wolf sieht. Aber umso besser! Mehr Verwirrung, mehr Zeitgewinn -«
»Ich hätte Gordo bitten sollen, mich einfach zu erschlagen«, brummte ich voll Bitterkeit, während ich mich umschaute. »Wenn du schon nichts Besseres zu tun hast, als mich niederzumachen, kannst du wenigstens dabei nach einem Messer oder einer Glasscherbe oder irgendetwas scharfen suchen?«
»Ich hätte nicht gedacht, dich daran erinnern zu müssen, aber ich sehe genauso viel wie du, mein namenloser Freund.«
Direkt neben mir brüllte etwas mit der Lautstärke eines aufgebrachten Löwen in mein Ohr. Ich verstand nur die wenigsten der Worte, und mir wurde im selben Augenblick klar, dass nicht ich, sondern Gregor es war, der sie verstand. Was er zusammensetzen konnte, war »Madenfresser«, »Axt« und einige Verwünschungen, die er lieber für sich behielt.
Dann drang eine andere Stimme in den Raum. Sie war so leise, dass sie beinahe von dem uns umgebenden Lärm verschluckt wurde, aber sie klang sanft, zart, beinahe schon freundlich. In jedem Fall eine willkommene Abwechslung zu dem wütenden Bündel Muskeln, das irgendwo hinter den Gitterstäben in seinen Bart hinein grummelte, unstet umher stiefelte und seine Wut nur schwer unter Kontrolle hielt.
Die neue Stimme gehörte einer Frau, und sie schien genau aus der entgegengesetzten Richtung zu kommen, in die ich gekrochen war. Gregor stöhnte schon wieder auf, aber ich musste nicht erst auf seine Befürchtung warten, um sie selbst auszusprechen: »Eine Nachtelfe.«
»Wo sind wir hier gelandet?!«, beschwerte sich der Untote, nun selbst äußerst verstimmt. »Wir werden von einer Blutelfe und ihrem handzahmen Stier gefangen genommen und niedergeschlagen, nachdem sie uns gerettet haben, und jetzt sitzen wir in einer finsteren hölzernen Zelle mit lauter Allianz-Abschaum um uns herum?«
Aber ich hörte ihn gar nicht. Gregor war zu sehr damit beschäftigt, sich aufzuregen, als dass er bemerken konnte, wie gerade eine Flut von Wörtern auf mich einströmte und mich mit sich riss. Sie sahen allesamt sehr fremdländisch aus, sie klangen auch so, und doch hatten sie eine Melodie in sich, einen eigenen Rhythmus, der nicht wie von dieser Welt sein konnte.
»Elune-adore«, sagte ich ruhig.
Stille legte sich über uns. Der Zwerg hatte aufgehört, in seiner Zelle hin und her zu scharren, und schien zu lauschen. Das Einzige, das nicht verstummte, war das Dröhnen und Knarren von außen, doch selbst dieses schien schwächer zu werden. Tatsächlich wurde es schwächer, je länger die absolute Stille anhielt, bis es eine letzte, empörte Explosion gab und das Knarren endgültig verschwand. Nichts war mehr zu hören.
Abgesehen natürlich von der Stimme in mir, die jetzt ein wenig aufgeregter als vorher »Hunger!« murmelte.
»Fandu-dath-belore?«, durchbrach die Stimme das Schweigen. Misstrauen schwang in ihr mit, so dick wie die Arme jenes Wesens, das mich in Undercity niedergestreckt hatte.
»Ish'nudorei, Dune'adah.«
Wieder beherrschte Schweigen den Raum. Allerdings war es dieses Mal kein Angehöriger der Allianz, der es durchbrach, sondern Gregor. »Was tust du da?!«, wisperte er voller Abscheu, aber doch leise genug, dass es nur ich hören mochte. »Das ist der Feind, mit dem du sprichst! In seiner eigenen Sprache!«
»Ich war selbst einst der Feind. Du warst einmal dein eigener Feind.«
»Das zählt nicht! Sie sind Lebende! Sie hassen uns! Und außerdem, Kind des Friedens?! Was soll das -«
»Gregor, halt die Schnauze.«
»Shindu fallah na. Dor-nae ishnu-alah, darethdorei.« Die Nachtelfe wirkte gefasst, aber auch ein wenig gereizt und vor allem ziemlich angeekelt.
»Siehst du? Sie hat dich sofort durchschaut.« Gregor klang recht selbstzufrieden, auch wenn ich nicht so recht verstehen konnte, warum. »Und wir sollten auch nicht friedlich mit ihr umgehen, wir sollten ihre verdammte Kehle aufschlitzen -«
»Darethdorei dor ronae«, erwiderte ich vorsichtig. »Ashra thoraman?«
»Du willst ihren Namen erfahren? Wozu?! Er wird ihr nichts bringen, wenn sie in ihrem eigenen Blut erstickt und -«
»An'duna«, kam es bestimmt zur Antwort. »Dein Darnassian gut«, fügte sie mit eiskalter Stimme hinzu. »Dreckig durch Mund von darethdorei. Doch gut.«
Gregor schwieg fassungslos. Nicht genug, dass ich die Sprache der Nachtelfen beherrschte, und scheinbar deutlich besser als er – er hatte meine Gedanken durchsuchen müssen, um die Bedeutung der meisten meiner Worte zu verstehen – die Nachtelfe in der Zelle verstand auch noch die Gemeinsprache. Wir beherrschten sie natürlich auch; sie war jene Sprache gewesen, mit der ich als Mensch und Priester am öftesten hatte umgehen müssen, und die Gossensprache Undercitys war nichts anderes als ein mit Stöhnen, Grunzen und Zungenschnalzen angefüllter Dialekt davon. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
»An'duna. Wo sind wir?«
»Du Wache?« Ihre Stimme klang noch immer voller Abscheu, voller Hass auf das Tote, aber dennoch einen Hauch unsicher. Sie hatte mir zwar nicht abgenommen, ein ish'nudorei, ein Kind des Friedens zu sein, aber ich musste einen gewissen Eindruck mit meinen Kenntnissen über ihre Sprache hinterlassen haben. Woher sie kamen, wusste wenn überhaupt das Licht.
»Ich bin ein Gefangener, An'duna. Genau wie du.«
»Hah! Gefangener?! Ich lache!« Und tatsächlich erschallte ein lautes, langgezogenes und, so ganz alleine, recht peinliches Lachen aus dem Mund des Zwergs, der sich wieder an die Gitterstäbe herangewagt hatte. »Er Feind, Spitzohr! Nichts sagen!«
»Haret kor, Dur'Gar.«
Der Zwerg verstummte abrupt, als Gregor ihn in seiner Zunge einen Fettsack nannte.
»Danke«, murmelte ich leise.
»Ich hasse Zwerge.«
»Du hasst alles, was nicht stinkt wie eine Leiche.«
»Warum Gefangener?«, fragte An'duna. »Nicht hinter Gittern.« Sie tastete sich mit ihren Fragen vorsichtig nach vorne, und sofort schöpfte ich ein wenig Hoffnung. Ein Gefängnisausbruch bedurfte einiger Dinge, und das Wichtigste war, dass man nicht nur auf sich selbst angewiesen war. Wenn ich aus meiner verzwickten Lage herauskommen wollte, würde ich Hilfe brauchen. Und die einzige verfügbare Hilfe waren eine Nachtelfe, die zumindest ein erstes Anzeichen von zweifelhaftem Vertrauen zeigte, und ein Zwerg, der das genaue Gegenteil davon demonstrierte.
»Ich bin gefesselt, An'duna. Ich kann mich nicht frei bewegen.«
»Von wem?«
»Sin'dorei«, erwiderte Gregor, und seine Stimme triefte nur so vor Hass. »Traue keinem Spitzohr. Ich weiß nicht, wie oft ich dir das sagen muss, du Idiot. Selbst Zwerge misstrauen ihnen. Ihre eigenen Verbündeten!«
Es kostete mich einiges an Mühe, mir nicht selbst eine Ohrfeige zu geben, in dem Bestreben, Gregor eine zu klatschen. Tatsächlich hätte ich es getan, wenn meine verfluchten Hände nicht gefesselt gewesen wären. »Du bist ein Untoter, Gregor. Wie viele unserer Verbündeten würden dir trauen?«
Gregor überlegte für eine Weile, bevor er sehr lahm zugab: »Vermutlich, und bei Licht betrachtet, nur sehr wenige -«
»Niemand, Gregor. Nicht einmal andere Untote würden dir trauen, und ich kann sie verstehen.«
»Mit wem reden?«, brummte der Zwerg ziemlich nahe an meinem Ohr. Als ich meinen Kopf wendete, konnte ich tatsächlich ein dichtes Gestrüpp aus struppigem Haar ausmachen, das zwischen den Gitterstäben hindurch zu wuchern schien. Welche Farbe es hatte, konnte ich in der Finsternis nicht erkennen, aber es schien nirgends aufzuhören. Für einen Moment fragte ich mich, ob der Zwerg überhaupt etwas sehen konnte; alles, was ich sah, war Bart. Mein Appetit nahm ein wenig ab, und die Stimme, die ständig »Hunger!« wisperte, wurde ein wenig leiser und zweifelnder.
»Nur mit mir selbst«, erwiderte ich genauso grummelnd wie er.
»Warum Gefangener?«, meldete sich An'duna wieder zu Wort. Auch wenn sie noch immer recht kühl, distanziert und fast schon gezwungen klang, schwang doch eine gewisse Neugier in der Frage mit.
»Ich – weiß es nicht.« Etwas überrascht über meine eigene Antwort, fing ich an, genau nachzudenken. Die Nachtelfe hatte eine interessante Frage aufgeworfen. Ich wusste, dass Aritana einen Teil ihrer Geschichte mit Gregor teilte, und dass sie ziemlich erbitterte Feinde waren. Sie musste in Undercity auch mitbekommen haben, was ich von ihrem Vorgehen und ihrer Art Gordo gegenüber hielt. Sie konnte doch nicht wirklich mit meiner Unterstützung rechnen, egal, was auch immer sie genau vorhatte.
»Schlechter Lügner«, warf der Zwerg feixend in die Runde. Er musste sich gerade ebenso selbstzufrieden fühlen wie kurz vorher Gregor.
»Warum bist du eine Gefangene, An'duna?«, fragte ich die Nachtelfe und ignorierte dabei das bärtige Etwas zu meiner Rechten.
Sie antwortete nicht. Ich konnte regelrecht spüren, wie ihr eiskalter Stolz über mich streifte und mich frösteln ließ. Sie sah mich als unwürdig für ihre Antworten.
»Sklave«, brummte der Zwerg neben mir mit einem Glitzern in den Augen, das selbst in dieser Finsternis zu sehen war. »Für Arena in Orgrimmar.«
Ich horchte auf. Orgrimmar sagte mir natürlich etwas – die Hauptstadt der Orks, Hauptsitz der Horde und über und über bevölkert von Grünhäuten und etlichen Trollen, die in derselben Gegend hausten. Es war warm dort. Viele Rundhäuser mit flachen Dächern aus roten Ziegeln, einige größere Gebäude und ein riesiges Tor mit einem Wall, den nichts so leicht erschütterte. Die Stadt war in ein Tal hinein gebaut worden und hatte nur diesen einen Zugang. Die Klippen erklimmen zu wollen, bedeutete für jeden den Tod, der nicht ein ausgezeichneter Kletterer und mit äußerst viel Glück gesegnet war.
Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass Gregor zu viel über Orgrimmar wusste, als dass er dort nicht schon irgendetwas angestellt hatte. Zu seiner Wut, die er mich auch durchaus fühlen ließ, schaffte er es seit unserem kurzzeitigen Verschmelzen nicht mehr, seine Gedanken ausschließlich für sich zu behalten. Ich konnte in ihm lesen wie in einem Buch, in dem nur einige wenige Sätze fehlten, seine Erinnerungen herausfischen und mir seine Gedanken anhören, wenn ich es denn wollte. Natürlich konnte er genau dasselbe mit mir tun, aber das hatte ich ihm schon immer erlaubt. Ich hatte nichts zu verstecken, dafür wusste ich viel zu wenig über mich selbst.
»Du musst eine gute Kämpferin sein, wenn man dich in die Arena schicken will.«
»Iszera duna bantallas.«
»Sie mögen primitiv sein, aber die Orks können kämpfen.« Ich seufzte leise, während ich versuchte, irgendwie meine Fesseln zumindest ein wenig zu lösen.
Das Knirschen und Quietschen von Dielen ließ mich sofort verharren, und auch meine beiden Mitgefangenen verstummten abrupt. In dem Raum selbst war nichts Lebendes außer uns, dessen war ich mir inzwischen sicher. Außerdem waren die Geräusche zu leise, als dass sie aus diesem Kerker hätten kommen können. Jemand war auf dem Weg hierher, und vermutlich schon sehr nahe.
Das Scharren von Holz auf Holz ertönte, und ein gleißend helles Licht strahlte plötzlich in die Dunkelheit. Ich blinzelte ein paar Mal, bis sich meine Augen an die neuen Verhältnisse gewöhnt hatten. Der Zwerg neben mir, dessen Kopf tatsächlich nur aus Bart- und Haupthaar zu bestehen schien, grölte sehr viel länger. Von der Nachtelfe konnte ich nur ihre Silhouette erkennen; sie drängte sich auf der anderen Seite in den verbliebenen Schatten der Zelle, der nicht von der Öllampe vertrieben wurde.
Aritana stand in der geöffneten Tür. Hinter ihr konnte ich erste zaghafte Strahlen der Sonne erkennen, die allmählich zum Himmel empor kletterte und ihre Finger zögerlich über das Land streckte.
Einen Moment später schwang die Tür wieder zu, und die Blutelfe stand mitten im Raum. Sie betrachtete mich für eine Weile mit einer Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit. Ihre Kleidung hatte sie für ein eng anliegendes, rotes Kleid eingetauscht, das zwar verhüllte, aber auch ihre Rundungen großzügig umschmeichelte. Sie hatte sogar offene Schuhe statt Stiefel angezogen, die kleine Absätze aufwiesen und jedes Mal klackten, sobald sie mit dem Boden in Kontakt kamen.
Wir sahen uns schweigend an.
Nach einer Zeit, die mir wie Tage vorkam, drehte sich die Blutelfe schließlich um, ging mit wippenden Hüften zu einer Kiste hinüber, die gerade günstig herum lag, und ließ sich darauf nieder. »Es tut -«
»Dir leid«, vollendete ich für sie den Satz. Mein Spott war unmöglich zu überhören. »Oh, natürlich tut es dir leid. Der arme Untote.«
»Es war -«
»Zu meinem eigenen Besten«, schnarrte ich. »Und zum Besten aller. Und immerhin hast du mich gerettet. Oh, wie glücklich ich sein sollte!«
»Gregor, ich würde gerne mit… dem anderen sprechen, wenn es dir nichts ausmacht.«
Ich starrte sie an. In meinem Kopf rasten die Gedanken umher, und sie vermengten sich unheimlich schnell mit jenen meiner zweiten Seele, die nicht minder überrascht war.
Ein breites Grinsen bildete sich auf meinen Lippen, durch das Gregor sagte: »Du sprichst mit ihm, kleine Sin'dorei.«
Aritana schaute nicht minder perplex drein als ich nur einen Moment zuvor. Sie fing sich jedoch erstaunlich schnell wieder, und ihre Miene wurde hart. »Seelen scheinen sich zu verhalten wie Äpfel. Ein fauler Apfel im Lager reicht aus, um alle Äpfel zunichte zu machen.«
»Manchmal reicht schon eine Blutelfe!«, lachte Gregor in reinstem Galgenhumor. Ich nahm es ihm nicht übel. Ich fühlte gerade genauso wie er. »Nein, das siehst du falsch«, widersprach ich ihm dennoch. »Vergiss nicht das fette Stück Rindfleisch.«
»Ah, natürlich. Er hat uns glorreich niedergeschlagen, als wir zu schwach waren, um in unserer Nase zu bohren. Aber: Respekt, wem Respekt gebührt.«
»Muh.«
»Wolltest du etwa sterben?!«, fauchte die Frau mich an. Voll unterdrücktem Zorn war sie aufgesprungen und stampfte auf mich zu, auch wenn ihre Schritte nichts anderes hinterließen als ein Klack-Klack-Klack. »Würdest du jetzt gerne vom Licht verbrannt werden oder einfach ins Nichts gehen, so wie es alle Untote tun werden?«
»Gregor scheint zumindest gut damit klar gekommen zu sein«, erwiderte ich noch immer grinsend. Dann wurde ich jedoch rasch wieder ernst. So ernst, dass die Blutelfe fast vor mir zurück wich, auch wenn sie sich in der letzten Sekunde darauf besann, wer der Gefangene und wer der Wärter war. »Du hast Gordo für deine Flucht geopfert, du kleines Scheusal. Er war zu dumm, um zu erkennen, worauf es hinauslaufen würde. Oder vielleicht wusste er es sogar. Aber hat er es für dich getan? Oder hat er es getan, weil er dachte, er würde mir damit einen letzten Gefallen tun? Dem einzigen Untoten, der ihn jemals mit Respekt und wie einen Freund behandelt hat?«
»Das war sein Lebensinhalt«, antwortete sie kalt. »Beschützen war seine Aufgabe, und das hat er getan, oder nicht?«
»Nicht, dass es seine Idee gewesen wäre…«
»Er wäre zu dumm gewesen, um von selbst darauf zu kommen.« Sie schaute unversöhnlich auf mich nieder, aber dann streckte sie zögerlich ihre Hand aus.
»Wenn du mich anfasst«, grollte ich mit einem wahnsinnigen Grinsen, »dann beiße ich dir deine Finger ab.«
Sie zog ihre Hand so schnell zurück, dass ich es nicht einmal richtig sah. Sie war fast an meiner Schläfe und im nächsten Augenblick schützend auf ihrem Rücken, wo meine Zähne ihr nichts anhaben konnten. Ihr Gesicht wurde rot vor Wut. »Verdammter Wolf! Ich habe dich gerettet -«
»Wir haben nicht darum gebeten«, erwiderte Gregor leichthin. »Wir wähnten uns schon in besseren Gefilden, um genau zu sein. Mein Freund hatte sich sogar schon dafür entschuldigt, seine Schuld nicht abgelten zu können. Ein sehr rührseliger Moment.«
Aritana atmete schwer, während wir alles taten, um sie zur Weißglut zu treiben. Es machte höllischen Spaß, die Blutelfe so aufgebracht zu sehen. Mein ganzes Bestreben schien sich darauf auszurichten. Und wenn sie nur nahe genug rankommen würde, könnte ich vielleicht die Stimme in meinem Kopf besänftigen, die jetzt lauter denn je »Hunger!« plärrte…
Allerdings machte mir die Frau einen Strich durch die Rechnung. »Also schön! Dann genieße deine Zeit in der Dunkelheit noch für eine Weile! Vielleicht wirst du ja vernünftiger, wenn du erst mal ein wenig vor dich hin geschmort hast!«
Ihre Hüften wippten bei weitem nicht mehr so stark wie vorher, als sie zur Tür marschierte.
»Vielleicht siehst du ja auch irgendwann ein, dass du eine verdammte Hure bist!«, grölte Gregor ihr hinterher, als sie die hölzerne Pforte hinter sich mit einem lauten Knall zuschmiss.
»War der letzte Kommentar wirklich nötig?«
»Sie hat deinen fetten Freund verführt und für ihre eigene Haut verkauft, oder nicht?«
»Du hättest es nicht anders gemacht«, gab ich Gregor finster zu bedenken. »Wir wissen nicht einmal, wo wir genau sind.«
»Auf einem Zeppelin«, antwortete er sehr selbstsicher. »Es gibt keinen schnelleren Weg nach Orgrimmar. Erklärt außerdem das Knattern und Krachen. Das wären die Motoren… und sie sind jetzt aus, weil der Wind günstig steht und die Goblins so geizig sind, dass sie lieber fünf Stunden länger für ihre Reise brauchen, als einen Liter Treibstoff mehr zu verbrennen.«
Ein Bild sprang mir in den Kopf: kleine, grüne Männlein mit spitzen Ohren, spitzen Nasen, spitzen Zähnen und überaus gierigen Augen. Ich war mir dieses Mal nicht sicher, ob sie aus meiner oder aus Gregors Erinnerung stammten. Es fühlte sich so an, als würden sie zu gewissen Teilen aus beiden Lagern kommen.
»Was haben Goblins mit einem Zeppelin zu tun?«
»Sie betreiben die Dinger. Ein Wunder, dass nicht schon sehr viel mehr in die Luft geflogen sind.«
»Den letzten Teil hättest du ruhig für dich behalten können.«
Schweigend saßen wir da und versuchten, uns neu zu orientieren. Nach einer Weile, in der die Sonne schon längst aufgegangen sein musste, war es noch immer so stockdunkel wie in einem von Zwergen gegrabenen Stollen ohne Licht. Allmählich fragte ich mich, in was für einer Zelle wir genau saßen, oder wie man es schaffte, nicht einmal den kleinsten Schlitz zwischen Holz zu hinterlassen, durch den sich das Sonnenlicht hätte zwängen können.
»Sie dich hassen«, meinte die Nachtelfe leise, aber mit einer gewissen Genugtuung aus ihrem Gefängnis heraus.
»Ja, das scheinen alle zu tun«, stimmte ich ihr seufzend zu und machte mich daran, in jene Richtung zu robben, in der ich die Kiste vermutete.
Sie schwieg wieder für eine Weile, aber ich wusste, dass sie gleich weiter fragen würde. Diese Nachtelfe war jung, man konnte es regelrecht riechen. Sie hatte noch nicht genug gesehen, um zu wissen, wie Untote sein konnten, sonst hätte sie gar nicht erst mit mir zu sprechen begonnen. Und sie war neugierig. In jeder ihrer Fragen schwang das leise Raunen der Wissbegier mit.
»Was deine Tat?«
Ich sprang auf meinen Knien nach vorne, bis ich gegen irgendetwas hüpfte und sehr unsanft auf dem seltsam staubigen Boden landete. »Darüber gejammert, dass ein Untoter getötet wurde«, gab ich hustend und mit einem Mund voll Dreck zurück, während ich mich wieder aufrichtete.
Dasselbe Spiel. An'duna schwieg, wie um über das nachzudenken, was sie gerade gehört hatte. Aber sie würde gleich schon wieder etwas sagen, alleine schon, um die Langeweile zu vertreiben.
»Seltsam darethdorei.«
»Du erzählst mir nichts neues.«
Ich konnte sie natürlich nicht sehen, aber ich hatte das Gefühl, dass für die Nachtelfe nicht dasselbe mir gegenüber galt. Ich glaubte ihren Blick regelrecht auf mich zu spüren, als wäre ich ein wildes Tier, das sie zu beobachten hatte, voller Furcht und zugleich voller Hass. Aber ihre Stimme hatte sich schon wieder ein klein wenig verändert. Nachtelfen konnten sicherlich lügen oder ihre Emotionen zügeln, aber An'duna waren scheinbar nicht gut darin. Zumindest hatte sie ihre Schwierigkeiten, diesen Hauch von morbider Neugier zu verheimlichen, der bei jedem ihrer Worte mitschwang und ihren Abscheu mir gegenüber seltsam entgegen trat.
»Sin'dorei geredet. Mit zwei.«
Es war keine Frage als solche. Es war ein Fakt. Aber die Frage, die dazu passte, hing schwer im Raum wie der Geruch Gordos, wenn er einmal zu nahe an jemanden herangekommen war und man meinte, in einem Schlachthaus voll verrottendem Fleisch zu stehen.
Ich war schon ein ganzes Stück gesprungen, und jetzt kroch ich Zoll für Zoll auf meinen Knien voran, bis sie gegen das erhoffte, behelfsmäßige Möbelstück stießen. Mit einigem Grunzen und Mühen schaffte ich es, schwankend auf die Beine zu kommen, drehte mich um, betete für einen Moment zum Licht –
Und ließ mich fallen.
Das Holz machte ein enttäuschendes Fump, als ich darauf landete. Kein Splittern, nicht einmal ein Ächzen war zu hören. Meine Hoffnung und zugleich meine Befürchtung, durch den Deckel zu brechen und mich womöglich in einer Kiste voller spitzer und vor allem scharfer Waffen wiederzufinden, war zerschlagen. Aber immerhin saß ich bequemer als vorher.
»Sie ist verwirrt«, erwiderte ich leichthin, während ich schon neue Ideen für einen Fluchtversuch sammelte. Viele waren verrückt, einige sogar wahnsinnig, und allesamt hoffnungslos.
»Du genannt…«
»Hure. Ja, ich weiß.«
Der Zwerg lachte ein dreckiges Lachen, eines jener Sorte, das purer Schadenfreude entsprang. Aber An'duna schwieg, wie immer. Sie schien die kurze Begegnung mit der Blutelfe und mein Verhalten genau zu überdenken, es von jeder Seite her zu betrachten, um mich doch noch in eine Schublade stecken zu können, in die ich partout nicht hinein passen wollte.
»Wie du heißen?«
»Gregor.«
»Wie noch?«
»Nein, ich habe keinen Nachnamen.«
An'duna überlegte. Dann, etwas gedehnt, sagte sie: »Ich nicht verstehen.«
Das Seufzen kam sehr tief aus mir hervor, und es gehörte jeweils zur Hälfte mir und meiner zweiten Seele. Witze zu reißen, die niemand verstand, war bei weitem nicht so spaßig, wie man meinen sollte. »Nicht weiter schlimm«, sagte Gregor. »Du wirst sowieso nicht mehr lange leben -«
»Du nicht. Der andere.«
Unerkannt für alle, die mit mir in dem Raum waren, hob ich eine Augenbraue. »Welcher andere?«
Ihre Stimme klang prüfend, anklagend und zugleich neugierig. »Du. Nicht darethdorei. Du.«
Meine Augen wurden sehr groß, auch wenn es wieder vermutlich niemand sehen konnte.
»Natürlich kann man es sehen, du Idiot. Sie leuchten im Dunkeln.«
»Woher -«
»Egal. Egal, woher sie es weiß!«, schnarrte Gregor missgelaunt. »Wir sind Gefangene, falls du das auch vergessen haben solltest! Du bist ein Untoter! Und sie ist noch immer der Feind!«
Eine gedämpfte Explosion ertönte, dicht gefolgt vom Rattern unzähliger Zahnräder, dem Schnaufen eines ungeheuren Biests irgendwo unter uns und dem allgemeinen Dröhnen, das es unmöglich machte, mehr zu sagen. Alles, was blieb, waren ein jetzt gegen den Lärm grölender Zwerg, eine schweigende Nachtelfe und ein verwirrter, wütender Toter.
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#50 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 12 April 2014 - 19:20

Kapitel 23 – Orks! Orks!

Stunden vergingen.
Es hätten genauso gut auch Tage sein können. Man konnte keine Zeit halten, wenn man nicht einmal die Sonne oder den Mond sah. Es gab keinen Schichtwechsel, keine abgebrannten Fackeln, keine Kohlepfannen, die neue Kohle benötigten. Es gab keine Routine, keine Anhaltspunkte. Das Einzige, das es gab, war das ständige Knattern und Knirschen der Motoren des Zeppelins, die ihn – laut Gregor – gemächlich durch die Luft treiben ließen und ihn zu einem insgesamt sehr angenehmen Reisegefährt machten, wären nicht Goblins die Kapitäne.
Goblins waren von Natur aus Tüftler. Sie waren klein, sie waren schwächlich, und sie hatten große, muskulöse, ebenso grüne Verwandte, die in der Vergangenheit nicht eben zimperlich mit ihnen umgegangen waren. Sie hatten sich irgendwie behaupten müssen, und eine ungeteilte Meinung unter ihnen schien zu sein, dass eine Sache nur eine gute Sache sein konnte, wenn sie vor Kraft nur so strotzte und in jedem Moment zu explodieren drohte. Wenn man eine Schusswaffe haben wollte – eine jener Büchsen, die mit Donnergeheul und Flammen so lang wie die Waffe selbst ihre todbringenden Schrotkugeln dem Ziel entgegen schleuderten – ging man zu einem Goblin. Wenn man eine Büchse haben wollte, die nicht in Gefahr lief, bei einem weiteren Schuss die Kugeln mit ungeheurer Wucht in alle möglichen Himmelsrichtungen zu verteilen, weil sie einfach platzte, ging man Goblins möglichst weit aus dem Weg.
Wollte man, laut Gregor, dafür sorgen, dass man nie wieder in Orgrimmar willkommen war, konnten Goblins auch helfen. Vor allem, wenn man einen Untoten jagte, der sich dort versteckt hielt. Und der so gut bewacht war, dass es schlichtweg kein Eindringen gab. Und dessen Tod nur durch eine ungeheure Macht hervorgerufen werden konnte, eine Macht, die am besten das gesamte Haus, in dem er saß, gleich mit zerstörte.
Goblins kannten sich mit solchen nicht-arkanen Mächten aus. Es machte ihnen Spaß, damit herum zu experimentieren. Es konnte sogar lustig sein, ihnen dabei zuzuschauen, solange man genügend Abstand hielt und riesige schwarze Rauchwolken, verbunden mit einem in zehn Meilen Entfernung deutlich hörbaren Knall, als lustig bezeichnete.
Der Lärm der Rotoren und das Schnaufen der metallenen Bestie, die sie antrieb, waren wieder einmal abgeflaut und verstummt. Es wurde nun von dem lauten Schnarchen des Zwergs abgelöst, der irgendwo in einer Ecke seiner Zelle lag und sich zumindest im Moment durch nichts stören ließ.
Was An’duna tat, konnte ich nicht sagen. Ich achtete aber mehr denn je auf sie, seitdem sie etwas herausgefunden hatte, was nur sehr wenige wussten. Und sie hatte es einfach erraten, aus dem heiteren Himmel heraus, es ausgesprochen und mich dabei genau beobachtet, dessen war ich mir sicher. Ich wusste nicht, warum sie hier saß oder wie man sie gefangen hatte, aber diese Frau hatte einen messerscharfen Verstand und etwas, auf das ich noch nicht ganz meinen Finger legen konnte.
Und ich hatte Hunger.
»Zumindest da könnte ich dir helfen«, murmelte Gregor leise. »Schon mal Nachtelfe probiert? Das zarteste Fleisch, das du dir vorstellen kannst.«
»Wir sind noch immer gefesselt.«
»Ah, aber unsere Zähne reichen aus, um ihr die Kehle durchzubeißen. Glaub mir.«
Ich schüttelte nur den Kopf. Viele Erinnerungen waren nicht mehr in Gregors Kopf hängen geblieben, die von seinem früheren Leben als Mensch zeugten. Aber was ich sah, war ein junger, äußerst vernünftiger Mann; jemand, der nachdachte, bevor er sprach. Ein Bibliothekar, dem Bücher wichtiger waren als Freunde, der keiner Fliege etwas zuleide tun wollte, wenn er es vermeiden konnte.
Er war bitterlich verraten worden, und so enttäuscht darüber, dass er sich in das komplette Gegenteil gewandelt hatte. Und irgendjemand war dumm genug gewesen, ihm die Chance dazu zu geben, sein hasserfülltes neues Dasein mit untotem Leben zu erfüllen.
»An’duna?«
Die Nachtelfe antwortete nicht, aber ein leises Rascheln von Stoff, kaum über das Schnarchen des Zwergs hinweg zu hören, ertönte aus der Richtung ihrer Zelle. Sie musste sich ebenfalls hingesetzt haben. Niemand hatte Lust, lange in völliger Finsternis zu stehen.
»Sag mir, An’duna, was hast du gemacht, bevor du gefangen wurdest?«
Natürlich antwortete sie nicht. »Hält sich für was besseres«, brummte Gregor in mich hinein. »Höchstens besseres Fleisch, mehr nicht…«
Ich stand auf. Eine Idee war mir gekommen, die ziemlich verrückt war, aber gerade wollte mir keine bessere zur Seite springen, um mich von dummen Gedanken abzuhalten. Der einzige, der davon wusste und nicht begeistert war, war meine zweite Seele. »Das nennst du einen Plan?«
»Fällt dir etwas Besseres ein?«, murmelte ich zurück, wobei ich loshüpfte. Ich hatte mehr als genug Zeit gehabt, um die Entfernung zwischen der Kiste und der Zelle abzuschätzen, als Aritana die Öllampe hereingetragen hatte. Zehn kleine Sprünge, mehr nicht.
»Natürlich! Gebratene Elfenohren, zum Beispiel -«
Ich presste meine Lippen aufeinander und schob Gregor innerlich zur Seite. Noch war ich der Herr über diesen Körper, und noch hatte Gregor zwar fast immer mein vollkommenes Einverständnis, um zu tun und zu lassen, was er wollte. Wenn er es wirklich darauf anlegte, konnte er mich auch bekämpfen, und womöglich würde er siegen. Aber der Untote wusste nur zu gut, dass ich stärker geworden war, seitdem wir für eine kurze Zeit verschmolzen gewesen waren. Ich hatte ihn seiner Vorherrschaft beraubt, ohne es überhaupt zu wollen. Doch wenn ich es wollte, konnte ich ihn in mich hinein zwingen, langsam und schmerzvoll, und er würde immer mehr von seinem Selbst verlieren, bis wir wieder eins waren. Seine Fähigkeiten würden bleiben, aber nicht seine Gedanken.
Es war eine grausame Drohung, die ich nicht gerne aussprach.
Der neunte Sprung ging bereits zu weit. Ich donnerte regelrecht gegen die Gitterstäbe, fiel rückwärts der Länge nach hin und stöhnte leise. Meine Kopfschmerzen – ein Geschenk des Tauren, der hoffentlich irgendwann in der heißesten Hölle auf kleiner Flamme gegart werden würde – nahmen wieder zu. Aber ich ließ mich von diesem kleinen Rückschlag nicht abhalten, sondern rappelte mich auf, rutschte so lange auf dem Boden herum, bis ich die Gitterstäbe in meinem Rücken spürte, und lehnte mich dann seufzend dagegen.
Wieder ertönte das Rascheln, dieses Mal länger und lauter. Sie war aufgestanden. Ich war mir noch immer nicht sicher, ob An’duna mich wohl in dieser Dunkelheit sehen konnte, aber es fühlte sich auf jeden Fall so an.
»Du kannst nicht wirklich so dumm sein!«, wisperte Gregor mit wachsender Wut und Panik in der Stimme. »Sie wird -«
»Gregor, halt deine verfluchte Schnauze.«
Ich spitzte meine Ohren, um ja nichts zu verpassen. Das Schnarchen des kleinen Muskelpakets von der anderen Seite des Raums drang umso lauter an mich heran, aber da war noch immer wieder das Geräusch von nackten Füßen auf Holzboden, die äußerst vorsichtig auftraten, so leise, dass man sie nur hörte, wenn man wusste, wonach man suchte.
Sie war keine Magierin. Nachtelfen verpönten die arkanen Kräfte, sie waren eins mit der Natur und jenen Fähigkeiten, die sie ihnen bescherte. Wurzeln aus dem Boden schießen lassen, Heilungen vollführen, die einen Totgeweihten vom Sterbebett zurückholen konnten. Aber nur die wenigsten wussten sie überhaupt zu nutzen, und noch sehr viel weniger brachten es zu etwas Anständigem.
Ich hoffte, dass An’duna es niemals zu etwas Anständigem gebracht hatte.
»Ich bin nach wie vor gefesselt«, meinte ich in einem Plauderton zu ihr. Sie stand irgendwo hinter mir, ich konnte es spüren.
Ihre Hände schossen so schnell nach vorne und um meinen Hals, dass ich tatsächlich erschrak, auch wenn ich genau darauf gewartet hatte. Die nächste Sekunde entschied, ob mein Einsatz zu hoch gewesen war oder ob ich richtig gesetzt hatte.
Für einen Moment fluchte ich mit größer werdenden Augen in mich hinein, als der Druck stärker wurde. Dann aber, zu meiner unendlichen Erleichterung, verharrten die spitzen Finger, auch wenn sie fest um meine tote Haut geschlossen blieben.
Ich räusperte mich kurz. Die Nervosität, die mitschwang, als ich zu sprechen begann, war nicht zu überhören. »Du hast mich in deiner Gewalt. Gut. Vielleicht können wir jetzt endlich ein wenig reden, von Gefangenem zu… Noch-mehr-Gefangenem?«
Ihre Finger bewegten sich nicht. Ich wertete das als ein gutes Zeichen, vor allem, weil mir ihr verlangendes Zucken nicht unentdeckt blieb.
»Der Zwerg schläft, wie du sicher mitbekommen hast. Schwer zu überhören. Wir sind also unter uns.«
Der Druck auf meine Kehle wurde ein klein wenig größer.
»Zuerst einmal«, sprach ich hastig weiter, »bin ich kein Untoter. Gregor ist der eigentliche… Besitzer dieses Körpers. Sag hallo, Gregor.«
»Das ist einfach nur peinlich«, stöhnte meine zweite Seele gequält. »Was zum Teufel hast du vor? Und wie kannst du deine Gedanken -«
Ich verbannte ihn wieder in eine Ecke irgendwo in mir. »Jedenfalls bin ich kein Untoter per se«, meinte ich möglichst fröhlich und versuchte dabei, das immer stärker werdende Hungergefühl zu unterdrücken. Die Finger waren fast schon zum Beißen nahe… »Ich bin – ich war ein Mensch, aber ich bin… nach wie vor ein denkendes Wesen. Ich stehe unter keiner Kontrolle. Und ich hasse nicht das Lebende, ganz im Gegensatz zu Gregor.«
Die Finger blieben fest geschlossen.
»Nun, da ich also so viel über mich preisgegeben habe, glaube ich, es wäre angebracht, dass du mir einige Dinge über dich erzählst, An’duna. Zum Beispiel würde mich wirklich interessieren, welcher Profession du nachgegangen bist, bevor du hier gelandet bist.«
Sie schwieg. Das schien ihr am stärksten ausgeprägter Wesenszug zu sein: zu schweigen und über das nachzudenken, was sie gesehen, gehört und gefühlt hatte. Die Nachtelfe war jedenfalls keine Fanatikerin, oder mein Genick wäre schon seit einiger Zeit unbrauchbar geworden.
»Was willst du von mir, Kind des Todes?«, fragte sie auf Darnassisch. Ihre Stimme war noch immer so eiskalt wie am Anfang, und noch immer schwang dieser hauchfeine Unterton mit, die Verwunderung über einen so seltsamen Untoten und den Hang dazu, mehr darüber zu erfahren.
Ich seufzte leise. Das war nicht die Antwort, die ich erhofft hatte, aber ein Bettler konnte nicht wählerisch sein. »Ich bin ein Gefangener, Tochter der Elune. Ich will frei sein. Und dafür brauche ich Hilfe.«
»Wir helfen keinen unnatürlichen Bastarden«, zischte sie leise in mein Ohr. »Wir töten sie.«
»Dann wünsche ich dir viel Vergnügen mit den primitiven Grünhäuten. Richte ihnen meine Grüße aus, wenn sie dich schänden.«
Natürlich würde die wenigsten Orks auch nur daran denken, eine Nachtelfe zu vergewaltigen. Sie waren zu dürr für die massigen Körper der Krieger, und davon abgesehen hielten Orks viel auf Ehre im und außerhalb des Kampfes. Es war allein ihrer sehr eigensinnigen Angriffstaktik zu verschulden, dass viele annahmen, sie wären nur ein Haufen grobschlächtiger Schläger, die alles zerhackten, was ihnen in den Weg kam. Diese Taktik bestand zum größten Teil aus Brüllen und mit in die Höhe gereckten Äxten und Schwertern auf den Feind zuzustürmen, um ihn wie ein Haufen grobschlächtiger Schläger zu zerhacken, allerdings dabei darauf zu achten, dass man den Feind nicht im Rücken traf.
Das alles sagte mir Gregor innerhalb eines Wimpernschlags. Und sehr zu meiner Freude schien die Nachtelfe nichts davon zu wissen. Ihre Finger zuckten schon bedeutend weniger, und ich glaubte sogar zu spüren, dass sie sich ein wenig lockerten.
»Was bist du?«
»Ein Körper mit zwei Seelen«, erwiderte ich leichthin. »Ich weiß, sehr unnatürlich«, fügte ich hinzu, als sich die Finger schon wieder fester um meinen Hals schlossen. »Ich habe es mir nicht ausgesucht. Aber ich muss Gregor dorthin zurück schicken, wo er herkam. Ich habe es ihm versprochen.«
Und er hatte mir noch immer nicht erzählt, wohin er eigentlich gehen würde. Das waren Gedanken, die er tunlichst vor mir abschirmte und von denen ich nicht einmal einen winzig kleinen Gedankenfetzen erhaschen konnte. Fast schien es, als hätte er Angst, er könnte nicht mehr Zutritt dorthin erlangen, wenn jemand anderes von ihm wüsste.
»Das Versprechen eines Untoten ist ebenso vergänglich wie das Rascheln der Blätter im Wind. Warum sollte er dir glauben?«
»Er hat keine Wahl. Und ich bin kein Untoter, An’duna.«
»Was willst du dann sein, Kind des Todes? Du bist noch unnatürlicher als die anderen deiner Art!«
Vielleicht war sie doch ein wenig fanatischer, als ich vermutet hatte. »Ich bin etwas Besonderes, An’duna. Ich habe keinen Sinn in meinem Leben, außer jenen, Gregor von seinen Qualen zu erlösen. Was ist dein Sinn im Leben? Von Grünhäuten geschlagen und gedemütigt zu werden, in der Arena und im Bett?«
»Lieber sterbe ich, als einem Untoten zu helfen!« Sie spie das Wort regelrecht aus, was nicht so recht zur natürlichen Eleganz passen wollte, die ich in Nachtelfen sah. Allmählich fing sie an, mir auf die Nerven zu gehen. Und genervt zu sein verstärkte meinen Drang, etwas zu essen.
»Wieso atme ich dann noch?«, erwiderte ich also gehässig.
Schweigen.
Ich hatte sie! Ein breites Lächeln trat auf meine Lippen. Sie überlegte, und ich wusste sogar genau, worüber: Wie konnte sie ihre Aussagen rechtfertigen, obwohl sie mich allem Anschein nach nicht töten wollte? Wie konnte sie ihre Lehren auf mich anwenden, der ich so gar nicht wie ein Untoter sprach oder mich wie einer verhielt?
Sie tat mir fast ein wenig leid. Ich erschütterte innerhalb weniger Stunden die Prinzipien, die sie ihr Leben lang verteidigt hatte, nach denen sie lebte und für die sie zu sterben bereit war. Und jetzt tanzte ein Untoter in ihr Dasein, setzte sich vor ihre Zelle nieder und war bereit, sich ihr vollkommen auszuliefern, anstatt ihre Knochen zu brechen und das Mark heraus zu schlürfen.
Es blieb nur noch die Sache mit dem Hunger. Meine Gedanken wurden fahriger, je länger ich hier saß und den süßen Duft der Nachtelfe einatmete. Sie roch nicht nach Schweiß oder anderen Ausdünstungen wie etwa der Zwerg, dessen Duft sogar bis hier hinüber drang und sich durch meine kaputte Nase zwängte. Sie schien so sauber zu sein, so aromatisierend, so… lecker.
»Hör zu, An’duna«, fing ich leise an und versuchte dabei, mich zu konzentrieren. »Ich will nicht, dass du mir vertraust. Ich kann das nicht von dir erwarten. Ich vertraue dir auch nicht. Aber deine Hände sind frei, wo meine gebunden sind. Hilf mir, und ich helfe dir.«
Der Moment der Wahrheit war gekommen. Sie konnte unmöglich in Orgrimmar den Rest ihrer Tage fristen wollen, vor allem nicht, wenn nur noch so wenige Tage bevor standen. Sie musste mir helfen.
»Wer bist du?«, wisperte sie leise.
Für einen Moment schloss ich dankbar meine Augen. »Ich weiß es nicht. Ich habe alte Erinnerungen, aber nur sehr wenige. Ich habe keinen Namen.«
»Jeder hat einen Namen!«, entgegnete sie fast schon entsetzt, und ihre Finger bohrten sich versehentlich ein wenig in meine Haut. Sie ließ sofort locker, als ich hastig und theatralisch zu röcheln anfing. Es hatte nicht wehgetan, aber ich wollte sie dennoch auf keine falschen Gedanken bringen.
»Ich kann mich an meinen nicht erinnern, An’duna. Es ist genau so gut, als hätte ich keinen.«
Ich hörte zuerst nichts, dann kurzes Murmeln. Und schließlich, mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete: »Dareth Twosouls.«
Ich blinzelte ein paar Mal, bevor ich so recht verstand, was die Nachtelfe gerade getan hatte. Sie hatte mir einen Namen verpasst. Ich konnte nicht sagen, ob das gut oder schlecht war, aber es berührte mich irgendwo tief in mir. Versuchsweise wiederholte ich den Namen. Mir gefiel der Klang.
»Danke«, erwiderte ich mit einem schmalen Lächeln.
Ihre Finger lösten sich von meinem Hals, und einen Augenblick später spürte ich ein Ziehen und Zerren an meinen Händen. Sie machte sich daran, die Knoten zu lösen.
Zeitgleich entbrannte eine heftige Diskussion, die in der Geschwindigkeit, die ein Gedanke braucht, um zu entstehen, geführt wurde. Tatsächlich sah Gregor ein, dass mein Plan funktioniert hatte. Was er nicht einsah, war meine Meinung, man sollte sich an jene Worte halten, die man geäußert hatte. Es war mir egal, ob die Nachtelfe mich wohl aus dem Kerker herausgelassen hätte, wären unsere Positionen vertauscht gewesen. Ich bezweifelte, dass sie mich überhaupt angesprochen hätte, aber dieser Gedanke verschwand so schnell wieder, wie er gekommen war. Natürlich war sie der Feind, und natürlich vertraute ich ihr nicht, denn sie hielt es mit mir genauso. Das war für mich jedoch noch kein Grund, nicht wenigstens zu versuchen, etwas Vertrauen zu erwecken. Ich hatte das Gefühl, früher – in meinem alten Leben – zumindest einige Dinge mit den Nachtelfen zu tun gehabt zu haben. Vielleicht hatte ich damals auch ihre Sprache aufgeschnappt und gelernt. Wer wusste das schon…
Gregor hingegen dachte nur an sich selbst. Wenn wir erst befreit waren, gab es keinen Grund für zusätzlichen Ballast. Wir waren auf einem Luftschiff, irgendwo dicht unter oder sogar über den Wolken, und es wurde von Goblins geflogen. Die kleinen grünen Biester konnten durchaus handgreiflich werden, doch waren nichts, womit wir nicht fertig werden würden. Der Taure hingegen, zusammen mit Aritana, stellte ein ernstzunehmendes Problem dar. Aritana, weil sie zu allem fähig war, mich jedoch lebendig haben wollte; der Taure, weil er zu nichts fähig war, mich aber wahrscheinlich am liebsten vom Zeppelin herunter fegen würde, wenn er nur die Chance dazu bekäme.
Was wieder ein Grund dafür war, die Nachtelfe mitzunehmen. Sie mochte als Ablenkung dienen, oder sogar wirklich vernünftig kämpfen. Ich wusste nicht, zu was sie fähig war, aber um den Lockvogel zu spielen, musste man nicht viel können. Gregor gefiel diese Idee.
Mir hingegen nicht. Ich hatte keine Lust, die Frau mit guten Worten und guter Miene zum bösen Spiel aus ihrer Kerkerzelle zu holen, ihr weiszumachen, dass sie bald frei sein würde, und dann der Kuh zum Fraß vorzuwerfen. Ich wollte sie aber auch nicht zurücklassen. Ich dachte dabei vor allem an das Prinzip des Karmas: Tue Gutes, und erhalte Gutes zurück. Rückschläge wie Aritana waren nur ein Beweis dafür, dass man mehr Gutes tun musste, um das Dunkle zurück zu drängen.
Gregor bemerkte sehr richtig, dass ich mich anhörte wie ein verfluchter Priester des Lichts oder ein besoffener Pandare, als ich meine Hände endlich wieder bewegen konnte. Ich musste sie nicht sehen, um zu wissen, dass die Seilstücke tiefe, teils blutende Spuren an meinen Handgelenken hinterlassen hatten. Hinter mir machte An’duna ein Geräusch, das wohl Ekel ausdrückte, als sie dasselbe bemerkte, und meine Ketten fielen rasch zu Boden.
»Kannst du etwas sehen, womit wir Licht machen könnten?«, fragte ich die Nachtelfe.
»Nein.«
Ich runzelte kurz die Stirn und fühlte mich fast schon ein wenig veralbert. Es war unheimlich dumm gewesen, mich nicht in eine der Zellen zu stecken oder zumindest vernünftige Ketten zu besorgen, um mich zu fesseln. Ich sah für beides mehr oder minder gute Gründe, warum es nicht getan wurde: Die Zellen waren bereits belegt, und ich glaubte nicht, dass Aritana wirklich an Ketten gedacht hatte, als sie unsere Flucht organisiert hatte. Sie schien ohnehin davon ausgegangen zu sein, dass ich ihr danken würde, anstatt sie zu verfluchen.
Aber nun gab es nichts, um Licht zu machen. Man machte es mir so einfach auszubrechen, nur um dann dieses kleine, aber wichtige Detail unbeachtet zu lassen. Es fühlte sich einfach falsch an.
»Irgendeine Idee?«, fragte ich Gregor, während ich ihm wieder etwas mehr Kontrolle zugestand. Ich sprach lieber mit ihm, als Gedanken auszutauschen. Es fühlte sich weniger an, als würde ich mit einer Stimme, die nur in meinem Kopf war, zu sprechen. Es hielt mich davon ab, mich selbst für wahnsinnig zu erklären.
»Ein Zauber, vielleicht? Deine Expertise, nicht meine.«
Meine Augenbrauen, oder das, was von ihnen übrig war, zogen sich zusammen. Der einzige Zauber, der in diesem Fall hilfreich sein mochte, war natürlich…
»Schattenblitz.«
Augenblicklich schlängelte sich ein fetter, violetter Wurm um meinen linken Arm und badete die Umgebung in ein düsteres, ebenso violettes Licht. Jetzt konnte ich wenigstens etwas erkennen, aber es sah alles andere als schön oder beruhigend aus, wie Schatten zu tanzen anfingen und das Zischen des Zaubers den Raum erfüllte, während der Wurm sich um mein Handgelenk schlang und gierig mein Mana aufzehrte.
Mein Blick fiel auf An’duna, die noch immer vor den Gittern stand. Ihre violette Haut schien fast mit dem Licht zu verschmelzen, doch die bläulichen Markierungen, die sich über ihr Gesicht zogen, stachen dafür umso mehr hervor. Die spitzen, langen Ohren, die aus ihrem tiefblauen Haar herausschauten, waren nicht zu übersehen. Doch es waren ihre silbern schimmernden Augen und die zierliche, jetzt geblähte Nase, die mir sagten, dass ich gerade etwas sehr, sehr Schlechtes getan hatte.
»Hexer«, wisperte sie in einer Stimme, die erschreckender war, als wenn sie mich vor Wut, Hass und Abscheu lautstark angeschrien hätte. Und einen Moment später fiel auch bei mir der Groschen. Ich war ein Untoter, mit zwei Seelen in einem Körper, und ich war ein potentieller Dämonenbeschwörer. Ich musste das Unnatürlichste sein, das ihr jemals unter die Augen getreten war.
Die Motoren sprangen plötzlich wieder an. Das Rattern steigerte sich innerhalb von Sekunden zu einem Lärm, den ich niemals hätte übertönen können. Ich versuchte es also mit einem entschuldigenden Blick und einem Schulterzucken, was mir die Frau mit einem Schwall von Worten vergalt, die im Schnaufen und Stampfen der wiedererwachten Metallbestie irgendwo unter uns unterging.
Ich gab nicht viel darauf, sondern deutete nur mit einer entsprechenden Handbewegung an, dass sie vom Gitter verschwinden sollte. Auch wenn sie mich noch immer wie den Boten eines unermesslichen Unheils betrachtete, kam sie meiner Bitte sehr zögerlich nach.
Es gab eine Tür mit einem Schloss, das so dick war wie meine ganze Hand und auf seltsame Art und Weise zwischen den Stäben hervor stand. Die Goblins, die dafür verantwortlich waren, mussten sehr viel auf die Sicherheit ihrer Fracht geben. Doch auch wenn sich das Schloss gegen alle möglichen Arten von Dietrichen zu wehren vermochte, hatte es einem Schattenblitz nicht viel entgegen zu stellen. Das Eisen zerbarst in kleine Stücke, als der Zauber auftraf, und einige der Splitter drangen äußerst schmerzhaft in mich ein. Ein paar größere hatten sich auf der anderen Seite der Zelle in die hölzerne Wand gebohrt. Der Knall war ohrenbetäubend.
Ich fluchte ziemlich lautstark, als ich größer werdende schwarze Flecken auf meiner Tunika entdeckte, dort, wo mein Lebenssaft anfing, in den Stoff zu sickern. Mein Fluchen wurde noch lauter, als die Rotoren anfingen, wieder zu verstummen, und gleich darauf nicht mehr zu hören waren.
»Oh, verdammt«, hörte ich Gregor murmeln, als ich in vollkommener Schwärze in Richtung der Tür eilte, schmerzhaft dagegen stieß und sie dabei aufschwang. »Was ist los?«, fragte ich, während ich den nächsten Schattenblitz zündete, um wieder sehen zu können, wo ich eigentlich meine Füße hin setzte.
Der Schlag saß. Gerade, als das gespenstische Licht wieder meine Umgebung erhellte, schnellte die Faust der Nachtelfe nach vorne und traf mich am Kinn. Ich sah deshalb noch lange keine Sterne, aber die Überraschung war genug, um mich von den Beinen zu heben und der Länge nach auf den Boden zu knallen. Der Schattenblitz zischelte leidend, als meine Konzentration nur für eine Sekunde auf den Sturz gezogen wurde, und schrumpelte zu einem kleinen Würmchen zusammen.
Ich sah gerade noch, wie An’duna hochsprang, nur um mit ihren Knien voran in meinem Magen zu landen. Knochen brachen, Organe wurden gequetscht, und ein hässlicher schmatzender Laut drang aus dem Loch in meiner Brust heraus, als sie sich unnachgiebig in mich hinein bohrte. Die Sterne zeigten sich noch immer nicht, aber dafür stiegen Angst, Wut und Panik in mir auf. Das Feuer, das von ihnen geschürt wurde, loderte bedrohlich.
Dann spürte ich ihre Hände um meinen Hals, und sie drückte so stark zu, wie sie nur konnte. Die Luft, die sie aus mir herausgepresst hatte, hatte nicht einmal den Hauch einer Chance, wieder zurück zu gelangen. Mein Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ein Laut über meine Lippen drang. Ihre Augen starrten unnachgiebig in die meinen, und ihre Miene war von Hass verzerrt.
Einige Gedanken, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf schossen, wären durchaus einer Überlegung wert gewesen. Ich war mir etwa sehr sicher, dass ich sie hätte abschütteln können, wenn ich gewollt hätte. Ein gut gezielter Schlag auf ihre Schläfe mochte sie sofort in die Bewusstlosigkeit senden. Und mein Schattenblitz hatte wieder zu seiner alten Kraft zurückgefunden und zuckte noch immer erwartend meinen Arm hinauf und hinab, bestrebt, auf die Nachtelfe niederzufahren.
Aber es gab einen Gedanke, der alle anderen mühelos verdrängte, mein ganzes Denken vereinnahmte und mich anschrie: »HUNGER!«
Ein plötzlicher Schlag in ihre Armbeuge ließ sie ein wenig einknicken und gab meinem Kopf ein wenig Freiheit. Gerade genug Freiheit, um meine Zähne in ihren Arm zu versenken und ein großes Stück Fleisch herauszureißen.
Der Schrei der Agonie aus ihrem Mund verstummte, als sie sich aufbäumte und ich einen gut gezielten Hieb in ihrer Magengegend versenkte. Dieses Mal war sie es, die wie ein Fisch an Land verzweifelt nach Luft schnappte. Ein letzter Schlag gegen die Seite ihres Kopfs sandte sie auf den Boden, wo sie regungslos neben mir liegen blieb. Rotes, in dem Licht schillerndes Blut drang auf die Dielen unter ihr.
Ich kaute ein bisschen, um den Geschmack so lange zu genießen, wie es ging, bevor ich den Happen gut hörbar herunter schluckte. Gregor hatte nicht übertrieben. Es schmeckte köstlich.
Die Welle des Ekels, die daraufhin über mich fuhr, hätte mich fast zum Schreien gebracht. Aber kühle Logik ließ mich darüber triumphieren und ihn zurückhalten. Ich war ein Untoter. Ich konnte nicht anders. Es war nicht meine Schuld. Sie hatte mich angegriffen, und ich hatte mich gewehrt. Ich musste essen.
Es vertrieb den Ekel nicht, und es machte die Situation nicht besser, nur für den Moment ertragbar.
»Wir sind angekommen«, brummte Gregor missmutig, als ich mich aufrappelte und über die Frau beugte. »Vermutlich sind wir sogar schon am Zeppelinturm.«
»Dann sollten wir wohl besser verschwinden«, erwiderte ich und packte den gesunden Arm der Nachtelfe, um ihn mir um den Hals zu legen und sie aufzurichten. Ich konzentrierte mich auf ihr Gesicht, um nicht das verdammt verlockende Blut sehen zu müssen, das ihrem verletzten Arm entlang rann und auf den Boden tropfte. Ihre Augen waren halb geschlossen, sie stöhnte voller Schmerzen und Qualen, ihre Beine zitterten wie Espenlaub. Aber sie war nicht bewusstlos, was ich mit einem gewissen Maß an Respekt wahrnahm.
»Du willst sie mitnehmen?!«, grollte meine zweite Seele mit unverhohlener Wut, als ich sie auf die Tür zum Ausgang zu schleppte. Ein kurzer Seitenblick auf den Zwerg ließ mich wissen, dass er meinen Kampf wohl miterlebt hatte. Sein Bart schien noch gesträubter zu sein als sonst, und die wenigen Flecken Haut, die man sehen konnte, hatten jegliche Farbe verloren.
»Ich kann sie schlecht sterben lassen. Wäre schade um das gute Fleisch, hm?«
Die Tür schwang nach außen auf. Der Duft des Bluts machte mich halb wahnsinnig vor Hunger. Alles unterhalb meines Halses und oberhalb meiner Beine schmerzte. Wir waren von Feinden umgeben. Und die Wut und die Panik waren noch lange nicht abgeflaut.
Ich dachte gar nicht erst daran, meine Hand auszustrecken. Ich sammelte stattdessen meine Kraft, zielte und trat mit aller Macht gegen das Holz.
Sie ging bei weitem nicht so weit auf, wie ich es erwartet hatte. Der Grund dafür war der Ork, der auf der anderen Seite gestanden hatte, von ihr getroffen worden war und gerade bewusstlos zu Boden ging, als die hell strahlende Sonne und ein Schwall heißer Luft in unseren Kerker eindrang. Seine Rüstung schepperte, als er aufschlug.
Die fünf anderen Orks, die etwas weiter hinter ihm gewartet hatten, starrten mich ebenso überrascht an wie ich sie. Sie waren in voller Kampfmontur: Äxte waren in ihren Händen oder hingen in ihren Gürteln, die teils gedellten Rüstungen schimmerten im Sonnenlicht. Ihre Münder waren leicht geöffnet, als hätten sie sich eben noch unterhalten. Die meisten von ihnen hatten schwarzes Haar, und einer hatte einen beachtlichen schneeweißen Vollbart, aus dem seine gelblichen Hauer hervorstachen.
Gleich hinter ihnen entdeckte ich Aritana und ihren Hausstier. Sie schienen ebenso geschockt zu sein wie die Orks.
Und jetzt trat etwas in den Türrahmen, dessen Schatten mir nicht einmal bis zu den Knien hinauf reichte und mich von unten her mit sehr erbosten Augen anschaute. Ein gefährlich schräg aufgesetzter dreieckiger Hut, mit Löchern für die spitzen, elfenähnlichen Ohren, und eine rote, für ihn viel zu große Jacke, die er trotz der flimmernden Hitze trug, ließen ihn sogar noch kleiner wirken.
»Was machst du da mit meiner Gefangenen, Wache?!«
Ich starrte den Goblin an. Seine Stimme war kratzend und piepsig zugleich. Ohne es zu wollen, verzogen sich meine Lippen zu einem Grinsen, und es blieb nicht dabei. Ich prustete, um ein Lachen zu unterdrücken.
»Ich habe dich etwas ge- Hast du ein Stück von meiner Gefangenen gegessen?!«
Ich prustete noch mehr, als sich der Goblin – vermutlich der Kapitän des Zeppelins – zu seiner vollen Größe aufrichtete, was einen Unterschied von vielleicht zwei Zoll machte. »Das ist Beschädigung meiner Ware! Ich verlange Reparationen! Ich -«
Ich konnte nicht mehr. Gregor stimmte mit ein, als ich lautstark lachte, dabei ein wenig einknickte und die Nachtelfe augenblicklich lauter zu stöhnen begann. Ich hörte auch nicht auf zu lachen, als ich mich wieder umdrehte, die Frau zurück in das Verlies schleifte, sie auf einen einigermaßen weichen Sack legte und mich neben ihr fallen ließ. Erst dann schaffte ich es endlich, mich wieder einigermaßen zu beruhigen, vor allem deshalb, weil mir meine ohnehin noch rare Luft ausging. Und ich konnte dabei nicht einmal genau sagen, warum ich so dämlich lachte.
Zögerlich trat der weißhaarige Ork ein, allerdings erst, nachdem er den Goblin böse angeschaut hatte und dieser endlich seine Klappe hielt. Erst jetzt bemerkte ich ein teuer aussehendes Amulett, das um seinen Hals hing, und die Markierungen, die auf seinen Schulterplatten gemalt waren. Er musste der Anführer des Trupps sein.
Als er seinen Mund öffnete, kamen einige Worte heraus, die in meinen Ohren wie das Grunzen eines Schweins, vermengt mit einigem Grölen und Schnarren klangen. Seine Hand lag dabei auf der Axt, die aber noch immer in ihrem Gürtelhalfter ruhte.
»Ich verstehe kein Orkisch«, gab ich mit einem breiten Grinsen in der Gemeinsprache zurück. Der Ork verzog die Miene, brüllte dann etwas – einen Namen, wie es schien – und beinahe sofort kam der Rest der Truppe in das Verlies hinein gewalzt, wo sie rings um mich Aufstellung nahmen.
Ein Ork, etwas schmächtiger als die anderen, aber nicht weniger bis an die Zähne bewaffnet, trat einen Schritt nach vorne. »Ich bin Grom Elfbasher«, grunzte er. Sein Haar war schwarz und voll, und nicht der kleinste Flaum bedeckte sein Kinn. Er musste noch relativ jung sein. »Ich verstehe die Gemeinsprache.«
Er nickte seinem Vorgesetzten zu, der, seinen Blick stets auf mich gerichtet, ein längeres Grunzen begann.
»Was hast du mit der Gefangenen gemacht, warum wolltest du sie nach draußen tragen, und wieso hast du Zulak die Tür ins Gesicht geschmissen?«
Ich blinzelte ein paar Mal verständnislos, behielt aber das Grinsen. »Was ich mit der Gefangenen gemacht habe?«
»Auch wenn sie der Feind ist, ist es unehrenhaft, seine Macht als Wache so zu missbrauchen!«
Meine Gedanken rasten so schnell, dass es schwer wurde, sie einzufangen. Aber Gregor war schon ein Schritt weiter als ich. »Ich hatte Hunger.«
»Das sehe ich«, grollte der Übersetzer. »Und das war der einzige Grund?«
»Natürlich. Ich brauche keinen weiteren.«
Der Ork sah mich mit jenem Blick an, mit dem mich fast jedes lebende Wesen bedachte und an den ich mich schon gewöhnt hatte. Noch ehe ich mich wundern konnte, klärte mich Gregor bereits auf: Der Zeppelin war nicht Eigentum Orgrimmars, sondern der Goblins. Und aus welchem seltsamen Grund auch immer schien jeder anzunehmen, dass ich eine Wache für die beiden Gefangenen war. Gefangenentransporte waren nichts allzu Seltenes, aber Gregor hatte noch nie einen organisiert und wusste deshalb selbst nicht so recht, was für Regelungen und Vorschriften es gab. Wir konnten nur raten, aber scheinbar hatte es Aritana tunlichst vermieden, mich als ihren Gefangenen auszugeben.
Jedenfalls hatten die Orks keine Handhabe. Oder besser gesagt, noch nicht, denn der Anführer begann zu grinsen, und es war nicht das freundschaftliche Grinsen, das ich ohnehin noch nie gesehen hatte.
Nach ein paar ausgetauschten Worten wandte sich sein Übersetzer mit einem gewissen boshaften Glitzern in den Augen an mich. »Die Nachtelfe sollte in der Arena kämpfen. Das wird sie mit solch einer Verletzung nicht tun können. Du wirst den Schaden zahlen.«
Ich musste nicht erst das zustimmende Grunzen der Orks hören, das sich verdächtig nach Lachen anhörte, um zu wissen, dass mich diese Aufforderung sehr teuer zu stehen kommen würde. Für einen Moment schwieg ich, und Gregor war kurz davor, vor Wut zu platzen, bis ich ihn beiseite schob und mit einem breiten Lächeln meinte: »Das wird nicht nötig sein.«
»Was meinst du, Untoter?«
Mir entging nicht, wie er das letzte Wort aussprach, aber ich behielt mein Lächeln bei, erst recht, als ich sah, wie Aritana vorsichtig den Raum betrat und mich mit einem wütenden Funkeln anschaute. »Sie ist eine Priesterin. Habe mich sowieso die ganze Zeit gewundert, was ihr Herren Orks mit einer Priesterin in der Arena wollt. Können nicht kämpfen, nur heilen, aber wer will schon Heilung sehen, hä?«
»Sie ist keine Priesterin, sondern eine Bogenschützin!«
»Hat man das Euch erzählt?«, fragte ich mit großen Augen und lachte dann kurz auf. »Würde sagen, da hat man Euch schön veräppelt! Von woher kommt die Elfe?«
»Aus Undercity natürlich!«
»Von den Untoten?! Ihr solltet doch wissen, dass man uns nicht trauen kann, Herr Ork!«
Erste Zweifel tauchten in der Miene des Übersetzers auf. Er fing an, schnell auf seinen Anführer einzugrunzen, der sich daraufhin tatsächlich von mir abwandte und nicht weniger energisch zurück grunzte.
Ich war in meinem Element. Ich hatte solche Dinge schon öfters gemacht, das wusste ich. Bilder stiegen in mir auf von längst vergangenen Tagen, in der einst blühenden Stadt Lordaeron. Von Wachen, die einem Strauchdieb am liebsten die Hand abgehackt hätten und dessen Gliedmaßen verschont blieben, weil ich neben ihm stand, meine Hand auf seiner Schulter, und die Gerüsteten der Lächerlichkeit preisgab. Und das war nicht das einzige Mal gewesen, wie ich mich erinnerte. Ich hatte ein Gespür dafür gehabt, wo kleine Zwischenfälle geschahen und die trägen Wachen nur schleppend dem Übeltäter hinterher kamen, nur um dann mich mit ihm im Arm zu entdecken. Und jedes Mal, wenn sie mich gesehen hatten, hatten sie wehleidig gestöhnt und gegrunzt, gar nicht mal so anders als die Orks…
»Woher willst du wissen, dass sie eine Priesterin ist, Untoter?!« Groms Stimme war erhitzt, vermutlich, weil es sein Anführer ebenso war.
»Oh, leichte Übung, das. Bitte, Herr Ork, schaut her.«
An’duna war noch immer benebelt von Schmerz und meinen Schlägen, aber ihre Augen waren schon ein wenig weiter geöffnet als vorher. Sie schauten mich voller Hass an, als sich meine Hand auf sie zubewegte und ihre gesunde am Gelenk nahm.
»Dar narem isht, Dune’adah.«
Sie wehrte sich, indem sie ihren Arm nicht einen Zoll bewegte. Aber aus ihren Augen sprach jetzt nicht mehr nur der blanke Hass, sondern auch ein wenig Verwunderung.
»Dar narem isht, Dune’adah«, wiederholte ich etwas bestimmter, nahm ihre Hand und führte sie vorsichtig zu ihrem verletzten Arm, auch wenn sie versuchte, dagegen zu halten.
Als ihre Finger die klaffende Wunde berührte, zuckte sie voller Pein zusammen und wisperte einige Flüche unter ihrem Atem. Zeitgleich sammelte ich meine magischen Kräfte und fing an, den Heilzauber zu weben.
Es war eine Sache, Schnitte zu heilen oder Muskeln zu flicken. Was ich hier tun musste, war jedoch, ein Stück Fleisch nachwachsen zu lassen, das gänzlich fehlte und gerade durch meinen Magen wanderte. Ich konzentrierte mich vollkommen auf das Blut, das zwischen ihren Fingern hindurch und bis zu meinen hinauf sickerte und stellte mir vor, wie es träger und träger wurde, wie sich dann die Ränder der Wunde aufeinander zubewegten in dem Bestreben, zusammen zu wachsen, und sich schließlich eine neue Haut darüber spannte. Das bekannte Gefühl, als alles an Mana in meinem Körper zu meinen Fingerspitzen floss, machte sich breit. Unter meiner Hand fing jene von An’duna an zu leuchten, und in der Luft fing aus dem Nichts ein heller Ton an zu vibrieren.
Die Augen der Nachtelfe wurden weit, als sie zusah, wie das Blut zwischen ihren Fingern zuerst stehen blieb und sich dann in ihren Körper zurückzog. Dann fing das Fleisch an sich auszudehnen und der Mitte zuzustreben, wo es zu einer festen Schicht verschmolz. Und zuletzt bildete sich von Innen heraus die violette Haut, die sich sanft darüber legte und nicht einmal mehr die Spur einer Wunde zurückließ.
Ich hatte mich extra von den Orks abgewandt, damit sie nicht sehen konnten, wie ich versuchte, die Schmerzen nicht auf meinem Gesicht zu zeigen. Gregor schrie so sehr, dass keine Geräusche der echten Welt mehr an mich heran drangen. Eine Herde von Kodobestien hätte neben mir entlangstürmen können, und es wäre mir nicht einmal aufgefallen. Ich hatte schon lange die Augen geschlossen und konzentrierte mich nur noch darauf, so schnell wie möglich die Heilung hinter mich zu bringen, auch wenn mich das vollkommen ausgebrannt zurücklassen sollte.
Nach einer guten Minute war alles vorbei. Die Luft, die sich in mir angestaut hatte, entwich mir mit einem leisen Seufzen, und es fühlte sich an, als ob dabei auch noch das letzte bisschen Kraft aus meinem Körper verschwand. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich aufstehen können würde, aber ich versuchte trotzdem, mir nichts anmerken zu lassen. Zumindest sahen die Orks nicht so aus, als hätten sie etwas bemerkt. Ihre Augen wurden allesamt von der geheilten Verletzung angezogen wie Motten vom Licht.
An’duna starrte genauso überrascht und verwundert wie die Krieger um uns herum auf ihren Arm. Ihre Lippen bebten für einen Moment, dann öffneten sie sich –
»Priesterin!«, meinte ich fröhlich und versteckte dabei das Zittern meiner Stimme, so gut es ging. »Können sich selbst heilen, wie Ihr sicherlich wisst, Herr Ork. Macht es manchmal schwer, sie zu töten. Sind aber sehr praktisch für Untote, wie eine Sau, von der man sich ein gutes Stück abschneidet und die einfach nicht aufhört nachzuwachsen, und -«
»Ruhe!«, brüllte Grom Elfbasher mich an. Ich verstummte sofort, grinste ihn aber noch immer breit an, was ihn noch mehr aus der Fassung brachte. Ich verstand natürlich nichts von dem, was er mit seinem Anführer zu begrunzen hatte, aber es schien darum zu gehen, dass die Nachtelfe wohl nunmehr vollends kaputt war.
»Halt deinen Mund«, wisperte ich aus dem Mundwinkel zu ihr hinüber, wobei ich es kaum wagte, meine Lippen zu bewegen. Tatsächlich schloss sie ihn und starrte stattdessen nun mich an.
Als das angeregte Grunzen einmal unterbrochen war – womöglich, weil die Orks überlegten, was sie jetzt anstellen sollten – rappelte ich mich auf und lehnte mich möglichst lässig gegen ein paar Kisten. »Scheint so, als wärt Ihr wirklich nicht an einer Priesterin interessiert, Herr Ork. Könnte schwierig werden, sie loszuwerden. Könntet sie natürlich in den Kerker stecken, aber das nutzt Euch nichts. Von wem ist sie?«
»Ein Apotheker«, brummte Grom ziemlich ungehalten.
»Direflesh, möchte ich wetten! Ist ein typischer Untoter, Direflesh, zieht jeden über den Tisch, den er finden kann. Hat wahrscheinlich mehr als genug Nachtelfen in seinen Verliesen hocken, dass er ein paar abgeben kann. Und gierig ist er, Direflesh, schlimm, wirklich schlimm.«
»Direflesh«, wiederholte der Ork nachdenklich und etwas unsicher. »Er könnte so geheißen haben -«
»Ich sag Euch was, Herr Ork!«, unterbrach ich ihn fröhlich und zeigte dabei meine Zähne, an denen noch immer etwas Blut klebte. »Ihr habt ein Problem, und ich habe Hunger. Ich kaufe sie Euch ab!«
Grom schaute mich mit einem Blick an, der mein Herz sinken ließ. »Wir haben nichts für sie bezahlt«, erwiderte er mit finsterer Miene. »Wir sind keine Sklavenhändler. Sie wurde uns als eine Art… Darbietung gegeben.«
»Dann kämpfe ich eben an ihrer statt!«
Der Ork horchte sofort auf. Er musterte mich abschätzig, und ich versuchte, meine dreckige Tunika und die geflickte Hose besser aussehen zu lassen, als sie wirklich waren. »Kann kein großer Kampf werden.«
»Habt nichts zu verlieren, Herr Ork!« Ich brabbelte weiter, während ich Gregor ignorierte, der seine Schmerzen von der Heilung noch immer nicht ganz überwunden hatte, aber dennoch auf mich einschrie, dass ich von allen guten Geistern verlassen war. »Wenn ich gewinne, bekomme ich die Nachtelfe, und wenn ich verliere, könnt Ihr sie behalten. Und Ihr bekommt in jedem Fall einen Kampf!«
Er warf einen letzten, abschätzenden Blick auf mich, bevor sich Grom wieder an den Anführer wandte und ihm meinen Vorschlag erklärte. Mir fiel auf, dass der Ork mindestens genauso dämlich wie ich grinste, noch ehe sein Übersetzer auch nur ansatzweise mein Vorhaben erklärt haben konnte. Und als sich seine glitzernden, wissenden Augen in die meinen bohrten, erkannte ich schlagartig, dass ich den weißhaarigen Krieger mächtig unterschätzt hatte.
»Einverstanden«, grölte er in perfekter Gemeinsprache und zum gut sichtbaren Entsetzen von Aritana.
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#51 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 18 April 2014 - 19:52

Kapitel 24 – Vertrauen durch Schneidern

Ich dachte angestrengt darüber nach, ob ich mich glücklich schätzen oder meine vorlaute Klappe verfluchen sollte, während ich vor der Tür stand und sie anstarrte.
Sie war ungefähr so dick wie meine Hand lang. Ein kleines Fenster war etwa auf Kopfhöhe hineingesägt worden und mit Gitterstäben gesichert. Von draußen drang warme Luft und der typische Lärm einer großen Stadt herein, auch wenn hier mehr Gegrunze als Worte ausgetauscht wurden.
Ich war direkt hierher gebracht worden. Die Orks, und vor allem ihr Anführer, hatten mich sehr deutlich darauf hingewiesen, dass mir die Ehre einer Unterkunft für einen echten Kämpfer zuteil werden sollte. Sie hatten dabei nicht einmal gelacht, und auch wenn mein geräumiges, rundes Zimmer eher spartanisch eingerichtet war, so fehlte es an nichts: Ich hatte ein Bett, einen Hocker samt hölzernen Tisch mit einer einzelnen Kerze darauf und einen Nachttopf, der regelmäßig geleert wurde. Ich brauchte fast zehn Schritt, um von einer Wand zur gegenüberliegenden Seite zu gelangen. Und dennoch war es nichts anderes als eine bessere Gefängniszelle.
Und sie hatten mir, wenn auch eher widerwillig, die Nachtelfe mitgegeben. An’duna saß jetzt auf der federgefüllten Matratze. Sie sah aus, als hätte sie all ihre Kräfte bereits wiedererlangt, aber sie wirkte etwas unsicher, starrte mich eingehend an und wandte sich nur von mir ab, wenn ich ihrem Blick für eine Weile begegnete und genauso biestig dreinschaute wie sie.
Meine Geldbörse war beschlagnahmt und dem Goblin für das zerstörte Schloss gegeben worden. Ich hatte keine Waffen bei mir. Ich hatte nicht einmal etwas zu essen bekommen. Mein Kopf schmerzte mehr denn je, vielleicht wegen der sengenden Hitze, die hier in Orgrimmar herrschte. Das Einzige, das mich gerade wirklich aufheiterte, war das Gesicht von Aritana, das sich mir regelrecht in den Kopf gebrannt hatte.
Ich musste ein paar Mal blinzeln, als ich durch die Gitterstäbe hinaus schaute, bis ich erkannte, dass es nicht die Vorstellung der Blutelfe war, die ich sah, sondern die Frau in Fleisch und Blut. Sie starrte mich mit demselben unversöhnlichen Blick an, mit dem sie mich vor kurzem im Zeppelin-Kerker gestraft hatte, auch wenn sie es schaffte, noch wütender zu wirken. Sogar ihr Haar schien sich ein wenig zu sträuben. »Bist du stolz auf das, was du dir eingebrockt hast, du verfluchter Einfaltspinsel?«
Ein Lächeln zog sich über meine Lippen, als ich mit beiden Händen die Gitterstäbe umgriff und meine Stirn das Eisen berührte. »Aritana! Was für eine Überraschung. Ich hätte nicht gedacht, dich noch einmal zu sehen.«
»Wahrscheinlich ist es auch das letzte Mal! Die Orks werden dich abschlachten!«
»Die Orks sind ein Problem, das ich später beseitigen werde. Erzähl mir lieber, warum du mich so dringend brauchst, kleine Sin’dorei.«
Sie mahlte mit den Zähnen, während sie überlegte, wie viel sie mir sagen konnte oder wollte. Nach einiger Zeit meinte sie mit gefährlicher Ruhe: »Ich hatte erwartet, jemanden mit den gleichen Zielen und Beweggründen wie die meinen zu finden.«
»Bisher scheinen unsere Ziele und Beweggründe sehr weit auseinanderzugehen«, erwiderte ich mit einem breiten Grinsen.
»Hast du dich nie gewundert, wie du von den Bergen in Loch Modan nach Tirisfal gekommen bist, Gregor?«
Die ersten Gedanken sammelten sich und wurden ausgetauscht. Es ging sehr schnell und verblüffend geordnet, vielleicht deshalb, weil Gregor keine rechte Lust verspürte, mit der Elfe zu reden. Natürlich hatte sich der Untote immer wieder darüber gewundert, aber er war nie auf eine vernünftige Lösung gekommen.
»Was hast du damit zu tun?«, brummte ich leise.
»Einfach. Ich habe dich bis dorthin geschafft.« Ihre Stimme war kühl und hatte wieder diesen leicht überheblichen Ton angenommen, von dem ich dachte, dass ich ihn ihr ausgetrieben hatte. »Manchmal frage ich mich, ob ich dich nicht einfach im verdammten Eis hätte verrotten lassen sollen. Die Kälte muss dein Gehirn eingefroren haben, und scheinbar ist es nie aufgetaut!«
»Hör auf, meinen Bruder zu beleidigen, und sag einfach das, was du sagen willst«, knurrte ich sie an.
»Ich will die Nachtelfe tot sehen!«, schrie sie zurück.
Jetzt wachte Gregor auf. Es schüttelte mich regelrecht vor Hass und Wut, meine Hände umklammerten die Eisenstangen dermaßen, dass sie weißer wurden, als sie ohnehin schon waren, oder meine Fingerknochen zu knacken begannen. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
»Woher sollte ich wissen, dass sich dein Bruder dermaßen um tote Gestalten kümmert?!«
»Rache«, brummte ich leise, wischte dabei Gregor zur Seite und verbannte das Feuer und seine wütenden Schreie irgendwo in meinen Magen, wo es weiter hell loderte und mir regelrecht Schmerzen bereitete. Ich konnte spüren, wie seine Regungen immer wieder auf meinem Gesicht aufblitzten. »Es geht dir um Rache, und Gregor hätte dir dabei helfen sollen. Oh, er ist Feuer und Flamme dafür, soviel steht fest.«
Aritana starrte mich mindestens ebenso hasserfüllt an, wie sich eine Hälfte von mir gerade fühlte. Aber auch wenn Gregor begann, sich selbst zu verzehren, blieb ich so ruhig, wie es mir eben möglich war. »Weißt du, kleine Sin’dorei, mir fällt da ein Problem auf, das mein wutentbrannter Bruder noch nicht bemerkt zu haben scheint. Du hast seine Leiche also bis nach Tirisfal geschleift, damit er wiedererweckt werden kann, schön und gut. Aber er ist nicht an der Seuche gestorben.«
Tatsächlich beruhigte sich Gregor wieder, und seine Gedanken fingen an zu rasen. Ich achtete gar nicht weiter auf ihn, sondern behielt Aritana fest im Blick, die schon jetzt einen kleinen Schritt zurück machte, mir aber noch immer genauso unversöhnlich wie vorhin in die Augen starrte. »Die Seuche ist das, was die Leichen wieder zum Leben erweckt. Natürlich hat noch kein Apotheker es geschafft, eine neue, bessere Seuche zu entwickeln. Bleibt die Frage, wie Gregor auferstehen konnte. Was für ein Zufall, dass du scheinbar einen guten, wenn auch gefährlichen Draht zu Direflesh hattest.«
Ein fürchterlicher Verdacht begann, sich in Gregors Gedankenwelt zu bilden. Ein Verdacht, den ich schon seit einiger Zeit hegte, aber stets vor ihm versteckt gehalten hatte, um Aritanas Leben willen. »Und Direflesh ist ohnehin ein sehr experimentierfreudiger Untoter gewesen. Vielleicht hatte er es ja tatsächlich geschafft, eine neue Seuche zu entwickeln, die man Toten verabreichen kann. Er musste dafür natürlich irgendwie die Seele des Verstorbenen dem Licht entreißen, aber wenn es um Rache geht, verlieren viele Leute jeglichen Skrupel. Und, oh, da fällt mir ein, du warst es auch, der Gregor nochmal getötet hat. Und was dabei herauskam, war ich.«
Die Blutelfe stand inzwischen vier oder fünf Schritt von der Tür entfernt, während ich sie mit ausdrucksloser Miene beobachtete. »Was bedeutet schon ein Leben, nicht wahr? Vor allem das eines Toten. Sie sind ohnehin nur noch hirnlose Geschöpfe, die man nach Lust und Laune manipulieren und benutzen kann. Sie haben keine Ehre und kein Mitleid. Sie sind nur Werkzeuge für deine Rache.«
Das Feuer war erloschen und einer tristen Leere gewichen, die sich immer weiter ausdehnte. »Tut mir leid, Gregor«, sagte ich, während ich die Frau mit freudlosen Augen anlächelte. »Aber irgendjemand musste dir die Augen öffnen.«
Meine zweite Seele schwieg für eine Zeit. Schließlich, als er sich regte und um Erlaubnis bat, machte ich ihm sofort Platz.
»Aritana.«
Die Blutelfe zuckte zusammen, als wäre die eiskalte Stimme eine Klinge, die sie gerade durchbohrt hatte.
»Weißt du, wo die Nachtelfe ist?«
»Ich… ich habe einige Anhaltspunkte -«
»Spuren«, grollte Gregor. »Finde eine Spur. Wenn wir hier draußen sind, dann werden wir die Nachtelfe jagen. Und wenn sie tot ist…«
Ich konnte spüren, wie er mit sich selbst rang. Dort, direkt vor uns und doch gerade unerreichbar, stand jemand, den er ohnehin schon abgrundtief verabscheute. Jetzt hatte er noch sehr viel mehr Grund dazu.
Aber die Wut brauste nicht auf, der Zorn blieb hinter seinen Schranken, und der Hass – der alles verzehrende Hass, der den Untoten immer weiter getrieben hatte – war auf die Nachtelfe, nicht aber auf die Frau auf der anderen Seite der Kerkertür gerichtet.
Die nächsten Worte kamen sehr gedehnt über meine Lippen. »Wenn sie tot ist… dann verschwinde. Und hoffe – bete, dass du mich nicht wieder siehst, bevor mein Bruder mich zurückgeschickt hat. Selbst er wird dich nicht schützen können.«
Ich lächelte erneut. Stolz wallte in mir auf, den Gregor jedoch gekonnt ignorierte. Wir hatten gesagt, was gesagt werden musste. Ohne einen weiteren Blick wandte ich mich ab und ging gemächlichen Schrittes wieder zu meinem Hocker zurück.
»Ich hatte keine Wahl!«, hörte ich die Blutelfe von draußen herein rufen. Nachdem wir nicht antworteten, dauerte es nicht lange, bis sich Schritte von unserer Tür entfernten.
»Jeder hat eine Wahl«, brummte ich leise genug, dass nur ich es hören konnte.
»Außer du«, gab Gregor ebenso verstimmt zurück.
Ich nickte nur, seufzte dann und starrte wieder die Tür an, als hoffte ich, sie würde unter meinem unnachgiebigen Blick bersten.
Das Rascheln ihrer Kleidung lenkte meinen Blick auf die Nachtelfe, die aufgestanden war. Sie trug noch immer ihre dreckige und fleckige Bluse, die zu weit für sie war, immer wieder von ihrer Schulter rutschte und manchmal sogar den Blick auf das Tuch freigab, das sie um ihren Busen gebunden hatte. Ihre Hose flatterte nicht weniger um ihre Beine, und es grenzte an ein kleines Wunder, dass sie ihr nicht ständig um die Knie herum hing. Ihre Hände waren stets damit beschäftigt, die billigen Kleidungsstücke wieder zurecht zu rücken. Mit einem gewissen Missmut nahm ich zur Kenntnis, dass Untote zwar nicht mehr sonderlich viel auf nackte Haut gaben, aber dennoch ziemlich gut wussten, wie man eine Frau demütigen konnte.
»Du bist ein Priester des Lichts?«, fragte sie in ihrer Muttersprache.
Ich nickte, während ich meinen Blick wieder zurück auf die Tür konzentrierte. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Und vielleicht würde ich es ja tatsächlich schaffen, ein Loch hinein zu brennen, wenn ich sie nur scharf genug ansah.
»Untote können keine Priester des Lichts sein.«
Ich zuckte mit den Schultern. Ich konnte schwören, dass sich die Tür unter meinem Starren kaum bemerkbar verbog.
»Du bist ein Hexer«, murmelte sie mit einer gewissen unterdrückten Wut in ihrer Stimme. »Du bist einen Handel mit Dämonen eingegangen.«
Dieses Mal öffnete ich meinen Mund und grunzte angestrengt. Die Delle, auf die ich gerade starrte, war vorhin doch noch nicht da gewesen, oder?
Ihre Hände packten meinen linken Arm, und ihr Knie rauschte nur einen Wimpernschlag später heran. Der Knochen barst regelrecht unter dieser brachialen Attacke. Ich schrie voller Schmerzen auf, kippte vom Stuhl und schaute erst entsetzt meinen jetzt nutzlosen Arm, dann die Nachtelfe an, die über mir stand und mich erbarmungslos betrachtete.
»Heile dich.«
Nicht einmal, als Gordo mich aus meinem Sarg befreit hatte, hatte ich solche Schmerzen gespürt. Der Knochen musste in unzählige Splitter zerfallen sein, die sich jetzt nach Lust und Laune in mein totes Fleisch bohrten und darin herumwühlten. Mit zusammengepressten Zähnen setzte ich mich hin und achtete dabei darauf, dass ich meinen Arm nicht bewegte. »Du… du verdammte…«
»Ich habe dir gesagt, traue keiner Nachtelfe«, zischte Gregor voller Hass unter meinem Atem hervor. Allmählich hatte ich das Gefühl, dass ich öfters auf meinen Bruder hören sollte.
»Du hast mich geheilt«, sagte An’duna, wobei sie direkt vor mir in die Hocke ging. Ihre silbernen Augen glänzten im Sonnenlicht, das durch das kleine Fenster hinein und direkt auf ihr Gesicht fiel. Es hatte etwas Wahnsinniges an sich. »Heile dich selbst.«
»Warum?!«, schnarrte ich. »Was willst du sehen?«
Anstelle von einer Antwort schlug sie einfach auf meinen verletzten Arm. Es fühlte sich an, als würden sich tausende kleine glühende Nadeln in mich hinein fahren und sich daran erfreuen, mir unendliche Pein zuzufügen.
»Ich kann nicht!«, brüllte ich sie an.
»Warum?«
»Weil ich mein ganzes Mana dafür aufgebraucht habe, dich zu heilen, du dumme -« Ich biss mir auf die Zunge, ein bisschen stärker, als ich eigentlich beabsichtigt hatte, und zu allem Überfluss begann schwarzes Blut meine Zähne einzufärben.
Sie blickte mich forschend an, vielleicht in dem Bestreben herauszufinden, ob ich sie anlog oder ob ich die Wahrheit sagte.
»Warum tötest du mich nicht?«
Für einen Moment ließ ich von meinem Arm ab und starrte sie vollkommen entgeistert an. Erst, als ich merkte, wie Blut zäh zwischen meinen Lippen hervor drang, regte ich mich wieder. »Warum sollte ich dich töten wollen?«
»Du wolltest mich fressen!«
»Ich – was? Nein, ich wollte überleben! Was hast du erwartet, dass ich tun würde, mich zurücklegen und darauf warten, dass mir die Luft endgültig wegbleibt?!«
»Dann werde ich dich jetzt töten, Dareth Twosouls.«
Ich musste ein paar Mal blinzeln, bis ich verstand, was die Frau sagte. Sie musste verrückt sein. Oder eine Fanatikerin. Wahrscheinlich beides.
»Dann tu es«, brummte Gregor aus mir hervor und blitzte sie mit wütenden Augen an. »Ehrloses Spitzohr«, fügte er hinzu und spuckte dabei einen Schwall schwarzen Bluts direkt vor ihre Füße.
Ihre Hände, die sich bereits meinen Hals genähert hatten, verharrten. Ihre kühle Miene wurde lebendig, und Wut spiegelte sich darin. »Was weiß ein Untoter schon von Ehre! Du weißt nichts! Die Natur ist gütig und doch grausam, und nur der Stärkste überlebt!«
»Dann hätte ich dich also in der Zelle lassen sollen?«, spie ich ihr nicht minder wütend entgegen. Und Gregor ergänzte: »Schließlich warst du dumm genug, um dich von einem ehrlosen Untoten gefangen nehmen zu lassen, oder nicht?!«
Die Tür knallte auf. Ein voll gerüsteter Ork, dieses Mal sogar mit einem gehörnten Helm auf dem Kopf, und gezogener Streitaxt stand halb in unserem Zimmer und nahm die Situation innerhalb weniger Sekunden in sich auf.
Gerade, als er seinen Mund öffnen wollte, unterbrach ich ihn bereits. »Kein Grund zur Sorge«, plärrte ich ihn mindestens genauso laut an wie vorher die Nachtelfe, die jetzt ein wenig unschlüssig vor mir stand, sich dann daran erinnerte, wie ihre Hände noch immer nach meinem Hals verlangend ausgestreckt waren, und ihre Arme rasch fallen ließ. Ich warf ihr einen erzürnten Blick zu, während ich meinen Arm so gut wie möglich vom Blick der Wache abschirmte. »Meine Mahlzeit ist nur ein wenig bockig. Wenn ich ein Messer hätte, wäre das alles natürlich sehr viel einfacher.«
Der Ork schaute mich noch für einige Sekunden scharf an, bevor er ein verächtliches Grunzen hören ließ. Die Worte »Verdammte Untoten!« drangen noch von draußen nach innen, als er die Tür hinter sich zuzog und wieder seinen Wachposten bezog, der gleich in der Nähe sein musste.
Wir schwiegen und lauschten. Als wir uns sicher waren, dass sich niemand mehr bei unserer Tür aufhielt, schnaubte ich verächtlich. »Ich habe deinen violetten Hintern gerettet«, schnauzte ich An’duna an, wobei ich mich aufrappelte und schwankend auf die Beine kam. »Ohne mich wärst du wahrscheinlich jetzt schon in der Arena und würdest sterben. Ist es das, was du willst, du verfluchtes Spitzohr? Einen ehrenvollen Tod? So etwas gibt es nicht!«
Sie beobachtete jede meiner Bewegungen, und ihre Finger zuckten noch immer verlangend. »Ich werde dich aus einem sehr einfachen Grund nicht töten, An’duna: Ich bin kein verfluchter Untoter! Ich hasse dich nicht, ich will nicht in deinem Blut baden, und auch wenn du verdammt gut schmeckst, werde ich dich nicht fressen! Sollte das nicht in dem Platz zwischen deinen langen Ohren ankommen, solltest du wirklich so unsagbar dämlich sein und nicht wenigstens versuchen, dein Schicksal ein klein wenig zu verbessern, dann wird sich Gregor gerne um dich kümmern, Arm hin oder her!«
Ich war mir nicht sicher, wie viel sie verstand. Die Sprache der Nachtelfen war nicht für eine solch brutale und direkte Art ausgelegt, und ich wechselte immer wieder in die Gemeinsprache, um mir einige Worte daraus zu borgen. Das Resultat ließ mich vor Wut schnaufend und Gregor voller Erwartung zurück, wogegen die Frau mit versteinerter Miene schwieg.
Schließlich, nachdem ich sie für eine Weile angestarrt, dann fluchend und zeternd den Hocker geholt und mich darauf niedergelassen hatte, fragte sie leise: »Wer bist du?«
Ich stöhnte wehleidig auf. »Bei allem, was dem Licht heilig ist, wieso stellt jede Frau, der ich begegne, diese Frage… Ein Priester des Lichts«, sagte ich, während ich versuchte, den Schaden an meinem Arm zu begutachten, »und ich stecke in einem Körper, der mir nicht gehört, zusammen mit der Seele, dem er gehört.«
Ihr Blick sagte aus, dass sie nicht wirklich viel davon nachvollziehen konnte, aber das war mir im Moment ziemlich egal. Jede Berührung schmerzte, jede Bewegung zu viel war eine unnötige Qual. Und beides verdankte ich einer Nachtelfe, die scheinbar herausfinden wollte, warum ich sie nicht einfach hier und jetzt bis auf die Knochen auffraß, und anstatt zu fragen, wollte sie mich anscheinend dazu bringen, genau das zu tun!
»Wie ist das möglich?«
»Beim Licht, du hast Recht! Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt!« Könnte Sarkasmus Ohrfeigen verteilen, wären nun beide Wangen der Frau rot und geschwollen. Natürlich wusste ich auch zu gewissen Teilen, was mit mir geschehen war, aber ich sah es nicht im Geringsten ein, die Nachtelfe in mein Geheimnis mit einzuweihen.
»Wieso hast du mich befreit?«
»Das ist allerdings eine Frage, die ich mir wirklich selbst stelle«, giftete ich zurück. »Jetzt mehr denn je, um genau zu sein. Was wolltest du mit deinem kleinen Experiment herausfinden? Ob ich ein jähzorniger, blutgieriger, wandelnder Leichnam bin? Bist du überhaupt schon mal Untoten begegnet?«
»Ja.« Ihre Stimme war kalt wie ein Eiszapfen im höchsten Norden. Und mir fiel sogar ein, warum sie so frostig antwortete: Die Orks hatten sie von Untoten erhalten. Natürlich kannte sie Untote. Das Licht allein wusste, wie gut sie die Untoten kannte. Wahrscheinlich viel zu gut. Um genau zu sein, wunderte ich mich jetzt fast schon, dass sie noch so heil aussah.
Ich seufzte leise, richtete mich ein wenig auf meinem Hocker auf und schaute ihr offen ins Gesicht. »Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht, bevor die Worte meinen Mund verließen. Aber ich hatte dir schon gesagt, ich bin anders. Ich habe einige ihrer Wesenszüge an mir, aber ich bekämpfe sie. Ich bin nicht dein Feind, An’duna.«
»Wie kannst du nicht mein Feind sein, wenn du genauso aussiehst wie er?«
Ich fühlte mich todmüde. Es waren vielleicht eine oder zwei Stunden vergangen seit meiner kräftezehrenden Heilung auf dem Luftschiff. Ich wollte schlafen – oder einfach nur herumliegen und ruhen – und dabei sichergehen, dass ich danach wieder mit meinem Kopf an meinem Rumpf aufstehen würde. Ich fragte mich inzwischen ernsthaft, was mich dazu bewogen hatte, die Nachtelfe mit in mein Zimmer zu schleifen…
Gregor hatte eine Antwort parat. »Was ist dann mit Illidan Stormrage? Er war ein Nachtelf. Jeder weiß, was aus ihm geworden ist.«
Ein Handlanger, um genau zu sein. Ein Handlanger für die Dämonen der Brennenden Legion, ein Dämon selbst, das Beispiel überhaupt dafür, dass niemand wirklich vor Korruption und Versuchung gefeit war, nicht einmal das reinsten Volk, das jemals existiert hatte. Eine bunt zusammengewürfelte Heldengruppe hatte ihn erschlagen, und niemand konnte sagen, wie sie das bewerkstelligt hatten. Sie waren in Kompaniestärke – 40 Männer und Frauen – ausgerückt und überraschenderweise ebenso zurückgekehrt, und der Tod des verhassten Dämons war überall, von der Allianz ebenso wie von der Horde, gefeiert worden.
Gregor mochte die Geschichte des Nachtelfen. Sie hatte etwas herrlich Erniedrigendes an sich.
»Er sah aus wie einer der euren« drängte ich auf An‘duna ein, als ich glaubte, erste Zweifel in ihren Augen aufblitzen zu sehen. »Und er war so weit entfernt davon, einer zu sein.«
Sie tat sich merklich schwer, mir Glauben zu schenken. Ihre sonst sehr starre Miene bekam dennoch erste Risse, als in ihr der Kampf begann.
»Lass mich ruhen, An’duna. Und später werden wir uns unterhalten. Und ich werde dir alle deine Fragen beantworten, so gut ich kann.«
Ich schleppte mich zum Bett, wo ich mich vorsichtig darauf legte, nicht ohne ungeheure Schmerzen erleiden zu müssen. Wenn ich den verdammten Arm wenigstens hätte schienen können…
»Du hast Angst.«
Ich öffnete erneut meine Augen und starrte die Decke an. Sie war hoch genug, dass man nicht heran kam, nicht einmal dann, wenn man auf den Tisch gestiegen wäre, und bestand aus der Unterseite von roten Ziegeln, welche zugleich das Dach bildeten.
Ich wollte nicht einmal wissen, woher sie das wusste.
»Du hast mir genügend Gründe gegeben, Angst zu haben.«
»Untote kennen keine Angst. Sie kennen nur Hass.«
Ich schloss die Augen wieder. »Du kennst die Antwort, Tochter der Elune.«

Der dicke Sonnenstrahl, der durch das Fenster in unser Zimmer fiel, wanderte mit der Zeit über die Wand. Er war praktisch eine Sonnenuhr; das Einzige, das fehlte, waren die entsprechenden Markierungen auf dem Holz. Ich beobachtete ihn immer wieder, darauf wartend, dass meine magischen Kräfte von alleine zurückkehren würden. Angeblich konnte man es mit entsprechenden Mitteln wie Mana-Tränken oder anderen Gebräuen beschleunigen, aber ich hatte keine Lust, meine Wärter darauf aufmerksam zu machen, dass ich zaubern konnte. Das Schloss der Zelle etwa war einfach unter der Wucht meiner mächtigen Faust in Tausend Stücke zersprungen.
Niemand hatte es mir abgekauft, aber jeder hatte sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben.
Die Nachtelfe hatte sich in der Zwischenzeit den Hocker genommen, an das Ende des Bettes gestellt und sich darauf gesetzt. Seitdem starrte sie mich an wie eine Eule, die ihre Beute fest im Blick behielt. Ich ignorierte sie, so gut ich konnte, aber das war nicht lange möglich. Wenn man unter Beobachtung stand, vor allem unter solch eingehender, wurde man zwangsläufig nervös.
Ich seufzte also leise, richtete mich halb auf, so dass mein strohgefülltes Kissen in meinem Rücken war, und schaute sie an. »Was ist, An’duna? Noch immer am überlegen, ob du mich vielleicht doch im Schlaf meucheln solltest?«
Ihre silbernen Augen blitzten verärgert auf. »Auch wenn es unnatürliche Bastarde wie du verdient hätten, Dareth, werde ich es vorerst nicht tun.«
»Und warum nicht?«
»Ich muss nachdenken.«
»Über das, was ich dir gesagt habe, hoffe ich?« Ich grinste sie breit an, und Gregor sprang mir mit neckender Stimme zur Seite: »Vielleicht siehst du ja ein, dass wir Recht haben. Wunder soll es immer wieder geben.«
Ihre langen Ohren zuckten regelrecht, als sie meine zweite Seele vernahm. »Wer bist du?«, fragte sie misstrauisch.
»Der eigentliche Besitzer dieses Körpers. Ich habe ihn meinem Bruder zur Verfügung gestellt, wenn auch eher unfreiwillig.«
»Gregor ist ein echter… Untoter«, fügte ich entschuldigend hinzu. »Ich treibe es ihm langsam aus.«
»Wie willst du ihn davon abhalten, ein Untoter zu sein?«
»Nun, ich habe ihn schon davon abgebracht, dir einfach die Kehle durchzubeißen«, erwiderte ich in einem möglichst sachlichen Ton. »Und sogar seine alte Feindin – die Blutelfe aus dem Kerker – könnte mit ihrem Leben davonkommen, wenn sie keinen Fehler begeht. Dafür, dass Untote angeblich alles Leben vernichten wollen, sind wir wohl auf dem richtigen Weg.«
An’duna schwieg wieder für eine Weile, in der ich versuchte, es mir möglichst gemütlich zu machen. Die Matratze war viel zu weich und ungewohnt, aber ich zog sie dem erhitzten Boden auf jeden Fall vor.
»Woher soll ich wissen, ob ich dir trauen kann?«
Jetzt horchte ich auf. Ihre Miene hatte sich nicht verändert, aber ihre Augen…
Ich lehnte mich wieder ein wenig zurück, legte mir meine Worte zurecht und versuchte es dann mit einem schmalen Lächeln. »Du weißt es genauso gut wie ich, ob ich dir trauen kann.«
»Du könntest es alles nur vortäuschen. Zwei Seelen in einem Körper – niemand ist dafür geschaffen!«
»Warum hätte ich dich dann aus deinem Kerker retten sollen? Ich hätte von dem Luftschiff verschwinden können. Ich hätte mitten zwischen den Orks hindurch und davonstürmen können. Stattdessen bin ich zurückgeblieben und habe dich geheilt.«
»Weil du Übles im Schilde führst, wie alle Untoten.«
»Ich weiß nicht, ob ich Hilf der blutenden Nachtelfe, die ohne deine Hilfe verrecken wird als Übel bezeichnen würde.«
»Eine Wunde, die du mir zugefügt hast.«
»Weil du mich töten wolltest.«
Die Frau schaute mich unversöhnlich an, beugte sich dann ein wenig nach vorne, wobei ihre Bluse wieder einmal verrutschte, und meinte trocken: »Ich weiß nicht, ob man es töten nennen kann, wenn man die Natur von einem Untoten befreit.«
Ich guckte sie perplex an, und dann fing ich an zu lachen. Selbst Gregor konnte nicht anders, als zumindest ein breites Grinsen beizusteuern. »Hätte nicht erwartet, dass eine Nachtelfe zu so etwas wie Humor fertig ist. Wie alt bist du?«
Sie zögerte nur den Hauch einer Sekunde. »Hundert -«
»Lüge«, kommentierte Gregor mit einem breiten Grinsen. »Versuch es erst gar nicht, mich zu belügen. Ich bin ein ausgebildeter Meuchelmörder und Informationsbeschaffer. Ich weiß, wann Untote zu mir lügen, und sie sind verdammt gute Lügner. Du bist wie ein offenes Buch für mich.«
Röte kroch der Nachtelfe auf die Wangen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich An’duna jemals erröten sehen würde, zumindest nicht so früh. Aber Gregor schien ein Händchen für Frauen zu haben. Abgesehen vielleicht von weiblichen untoten Wachen, mit denen er anbandeln wollte.
»50 Jahre.«
Gregor ließ eine meiner Augenbrauen nach oben wandern, was ein seltsames Gefühl war, wenn man es nicht selbst tat.
»26«, gab sie sehr leise zu.
»Nachtelfen werden einige Hundert Jahre alt«, sagte ich relativ beiläufig. »Du bist also noch so etwas wie ein Kind?«
Ihre Augen wurden hart. Ich glaubte allmählich zu verstehen, was sie antrieb. Sie war sehr jung für eine Nachtelfe, und sie suchte nach einem Weg, sich zu beweisen. Dass sie irgendwie in die Gefangenschaft von Untoten geraten war, musste ihr einen mächtigen Dämpfer verpasst haben. Jetzt versuchte sie wohl erst recht mit allen Mitteln, sich und der ganzen Welt zu beweisen, dass sie etwas wert war.
»Was haben die Untoten mit dir gemacht, als du in ihrer Gefangenschaft warst?«
Ihre Miene blieb unnachgiebig, aber ihre Ohren verrieten sie mit einem nervösen Zucken. Sie wollte nicht darüber sprechen.
»Apotheker?«, brummte ich missmutig.
Sie nickte, langsam.
»Verdammten Schweinehunde. Ohne sie wäre ich beim Licht und Gregor… Gregor wäre irgendwo anders. Weißt du, warum sie dich an die Orks verschenkt haben?«
Sie schüttelte vorsichtig ihren Kopf.
»Haben sie dir irgendwelche Tränke eingeflößt?«
Sie nickte wieder.
Das große Puzzle, das sich vor mir ausbreitete, nahm langsam Struktur an. Die Hauptaufgabe der Apotheker war es, eine neue Seuche zu entwickeln, so hatte es mir Direflesh einmal in einem unserer kleinen Gespräche geschildert. Sehr viel mehr wusste er auch nicht, aber die Vermutung lag nahe, dass Sylvanas Windrunner gerne über die gleiche Macht gebieten würde, die der Lichkönig Arthas innehielt: ein Heer von dummen, zahn- und klauenbewehrten Untoten, die sich auf ihr Kommando hin in den Kampf stürzten.
Und jetzt schenkte man eine Nachtelfe – und Nachtelfen heranzubekommen, war auch für Untote nicht einfach – einfach so an die Orks, um sie in der Arena sterben zu lassen, wahrscheinlich als ein Zeichen des guten Willens zu den Verbündeten in der Horde. Und wenn sie erst einmal tot war, wer wusste dann schon, was mit ihrem Leichnam geschehen würde. Vielleicht gar nichts; vielleicht würden aber auch schon bald sehr grässliche Krankheiten durch Orgrimmar kursieren…
Mitleid kam in mir auf. Wer wusste schon, was sie ihr verabreicht hatten. Vielleicht war es wie bei mir gewesen, und sie hatte nicht einmal Schmerzen gespürt. Aber Gregor sagte mir bereits, dass ich mit meinem Wunschdenken aufhören sollte und genauso gut wie er wusste, wie gerne die Apotheker ihre Versuchskaninchen quälten.
Verdammte Untoten. Ohne sie wäre die Welt wirklich ein besser Platz. Und selbst Gregor stimmte mir zu.
Ich beobachtete sie kurz, wie An’duna wieder einmal versuchte, ihre Bluse zurecht zu rücken. Ein Gedanke kam mir, den Gregor sehr schnell als weibisch und geradezu peinlich verwarf, bei mir aber hängen blieb. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich lächeln.
Zuerst musste ich jedoch meinen Arm heilen. Ich horchte in mich hinein, auf der Suche nach dem Mana, das sich irgendwo in mir befand und auf meinen Ruf hin antwortete. Ich war mir nicht sicher, ob es reichen würde, aber ich hatte keine rechte Lust, noch länger zu warten. Ich war kein sehr geduldiger Mensch gewesen, außer bei meiner großen Liebe, und der Tod hatte nichts daran geändert.
Der Stich kam nicht direkt unerwartet, war deshalb aber nicht weniger schmerzhaft. Meine Liebe…
Ich scheuchte die Bilder ihres bleichen Gesichts hinfort und konzentrierte mich auf meinen Arm. Ich wusste nicht genau, ob ich Schmerzen erleiden oder ob sich alles einfach magisch zusammenfügen würde.
Die Antwort war schlimmer, als ich sie mir hätte vorstellen können. Nicht nur, dass Gregor wieder mit der Lichtmagie gequält wurde, die seinem ganzen Wesen so zuwider lief; ich konnte spüren, wie die Knochensplitter aus meinem Fleisch heraus wanderten, sich an meinen Muskeln vorbei zwängten und wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrten. Ich grunzte und stöhnte, während ich zusah, wie das hell schimmernde Licht meinen gesamten Arm erfasste und ihn wieder richtete, nahe daran, aufzugeben und es lieber später noch einmal zu versuchen. Aber Gregor und ich waren uns einig, dass wir diese Schmerzen nicht noch einmal erleben wollten, also nahmen wir unsere Kräfte zusammen und sorgten dafür, dass alles in seine Ordnung kam, egal, wie lange es dauerte oder wie sehr wir mit den Zähnen mahlen mussten, um nicht aufzuschreien.
Ich konnte nicht sagen, wie lange es dauerte. Als ich fertig war, konnte ich meinen Arm wieder wie gewohnt bewegen, aber es fehlte schlicht die Kraft dazu, ihn in die Höhe zu halten. Ich fühlte mich so ausgemergelt wie ein Hund, dem man seit Wochen nichts mehr zu essen gegeben hatte. Als ich einen müden Blick auf An’duna schmiss, fiel mir auf, dass sie mich neugierig anschaute. »Es tut weh?«
Ich lächelte gequält und nickte. »Hat es bei dir nicht weh getan?«
»Nein. Es hatte sich… gut angefühlt.« Sie sagte den letzten Teil mit einer gewissen Zurückhaltung, als wüsste sie nicht so recht, ob sie damit nicht sich selbst oder gar ihre ganze Rasse verriet.
Ich schwang noch immer stöhnend meine Beine vom Bett herunter und versuchte zitternd aufzustehen. »Gregor war für eine gewisse Zeit ein Hexer gewesen. Scheint so, als würde seine Seele im heiligen Licht verbrennen, wenn ich es herbei rufe.«
Ihre Augen wurden tatsächlich ein wenig größer. »Auch, als du mich geheilt hast?«
»Immer.«
Ich humpelte mehr, als das ich ging, aber ich erreichte die Tür, ohne hinzufallen. Drei Mal ließ ich meine Faust auf das Holz niederfahren, und es zeigte umgehend Wirkung. Das grüne und helmbewehrte Gesicht des Orks tauchte vor dem Fenster auf. »Ja?«, grunzte er.
»Ich will etwas zu essen für mein Essen«, bat ich ihn mit möglichst freundlicher Stimme. »Etwas zu trinken wäre ebenfalls erwünscht. Und besorg mir violetten Stoff, Schere, Faden und eine Nadel.«
Bis hierher hatte der Ork noch keine Regung gezeigt. Beim Stoff allerdings zogen sich seine buschigen Augenbrauen zusammen, und einige Falten zeigten sich auf seiner Schnauze. »Stoff? Wozu?«
»Meine Sorge. Kannst du dich darum kümmern oder nicht?«
»Nicht ohne eine angemessene Spende.«
Ich seufzte innerlich und verdrehte ein wenig die Augen. Wachen waren überall dieselben: korrupt und nur auf sich selbst bedacht. Es gab natürlich auch die eine oder andere Ausnahme, wie etwa die Untoten. Sie waren nur darauf bedacht, das Leben ihrer Gefangenen zur Hölle zu machen.
»Gibt es Wetten beim Arena-Kampf?«
Der Ork nickte.
»Dann werde ich dir die Hälfte meines Wetterlöses geben.«
Die Wache fing an zu grinsen. »Willst auf deinen Tod setzen?«
»Dann hätte ich ja nichts davon«, erwiderte ich kühl. »Ich wette natürlich auf meinen Sieg. Und jetzt besorg endlich die Sachen, oder ich werde mich sehr eingehend mit meinem weißhaarigen Freund unterhalten, wenn er mich einmal wieder besucht.«
Die Erwähnung des Anführers des Orktrupps ließ die Wache eine Verwandlung durchgehen. Er war nicht teil des Trupps gewesen und hatte nur gesehen, dass ich mich mit dem Ork sehr angeregt unterhalten hatte, als er mich in meine Zelle gebracht hatte. Wie viel Einfluss ich hatte, konnte er nicht wissen, sondern nur raten. Und wie jede andere korrupte Wache an seiner Stelle war er der Meinung, dass die Gefahr, in Ungnade zu fallen, größer war als die Mühe, meine relativ einfache Bitte zu erfüllen. Etwas unzufrieden vor sich hin grunzend, trollte er sich und marschierte zu einem kleineren Ork gleich in der Nähe, den er lautstark anbrüllte und der nur wenige Sekunden später Hals über Kopf davon rannte.
Grinsend wandte ich mich von der Tür ab und schleppte mich wieder zum Bett zurück, um mich darauf niederzulassen. An’duna hatte sich die ganze Zeit über nicht bewegt, sondern mich nur starr angeschaut. Jetzt räusperte sie sich. »Gibt es mehr Untote wie du?«
Ich musste nicht einmal überlegen, um diese Frage zu beantworten. »Nein, nicht mehr. Es gab eine Frau, die wohl so war wie ich.«
»Was ist aus ihr geworden?«
Das Gesicht Inessas, wie die schwarze Träne ihrer Wange hinablief und auf meine Finger tropfte, trat so klar vor meine Augen, als wäre es gerade erst geschehen.
»Sie ist tot«, erwiderte ich schwach und zugleich mit einer gewissen Bestimmtheit in meiner Stimme. An’duna verstand wohl den Wink, denn sie bohrte nicht weiter nach. »Was hast du zu der Wache gesagt?«
»Sie wird dir etwas zu Essen und zu Trinken bringen, und noch ein paar andere Sachen. Es sollte nicht allzu lange dauern.«
Tatsächlich warteten wir nur gefühlte fünf Minuten. Ein höfliches Klopfen kündigte an, dass jemand eintreten würde, und der kleine Ork schritt durch die sich öffnende Pforte. Er sah aus, als wäre er etwas außer Atem, und in seiner Hand hielt er einen schlichten Korb, aus dem ein brauner Laib Brot und eine kopfgroße grüne Frucht herausschaute. Der Hals einer Flasche blitzte im Sonnenlicht, und der Geruch von Fleisch, das sich irgendwo im Korb versteckte, stieg mir in die Nase.
In der anderen Hand hielt er einen Ballen violettes Tuch, das dem Anschein nach nicht der besten Qualität entsprach, aber dennoch widerstandsfähig und nicht zu dick sein würde. Zwischen seinen Fingern hielt er außerdem eine Schere und ein Fadengarn, in dem eine kleine Nadel steckte, die ebenso wie die Flasche funkelte.
»Leg den Stoff und das Garn auf den Tisch, mein Freund. Den Korb kannst du der Elfe geben. Und nimm dir ein gutes Stück Fleisch raus, das hast du dir verdient.«
Tatsächlich zeigte sich ein Lächeln auf dem hauerbewehrten Mund des Orks. Gehorsam kam er meiner Aufforderung nach, holte eine gebratene Hühnerkeule aus dem Korb heraus und marschierte dann wieder zur Tür, die er hinter sich zuzog und gewissenhaft den Riegel vorschob.
An’duna betrachtete mit einem gewissen Zurückhaltung den Korb, der jetzt direkt neben ihr stand, und holte schließlich einen kleinen, grünen Apfel heraus. »Danke«, murmelte sie, bevor sie hinein biss.
»Gerne. Jetzt zieh deine Bluse und deine Hose aus.«
Der Bissen blieb ihr fast im Hals stecken. Sie hustete, schluckte schwer, hustete noch ein wenig mehr und starrte mich dann entgeistert an.
Ich verdrehte genauso die Augen, wie ich es erst kurz vorher bei der Wache getan hatte. »Stell dich nicht so an. Die Klamotten sitzen so locker, dass sie mehr entblößen, als sie verbergen.«
Sie errötete schon wieder. Es war erstaunlich, wie einfach das Mädchen, das kurz vorher noch so eiskalt und unnahbar herüber gekommen war, aus der Fassung zu bringen war. Und vor allem, mit welchen Themen.
»Zieh die Fetzen aus, lass mich Maß nehmen, und ich versuche, dir ein Kleid zu schneidern. Mehr nicht.«
Natürlich reichte diese Begründung nicht. Ich verstand durchaus, dass sie sich ungerne entkleiden mochte, erst recht nicht direkt vor einem stinkenden Untoten, der ihr kurz vorher in den Arm gebissen hatte. Aber es brauchte nur einen Gedanken, um Gregor dazu anzustacheln, ihr einige anzügliche Kommentare an den Kopf zu schmeißen, die allesamt mit ihrer geflickten Kleidung zu tun hatten. Ich konnte ihr regelrecht ansehen, wie sie immer mehr mit sich selbst rang, bis sie schließlich mit hochrotem Kopf aufgab.
Sie war hübsch, das konnte man ihr nicht absprechen. Als sie nur in ihrer Unterwäsche bekleidet vor mir stand, den einen Arm schützend vor ihrem Busen haltend, die andere Hand vor ihrer Scham, betrachtete ich sie eingehend von oben bis unten. Sie machte einen zierlichen Eindruck und war nur ein klein wenig größer als ich selbst. Allerdings wusste ich auch aus eigener Erfahrung, dass sie sehr viel stärker war, als ihr Aussehen vermuten ließ.
Ich nahm den Stoffballen zur Hand, rollte einige Schritt davon ab und fing an, sie um ihre Schulter zu legen und von dort nach unten fallen zu lassen. Gregor begnügte sich damit, mich als Waschweib zu beschimpfen, während ich zum merklichen Unbehagen der Nachtelfe hier und dort den Stoff glatt strich und sie prüfend musterte. Dann schnitt ich mit der Schere die richtige Länge ab, legte den übriggebliebenen Ballen zur Seite, deutete auf das Bett und sagte: »Setz dich, das wird eine Weile dauern.«
Sie hastete augenblicklich dorthin, nahm die dünne Decke, die auf der Federmatratze lag, und warf sie sich um. Ihr Blick war niedergeschlagen, als würde sie sich schämen, mir jetzt noch in die Augen zu sehen.
Ich nahm meinerseits auf dem Hocker Platz, legte die Schere neben mir ab und ergriff Nadel und Faden. »Sind Elfen nicht wesentlich freizügiger als Menschen?«
»Untote -«
»Ich bin kein Untoter, An’duna.«
»Seltsame Wesen«, schnauzte sie, »haben kein Recht darauf, mich so zu sehen.«
»Nun, wenn das Kleid fertig ist, kannst du es anprobieren, und wenn es dir nicht gefällt, kannst du gerne wieder deine alten Kleider tragen. Ob das besser ist, sei dir überlassen.«
Sie war kurz davor, etwas zu erwidern, überlegte es sich dann aber doch anders und schaute mich böse an. »Du hast mir keine Wahl gelassen.«
»Wir haben dir nur gesagt, was wir sehen«, antwortete Gregor gehässig. »Ich glaube, die Huren in Stormwind tragen sehr ähnliche Kleider wie jene, die du anhattest. Die billigeren, natürlich, welche in den ärmeren Vierteln ihr Geld verdienen. Du weißt, was eine Hure ist?«
Ihr finsterer Blick sprach Bände. Gregor lachte ein wenig, bevor ich ihn wieder zurück in mich hinein verbannte und die Nachtelfe entschuldigend ansah. »Ich glaube nicht, dass ich viel gegen seinen Humor ausrichten kann.«
Ich widmete mich wieder dem Stoff und fing an, mit der Nadel die ersten Schulterstücke aneinanderzunähen. Es würde nicht einfach werden, das Kleid aus einem einzigen Stück zu schneidern, aber es würde besser aussehen, als wenn ich viele Stücke einfach nur aneinander packte wie einen Flickenteppich.
»Woher weißt du, wie man Kleider schneidert?«
»Eine gute Frage.« Meine Finger bewegten sich wie von selbst, und ich konnte ihr immer wieder einen Blick zuwerfen. »Ich glaube, es früher schon einmal getan zu haben, als ich noch ein Mensch war…«
Der Leichnam meiner Liebe tauchte wieder vor mir auf. Das Kleid, in dem sie begraben lag, war schlicht gewesen, nicht einmal sonderlich anders als jenes, das ich im Sinn hatte. Ich seufzte leise. »Jedenfalls sollte es dir besser stehen als diese Stofffetzen. Und womöglich solltest du ein Bad nehmen.«
Damit hatte ich An’duna wohl vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt. Sie schaute mich an wie ein Eichhörnchen, wenn über seinem Kopf ein Donnergrollen hinweg zog.
»Ich kann mir natürlich nicht so recht vorstellen, wie scheußlich ich riechen muss«, fügte ich hinzu, während ich den Stoff ein wenig anhob und mit einem knöchernen Finger prüfend die Naht entlang fuhr. »Aber es muss einige Zeit her gewesen sein, seitdem du dich das letzte Mal waschen konntest. Soweit ich mich erinnere, haben Nachtelfen immer sehr gerne und ausgiebig gebadet. Es hat sie nicht einmal gestört, wenn man ihnen dabei zusah.«
»Woher willst du das wissen, Dareth?«, fragte sie entrüstet. Eine gewisse Sehnsucht schwang in ihrer Stimme mit und nahm ihr damit einiges ihrer Schärfe.
Die Bilder, die in mir aufstiegen, ließen mich verträumt lächeln. Da war sie, meine Liebe, wie sie lachend in einem natürlichen Becken plantschte, das etwas oberhalb von einer warmen Quelle gespeist wurde. Mächtige Bäume standen um uns herum, deren Kronen sich schützend über uns zu einem einzigen, riesigen Blätterdach vereinten. Und einige Nachtelfen hatten sich ihr angeschlossen, waren ebenso nackt wie sie in das Becken gesprungen und bespritzten sich jetzt gegenseitig mit Wasser, scheinbar ohne von mir Notiz zu nehmen. Und mir wurde im Angesicht dieser Menge an nackter Haut sehr, sehr heiß…
»Sagen wir einfach, dass ich es hautnah miterleben konnte, als ich noch nicht in diesem Körper gesteckt habe.«
Es fühlte sich gut an zu wissen, dass meine Erinnerungen nicht für immer verloren waren. Sie kamen zurück.
Ich legte meine Arbeit zur Seite, stand ächzend auf und ging zur Tür hinüber. Dieses Mal musste ich nicht einmal klopfen, denn der kleinere Ork hatte direkt davor Stellung bezogen und drehte sich um, kaum dass er meine schlurfenden Schritte hörte. »Ja?«
»Glaubst du, man kann mir einen Waschzuber bringen?«
Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als er versuchte, meine Frage zu verarbeiten. »Untote baden?«
»Nicht, dass ich wüsste. Der Zuber ist für die Nachtelfe.«
»Warum solltet Ihr wollen, dass sie baden kann?«
Ich blinzelte ein paar Mal, bevor ich mit einem Schulterzucken erwiderte: »Sie schmeckt besser, wenn sie sauber ist.«
Auch wenn der Ork merklich versuchte, höflich zu sein, konnte er seinen Ekel nicht verbergen. »Woher kennt Ihr Urgrak Silvermane?«
Sein Beiname machte es nicht eben schwer, den weißhaarigen Anführer des Orktrupps mit dem Namen in Verbindung zu bringen. Vorsichtig antwortete ich: »Eine lange Geschichte. Wieso fragst du?«
»Er hasst Untote. Bis auf Euch.«
»Oh.«
»Ich werde sehen, was ich tun kann«, grunzte die Wache und marschierte dann hastig los. Sie ließ mich mit einer gewissen Verunsicherung zurück. Ich hatte mich ohnehin gefragt, warum die Orks mir nicht einfach den Kopf von den Schultern geschlagen hatten, kaum dass ich auf dem Zeppelin meinen sehr kurzen Ausbruchsversuch begangen hatte. Und der Anführer – Urgrak Silvermane? – hatte sich auf dem Weg zu meiner neuen Zelle sehr viel belangloses Zeugs von mir erzählen lassen, in der Gemeinsprache wohlgemerkt. Es sah fast so aus, als hätte er mich testen wollen…
Aber für Sorgen war jetzt nicht die rechte Zeit. Ich konnte mir Sorgen machen, wenn der Krieger wieder vor mir stehen und mich aufklären würde, in was für eine Falle ich mich hineinmanövriert hatte.
Es dauerte nicht lange, bis lautes Grunzen und Ächzen vor unserer Tür ertönte. Als sie aufschwang, sah ich den kleineren Ork, der mit gewichtiger Miene voranschritt, und zwei noch kleinere Wesen, die bei weitem nicht so muskulös und sehr viel gedungener als die Wache wirkten. Dennoch sahen sie dem Ork äußerst ähnlich. Gregor nannte sie Peons.
Zwischen sich trugen die Peons einen riesigen hölzernen Waschzuber, von dem Dampf aufstieg und in dem Wasser hin und her schwappte. Als sie ihn mitten im Raum abstellten, zeichnete sich Erleichterung auf ihren dümmlichen Gesichtern ab, während sie sich ihre geschundenen Arme und Hände rieben. Der Wächter nickte mir noch einmal zu, sah dann zusammen mit den Peons mit lüsternen Augen zu der Nachtelfe hinüber, die noch immer in ihrer Decke gehüllt auf dem Bett saß, und scheuchte dann seine beiden Helfer hinaus. Ich war mir fast sicher, dass er wieder direkt vor der Tür seiner Arbeit nachgehen und jetzt vermutlich etwas öfters als sonst einen Blick hineinwerfen würde.
An’duna schaute für eine Weile immer wieder unschlüssig von dem einladenden Bad zu mir und wieder zurück. Ich hatte mich schon längst wieder dem Kleid zugewandt, und inzwischen sah es auch schon ansatzweise aus wie ein Kleid, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich oben herum genug Platz gelassen hatte. Schließlich ließ ich meine Nadel verharren, verdrehte schon zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit die Augen und schaute die Frau an. »Wirst du jetzt endlich in das Bad steigen?«
Als hätte sie nur darauf gewartet, plusterte sie sich regelrecht auf. »Du willst also unbedingt meinen nackten Körper sehen, Dareth? Du bist nicht besser als all die männlichen Menschen, die ich getroffen habe, oder diese primitiven Grünhäute. Ihre Blicke sagen mehr als Worte, und sie sind allesamt von schändlicher Natur.«
»Ich habe dich bereits in Unterwäsche gesehen, An’duna. Glaubst du wirklich, dass noch sehr viel mehr der Vorstellung bedarf?«
Gregor brummte zustimmend, als ich mich wieder dem Kleid zuwandte. »Scheint fast, als hätten wir die prüdeste Nachtelfe auf ganz Azeroth erwischt, Dareth. Und ich frage mich noch immer, warum du sie beschützt hast.«
»Weil ich ein zu gutes Herz habe, schätze ich. Auch wenn es nicht mehr allzu oft schlägt.« Etwas besorgt begutachtete ich meine letzte Naht. An’duna hatte ja zierlich ausgesehen, aber vielleicht sollte ich um die Hüfte herum doch etwas mehr Platz lassen, einfach zur Sicherheit.
»Was willst du tun, wenn du wieder Hunger bekommst?«
Ich schaute nachdenklich auf und betrachtete dabei die Nachtelfe, die meinen Blick mit starrer Miene erwiderte, auch wenn ihre Wangen noch immer leicht gerötet waren. »Hoffen wir einfach, dass der letzte Bissen für eine Weile vorhält.«
»Und was, wenn nicht?«
»Dann hoffen wir, dass ich ein anderes Opfer finde.«
Ich konnte der Frau nicht ansehen, ob sie meine Antwort eher erleichtert oder besorgt aufnahm.
»Und wenn du noch einmal wehmütig zwischen dem heißen Wasser und mir hin und her schaust, An’duna, dann springe ich gleich selbst in den verdammten Zuber.«
Diese Worte Gregors bewirkten, was all mein gutes Zureden nicht zustande gebracht hatte. Mit einer trotzigen Miene stand die Nachtelfe auf, schnappte sich einen der Stofffetzen – ob Hose oder Hemd, konnte man nicht einmal mehr richtig sagen – und marschierte damit zur Tür. Dort angekommen, knotete sie das behelfsmäßige Tuch an das Gitter. Das Licht fiel jetzt nur noch gedämpft in den Raum, aber die Elfe war sichtlich zufrieden mit ihrer Idee, ganz im Gegensatz zur Wache, deren enttäuschtes Schnauben herein drang. Dann ging sie rasch zum Zuber, entkleidete sich unter der Decke, legte ihre Unterwäsche zur Seite und stieg vorsichtig in das heiße Wasser. Zuerst sog sie scharf die Luft ein, seufzte dann aber voller Entzücken, als sie sich vollends hineinsinken und die Decke zur Seite fallen ließ.
Auch wenn der Bottich tief war, war er doch auf keinen Fall tief genug, um sie vollkommen unter Wasser zu verstecken. Und selbst wenn er es getan hätte, war das Wasser klar, abgesehen von den kleinen Dampfschwaden, die nach oben trieben. Sie war wirklich hübsch. Die meisten Frauen würden sie um ihre Figur beneiden und wahrscheinlich sogar dafür töten. Und, was ich zwar schon wusste, mich aber immer wieder verwunderte, nicht ein Haar bedeckte ihre Scham.
Als sie meinen Blick bemerkte, legte sie augenblicklich ihre Arme über ihre Blöße und fauchte mich an: »Ich wusste es! Du bist genauso wie jeder andere Mensch!«
Ich hob grinsend eine Augenbraue, bevor ich wieder die Nadel durch den Stoff gleiten ließ. »Oh, nein. Mir läuft nur das Wasser im Mund zusammen, wenn ich dich so sehe. Wie oft hast du denn schon Menschen gesehen, An’duna?«
Sie antwortete nicht sofort, und das ließ mich nur umso breiter grinsen. »Ein paar Mal«, meinte sie schließlich ausweichend.
»Gregor war einmal in eine Nachtelfe verliebt, wusstest du das?«
»Das geht sie rein gar nichts an!«, brüllte meine zweite Seele augenblicklich, und ich fing an zu lachen. Aritana hingegen betrachtete mich mit einer Mischung aus Misstrauen und Angst. Ich konnte es ihr nicht verübeln: es musste sehr seltsam aussehen, wenn man erst wütend durch die Gegend plärrte und dann innerhalb eines Wimpernschlags zu lachen anfing. »Nun, An’duna, die meisten Menschen haben dir wahrscheinlich so nachgeschaut, weil sie dich äußerst hübsch fanden. Es ist eine Art… Kompliment.«
»Ja, du solltest dich freuen, dass dutzende bockige Fettsäcke dir hinterher laufen und dich ins Bett zerren wollten.«
Ich musste mir ein weiteres Lachen verkneifen. Ich hatte Gregor selten so wütend erlebt, zumindest nicht über eine solche Kleinigkeit. Es freute mich, so etwas Menschliches in dem sonst so bitterbösen Geist meines Bruders zu finden.
Natürlich beruhigte ich mich schnell wieder und formte lächelnd weiter das Kleid aus dem Stoff. An’duna planschte derweil faul und noch immer darauf bedacht, möglichst viel von sich selbst zu verdecken, in ihrem Zuber, bis sie sich schließlich räusperte.
»Ja?«, brummte ich, ohne von meinem Werk aufzuschauen. Entgegen allem, was man vielleicht denken mochte, fand ich den Beckenbereich am schwersten zu bewerkstelligen. Er musste weit genug sein, dass der Stoff nicht einfach riss, wenn man sich etwa beugte, und doch eng genug, dass er nicht umherflatterte.
»Wenn du kein Untoter bist… was bist du dann, Dareth?«
Ich ließ die Nadel weiter durch den Stoff gleiten, während ich nachdachte. »Ich glaube gerne, dass ich noch immer ein Mensch bin«, murmelte ich schließlich und überprüfte dabei die Naht, zum inzwischen dritten Mal. »Aber wie du schon mitbekommen hast, kann man mich nicht mehr menschlich nennen. Der… Hunger… kann nicht besiegt werden. Nur gestillt.«
Wir schwiegen für eine Weile, bis sich die Nachtelfe wieder regte. Als ich aufsah, hatte sie ihre Arme auf den Rand des Bottichs gelegt und ließ ihren Kopf darauf ruhen, um mich eingehend anzuschauen. »Die Untoten. Die Apotheker, wie du sie nanntest. Sind alle Untoten so?«
Wieder überlegte ich ein bisschen, doch es war Gregor, der antwortete. »Die Apotheker sind die verrücktesten unter uns. Aber nicht die schlimmsten. Du hast es scheinbar noch gut erwischt. Keine Verletzungen, keine Schnitte, keine Verzierungen.«
Unwillkürlich ging meine Hand zu meiner Brust, dort, wo das Mahnmal Blackweavers auf meiner Haut brandete. Ich wusste genau, was Gregor meinte.
»Gibt es nette Untote?«
»Nein«, sagten Gregor und ich gemeinsam.
»Und du?«
Ich lächelte kurz, stand auf, hob dabei das halbfertige Kleid hoch und betrachtete es von allen Seiten. Es machte bisher einen passablen Eindruck. »Ich bin kein Untoter.«
»Das sehe ich.«
Sie lächelte. Es war zaghaft, es war ängstlich, es war verwirrt. Aber es war ein Lächeln.
Ein Kleid und ein Bad, und man gewann das Vertrauen einer Frau.
»Erzähl mir von dir«, sagte ich und setzte mich dabei wieder hin. »Woher kommst du?«
»Ashenvale«, murmelte die Nachtelfe, wobei sie sich wieder vollkommen ins Wasser sinken ließ. Sie wirkte entspannter, ungezwungener. »Untote kamen, als ich jagte, und nahmen mich mit.«
»Normalerweise treiben sich Untote nicht so weit weg von Tirisfal umher.«
»Ich glaube, sie suchten nach uns.« An’duna sprach jetzt sehr leise. Sie hatte ihre Augen geschlossen, und ihre Knie stachen aus dem Wasser hervor wie kleine, nebelumwobene Inseln. »Ich schickte drei von ihnen mit Pfeilen in die Verdammnis, aus der sie entsprungen waren, bis sie mich überwältigten. Sie wollten mich nicht töten. Sie fesselten und knebelten mich, dann verdeckten sie meine Augen mit einem Tuch und flößten mir etwas ein, das mich schläfrig machte. Als ich wieder aufwachte, saß ich in einer kalten Zelle.«
Ich konnte mir gut vorstellen, welche Zellen sie meinte. Die Neugier brannte mir regelrecht auf der Zunge, aber ich wollte sie zu nichts drängen, nicht jetzt, nachdem ich sie endlich aus ihrer harten Schale hervorgelockt hatte.
»Wie warst du als Mensch?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht allzu viele Erinnerungen. Ich wuchs in Lordaeron auf, aber meine Kindheit bleibt mir versperrt.«
»Aber Lordaeron -«
»Wurde von der Geisel überrannt. Ich weiß.«
Betroffenes Schweigen senkte sich über uns, aber nicht für lange. Man merkte der Frau an, dass sie doch noch irgendwo ein kleines, wissbegieriges Mädchen war. »Woran kannst du dich erinnern?«
»An meine Liebe«, murmelte ich genauso leise wie sie vorher. »Sie war wunderschön. Stumm, aber wunderschön. Sie lachte gerne. Sie war eine ausgezeichnete Bogenschützin.« Meine Erinnerung an das Bad kam mir in den Sinn, und fast glaubte ich, ihr helles Lachen wie aus weiter Ferne zu hören. »Ich war mit ihr in Ashenvale, um ihr dort einen Bogen und Pfeile der Nachtelfen zu erstehen. Ich glaube, dort auch deine Sprache gelernt zu haben.«
»Ihr müsst lange dort gewesen sein. Unsere Sprache ist nicht einfach.«
Der Kloß in meinem Hals wuchs. »Möglich.«
»Vermisst du sie?«
Ich hielt inne und starrte auf den Stoff vor mir. So viel war geschehen, in so kurzer Zeit. Sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ich ständig nur um sie trauerte. Aber Gedanken konnte man nicht zerstören, nur zur Seite schieben und verdrängen. Tat man es zu lange, fraßen sie einen von innen auf, bis sie mit aller Macht zurückkehrten.
Gregor war dasselbe widerfahren. Er war besessen von dem Gedanken an Rache. Das war es, was ihn antrieb.
»Ja. Ich vermisse sie.«
An’duna schwieg kurz, bis sie ihre Neugier doch nicht mehr bändigen konnte. »Was war ihr Name?«
Das Messer, das mir die Elfe mitten ins Herz rammte, drehte sich. Es waren Schmerzen, die man nicht begreifen konnte. Es fühlte sich einerseits so an, als wäre die Klinge aus Feuer und würde meinen ganzen Körper erfüllen; und andererseits fühlte es sich so an, als würde es jegliche Emotionen aus mir heraus saugen und mich als eine leere Hülle zurück lassen. Die Welt begann sich zu drehen, in einer wilden Mischung aus Erinnerungen und Klageschreien, und in alledem war eine hässliche Fratze ohne Haar, mit einem grauen Kinnbart und gebrochener Nase zu erkennen, die manisch zu lachen begann und aus deren Maul tiefrotes Blut floss.
Die dicke, schwarze Träne landete mitten auf dem Stoff. Der Spuk war schlagartig verflogen. Ich fluchte leise, strich was auch immer es eigentlich war mit der Hand zur Seite und vergrößerte damit nur den Flecken. Wut stieg in mir auf, wallte hin und her und bohrte sich durch mein Denken, und mit einem zornigen, heiseren Schrei schmiss ich das Kleid zur Seite, um dann mein Gesicht in meinen zitternden Händen zu vergraben.
Es tat gut. Gefühle brachen sich Bahn, die ich lange versucht hatte, zurückzuhalten. Ich hatte gedacht, darüber hinweg zu sein, aber wie konnte man verkraften, genau das zu werden, was alles zerstört hatte, das man jemals geliebt hatte? Selbst Gregor, der das Menschsein schon so sehr verloren hatte, raffte sich auf, um mich zu trösten und trauern zu lassen, ohne einen gehässigen Kommentar von sich zu geben. Meine Schultern bebten, meine Zähne knirschten, als ich sie so stark aufeinanderpresste, wie ich nur konnte.
Es tat so gut, Schwäche zu zeigen.
Ich brauchte einige Zeit, um mich zu beruhigen. Ich mochte gar nicht wissen, wie ich aussah. Meine Hände waren schwarz. Und auch wenn sich ein Trauerschleier über mich gelegt hatte, den ich vielleicht nie wieder von mir ziehen können würde, fühlte ich mich doch ein klein wenig befreit.
An’duna starrte mich entsetzt an. Es war nicht mein Anblick, der sie erschrak. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass sie bestürzt darüber war, was ihre Worte angerichtet hatten. Ihre Lippen zitterten so wie kurz zuvor noch meine Hände.
Ich versuchte es mit einem Lächeln, das vermutlich kläglich und traurig aussah. »Ich weiß es nicht«, brachte ich mit erstickter Stimme hervor.
Sie suchte nach den richtigen Worten, aber sie schienen ihr nicht einfallen zu wollen. Dann, sehr vorsichtig, fragte sie: »Können Untote lieben?«
Mein Lachen war freudlos, und ich massierte mir dabei die Finger. Die Knochen knackten laut in der unangenehmen Stille, die folgte. »Nein, Untote können nicht lieben. Sie können hassen und fressen und töten und quälen. Ich habe noch keinen erlebt, der lieben könnte.«
»Du sprichst so… liebevoll von deiner…« Sie verstummte und versuchte es dann von einer anderen Richtung aus. »Du musst etwas anderes sein als ein Untoter.«
»Vielleicht. Ich weiß selbst nicht, was ich bin. Ich versuche mir gerne einzureden, dass ich keiner bin, aber…« Ich seufzte leise, stand auf und hob den Stoff vom Boden auf, um ihn vorsichtig abzuklopfen. »Es macht keinen Sinn, ständig dasselbe zu sagen. Ich weiß selbst nicht, ob meine Worte wahr sind. Ich weiß nicht, ob ich mir selbst trauen kann.«
»Ich vertraue dir.«
»Nein, das tust du nicht«, stellte ich verbittert klar und schaute sie dabei offen an. »Und es ist besser, mir nicht zu trauen.«
»Du hast mich aus der Zelle befreit. Und du hast mich geheilt.«
»Und ich habe dir davor ein Stück Fleisch aus deinem Arm gerissen wie ein wildes Tier. Überhaupt, du scheinst plötzlich sehr darauf aus zu sein, mir zu gefallen. Warum, An’duna?«
Sie schaute erst mich an, dann den Boden direkt vor ihrem Zuber. Die Frage war ihr unangenehm, aber ich verstand es wirklich nicht. Alles musste ihr unangenehm sein. Sie war noch immer eine Gefangene, nur eben die meine. Sie war in der Hand des Feindes, sie war weit von Zuhause weg, und sie war noch ein junges, verängstigtes Mädchen. Ich konnte nicht verstehen, woher dieser Sinneswandel zu kommen schien.
»Du bist verloren«, murmelte sie leise. »Und ich bin auch verloren. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte, als ich in der Zelle saß. Nur Schreie drangen zu mir. Wehklagen. Weißt du, wie schön es ist, wieder meine Sprache zu hören?« Sie schenkte mir ein schmales, ehrliches Lächeln, das Steine hätte erweichen können. Aber ihre Stimme wurde jetzt fester, als wäre sie froh, sich endlich diese Dinge von der Seele reden zu können. »Ich weiß nicht, was heute oder morgen geschehen wird. Aber du… du kümmerst dich um mich, Dareth. Du zeigst mir Wärme. Du sprichst nicht wie die Untoten, du handelst nicht wie die Untoten. Du siehst mich nackt –« Sie wurde dabei rot, aber das beschämte Grinsen machte sie nur umso niedlicher – »und schaust dabei nicht lüstern wie die Grünhäute oder die Menschen, die ich kennen gelernt habe. Du kommandierst diese Krieger durch die Gegend, als wären sie deine Leibeigenen, nur um mir ein Kleid schneidern zu können, und bist zu mir freundlich wie niemand anderes! Wenn ich nicht dir vertrauen kann… wem dann?«
Selbst Gregor wusste nicht, was er darauf hätte sagen sollen. Ich war gerührt. Je länger sie geredet hatte, desto besser fühlte ich mich, auch wenn ich sie dabei nicht hatte anschauen können und stattdessen das Kleid fixiert hatte. Jetzt schüttelte ich nur den Kopf. »Du dummes, kleines Ding… Danke.«
Wir schauten uns lächelnd an. Ein Band war geknüpft.
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#52 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 08 June 2014 - 18:36

Ziemlich kurzes Kapitel, aber ich wollte Euch nicht länger warten lassen. Versuche, ab sofort wieder häufiger zum Schreiben zu kommen!
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Kapitel 25 – Viele kleine Spiele


Die brütend heiße Sonne verschwand endlich vom Himmel und färbte ihn dabei in das feurigste Rot, das meine Augen je gesehen hatten. Es sah nicht nur so aus, als würde er in Flammen stehen; für mich fühlte es sich auch genauso an. Die Hütte hatte sich aufgeheizt wie ein Backofen, aber wenigstens spürte ich schon jetzt, da die Nacht allmählich aufkam, wie kühlere Luft durch das kleine vergitterte Fenster drang und die Wärme mit sich hinaus zog.
An'duna hatte sich geweigert, ihr Bad zu verlassen, selbst als es bereits völlig ausgekühlt gewesen sein musste. Ich konnte es ihr nicht verübeln. In der Wanne musste es angenehmer sein als außerhalb.
Wir hatten lange geschwiegen nach unserem seltsamen Berühren, das uns beide relativ sprachlos zurückgelassen hatte. Das Kleid war in den nächsten Stunden seiner Vollendung schon sehr nahe gekommen, auch wenn mich noch immer die Sorge plagte, dass es vielleicht nicht passen mochte. Der schwarze langgezogene Fleck, der jetzt auf dem Saum prangerte, hatte die Elfe mit einer Handbewegung abgetan und gemeint, er würde sie nicht stören. Ich nahm mir dennoch vor, irgendwann etwas dagegen zu unternehmen, wenn ich mehr Zeit haben würde.
Gregor war davon natürlich alles andere als begeistert, aber er ließ mich gewähren. Überhaupt hatte er sich sehr zurückgezogen. Die Gedanken, die ihn beschäftigten, flogen an mir vorbei und ich erhaschte nur kleine Stücke davon, wenn ich mich auf sie anstatt auf mein Werk konzentrierte. Er dachte darüber nach, was als nächstes geschehen würde, und ob wir der Nachtelfe wirklich trauen konnten, die faul nur ein paar Schritte entfernt im Wasser planschte und mich dabei immer wieder freundlich und neugierig musterte.
Das Klopfen an der Tür war gut vernehmlich. Es war ein Pochen, das nicht um die Erlaubnis zum Eintreten bat, sondern klarstellte, dass der Besucher im nächsten Moment mitten im Flur stehen würde.
Durch die aufschwingende Pforte trat der weißhaarige Ork. Über seine verbeulte und genutzte Rüstung hatte er einen Wappenrock geworfen, auf dem das Zeichen Orgrimmars prangte. Seine Axt hing dafür noch immer in seinem Gürtel, und seine Hand lag lässig darauf, mehr aus Gewohnheit denn aus Vorsicht. Er zuckte merklich zusammen und schnaubte kurz, als er mich ansah, nickte mir dann nach einigen Momenten zu und wandte sich mit großem Interesse der nackten Frau im Badezuber zu. An'duna beeilte sich, ihren Busen zu bedecken und hinter dem Holz soweit wie möglich in Deckung zu gehen, so dass nur noch ihre Augen und ihre spitzen Ohren dahinter hervor schauten.
»Ich habe noch nie einen Untoten gesehen, der sich so gut um sein… Essen kümmert.«
Ich glaubte, eine Spur von Belustigung in dem kratzigen Gegrunze zu hören, aber ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Es war schon schwer genug, die Miene des Orks zu lesen, und selbst Gregor schien damit seine Probleme zu haben. Orks waren eben alles andere als ehemalige oder lebende Menschen. Selbst Nachtelfen hatten mehr mit mir gemein als diese muskelbepackten Krieger.
»Und sogar ein Kleid wird ihr genäht? Wozu?«
Ich schaute kurz auf die letzte Naht, biss dann den Faden durch und hob das endlich vollendete Stück hoch. Es hatte keine Ärmel – bei dieser Hitze waren sie so überflüssig wie ein Eimer Sand in der Wüste – und ich betete zum Licht, dass meine Arbeit nicht umsonst sein und es der Elfe passen würde. »Das Auge isst mit, müsst Ihr wissen.«
Sein Lachen klang tatsächlich erheitert. Sogar seine Augen schienen zu lachen. Der Ork wirkte so entspannt, dass ich es beinahe mit der Angst zu tun bekam. »Ein drolliger Einfall.«
»Ich entnehme Eurer Äußerung, dass Ihr des Öfteren mit Untoten zu tun habt, Whitemane?«
»Ah, du hast meinen Namen erfahren.« Er grinste so breit, dass man neben seinen Hauern auch alle Zähne sehen konnte. »Es wird gemunkelt, dass ich ein gewisses Händchen für dich und die anderen… Toten habe. Meine bisherige Arbeit scheint den Gerüchten Recht zu geben.«
»Dann muss dies mein Glückstag sein«, brummte ich, während ich das Kleid glatt strich und sorgsam aufs Bett legte, um dann die Decke in die Hand zu nehmen. »Würde es Euch etwas ausmachen, Euch umzudrehen, während ich mein Essen abtrockne?«
Mein Gegenüber blinzelte etwas überrascht, kam dann aber mit einem schrägen Lächeln meiner Bitte nach. Während ich hinüber zum Waschzuber ging, meinte er: »Es ist auch das erste Mal, dass ich einen Untoten mit Gesichtsbemalung treffe. Ich dachte immer, die Trolle wären die einzigen, die sich so schmückten.«
Meine Augenbrauen trafen sich irgendwo über meiner Nase, als ich die Stirn runzelte. An'duna schaffte es gerade eben, ein leises Kichern zu unterdrücken, während ich mich über den Waschzuber beugte und mein Gesicht im Wasser betrachtete, so gut es eben ging.
Kein Zweifel: Die schwarzen Tränen hatten ihre Spuren hinterlassen. Und außerdem gab es keinen Zweifel daran, dass dies nicht mein Gesicht war. Der Kinnbart glich dem einer Ziege, gesträubt und borstig; mein Haupthaar war abgesehen von einigen vereinzelten grauen Strähnen nicht der Rede wert. Meine Augen waren schimmernde Knöpfe in dunklen Augenhöhlen und hatten nichts mit dem kräftigen Leuchten der anderen Untoten, denen ich bisher begegnet war, gemein, genauso wenig wie mit den silbrigen Augen der Elfe.
»Scheint, als würdet Ihr Euch doch nicht so gut mit Untoten auskennen, wie ihr glaubtet«, meinte ich etwas lahm.
»Ah, bitte keine dieser höflichen Anreden. Ich bin ein einfacher Ork.«
»Eure Artgenossen denken da sehr anders.«
»Ich kann nicht für meine Mitkämpfer sprechen, und auch nicht für die Wachen. Keine eitlen Anreden, Herr…«
»Twosouls. Dareth Twosouls.«
»Ah. Dein Name war mir für einen Moment entfallen, Dareth.«
Ich bedeutete An'duna aufzustehen. Als das meiste Wasser von ihr heruntergetropft war, begann ich, ihren Rücken so gut wie möglich trocken zu rubbeln. »Ich habe ihn dir nie genannt, Urgrak.«
Der Ork kratzte sich betont lässig an seinem Haarschopf. Eine Bewegung, die mir verriet, dass er das Spielchen gerne spielte, aber nicht unbedingt darauf vorbereitet war, dass ich es so gut beherrschte. »Du hast Recht, Dareth. Wir haben uns über vieles unterhalten auf dem Weg hierher, aber nicht einmal unsere Namen gewechselt. Was sagt das nur über uns aus?«
»Vermutlich, dass wir beide zu höflich sind, um den anderen nicht darauf aufmerksam zu machen.«
Der Krieger lachte leise. Ich reichte An'duna die Decke, ohne dabei den Blick vom Rücken des Orks abzuwenden, und ging dann zu ihm hinüber. Er wirkte noch immer freundlich, wenn auch eine Spur verschmitzt. Ein verschmitzter, alter Ork. Das Licht alleine mochte wissen, in welchem Schlamassel ich mich bereits befand.
»Du sagtest also, man habe dich als Wächter angeheuert.«
»Waren das nicht auch die Worte des Kapitäns?«, erwiderte ich unschuldig.
»Sicherlich. Nur kommt es mir sehr merkwürdig vor, dass der Wächter mit der Gefangenen eine Tür eintritt, gerade, als sie in Orgrimmar ankommen. Willst du mir das erklären?«
Ich schaute ihm direkt in die Augen. Wenn ich als ehrlicher Lügner erscheinen wollte, blieb mir nichts anderes übrig. Allerdings gefiel mir nicht, was ich in seinen Augen sah: Neugier, Belustigung und sehr viel Wissen. »Nun, ich bin bei meiner Mahlzeit wohl ein wenig zu weit gegangen. Sie war ohnmächtig, und ich hatte keine Lust auf Ärger. Es gab kein Verbandszeug im Kerker-Abteil.«
»Ah. Was für ein Glück, dass sie eine Priesterin ist, nicht wahr?«
»Durchaus. Hätte schlimm ausgehen können, wenn sie keine wäre.«
»Sie hatte einiges an Blut verloren«, stimmte mir Whitemane zu. »Eine prächtige Frau, muss ich sagen. Unter den Wachen hat ihre Schönheit schon die Runde gemacht.«
»Ich wusste nicht, dass Orks so sehr für Nachtelfen schwärmen.«
»Orks sind nichts anderes als wilde Tiere, mein lieber Dareth! Sie töten gerne, sie fressen gerne und sie treiben es gerne mit Frauen. Zumindest habe ich das gehört.«
»Mit Sicherheit von einigen Untoten?«
»Unter anderem.« Sein Lächeln war anerkennend, und ich erwiderte es. Das Spielchen begann, mir und Gregor gleichermaßen Spaß zu machen. Vor allem meine zweite Seele war in ihrem Element und wisperte eifrig auf mich ein.
»Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht erwartet hatte, die Ehre eines Kampfes in der Arena zu erhalten.«
Der Ork grunzte und schnaubte ein paar Mal, was wohl so etwas wie ein Kichern war. Hinter ihm sah ich An'duna gerade ihre Unterwäsche aufheben und eilig anziehen. »Wir sind ein sehr weltoffenes Volk, Dareth, selbst Untoten gegenüber.«
»Ah.« Sein Lächeln wurde breiter. »Deine Wachen scheinen da etwas anderer Meinung zu sein, Urgrak.«
»Nun, ich kann natürlich nicht jeden von meinen Ansichten überzeugen.«
An'duna hatte sich fertig angekleidet. Das hieß, sie stand in einem Brusttuch und einen sehr knappen Lendenschurz neben dem Bottich. Sie schaute erst mich, dann den Rücken des Orks an, und zuletzt richtete sich ihr Blick auf die Axt, die noch immer an seinem Gürtel hing.
Sie ging so leise, dass man nichts hören konnte. Nicht einmal ich, der sie sah, konnte auch nur das kleinste Geräusch vernehmen, wenn zuerst ihre Zehenspitzen den Boden berührten und sie dann äußerst vorsichtig, aber zugleich unheimlich schnell ihr Gewicht verlagerte.
»Warum setzen wir uns nicht, Urgrak? Wie es scheint, haben wir uns viel zu erzählen.«
Die Elfe blieb wie versteinert stehen, doch der Ork rührte sich noch nicht. Stattdessen brummte er nur: »Das macht keinen Sinn, Dareth. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Morgen kehre ich wieder zurück. Vielleicht können wir dann unser Gespräch fortführen.«
»Ich freue mich bereits darauf«, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung und einer Hand, die zur Tür hindeutete. Mir entging nicht das wissende Lächeln, das der Ork noch immer auf seinen Lippen trug, als er hinaus schritt und die Tür hinter sich zuzog. Der Riegel schabte gut hörbar über das Holz.
Ich brauchte keine drei Schritte, um an An'duna herangekommen zu sein, sie an beiden Armen zu packen und kräftig zu schütteln. »Bist du des Wahnsinns?!«, schnauzte ich sie auf Darnassisch an. »Was hattest du vor? Wolltest du ihm seine Axt klauen und damit den Schädel spalten?«
Zuerst schoss Erstaunen darüber, dann kroch ihr die Schamesröte ins Gesicht. Allerdings fand sie sehr schnell ihre Stimme wieder. »Er ist genauso dein Feind wie meiner!«, entgegnete sie mit aufkommendem Trotz.
»Und was, wenn du ihn tötest? Willst du, dass ganz Orgrimmar in diese Hütte einfällt und uns in kleine Scheiben schlägt?«
»Ich hätte ihn nicht getötet! Eine Geisel -«
»Eine Geisel? Einen Ork als Geisel?!« Ich hatte sie inzwischen losgelassen, aber dafür schimpfte ich voller unterdrückter Wut und gestikulierte dabei mit meinen Armen direkt vor ihrer Nase. »Ein Ork lässt sich nicht als Geisel nehmen! Er kämpft bis zum Tod, und wenn er dich mit seinen winzigen Hauern aufspießen muss! Sie sind ein Volk von Kriegern, die über Ehre denken wie du über deine geliebte Elune!«
Ihr Blick traf mich wie ein Pfeil. Sie hatte ihre Arme um sich geschlungen, was ich nicht einmal bemerkt hatte, und schaute drein wie ein kleines, verlorenes Kätzchen. Und zugleich wurde mir bewusst, dass es nicht nur meine Wut gewesen war, die gerade hervorgebrochen war. Gregor kochte regelrecht vor Zorn. »Verdammte Elfe«, murmelte er noch über meine Lippen, bevor er sich mit einigem Abscheu abwandte und mich mit einem Seufzen und einer Hand über den Augen zurück ließ.
»Tu es nicht wieder«, brummte ich nur leise und betrachtete dabei die Nachtelfe mit etwas, was hoffentlich einem strengen Blick gleichkam. »Ich weiß nicht, was du über die Grünhäute weißt, aber scheinbar ist es nicht viel.«
Wir schwiegen uns für einige Sekunden an, wobei An'duna ihre Augen niedergeschlagen hatte und nicht sonderlich erpicht darauf war, mich anzuschauen. Ich schüttelte noch einmal den Kopf, drehte mich dann mit einem schmalen Lächeln um und nahm das Kleid zur Hand, um es ihr zu reichen. »Hier. Ich hoffe, es passt.«
Es passte. Mehr als nur das: Es ließ sie auf eine schlichte Art und Weise elegant wirken. Es betonte genau die richtigen Stellen, ohne zu viel zu verraten. Menschen und Orks würden sich gleichermaßen nach ihr umdrehen, wenn sie denn die Hütte hätte verlassen können. Und wenn es Menschen in Orgrimmar gegeben hätte.
Und es schien ihre Gedanken in neue, ruhigere, schönere Bahnen zu lenken. Sie bedachte mich mit einem Lächeln, vor dem es Gregor regelrecht graute, weil er es schon so oft bei einer gewissen anderen Elfe gesehen hatte, wie er mir verriet. Er traute An'duna nicht im Geringsten, und er schärfte mir ein, dass ich es auch nicht tun sollte.
Er hatte bereits eine schmerzliche Erfahrung gesammelt. Ich würde sie nicht einfach in den Wind schlagen. Doch das Lächeln, das ich der Elfe gerade zeigte, als sie sich wie ein kleines entzücktes Mädchen um sich selbst drehte und der Stoff dabei um ihre Beine flatterte, verriet nichts.
Das Problem, das mich nunmehr beschäftigte, war, dass ich keine Beschäftigung mehr hatte. Ich saß nur auf der Kante meines Bettes und schaute der Nachtelfe dabei zu, wie sie mal verträumt, mal verspielt durch die Gegend tanzte. Ihr Weg führte sie auffallend oft an der Tür vorbei, von der wir das Tuch inzwischen abgenommen hatten, und ich konnte die Wache nicht nur einmal hereinspitzeln sehen. An'duna gefiel die Aufmerksamkeit sichtlich.
Allerdings wurde sie auch schnell meiner eher trüben Stimmung gewahr. Ich hatte mein Gesicht inzwischen in dem mehr oder minder kalten Wasser des Zubers gewaschen, und von den schwarzen Schlieren war nichts mehr zu sehen. Dennoch musste ein Untoter, der ihren Freudentanz mit bitterer Miene verfolgte, zwangsläufig ihre Neugier wecken. Sie kam also halb tanzend, halb wie eine edle Dame dahinschreitend zu mir herüber, schenkte mir eines dieser Lächeln, das einem Mann das Herz aus der Brust hätte springen lassen, und fragte: »Was ist? Gefalle ich dir nicht?«
Das war eine Frage, die ich so nicht unbedingt erwartet hätte. Ich brauchte ein paar Momente, um mir eine vernünftige Antwort zu überlegen. Was schließlich über meine Lippen trat, war: »Du schaust sehr schön aus.«
Meine Stimme verriet meine Begeisterung. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften, legte den Kopf leicht schief und schaute mich fragend an. »Meinst du das ernst?«
»Natürlich.«
»Du hörst dich nicht so an.«
Ich schloss kurz meine Augen und atmete tief aus; etwas, was ich schon länger nicht mehr gemacht hatte. Es beruhigte mich auf wundersame Art und Weise, vor allem wundersam, weil ich mir das Atmen inzwischen fast schon abgewöhnt hatte. Als ich wieder aufschaute, brachte ich ein passables Lächeln zustande. »Ich meine es aber, Tochter der Elune.«
Sie schien sich mit dieser ehrlichen Antwort zufrieden zu geben, denn ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten, freudigen Grinsen, bevor sie wieder einige Runden in dem kleinen Haus drehte und dabei leise eine Melodie summte.
Was für eine Veränderung, dachten Gregor und ich gleichermaßen. Bis vor kurzem war sie noch ein verängstigtes Raubtier gewesen, und jetzt sprang sie herum wie eine fröhliche Katze, die mir immer wieder einen Blick zuwarf und scheinbar Wert auf meine Meinung legte. Die Frage war, ob sie wie alle Katzen nur spielte oder ob sie es, wie die wenigsten dieser kleinen vierbeinigen Biester, ernst meinte.
»Sie versucht, uns zu manipulieren«, murmelte Gregor leise, als An'duna gerade auf der entgegengesetzten Seite um den Tisch herum tänzelte. »Ich habe es schon erlebt.«
»Und was, wenn sie einfach nur ist, was sie scheint?«
»Und was soll das sein, oh Elfen-Versteher?«
»Ein kleines Mädchen«, gab ich nicht minder ätzend zurück. »Sie hat vielleicht zwanzig Sommer gesehen, den letzten davon vermutlich in einer Kerkerzelle in Undercity. Natürlich versucht sie, jemanden zu finden, dem sie vertrauen kann.«
»Ausgerechnet uns? Mach dich nicht lächerlich.«
»Siehst du jemand anderes, dem sie Vertrauen schenken könnte?«, murmelte ich ein wenig niedergeschlagen. »Sie hat niemand anderes. Und wir auch nicht.«
»Denk an die, die mich umgebracht hat. Denk an Aritana. Keine Frau mit spitzen Ohren hat mir jemals Glück gebracht.«
»Es soll immer ein erstes Mal geben, Gregor. Hör auf, so ein misstrauischer Bastard zu sein, und werde mehr zu einem Menschen.«
»Es waren eben jene Frauen, die mich zu einem Bastard gemacht haben«, gab mein Bruder säuerlich zurück.
»Dann versinke in Selbstmitleid, während ich versuche, uns am Leben zu halten. Und wenn uns An'duna aus der Patsche hilft, wirst du der erste sein, der es erfährt.«
»Manchmal hasse ich dich wirklich, Dareth.«
»Ein weiteres Gefühl, das wir teilen, mein Freund.« Damit wischte ich Gregor zur Seite. »An'duna!«
Die Elfe blieb mitten in einem ihrer Tanzschritte stehen. Auch wenn sie verspielt und spontan wirkten, so folgten sie doch einem gewissen Rhythmus. »Es wird Nacht. Leg dich schlafen. Wer weiß, was uns morgen erwartet.«
Ich stand auf und deutete mit einer lustlosen Bewegung aufs Bett. Die Frau bewegte sich nicht. »Wo willst du schlafen?«
»Auf dem Boden«, erwiderte ich mit einem Schulterzucken.
»Das Bett ist groß -«
»Es ist winzig«, unterbrach ich sie abrupt. »Und du musst nicht so tun, als könntest du den Verwesungsgestank nicht riechen. Ich bin froh, dass ich ihn selbst nicht ertragen muss.«
Sie versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln. »Aber du stinkst wirklich nicht.«
Ich rieb mir mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. Der Tag war lang gewesen, er hatte keine Höhen und viele Tiefen gehabt. »Junge Dame«, brummte ich entsprechend missgelaunt, »versuche nicht, mich zu beschwichtigen. Leg dich in das verdammte Bett, mach deine Augen zu und ruhe dich aus. Ich bin ein Untoter. Ich lebe nicht. Ich brauche keinen Schlaf.«
Die Frau – für ein Mädchen hatte sie wohl doch einige zu gut sichtbare Rundungen – stand inzwischen direkt vor mir. Mir fiel das erste Mal auf, dass sie tatsächlich ein wenig größer war als ich. »Aber du bist kein Untoter!«
Meine knöchernen Finger wackelten fröhlich vor ihrem Gesicht herum. »Willst du noch mehr Beweise? Ich kann auch noch meine Stiefel ausziehen und dir meine knöchernen Zehen zeigen, wenn du willst. Ich glaube, Ratten haben an ihnen herumgespielt.«
Es war schwer, ihren Blick zu deuten, vor allem deshalb, weil ihre Augen leuchteten wie Sterne am Himmel und keine Pupillen besaßen. Aber dennoch glaubte ich, vollkommene Aufrichtigkeit in ihm zu erkennen, als sie leise sagte: »Du bist kein Untoter.«
Mein Mundwinkel zuckte ein wenig, in dem Versuch, ein dankbares Lächeln zustande zu bringen, das so gar nicht zu meinem Gemütszustand passen wollte. Ich beließ es bei einem Nicken, brummte ein »Was immer dich besser schlafen lässt«, und zog mich dann zu dem Tisch in der Ecke zurück. Dort angekommen, ließ ich mich wie ein Sack Kartoffeln auf den Stuhl fallen, rutschte ihn so herum, dass ich Bett und Tür im Blick hatte, faltete meine Hände im Schoß und wartete.
Die Elfe zog ihr neues Kleid eher wiederstrebend aus – sie hatte sich wohl geradezu unsterblich darin verliebt – legte es dann säuberlich der Länge nach auf das Bett und sich selbst daneben. Sie schien es bei der Hitze nicht für nötig zu halten, sich unter die Bettdecke zu kuscheln, und auch nicht, ihren Körper vor mir geheim zu halten. Vielmehr beobachtete sie mich auf der Seite liegend mit einem schmalen Lächeln.
»So habe ich Nachtelfen kennen gelernt«, murmelte ich leise zu Gregor. »Keine Scheu vor ein bisschen nackter Haut. Eher das Gegenteil, um genau zu sein.«
»Willst du mir damit etwas sagen?«
»Nun, ich nehme an, wären wir noch am Leben, so würden wir jetzt versuchen, die Beule in der Hose möglichst klein wirken zu lassen. Immerhin warst du nur ein kleiner Bibliothekar. Keine amourösen Abenteuer, denke ich.«
»Und du warst ein Priester des Lichts. Und das war noch nicht alles, nicht wahr?«
»Vermutlich nicht.« Wie sonst hätte ich wissen sollen, wie man mit Wachen umzugehen hat, fügte ich in Gedanken hinzu. Ich war mir ziemlich sicher, dass man so etwas nicht als Priester lernte. Und auch nicht, warum die Stadtwachen in Lordaeron mir meine kleinen Späße mit den von ihnen Verfolgten durchgehen ließen, wenn ich so darüber nachdachte. Es war eine einzige Erinnerung, die mir davon wieder gekommen war, aber sie war dermaßen mit Gewohnheit und Belustigung gefüllt, dass ich schon jetzt sicher wusste, dass mehr folgen würden.
Ich musste endlich herausfinden, wer ich einstmals war. Morgen würde sich hoffentlich eine Chance ergeben, meine Ziel einen Schritt näher zu kommen. Erst der Kampf in der Arena; dann die Freilassung, die hoffentlich folgen würde; dann nach Ashenvale, und einen Mondbrunnen finden, so wie es die alte Nekromantin in der Zelle gesagt hatte.
Dunkelheit kroch immer weiter in unser Zimmer. Bald war das bisschen Mondlicht, das durch das Fenster hineinfiel, die einzige Lichtquelle, die ich noch hatte. An'duna hatte mich lange angeschaut, aber inzwischen waren ihre Augen zugefallen. Ihr Busen hob und senkte sich sanft, während sie schlief.
»Was willst du mit ihr tun?«, wisperte Gregor, der wohl oder übel gezwungen war, mit mir meine einsame Wacht zu verbringen. »Nach Ashenvale mitnehmen? Sie wird uns einen Dolch in den Rücken stoßen, sobald sie die Chance dazu hat.«
»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht«, erwiderte ich leise.
»Du hast gesehen, wie sie sich bewegt hat. Sie ist mit Sicherheit kein kleines Mädchen. Sie ist eine Meuchlerin!«
»Hast du nicht gesagt, dass sie erst an die zwanzig Sommer gesehen hat?«
»Sie hat das gesagt, nicht ich.«
»Du meinst, du bist dir nicht sicher, ob sie lügt? Rühmst du dich nicht in meinem Kopf ständig damit, alles und jeden durchschauen zu können?«
»Verdammte pupillenlose Augen«, murmelte mein Bruder verdrossen. »Wie soll man darin etwas lesen? Und ihre ganze Mimik, ihre Haltung, alles ist so… harmlos. Aber wir wissen beide, dass sie das nicht ist.«
»Warum hätte sie sich so verraten sollen?«
»Ich weiß es nicht!«, erwiderte Gregor hitzig. »Das ist es, was mir Sorgen macht! Vielleicht spielt sie mit uns, vielleicht wollte sie nur klar machen, dass wir uns nicht mehr mit ihr anlegen sollten!«
»Vielleicht vertraut sie uns auch einfach?«
»Hör auf, mir das einreden zu wollen, Dareth.«
Ich musste unwillkürlich schmunzeln. »Du weißt, dass das nicht mein Name ist, Gregor?«
»Wenn dir das verdammte Spitzohr dermaßen gefällt, dann kannst du dich auch an den Namen gewöhnen, den sie dir verpasst hat.« Gregor knirschte mit den Zähnen – mit meinen Zähnen, um genau zu sein. »Sei vorsichtig, Dareth. Sie ist nicht, was sie scheint.«
»Hab Vertrauen, mein Freund. Bisher habe ich dich doch lebend bis hierher gebracht.«
Er lachte kurz und freudlos auf. »Ich werde dich morgen daran erinnern, wenn wir in der Arena sterben sollten.«

Bearbeitet von Al Fifino, 08 June 2014 - 18:37,

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#53 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 21 June 2014 - 22:35

Kapitel 26 – Dunkelheit

Es war eine unangenehm ereignislose Nacht, die ich auf meinem Stuhl verbrachte.
Meine Augen richteten sich niemals von der Tür, außer, um der schlafenden Nachtelfe einen kurzen Blick zuzuwerfen. Sie murmelte immer wieder im Schlaf und wälzte sich recht unruhig hin und her, aber das war wohl anzunehmen, wenn man bedachte, was sie in den letzten Nächten durchgemacht haben musste.
Vielmehr störte mich, dass weder die Wache noch sonst jemand nach dem Rechten schauen kam. Es schien fast, als würden sie sich gar nicht so sehr für uns interessieren, wie ich anfangs gedacht hatte. Gergor hingegen war sich sicher, dass der weißhaarige Ork schlichtweg schon alles wusste, was er brauchte, um uns einschätzen und vernichten zu können. Er war dermaßen überzeugt davon, dass er jedes Mal leise lachte, wenn ich seine und meine Nerven beruhigen wollte.
Der Tag brach schließlich genauso ereignislos an, wie die Nacht vergangen war. Die Sonnenstrahlen stahlen sich wieder durch das Fenster herein, erst langsam und gemächlich, dann mit der sengenden Hitze, die für Orgrimmar typisch war. Ich hatte das Gefühl zu schwitzen und wäre froh darüber gewesen, wenn ich es tatsächlich getan hätte. Aber meine Haut war trocken und spröde wie die einer Leiche, die zu lange in der Sonne gelegen hatte und dabei auf wundersame Weise nicht verfault war.
Als An’duna ihre Augen aufschlug, warf sie mir zuallererst ein zaghaftes Lächeln zu. Gregor brummte zur Antwort und wandte sich demonstrativ von ihr ab, nur um von mir eine kleine gedankliche Ohrfeige zu erhalten. Wir rangelten kurz um die Kontrolle über meine Gesichtszüge, was schließlich damit endete, dass meine Mundwinkel stark nach unten deuteten und meine Augen einen sehr freundlichen Ausdruck hatten. Meine zweite Seele hatte sehr schnell erkannt, dass ich ihn nicht noch einmal in unseren verschmolzenen Zustand zwingen würde, wenn ich es vermeiden konnte – es war grausam ihm gegenüber, ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie es sein musste, seine Existenz einfach aufgeben zu müssen – und nutzte meine neu gefundene Schwäche schamlos aus.
»Was werden wir wohl zum Frühstück bekommen?«, fragte mich An’duna mit fast schon furchterregender Fröhlichkeit, während sie wieder in ihr Kleid schlüpfte.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich mit einem Schulterzucken. »Fleisch vermutlich. Ich habe gehört, Orks essen sehr viel Fleisch.«
Das Lächeln gefror auf ihren Lippen. »Ich esse nicht gerne Fleisch.«
»Lass mich raten: Die Tiere tun dir leid«, schnarrte Gregor augenblicklich. Der leicht beschämte Blick, den er zur Antwort erhielt, ließ ihn lachen. »Eine Elfe, die nur Pflanzen isst! Kein Wunder, dass sie so dürr ist.«
Die Frau zog eine Schnute und strich sich dabei ihr ziemlich zerzaustes Haar aus dem Gesicht und hinter die langen Ohren. »Er ist nicht sehr nett«, murmelte sie auf Darnassisch.
»Warum sollte ich auch nett zu meinen Feinden sein.«
»Es reicht.« Meine Stimme hatte einen eisigen Unterton angenommen, den Gregor inzwischen gut kannte. Ich nutzte ihn jedes Mal, wenn ich ihn in mir ein wenig herum schubste und seine Grenzen aufzeigte. »Schon gut«, lenkte er grummelnd ein. »Dann spiel eben ein wenig mit deiner Elfe. Aber mach dir keine Illusionen, Spitzohr. Ich behalte dich im Auge.«
Damit verabschiedete sich mein Bruder wieder in die abgelegen Bereiche unseres Körpers und vertrieb sich die Zeit damit, seinen letzten Besuch in Orgrimmar vor seinem geistigen Auge vorzuführen, in der vagen Hoffnung, dort irgendwelche Anhaltspunkte und Hinweise auf unsere Situation zu finden. Der gestrige Tag hatte zwar nichts Hilfreiches hervorgebracht, aber Gregor konnte genauso stur sein wie ich.
»Es tut mir leid«, fing ich an, aber sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. »Ich verstehe ihn.« Sie schien kurz zu überlegen, seufzte dann und setzte sich mit gefalteten Händen auf die Bettkante. »Ich will die Wahrheit sagen, Dareth. Ich würde mir auch nicht trauen, wenn ich an… seiner Stelle wäre.« Sie betonte das Wort dermaßen, dass ich mir nicht sicher war, ob sie mich für verrückt hielt oder tatsächlich glaubte, jemand anderes teile sich meinen wandelnden Leichnam mit mir.
Ich nickte nur und rieb mir dabei die Hände. Schweigen legte sich über uns. Ihre Augen baten mich regelrecht, etwas zu sagen.
Ich hüstelte also kurz, räusperte mich noch einmal, und rieb mir dabei die Hände auf der Suche nach den richtigen Worten. »Erzähl mir über dich«, brachte ich schließlich zusammen. »Je mehr wir voneinander wissen, desto eher können wir uns vertrauen, nicht wahr? Was hast du gemacht, bevor du von den Untoten überfallen worden bist?« Ein weiterer Gedanke flog mir, von Gregor gesandt, zu, der mich jedoch eher verwirrte. »Wir wissen ,wie alt sie ist, Gregor.«
»Und wir wussten auch, dass sie durch die Gegend schleichen kann wie eine Katze. Aber wir wissen nicht, dass sie lügt. Verstehst du?«
Ihr Lächeln wurde eine Spur schmaler und wissender. »Fast sechzig Frühlinge.«
Ich hob ehrlich überrascht meine Augenbrauen. »Du… schaust gut aus… für 60 Jahre.«
Das Lachen klang echt und überaus vergnügt. »Ich habe oft gehört, dass Menschen uns unser Alter nicht ansehen. Seit gestern weiß ich, dass auch Untote nicht mehr sehen.«
»Profession?«, unterbrach Gregor mich schroff, noch ehe ich die nächste Frage stellen konnte. Seine Neugier hatte gewonnen und ihn aus seinem Versteck in meinem Hinterkopf hervor gelockt.
»Etwas Dunkles. Etwas, worüber ich nicht gerne spreche.«
»Mörderin. Assassine. Schurkin. Such dir ein Wort aus.«
»Dareth’dorei.«
»Kind des Todes? Ein passender, wenn auch dämlicher Titel«, brummte Gregor missmutig. »Es erklärt, warum du so leise wie eine Katze durch den Raum schleichen kannst. Hast du gehört, Dareth? Noch eine wie ich. Du bist in denkbar schlechter Gesellschaft.«
»Hast du auch so viele schlechte Witze gerissen, als wir noch nicht zusammen waren?«, erwiderte ich gequält.
»Nein, natürlich nicht. Allerdings hatte ich damals auch noch nicht so ein geeignetes Opfer.«
»Gregor«, warf die Elfe ein und schaute mich dabei mit einer Mischung aus Interesse und auch gewisser Verständnislosigkeit an. »Er ist… in dir?«
»Falls du damit meinst, dass ich verrückt bin – dass ich mir vorstelle, zwei verschiedene Personen zu sein – muss ich dich leider enttäuschen. Er ist sehr echt. Ich könnte seinen schlechten Humor niemals imitieren.«
»Als ob deine Witze so viel besser wären – still!«
Reflexartig schauten wir alle zur Tür. Die Schritte von schweren Stiefeln verstummten auf der anderen Seite, und für einige Sekunden war nichts zu hören; dann wurde der Riegel zur Seite geschoben, und durch die Pforte trat Urgrak. Er sah genauso aus wie am Abend zuvor, nur dass sein Gesicht gewaschen und sein Haar ordentlich zurückgekämmt war. Seine Hauer schoben sich mitsamt seinen Mundwinkeln nach oben, als er uns betrachtete. »Ich hoffe, ich störe nicht?«
»Würde der Gastgeber jemals stören?«, fragte ich unschuldig, wobei ich aufstand und eine Verbeugung andeutete. »Ich nehme an, Ihr wollt unser Gespräch fortführen?«
»Oh, nein. Ich wollte dir, lieber Dareth, nur Bescheid geben, dass der Kurier aus Undercity wieder zurückgekehrt ist.«
Für einen Augenblick lang musste er meine schreckerfüllte Miene gesehen haben, denn als sie wieder so ausdruckslos wie die eines Steins wurde, war sein Lächeln ein ganzes Stück breiter geworden. »Ich wusste nicht, dass Ihr einen Kurier losgeschickt habt«, meinte ich etwas hölzern.
»Nun, wie du sicherlich schon mitbekommen hast, bin ich nicht der typische Ork. Ich finde Geheimnisse unheimlich interessant. Noch interessanter sind sie, wenn ich sie kenne.«
»Manche Geheimnisse sollten lieber solche bleiben.«
»Du sprichst ein wahres Wort.« Sein Blick fiel auf die Elfe, die er mit dem gleichen Haifischgrinsen bedachte. »Ich hoffe, er hat die letzte Nacht nicht zu sehr an dir genagt, meine Liebe?«
An’duna erwiderte nichts, sondern warf ihm einen Blick zu, der giftiger war als die Reißzähne einer Schlange.
»Ein gefährliches Mädchen«, grunzte der Ork voller Anerkennung. »Du hast dir kein leichtes Mahl ausgesucht, Dareth.«
»Ich liebe es, um jeden Bissen kämpfen zu müssen.«
Sein Lachen dröhnte mir regelrecht in den Ohren. Gleichzeitig ließ er eine seiner Pranken auf meine Schulter niederfahren, zog mich an sich heran und legte seinen Arm um mich wie um einen guten Freund. »Wie viel weiß sie, Dareth? Wie viel hast du ihr erzählt?«
»Ich weiß nicht, was Ihr meint, Urgrak.«
»Ich habe dir gesagt, dass ich diese förmlichen Anreden hasse.« Er schüttelte mich ein wenig, wobei er belustigt grunzte. »Sie weiß also noch nichts. Interessant. Du unterhältst dich mit ihr auf Darnassisch? Woher kennst du die Sprache der Nachtelfen?«
»Es ist sehr interessant, was man alles lernt, wenn man die Gehirne seiner Feinde verspeist. Sie schmecken außerdem sehr vorzüglich.«
Meine Stimme triefte vor Sarkasmus, aber ich musste Gregor zugestehen, dass mir dieser dumme Witz gefiel. Natürlich hatte er keine sonderlich große Wirkung auf den Ork, der wahrscheinlich schon mehr über mich wusste als ich selbst. »Natürlich. Ich kann nichts dazu sagen, ich habe noch nie meinen Feind gegessen. Ich ziehe Kodo-Bestien vor.«
»Willst du mir auch sagen, was du gehört hast, Urgrak? Ich bin das Spielchen allmählich leid.«
Sein Grinsen wurde nur noch breiter, falls das überhaupt möglich war. »So früh schon? Schade… Ich dachte, wir hätten noch ein wenig mehr Zeit. Nun, mein lieber Dareth, wie du sicherlich weißt, wirst du in Undercity händeringend gesucht. Ich habe sogar gehört, dass ein erkleckliches Sümmchen auf deine Ergreifung ausgesprochen wurde – von Sylvanas Windrunner persönlich.«
»Von der Banshee-Königin…?«, wiederholte ich schwach. Gregor war sehr still geworden. Ich hatte das Gefühl, dass er sich am liebsten übergeben hätte, wenn er dazu fähig gewesen wäre.
»Was für ein glücklicher Zufall, dass du also an mich geraten bist, mein Freund!« Der Ork drückte mich so sehr an sich, dass meine Rippen knirschten und meine Schulterblätter knackten. »Ich habe nichts dagegen, wenn es ein paar Untote weniger in Azeroth und Kalimdor gibt. Ich werde dich also nicht zurück schicken. Wer weiß, was diese verdammten Bestien mit dir anstellen würden, hm?«
»Also… die Arena.«
Ulgrak entließ mich endlich aus seinen kräftigen Pranken und zeigte mir seine Anerkennung mit einem Schlag auf den Rücken, der so stark war, dass tatsächlich irgendein Knochen in meinem Körper laut krachte. »Du hast es erfasst! Schlaues Kerlchen, Dareth, schlaues Kerlchen. Ich bin gespannt, wie viele Runden du heute Abend durchhältst.«
»Und die Elfe?«
»Ah, wir werden schon etwas für sie finden. Etwas, worüber sich alle freuen können.«
Ich musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was er meinte. Die Wachen würden einen schönen Tag haben.
»Sehr wohl«, erwiderte ich schließlich hölzern und verbeugte mich steif wie ein Pfahl vor ihm. »Wenn das alles ist, Urgrak, wäre es nett, wenn du mich und mein Essen jetzt verlassen würdest. Ich habe noch nicht gefrühstückt.«
»Natürlich, natürlich.« Der Ork marschierte überaus gut gelaunt zur Tür, nur um mitten in der Pforte stehen zu bleiben und sich noch einmal umzudrehen. »Übertreibe es nicht zu sehr beim Essen. Lass genug übrig.«
»Ich werde meinen Hunger zügeln«, erwiderte ich mit einer Stimme, an der Eiszapfen hingen. Dann verschwand die Grünhaut endlich, die Tür schloss sich, und der Riegel wurde gut hörbar davor geschoben.
Ich starrte noch für einige Sekunden das Holz mit dem Gitterfenster an, unschlüssig darüber, was jetzt zu tun war. Selbst Gregor, der stets für einen dämlichen, gefährlichen und vor allem heimtückischen Plan zu haben war und diese wie auf magische Art und Weise aus seinen Ärmeln schütteln konnte, schwieg.
Das Rascheln des Stoffs war in der Stille nicht zu überhören, als die Elfe aufstand, zu mir herüber kam und hinter mir stehen blieb. »Und jetzt?«, fragte sie leise.
Ich zuckte nur mit den Schultern. »Wir werden sterben«, brummte Gregor genauso leise wie sie. »Und du wirst sehr viele Grünhäute sehr viel näher kennen lernen, als dir lieb ist.«
»Das ist dein Plan? Sterben?«
»Hast du einen besseren?«, fragte ich sie, wobei ich mich umdrehte und sie offen anschaute. Ich wusste nicht, was sie sah, aber es ließ sie einen Schritt zurückweichen.
»Schaue ich wirklich so hoffnungslos aus?«
»Deine… Augen. Sie… sie leuchten nicht…«
Ich zog eine Augenbraue nach oben. Gregor versank zwar gerade in Selbstmitleid, konnte mir aber noch immer mitteilen, dass er nicht wusste, was das zu bedeuten hatte. Ich versuchte es mit einem Lächeln, das selbst für mich bemerkbar zu einer gequälten Grimasse wurde, während ich zu meinem Stuhl hinüber stapfte und mich darauf fallen ließ. »Freu dich, An’duna. Dann kann ich dir keine Konkurrenz mehr machen.«
Meine Ellenbogen lagen auf meinen Knien und mein Kopf in meinen Händen, und ich bedachte den Boden mit solchem Trübsinn, dass ich mich fast schon wieder ein wenig besser fühlte.
Allerdings verdeckten mir die nackten Füße meiner Zellengenossin gleich darauf den Blick auf den herrlich ruhigen und teilnahmslosen Staub. »Was hat der Ork gemeint? Dass ich nicht weiß, was du wirklich bist?«
»Frag ihn. Er scheint Spaß daran zu haben, Geheimnisse auszuplaudern.«
»Wenn du ohnehin sterben willst, warum breche ich dir nicht einfach das Genick? Es könnte ein schnellerer und schmerzloser Tod sein als in der Arena.«
Ich überlegte für einen Moment und hob meinen Kopf gerade genug, dass ich ihrem Blick begegnen konnte. »Das ist eigentlich gar keine so schlechte Idee.«
»Es war ein Scherz«, erwiderte sie kühl.
»Oh. Schade.« Gregor brummte ein wenig verdrossen, bevor er hinzufügte: »Grausam, jemandem Hoffnung zu machen und es dann als Scherz abzutun.«
»Du wusstest, dass ich scherze.«
»Natürlich. Aber ein klein wenig Hoffnung…«
»Hör zu, Dareth. Ich war vielleicht nicht ehrlich zu dir, aber das kannst du mir nicht verübeln. Nicht unter den… Umständen, wie wir uns kennen gelernt haben. Aber ich weiß, dass ich hier nicht überleben werde, wenn du tot bist.«
»Oh, du wirst lange überleben… Und leiden…«
Eine schallende Ohrfeige ließ mich sehr verdutzt aufschrecken und die Frau anstarren. »Dareth, ich brauche dich bei klarem Verstand!«, fauchte sie mich an. »Lass dich nicht von deinen Hirngespinsten verwirren und hör mir zu!«
Gregor lachte leise und traurig in mich hinein. Jeder hielt uns für verrückt. Jeder, bis auf Aritana, die genau wusste, was wir waren. Vielleicht waren wir ja auch verrückt und bildeten uns alles nur ein. Das hatte etwas Tröstendes.
Aber wenn wir so darüber nachdachten, hatte uns der Ork nicht gerade wie einen Verrückten behandelt. Und wer wusste schon, was genau über uns in Undercity gesagt worden war? Hatte Blackweaver tatsächlich der Banshee-Königin verraten, was wir waren, oder hatte er nur vom Tode Direfleshs durch unsere Hand berichtet? Hätte er es getan, könnte ihm ebenso der Zorn Sylvanas Windrunners entgegen schlagen. Immerhin war es eine Seuche, welche Untote befallen konnte und es ihm ermöglicht hätte, eine Armee aus Untoten aufzustellen, die vielleicht irgendwie auf ihn hörte. Vielleicht hätte er sogar die Königin selbst unterwerfen können…
Er musste es verheimlicht haben. Niemand wusste wirklich, was sich in mir abspielte. Niemand wusste, wozu wir in der Lage waren. Und selbst wenn wir es jemanden erzählten – wie der Elfe – dann glaubte man uns nicht.
Die Gedanken bewirkten, was ein guter Kaffee am Morgen vollbrachte. Trist und Verzweiflung fielen einfach von uns ab. Unsere Gedanken rasten, während Gregor überlegte, was für Gefahren uns in der Arena begegnen mochten. Er hatte von panzerbewehrten Kodo-Bestien gehört, die man auf die Gefangenen losließ, von Krokodilen und Löwen aus den Steppen – so nannte man die Gegend selbst – und natürlich von Orks, Trollen und Gefangenen, die man aufeinander hetzte. Wer überlebte, war frei zu gehen. Die Orks unternahmen alle Anstrengungen, damit das niemals passierte.
Aber sie hatten es bestimmt noch nicht mit einem Priester zu tun gehabt – denn so viel schien Urgrak zu wissen – der auch noch Schattenbälle durch die Gegend schmiss und jemanden mit einem Schwert aufschlitzen konnte, bevor dieser überhaupt wusste, wie ihm geschah. Sie mochten sich auf vieles vorbereiten können, aber nicht auf das vollkommen Verrückte.
Das Lächeln, das auf meinen Lippen erschien, brachte An’duna ins Stocken. Ich hatte sie angestarrt, ohne sie wirklich zu sehen, aber es hatte ihr wohl gereicht, um mir in einiger Länge ihre Meinung an den Kopf zu werfen. Jetzt wurde sie leiser und leiser, bis sie schließlich endgültig aufhörte zu reden und mich stattdessen mit einem sehr besorgten Gesichtsausdruck anschaute. »Dareth…?«
»Verzeih mir, aber ich habe nicht zugehört. Ich war beschäftigt.«
Obwohl ich sie in der Gemeinsprache angesprochen hatte, zog sie es vor, auf Darnassisch zu antworten. »Beschäftigt mit… was?«
Ich spürte es. Ich spürte, wie meine Augen zu brennen anfingen, und in dem Schatten, den die Elfe auf mich warf, wurde ihr Gesicht von dem bläulichen, eiskalten Feuer erhellt, das aus ihnen strahlte. »Damit, wie ich die Arena überlebe, natürlich.«
Jetzt war es die Nachtelfe, die mich verwirrt und ungläubig anstarrte, zumindest, nachdem sie einen erschrockenen Satz nach hinten gemacht hatte. Ich lachte; ein langes, grausames, amüsiertes Lachen. »Ich bin verrückt, schon vergessen? Jeder glaubt, dass ich verrückt bin! Es wird höchste Zeit, dass ich selbst daran glaube!«
An’duna hatte sich noch ein wenig weiter zurückgezogen und sah so aus, als würde sie einen Angriff erwarten: sie stand mit leicht gespreizten Beinen und erhobenen Fäusten da, bereit, mich zu Tode zu prügeln. »Wie willst du die Arena überleben, wenn -«
»Ich töte sie einfach alle!«, schrie ich fröhlich und spazierte dabei mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt durch den Raum. »Oh, es wird ein Blutbad. Gedärme werden aus Körper geschnitten, Blut wird den Sand benetzen. Nicht gerade etwas, das ich gerne anrichte, aber Gregor hat seinen Gefallen daran. Oder vielleicht doch ich? Oh, verrückt zu sein ist manchmal etwas Wunderschönes… Jedenfalls habe ich keine andere Wahl!«
Mein Weg führte mich direkt zur Nachtelfe, zu der ich mich hinüber beugte und ihr gut vernehmlich – so laut, dass es jeder in dem Raum hätte hören können – zuflüsterte: »Oder habe ich das?«, nur um dann so laut loszulachen, dass sie zusammenzuckte und instinktiv nach mir schlug. Ich lachte noch mehr, als ich ihrem Angriff auswich, durch den Raum tänzelte und dabei die Bewegungen zu imitieren versuchte, die ich bei ihr gesehen hatte. Mein eher schlichter und meist unbeholfener Tanz führte auch an der Tür vorbei, und in einer Umdrehung schaffte ich es, der Wache, die nach dem Rechten sah, voller Wahnsinn mitten ins Gesicht zu lachen, bevor ich wieder vom Fenster verschwand.
Ein erschrockenes Grunzen und ein paar gebellte Befehle später hörte ich das eifrige Rennen von Füßen. Ich blieb augenblicklich stehen, lachte noch ein paar Mal manisch, um sicher zu sein, und huschte dann zu der Nachtelfe hinüber, um sie breit anzugrinsen.
Alles, was sie sagte, war: »Du machst mir Angst, Dareth.«
»Ah, aber das ist Sinn und Zweck der Sache!«, erwiderte ich fröhlich auf Darnassisch, wenn auch dieses Mal bedeutend leiser. »Jeder glaubt, dass ich verrückt bin, oder etwa nicht?«
»Weil du es bist!«
»Dann bedanke dich bei meiner Verrücktheit, dass die Wache unsere Hütte verlassen hat und uns vorerst niemand belauscht. Jetzt hör zu. Ich weiß nicht, wann man mich zur Arena bringen wird, und vor allem weiß ich nicht, was dann mit dir geschieht. Ich weiß, dass du mir nicht vertraust, und wenn es dir etwas nutzen würde, würdest du mich hier und jetzt töten – versuch gar nicht erst, es zu leugnen, du bist eine Attentäterin, genauso wie ich. Dummerweise bin ich lebendig nützlicher als tot. Ha, lebendig.« Ich schenkte ihr ein weiteres breites Grinsen, das sie mit gehörigem Schauer entgegen nahm. »Jedenfalls, dein Plan, zu verschwinden, während ich abgeholt werde, kannst du dir in dein langes Haar schmieren. Orks sind nicht dumm, und sie würden dich gar nicht mit zur Arena nehmen, warum auch? Du sollst nicht kämpfen, ich kämpfe an deiner statt. Aber ich habe eine Möglichkeit, dich zumindest bis zum Arenakampf vor ihnen zu schützen, vorausgesetzt, du tust genau, was ich dir jetzt sage.«
Auch wenn man in den leuchtenden, pupillenlosen Augen von Nachtelfen nicht lesen konnte, so glaubten Gregor und ich doch, so etwas wie ein stilles Gebet in ihnen zu sehen, ein Flehen an irgendeine Gottheit, nicht den Blick abzuwenden und hoffentlich keinen Fehler zu begehen, der im Tod enden würde.
Sie nickte. »Was soll ich tun?«
Der Kinnhaken kam unerwartet und mit unmenschlicher Stärke. Meine Knochen knackten, als sie mit ihrem Kiefer in Berührung kamen, und zwei meiner Finger brachen. Die Splitter flogen in ihrer magischen violetten Ummantelung für einen Moment hin und her, bis sie sich wieder zusammen mehr schlecht als recht aneinander fügten. Es schmerzte höllisch.
An’duna ging aber, wie geplant, lautlos und ohnmächtig zu Boden. Hastig kniete ich mich neben ihr hin und hob ihren Kopf an. Zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass ich nicht nur meinen Finger, sondern auch noch ihren Kiefer gebrochen hatte. Nichts, was ein wenig Licht-Magie nicht heilen konnte, aber das hatte Zeit. Urgrak würde jeden Augenblick erscheinen.
Und tatsächlich dauerte es keine Minute, bis ich schwere Stiefel hörte, die zu meiner Pforte marschierten. Der Besitzer schob den Riegel zur Seite, stieß die Tür auf und trat ein, um mit versteinerter Miene zu beobachten, wie ich gerade An’dunas Hals in meinem Mund hatte.
Vorsichtig legte ich sie wieder auf den Boden, setzte mich mit einem sehr breiten Grinsen und weit aufgerissenen Augen neben ihr hin und brüllte mit sich überschlagender Stimme: »Urgrak! Willst du auch einen Bissen?«
Es dauerte einige Momente, bis sich auch auf dem Gesicht des Orks ein Lächeln abzeichnete. »Nein, danke. Ich habe schon gegessen. Aber meine Wache berichtete mir einige sehr bedenkliche Dinge, Dareth.«
»Kann das warten? Ich habe Hunger, und -«
»Wenn du ihr die Kehle durchbeißt, wird sie ziemlich sicher sterben, Dareth.« Etwas leiser fügte er hinzu: »Du willst sie nicht wirklich sterben lassen.«
»Ich könnte ihr auch ein gutes Stück gleich unterhalb ihrer Hand rausreißen! Meinst du, sie könnte dann auch sterben?«
»Ich nehme es an, ja«, grollte der weißhaarige Krieger. »Schluss mit den Spielchen, Untoter. Was -«
Meine Zähne bohrten sich tief in den Arm hinein, den ich gerade zu meinem Mund geführt hatte. Blut tropfte auf den staubigen Boden, während ich genüsslich über die Wunde leckte und daran saugte. Es schmeckte noch immer köstlich, auch wenn ich mich innerlich wandte und mich bemühen musste, nicht vor Ekel mein Gesicht zu verziehen.
Auf Urgrak hatte es den gewünschten Effekt. Er starrte mich an – etwas, was er bisher noch nie getan hatte. Dann führte er seine Hand zu seiner Axt und legte sie darauf. »Meine Wachen berichten mir, dass du dich sehr seltsam verhältst, Dareth.«
»Seltsam?!« Ich lachte schrill, unterbrochen von einigem Schlurfen, wenn ich das Blut aufsaugte, das den Arm der Nachtelfe entlang lief. »Oh, nein! Ich freue mich auf die Arena! Ich werde euch alle UMBRINGEN!«
Das Scheppern einiger Rüstungen folgte, als der wachhabende Ork und drei seiner Mitstreiter gleichzeitig versuchten, sich durch die Tür zu zwängen, und mich dann mit erhobenen Waffen und entsetzten Mienen anstarrten. Ihr Gegrunze klang weder anklagend noch kampfeslustig, sondern eher beschwörend, als würden sie irgendein Gebet aufsagen. Und ihre Augen hatten allesamt den gleichen Ekel in ihnen, wenn sie mich und vor allem die Elfe betrachteten. Einer von ihnen warf Urgrak einen Blick zu und fragte ihn etwas, was dieser nur mit einer unwirschen Handbewegung abtat. Gehorsam trotteten die Wachen wieder hinaus, eindeutig erleichtert darüber, nicht länger sehen zu müssen, was ihr Führer betrachtete.
»Ich habe sie weggeschickt, Dareth. Du kannst mit deinem Spiel aufhören.«
»Spiel?«, fragte ich unschuldig und laut genug, dass es auch noch jene hören mussten, die sich gerade so weit wie möglich von dem Haus entfernten. »Du als Kenner von Untoten müsstest doch wissen, dass wir gerne das Blut unserer Gefangenen aufsaugen und sie bei lebendigem Leib fressen -«
»Du hast sie bewusstlos geschlagen. Es ist unschwer zu übersehen.«
Mein manisches Grinsen wurde zu einem schmalen Lächeln, und ich hörte auf, meine Augen wie ein Wahnsinniger aufzureißen. »Gefällt dir mein Zug?«
»Jedenfalls wird kein Ork mehr das Elfenweib anfassen wollen. Ich gratuliere dir.« Urgrak entspannte sich ein wenig, doch seine Miene blieb hart wie Stein. »Ist das alles, was du erreichen wolltest? Dass man sie gleich tötet, nachdem man dich in die Arena gebracht hat?«
»Nein. Aber wo du die Arena erwähnst: es wäre schön, wenn ich jetzt gleich dorthin gebracht werden könnte.«
Seine Augen verengten sich zu kleinen, misstrauischen Schlitzen. »Und was soll dir das nützen?«
»Gar nichts. Ich will nur wissen, wie sie aussieht. Den Platz sehen, an dem ich sterben werde. Und ich werde meine Mahlzeit natürlich mitnehmen.«
Urgrak überlegte für eine Weile, bis er schließlich langsam nickte. »Dein letzter Wunsch, sozusagen? Es sei dir gewährt. Ich freue mich schon darauf, dich zerschmettert und endgültig tot im Staub liegen zu sehen.«
Meine Augen wurden kalt wie Eis, als ich ebenfalls nickte. »Ist es nicht schön, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen, anstatt immer diese Spielchen zu treiben?«
Urgrak blieb mir eine Antwort schuldig. Mit einem verachtungsvollen Schnauben drehte er sich um, verließ das Zimmer und brüllte draußen ein paar Befehle. Ich nutzte die Zeit, um einen kleinen Heilzauber zu sprechen, der die Wunde zumindest teilweise schloss. Gregor zischte dabei wie eine Schlange, der man auf den Schwanz trat, und auch ich musste mich beherrschen, um vor Schmerzen nicht aufzuschreien. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass der Kampf zwischen dem heiligen Licht und der dämonischen Dunkelheit in mir immer schlimmer wurde, je länger wir in einem Körper saßen.
Als ich nach draußen trat, war ich für einige Sekunden lang von der hellen Sonne geblendet. Dieses Mal zischte ich wirklich, nur um mich dann daran zu erinnern, dass ich noch immer verrückt war, und ein weiteres, manisches Lachen folgte dem Nuckeln an dem verletzten Arm der Elfe, die ich selbst in meinen Armen trug.
Wir wurden von vier massigen Orks eskortiert, wobei Urgrak gemächlich neben mir herging. Wir waren wohl in einer Art Gefängnisbezirk: Vier kleine Hütten wie jene, der ich gerade entflohen war, standen hier, allesamt mit geöffneten Türen. Die Grünhäute machten nicht viele Gefangene, aber jene, die sie gefangen nahmen, sollten es anscheinend einigermaßen gut haben. Ehre ging eben auch über den Kampf hinaus.
Wir befanden uns in einem kleinen natürlichen Tal, das von hohen Kliffen umgeben war. Die Straße, der wir folgten, führte von dort hinaus und wurde rasch so breit, dass drei oder vier Kodo-Bestien problemlos nebeneinander entlang schlurfen konnten. Tatsächlich sah ich einige dieser Wesen zum ersten Mal mit meinen eigenen Augen, wie sie hintereinander riesige Wägen ziehend vorbei rumpelten. Sie schienen sehr gemächliche und ruhige Tiere zu sein, aber ich hatte das dumpfe Gefühl, dass jene in der Arena von einem anderen Schlag sein würden.
Die Häuser in Orgrimmar glichen sich sehr: Die meisten von ihnen waren rund und mit einem roten Ziegeldach bewehrt, hatten keine oder nur kleine Fenster und eine große Tür. Sie sahen nicht sonderlich wehrhaft aus, sondern eher, als hätten sich die Orks irgendwann einmal dazu entschlossen, keine Zelte mehr zu verwenden; und weil Orks nicht unbedingt mit Fantasie gesegnet waren, hatten sie einfach ihre Zelte aus Holz und Ziegel nachgebaut. Manche von ihnen waren größer und hatten sogar bis zu zwei Eingänge, unter anderem die Bank, wie mich Urgrak unterrichtete. Und jeder freie Platz, sogar Vorsprünge auf den Kliffen, war genutzt worden, um Behausungen aufzubauen. Ogrimmar war zwar in einem relativ kleinen Tal gebaut, aber es schoss in die Höhe.
Es war einiges los auf den Straßen der riesigen Stadt. Viele Orks und Trolle gingen ihrem Tagwerk nach, verkauften Früchte von Äpfeln bis Melonen, boten Kleidung und Getränke an oder hasteten einfach nur von einem Ort zum nächsten. Ich hatte das Gefühl, im alten Lordaeron zu stehen: so musste es damals in der Hauptstadt der Menschen ausgesehen haben, nur mit weniger muskulösen und grünhäutigen Bewohnern. Ich sog unbekannte Gerüche von gebratenem Fleisch und fremdländischen Gewürzen in mir auf, soweit es meine gebrochene Nase erlaubte, und begutachtete die Waren, die am Wegesrand feilgeboten wurden, soweit mich meine Wachen nicht voran schubsten. Ich war ein wenig überrascht darüber, so viele weibliche Orks in der Menge zu sehen, die uns gebührend Platz machte, wenn wir vorbei kamen. Sie schauten nicht weniger muskulös aus wie männlichen Artgenossen, waren aber zierlicher gebaut. Selbst ihre Hauer schienen kleinen und weiblicher zu sein. Außerdem hatten sie scheinbar mehr Verständnis für gewisse Dinge: Sie alle betrachteten die Elfe in meinen Armen mit Mitleid, und mich mit unverhohlenem Hass.
Unser Weg führte uns bald eine Anhöhe hinauf. Eine weitere Straße bog kurz davor ab in einen weiteren Seitenarm des Tals, und von dort kam das rhythmische Klingen von Stahl auf Stahl. »Das Schmiedeviertel«, brummte Urgrak, noch ehe ich meinen Mund aufmachen konnte. »Die besten Äxte kommen von dort.«
»Ich dachte, die Zwerge machen die besten Äxte?«
»Du kannst gerne die Zwerge fragen, die wir in der Arena begraben haben.«
Und schließlich kamen wir bei der Arena selbst an. Auch sie war rund gebaut, allerdings nicht von Ziegeln bedeckt, sondern nach oben hin offen. Stattdessen konnte ich erkennen, wie sich weite Stoffbanner gleich einem Dach in Richtung der Mitte des Gebäudes strebten und so für Schatten auf den Rängen sorgen mussten. Die Mauern waren aus Holz und mindestens fünf Mal so hoch wie ich. Ich mochte gar nicht abschätzen, wie groß der Arenaplatz selbst sein musste. Von hier außen sah es so aus, als würde halb Orgrimmar in der Arena Platz finden.
Urgrak führte uns an dem imposanten und von zwei Orks in ebenso schmucker Rüstung bewachten Haupteingang vorbei und zu einem sehr kleinen, gedrungenen Nebeneingang, vor dem nur eine einzelne Grünhaut stand. Diese hatte die von Ornamenten überhäufte Rüstung für einen dicken Kettenpanzer und die Paradespeere für eine zerschundene, aber häufig genutzte Kriegsstreitaxt eingetauscht. Während die Orks vor dem Haupteingang für Aufsehen und Heiterkeit sorgen sollten, bewirkte dieser hier das genaue Gegenteil davon.
Hinter der kleinen Tür war es, abgesehen von zwei oder drei kleinen Fackeln, sehr dunkel. Ich brauchte eine Weile, bis sich meine Augen an die neue Situation angepasst hatten, allerdings bei weitem nicht so lange Urgrak und seine Wachen, die für diese Zeit ihre Waffen allesamt auf mich gerichtet hatten.
Es war ein kleiner Raum, in dem wir uns befanden, vollgestopft mit Schwertern, Äxten, Knüppeln und Stangenwaffen aller erdenklicher Arten. In der Mitte standen zwei Bänke und ein langer Tisch, der mit deftigen Speisen überladen war. Auf der anderen Seite des Raums war eine große, zweiflügelige Tür, die einen sehr wehrhaften Eindruck machte und vermutlich von der anderen Seite aus verriegelt war.
»Die Waffenkammer«, verkündete Urgrak stolz. »Egal, mit welcher Waffe du kämpfen willst, Dareth, wir haben sie. Und wie du siehst, wurde bereits alles für dich angerichtet, auch wenn du eigentlich erst in ein paar Stunden hier hättest ankommen sollen.«
Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter, bedeutete seine Wachen, wieder hinauszugehen, und folgte ihnen. Kurz, bevor die Tür geschlossen wurde, wandte er sich noch einmal mir zu. »Dareth?«
Ich legte An’duna auf einer der Bänke ab, strich ihr sanft das Haar aus dem Gesicht und drehte mich dann um. »Urgrak?«
»Die Elfe kämpft ebenfalls.«
Die Worte brauchten ein wenig, bis sie in meinem Kopf angekommen waren. »Aber wir hatten gesagt -«
»Das war, bevor du sie nutzlos gemacht hast.« Mit einem Nicken und finsterer Miene fügte er hinzu: »Glaub mir, es ist besser als das, was sie sonst erwarten würde.«
Ich hoffte, mit meinem kaum wahrnehmbaren Nicken meinen kaum vorhandenen Dank auszudrücken. Auf der anderen Seite hatte ich auch nicht erwartet, An’duna aus dieser Sache vollkommen raushalten zu können, aber dennoch fühlte ich mich betrogen.
Dann schloss sich die Tür, und nicht nur einer, sondern drei Riegel wurden vorgeschoben, und ein Schlüssel ließ das Schloss gut vernehmbar knacken, als es verriegelte.
»Tja, Gregor…«
»Was hast du erwartet? Dass sie das Spitzohr wirklich einfach in Ruhe lassen, nur weil du es vor den Augen all dieser Hohlköpfe anknabberst?«
»Es hat sie zumindest dazu bewegt, sie nicht einer nach dem anderen vergewaltigen zu wollen.«
»Niemand würde etwas vergewaltigen wollen, an dem ein Untoter zuerst seine Hand gelegt hat. Ich kann sie sogar verstehen.«
»Nun, wir haben jetzt einiges an Zeit… Welche Waffe willst du haben?« Ich ging die Wände entlang, ließ meine Finger über Stäbe und Griffe gleiten und betrachtete etwas verloren die unendlichen Möglichkeiten, die sich mir boten.
»Ein Schwert. Nicht zu lang, wenn möglich. Und einen Dolch… Leg dir die Scheiden um, wir nehmen auch noch einen Speer mit raus. Das beste gegen Wildscheine und wildgewordene Kodo-Bestien, ein Speer. So behält man eine gewisse Distanz zwischen sich und den Viechern.«
»Wie viele Runden?«
»Bis wir sterben oder bis man uns freilässt, was ohnehin nicht geschehen wird?« Mein Bruder lachte freudlos auf. »Sie fangen gerne mit wilden Tieren an. Wahrscheinlich sind wir auch nicht die Einzigen, die dort drinnen kämpfen müssen. Wenn ich mich recht entsinne, werfen sie immer vier oder fünf Verurteilte auf einmal in die Arena. Wer die Bestien überlebt, kämpft gegen die anderen Überlebenden. Der letzte, der stehen kann, ist frei.«
Ich überlegte für einen Moment, und Gregor antwortete prompt: »Nicht, wenn alle von den Tieren massakriert werden. Und wer das überlebt, ist meistens in so einem schlechten Zustand, dass er ein paar Minuten später verblutet ist. Oder an dem Gift verreckt, je nachdem. Ich habe noch von niemandem gehört, der jemals frei gekommen wäre.«
Ich betrachtete nachdenklich die Waffen, die ich mir umgegürtet hatte, und den langen, schmucklosen Speer in meiner Hand. Sie waren von überaus guter Qualität, das musste man ihnen lassen. Sogar eine Lederrüstung, die mir ungefähr passte, war vorhanden.
Dann ging ich zu der noch immer bewusstlosen Frau hinüber und legte meine Hände auf ihre Wange und ihren Arm. »Bereit?«, brummte ich.
»Bringen wir es hinter uns«, seufzte Gregor gequält.

An’duna erwachte, als ich mir gerade ein großes Stück Fleisch – genaugenommen ein zu großes Stück Fleisch – in meinen Mund schob. Als sie ihren Kopf hob, sich das schmerzende Kinn rieb und sich umschaute, kam meine Begrüßung deshalb nur sehr unverständlich und mit Spucke und kleinen Fleischstückchen vermengt bei ihr an.
Nachdem ich meinen Happen heruntergeschluckt hatte, saß die Frau aufrecht, wenn auch noch immer ein wenig schwankend, auf der Bank und schaute mich verwirrt an. »Was…«
»Iss! Trink!« Ich deutete großzügig auf die Unmengen an Speisen und Getränken, unter denen sich neben Kodo-Bestie auch etliche Früchte und sogar einige Weine fanden, die sehr würzig schmeckten. »Dein letztes Mahl, um genau zu sein.«
»Mein letztes… was ist passiert?«
»Wir sind in der Arena«, schmatzte Gregor, während ich mich auf die Suche nach dem nächsten Stück Fleisch machte und etwas fand, das wie ein großer Vogel ausgesehen haben mochte. »Und du wirst mit uns kämpfen. Such dir eine Waffe raus.«
»Ich… aber…«
»Und iss, bevor Gregor dir alles wegfrisst. Wer weiß, ob ich mich überhaupt noch bewegen kann, wenn es soweit ist.«
Ihre Fäuste knallten so hart auf die Tafel, dass das Geschirr schepperte und irgendwo am Ende des Tischs eine Flasche einen Satz machte, um dann umzufallen, die letzten Finger über das Holz zu rollen und am Boden zu zerschellen.
»Was ist geschehen?«, fragte An’duna mich erneut, aber dieses Mal mit der Schärfe eines Messers in ihrer Stimme.
Ich kaute für eine Weile, schluckte schließlich das Vogelfleisch hinunter, nahm ein Tuch, das zur Hand lag, strich mir über den Mund, legte es zur Seite, faltete meine Hände auf dem Tisch und sah sie dann an. In all der Zeit waren ihre Fäuste immer bleicher geworden und ihre sonst eher violetten Wangen hatten inzwischen, ebenso wie der Rest ihres Gesichts, eine tiefdunkle, rötliche Farbe angenommen.
»Ich habe Urgrak davon überzeugt, dass seine Wachen dich nicht nächtelang vergewaltigen sollten, um dir am Ende die Kehle durchzuschneiden. Er bekam die Idee, dich stattdessen mit in die Arena zu stecken. Deshalb bist du hier. Und jetzt -«
Meine Hand hatte nicht einmal die Chance, das Stück Fleisch zu ergreifen, weil sie davor schon von der Nachtelfe erwischt und unwirsch nach vorne gezogen wurde. Ich lag halb in Essen, während sich An’dunas Nase der meinen bis auf einen Zoll näherte. »Was hast du in dem Haus gemacht?«
»Oh, das? Gregor hat dich bewusstlos geschlagen. Mein zweites Ich, weißt du noch?« Ich grinste sie fröhlich an, nahm mit der anderen Hand das Nächstbeste, was ich erwischte, und stopfte es mir in den Mund. Es fühlte sich sehr weich an, und als ich noch einmal hinschaute, erkannte ich, dass es irgendeine orangene Frucht war, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Allerdings fiel mir sehr schnell auf, dass man die Schale vermutlich nicht mit aß.
Die Frau entließ mich aus ihrem unnachgiebigen Griff, setzte sich gerade hin und schaute mich ungefähr genauso unversöhnlich an wie kurz zuvor Urgrak. »Und du erwartest, dass ich mich dafür bei dir bedanke?«
Ich blinzelte ein paar Mal, bevor ich schließlich nickte. »Du hattest vielleicht die Kleidung einer Hure an«, fügte Gregor hinzu, »aber wir dachten uns, dass du -«
»Hör auf mit deinem Schauspiel!«, polterte sie plötzlich los. »Du bist nicht verrückt, du hast keine zwei Seelen in deinem Körper! Du -«
Die neue Lichtquelle, die wie aus dem Nichts in meiner Hand erschien, ließ sie verstummen. Der Schattenblitz schlängelte sich um meinen Arm, wanderte ihn hinauf und hinunter und zischelte dabei unheilvoll. Mit einem Schlenker ließ ich ihn ins Nichts verpuffen.
Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich wieder dem Essen zu. Es schmeckte alles überaus köstlich. Man konnte über die Orks sagen, was man wollte, aber Gastfreundschaft – selbst für Todesverurteilte – hatte seine Vorzüge.
»Das… aber… ich dachte, auf dem Luftschiff…«
»Dass du dich geirrt hättest?«, sprang ich ihr zwischen zwei Bissen hilfreich zur Seite. »Dass der Schattenblitz in meiner Hand nur eine Einbildung war und ich die Tür mithilfe des heiligen Lichts aufgesprengt habe? Bei eben diesem Licht, Weib, der Schattenblitz ist von der dunkelsten violetten Farbe, die ich jemals gesehen habe!«
»Zwei Seelen?«
»Ja! Zwei Seelen!«
»Aber -«
»Nn, kn vflchts ber!«, versuchte ich mit einem vollen Mund zu brüllen. Ich schluckte schwer – vielleicht hatte es Gregor übertrieben, als er zu dem Fleisch eine weitere der orangenen Früchte in uns hineingeschoben hatte – aber als ich endlich wieder sprechen konnte, seufzte ich lange und wehleidig. »Ich weiß, dass es verrückt klingt, An’duna. Aber ich war ehrlich zu dir. Ich habe dir keine Lügen erzählt. Ich habe dir vertraut, halb in dem Wissen, dass du es mir ohnehin nicht glauben würdest. Niemand glaubt mir. Und das ist genau der Grund, warum ich überleben werde.«
Ich griff zu der Flasche Wein, aus der ich mir schon einige Gläser eingeschenkt hatte, und reichte sie ihr über den Tisch. »Du siehst so aus, als könntest du einige Schlucke vertragen.«
Sie grapschte regelrecht nach dem Flaschenhals und schüttete den Rest in sich hinein. Dann schüttelte sie sich erst einmal, als die Würze ihr die Kehle verbrannte, bevor sie mich aus weiten Augen anstarrte. »Aber nur einer wird freigelassen.«
Ich hielt für einen Moment inne, bevor ich doch noch in die saftige Keule biss, sie dann über die Schulter auf den Haufen von Knochen und angebissenen Fleischstücken schmiss, und nickte. »Das stimmt.«
Grölende Stimmen drangen an mein Ohr und wurden von Minute zu Minute lauter. Bald waren sie so laut, dass man einzelnes Gegrunze unter ihnen ausmachen konnte. Die Arena war geöffnet und begann, sich zu füllen.
»Wenn du noch etwas essen willst, dann tust du das besser jetzt. Sieht so aus, als ob wir nicht mehr viel Zeit hätten.«
Die Elfe schaute kurz den Tisch hinauf und hinunter, zog dann eine weitere Flasche des Weins heran, zog den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen kräftigen Zug. Dann, mit beiden Händen fest um den Flaschenhals geschlossen, meinte sie leise: »Ich dachte, du hättest es alles nur vorgetäuscht.«
»Und warum sollte ich?«
Sie errötete. Es hätte niedlich ausgesehen, wenn ich mir nicht inzwischen zusammengereimt hätte, dass sie es auf Kommando zustande brachte. »Du dachtest, ich wollte interessanter wirken, in der Hoffnung, dass du mich nicht töten würdest?«
Sie errötete noch mehr und nahm einen weiteren Schluck.
Ich konnte nicht anders, als zu kichern. »Und du hast mitgespielt, in der Hoffnung, mich so aus der Reserve locken zu können? Du dachtest, meine Sorge und das Kleid und alles andere war nur ein Versuch, mehr Zeit zu schinden? Nun, für einen Menschen hätte es vielleicht die richtige Annahme sein können. Aber ich bin kein Mensch, kleine Dareth’dorei.«
»Du wirst mich töten. Oder ich dich.«
Wir sahen uns lange an, und in unseren Köpfen flogen die Gedanken durcheinander. Das war es, worauf es hinauslaufen würde. Nur einer verließ lebend die Arena, und starb hinterher.
Schließlich zuckte ich nur mit den Schultern. »Wir werden sehen.«
Das unwirsche Pochen an der Tür, verbunden mit einem in schlechter Gemeinsprache gegrölten »Macht bereit!«, ließ die fette Keule in meiner Hand sinken und auf den Tisch legen. »Nun denn«, brummte ich, stand dabei auf und prüfte noch einmal, ob alle Waffen an ihrem Platz waren. »Mach dich bereit, Elune-adore.«
Die Elfe warf mir einen fast schon flehenden Blick zu, bis sie ihr Augenmerk auf das riesige Arsenal richtete, das sich der Wand entlang auftürmte. Ihre Wahl war schnell getroffen: zwei Dolche und eine ähnliche Lederrüstung wie jene, die ich trug. »Was erwartet uns?«, fragte sie leise, als sie neben mir, direkt vor den großen Flügeltoren, Position bezog.
»Das schlimmste Vieh, das diese Länder zu bieten haben, vermutlich. Sie werden zu verhindern suchen, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen können.«
Wir schwiegen wieder.
»Was, wenn wir beide überleben?«
»Wir werden sehen.«
Das Schaben von Holz auf Holz ertönte, als auf der anderen Seite ein vermutlich mächtiger Balken entfernt wurde.
Ich starrte stur die Tore an, auch wenn ich mir des berechnenden und zugleich verängstigten Blicks der Nachtelfe neben mir durchaus bewusst war.
»Wenn du mich jetzt tötest«, murmelte ich verdrossen, »haben die Viecher da draußen ein Ziel weniger.«
Das Grinsen, das kurz über ihre Lippen huschte, ließ mich ebenfalls lächeln.
Dann sprangen die Tore regelrecht auf, und Wärme, Licht und ohrenbetäubender Lärm brandete zu uns herein.
Blinzelnd trat ich hinaus ins Freie. Die Arena war nicht nur so riesig, wie ich vermutet hatte, sie war sogar noch größer: die hohe Wand am anderen Ende des Rings war mindestens dreihundert Schritt entfernt. Der für Orgrimmar typisch sandige Boden lag zu unseren Füßen, mit dunklen Flecken vermengt, die von alten Opfern und Kämpfen zeugten. Und über uns grölten und jubelten unzählige Orks und Trolle im Blutrausch.
Als wir die ersten Schritte in die Arena getan hatten, schlug das Tor hinter uns mit einem lauten Knall zu. Ein Blick über die Schulter offenbarte zwei dicke Taue, die an den Toren angebracht waren und mit deren Hilfe man sie aufgezogen hatte; an zwei weiteren Tauen bandelte ein fetter Balken, so dick wie mein Rumpf. Vermutlich waren gerade einige weitere Orks mit einem ähnlich dicken Balken in die Waffenkammer gestürmt und hatten ihn in die Halterungen eingelegt, die auch von innen angebracht waren.
An’duna stand unschlüssig und mit erhobenen Waffen neben mir. Ihr Blick huschte in jeden Winkel der Arena, doch noch war nirgendswo etwas von den Bestien zu sehen, die uns in der Luft zerreißen sollten. Dafür wurde das Grölen lauter, als direkt gegenüber von uns ein sehr ähnliches Flügeltor aufgerissen wurde und zwei Gestalten daraus hervor traten. Einen davon erkannte ich ziemlich schnell wieder: der Zwerg, mit dem ich auf dem Luftschiff gereist war, hatte sich einen kompletten Schuppenpanzer mitsamt Helm, Arm- und Beinschienen übergeworfen. In seinen Händen führte er eine zweihändige Axt, mit der er den Balken vermutlich hätte zerschmettern können, wenn ihm danach gewesen wäre. An seiner Seite trat ein ähnlich gerüsteter Mensch mit wehendem blondem Haar ins Licht der Arena; allerdings hatte er sich für ein zweihändiges Schwert entschieden.
»Die Allianz scheint heute stärker vertreten zu sein als die Horde«, brüllte ich über die Menge hinweg An’duna zu. »Die Frage ist, ob die Allianz heute zueinander hält!«
Ein gigantisches Horn, dessen früheren Besitzer ich nicht einmal in meinen Träumen begegnen mochte, wurde geblasen und übertönte mühelos den Lärm. Als es verklang, herrschte Ruhe in den Reihen.
Urgrak war auf dem Podest, das gleich hinter dem Horn stand, für jeden Ork und Troll gut zu sehen. Seine Rüstung glänzte in der gleisenden Sonne, und seine Mähne wehte majestätisch in dem Wind, der ihn umfing. In der Zunge der Orks begann er, eine Rede zu halten, die immer wieder von Jubelrufen und zustimmendem Gegröle unterbrochen wurde.
»Er kündigt uns an«, brummte Gregor verdrossen. »Uns als gescheiterten und in Undercity gesuchten Priester des Lichts, der hier seiner gerechten Strafe zuteilwerden soll. Und das Spitzohr als Spitzohr.«
»Sie werden sich wundern, wenn wir anfangen, Schattenblitze um uns zu schmeißen.«
»Der Zwerg soll eine Chance erhalten, sich tapfer im Kampf zu beweisen, ebenso wie die Elfe. Der Mensch ist ein Kriegsgefangener, den sie bei einem Scharmützel in den Steppen aufgegriffen haben. Seine Tapferkeit war so überragend, dass sie ihm eine zweite Chance geben wollen, sich seine Freiheit zu erkämpfen.«
»Wie edel von ihnen. Ich wusste nicht, dass du so gut ihre Sprache sprichst.«
»Es ist nicht sonderlich schwer, sie zu verstehen. Und mein Aufenthalt in Orgrimmar damals war lang.«
»Wie lang genau?«
»Zwei Jahre.«
»Das ist wirklich lang.«
Das Horn wurde erneut geblasen. Doch selbst dieser Ton, der einem beinahe das Trommelfell platzen ließ, wurde vom Knirschen und Knarren zweier mächtiger, mit Eisen und Stahl verstärkten Tore übertönt, die langsam und zäh, unter dem Rattern und Ächzen unzähliger Ketten, aufgetan wurden.
Noch ehe sie weit genug offen waren, prallte bereits eine Kodo-Bestie vor Wut schnaubend dagegen, nur um dann ein paar Schritte zurück in die Dunkelheit und Anlauf zu nehmen. Beim zweiten Versuch quetschte es sich unter dem wehleidigem Quietschen des Metallpanzers, den es trug, durch die Öffnung und starrte dann aus kleinen, mordlüsternen Augen zuerst uns und dann den Menschen und den Zwerg an.
Es war ein furchterregendes Tier. Kodo-Bestien waren mit ihren vier massigen Füßen, dem noch viel massigeren Körper und dem Horn auf ihrer platten Schnauze schon beeindruckend genug. Sie waren eine Tonne Fleisch, die nichts aufzuhalten vermochte, wenn sie erst einmal in Bewegung kamen. Wenn man das ganze Ungetüm allerdings auch noch in Metall kleidete, bekam es eine ganz neue angsterregende Bedeutung.
Hinter dem Biest regte sich allerdings etwas. Aus der Dunkelheit der sich öffnenden Kammer schossen vier Schlangen hervor, so groß wie ich selbst. Ihre grünen Schuppen schimmerten im Licht, und von den Rängen aus mussten sie wunderschön aussehen. Alles, was ich sah, waren die riesigen Giftzähne, die sie entblößten, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichteten und uns anfauchten.
»Bleib hinter mir«, schrie ich An’duna zu, als das erste der Wesen auf uns zu schlängelte und anfing, uns mit wachsamen Augen zu umkreisen. Eine zweite Schlange gesellte sich dazu, wogegen die Kodo-Bestie ein paar Mal mit seinen Hufen scharrte und dann mit einem wahnsinnigen Gebrüll auf die beiden verbliebenen Kämpfer zustürmte.
An’duna und ich standen Rücken an Rücken, während wir die Schlangen beobachteten. Ich hielt meinen Speer bereit, um ihn sofort in eines der Biester zu stecken, sobald sie auch nur nahe genug heran waren. Sie richteten sich immer wieder auf und zuckten, unter dem Anfeuern der Menge, mit ihren entblößten Zähnen nach vorne, nur um leere Luft zu erhaschen.
Dann stieß mir die Elfe plötzlich in den Rücken, stark genug, um mich unversehens nach vorne stolpern zu lassen. Als hätte das verfluchte Biest nur darauf gewartet, schoss es nach vorne, biss zu –
Meine Beine erstarrten. Wie eine Statue, die jemand aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, fiel ich um, den Speer nach vorne gestreckt. Das furchterregende, siegessichere Zischen erstarb von einem Moment auf den anderen, als die Reißzähne nur einen Fingerbreit an meinem Kopf vorbei zischten und sich die stählerne Spitze meiner Waffe in den aufgerichteten Körper bohrte. Gleichzeitig waren meine Beine wieder von ihrer plötzlichen Lähmung befreit, und ich sprang so schnell auf wie wohl noch nie, weder in meinem ersten noch in meinem zweiten Leben. »Was, bei -«
Als ich mich umdrehte, wurde ich Zeuge eines wundersamen Schauspiels: An’duna tanzte regelrecht um die Schlange herum, und die Schlange tat es ihr gleich. Sie ließen sich nicht aus den Augen, zuckten beide immer wieder nach vorne, versuchten, den Gegner zu überraschen. Dann, als sie Schlange des Wartens überdrüssig wurde, machte sie einen Satz nach vorne, in dem Versuch, ihre Zähne tief in die Brust der Elfe zu treiben.
An’duna wich der Attacke fast schon spielerisch mit einer Schritt zur Seite aus. Einer ihrer Dolche versenkte sich so schnell in den Kopf des Tiers, dass ich gar nicht sah, wie sie zuschlug; der andere zog sich einmal über den Hals der Schlange und schlitzte ihn über die gesamte Breite auf.
Mit einem letzten Tritt und einem zufriedenen Lächeln sandte sie ihren Widersacher in den Tod, nur um endlich des Rumpeln gewahr zu werden, das sich unaufhaltsam auf sie zubewegte. Als sie aufsah, war die wildgewordene Kodo-Bestie so nahe, dass sie vermutlich die einzelnen Metallplättchen der Rüstung erkennen konnte.
Dann wurde sie von mir umgerissen. Wir schlitterten über den sandigen Boden, wobei ich spürte, wie sich die Haut an den ungeschützten Stellen meines Körpers vom Fleisch abrieb, und eine der mächtigen Hufen stampfte knapp an meinem Kopf vorbei. Noch ehe sie etwas sagen konnte, war ich schon wieder auf den Beinen, riss die Schurkin in die Höhe und zog sie mit mir in die Mitte der Arena.
»Wofür hast du das getan?!«, brüllte Gregor mich wutschnaubend an, aber ich ignorierte ihn. Dafür wurde ich fast umgerissen, als An’duna einfach stehen blieb, aber dabei meine Hand nicht aus ihrer entließ. »Was, bei allen Dämonen -«
»Lenk das Vieh ab!«, schrie sie mich an, wobei sie hinter mich trat.
Mein Blick fiel auf das Vieh, das bereits wieder mit seinen Hufen scharrte. Irgendwo hinter ihm konnte ich die beiden anderen Krieger ausmachen, die sich noch immer mit den Schlangen auseinander setzten. Eine von ihnen schien sich in das plattenbewehrte Bein des Menschen verbissen zu haben, der wie wild auf das Tier einhackte; der Zwerg spaltete in eben diesem Moment seinen Widersacher mit einem mächtigen Hieb in zwei Teile.
»Ich hoffe, du weißt, was du tust!«, schrie ich zurück. Dann setzte ich ein kurzes Stoßgebet an das Licht ab – immerhin hatte ich schon so viele verrückte Dinge erlebt, dass irgendetwas über mich wachen musste – zog mein Schwert und ging mit erhobener Klinge auf die Bestie zu. Sie beobachtete mich dabei aus ihren kleinen Augen, scharrte noch mehr mit den Hufen, schien für einen Moment zu überlegen und tat dann das, was es am besten konnte: es stürmte mit blindem Hass und Wut auf mich zu.
Mit einer gewagten Rolle schaffte ich es, ihm aus dem Weg zu springen, aber mit einer für dieses massige Wesen verblüffenden Gewandtheit drehte es bei und stürmte bereits wieder auf mich zu, als ich wieder Zeuge eines verblüffenden Kunststücks wurde. Wie aus dem Nichts tauchte An’duna neben dem Vieh auf. Gerade, als es an ihr vorbei rumpelte, bekam sie das Horn zu fassen und wurde mitgerissen. Für einige Momente sah es so aus, als würde sie unter die mächtigen Beine der Kodo-Bestie geraten und zertrampelt werden; dann zog sie sich hoch genug, um dem Wesen direkt in die Augen zu starren, und einen Augenblick später bohrte sich ihr verbliebener Dolch in den vermutlich einzigen ungeschützten Fleck der Kreatur.
Das animalische, schmerzerfüllte Brüllen des Wesens zog mein Herz zusammen. Es war ein Todesschrei, und ich würde mich niemals an diese gewöhnen. Gregor hingegen gab insgeheim zu, dass er die Darbietung der Elfe für durchaus professionell hielt. Sie zog sich auf das sterbende Tier hoch, balancierte irgendwie durch den höllischen Ritt und sprang genau in dem Moment vom Rücken der Bestie ab, als sie mit voller Wucht in die Mauer krachte und dort tot zusammensackte.
Mit offenem Mund stapfte ich zu der Frau hinüber, die sich gerade das jetzt wilde und wirr in ihrem Gesicht hängende Haar hinter die Ohren strich, und fragte sie über das nicht enden wollende Grölen der Zuschauer hinweg: »Und ich soll verrückt sein?«
Sie lächelte mich verschmitzt an, als hätte sie eben nur einen kleinen Tanz aufgeführt. Dann schaute sie sich neugierig um, als die Menge allmählich ruhiger wurde. Urgrak hatte wieder seinen Platz auf der Empore eingenommen und brüllte seine Worte in die Arena.
»Ehrenvoller Zweikampf«, stöhnte Gregor. »Nur einer verlässt die Arena.«
Wir reagierten gleichzeitig: Ich, weil ich inzwischen wusste, dass ich ihr nicht trauen konnte, und Gregor, weil seine Reflexe zu gut geschult waren, als dass er es nicht hätte vorhersehen können. Unser Dolch blockte die Klinge, die An’duna gerade in unserem Rücken versenken wollte, und wir sprangen einen Schritt zurück, um sie finster anzulächeln. »So schnell also liegt unsere Allianz in Brüchen?«
»Ich bin überrascht, dass du mir vorhin deinen Rücken zugewandt hast. Ich hatte erwartet, die Schlange würde dich erledigen.«
»Ich habe heute bereits eine Schlange erledigt. Wer sagt, dass ich nicht noch eine zweite töten kann?«
Sie zwinkerte mir zu. Dann trat sie mir eine Ladung Sand ins Gesicht. Das nächste, das ich spürte, war der stechende und brutale Schmerz der Dolchklinge, die sich durch meine Lederrüstung bohrte und irgendwo in meine Brust eintrat. Ich grunzte und schlug als Antwort mit meinem Schwert einfach blind nach vorne. Der Schrei ließ mich wissen, dass ich die Elfe zumindest getroffen hatte, und ein Ruck ging durch meinen Körper, dem ich gerade nichts zuordnen konnte, aber ich musste ein paar Mal blinzeln, bis ich wieder etwas erkannte.
Zu meiner Überraschung stand An’duna ein wenig abseits von mir und betrachtete die klaffende Wunde, die ich ihrem Bein zugefügt hatte. Ihre Hände waren leer, ihre Miene eine Mischung aus Zorn und Ohnmacht. Als ich an mir hinunter schaute, erkannte ich den Griff des Dolchs, der bis zum Heft in mir steckte. Versuchsweise zog ich daran, aber er saß fest. Irgendwie hatte sich die Klinge in meinen Rippen verhakt und weigerte sich, wieder herauszukommen.
»Interessant, nicht wahr, An’duna -«
Was ich sah, ließ mich verstummen und stattdessen zu rennen beginnen. Die Elfe bäumte sich zu ihrer vollen Größe auf, starrte mich mit einem leeren Blick an und machte keine Anstalten, meiner Klinge ausweichen zu wollen. Es sah fast so aus, als hätte sie sich ihrem Schicksal ergeben.
Hinter ihr hob der Zwerg gerade seine Axt, um sie ihr mit voller Wucht in den Rücken zu schlagen.
Gregor brüllte mich an, dass ich gefälligst nicht so rennen sollte, und was, beim unheiligen Bogen Sylvana Windrunners, ich eigentlich vorhatte.
Mein Arm mit dem Dolch in der Hand hob sich, schnalzte nach vorne und entließ die Klinge. Sie trudelte mehr, als dass sie flog, durch die Luft, verfehlte An’duna um Haaresbreite und erwischte den Zwerg mit dem Knauf und einem hellen Klang an seinem Helm.
Dann war ich direkt bei der Elfe angekommen. Ohne zu überlegen, stieß ich sie zur Seite.
Die Streitaxt kam auf mich zugeflogen. Ich hatte ihren Besitzer getroffen und dadurch ihre Bahn ein wenig abgelenkt, aber bei weitem nicht genug, um zu verfehlen. Ich sah, wie der Axtkopf, an dem noch immer Blut und Gift der Schlangen klebte, auf mein Gesicht zukam, während ich, die Schurkin in den Armen, zu Boden ging. Ich versuchte noch verzweifelt, meinen Kopf im Fallen zur Seite zu drehen, aber sowohl Gregor als auch ich wussten schon jetzt, dass es nichts mehr nutzen würde. Unsere Bahnen würden sich kreuzen, und es gab nichts, um das zu verhindern.
Dann wurde alles schwarz.
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#54 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 26 June 2014 - 17:40

Kapitel 27 – Verdorben und verflucht

Wie ein Verrückter schreiend riss ich die Augen auf.
Dann verstummte ich abrupt. Die Arena war verschwunden, ebenso wie An’duna oder der Zwerg. Nach einem weiteren Augenblick merkte ich auch, dass ich weder die Orks noch die Schlangen, weder das Schnaufen der sterbenden Kodo-Bestie noch das wütende Kriegsgebrüll des kleinen Kriegers hören konnte.
Die Welt schien ihre Farbe verloren zu haben. Kleine, gedungene Bäume, wie man sie wohl in Steppen vermuten würde, standen vereinzelt in der Gegend herum, doch ihre Rinde war von einem bleichen Grau, die Blätter von einem etwas helleren. Als würde man durch Nebelbänke waten und nichts anderes als die gräulichen Wolken sehen; aber ich sah alles um mich herum glasklar.
Als ich mich umdrehte, verlor ich endgültig meine Sprache. Eine Frau stand mir gegenüber; sie schwebte über dem Boden, und ihre Füße hingen locker nach unten. Zwei riesige Schwingen schienen direkt aus ihrem Rücken herauszuwachsen und schlugen immer wieder, damit sie nicht die Erde berühren musste. Bis auf ein weißes Tuch, welches um ihren Körper geschlungen war und gerade das Nötigste bedeckte, war sie nackt; von ihrem Gesicht war jedoch aufgrund einer ebenso weißen Kapuze fast nichts zu erkennen.
Hinter ihr erhoben sich Gräber. Es waren zu viele, um sie zählen zu können. Sie schienen sich bis an den Horizont und noch darüber hinaus zu erstrecken, und wenn ich mich nicht irrte, glaubte ich, dort am Ende der Welt einen kleinen Lichtpunkt ausfindig machen zu können.
»Ich bin gestorben«, murmelte ich leise und schaute dabei den Engel an, in der Hoffnung, eine Bestätigung zu finden. Doch ihre schmalen Lippen blieben genauso regungslos wie vorher.
»Das heißt, ich… werde vom Licht aufgenommen?«
Noch immer zeigte sich keine Regung auf ihrem Gesicht.
Dann schüttelte sie leicht den Kopf.
Ich blinzelte ein paar Mal mit einem dümmlichen Lächeln. »Aber ich bin vom Licht gesegnet. Wenn ich tot bin, dann -«
Mein Lächeln erfror, als sie wieder ihren Kopf schüttelte.
»Ich bin gesegnet!«, rief ich zornig und zugleich verzweifelt. »Ich bin – war ein Priester des Lichts! Ich -«
Das Knacken eines Astes konnte in einem Wald gut unbemerkt bleiben. Trat es jedoch in einer Welt auf, die vollkommen still war, so schien das Geräusch noch über Meilen hinweg hörbar zu sein.
Als ich herumwirbelte, traute ich meinen Augen nicht. Es war sie. Meine Liebe. Meine störrische, stumme Bogenschützin, die mir damals, als ich sie zum ersten Mal traf, einen Pfeil ins Herz gejagt hatte.
Sie lächelte mich fast schon schüchtern an. Sie trug das Kleid, mit dem ich sie begraben hatte. Sie war so schön wie in meinen Erinnerungen, oder vielleicht sogar noch schöner.
Die erste Träne stieg in meine Augen, und wurde gleich darauf von weiteren verfolgt. Ich schluchzte leise, als ich meine Hand nach ihr ausstreckte, und sie die ihre…
Bis ich verharrte. Alarmglocken schrillten in meinem Kopf, und alle Gedanken in mir schrien mich an, dass etwas nicht stimmte. Verwirrt rieb ich mir mit einer Hand die Augen, um die Tränen des Glücks loszuwerden.
Das Kleid war blutrot. Ihr Haar hatte den rötlichen Schimmer, den ich so sehr an ihr liebte. Ihre nussbraunen Augen schauten liebevoll in die meinen. In ihren rosigen Wangen formten sich kleine Falten, als sie lächelte.
»Du… du bist…«
Ihre Finger streiften fast die meinen, als ich sie zurückzog und zu einer Faust ballte. Ich atmete schwer, als wäre ich gerade von Lordaeron hinüber zu den eisigen Zinnen Ironforges gerannt, ohne je Rast und Pause zu machen. Ich schluckte schwer, und neue Tränen stiegen in mir auf und flossen in meinen ungepflegten, bleichen Bart hinein.
»Du bist tot, Leah.«
Ihr Lächeln erstarb. Und mit dem Lächeln erstarb auch das Schimmern ihres Haars, welches mit einem Mal kurz und schwarz war. Ihre braunen Augen wurden zu hell leuchtenden Punkten, welche ihre gesamten Augenhöhlen ausfüllten. Ihre rosigen Wangen wurden violett und von seltsamen Mustern gezeichnet. Das Kleid verschwand, ersetzt durch eine freizügige, aus schwarzem Leder gefertigten Rüstung und einen ebenfalls schwarzen Slip. Die zwei langen Beine endeten in Hufen. Ledrige Schwingen entfalteten sich, und Hörner schienen aus ihrer Stirn zu wachsen.
Ich musste nicht überlegen, um zu wissen, was vor mir stand. Selbst jetzt, nach dieser plötzlichen und unwirklichen Veränderung, behielt die Succubus einen unheimlichen Reiz, der mich aufforderte, mich ihr voll und ganz hinzugeben und ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.
Sogar ihre Stimme klang wie süßer Honig, der mir die Kehle hinunter rann. »Du also auch.«
»Was willst du von mir?!«, warf ich ihr heiser entgegen und ging dabei einen Schritt zurück. »Wo bin ich?!«
»Im Schatten. Du bist weder tot noch lebendig.« Sie lachte leise und entzückt. Es war wie ein heller Glockenklang in meinen Ohren, wie himmlische Musik, die über mich brauste, und zugleich das Versprechen unendlicher Schmerzen.
»Das Licht -«
»Oh, das Licht! Wie amüsant… aber nicht anders zu erwarten, von einem Priester.« Ihre Beine zogen meinen Blick auf sich, als sie langsam und geschmeidig auf mich zukam. Erst nach einigen Sekunden gelang es mir, mich von dem Anblick loszureißen, und selbst dann zuckten meine Augen nervös in dem Bestreben und Verlangen, ihren Körper eingehend zu studieren. »Was willst du von mir?!«, schrie ich erneut.
»Deine Seele«, hauchte sie, vielleicht einen Schritt von mir entfernt. Ich spürte ihren warmen Atem auf meiner Haut, als wäre er das erste Sonnenlicht in einer dunklen Welt; ich konnte sie riechen, süß und betörend wie eine sagenumwobene Rose in einem verlassen, von Dornen überwucherten Garten. Meine Beine gefroren, mein Mund öffnete sich leicht, ohne etwas sagen zu können, und in meinen Fingern juckte es, sie wenigstens ein einziges Mal anzufassen.
Voller Verzweiflung schloss ich meine Augen, presste meine Hände zu Fäusten geballt an meine Brust und fing an, ein Gebet zu sprechen, das ich beinahe schon vergessen hatte.
»Das heilige Licht gab mir Kraft, und es schenkte mir ein neues Leben. Es brachte Licht in mein dunkles Herz, Freude in mein tristes Leben, Liebe in meine traurige Einsamkeit.«
»Kein Licht in dieser Welt«, zischte die Succubus direkt neben meinem Ohr, und ich zuckte erschrocken zusammen. Meine Augen schlossen sich so fest, dass ich anfing, viele kleine Sterne in der Finsternis zu sehen.
»Das heilige Licht gab mir Bestimmung, es gab mir Ziel, es gab mir Zweck«, intonierte ich lauter. Meine anfangs zittrige Stimme wurde fester, je mehr ich mich der Worte entsann, die in einem anderen Leben einmal jeden Morgen von mir gesprochen worden waren.
»Deine Seele gehört mir«, schnurrte die Dämonin, jetzt an meinem anderen Ohr. »Sie wurde mir versprochen, und ich werde sie mir holen.«
»Das heilige Licht führt mich, es leitet mich, es schützt mich, es behütet mich. Das heilige Licht ist nur eine kleine Kerze, doch in mir ist es ein großes Feuer.«
»Grau und weis«, lachte die Succubus in meinem Rücken, und ihr Atem strich über meinen Nacken. »Das ist deine Welt. Und aus ihr wirst du nie entfliehen. Du gehörst mir.«
»Das heilige Licht gehört mir«, schmetterte ich voll Inbrunst. »Und ich, Itheron, gehöre dem heiligen Licht!«
Stille senkte sich über uns wie ein schweres, schwarzes Todestuch. Ich hörte die Schritte der Dämonin, wie sie mich umkreiste, kicherte, mich verspottete. Aber tief in mir spürte ich, wie sich eine kleine Kerze entzündete.
Als ich meine Augen wieder öffnete, hatte sich nichts verändert. Noch immer war die Welt eine Mischung aus tristem Grau; noch immer stolzierte die Succubus um mich herum und behielt mich hungrig wie ein Wolf im Auge. Und der Engel schwebte ein paar Schritt weiter hinter ihr, mit regungsloser Miene und verhüllten Antlitz.
»Wenn ich dir gehöre«, erwiderte ich schleppend, »warum nimmst du mich dann nicht?«
Sie zögerte nur für einen winzig kleinen Moment; ein Lidschlag lang schien sie sich ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher zu sein wie vorher. Dann war der Augenblick verrauscht, und sie huschte wieder um mich herum wie eine Wildkatze.
»Ich wurde dir versprochen, sagtest du? Von wem? Nicht von mir.«
Ich glaubte zu erkennen, wie sich Wut und Zorn auf ihren Zügen bildete. Ich traute mich sogar, ein schmales Lächeln aufzusetzen, als ich hinzufügte: »Du hast ebenso wenig Macht über mich wie ich über diese Welt. Es ist deine Welt, und doch kannst du mich nicht ergreifen.«
Als sie vor mir stehen blieb, schrie sie mich wütend an, und ihre spitzen Zähne waren gut zu erkennen. »Du bist verflucht, du törichter Narr! Deine Seele gehört mir, ob es dir passt oder nicht!«
Zögerlich ließ ich meine Arme, die ich schützend vor meinen Kopf gehalten hatte, wieder sinken. »Aber ich muss sie freiwillig aufgeben? Ich muss freiwillig mit dir gehen, denn es war nicht mein Versprechen. Wer gab es dir? Direflesh?«
Der Name entlockte ihr einen weiteren, mit Zorn gefüllten Schrei, bis sie mit ihren spitzen Fingernägeln nach mir klaute und doch nur die Luft vor mir zerschnitt.
»Was hast du mit ihm zu schaffen? Hast du ihm geholfen, mich zurück zu holen? Ich weiß, wer ich war, und ich weiß, dass ich gestorben war, und dass ich hier schon einmal gewesen bin… und du hast ihm geholfen.«
»Mein Blut, für deine Seele!«, fauchte sie mich voller Hass an, wobei sie mir so nahe kam, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. »Das war der Handel. Ich bin betrogen! Betrogen von einem wandelnden Leichnam!«
»Welcher nicht mehr ist«, antwortete ich mit einer Spur von Zufriedenheit. »Sein zweites Leben ist ausgelöscht, von mir persönlich.«
Das schien sie tatsächlich zu besänftigen. Sie hörte auf, um mich herum zu hetzen, blieb stattdessen in einer lässigen und aufreizenden Pose vor mir stehen und murmelte: »Tatsächlich? Seine Seele wird nicht hierher finden, nicht nach dem, was er getan hat. Aber es bleibt dabei: Deine Seele gehört mir, und dein Licht gibt es nicht.«
Ich zuckte betont unberührt mit den Schultern. Mir konnte nichts geschehen, und dieses Wissen gab mir den Mut des Wahnsinnigen. »Das Licht ist eine Religion, die auf Gefühle aufbaut, auf Erfahrungen, auf Wissen. Nicht auf eine Gottheit. Das Licht ist in mir, und wohin ich auch gehe, ich werde es mit mir tragen.«
»Gesprochen wie ein feiner Fanatiker«, spottete die Dämonin. »Du erinnerst dich an dein Leben? Dann erinnerst du dich sicherlich auch an das, was du mit all diesen armen Menschen getan hast, die nur einmal falsch husteten?«
Für einen Moment schaute ich sie verwirrt an, bis grausiges Unbehagen zusammen mit noch grausigeren Erinnerungen in mir aufstiegen, an die ich nie wieder hatte denken wollen. Das Flehen nach Erbarmen, die erstickten Schreie der Opfer, die in den Flammen starben; der beißende Geruch von verkohltem Fleisch fing an, mir in die Nase zu steigen und mein ganzes Denken zu umhüllen. Flammen verhüllten meine Sicht, füllten sie mit grellem, orangenen Feuer aus, und mit hilflos erhobenen Armen, die schließlich von ihnen verschluckt wurden…
»Oh, du erinnerst dich«, schnurrte die Succubus und lächelte dabei so grausam, wie es nur der Tod vermochte. »All diese Menschen, die vielleicht die Seuche in sich trugen, oder vielleicht auch nicht. Soll ich dir etwas sagen, Itheron? Wenn du nicht gewollt hättest, wäre deine Seele hier geblieben. Nichts vermag eine Seele zurück in das Reich der Lebenden zu reißen außer die stärkste Magie, und selbst dann nur mit dem Willen der Seele selbst. Und jetzt bist du wieder hier, bei mir…«
»Nein«, krächzte ich und tat einen weiteren Schritt zurück. »Ich muss Gregor beistehen! Ich muss die Elfe retten! Ich – ich kann nicht tot sein! Ich bin nicht tot!«
»Oh, du bist nicht tot«, kicherte sie leise. »Ich weiß nicht, was du bist, aber deine Seele ist gespalten. Etwas, das ich noch niemals gesehen habe… du bist nur ein Schatten deiner selbst. Der Rest ist dort, wo du gerade herkamst, und wird dort für immer bleiben. Du hast keine Macht hier. Du hast keinen Schutz. Du wirst schwächer werden, Stunde für Stunde, und wirst immer an das Schrecklichste denken, das du in deinem lausigen Leben getan hast, und irgendwann, wenn du schwach bist… ich kann warten. Ich warte schon so lange auf deine Seele. Ich gebe mich auch mit der Hälfte zufrieden.«
»Nein, nein, nein!« Ich presste mir meine Hände auf die Ohren, schloss wieder meine Augen und suchte nach dem Licht in mir.
Es war erloschen.
»Gregor!«, stieß ich plötzlich aus. »Meine Seele gespalten, und er – die Verschmelzung!«, rief ich voller Entsetzen. »Das muss es sein! Unsere Seelen sind verschmolzen, nur dieses Mal –«
Ohne ein weiteres Wort umrundete ich die Dämonin und konfrontierte mit dem Mut der Verzweiflung den Engel, die dann auch ihren Kopf senkte, als ich sie anbrüllte. »Ich muss zurück! Er wird wahnsinnig werden vor Zorn und Wut! Er –«
»Gib dir keine Mühe, mein kleiner Itheron!«, gurrte die Succubus mir ins Ohr. »Du willst vielleicht zurück, aber es braucht Magie, um dich zurück zu holen. Starke Magie. Mach dir keine Hoffnungen. Je früher du dein Schicksal akzeptierst, desto -«
»Schweig, du Miststück!«, schnauzte ich sie voller Hass an. »Gregor war ebenso hier, nicht wahr? Hast du versucht, auch ihn zu verführen?« Ihre Worte fielen mir wieder ein, als ich ihre Hand ausgeschlagen hatte, und meine Miene verfinsterte sich noch weiter. »Oh, das hast du. Und jetzt willst du mich mit meiner Schuld in die Verzweiflung und dir in die Hände treiben?«
Sie lächelte noch immer, aber es war bei weitem nicht mehr so breit und selbstsicher wie vorher. Ich wandte mich ihr voll zu und begann, auf sie zuzugehen, und mit jedem Schritt schien sie kleiner zu werden und ich an Größe zu gewinnen. »Ja, ich habe schreckliche Dinge getan. Ich habe jene geschlachtet, die ich schwor zu verteidigen, in einem wahnsinnigen Versuch, das Unausweichliche aufzuhalten. Ich war nicht besser als Arthas selbst, verflucht sei sein Name! Jener Mann, den ich als König auf dem Thron sehen wollte, verriet unsere Stadt, unser Land, unsere Lieben, und sich selbst! Und ich tat genau dasselbe wie er, und ich bezahlte dafür durch meine eigene Hand!
»Und jetzt? Jetzt, wo ich eine zweite Chance erhalten habe, Gutes zu tun? Jetzt, wo ich einer verdammten Seele helfen kann, ihre Schuld zurückzulassen und mit sich selbst im Frieden heimzukehren? Jetzt willst du mich hier halten und mich nicht dem Licht folgen lassen?!«
Meine Hand schoss nach vorne und packte sie an einem ihrer Hörner. Sie schrie voller Entsetzen auf, als ich sie brutal umriss und mit meinem Knie in ihrem Rücken zu Boden drückte. »Was – wieso kannst du -«
»Ich war ein guter Mann und wurde zu einem schrecklichen Monster«, zischte ich ihr ins Ohr, wie sie es vorher bei mir getan hatte. »Ich habe es nicht verdient, Erlösung zu erlangen. Aber wenn ich auch nur einer anderen Seele diese versprechen kann, dann ist das genug.«
Ich stieß ihr Horn noch einmal nach unten, so dass sie mit ihrer Nase hart auf dem Boden aufkam und stöhnend liegen blieb, bevor ich voll kalter Wut aufstand und mich wieder an den Engel wandte. »Willst du einen weiteren Verdammten in deiner Welt?!«, brüllte ich sie an. »Oder willst du mir die Chance geben, Schlechtes wieder zu richten und Vergangenes zu büßen?«
Verärgert strich ich mir mein langes, lockiges Haar aus dem Gesicht, das der Wind gerade dorthin geblasen hatte. Dann verharrte ich mitten in der Bewegung. Wind war etwas, das ich hier nicht erwartet hatte. Tatsächlich schien er von Sekunde zu Sekunde stärker zu werden, an mir zu zerren und zu reißen und sowohl den Engel als auch die Dämonin vollkommen unbeeindruckt zu lassen. Aber wenn ich mich nicht vollkommen irrte, schien der Engel ein hauchfeines Lächeln auf den Lippen zu haben.
Ich musste jetzt gegen eine Sturmböe ankämpfen, als ich mich umdrehte und zur Succubus stapfte, die noch immer halb am Boden lag und gerade dabei war, sich wieder aufzurappeln. Sie zuckte merklich zusammen, als ich meine Hand ausstreckte, schaute dann aber umso verwunderter drein, als sie merkte, dass ich ihr aufhelfen wollte.
Der Wind war inzwischen so stark, dass ich meine gesamte Kraft aufbringen musste, um mich ihm entgegen zu stemmen. Er pfiff in meinen Ohren, schien mir die Kleider vom Leib fetzen und mich weiß das Licht wohin tragen zu wollen. Doch endlich ergriff die Dämonin meine dargebotene Hand, und fast mühelos zog ich sie nach oben. »Wie heißt du?«, brüllte ich gegen die wütenden Kräfte an, die mich umzingelten.
»Jhornva«, antwortete sie verblüfft. Sie schien keinen Kratzer von meiner Attacke davongetragen zu haben. »Aber -«
»Wir werden uns wiedersehen, Jhornva! Schneller, als dir lieb ist!«
Mit diesen Worten gab ich meinen Widerstand auf. Ich wurde von den Füßen und aus der Klaue der Succubus gerissen, um mich über eine triste, graue Welt fliegend wiederzufinden, die immer kleiner wurde und immer weiter in einer alles verschluckenden Dunkelheit versank.

Das erste, das ich hörte, war mein Schrei.
Das zweite, das ich hörte, war der Schrei von der Person, die neben mir lag und jetzt genauso kerzengerade in dem Bett saß wie ich.
Das dritte, das ich hörte, war Gregor, der meinen Schrei rüde mit einem laut gebrüllten »Was bei den Titten der verdammten Banshee-Königin – Dareth? DARETH!« unterbrach und dann unkontrolliert das Lachen anfing. Außerdem spürte ich, wie sich ein unendlicher Verlust sowohl in meiner als auch in seiner Seele breitmachte.
»Gregor«, hauchte ich leise und voller Glückseligkeit. »Ich… ich war im Schatten -«
»Ich weiß, du verdammter Hurenbock! Wir waren wieder eins, und ich hatte das Gefühl, dass alles endlich seine Bestimmung hatte, und -«
»Dareth?«
Als ich zur Seite blickte, erkannte ich An’duna, welche die Decke bis zu ihrer Brust hoch gezogen hatte und mich mit einer Mischung aus Freude und Schock anschaute; Freude scheinbar darüber, dass ich wieder zurückgekehrt war, und Schock vermutlich darüber, dass ihr Herz für einen Moment stehen geblieben war, als ich wie ein Verrückter zu kreischen angefangen hatte.
Allerdings sah sie anders aus. Ihr Haar, das ihr gerade wirr ins Gesicht hing, war nicht blau, sondern grau; ihre Tätowierungen und ihre Haut hatten ihre Farben verloren. Ihre silbernen Augen waren nichts mehr als hell leuchtende Punkte.
Ich zuckte erschrocken zusammen, schüttelte kurz den Kopf, schloss für einen Moment die Augen und schaute dann erneut hin. Doch noch immer war jegliche Farbe verbannt. Es war, als wäre ich wieder in der Schattenwelt, auch wenn ich genau wusste, dass ich sie verlassen hatte.
»Du… siehst mich?«
»Was soll das heißen?«, erwiderte ich hitzig und fuhr mir dabei über die Augen.
Nur waren dort keine Augen mehr.
»Dareth, die Axt…«, fing An’duna vorsichtig an.
»Was?! Was ist mit der Axt?!« Panisch klaute ich nach dem, was über meinen Augen lag, tastete es entlang und fühlte die kleinen, runden Erhebungen, die in regelmäßigen Abständen daraus hervorschauten. Es fühlte sich an wie ein Lederband, straff um meinen Kopf gewickelt.
Die Elfe ergriff meine Hände und hielt sie fest in den ihren. »Der Schnitt ging über dein ganzes Gesicht. Es sah aus, als würde… Licht aus deinen Augen fließen.« Sie schüttelte sich, als die wohl sehr unangenehme Erinnerung in ihr hervor kroch. »Der weißhaarige Ork meinte, dass er schon viele Untote damit gesehen hätte und…«
Meine Augen wurden groß, auch wenn es niemand mehr sehen konnte. »Sie haben mir ein verdammtes Lederband um den Kopf gewickelt und es festgenagelt?!«
Sie nickte. Sie sah ernsthaft betroffen aus: ihre Ohren hatten sich ein wenig angelegt, ihr Blick suchte den meinen, der von nun an unauffindbar sein würde, und ihre Hände drückten noch immer die meinen, als fürchtete sie, ich könnte versuchen, das Band loszureißen, sobald sie losließ.
Aber ich konnte sie sehen. Ich konnte den ganzen Raum sehen, in dem wir uns befanden, und sehr viel besser als vorher noch dazu. Ich sah zwar keine Farben mehr, aber selbst der dunkelste Winkel schien hell genug zu sein, um zu erkennen, was sich darin befand. Es war, als wäre die Nacht zum Tag geworden, nur eingefärbt in tristes, helleres und dunkleres Grau.
Und An’duna wusste nichts davon.
Ich starrte sie für eine Weile an, unsicher darüber, was ich als Nächstes tun sollte. Gregor teilte mir gerade mit, dass auch er nichts davon gewusst hatte, dass er gerade eben erst aus unserer Verschmelzung entkommen sei, aber ebenso wie ich nur noch die farblose Welt seine Heimat nennen konnte.
Ich nickte zögerlich und, wie ein Nachgedanke, drückte ich meinerseits ein wenig ihre Hände. »Aber dir geht es gut.«
Sie lächelte, sichtbar erleichtert darüber, dass ich scheinbar den Verlust meines Augenlichts so gut verkraftete, doch eine Spur Sorge blieb auf ihrem Gesicht und vor allem in ihren funkelnden Augen hängen.
Dann schaffte ich es auch endlich, zwei und zwei zusammen zu zählen. Ein Satz, den ich niemals auf Darnassisch hatte sagen müssen und deshalb nie gelernt hatte, kam in der Gemeinsprache über meine Lippen. »An’duna… wir liegen im selben Bett.«
»Nur ein Bett«, meinte sie mit einem adretten Schulterzucken und grinste dabei.
Instinktiv rutschte ich ein wenig hin und her und bekam dabei mit, dass ich irgendeine Hose trug, die ich vorher noch nicht besessen hatte. Und sowohl mir als auch Gregor kam in den Sinn, was vor kurzer Zeit geschehen war. »Verzeih mir«, fing ich etwas lahm an, »aber das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass du mich umbringen wolltest.«
Jetzt war es an der Elfe, verdutzt dreinzuschauen. »Du hast mir das Leben gerettet, Dareth. Erneut.«
»Habe ich das?«, fragte ich mit einer erhobenen Augenbraue. Irgendwo in mir konnte ich Gregor leise husten hören. »Gregor, willst du mir vielleicht etwas sagen?«
»Nun, es gibt nicht viel zu erzählen«, murmelte er leise und ziemlich beschämt. Worüber genau – dass er tatsächlich eben jene gerettet hatte, die er eigentlich die ganze Zeit über tot sehen wollte, oder etwas anderes – konnte ich nicht bestimmen. »Nachdem wir plötzlich… Eins geworden waren, wusste ich instinktiv, wie ich ein Machtwort des Schilds wirken konnte… also habe ich es gewirkt. Es schmerzte nicht. Kein bisschen. Und ich war so wütend auf diesen vermaledeiten Zwerg, als er versuchte, mit seiner verdammten Axt unser Schild zu durchbrechen, dass ich einen Schattenblitz um unsere Hand gewirkt und sie ihm in seinen Wanst gesteckt habe.«
Ein Bild formte sich vor meinem inneren Auge. Die Kraft eines Schattenblitzes war groß, aber die Rüstung, konstruiert wie eine metallene Büchse, mochte stärker gewesen sein. Wo jedoch eine gewisse Kraft war, suchte sie sich Wege nach außen…
»Es war unschön«, bestätigte der Schurke und Hexenmeister meine Befürchtungen. »Und der verdammte Mensch lebte auch noch, auch wenn er sich recht schwer durch die Gegend schleppte. Er wollte unseren Kopf. Also habe ich einen weiteren Schattenblitz gewirkt und ihm an seinen Kopf geschmissen, aber ich habe ihn verfehlt und nur sein Ohr erwischt... Und als ich zu ihm hinüber ging, um ihm die Kehle durchzuschneiden, hat er sein verdammtes Schwert hochgerissen, und der Schild ist einfach in Tausend Teile zersprungen, und er hat es uns irgendwo in den Unterleib gesteckt. Aber ich hatte mich schon weit genug gebückt, und ich habe ihm einfach trotzdem die Kehle aufgeschlitzt, und dann einen Heilzauber gewirkt, nachdem ich sein Schwert wieder losgeworden war, und dann… bin ich umgefallen.«
»Zu viele Zauber in zu kurzer Zeit«, brummte ich mit einem Nicken, als ich nach meinen magischen Kräften suchte und wehleidig seufzte. »Noch immer kein Tropfen Mana in unserem Körper.«
»Und ich war noch immer so wütend. Ich war nicht ohnmächtig, und wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich geschrien und jeden einzelnen Ork verflucht und umgebracht. Ich weiß nicht, wie lange das so ging. Und dann habe ich deine wütende Stimme gehört, irgendwo ganz tief in mir, die immer lauter wurde. Und den Rest kennst du.«
»Nicht ganz«, antwortete ich mit einem Stirnrunzeln und schwang dabei die Beine aus dem Bett. »Es erklärt nicht, warum wir noch leben. Und auch nicht, wie wir hierher kommen.«
Als ich aufstand, konnte ich das Rascheln von Stoff und gleich darauf eilige, durch die auf dem Boden verteilten Teppiche und Felle gedämpfte Schritte hören.
Dann stand An’duna splitternackt und sanft lächelnd vor mir. Sie strich sich noch das wirre Haar aus den Augen und hinter die Ohren, bevor sie vorsichtig nach meiner Hand griff. Ihr Anblick war so atemberaubend, dass sich mein Mund leicht öffnete, bis ich endlich daran dachte, wie dämlich und zugleich verdächtig das aussehen musste. Vorsichtig ging sie rückwärts vor mir her und führte mich zu einem Tisch und zwei langen Bänken, welche die Mitte des Raums einnahmen. »Die ganze Arena war still geworden, als du wie tot da lagst. Ich bin zu dir hinüber und habe nach deinem Herzschlag gesucht, deinem Atem, deinen Puls… nichts. Ich dachte, du wärst gegangen.
»Und dann kam der weißhaarige Ork in die Arena. Er hat dich einmal angesehen und dann etwas gebrüllt, und ein paar andere Orks kamen und haben dich mitgenommen. Und mich hat er selbst gestützt.«
Wir waren angekommen. Etwas theatralisch tastete ich mit meiner freien Hand nach einer Sitzgelegenheit und ließ mich auf der Bank nieder. Die Elfe setzte sich gleich neben mich.
Mein Gemüt war immer finsterer geworden, je länger die Frau erzählt hatte. Urgrak, der verdammte Schweinehund. Wir befanden uns in einem ziemlich großen, ziemlich warmen Zimmer. Eine Kohlepfanne war in gleich neben dem Tisch aufgestellt worden, und ein letzter Rest Glut spendete vermutlich kaum mehr Licht. Das Bett, das nur wenige Schritte entfernt daneben stand, war groß und geräumig, mit einer weichen Matratze und einer wolligen, dennoch recht dünnen Decke. Sogar die Wände waren mit Teppichen und sogar einem Bild geschmückt. Soweit ich es erkennen konnte, war es ein für orkische Verhältnisse sehr edles Zimmer.
»Man brachte uns hierher, und kurz darauf Essen und Trinken. Der weißhaarige Ork sagte, dass du dabei wärst, deine Kräfte neu zu sammeln, und ich schon bald wieder… dein Essen sein würde?« Sie lachte nervös. »Und er hat sich um mein Bein gekümmert. Es ist fast wieder heil.«
Er half uns also, das weißhaarige Stinktier. Sowohl Gregor als auch ich fragten uns, was, beim Barte des Lichkönigs, er wohl dieses Mal ausheckte.
»Und warum hast du mich nicht getötet?«, fragte ich die Elfe schließlich mit einer gewissen Neugier in der Stimme und bemüht darum, nur in die ungefähre Richtung ihres Gesichts zu schauen und nicht auf die Schönheit, die ihr Körper zu bieten hatte. »Und vor allem: warum schläfst du neben mir?«
Dieses Mal waren es ihre Züge, die sich in dem schwachen Licht der Kohlen verfinsterten. In diesem Moment wollte ich auf keinem Fall auf ihrer schlechten Seite stehen. Mit den geschwungenen Tätowierungen und dem halb von der Dunkelheit verborgenen Gesicht sah sie fast aus wie eine uralte Rachegöttin. »Der Zwerg, vor dem du mich gerettet hast? Er hätte mich getötet, ohne zu zögern.«
»Und du etwa nicht?«
»Nein«, antwortete sie stolz und hob dabei ihr Kinn. »Ich hätte ihm und dem Menschen gesagt, dass wir kämpfen müssen, bis wir fallen. Niemals hätte ich einen von ihnen hinterrücks gemeuchelt.«
»Du bist eine Attentäterin, nicht wahr?«, brummte Gregor mit einem belustigten Glucksen.
»Ein Auftrag ist ein Auftrag«, entgegnete sie uns kühl. »Aber ich falle meinen Verbündeten nicht in den Rücken.«
Ich hob eine Augenbraue dermaßen übertrieben, dass es sie zum Grinsen brachte. »Zumindest nicht jedem.«
Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf, seufzte dann und betastete kurz meine Augen. Und meine Beine hatten angefangen zu zittern, ein weiterer Effekt, den die vielen Zauber auf meinen Körper hatten. Zu gut erinnerte ich mich an die alte und verfallene Hütte in Tirisfal, in der ich Aritana ihren verdammten Hals gerettet hatte und danach einfach umgefallen war.
»Und du teilst das Bett mit mir, weil…?«
»Du stinkst gar nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst«, meinte sie lapidar. »Und ich ziehe ein Bett mit einem Untoten, der mir das Leben rettet, obwohl es ihm seines fast kostet, dem Boden vor.«
»Woher soll ich wissen, dass du mir nicht wieder etwas vorspielst?«
Sie beugte sich zu mir hinüber und hauchte mir ins Ohr: »Gar nicht. Macht es das nicht viel spannender?«
Dann zeigte sie mir das dreckigste Grinsen, das ich jemals auf dem Gesicht einer Frau zu sehen bekommen hatte. Tatsächlich fühlte ich mich auf eine wundersame Weise erregt und angeekelt zugleich. »Ich kann mir gut vorstellen, dass dir deine Statur bei manchem Auftrag geholfen hat.«
Sie zwinkerte mir verschmitzt zu, bemerkte dann, dass ich es gar nicht mehr sehen konnte, lachte hell und drückte meine Hand so fest, dass die Knochen knackten. Dann fing sie an, etwas nervös und zugleich neugierig mit meinen Fingern zu spielen. »Was ist mit dir geschehen?«, fragte sie leise, fast schon besorgt.
Ich kratzte mich etwas unschlüssig an meinem Bart. Selbst Gregor war sich nicht vollkommen sicher, was er von dieser neuerlichen Verwandlung der Elfe halten sollte. Sie schien viel gelöster und ruhiger zu sein, nicht so unheimlich fröhlich oder unnahbar und abweisend wie vorher. Vielleicht sah ich gerade nur ein weiteres Kostüm, in das sie geschlüpft war; vielleicht sah ich aber auch gerade die echte An’duna, und ich hoffte inständig, dass zweites zutraf.
»Hm… ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Meine Seele, und die meines Bruders, sind… verschmolzen?«
Sie blickte mich mit einer Mischung aus Neugier und Unverständnis an. »Es ist sehr seltsam«, fuhr ich um die richtigen Worte ringend fort. »Es ist, als… würde man aufhören zu sein, und etwas Neues, Vollkommenes werden. Das letzte Mal war ich in Kontrolle gewesen, aber heute war Gregor zurückgeblieben. Und ich war… ich war in einer anderen Welt… im Schatten…«
Ich runzelte die Stirn, als ich anfing, meinen Kopf zu zermartern. Ich hatte dort jemanden getroffen… eine Frau, in einem weißen Tuch gekleidet. Aber irgendetwas war anders an ihr gewesen, auch wenn es mir jetzt einfach nicht einfallen wollte. Und eine andere Frau, mit Hörnern und ledigen Schwingen, und einem Namen. Ihr Name…
»Jhornva.«
»Was?«
»Ihr Name war Jhornva«, meinte ich etwas lauter. Ich sah gar nicht die Elfe, die sich auf dem Bett räkelte und sich über das wunderte, was ich sagte; das Licht der Kohlepfanne war erloschen, und Dunkelheit umhüllte mich. Und aus ihr trat die Succubus, mit wehendem schwarzem Haar, einem anzüglichen Lächeln auf den Lippen und wippenden Hüften, nach denen sich meine Finger ausstrecken wollten. Sie hatte etwas gesagt… was hatte sie gesagt?
Als die ersten verzweifelten Rufe und das erste Schmerzgeheul an mich drang, schwappten die Erinnerungen wieder über mich wie eine riesige, todbringende Welle, und genau wie sie drohten sie, mich zu ersticken. Ich versuchte mich abzuwenden, aber von überall her brandeten Feuer auf, orange und rot, und Schatten kämpften sich durch die Flammen, wurden langsamer, bis sie schließlich hilflos zu Boden fielen und sich nicht mehr rührten. Der Gestank nach verbrannter Erde und verbranntem Fleisch wurde stärker und stärker, und das einzige, das ich hören konnte, waren die flehentlichen Bitten und das verzweifelte Kratzen an verrammelten Türen und Fenstern, als Häuser und Schuppen bereits vom Feuer verzehrt wurden. Ich musste zusehen, wie Menschen elendig verbrannten und dabei voller Hass meinen Namen schrien.
»Komm zurück«, meinte eine traurige Stimme direkt neben mir, und eine Hand legte sich mitfühlend auf meine Schulter. »Zeiten aus einem vergangenem Leben. Wir alle haben schlechte Dinge getan. Es nutzt nicht, sie uns ständig vorzuhalten und in Wahnsinn zu versinken.«
Gregor lächelte mich gequält an. Er mochte nicht älter als zwanzig Sommer sein; ein junger Mann, in einer einfachen weißen Robe und mit einem Buch in seiner freien Hand. Unter seinem roten, wirren Haarschopf schaute er mich mit solch eindringlichen Augen an, dass ich gar nicht anders konnte, als in sie zurückzublicken. »Ich… ich wollte es nicht tun, aber es gab keine andere Möglichkeit! Die Seuche…«
Er nickte nur. Ich konnte nicht sagen, woher ich überhaupt wusste, dass es Gregor war, aber seine Art, sein ganzes Gebaren ließ darauf schließen, dass er genau wusste, was ich gerade durchmachte.
»Ich wollte es nicht tun…«, fing ich erneut an, und begann dann zu schluchzen. Einen Augenblick später fand ich mich in einer Umarmung wieder und vergrub mein Gesicht vor Wut und Trauer heulend in der Schulter meines Bruders. Die Feuer erloschen, das Geheul verstummte. Dunkelheit und das Gefühl der Verdammnis kehrten zurück.
»Es tut mir leid«, wisperte ich schließlich heiser und mit erstickender Stimme. »Es ist meine Schuld, Gregor. Ich wollte zurück, so groß war mein Hass auf diese verdammten wandelnden Leichen. Und jetzt bin ich selbst eine davon, und du musst wegen mir leiden -«
»Dareth -«
»Itheron! Mein Name ist Itheron!«
»Dareth«, sagte der Mann mit solcher Bestimmtheit, dass ich vollkommen ruhig blieb. »Die Schatten der Vergangenheit sind nicht das, was du mit dir herumtragen solltest. Niemand von uns sollte das, weder tot noch lebendig. Du bist nicht mehr jener, der du einst warst.«
»Ja«, murmelte ich leise, schluckte die letzten Tränen herunter und löste mich dann aus der Umarmung, um beide Hände auf die Schultern des Jünglings zu legen. »Was ich getan habe, ist unverzeihlich… aber ich werde dir helfen, zurückzukehren. Zurück dorthin, wohin deine Seele gehört. Nicht eingepfercht mit einem grausamen Bastard wie mir.«
»Bisher warst du nicht gerade grausam, Dareth. Eher das Gegenteil.«
Ich musste unwillkürlich grinsen. »Es stimmt, nicht wahr…? Wie kommen wir zurück?«
Gregor lächelte mich aufmunternd an. »Indem du erkennst, wer du bist.«
Meine Augen schlossen sich.
Und als sie sich wieder öffneten, sah ich das helle, fast schon freudenerregende Leuchten der Kohlen aus der Kohlepfanne, und ich erkannte An’duna, mit ihrer Hand halb erhoben und kurz davor, meine Wange zu streifen.
»Du hast dich seit unserer ersten Begegnung sehr verändert, Dune’adah«, murmelte ich.
Als ihre Finger meine Haut berührten, spürte ich es, als wäre ich noch am Leben. Sogar mein Herz schien aufgeregt genug zu sein, um einmal kräftig in meiner Brust zu schlagen, wodurch ein eher unangenehmes Geräusch durch das Loch in eben dieser entfloh.
»Du auch«, wisperte sie leise.
Vorsichtig nahm ich ihre Hand in die meine, streichelte kurz über sie und seufzte dann. »Schlaf weiter, An’duna. Wer weiß, was der morgige Tag bringen wird.«
»Und du?«
»Ich bin ein Untoter, schon vergessen?«, erwiderte ich neckisch. »Untote brauchen keinen Schlaf.«
»Aber du bist blind«, merkte sie zweifelnd an.
Gregor musste lachen, was ich gerade noch zu einem Husten abwenden konnte, was ihr dennoch einen fragenden Blick entlockte. »Blind, aber nicht taub«, stellte ich möglichst zuversichtlich klar. »Wenn jemand herein kommt, werde ich es hören.«
Sie schenkte mir ein letztes Lächeln, bevor sie aufstand. »Kein Unsinn, dareth’dorei«, sagte sie in der Gemeinsprache und lachte dabei. Dann entzog sie vorsichtig ihre Hand den meinen, huschte durch die für mich so helle Dunkelheit zurück ins Bett und unter die Decke. Es dauerte nicht lange, bis ihr regelmäßiger Atem neben dem leisen Zischeln der Kohlen das einzige Geräusch in dem Zimmer war.
»Danke, Gregor«, murmelte ich leise.
»Danke wofür?«, fragte er mich misstrauisch.
»Für die Worte. Ich… hatte nicht gedacht, dass noch so viel Menschlichkeit in dir steckt.«
»Ich will nicht sehen müssen, was du getan hast. Ich brauche dich mit all deinen Sinnen beisammen. Aber wer war die Succubus?«
Ich stutzte. War Gregor nicht auch in dieser Welt gewesen, die nur aus Schatten und grässlichen Erinnerungen zu bestehen schien? Ich glaubte mich zu entsinnen, dass Jhornva genau das zugegeben hatte… aber ich konnte mich nicht einmal mehr an alles erinnern, was wir gesagt hatten. Sich daran zu erinnern, war der Versuch, Nebelschwaden mit den Händen zu ergreifen.
»Egal«, murmelte ich leise. »Versuchen wir lieber, ein wenig zu meditieren und uns auszuruhen, ohne dabei einzuschlafen. Morgen wird mit Sicherheit ein großer Tag.«
»Was sollte das mit der Elfe gerade eben?«
Ich schnaubte kurz auf und grinste schelmisch. »Es war mir klar, dass du das nicht verstehen würdest.«
»Glaubst du ernsthaft, sie könnte dich lieben?«
»Lieben? Nein.« Ich schaute den Tisch entlang, sah eine sehr bekannt vorkommende Flasche, ergriff sie, zog mit den Zähnen den Korken heraus und spuckte ihn in die Kohlepfanne, wo er leise zischend zusammen schrumpelte und verbrannte. »Hast du schon mal von einem Untoten gehört, der jemanden lieben würde?«
»Wir sind alles Mögliche, Dareth, aber auf keinem Fall sind wir ein üblicher Untoter. Dass wir noch etwas sehen können, beweist das schon.«
»Nun, unter diesen Umständen besteht ja vielleicht doch ein wenig Hoffnung.«
Anstelle einer Antwort gab Gregor nur ein langgezogenes Stöhnen zurück, bevor er die Flasche an unseren Lippen ansetzte und wir alles in einem Zug hinunter stürzten.

Meine Finger knackten, als ich sie einzeln mit meiner anderen knöchernen Hand in die Länge zog, und ich gähnte gedehnt. Alles um mich herum drehte sich, aber deswegen war mir nicht übel oder dergleichen. Ich war lediglich betrunken.
Mein Fuß stieß gegen die zehnte Flasche Wein, die leer am Boden stand, und warf sie um. Auf dem weichen Fell machte sie nur ein dumpfes Geräusch, als sie aufkam. Irgendwo hinter ihr standen noch einige weitere, aber ich hatte bei ihr aufgehört zu zählen.
»Es is‘ unnatürlich«, brummte Gregor gerade voller Missgunst. »Sie’s Elfe. Sie kann dich nich‘ lieben. Sie liebt… Bäume. Und Pflanzen. Und Tiere. Lebendiges, Dareth. Nich‘ uns.«
»Wir haben ihr zwei Mal das Leben gerettet«, gab ich leise zu bedenken. Meine Sicht und mein Körper mochten betrunken sein, aber mein Geist war es nicht. Den größten Effekt des Alkohols hatte sich Gregor sehr dankbar und gierig einverleibt, und für sein Saufgelage hatte ich mich zurückgezogen, so wie er es normalerweise tat. »Kennst du nicht mehr die Geschichten über Ritter und Prinzessinnen?«
»Sie’s ‘ne verdammte Attentäterin, keine Prinzessin. Sehe keine Krone. Nur Dolche.«
»Und sie muss uns auch nicht lieben, Gregor. Ich bin vollauf glücklich, wenn sie uns mag. Wenn man jemanden wertschätzt, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man diesen Jemand umbringt.«
»S’is gut«, murmelte mein besoffener Bruder und misshandelte dabei meinen Mund, um sein Lallen vernünftig ausdrücken zu können. »Sie kann dich nich‘ lieben. Du stinkst. Und ich glaube nich‘, dass wir überhaupt noch dafür ausgestattet sin‘, weil da unten in der Hose -«
»Gregor, warum legst du dich nicht ein wenig schlafen? Es sind schon einige Stunden vergangen, aber es ist bestimmt noch immer mitten in der Nacht.«
Er grunzte kurz, bevor seine trüben und lahmen Gedanken zu einem Entschluss kamen. »Hast Recht, Dareth. Eine Wache reicht… aber denk an meine Worte!«, grölte er noch einmal laut. »Ich bin gestorben wegen der verfluchten Spitzohren und wegen Liebe und… und…«
Für einige Sekunden kam ein langgezogenes Schnarchen aus meinem Mund, bevor ich Gregor zur Seite schob und wieder die Kontrolle übernahm. Jetzt begann, immense Übelkeit in mir aufzusteigen, ohne den beruhigenden und Probleme-auflösenden Effekt, den Alkohol normalerweise an sich hatte. »Es gibt Schlimmeres als den Tod«, stöhnte ich leise und vergrub erst einmal meinen Kopf zwischen meinen Beinen.

Bearbeitet von Al Fifino, 26 June 2014 - 19:49,

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#55 thomasth

thomasth

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Geschrieben: 09 July 2014 - 08:53

Ich habe die ganze Geschichte jetzt in 2 Tagen gelesen. Bitte ich brauche mehr!!! Und lass ihn bitte endlich Dämonen beschwören. Tolle Geschichte. Du bist echt begabt. Grüße aus Wien
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#56 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 22 July 2014 - 19:57

Kapitel 28 – Selbst blinde Hunde beißen

Als das erste Sonnenlicht durch die Ritzen der Hütte drang und Gregor allmählich aus seinem versoffenen Zustand herausbrach, hatte ich schon angefangen, noch ein wenig schwankend und mit der Übelkeit kämpfend die meisten der leeren Flaschen in eine Ecke zu bugsieren. Jedes Mal, wenn eine von ihnen gegen eine andere gefallen war – und das war mehr als nur einmal vorgekommen – hatte ich mit zusammengebissenen Zähnen und verzerrtem Gesicht zum Bett geschaut, nur um die Nachtelfe noch immer seelenruhig schlafend vorzufinden.
Jetzt lag ich also auf der Bank, mit verschränkten Armen hinter dem Kopf, und versuchte die Welt daran zu hindern, sich gemächlich um mich zu drehen.
»Wie lange war ich weg?«, brummte Gregor etwas verschnupft. Seiner Stimme nach zu urteilen ging es ihm noch immer dreckig, und die Frage, ob Seelen wohl betrunken und vor allem verkatert sein konnten, war für mich beantwortet.
»Lange genug«, murmelte ich leise und schloss dabei die Augen, soweit es das Lederband mir eben zuließ. Das schien zumindest ein wenig zu helfen, um das Zimmer wieder in Einklang mit den Gesetzen der Welt zu bringen, vor allem jenen, die besagten, dass sich fester Boden nicht unter mir drehen durfte. »Ich frage mich, warum ich dich so viel habe trinken lassen.«
»War noch nie gut mit Zurückhaltung«, ächzte mein Bruder, während er versuchte, einige seiner Kopfschmerzen auf mich abzustreifen, und ich sie ihm so gut wie möglich wieder zurück warf. »Willst du mich wirklich dermaßen leiden lassen?«
»Übernimm gefälligst Verantwortung für deine Taten, du versoffene Amphore.«
»Und das ausgerechnet von dir.«
Mein Gemütszustand änderte sich so schlagartig und für ihn fühlbar, dass Gregor für einen Moment stockte, bevor er weitersprach. »Entschuldige, es war nicht so gemeint.«
»Doch, genau das war es.«
Er schnaubte zur Antwort. »Möglich. Und weiter?«
»Und du weißt, warum ich wieder hier bin?«
Er versuchte, dagegenzuhalten, wich aber am Ende doch dem starren Blick aus, mit dem ich ihn in meinem Kopf bedachte. Das war etwas, woran man sich erst einmal gewöhnen musste: Es gab viele Menschen, Zwerge, Nachtelfen, Untote und andere Geschöpfe mit Augen, die direkt in die Seele zu schauen schienen. Aber ich vermochte es tatsächlich zu tun.
»Ja«, antwortete Gregor schließlich. »Um mich zurückzubringen. Und dafür bin ich dir dankbar, aber -«
»Kein Aber«, wisperte ich voll unterdrücktem Zorn. »Du weißt nichts, Gregor. Ich weiß, dass du nichts weißt, weil ich meine Gefühle vor dir versperre, um dich nicht mit leiden zu lassen. Kannst du dir vorstellen, wie gut es mir ging, als ich keine Erinnerungen an all dem hatte? Weißt du, wie wunderschön Ignoranz sein kann? Oh, dein Hass auf die Spitzohren ist verzehrend, aber wenigstens verzehrst du dich nicht selbst!«
Ich hatte darauf geachtet, meine Stimme nicht lauter werden zu lassen, auch wenn sie sehr danach gestrebt hatte. Und ich spürte, wie sich Gregor kleiner und kleiner vorkam und versuchte, irgendwohin zu gelangen, wo ich ihn nicht mit meinem erbarmungslosen Blick anstarren konnte, aber er saß in meinem Körper. Es war einst seiner gewesen, doch das schien Jahrhunderte her zu sein.
»Willst du wissen, wie lange ich brauchte, um endlich zu sehen, auf welchem Pfad ich wandelte? Wie lange ich brauchte, um meine Fehler einzugestehen? Wie lange ich mich davor verschloss, dass ich genauso war wie Prinz Arthas, verflucht sei seine verdammte Seele, auch wenn sie es schon ist?!«
»Dareth, du -«
»Ja, ich bin nicht mehr jener, der ich einst war!«, unterbrach ich ihn wütend. »Diese Geschehnisse liegen Jahre zurück, aber bin ich deshalb weniger verantwortlich dafür? Bist du weniger verantwortlich für den Tod des Menschen, der mit dir von der Klippe stürzte, nur weil du jetzt ein Untoter bist?«
Gregor schwieg. Zum einen, weil er mich nicht noch mehr in Rage bringen wollte; und zum anderen, weil er wusste, wie sehr ich Recht hatte, und weil es schmerzte, wie schonungslos ich die Dinge aussprach.
»Merk dir eins, Gregor. Wir haben beide Abscheuliches getan. Weiß das Licht, warum du weiterziehen durftest, denn ich weiß es nicht. Und ich hoffe, dass du deinen Frieden finden wirst. Aber für mich wird es keinen Frieden geben. Niemals.«
Ich köchelte noch ein wenig vor mich hin, wütend über Gregor und seine oft viel zu flachse Art und sein fehlendes Verständnis, obwohl ich genau wusste, dass er nichts dafür konnte. Er war nun einmal durch und durch ein Untoter, der das Menschsein gerade erst von mir wieder erlernen musste. Er konnte nicht anders, als Schwaches mit Verachtung zu strafen und sein loses Mundwerk plappern zu lassen.
Und ich war wütend über mich selbst, über das, was ich war und was ich noch werden mochte. Ich war nicht mehr nur ein Körper mit zwei Seelen, sondern ein Körper mit zwei Seelen und alten Erinnerungen einer dritten, die es nur noch zur Hälfte gab. Allmählich fragte ich mich, wieso ich noch gar nicht meinen Verstand verloren hatte, wie leicht es wohl sein musste, mich über jene Klippe in das Meer des Wahnsinns zu stürzen, und wie gut oder schlecht es mir danach gehen würde. Sollten die Schreie der Brennenden nicht verstummen, sobald ich Gregor aus seinem Gefängnis befreit hatte, nahm ich mir vor, es herauszufinden.
»Heraus damit«, schnaubte ich missgelaunt, woraufhin Gregor merklich zusammen zuckte: meine Finger knackten, als sie, von ihm geführt, sich ineinander verhakten und er eilig versuchte, sie wieder auseinander zu bekommen.
»Du hast mir vorher wirklich besser gefallen.«
»Vorher wusste ich nicht, dass ich ein verfluchtes Monster bin.«
»Du, ein Monster?«
Gregor lachte. Er lachte leise und voller Verachtung, als hätte ich ihn zutiefst beleidigt. War er bis gerade eben fast schon eingeschüchtert gewesen, schien es nun von ihm abzufallen wie Staub und Dreck von einer Wand, gegen die gerade ein Sturm peitschte. Es trieb mich zur Weißglut.
»Du bist kein Monster«, stellte er mit überheblicher Stimme klar. »Oh, ich weiß schon, worauf du hinaus willst. Aber du bist nicht einmal ein Mörder, auch wenn du versuchst, es dir einzureden. Ich bin ein Mörder. Inessa war eine Mörderin. Aber du hast nicht das Zeugs dazu.«
»Nicht das Zeugs dazu?!«, wiederholte ich aufgebracht.
»Du hast mich gehört«, erwiderte Gregor kalt. »Wenn du einer wärst – wenn du ein echter Untoter wärst – würden weder An'duna noch Aritana jetzt leben. Wenn du mich nicht zurückgehalten hättest, würde keine von beiden mehr atmen. Und wenn du dich dafür hasst, dass du zwei Frauen das Leben gerettet hast, und einer alten Hexenmeisterin die Erlösung geschenkt hast, und einer untoten Klingentänzerin, die so war wie du, reinste Höllenqualen erspart hast…«
Dieses Mal war ich es, der schwieg. Die Erinnerungen, die plötzlich in mir hochschossen, machten mich nur noch wütender und schnürten mir zugleich die Kehle zu. Selbst wenn ich es gewollt hätte, hätte ich nichts sagen können.
»Lass mich dir etwas erzählen, hm? Ich dachte, ich wäre verflucht«, murmelte der Untote jetzt nachdenklich. »Als ich wiederauferstanden war. Der Hunger, der Hass… Und ich nahm es einfach an, weil es mir gefiel. Ich sah eine Chance, mich zu rächen. Und ich habe mich gerächt, oh ja. An allem, was lebt, um genau zu sein. An ein paar Toten ebenfalls.
»Und die Elfen? Ich würde sie noch immer töten. Vor allem Aritana, dieses verdammte Fellknäul. Ich kann den Hass nicht überwinden, ich will ihn gar nicht überwinden. Aber du? Du hast ihn nicht einmal wirklich bemerkt.«
Er schwieg für einige Sekunden, um die Worte tief in mir eindringen zu lassen. Und dann, fast wie ein Nachgedanke, fügte er hinzu: »Du hast diese Menschen verbrannt, weil es der einzige Weg war, andere zu schützen.«
»Das macht es nicht besser -«, fing ich an, wurde aber sofort wieder von ihm unterbrochen. »Natürlich macht es das nicht besser! Drastische Zeiten verlangen nach drastischen Maßnahmen, und drastische Maßnahmen verlangen nach einem grausamen Henker! Das hast du damals gelernt, auch wenn du dich dafür selbst hasst, weiß die Banshee-Königin, warum!«
»Warum?! Das waren Unschuldige, du Ratte!«
»Welche die Seuche in sich trugen!«
»Niemand kann sagen, ob sie die Seuche hatten!«
»Niemand kann sagen, ob sie die Seuche nicht hatten! Wer weiß, wie viele Leute du gerettet hast?!«
Wir starrten uns gegenseitig an, ich mit einem Blick, der ihn eigentlich hätte tot umfallen lassen sollen, und er mit kühlen, berechnenden und vor allem wissenden Augen. Schließlich zuckte er nur mit den Schultern. »Deine zweite Chance. Du warst vielleicht auf dem falschen Weg, Dareth, aber das hier scheint jetzt der richtige zu sein.«
Ich warf ihm noch ein verächtliches Schnauben entgegen, bevor ich mich auf meinen Körper konzentrierte und mich aus dem Gebilde, das unsere Seelen gefangen hielt, zurückzog.
Als ich meine Augen wieder öffnete und mich aufsetzte, war mir zwar noch immer schwindelig, aber ich schien so klar zu sehen wie noch nie zuvor. Ich warf einen Blick auf die noch immer schlafende Elfe, bevor ich mir möglichst ruhig über das Kinn rieb und darauf achtete, nicht zu laut zu denken.
Eine zweite Chance. Ein womöglich ewiges Leben in Selbsthass und Trauer und mit Schuldgefühlen beladen, die ich nie wieder würde ablegen können, war meine zweite Chance. Vielleicht hätte ich wirklich im Schatten bleiben und meine Seele opfern sollen. Vielleicht hätte ich dann schon alles hinter mich gebracht.
Und wie sehr mein armes Mädchen das verärgert hätte. Wie bösartig sie mich anschauen würde, wenn sie wüsste, was ich dachte. Sie hätte mich von dem Wahnsinn abgehalten, der mich nach dem Fall Lordaerons heimgesucht hatte. Und wenn sie es nicht geschafft hätte, aus welchem seltsamen Grund auch immer, hätte sie mich getötet, und ihre Augen hätten das Gleiche gesagt wie Gregor.
Das Feuer in mir war nicht erloschen, aber zumindest brachte es mich nicht mehr zum Kochen. Ich musste mich stattdessen zusammenreißen, um die Tränen zurückzuhalten. »Solches Geschwätz aus dem Mund eines selbsternannten Mörders«, schnauzte ich trocken.
»Glaubst du, mir macht es Spaß, den Priester mimen zu müssen?«, gab Gregor mit gespielter Empörung zurück, bevor er lachte. »Verdammt, Dareth, du bist genauso verrückt wie ich! Es ist manchmal wirklich schwer, einen Körper mit dir zu teilen, aber ich glaube, ich werde dich tatsächlich vermissen, wenn wir erst einmal getrennter Wege gehen.«
Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. »Ich dich nicht. Dein Humor hängt mir noch immer zum Hals heraus.«
»Und ich dachte, du hättest mich inzwischen in dein Herz geschlossen!«, rumpelte mein eigener Priester entrüstet.
Er verstummte schlagartig, als in unserem Rücken die Tür wuchtig aufgestoßen wurde und gegen die Wand knallte. An'duna saß kerzengerade im Bett und schaute sich mit wirrem Haar im Gesicht und einem hölzernen Knüppel in der Hand um. Auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es sich um ein Stuhlbein handelte, und der dazugehörige dreibeinige Stuhl, mit dem sie wohl versucht hatte, die Tür zu blockieren, zischte gerade in einem tiefen Flug an mir vorbei.
Auch wenn Gregor und ich insgeheim die ganze Zeit über damit gerechnet hatten, dass etwas ähnliches passieren würde, mussten wir uns doch anstrengen, nicht unserem Instinkt nachzugeben und augenblicklich nachzusehen, wer sich gerade so rüde Zugang in das geräumige Zimmer verschafft hatte. Stattdessen blieb ich ruhig sitzen, sog geräuschvoll die Luft durch meine Nase ein, rümpfte sie dann, zog sie lautstark hinauf und spuckte aus. »Was verschafft mir die Ehre, noch immer unter den halbwegs Lebenden zu verweilen, Urgrak?«
Der Ork ließ sein volles, grunzendes Lachen hören, während er mit scheppernder Rüstung näher an den Tisch kam. Dem bei weitem nicht so selbstsicheren, etwas höherem Grunzen nach zu urteilen begleiteten ihn mindestens zwei weitere Orks, und vermutlich warteten einige Krieger noch draußen vor der Tür. »Du kannst mich riechen, Dareth?«
»Und hören. Das Sehen bereitet mir allerdings gewisse Schwierigkeiten.«
Urgrak umrundete den Tisch vollends und baute sich breit grinsend vor mir auf. Er hatte wieder seine eingedellte Rüstung und den Wappenrock übergeworfen und schaute drein, als wäre alles genau so geschehen, wie er es vorhergesehen hatte. »Ah, mein lieber Dareth, zurück zu unseren kleinen Spielchen, ja? Ich weiß, dass es genügend Untote mit den gleichen Verletzungen wie der deinen gibt, und sie alle sehen… ausgezeichnet…«
Überrascht beobachtete er, wie die Nachtelfe, die Decke wie eine Toga um sich gewickelt, zu uns hinüber kam, sich neben mich setzte und meine Hand in die ihre nahm, wobei sie mit der anderen noch immer ihre Keule umgriff. Und ebenso erstaunt hatte er das Lächeln registriert, das ich dabei aufgesetzt hatte.
»Ja, Urgrak? Was wolltest du mir sagen?«
»Ah. Ahaha.« Die Grünhaut gewann ihre Fassung relativ schnell zurück, auch wenn ich glaubte, einen kleinen Rest Zweifel in seinem Blick zu sehen. »Du hast dein Essen gut dressiert, mein Freund.«
»Ich habe ihr nur ein wenig zusprechen müssen.«
»Und ihr Leben retten, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Höchst unterhaltsam, dein Auftritt.« Urgrak wirkte inzwischen noch ein wenig verwirrter, vermutlich deshalb, weil ich zu seiner Brust sprach anstatt zu seinem Gesicht.
»Ich hoffe, die Zuschauer hatten ihre Freude.«
»Du bist in aller Munde. Ganz Orgrimmar summt und brummt, und man ist sich noch nicht einig, wie man dich nennen soll.«
»Warum nicht einfach bei meinem Namen?«
»Weil niemand deinen Namen kennt«, grunzte der Ork belustigt. »Manche wollen dich Grishnak nennen, was so viel bedeutet wie -«
»Todesfaust«, sagte Gregor ruhig und ließ dabei meine knöchernen Finger spielen. »Keine schlechte Wahl. Schade, dass ich nun blind bin. Ich hätte sicherlich noch einige gute Kämpfe bieten können.«
»Das bezweifle ich. Schließlich bist du tot.«
Meine Miene wurde so ausdruckslos wie Stein. »Noch toter, als ich ohnehin schon bin, meinst du?«
»Ah… man könnte es so nennen, ja. Und nun, mein Freund, wirst du mir folgen müssen. Es gibt jemanden, der dich dringend sehen will.«
»Nun, dann wirst du mich führen müssen.«
Urgrak war schon ein paar Schritte gegangen. Jetzt blieb er wie angewurzelt stehen, um sich dann gähnend langsam umzudrehen. »Es reicht, Dareth«, knurrte er leise. »Ich habe nichts gegen ein paar Scherze, vor allem nicht in deiner Situation. Aber übertreibe es nicht. Ich nehme dich nicht an die Hand wie dein dressiertes Spitzohr.«
Ich zog eine Augenbraue nach oben, bis ich sanft nickte. »Entschuldige.«
»Gut. Und jetzt -«
»An'duna wird mich genauso gut führen können.«
Ich hatte meinen Kopf nur leicht zur Seite gedreht, gerade genug, um den Ork einigermaßen aus den Augenwinkeln heraus sehen zu können. Seine dreckig-grüne Haut schien in seinem Gesicht tatsächlich rötlicher zu werden, auch wenn er versuchte, seine Wut zu beherrschen. »Drenak, du bist tot. Wie würde es aussehen, wenn deine Elfe plötzlich mit einer vermummten Gestalt und von mir bewacht durch die Straßen Orgrimmars marschiert?«
»Tja, dann wirst wohl doch du -«
Das Brüllen des Kriegers ging mir durch Mark und Bein. An'duna erschrak dermaßen, dass sie meine Hand halb zerquetschte und einige Knochen verbog. Urgrak stapfte wieder direkt vor mir, brachte seine Schnauze ein paar Zoll vor mein Gesicht und schnaubte mich dann mit heißem, stinkenden Atem an. »Du kannst mich nicht hinters Licht führen, du rottender Haufen Kodo-Mist! Weißt du, wie viele Untote ich schon eigenhändig erlegt habe?!«
»Nein«, antwortete ich ruhig. »Hast du ihnen auch die Augen aufgeschlitzt, um ihnen dann ein Lederband darüber zu legen und es festzunageln?«
»Nein, das war tatsächlich selbst für mich etwas Neues«, schnauzte der Ork, wobei er sich wieder aufrichtete. Als ich sah, wie sich seine Hand zu seiner Axt bewegte, schloss ich die Augen, auch wenn Gregor im ersten Moment lautstark in meinem Kopf dagegen protestierte.
Blind wartete ich. Ich konnte spüren, wie An'duna meine Hand noch fester packte und vermutlich ihren Knüppel ebenso umklammerte. Ich konnte hören, wie Urgrak grunzend seine Streitaxt aus dem Gürtel zog, und wie die Klinge mit einigen probehaften Schwüngen die Luft zerteilte und dabei nach Blut dürstend sang.
Dann hörte ich das Rascheln von Stoff, der dumpfe Aufprall von Stahl auf Holz, das Splittern des Knüppels, und ein schmerzerfüllter, klingender Schrei, verbunden mit dem hässlichen Knirschen von Haut und Knochen, der mich zusammenzucken ließ. An'duna hatte meine Hand losgelassen, und ich musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was gerade direkt vor meinen Füßen wie ein nasser Sack zu Boden ging und wimmernd liegen blieb, nur um schlagartig zu verstummen, als sie einen Tritt in den Magen erhielt. Ihr Keuchen drang leise zu mir hinauf, als sich der stinkende Atem des Orks wieder meiner Nase näherte.
»Du bist nicht blind, Dareth, ich weiß es genau. Und durch deine Sturheit wird deine kleine geliebte Elfe jetzt sterben. Du hast ihr wirklich gut zugesprochen, Dareth. Warum hast du sie gerettet, hm? Was interessiert dich an diesem verdammten Spitzohr«, und er gab ihr einen weiteren Tritt, der ihr die Luft raubte, »und warum bist du hier in Orgrimmar?«
Ich öffnete meine Augen.
Meine Hände schossen nach vorne, schnell genug, um selbst den Ork zu überraschen. Meine rechte bekam seine Pranke zu packen, in der sich die Axt befand, meine knöcherne linke hingegen packte ihn an der Gurgel.
»Ich will dir jetzt erklären, was deine Optionen sind, Urgrak«, wisperte Gregor leise. Seine Stimme hatte einen grausamen Ton angenommen, den ich niemals beherrschen würde. Sie schien nicht aus dem Mund eines Lebewesens zu kommen, falls man mich so überhaupt nennen mochte, sondern aus dem zahnbewehrten Maul eines abscheulichen Monsters. »Du kannst deine Hand befreien, problemlos bei deiner Stärke, und mir die Axt in den Schädel versenken. Und noch ehe sie ankommt, wirst du am eigenen Leib spüren, warum mich deine Leute Grishnak nennen, und glaube mir, ich kann dafür sorgen, dass dein Kopf nicht davon fliegt, sondern gerade genug von deiner Kehle verbrennt, dass du elendig ersticken und verrecken wirst, noch ehe dir irgendjemand helfen kann.
»Du könntest natürlich auch deine Wachen rufen, denn dafür sind ja Wachen da, nicht wahr? Und sag dem verdammten Idioten, der sich gerade versucht, an mich heranzuschleichen, dass er genügend Lärm macht, um einen besoffenen Zwergen aufzuwecken.«
Ein kurzer, gebellter Befehl und das sofortige Verharren des Übeltäters ließ mich lächeln. »Ich sehe, wir können miteinander auskommen, wenn wir nur wollen! Lass mich dir noch sagen, dass, wenn ich etwas sehen könnte, ich dir deine Kehle einfach herausgerissen hätte, anstatt dich meine Gefährtin verstümmeln zu lassen. Nun, deine dritte Option, mein lieber Freund Urgrak Silvermane, hat den wunderschönen Vorteil, dass keiner von uns beiden stirbt. Du wirst die Elfe aufheben, sie mir in die Arme legen und dafür sorgen, dass meine Hände die abscheuliche Wunde berühren, die du ihr gerade zugefügt hast. Und wenn du Glück hast und ich sie tatsächlich wieder heilen kann, dann werde ich davon absehen, wie ein blinder Berserker unter dir und deinen Mannen zu wüten, bis ihr allesamt weder Arme noch Beine noch Rumpf besitzt. Und dann – dann werde ich vielleicht deine Fragen beantworten.«
Der Ork starrte mich für eine Weile an, und ich begegnete seinem berechnenden Blick mit einem manisch anmutenden Lächeln, das in Verbund mit dem Lederband über meinen Augen äußerst grotesk und sehr untotenhaft wirken musste. Dann öffneten sich seine Finger, und seine Axt löste sich widerwillig aus seiner Hand, um mit einem dumpfen Pochen auf dem gepolsterten Boden aufzukommen. Mit einem zufriedenen Nicken ließ ich ihn los und streckte einen meiner Arme aus, um die stöhnende Frau zu stützen, als er sie mir in den Schoß legte. Ihre Seite war aufgeschlitzt, und die für mich weiße Decke färbte sich dunkel, wo sie zerteilt war. Ihr Atem ging flach, als sie mich mit einem flehenden Blick anstarrte, und sie schrie, als der Ork meine Hand nahm und ohne viel Federlesen einfach auf die Verletzung patschte.
»Eine nette Rede«, murmelte ich noch an Gregor gewandt, als ich mich bereits konzentrierte und das Mana sammelte, das sich in mir wieder aufgebaut hatte. Zumindest eine gute Sache hatte das Saufgelage Gregors gehabt: Wasser spendete Mana, egal ob nun reinstes Quellwasser oder vergorener Gerstensaft. Und mein Manavorrat schien nun so gut gefüllt zu sein wie noch nie. Jede Sehne war von der magischen Kraft erfüllt, und sie schoss durch meine Finger mitten in die Wunde hinein und ließ dabei alle meine Muskeln und mein ganzes Denken verkrampfen, als der gewohnte Schmerz einsetzte.
Nur war es dieses Mal unendlich schlimmer. Die Wunde schloss sich, aber nur gähnend langsam, als würde etwas dagegen ankämpfen; und tatsächlich erkannte ich einen Schimmer um die Wundränder herum, welcher dem meines Heilzaubers nicht unähnlich war, aber dunkel und grauenvoll abstoßend wirkte. Wo die Kraft des Lichts gegen diese Macht der Dunkelheit anbrandete, konnte ich sehen, dass sie gewann, es mich aber ungleich mehr Mana und Schmerzen kostete, als es eigentlich sollte.
Urgrak wich erschrocken einige Schritte zurück, als ich voller Hass, Wut und Qual brüllte und damit sogar An'dunas Wehklagen mühelos übertönte. Ich wusste, dass ich es schaffen würde, aber die Schmerzen, die ich dafür erdulden musste, machten mir eine Heidenangst. Gregor winselte bereits genauso wie kurz zuvor die Nachtelfe, während ich mit schmerzverzerrter Miene meine Hand auf die Wunde presste und weiter das Mana in meinem Körper verbrannte, um den Heilzauber aufrecht zu erhalten.
Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte, verlosch das Licht zwischen meinen Fingern. Nur noch bleiche Haut war von der Verstümmelung übrig geblieben; Knochen waren gerichtet und verheilt, Fleisch war nachgewachsen. Dafür fühlte sich mein Kopf an, als wollte er in Tausend Stücke zerspringen, und meine Finger zitterten, als sie vorsichtig über die Seite der Frau strichen. Ich atmete hastig und flach, als wäre Luft und Atem mein neues Lebenselixier, und selbst mein Herz, das kaum mehr einen Schlag tat, raste wie verrückt. Selbst meine Sicht verschwamm immer wieder, und es fiel mir schwer, irgendetwas vernünftig zu erkennen.
Ein Schluchzen ertönte. An'duna weinte, obwohl ich genau wusste, dass sie keine Schmerzen mehr spürte; das Licht sorgte dafür, dass nichts übrig blieb. Aber ich wusste auch, dass sie gerade mehr durchmachte, als man irgendjemanden in solch kurzer Zeit zumuten sollte.
Auch wenn es Gregor sehr widerstrebte und ich mich fühlte, als ob ich gerade gerädert worden war, richtete ich sie auf und drückte sie an mich, wo sie ihr Gesicht in meinen stinkenden Klamotten vergrub und ihr Weinen nur noch gedämpft hervor drang.
Urgrak starrte mich mit verwunderten Augen an. Auch wenn Gregor Schwierigkeiten hatte, in den Mienen der Grünhäute zu lesen, und auch wenn wir sein Gesicht gerade nur als eine verschwommene, grüne Fratze erkannten, so war es doch sehr offensichtlich, was der weißhaarige Anführer des Orktrupps gerade dachte: Ein Untoter heilt eine Nachtelfe – einen erklärten Feind, für ihn vielleicht sogar ein Leckerbissen – und zeigt dann Mitgefühl, spendet Trost; tut also Dinge, die jedem normalen Untoten nicht nur zuwider, sondern völlig fremd sind. Er mag aussehen wie ein Untoter, sprechen wie einer und vielleicht sogar wie einer stinken. Aber das kann kein Untoter sein.
»Danke«, meinte ich mit von Pein erfüllter Stimme und einem gezwungenen Lächeln, während ich beruhigend über An'dunas Rücken und ihren Kopf strich.
Urgrak musste in paar Mal blinzeln, bevor er antworten konnte. »Danke? Danke wofür?«
»Danke, dass ich tot bin.«

Wir waren wieder alleine in der Hütte. An'duna hatte sich soweit beruhigt, dass sie sich nicht mehr an mich klammerte wie ein kleines Kind an seine Mutter, nachdem es von einem bösen Monster unter dem Bett geträumt hatte. Stattdessen saß sie schweigend auf der Bank und starrte den pelzüberzogenen Boden an. Urgrak hatte für sie einen weiten Umhang mit einer tiefen Kapuze besorgt, der sogar ihre Ohren verdecken würde. Das Gleiche traf für mich zu, zusätzlich zu einer frischen Hose und einem einfachen Hemd, und ich war gerade dabei, meine alten, verdreckten und vom Arenakampf gezeichneten Kleider von mich zu werfen, als sich die Elfe regte. »Dareth?«, wisperte sie leise.
Ich hielt mitten im Hosenanziehen inne und legte meinen Kopf leicht schräg. »Ja, An'duna?«
»Du kannst sehen, nicht wahr?«
Für einen Moment presste ich meine Lippen aufeinander – eigentlich schon Zeichen genug, wie mir gleich darauf auffiel. Ich seufzte leise, und selbst Gregor hielt es nicht mehr für nötig, weiter zu lügen, nicht nach meinem amateurhaften Verrat. »Ja. Keine Farben, aber… ja, ich kann sehen.«
Sie lachte leise, ein trauriges Lachen, das mir in der Seele wehtat. »Du hättest mich gar nicht gebraucht. Ich dachte, ich könnte dich beschützen. So, wie du mich beschützt hast…« Ihre Stimme versagte, und als ich aufsah, rannen bereits wieder die ersten Tränen über ihre Wangen. Gregor schien seine stille, abscheuliche Freude daran zu haben, sie so leiden zu sehen, wofür ich ihm innerlich eine ordentliche Schelle verpasste. Ich zog rasch die Hose an, packte das Hemd, ging zu ihr hinüber und setzte mich neben sie. »Das hast du getan, Dune'adah. Urgrak wollte mich hervorlocken, nicht dich. Ich hatte nicht gedacht, dass so etwas passieren würde, um ehrlich zu sein.«
Sie schniefte leise und wischte sich mit ihrem Handrücken einige Tränen aus den Augen. »Wir waren fünf, Dareth. Fünf Nachtelfen in Ashenvale. Wir waren nur auf der Jagd. Es sollte ein angenehmer Tag für uns werden. Für Liloé, für Erdor, Iréa, für Andûn und mich. Sie waren so aufgeregt, endlich mit der großen An'duna Silverarrow losziehen zu dürfen. Sie waren so jung… und als die Untoten über uns herfielen, hatten sie keine Chance.«
Mein Gesicht wurde zu einer hölzernen Maske. Bilder stiegen in mir auf, von brennenden Häusern in Lordaeron, als ich nach meiner Liebe suchte. Ich war bei einem Haus mit einem großen, ummauerten Hof vorbeigekommen, dessen Tore offen standen. Es handelte sich um eine der vielen Schulen in dieser riesigen Stadt, doch wo sonst Kindergelächter und vergnügtes Quietschen ans Ohr gedrungen war, herrschte jetzt das Knacken von Feuer und ansonsten Stille. Und ein Blick hinein hatte mich dermaßen in Verzweiflung und Rage gestürzt, dass ich kurze Zeit später zu grausamsten Taten fähig war.
»Sie haben sie alle getötet, Dareth«, hauchte An'duna jetzt. »Und ich habe versucht, sie zu beschützen, aber sie haben mich einfach niedergeschlagen. Ich habe siebzig Sommer gesehen, habe von Wachen umgebene Leute in ihren Häusern gemeuchelt, ohne bemerkt zu werden, aber ich – ich konnte sie nicht –«
Sie erzitterte leicht, als ich ihre Hand nahm und sie drückte. »Ich weiß«, murmelte ich leise. »Und ich weiß, wie schwer es ist, weiterzugehen. Wie einfach es wäre, zu sterben und all das hinter sich zu lassen… aber würden sie das wollen? Würden sie es wollen, dass du dich umbringst, nur um den Schuldgefühlen zu entgehen?«
Als sie mich anschaute, trocknete ich ihr vorsichtig mit dem Ärmel meines Hemds ihre Augen. »Es ist wichtig, um jene zu trauern, die wir liebten, An'duna. Ich trauere jeden Tag, auch wenn man es mir vielleicht nicht ansieht. Alles andere treibt dich nur in den Wahnsinn. Trauere um deine Lieben, und lebe ihnen zur Ehre.«
Sie schniefte erneut, rieb sich wieder mit dem Handrücken die Augen, doch dieses Mal schenkte sie mir ein Lächeln, das viel Trauer und ein klein wenig Hoffnung in sich hielt. »Du bist ein erstaunlicher Untoter, Dareth.«
»Wenn ich nur einer wäre, An'duna. Mein Leben wäre so viel einfacher.«

Nachdem auch die letzten Tränen getrocknet waren und wir, jeder für sich, ein kleines Gebet gesprochen hatten, traten wir in die schwüle Hitze Orgrimmars hinaus. Urgrak empfing uns mit nicht weniger als zehn weiteren Kriegern, allesamt bis an die Zähne bewaffnet, und alle hielten zu mir gebührenden Abstand, als fürchteten sie, die Todesfaust könnte sie als nächstes treffen. An'duna hatte wieder das Kleid angezogen, das ich für sie genäht hatte, ihr silbernes Haar zu einem Zopf gebunden und den Umhang übergeworfen, wobei die Kapuze fast ihr komplettes Gesicht verdeckte. Sie hatte sich außerdem bei mir eingehakt, um mich nun vorsichtig und gefühlvoll den Weg entlang zu führen.
Ich ließ mich artig von der Nachtelfe direkt vor unseren Kerkermeister bugsieren, wobei ich versuchsweise immer wieder meine Augen schloss, um ein gutes Gefühl dafür zu bekommen, wie es sich eigentlich anfühlte, blind zu sein. Bei der Grünhaut angekommen, bedachte sie ihn mit einem eiskalten Blick, der selbst hier in diesem Backofen die Luft zum Gefrieren brachte.
»Folgt mir«, brummte der Anführer des Trupps merklich verstimmt. Gehorsam setzten wir uns zusammen mit unserer Garde in Bewegung. Ich bemerkte auch ziemlich schnell, dass einige der Orks immer wieder hüstelten und versuchten, einen unentdeckten Blick auf mich zu erhaschen, wobei sie darum bemüht waren, mich von der Welt um uns herum so gut wie möglich abzuschirmen.
Nach einer Weile, in der nichts passierte und wir nur den weniger begangenen Straßen Orgrimmars folgten, räusperte sich Urgrak schließlich. »Es… tut mir leid wegen deinen Augen, Dareth.«
»Tatsächlich?«, erwiderte ich leichthin, wobei ich meinen Kopf leicht zur Seite lehnte, als würde ich versuchen, ihn besser zu hören. »Immerhin sollten wir in der Arena sterben, oder nicht?«
Der Ork bejahte den Umstand mit einem Grunzen, bevor er rasch hinzufügte: »Ihr seid die einzigen zwei, die jemals lebend dort herausgekommen sind, seitdem ich die Totgeweihten ankündige.«
»Soll ich nun darauf stolz oder dir dankbar sein?«
Urgrak schnaubte nur zur Antwort. Er war wieder ganz die alte Grünhaut. »Wir hatten keinen Schamanen zur Hand.«
»In Orgrimmar? Der Hauptstadt der Orks?«
»Keinen Schamanen, der einen Untoten hätte anfassen wollen«, meinte er mit einem Schulterzucken, das wohl andeuten sollte, dass er nichts daran ändern konnte oder wollte. »Ich dachte, wenn ich diesen seltsam leuchtenden Saft daran hindere, herauszufließen, dann –«
»Oh, schon gut«, meinte ich gequält und zu Gregors unermesslicher Enttäuschung. »Du hast getan, was du für richtig hieltst. Vielleicht wäre ich umgekommen ohne deine Hilfe. Mein Augenlicht ist ein kleiner Preis für mein Leben, den ich gerne zahle.«
Urgrak schaute mich voller Verwunderung an, während ich seine Schulter anlächelte. »Bist du sicher, dass du ein Untoter bist?«, fragte er mich leise.
»Ziemlich sicher, ja«, lachte ich. »Die Knochen sind ein brauchbarer Beweis dafür.«
»Ein untoter Priester und Hexer in einem?«
Ich behielt das Lächeln auf, auch wenn ich spürte, wie sich der Griff An'dunas um meinen Arm schon wieder verstärkte, als wollte sie mich warnen, nichts Falsches zu sagen. »Ich gehe davon aus, dass dieses… Geheimnis auch der Grund für unseren Ausflug ist.«
»Natürlich«, grunzte Urgrak verdrossen und schaute dabei auf. Wir waren auf eine belebtere Straße gekommen. Trolle und Orks, die ihren Tagwerken nachgingen, blieben am Rande stehen und beobachteten uns, wie wir an ihnen vorbei stiefelten. Getuschel begann sich von dort auszubreiten, wo wir kleiner oder größere Gruppen passierten, doch niemand interessierte sich brennend genug dafür, um den Wachen in die Quere zu kommen.
»Wohin genau gehen wir, Urgrak?«
»Zur Darkfire-Enklave.«
»Was wollen die Hexenmeister von mir?«, fragte Gregor, und wir versuchte dabei, die Schmerzen zu ignorieren, die von meinem Arm ausgingen. An'duna hatte bei der Erwähnung der Nekromanten dermaßen zugepackt, dass es sich anfühlte, als wollte sie mir den kompletten Arm abreißen, auch wenn man es ihren vollkommen ruhigen Zügen nicht im Geringsten ansah.
»Vermutlich herausfinden, was du bist. Ich weiß es nicht, Dareth. Ich gehorche nur.«
»Du gehorchst den Nekromanten?«
»Nein. Ich gehorche meinem Kriegshäuptling.«
Gregor und ich zogen es vor, darauf nichts mehr zu sagen. Thrall persönlich hatte also angeordnet, mich zu den Hexern zu bringen, oder ihrer Bitte stattgegeben. Und ich hatte mir Sorgen um Sylvanas Windrunner gemacht.
Ich brauchte einige Momente, um den Schock zu verarbeiten. Und dann, als ich gerade wieder das Wort an den Ork richten wollte, kam er mir bereits zuvor. »Ich muss sagen, dass ich dich unterschätzt habe, Dareth.«
»Inwiefern?«
»Ich dachte, du wärst einfach nur ein weiterer Untoter, der vor seinem Meister flieht und dabei eine Dummheit anstellt, die ihm teuer zu stehen kommt. Manchmal schicken wir die Untoten auch einfach wieder zurück nach Undercity, um unser sogenanntes Bündnis zu stärken.« Er spuckte aus, in etwa so wie ich vorher. »Verdammte untote Brut. Giftmischer, Meuchler, und keine aufrechte Seele unter ihnen. Dachte ich.«
»Ich… fühle mich geehrt«, brachte ich zweifelnd und mit gerunzelter Stirn heraus. »Tut es dir deshalb so leid, dass du mir ein Lederband auf die Augen genagelt hast?«
»Ich habe von Untoten gehört, die sich das selbst zufügen«, grunzte Urgrak, und seine Stimme triefte regelrecht vor Ekel und Hass. »Sich selbst zu verstümmeln, um gefährlicher auszusehen oder warum auch immer sie das tun. Das ist nicht der Weg eines Kriegers.«
»Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass ich nicht eben ein Krieger bin.«
Dieses Mal lachte der Ork auf. Nicht eines der freudigen Lachen, denen man anhörte, dass gleich etwas sehr Schlechtes passieren würde und der Lachende sich bereits wahnsinnig darauf freute, sondern jenes, das wirklich echt klang und es vermutlich sogar war. Dann rauschte seine Pranke heran und schlug mir mit einer Wucht, die unter Orks wohl als freundschaftlich und unter allen anderen Rassen als brutal wahrgenommen wurde, auf die Schulter. »Du und kein Krieger, Dareth? Du hast deine Nachtelfe verteidigt, als wäre sie dein Weib und nicht nur deine kleine Mahlzeit für zwischendurch! Und das, obwohl sie dich eindeutig an die Schlangen und ihren Dolch verfüttern wollte! Habt ihr gehört, Jungs?«, fügte er auf Orkisch lautstark hinzu. »Unser Freund hält sich nicht für einen Krieger!«
Für einen Augenblick waren alle Augen auf mich gerichtet. Dann lachten die Wächter lautstark los, und es klang so ungezwungen, als hätte man ihnen gerade einen guten Witz erzählt. Tatsächlich schienen sich unsere Begleiter nach dieser kleinen Einlage zu entspannen: Sie blieben aufmerksam, gingen aber nicht mehr so steif wie Statuen und mit immer wieder furchtsam auf mich geworfenen Blicken den Weg entlang. Ich erkannte sogar, nachdem das allgemeine Grunzen verstummt war, ein verbliebenes Lächeln auf einigen Gesichtern.
»Du hast einen ganz schönen Eindruck auf sie gemacht«, bestätigte Urgrak leise meinen Verdacht. »Und einem von ihnen hast du einen Batzen Gold eingebracht.«
Ein breites Lächeln formte sich auf meinen Lippen, als mir das Gespräch mit meiner Wache in der kleinen Hütte in den Sinn kam. »Er hat sein Gold auf mich gesetzt?«
»Er hatte darauf gewettet, dass du und die Elfe bis zum Ende durchhalten. Beim nächsten Kampf will er darauf wetten, dass du jeden in der Arena umbringst, der sich dir in den Weg stellt.«
Dieses Mal musste ich lachen, was mir einen kalten Blick von An'duna einbrachte, die den ersten Witz schon nicht verstanden hatte. Da ich blind war, ignorierte ich sie einfach und meinte: »Also gut, Urgrak. Wie mir scheint, habe ich mir einen Namen unter dir und deinen Mannen gemacht. Du kennst sicherlich die Blutelfe, die mit mir hier angekommen ist?«
»Natürlich. Ich wäre ein schlechter Wächter von Orgrimmar, wenn ich sie nicht sofort unter Beobachtung hätte stellen lassen. Sie kam mir vor wie eine Botschafterin für Schwierigkeiten. Vor allem der Taure, der ihr überall hin hinterher trottet.«
»Weißt du, wo sie sich gerade befindet?«
»Ich könnte es schnell herausfinden, ja.«
»Dann finde es heraus und lass es mich wissen, sobald ich von meiner… Unterredung mit den Nekromanten zurück bin. Ich habe noch einige Dinge mit dieser Frau zu regeln.«
»Für eine kleine Gegenleistung, gerne. Eine kleine Antwort auf eine kleine Frage.«
»Die da wäre?«
»Was hast du getan, um in Undercity von Sylvanas Windrunner gesucht zu werden?«
Ich überlegte und diskutierte für einige Sekunden mit Gregor, was zu tun war. Eine Lüge aufzutischen war verlockend, aber wenig sinnvoll; wir hatten es mit einem Ork zu tun, der seine Quellen in der Welt besaß und einige Dinge überraschend schnell in Erfahrung gebracht hatte. Aber wie viel von der Wahrheit ihm anzuvertrauen war, ohne einen Nachteil daraus zu erfahren, war genau jene Gradwanderung, die wir gerade auszuloten versuchten.
Wie immer hatte Gregor schnell keine Lust mehr auf meine Gedankenspiele und posaunte einfach drauf los. »Ich bin kein Untoter, Urgrak. Jedenfalls kein richtiger, keiner, mit dem du es jemals schon zu tun gehabt hättest. Ich schätze, ich bin wertvoll. Und genau aus diesem Grund marschieren wir gerade zu deinen Leuten, damit sie mich näher unter die Lupe nehmen können.«
Der Ork schaute mich für eine Weile mit hölzerner Miene an, bis er schließlich nickte und sein Augenmerk wieder auf den Weg legte. »Ich erwarte dich in deiner neuen Behausung. Ich bin mir sicher, dass wir einige sehr interessante… Unterhaltungen haben werden. Und ich hoffe, du verstehst, dass wir dich weiterhin bewachen lassen.«
Ich lächelte erneut und ignorierte dabei An'dunas Gesicht, das dem eines Mannes glich, dem Hühnchen in Buttersauce versprochen und anschließend Bohnen auftischt worden waren. »Natürlich, Urgrak. Selbst blinde Hunde können noch beißen.«

Bearbeitet von Al Fifino, 24 July 2014 - 21:17,

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#57 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 09 August 2014 - 17:18

Kapitel 29 – Eine Seele für ein Messer

Das Loch machte keinen sonderlich freundlichen Eindruck. Es war tatsächlich nicht sehr viel mehr als das: eine Öffnung mitten in Orgrimmar, die in einen der Hügel hineinführte, auf dem irgendein größeres rundes Gebäude stand, vielleicht eine der Versammlungshallen der Orks. Niemand ging hinein; niemand schien es überhaupt zu beachten. Aber das stimmte nicht ganz, wie mir gleich darauf auffiel: die Orks und Trolle, die an dem Höhleneingang vorbei marschierten, wussten sehr wohl von ihm, zogen es aber vor, ihn einfach zu ignorieren.
»Kann es sein, dass Nekromanten bei deinem Volk nicht eben hoch angesehen sind?«, murmelte ich leise zu Urgrak, als unsere Gruppe direkt vor dem Schlund stehen blieb und die Wachen sich so um uns herum positionierten, dass sie effektiv die neugierigen Blicke der Vorbeieilenden abfingen und zugleich nur noch den Weg in die Tiefen offen ließen.
Mein weißhaariger Bewacher grunzte, wie er es äußerst gerne tat. »Sie spielen mit Dämonenmächten herum. Wir Orks haben schon unsere Erfahrung mit diesen Wesen gehabt. Ich schätze, selbst du weißt von dem Blutrausch, dem wir einst erlegen waren.«
Tatsächlich wusste ich nichts davon, aber Gregor weihte mich schnell in das Nötigste ein. Nachdem ich dahingeschieden war, hatte sich die Geisel – wie sich die untote Plage nannte – ausgebreitet. Gleichzeitig war in Kalimdor die Horde eingefallen, wobei damals die Horde nur aus den Ork-, Troll- und Taurenstämmen bestand. Die Orks hatten in ihrer eigentlichen Heimat einen Pakt mit Dämonen geschlossen, welcher schlussendlich dazu führte, dass sie in unsere Welt kamen und beinahe die Menschen überrannten – das wusste ich, das waren alte Geschichten vom Zweiten Krieg. Schon damals waren die Grünhäute kolossale Kämpfer gewesen, für ihre Wildheit gerühmt und alles vernichtend, was sich ihnen in den Weg zu stellen versuchte. Man rieb sie schließlich auf, verbannte die Reste in Internierungslager und war sich sicher, dass man niemals mehr von ihnen hören würde. Und Thrall kroch aus einem dieser Lager hervor, rottete die alten Banden zusammen und erschuf die neue Horde, sehr zur Missgunst der Menschen.
Doch wie sich nun herausstellte, war ihre Wildheit, ihre Kampfeskraft, ihre Mordlust nicht ihre eigene. Sie hatten Blut getrunken – Blut eines Dämonen, eines Grubenlords, der von Thrall und Grom Hellscream schließlich erschlagen wurde, womit auch dieses bittere Los endete. Der Blutrausch hatte sie unter die Kontrolle der Dämonen gebracht, und der Tod des verhassten Spenders hatte diese Kontrolle wieder aufgehoben. Die Horde ließ sich daraufhin in Durotar nieder und versuchte, einen neuen Abschnitt in ihrem von Leid und Wahnsinn gezeichnetem Buch aufzuschlagen.
Das alles raste innerhalb von wenigen Augenblicken durch meinen Kopf; Gedanken, Bilder vor dem inneren Auge, Eindrücke, Schilderungen, Emotionen. Es war verrückt, wie schnell ich es aufnehmen konnte, und doch ganz einfach. Es waren nicht mehr nur Gregors Gedanken. Wir hatten gelernt, uns zu vertrauen; wir hatten gelernt, unsere Gedanken auszutauschen. Wir hatten gelernt, eins zu sein, wenn wir es mussten.
Meine Miene war starr geblieben, und jetzt nickte ich mit der gleichen ausdruckslosen Mimik. »Es ist gut, dass ihr nicht mehr unter diesem Einfluss steht.«
»Sonst wärt ihr schon alle tot.« Urgrak lachte wieder das raue, kriegerische Lachen, das jeder Ork in irgendeiner Weise zu beherrschen schien und von dem man niemals wusste, ob es ernst gemeint war oder nicht. »Aber ich denke, du verstehst, warum wir Hexenmeistern und Nekromanten nicht sonderlich freundlich gegenüber sind.«
»Ich bin ein Nekromant«, gab ich mit einem schmalen Grinsen zu bedenken.
Doch auch dafür hatte Urgrak bereits eine Antwort. »Du bist kein Nekromant, Dareth. Du bist nicht einmal ein vernünftiger Untoter. Wissen die Elemente, was du bist, wenn du es überhaupt selbst weißt, aber ich bin mir fast sicher, dass diese verfluchten Teufelsanbeter genau herausfinden werden, was in dir steckt.«
»Es wäre eine hübsche Abwechslung, nicht im Dunkeln zu tappen«, meinte ich fröhlich und tätschelte dann An’dunas Hand. »Lass uns gehen«, murmelte ich ihr auf Darnassisch zu, und gemeinsam betraten wir die schmale Öffnung und den Weg nach unten.
Tatsächlich waren die Höhlen gar nicht so dunkel, wie sie von außen erschienen waren. Das helle, brennende Licht der Sonne Durotars hatte lediglich dafür gesorgt, dass man gerade soweit hineinschauen konnte, wie das Licht in sie vordrang. Jetzt aber, da wir um die ersten Abbiegungen gegangen waren, tauchte das erste, schwach magische Leuchten von Fackeln auf, die nicht von normalen Flammen beseelt waren. An’duna machte mich umgehend darauf aufmerksam, in dem sie jeder einzelnen Fackel einen bitterbösen Blick zuwarf und schließlich zu mir meinte: »Magisches Feuer ist so unnatürlich
»Aber es brennt sehr viel länger als normales«, gab ich zu bedenken. »Und es passt wohl zu jenen Gestalten, die wir hier unten antreffen werden. Links«, fügte ich hinzu, und gehorsam bogen wir an einer Verzweigung in die angegebene Richtung ab. Gregor kannte den Weg, zumindest war er sich dessen ziemlich sicher. Er hatte einmal einen entflohenen Untoten hier unten umbringen müssen, der erhofft hatte, bei den orkischen Nekromanten Unterschlupf zu finden. Was Gregor gefunden hatte, war seine Leiche und ein großes, durch Magie verursachtes Loch in seiner Brust.
Wir brauchten einige Minuten, bis wir in einer größeren Kaverne ankamen. Der Weg hatte stetig bergab geführt, und wir waren an nicht wenigen Abzweigungen vorbei gekommen. Ich konnte mir nur vorstellen, wie viele solche Höhlen es wohl unter der Hauptstadt der Grünhäute geben musste, und wie weitläufig sie waren.
Jene, die wir jetzt betraten, war bereits in Beschlag genommen worden. Geräumige, viereckige Zelte standen den unbehauenen Wänden entlang aufgebaut, und jedes einzelne von ihnen trug das Emblem der Horde. Einige niedriger Kohlepfannen standen verstreut und erhellten die Dunkelheit mit ihrem funkelnden, scheinbar durchsichtigen Flammen. Ich konnte nicht sagen, in welche Farbe sie die Umgebung tauchten, aber ich nahm an, dass es sich ähnlich wie mein Schattenblitz um eine violette Flamme handeln musste. Und natürlich benötigte ich sie nicht mehr, doch auf An’duna hinterließen sie durchaus Eindruck. Sie verzog ihr Gesicht dermaßen, als hätte man ihr gerade die schleimigen Fluten der Kanäle Undercitys eingeflößt und sie gezwungen zu schlucken.
Als nächstes erblickte ich einige kleine Verzierungen der Bewohner: Schädel besiegter Feinde hingen an Schnüren befestigt von den Decken, und aus ihren Gebeinen waren Windspiele erschaffen worden, die wiederum am Schädel hingen. Ich zählte mindestens zehn dieser Werke, und vermutlich befanden sich in den Zelten selbst noch mehr davon. Dieses Mal war es nicht nur An’duna, die einen sehr missbilligenden Blick aufgesetzt hatte, auch wenn man mir meinen wahrscheinlich nicht ansah.
Dann wurde plötzlich die Plane des größten, in der Mitte stehenden Zeltes zurückgeschlagen. Augenblicklich blieben wir stehen und beobachteten, wie sich eine wahre Flut von Orks aus dem Zelt ergoss, allesamt in mehr oder minder prächtigen Roben gekleidet, allesamt barfuß und kein einziger mit einer Axt oder einem Schwert bewaffnet. Was mich überraschte, waren die vielen Frauen, die sich unter ihnen befanden. Nekromantie und Hexenwerke schienen ganz ihr Metier zu sein. Entgegen meiner Erwartungen waren sie auch nicht von hässlichen Warzen gezeichnet, buckelig und allgemein abscheulich. Sie waren hübsch – soweit man ein Gesicht mit aus dem Mund hervorschauenden Hauern als hübsch bezeichnen konnte. Zumindest vom Körperbau her wirkten sie allesamt attraktiv: schmal, mit merklichen Ausbuchtungen an Hüften und Brust. Ihre männlichen Kollegen hingegen schienen eher dem grobschlächtigen Standard der Orks zu genügen.
Die fünfzehn Hexer schritten schweigend auf uns zu, umrundeten uns und bildeten schließlich einen Kreis. Die fünf männlichen unter ihnen schauten mich äußerst unversöhnlich und mit kaum verhohlener Feindseligkeit an. Die zehn Frauen hingegen betrachteten mich mit einer Mischung aus Neugier und schlecht versteckter Zufriedenheit. Sie lächelten allesamt dermaßen selbstzufrieden, dass mir davon fast schon übel wurde. An’duna begegnete ihnen, indem sie meinen Arm noch fester packte, als wäre ich ihr Eigentum und nicht umgekehrt. Scheinbar nahm sie ihre neue Beschützer-Rolle wirklich sehr ernst.
Für eine Weile standen wir nur da und schwiegen uns an. Weder die Orks noch wir rührten uns, doch es wurde offensichtlich, dass die versammelten Hexenmeister ein Wort von mir erwarteten.
Deshalb sagte ich trocken: »Ich weiß nicht, wer ihr seid und was ihr vorhabt. Ich hoffe, ihr seid die Nekromanten, und falls ihr es noch nicht bemerkt habt: ich bin blind.«
Das Schweigen hielt an.
»An’duna, können wir wieder gehen?«
»Nein. Sie versperren Weg.«
»Was für eine Schande. Ich habe besseres zu tun, als mich begaffen zu lassen.«
Und endlich trat zu meiner Linken eine der Orkfrauen aus dem Kreis und direkt vor mich. Ihre Robe war sehr kunstvoll geschneidert; Seide war mit Mithrilfäden durchzogen worden, um sie widerstandsfähiger und womöglich auch magischer zu machen. Die Fäden leuchteten in meinen Augen hell – Magie hatte ich zwar schon vorher sehen können, aber bei weitem nicht so deutlich – und waren zu komplizierten Mustern verwoben.
»Untoter«, intonierte sie mit einem seltsam anmutenden Singsang, der Gregor jetzt schon auf die Nerven ging, vor allem, weil sie dabei ihre Arme nach oben hob und die vielen Armreife an ihren Handgelenken zu klimpern begannen. »Du stehst vor den größten Hexenmeistern Orgrimmars. Versuche nicht, uns mit Worten zu belehren. Wir sind es, die dich belehren werden.«
Ich runzelte die Stirn. »Ich wusste nicht, dass ich Unterricht nehmen würde.«
Ein kurzes, ärgerliches Blitzen erschien in ihren von Farbe umrandeten Augen. Überhaupt hatte sie sehr viel Farbe in ihrem Gesicht, das scheinbar eine eindrucksvolle Maske bilden sollte, bei mir aber jeglichen Effekt vermissen ließ. Womöglich wäre es eindrucksvoller gewesen, wenn ich hätte erkennen können, welche Farbe es eigentlich war. »Oh, du wirst lernen, Untoter. Eine sehr schmerzhafte Lektion wird es sein.«
Jetzt legte ich mein drolliges Gebaren ab und zugleich meine Hand auf An’dunas, die bereits Anstalten machte, sich in eine Kampfposition zu bringen. »Wenn sie schmerzhaft ist, große Hexenmeisterin, werde ich gerne auf sie verzichten.«
Das entlockte der Frau nur ein kehliges Lachen. »Du bist tot, Untoter! Und -«
»Urgrak erwartet mich zurück«, unterbrach ich sie mit einem schmalen Lächeln.
Erneut blitzte Ärgernis in ihren Augen auf, doch dieses Mal verzog sie auch den Mund. »Urgrak hat in der Darkfire-Enklave nicht zu bestimmen!«
»Aber Urgrak hat einen besseren Stand zu Thrall als ihr allesamt. Und er erwartet Informationen von mir, die wichtig für Orgrimmar sein könnten. Ich frage mich, wie erfreut er darüber wäre, wenn ich… verschwinden sollte.«
Die vorher stillen Reihen fingen an, nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten. Die Gesichter der Männer wurden weit weniger feindselig und vielmehr einsichtig; die Frauen hingegen schienen sich kein bisschen zu verändern. »Du bist nur ein weiterer Untoter«, zischte die Hexenmeisterin wütend. »Ein weiteres hässliches Gebilde, das Leben nicht verdient! Wer würde dich vermissen!«
Die Nachtelfe musste nicht einmal etwas tun. Die Augen der Ork-Frau huschten zu ihr, nur um mit einem schmalen Lächeln wieder zu mir zurück zu kehren. »Deine Begleiterin, ja? Vielleicht sollten wir ja mit ihr beginnen.«
Ich konnte spüren, wie die ersten Muskeln in meinem Gesicht zu zucken begannen und das fast schon erstickte Feuer in mir gierig an neuen Ästen und Holz leckte. »Meine Begleiterin steht unter meinem Schutz, und ich unter ihrem. Das sollte dir klar sein, Hexerin.«
»Tatsächlich?« Ihr selbstgefälliges Grinsen gefiel mir überhaupt nicht, und die Tatsache, dass die Männer ihre Mienen noch mehr verzogen, bestärkte mich in meinen Befürchtungen. »Vielleicht sollte deine erste Lektion sein zu lernen, was Verlust bedeutet -«
An’duna und ich reagierten beinahe gleichzeitig. Noch während sie meinen Arm entließ und einen Schritt auf unseren Gegenüber zumachte, züngelten bereits die ersten violett schimmernden Flammen meiner knöchernen Hand entlang. Meine andere schoss nach vorne, gerade, als die Elfe schon hinter der Nekromantin angekommen war und ihr den Arm um den Hals und ihre freie Hand auf die Seite des Kopfs legte, bereit, ihr das Genick zu brechen. In diesem Moment erhaschte ich ihre Robe, zog sie unsanft an mich heran und hielt drohend den vollendeten Schattenblitz ein paar Zoll von ihrem Gesicht entfernt.
Das alles benötigte nicht länger als drei Sekunden. Der Ring um uns herum bewegte sich nicht mehr. Kein Atemzug war zu hören. Das Lächeln der Frauen war auf ihren Lippen gefroren, die Männer mit einer Mischung aus Angst und trotzigem Ich-Hatte-Es-Doch-Gesagt erstarrt.
»Deine erste Lektion, oh größte Hexenmeisterin von Orgrimmar. Unterschätze niemals deinen Gegner, nur weil er blind ist.«
Ihr Grinsen wurde zu einer wahnsinnigen Fratze, als sie triumphierend brüllte: »Und du unterschätzt mich!«
Einen Augenblick später wurde An’duna wie aus dem Nichts nach hinten gerissen, wobei sie unserer Gefangenen beinahe den Kopf abriss. Das Ende einer Peitsche hatte sich um ihren Hals gewickelt, und ein paar Schritte hinter ihr, aber noch im Kreis, formte sich eine Figur aus vorher nicht dagewesenen Nebelschwaden: Hufe, denen zwei lange Beine entsprangen und die wiederum im Körper einer wunderschönen und sehr bekannten Frau mit Hörnern und riesigen Fledermausschwingen endete.
»Jhornva.«
Sie zwinkerte mir kurz zu und zog dann mühelos die überrumpelte Elfe in die Höhe, wo sie das Spitzohr einige Zoll über dem Boden an ihrem Umhangkragen baumeln ließ. »Was soll ich mit ihr machen, Meisterin?«
»Töte sie«, zischte die Nekromantin mit einem grausamen Lächeln.
Meine Hand näherte sich der Ork-Frau so nahe, dass die ersten Flammen verlangend nach ihrer Haut züngelten und sie zusammen zuckte. »Tu das«, knurrte ich mit einer Stimme, von der Eiszapfen herunter hingen, »und deine Meisterin verliert ihren Kopf. Tatsächlich sorge ich dafür, dass nicht genug übrig bleibt, um sie von den Toten holen zu können, verstanden?«
Jhornva hielt mitten in ihrer Bewegung inne. Ihre Hand hatte sich bereits dem Hals der Elfe genähert, wahrscheinlich, um sie mit ihrer unmenschlichen dämonischen Kraft zu erwürgen. Jetzt betrachtete sie mich eingehend, bis sie wieder lächelte. »Das tust du nicht, Dareth. Du würdest dich selbst viel zu sehr dafür hassen.«
»Aber ich tue es«, grollte Gregor aus mir hervor und zwang dabei meine Lippen zu einem manischen Grinsen, das so breit war, dass es schmerzte. »Blut wird fließen, ihre Gedärme werden diese Höhlenwände zieren, und wenn ich mit ihr fertig bin? Dann vernichte ich dich.«
Das Lächeln auf ihren Lippen wurde zu meiner unangenehmen Überraschung breiter. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, ihre freie Hand legte sich auf ihre Brust und ihre Zunge schnellte über ihre Lippen, wobei sie noch immer die halb benommene An’duna in die Höhe hielt. »Ah… der kleine Nekromant, mit dem ich so viel Spaß hatte. Hast du mich vermisst, Gregor Darkhand?«
Für einige Sekunden starrte jeder in der Höhle die Succubus an, mit Ausnahme von der Elfe, die stöhnend versuchte, ihre fünf Sinne wieder einzusammeln.
»TÖTE SIE!«, kreischte die Nekromantin und hob dabei ihre Faust, in der sich erste dunkle Magie sammelte.
Ich zögerte keinen Wimpernschlag lang. Meine eigene Faust fraß sich tief in das Gesicht der Ork-Frau, wobei sich augenblicklich der Gestank von verbranntem Fleisch mit wahnsinnigen, von Pein erfüllten Schreien vermengte. Achtlos warf ich sie zur Seite und stürmte auf die Succubus zu, die wiederum nichts anderes tat als mich anzulächeln und ihre Hand dem ungeschützten Hals der Elfe näher zu bringen.
Dann geschah alles sehr schnell. Ich merkte noch, wie An’duna plötzlich zu Boden ging, fallen gelassen von der Dämonin; wie meine nach vorne schnellende Faust mühelos zur Seite geschlagen, mein anderer Arm gepackt und ich herangezogen wurde, nur um mich in einer eisernen Umklammerung wiederzufinden.
Und ich spürte Jhornvas Lippen, die sich auf die meinen pressten, und ihre Zunge, die in meinem Mund schnellte wie eine Schlange, als wollte sie mich verzehren.
Meine Sicht verschwamm. Mein Atem stockte – das heißt, ich hörte vollends auf zu atmen – und meine Arme, meine Beine, mein ganzer Körper begann zu zittern. Ihre Zunge spielte regelrecht mit meiner, und je mehr sie das tat, desto mehr wollte ich, dass der Kuss nie enden würde. Und ich wusste, dass ich eigentlich dagegen ankämpfen sollte, aber ich konnte mir einfach nicht erklären, warum. Warum gegen etwas kämpfen, das so schön war? So innig und liebevoll und vertraut und schlichtweg himmlisch?
Ich war verliebt.
Als sich ihre Lippen lösten, lächelte sie mich an, und ihr Gesicht war wunderschön. Ihr Lächeln war wunderschön, ihre kleine Nase war wunderschön, ihre Augen funkelten wie Sterne, und wenn sich ihre Brust hob und senkte, wollte ich in Tränen ausbrechen, so wunderschön sah sie aus.
Aber irgendetwas war gar nicht wunderschön. Ich blinzelte ein paar Mal, weil Jhornva alles war, was ich sehen konnte, und eigentlich wollte ich auch gar nichts anderes sehen als sie und ihre vollen, verheißungsvollen Lippen. Irgendwelche Geräusche drangen dumpf an mich heran, zu leise, um mich wirklich darum scheren zu wollen, aber wieder war da dieser Hauch eines Gefühls, dass irgendetwas nicht stimmte.
»Folge mir«, wisperte die wunderschöne Jhornva, und alle Gedanken waren wie Kerzen ausgeblasen. Meine Augen hefteten sich auf ihr Lächeln, und ich folgte ihr, ich wäre ihr auch noch bis ans Ende der Welt gefolgt, bis ins Totenreich selbst –
Das Totenreich. Die farblose Welt.
»Folge mir«, hauchte sie wieder, aber dieses Mal war der Wind in meinem Kopf viel schwächer, und einige der neu entzündeten Kerzen leisteten verzweifelten Widerstand. Die farblose Welt, das Totenreich… wo ich schon einmal gewesen war. Und wer noch…
»Wir sind gleich da«, schnurrte Jhornva, und ihre Lippen näherten sich wieder den meinen, und unendliche Glückseligkeit sprudelte in mir auf in der Erwartung eines weiteren Kusses dieses himmlischen Geschöpfs, aber…
Das Totenreich. Die farblose Welt, in der ich schon einmal gewesen war, und wer noch… Wer noch! Es schien wie aus einem anderen Leben zu sein, aber…
Es funkelte. Es war ganz unten am Rand meiner Sicht, und es funkelte immer wieder. Aber es anzuschauen hieß, meinen Blick von diesem göttlichen Wesen abwenden zu müssen und nicht ihren makellosen, perfekten Körper bewundern zu können, ihr wehendes Haar, die winzigen Falten um ihren Mund, wenn sie lächelte…
Aber das Funkeln war stur. Es funkelte einfach weiter, und eine der Kerzen in meinem inzwischen sehr dunklen Kopf leuchtete jedes Mal ein bisschen stärker, wenn ich es wieder bemerkte. Und etwas in mir trachtete wirklich danach, das Funkeln zu sehen. Und sofort danach würde ich ja wieder Jhornva anschauen und vergöttern können.
Also senkte ich meinen Kopf. Mein Kinn stieß auf meine Brust. Alles war verschwommen, bis auf den kleinen Ring, der an einer Kette hing und immer wieder funkelte wie ein Glühwürmchen in einer dunklen Nacht.
Meine Liebe.
Und plötzlich waren meine Ohren frei, um die verzweifelten, wütenden Rufe der Nachtelfe zu hören, die meinen Namen brüllte. Meine Augen sahen die Fackeln um mich herum, die Höhlendecke über mir und Jhornvas Gesicht, aus deren Stirn zwei hässliche Hörner sprossen. Und neben ihr schwebte ein verunstaltetes Gesicht über mir, dem eine Wange fehlte und stattdessen verbranntes Fleisch aufwies, und das mich aus wahnsinnigen, hervorquellenden Augen mit einem äußerst mordlüstern aussehenden Dolch in der erhobenen Hand anstarrte.
»Oh, du Miststück.«
Die Klinge bohrte sich bis zum Heft in meine Brust. Mein Schrei gellte durch die Höhlen, wurde von ihnen zurückgeworfen und sprang hin und her, als die Hexerin das Messer nach unten zog und mich aufschlitzte, dann mit einem wahnsinnigen Lachen den Dolch zur Seite legte und begann, mit ihren Händen meinen Brustkorb zu öffnen.
Gregor war wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht stand er noch immer unter dem Zauber der Succubus, und ich hoffte es für ihn, weil die Schmerzen jetzt sehr schnell sehr stärker wurden. Als ich versuchte, dem verfluchten Weib meine Faust ins Gesicht zu drücken, bemerkte ich erst, dass ich auf einer Art Opferaltar lag und man, wie es für solche Altäre üblich ist, meine Arme und Beine mit Seilen befestigt hatte.
Das erfreute Gekreische der verdammten Hexenhure neben Jhornva ließ darauf schließen, dass sie gefunden hatte, wonach sie suchte. »Seelensteine!«, quietschte sie voller Entzücken, während sie in meinen Innereien herumwühlte. »Zerschlagene Seelensteine, die mit ihm verwachsen sind! Oh, wir beide lernen heute sehr schmerzhafte Lektionen! Und jetzt betäube ihn!«, schnauzte sie die Succubus an, die sich gehorsam über mich beugte und mir tief in die Augen schaute. Es war, als würde sie einfach durch meinen Lederverband hindurch blicken. »Liebst du mich nicht?«, murmelte sie mit einem solch anzüglichen Lächeln, dass selbst Steine dahingeflossen wären. Und dann pressten sich ihre Lippen auf die meinen.
Doch dieses Mal kam es anders. Es war nicht die Lust, die mich übermannte; es war nicht das Verlangen nach Liebe, nach Geborgenheit, oder einfach nur nach dem üppigen Körper der Dämonin. Es war der Ring auf meiner Brust, der wie ein tonnenschweres Gewicht auf mich drückte und mich daran erinnerte, wen ich für den Rest meines miserablen Lebens lieben würde.
Und zugleich sagte etwas in mir: »Ja.«
Als ihre Zunge in meinen Mund schnellte, war ich schneller als sie. Ihr Schrei war nur schlecht zu hören, weil sich meine Zähne in sie verbissen hatten und ich sie erst nach einigen Sekunden schmerzhafter Rangelei entließ. Und zugleich suchte ich meine letzten Reste Manas zusammen, die noch nicht verpufft waren, um einen Schattenblitz zu formen.
Voller Entsetzen stellte ich fest, dass nichts mehr da war.
Der Schmerz kam wie ein Attentäter: ungesehen, plötzlich und ohne ein Geräusch. Ich wusste, dass gerade etwas extrem Schlechtes passiert war, denn aus weiter Ferne drang der von Pein erfüllte Schrei Gregors an mich heran. Die Schmerzen, die er fühlte, entgingen mir hingegen kein bisschen. Und als ich kurz aufschaute, erkannte ich auch, was gerade geschah: die verrückte Ork-Hexenmeisterin fing mit allen Zeichen größter Zufriedenheit an, einen der Seelensteine aus mir herauszuschneiden.
Mit einem Mal dröhnte Gregors Stimme in meinem Schädel, so sehr, dass mein ganzer Kopf erzitterte und es sich einen Weg aus meinen Mund bahnte. Selbst in meinen Ohren klang das Brüllen nicht wie von einem Menschen, nicht einmal wie von einem Untoten. Es hatte etwas Erschreckendes, es war so laut und verzerrt, als könnte es nicht von dieser Welt stammen. Und ich konnte nicht einmal mehr meine Augen schließen, die wie gebannt auf die lachende Frau gerichtet war.
Lange, dünne Finger mit spitzen Krallen schlossen sich um ihr Handgelenk hielten es so sehr fest, dass der Dolch sich keinen Zoll mehr bewegte. Überrascht schauten wir beide die Succubus an, die ihrerseits all ihre Aufmerksamkeit auf die Hexenmeisterin richtete. Sie lächelte noch immer, doch in ihren Augen brannte ein kaltes, erbarmungsloses Feuer. »Das war nicht unsere Abmachung«, schnurrte sie wie eine Katze, die eine Maus in die Enge getrieben hatte und es jetzt für angebracht hielt, ein höfliches Gespräch mit ihr zu beginnen.
»Lass mich sofort los, Jhornva!«, schnauzte die Ork-Frau die Dämonin an, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen fuhr die Succubus etwas leiser fort: »Unsere Abmachung, Arga. Du würdest ihn nicht töten, du würdest ihn mir überlassen. So war es vereinbart.«
»Gehorche deiner Meisterin, Dämon!«, brüllte die Hexerin voller Wut und einem ersten zweifelnden Flackern in ihren Augen. »Du gehörst mir! Du gehorchst mir! Du -«
Das Knacken war so gut zu vernehmen, dass es gar nicht mehr ihres Schmerzgeheuls bedurfte, um zu wissen, dass Jhornva ihr gerade das Handgelenk gebrochen hatte. »Du hast eine Abmachung mit einem Dämon gemacht, Arga, und du glaubst, du müsstest dich nicht daran halten?« Das Lachen der Succubus klang mehr als nur fehl am Platze, während sie den Dolch in die Hand nahm, ihn ohne viel Federlesen aus meinem offenen Bauch herauszog und ihn in weitem Bogen hinter sich schmiss. »Oh, wie gerne habe ich mich als deine treue Dienerin aufgespielt! Die Hexenmeister zu töten, die dir nicht passten, einige Leute quälen, die interessante Dinge wussten… wir hatten viel Spaß miteinander.«
Kreischend riss Arga ihre unverletzte Hand in die Höhe und streckte sie der Dämonin entgegen. Einen Augenblick später war sie in einer dunklen Wolke gehüllt, aus der nur noch ihre Augen hervorleuchteten und ihre Schwingen herausstachen. Was auch immer das für ein Zauber war, er ließ die Hexenmeister in ihrer Ecke noch mehr zurückweichen und den Atem anhalten.
Als eine der Schwaden zu nahe an mich heran waberte, verstand ich auch, warum. Der Gestank war abscheulich, als würde Fleisch in Sekundenschnelle verrotten und meine Nase mit dem Geruch füllen. Und kaum dass ich ihn eingeatmet hatte, strömten Qualen und Pein durch mich, als wäre ich derjenige, dessen Fleisch gerade vor sich hin faulte.
Jhornva lachte. Gemächlich, noch immer in dem scheußlichen Zauber gehüllt, umrundete sie den Altar und trat direkt an ihre Kontrahentin heran. »Schattenmagie gegen ein Wesen, das aus den Schatten selbst kommt? Du enttäuschst mich, Arga.«
Der Schlag kam so schnell, dass ich ihn nicht einmal sehen konnte, doch die blutenden Striemen, welche ihre Klauen auf der Wange der Hexerin hinterließen, sah ich nur zu gut. Arga schrie auf, wich voller Panik zurück und warf dabei einen Schattenblitz nach den anderen auf die Succubus. Nicht wenige verfehlten sie, einigen wich sie mit graziler Gewandtheit aus, doch jene, die sie trafen, ließen sie ächzen und stöhnen. Dennoch huschte sie mit einem lüsternen Lächeln ihrem Opfer hinterher, und auch die dunkle Wolke verflüchtigte sich, zerstob in kleine Teile und fiel wirkungslos zu Boden, wo sie ins Nichts verpuffte, aus dem sie gekommen war.
Mit einem freudigen Schrei stürzte sie auf die Hexenmeisterin zu, so schnell, dass sie nur noch ein verschwommener Schatten war, der um die Ork-Frau herumtanzte und lauter blutige Kratzspuren an ihr hinterließ. Arga versuchte, sich so gut wie möglich zu wehren, aber es war offensichtlich, dass sie im Nahkampf keine Chance gegen die Dämonin haben würde. Jedes Mal, wenn die Hexenmeisterin einen Zauber zu wirken versuchte, fuhren ihr Fingernägel über Augen und Gesicht oder hinterließen blutige Kratzer an den Armen. Je länger es dauerte, desto verzweifelter wurde sie und desto unkontrollierter wurden ihre Schläge, bis sie nur noch versuchte, sich mit Händen und Füßen gegen die Furie zu wären.
Und dann, als wäre die Katze das Gespräch mit der Maus schließlich überdrüssig, erstarrte Arga. Voller Entsetzen weiteten sich ihre Augen, als sie auf die Hand schaute, die halb in ihrer Brust steckte. Ihre eigenen zitternden Hände betasteten sie wie in einem Traum, bis der erste feine Faden Blut aus ihrem Mundwinkel lief. Mit einem letzten Seufzen und einer gerunzelten Stirn, als könnte sie nicht verstehen, was gerade geschehen war, ging sie zu Boden.
Jhornva bewegte spielerisch die blutbefleckten Finger, bevor sie einen davon genüsslich ableckte und gemächlich zum Altar zurückkehrte. Sie strich mir liebevoll über die Wange, bevor sie mir zu hauchte: »Ich hoffe, wir sehen uns schon bald wieder.«
Dann atmete Arga den letzten Rest ihres Lebens aus, und die Succubus verpuffte einfach in eine kleine, wabernde Schwefelwolke.

Der Ork in seiner viel zu engen Robe starrte mich schweigend an, und ich erwiderte ebenso schweigend seinen Blick.
Er machte einen drolligen Eindruck: Seine Muskeln waren selbst durch den Stoff hindurch zu erkennen, und ihn als Nekromant zu bezeichnen, schien schlichtweg falsch. Er musste einfach ein Krieger sein, jemand, der mit einer kleinen Axt und einem gut gezielten, mächtigen Hieb einen ganzen Baum zu Fall brachte. Und sein Gesicht wurde von dichtem, schwarzem Haar umrahmt, das in einer wallenden Mähne sein Genick hinunter fiel und ein wenig an einen Löwen erinnerte. Ein Löwe mit Hauern und kleinen, etwas verloren dreinblickenden Äuglein und einer kolossalen Schnauze.
Schließlich reichte er mir den gläsernen Flakon, den er die ganze Zeit über etwas unschlüssig in der Hand gehalten hatte. Eine blaue Flüssigkeit schwappte darin umher, und ich musste nicht lange überlegen, was es sein könnte.
Für eine Weile hielt er das Gefäß fast direkt vor mein Gesicht, bis An’duna, die neben mir saß, zuerst mit einem wehleidigen Ausdruck die Augen verdrehte, um sich dann seiner zu erbarmen und ihm das Flakon aus der Hand zu reißen. »Er ist blind«, brummte sie noch voller Ironie, bevor sie den Korken aus dem Flaschenhals zog und ihn vorsichtig an meine Lippen setzte.
Mit jedem Schluck spürte ich regelrecht, wie sich meine geistigen Kräfte erneuerten. Ein Manatrank. Man konnte sagen, was man wollte, aber dieser Nekromant war trotz seines grobschlächtigen Aussehens nicht dumm.
Die Heilung kostete mich einige Minuten und unendliche Schmerzen. Nicht nur, dass ich Organe flicken und meinen halben Bauch zusammenwachsen lassen musste; als meine Heilkräfte begannen, den halb entfernten Seelenstein wieder an seinen Platz zu bringen, berührte ich Gregors Seele für einige Momente mit heiligem Licht, und es war, als würde ein Lavasee versuchen, einen Gletscher zum Schmelzen zu bringen. Unglaubliche Kräfte waren hier am Werk, und unglaubliche Qualen überfluteten mich dabei.
Außerdem fühlte ich mich schwach. Man hatte gerade in meinem Bauch herumgewühlt wie in einer Kiste auf dem Basar, und man hatte versucht, etwas aus mir herauszuschneiden, das eine Seele beinhaltete. Womöglich sogar mehrere Seelen, oder verschiedene Teile einer Seele, denn der Seelenstein war nicht mehr ganz, sondern zerbrochen, und mit mir selbst verwachsen. Die verdammte Hexenmeisterin hätte genauso gut mein Herz herausschneiden können, und es wäre bestimmt nicht weniger schmerzhaft gewesen. Es glich einem Wunder, dass ich überhaupt die Konzentration für den Heilzauber aufrechterhalten konnte.
Schließlich sank ich schwer atmend gegen den Altar, an dessen Seite ich mich hingesetzt hatte, und betastete vorsichtig die noch immer klaffende Wunde in meinem Bauch. »Es reicht nicht«, wisperte ich schwach zu An’duna, die ihrerseits nur nickte, kurzerhand den Saum ihres Kleides nahm und anfing, mit dem Opferdolch geeignete Verbände herauszuschneiden – nicht ohne den Dolch vorher an der Robe der toten Ork-Frau zu reinigen.
»Es tut mir leid, was geschehen ist«, meinte der Ork plötzlich und deutete dabei sogar eine leichte Verbeugung an. Seine Kollegen standen ein ganzes Stück hinter ihm noch immer in ihrer schattigen Ecke und beobachteten genau, was gerade passierte, immer bereit, gleich ihre eigenen Zauber und Dämonen zu beschwören, falls etwas aus dem Ruder laufen sollte.
»Arga hatte schon immer einen gewissen Groll gegen Untote, seit einer von ihnen ihren Ehemann gefressen hat«, fuhr der Nekromant entschuldigend fort. »Sie war, offen gestanden, verrückt.«
Die männlichen Hexenmeister im Hintergrund nickten zustimmend, hörten aber sofort damit auf, als sie die bitterbösen Blicke ihrer weiblichen Kollegen bemerkten.
»Niemand traute sich, ihr zu widersetzen, nicht zuletzt wegen ihrer Succubus. Jene, die es versuchten, sprangen mit glückseligen Eifer von Klippen oder wurden tot und von Peitschenhieben und Klauen gebrandmarkt aufgefunden.«
»Und du bist nun der neue Führer der Enklave?«, fragte ich mit einem gepeinigten Lächeln, während An’duna nicht eben zimperlich damit begann, meine Wunde zu verbinden, aus der ein dünner, zähflüssiger schwarzer Faden Bluts hinauslief.
»Vorerst, ja. Mein Name ist Gorlock. Gorlock Clangorfist.«
»Den Namen einem ehemaligen Feind zu verraten, kann ein schlechter Zug sein, Gorlock.« Gregor zuckte merklich zusammen, als die Elfe die Verbände festzurrte, und zischte leise: »Das tat weh!«
»Ein Zeichen des Vertrauens«, erwiderte Gorlock mit einem Lächeln und einer weiteren Verbeugung. »Wisse, Dareth Grishnak, dass nicht jeder nach deinem Leben trachtet. Ich und meine Brüder«, er warf einen Blick auf die grunzenden und nickenden Männer und auch auf die Frauen, die ihm jedoch lieber auswichen, »waren schon länger der Meinung, dass sich etwas ändern sollte in der Enklave. Zu lange sitzen wir hier unten und leiden unter dem Los, das die Brennende Legion unserer Zunft gegeben hat. Wir könnten Dinge tun, an welche andere nicht einmal zu denken wagen – nicht, um zu herrschen«, und ein wissendes Lächeln erschien auf seinen Lippen, dem meine finstere Miene nicht viel abgewinnen konnte. »Arga war ebenfalls dieser Meinung, doch sie hatte andere Motive. Düstere Motive, die viel mit Zerstörung und der Vernichtung aller Untoten zu tun hatte.«
»Ich kann sie verstehen.«
»Wir alle verstanden, warum sie so war. Aber das heißt nicht, dass sie so handeln durfte. Wenigstens ist der Spuk jetzt vorbei. Und da du hier bist, wollen wir dir unsere Hilfe anbieten.«
»Hilfe?«, wiederholten Gregor und ich verblüfft. »Bei was?«
»Dein Schattenblitz ist mächtig, mein Freund, aber teuer. Er verbrennt fast alles in dir, wie wir unschwer erkennen konnten, und ist mehr Werkzeug deiner Emotionen denn deiner Magie. Wir können dich unterrichten.«
»Und im Gegenzug?«
»Nichts«, brummte Gorlock mit einem Lächeln, das für einen Ork viel zu schlau wirkte.
»Nichts«, wiederholten wir, dieses Mal misstrauisch. »Rein gar nichts, ja?«
Gorlock verbeugte sich so tief, dass wir fast auf einer Augenhöhe waren. »Ein Freund von Urgrak«, wisperte er mit einem breiten Grinsen, »ist auch mein Freund.«
Als er sich wieder aufrichtete, rasten meine Gedanken bereits in alle möglichen Richtungen davon und entwarfen die tollsten Szenarien, was gerade passiert sein könnte. Der Gedanke, dass es sich bei allem hier nur um einen Traum handelte, stand hoch im Kurs, auch wenn ich nicht wusste, wann ich eingeschlafen sein sollte.
An’duna überprüfte ein letztes Mal, dass die Verbände auch vernünftig saßen, und die Schmerzen fühlten sich so echt an, dass ich den Traum umgehend wieder verwarf. Dann wandte sie sich mit blitzenden Augen an den Hexenmeister. »Und ich?«
»Ihr, meine Liebe, dürft unseren Freund natürlich geleiten und ihn unterstützen, wie es Euch am besten erscheint.«
An’duna und ich sahen uns für einen Moment an, bis ich schließlich nur mit den Schultern zuckte und vorsichtig meine Hand ausstreckte. »Einverstanden.«
Gorlock schüttelte sie mit einem Haifischgrinsen, das dem von Urgrak wie zum Verwechseln ähnlich sah.

»Du willst ein Hexenmeister werden.«
Die Kühle in ihrer Stimme ließ keinen Zweifel daran, was An’duna von meinem neuesten Meisterstreich hielt. Sie stützte mich zwar, weil ich mich nicht einmal stark genug fühlte, um alleine zu gehen, aber sie vermied es tunlichst, mich auch nur anzusehen. Die neue Kutte, die sie trug, verdeckte auch ihre Beine, die nun vom Kleid nicht mehr geschützt waren.
»Ich muss einer werden«, entgegnete ich ruhig und geduldig. »Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn einmal diese dunklen Kräfte einfach ausbrechen, nur weil ich wütend werde, und ich sie dann nicht einmal kontrollieren kann.« Genau genommen war das schon einige Male passiert, aber ich vermied es tunlichst, der Elfe von dem Gefangenen in den Kerkern Undercitys zu erzählen.
Die ersten Lichtstrahlen drangen ein ganzes Stück weiter vorne bereits in die Stollen ein und markierten den Weg zum Ausgang. »Hexenmeister sind genauso unnatürlich wie Untote«, bemerkte das Spitzohr mit einem gewissen Maß an Schärfe, nur um schnell fortzufahren: »Es beunruhigt mich, Dareth. Ich kenne keinen Hexenmeister, der jemals etwas Gutes getan hätte.«
»Aber du kennst inzwischen einen Untoten, der es zumindest versucht.«
Sie starrte stur geradeaus, bis sie doch noch sanft lächelte, gerade, als wir um eine Biegung gingen und in die heißen, staubigen Straßen Orgrimmars traten. »Ich kenne jemanden, der versucht gut zu sein, aber er ist kein Untoter.«
»Das habe ich mir oft selbst gesagt, An’duna. Bisher habe ich immer etwas gefunden, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Der neueste Beweis? Diese Wunde.« Ich drückte mit meinem Finger auf den Verband und bereute es sofort. »Jedes lebendige Wesen«, ächzte ich mit verzerrtem Gesicht, »wäre schon längst ohnmächtig gewesen.«
»Wenn du jedes Mal so reagierst, wenn ich dich aufmuntern will, dann verschwinde ich lieber wieder.«
Ich lachte leise und nickte den drei Grünhäuten zu, die rings um den Höhleneingang Position bezogen hatten und sich nun in einem Dreieck um uns herum aufstellten, um mit grimmigen Gesichtern und gut zur Schau gestellten Waffen deutlich zu machen, dass man besser weiter ging und sich nicht für das komische Pärchen in ihrer Mitte interessierte. »Nun, vielleicht lerne ich ja etwas Interessantes und -«
»Sie liebt dich, das weißt du? Die Succubus«, fügte sie hinzu, als sie meine gerunzelte Stirn und vermutlich verwirrten Gesichtsausdruck sah. »Sie – woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es«, erwiderte sie leichthin. »Wie sie dich ansah. Man konnte den Hunger in ihren Augen sehen. Sie will dich besitzen.«
Für eine Weile war ich sprachlos. Allein der Gedanke, dass Jhornva mich lieben könnte, brachte so viel Unruhe in meinen Kopf, dass es schwer wurde, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch als ich ihn doch noch erhaschte, erstarrte ich regelrecht.
»Gregor«, brummte ich mit einer bösen Vorahnung.
Mein Bruder antwortete nicht sofort, doch als er es tat, war seine Stimme so leise, dass ich nichts verstehen konnte, obwohl die Worte aus meinem eigenen Mund kamen.
»Du liebst sie, Gregor?!«
Die Seele wandte sich in mir wie ein Wurm an einem Angelhaken. »Vielleicht«, murmelte der Wurm schließlich.
»Aber du bist ein Untoter!«
»Und sie ist eine verfluchte Succubus!«, entgegnete Gregor nicht minder hitzig. »Sie ist dafür geschaffen, Leute zu verführen! Und sie ist so… so schön und so grausam und…«
Für einen Augenblick erinnerte ich mich an die Gefängniswache in Undercity zurück, die so einen guten Eindruck auf meinen Bruder gemacht hatte, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht lauthals loszulachen. Allerdings hielt dieses kleine Hochgefühl nicht lange an. »Gregor, woher wusste sie, dass wir hier sein würden? Und vor allem: woher kennt sie dich?«
Auch An’duna wartete gespannt auf eine Antwort. Mein Bruder ließ sich Zeit mit ihr, aber schließlich murmelte er: »Nicht hier. Ich erkläre es euch, wenn wir zurück sind.«
Ich machte meinem Unmut darüber mit einem leisen Seufzer Platz. »Also gut. Ich hoffe, es ist eine verdammt gute Erklärung.«
»Gut?« Gregor rang mir ein schmales Lächeln ab. »Nein. Etwas, das viel besser zu uns passt, Dareth. Verrückt.«
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#58 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 14 August 2014 - 18:17

Kapitel 30 – Seelen fangen

Ugrak erwartete uns mit dem breitesten Grinsen, das ich auf seinem Maul bisher gesehen hatte. Es machte mir unmissverständlich klar, dass er irgendwie bereits herausgefunden hatte, was in der Enklave geschehen war, und dass er sehr zufrieden mit sich selbst war.
Kaum dass die Wachen hinter uns die Tür geschlossen hatten, marschierten wir zu dem Tisch hinüber, ließen uns auf die Bank fallen und bedachten unseren Gegenüber mit einem möglichst tödlichen Blick, bis ich schließlich ziemlich aufgebracht meinen Mund öffnete. »Du hast genau gewusst, was passieren würde!«
»Oh, nicht genau«, erwiderte der Ork und ließ dabei eine gebratene Keule durch die Luft kreisen, die er in der Hand hielt. »Aber ich wusste, dass Arga langsam zu mächtig für meinen Geschmack wurde, und dass sie einem auf dem Silbertablett präsentierten Untoten nicht widerstehen können würde.«
»Also schickst du mich rein, in der Hoffnung, dass ich sie töte?!«
»Du hättest sie nicht getötet!«, widersprach er mir voller Entrüstung. »Du hättest dich gegen eine Wahnsinnige verteidigt, die dir ans Leder wollte! Jeder der Anwesenden hätte mir das bestätigen können. Aber was tatsächlich passiert ist, ist ungleich interessanter.«
Ich musste mich zusammenreißen, um ihm seine verfluchte Keule nicht aus der Hand zu schlagen. Gregor hatte bereits die Kontrolle über meine Finger erlangt und versuchte verzweifelt, sie in die richtige Position zu bringen, aber der Rest des Arms gehörte noch immer mir. »Und Gorlock ist…?«
»Mein Bruder. Eine grausame Enttäuschung für meine Eltern, ein Hexenmeister, und das nach all dem, was die Brennende Legion uns Orks angetan hat. Aber er ist von unschätzbarem Wert für mich, und nun, da wir den letzten Stein aus dem Weg geräumt haben, können wir vielleicht endlich anfangen, die Hexer aus der Versenkung zu holen und sie gewinnbringend einzusetzen.«
»Gewinnbringend als was, wenn ich fragen darf?«
»Alles. Hast du jemals einen Dämon im Kampf gesehen? Leerwandler sind die perfekten Schutzschilde bei einer Attacke. Und eine Höllenbestie… Nun, wenn eine Höllenbestie beschworen wird, ist ohnehin alles zu spät.«
»Nicht kontrollierbar«, schnauzte An'duna mitten in unser Gespräch hinein. »Dämonen nicht kontrollierbar. Du solltest es wissen.«
»Zumindest die großen nicht, das stimmt.« Urgrak kratzte sich mit seiner freien Hand am Bart, nahm dann einen großen Bissen von der Keule und fügte schmatzend hinzu: »Fi gleinen schon. Meiftens.«
»Was geschieht jetzt? Und schluck bitte erst herunter, ich möchte verstehen, was du sagst.«
Das halb durchgekaute Fleisch rutschte gut sichtbar durch seinen Hals und verschwand in den Tiefen seines Magens. »Du hast einen Dienst für mich erwiesen, Dareth, und niemand kann sagen, dass Urgrak seiner Dankbarkeit nicht Ausdruck verleiht. Du bist mein Gast in Orgrimmar. Natürlich ein Gast, von dem niemand weiß, außer ein paar wenigen speziellen Leuten.«
»Nach meinem Kampf in der Arena werde ich kaum einfach durch die Stadt marschieren können. Und An'duna ist eine Nachtelfe. Wenn man auch nur ihre Haut sieht, wird man sie niedermetzeln.«
»Dann sollte man sie eben besser nicht sehen.« Mit einem Schulterzucken warf der Ork die Keule einfach über seine Schulter nach hinten, lehnte sich ein wenig nach vorne und stützte seine Ellenbogen auf dem Tisch, um die Hände wie bei einem Geschäftsabschluss kräftig aneinander zu reiben. »Ich bezweifle, dass du eine Wahl hast, Dareth. Du wirst in Undercity gesucht. Die Tauren in Thunderbluff verabscheuen Untote noch mehr als wir. Und wenn wir dir deine Haare abrasieren und deinen grausigen Bart ein wenig kämmen, wird man dich gar nicht wiedererkennen, vor allem nicht mit dem Lederband. In den Augen Orgrimmars bist du in der Arena gefallen. Und die Nachtelfe wurde freigelassen, was für einigen Unmut und sehr viele Diskussionen über Ehre und Versprechen, die man vielleicht doch brechen sollte, gesorgt hat.«
»Was sagt Thrall dazu?«
»Thrall weiß nichts davon. Er will nichts davon wissen. Er hat genug Scherereien damit, die Horde zusammen zu halten und jeden davon zu überzeugen, dass Sylvanas Windrunner und ihre Verlassenen wirklich Verbündete sind und keine neue Geisel. Nach allem, was ich weiß, kann man der Banshee-Königin auch nicht trauen, aber der Frieden ist so schon brüchig genug.«
Ich schwieg für einen Moment und überdachte genau meine Lage. Schlussendlich war sie bei weitem besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich würde das Hexer-Handwerk lernen, Jhornva beschwören und ausquetschen können, und mich anschließend auf die Suche nach dem Mondbrunnen machen, um Gregor dorthin zu schicken, wo er auch hingehörte.
»Warum lässt du An'duna dann nicht einfach frei? Sie -«
»Nein.«
Überrascht wandte ich mich an die Nachtelfe, die mich wiederum voller Entschlossenheit und auch leicht säuerlich ansah.
»Was hat sie gesagt?«, fragte Urgrak neugierig, der von der Sprache der Nachtelfe kein einziges Wort verstand.
»Nichts«, antwortete ich etwas lahm, bevor ich mich wieder zu ihm umdrehte. »Anscheinend hat meine Begleiterin ihre eigenen Motive. Sie bleibt.«
»Ausgezeichnet!« Urgrak stand schwungvoll auf, rieb sich dabei noch immer die Hände und grinste sein verhasstes Haifischgrinsen. »Dann werde ich gleich einen Peon vorbeischicken, der dich rasiert. Deine Nachtelfe sollte sich solange im Nebenzimmer verstecken. Nicht, dass ein Peon sonderlich neugierig oder plapperhaft wäre, das haben die Prügel ihnen schon vor langer Zeit ausgetrieben.«
Kaum dass Ugrak unsere neue Behausung verlassen hatte, stellte mich die Elfe umgehend zur Rede. »Du wolltest ihm also meine Freiheit abringen?«
»Nun, ja -«
»Was fällt dir ein!« Sie brüllte mich dermaßen an, dass ich regelrecht erschrak und vor ihr zurück wich. »Willst du mich loswerden?! Stehe ich dir im Weg?«
»Ich – ich wollte nur, dass du frei bist –«
»Wenn ich frei sein will, werde ich es dir schon sagen!« Sie verfolgte mich unnachgiebig, jeder Schritt rückwärts wurde umgehend von ihr mit einem vorwärts beantwortet. »Bin ich zu schwach für dich? Vertraust du nicht darauf, dass ich dich schützen kann, nur weil mich irgendeine dämonische Schlampe überrascht hat?!«
Die Bank drückte unangenehm gegen meine Unterschenkel, als ich gegen sie stieß. An'duna hinderte das nicht daran, sich mir auf einen Zoll zu nähern und mich vollkommen an ihrer Wut teilhaben zu lassen. Ihr Finger bohrte sich in meine Brust, als wollte sie einem Toten klarmachen, dass ihr Zorn gerade überquoll. »Tu das nie wieder«, wisperte sie, und ihre plötzlich so leise Stimme war noch viel furchteinflößender als ihr Geschrei kurz davor.
Ich nickte nur. Es schien gerade genug zu sein, um sie davon abzubringen, mir den Kopf abzureißen. Sie schnaubte noch einmal auf, bevor sie endgültig von mir abließ und sich trotzig auf die Bank fallen ließ.
Für die nächste Zeit betrachtete mich das Spitzohr mit einer Miene, die deutlich machte, dass sie mir gerade die Schuld für alles Schlechte, was ihr jemals widerfahren war, zuschob. Auch einige zögerliche, besänftigende Worte von mir und einige eher beleidigende Worte von Gregor vermochten sie nicht davon abzubringen, mit verschränkten Armen auf der Bank sitzen zu bleiben und mich einfach nur wie ein Raubvogel zu beobachten. Es war nicht so, als hätte es mir Angst gemacht – zumindest nicht mehr als ihr Gefühlsausbruch vorher – aber ihr starrer Blick machte mich dennoch nervös. Und so vertrieb ich mir die Zeit, indem ich vor ihr auf und ab marschierte und sie versuchsweise immer wieder anlächelte, stets darauf vorbereitet, ein verärgertes Zischen als Antwort zu bekommen, das aber niemals kam.
Gregor hatte sich derweil daran gemacht, in seinen Erinnerungen nach einigen Dingen zu stöbern, die ihm merklich zusetzten. Ich musste nicht einmal versuchen, seine Gedanken zu lesen, um zu wissen, was ihn beschäftigte, und um einen weiteren Streit zu entgehen, ließ ich ihn vorerst gewähren. Die Geschichte mit der Succubus konnte er mir später auch noch erzählen; schließlich konnte er schlecht einfach weglaufen.
Ein Pochen an der Tür ließ mich in meinem stetigen Trott innehalten. »Wer ist da?«
Eine raue, aber dennoch merkwürdig klein wirkende Stimme antwortete in gebrochener Gemeinsprache. »Ich soll Haare schneiden.«
Ich drehte mich zur Elfe um, blickte sie bittend an und deutete auf den Raum gleich nebenan. Tatsächlich erhob sie sich, auch wenn sie mich keines Blickes würdigte, und schwebte geradezu über den Boden und durch das Zimmer in das andere. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen, die Tür laut genug zuzuknallen, dass man es auch noch am anderen Ende Orgrimmars hörte.
Ich seufzte wehleidig auf, bevor ich mich dort hinsetzte, wo die Frau gerade aufgestanden war. »Komm herein.«
Was durch die Pforte eintrat, war im Grunde genommen ein dummer, breiter Ork. Ihm fehlten der typische kriegerische Gesichtsausdruck, das Haar, die Entschlossenheit in den Augen, der aufrechte Gang eines Wesens, das wusste, was es wollte, und die Zuversicht im Allgemeinen. Vielmehr herrschte stets das genaue Gegenteil vor: er ging gebeugt, schaute ängstlich und etwas verloren drein, und kein einziges Haar bedeckte seinen glatten grünen Schädel. Aber davon abgesehen hätte es ein Ork sein können.
Der Eindruck änderte sich, als er erneut sprach. In seiner Stimme schwang einerseits das Streben nach Nichtstun mit, so gähnend gestreckt war sie; andererseits hörte ich Unterwürfigkeit heraus, die nicht von meinem Aussehen, sondern eher von den Schlägen herrührte, die er bekommen würde, wenn er nicht gehorchte. »Ich soll Haare schneiden«, wiederholte er.
Ich runzelte die Stirn, betrachtete für einen Moment Kamm und Schere, die er in seinen beiden Händen hielt, und nickte schließlich etwas zögerlich. »Das hat man mir auch gesagt.«
Diese Bestätigung reichte ihm vollkommen. Ohne ein weiteres Wort schlurfte der Peon zu mir hinüber, hob dann zu meinem Erstaunen mit augenscheinlicher Leichtigkeit die Bank an, drehte sie ein wenig, so dass er problemlos hinter mich treten konnte, und tat dann genau dies. Ich erkannte, dass das Wesen bei weitem nicht so kraftlos war, wie es den Eindruck machte. Die Muskeln waren einfach nicht so gut zu sehen wie bei anderen Orks, aber der gesamte Körperbau war drahtig und kräftig, wenn auch gut unter den weiten, sehr einfachen Klamotten versteckt.
Einen Moment später hörte ich auch schon die Schere klappern und fühlte, wie der Kamm durch mein lichtes Haar fuhr. Und wieder wurde ich von dem seltsam anmutenden Wesen überrascht: Auch wenn es offensichtlich war, dass er die Arbeit nicht gerne verrichtete, tat er sie doch umsichtig, genau und schnell. Das Einzige, das mir dabei Sorgen bereitete, war der dumpfe, abgedroschene Ausdruck in seinen Augen, wenn ich sie einmal zu Gesicht bekam. Ich hatte das Gefühl, dem beinahe perfekten Arbeitstier gegenüber zu stehen: dümmlich, ein wenig faul, aber mit ein paar Schlägen zu Höchstleistungen ermutigt. Und ich konnte mir gut vorstellen, dass Orks nicht eben zimperlich mit den Schlägen waren.
Der Peon werkelte nur ein paar Minuten an mir herum, bevor er mich mit seinem unterbelichteten Gesichtsausdruck anstarrte, nickte und fragte: »Noch eine Arbeit?«
Versuchsweise strich ich mir über das, was er von meinem Bart übrig gelassen hatte, und über meinen Kopf. Selbiger war praktisch geschoren und zu einer ziemlich glatten Glatze geworden, die zu meiner eigenen Überraschung weder seltsame Beulen noch runzelige oder vertrocknete Haut aufwies. Mein Kinn wurde dafür nur noch von einem kurzen, aber dichten Flaum bedeckt, der sich bis zu meiner Unterlippe ausbreitete und erst dort stoppte. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, menschlicher auszusehen als jemals zuvor, aber erst ein vernünftiges Spiegelbild würde das bestätigen.
»Hat man dir noch etwas aufgetragen, mein Freund?«
Der Peon schien für einen Moment sehr verwirrt. Er legte nicht nur seine Stirn, sondern sein ganzes Gesicht in Falten, öffnete seinen Mund ein wenig und brachte schließlich ein »Nein« hervor.
»Dann… denke ich, dass ich dich nicht länger benötige. Danke.«
Der Peon bewegte sich keinen Zoll.
Für einige Momente schwiegen wir uns an, bevor ich es noch einmal probierte: »Du kannst gehen, mein Freund.«
Sein Maul öffnete sich noch eine Spur weiter, aber mehr geschah nicht. Gerade, als ich mich fragte, ob er wohl nur einige wenige Worte der Gemeinsprache beherrschte, etwa »Ich soll Haare schneiden!«, und es auf Orkisch versuchen wollte, drang doch noch ein anderes Wort aus ihm hervor.
»Freund?«
Jetzt war ich es, der mit halb offenem Mund dasaß und meinen Gegenüber anstarrte. Im Gegensatz zu ihm erholte ich mich jedoch ziemlich schnell von der Überraschung. »Ähm… ja. Mehr oder minder. Ich meine, ich kenne noch nicht einmal… ähem. Wie heißt du?«
Wieder herrschte für einige Augenblicke Stille, in denen der Peon dreinschaute, als würde er gerade scharf nachdenken. Wahrscheinlich versuchte er herauszufinden, ob ich seinen Namen brauchte, um ihn an irgendeinen großen, bösen Ork zu verraten, der ihn daraufhin durch die Gegend treten würde, oder ob es tatsächlich einen anderen Grund geben könnte. Schließlich gewann die Unterwürfigkeit über die Anstrengung, die mit dem Nachdenken kam. »Olgak.«
»Olgak. Man nennt mich Dareth. Dareth Grishnak.«
Die Worte hinterließen, wie erwartet, ihre Wirkung. Seine Augen leuchteten regelrecht auf, und ein breites, dümmliches Grinsen breitete sich über seinen Mund aus. »Dachte, ich gesehen habe! Kannte Euch! Ehre!« Und er verbeugte sich so tief, das er drohte, vornüber zu kippen.
»Schon gut, Olgak!« Peinlich berührt stapfte ich zu ihm hinüber und richtete ihn wieder auf, nur um zu bemerken, dass er durchaus so groß wie ein normaler Ork sein könnte, wenn er nicht immer mit hängenden Schultern durch die Gegend schlurfen würde. Selbst Gregor, der sich gerade fertig machte, ihm irgendetwas Fieses entgegen zu schleudern, hielt sich in diesem Augenblick lieber zurück. »Ich hoffe, du verstehst, dass du niemanden sagen kannst, dass ich noch lebe?«
Wieder verzog der Peon, als er angestrengt nachdachte, bis es sich mit einem imaginären Schlag klärte. »Ja.«
»Gut«, erwiderte ich wenig überzeugt und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
»Wo Elfe?«
Meine Hand blieb auf seiner Schulter. Und auch wenn er immerzu dümmlich dreinschaute, wusste auch Olgak, dass er gerade etwas Falsches gesagt hatte. »Habe gehört«, plapperte er hastig und hob bereits seine Hände halb über den Kopf, als befürchtete er, ein Knüppel könnte aus dem Nichts auf ihn niedersausen.
»Gehört. Hm. Und woher willst du wissen, dass es eine Elfe war, die du gehört hast?«
»Kenne Sprache. Scheußlich.« Er wirkte bereits ein wenig hoffnungsvoller, da noch immer keine Prügel über ihn hereingebrochen waren.
»Und wann hast du sie gehört, diese Sprache?«
»Auf der Straße. Am Loch zu den Dunklen.«
Ich neigte meinen Kopf ein wenig zur Seite und betrachtete eingehend diesen muskulösen Koloss, der sich erfolglos hinter sich selbst zu verstecken suchte. »Tatsächlich.«
»Habe Euch gehört«, nuschelte er. »Bin gefolgt.«
»Ich habe dich nicht gesehen.«
Olgak zuckte nur mit den Schultern, das erste Anzeichen einer Gefühlsregung in ihm, die nicht direkt mit Angst zu tun hatte. »Niemand achtet auf Peon. Schlagen Peon, wenn schläft. Schlagen Peon, wenn arbeitet. Wenn nicht brauchen Peon, sehen Peon nicht.«
Ein Lächeln huschte über meine Lippen, zu schmal, um wirklich aufzufallen. Aber Olgak bemerkte es.
»Arbeitest du für Urgak?«
Augenblicklich schüttelte er den Kopf. Man konnte ihm regelrecht ansehen, wie er die Prügel fürchtete, die ihm Urgak verpassen würde, wenn er es jemals bestätigen sollte. Dass er sich nur selbst verriet, fiel ihm gar nicht auf.
»Gut. Du kannst gehen, Olgak.«
Hastig stand der Peon auf und rannte fast schon zur Tür hinüber, nur um dann noch einmal stehen zu bleiben, bevor er sie aufreißen konnte. »Bitte«, wimmerte er leise, »nicht verraten, Dareth.«
Ich grinste ihn breit an. »Warum sollte ich einen Freund verraten, Olgak?«
Ich hatte noch nie einen Ork weinen sehen, und auch dieser Peon tat es nicht. Allerdings war er so nahe daran, dass er geräuschvoll seine Nase nach oben ziehen musste, bevor er hinaus in die heiße Glut der Sonne Orgrimmars treten konnte.
»Ein Peon-Spion. Urgrak ist genial«, murmelte Gregor anerkennend. »Gut gemacht«, fügte er mit leichter Missgunst hinzu, als würde er mir meinen Erfolg nicht so recht gönnen.
»Ein netter Kerl«, stimmte ich meinem Bruder zu. »Meinst du, wir können ihn dazu bewegen, uns etwas mehr zu erzählen?«
»Er hat dir jetzt schon praktisch aus der Hand gefressen. Peons sind die unterste Schicht der Orks. Es würde mich nicht wundern, wenn man sie absichtlich mit Prügeln dumm und angsterfüllt hält. Die perfekten Arbeiter. Ohne sie würde Orgrimmar verhungern.«
Ich nickte. »Arme Schweine.«
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür hinter mir ließ mich umdrehen. An'duna stand im Türrahmen und schaute mich herausfordernd an.
»Was haben wir ihr eigentlich angetan, Gregor?«
»Ich habe Frauen nie verstanden.«
»Das erklärt dann wohl auch die vielen Kratzer in meiner Haut und das Loch in meiner Brust, ungefähr dort, wo das Herz ist?«
»Oh, haha. Du solltest ein Schelm werden, Dareth.«
Die Elfe schwebte wieder zu uns hinüber, ließ sich dann alles andere als grazil wieder auf ihre Bank fallen und begann, uns von neuem anzustarren. Dieses Mal hatte ich allerdings schon nach wenigen Minuten keine Lust mehr darauf. »Also gut, An'duna. Entweder erzählst du mir, was dich so sehr aufregt, oder ich verschwinde in die Stadt und lasse dich hier für die nächsten Stunden in deinem eigenen Gram köcheln.«
Ihr Blick war so feurig, dass es sich anfühlte, als würde sie mich in Brand stecken. »Du wolltest mich loswerden!«
»Du bist eine Nachtelfe mitten in Orgrimmar. Was, beim Licht und bei allen Heiligen Lordaerons, solltest du hier wollen?«
»Dich beschützen, natürlich!« Sie sagte es so anklagend, dass ich tatsächlich für einen Moment ein schlechtes Gewissen darüber bekam, wie ich das nur hatte vergessen können. Gregor hingegen scherte sich nicht im Geringsten darum. »Ich bin ein verdammter Untoter, Nachtelfe. Warum würdest du mich beschützen wollen? Und komm mir nicht wieder mit dem ganzen Schwachsinn von wegen, ich hätte dir das Leben gerettet«, fügte er kühl hinzu, als sie gerade sprechen wollte. »Ich bin das absolut Widernatürlichste, das dir begegnen kann. Deinesgleichen tötet mich, wann immer sie können. Deinesgleichen hasst mich, es ist ihnen regelrecht angeboren. Warum also willst du nicht in die Freiheit? Was ist schlimm genug, dass du lieber einen Untoten begleitest und dich dazu niederlässt, ihn zu beschützen? Schlimm genug, dass du versuchst, mir zu gefallen? Was erwartet dich da draußen?«
Diese kleine Rede hatte sie zum Schweigen gebracht, nicht aber ihre Wut gelindert. An'duna biss die Zähne aufeinander, um mir nicht gleich eine wütende Antwort entgegen schleudern zu müssen, und ihre Nase blähte sich zornig auf, wann immer sie einen Atemzug tat.
Dann dämmerte es mir wie die Sonne Orgrimmars: erst kleine, gütige Lichtstrahle, welche die dunkle Nacht erhellen und den Morgen ankündigen, dicht gefolgt von einem riesigen, versengenden Feuerball, der bis zum Zenit aufstieg.
»Sie fürchtet sich«, murmelte ich in die Stille hinein.
»Sie fürchtet sich? Das Einzige, das sie zu fürchten hat, ist hier! Sie -«
»Nein, Gregor. Sie fürchtet sich nicht vor dem Tod, sie fürchtet weder die Orks noch uns. Sie fürchtet ihre eigenen Leute.«
»Was?!«, schnauzte mein Bruder und unterzog die jetzt besonders schweigsame Elfe einer genauen Untersuchung. »Das ist lächerlich. Was hat sie zu befürchten, wenn sie zurückkehren würde?!«
»Sie war eine Gefangene der Untoten. Wer weiß, mit was für Krankheiten man sie infiziert hat, um nur einen Grund zu nennen.«
Gregor zögerte für einen Moment. »Also gut, das Argument zählt, aber -«
»Sie hat sich fangen lassen. Wer weiß, ob sie ihrer Position, ihres Rangs überhaupt noch wert ist.«
»Na fein, du kennst dich in ihrer Kultur besser aus als ich, und dennoch -«
»Sie konnte die Kinder nicht beschützen.«
Es waren genau diese Worte, welche ihre Miene hart wie Granit werden ließ und den Schmerz, den sie verspürte, darin einschloss. Selbst Gregor, der noch immer kein Mitleid zu kennen schien oder es zumindest nicht offen zeigte, verkniff sich seine nächsten Kommentare.
»Selbst wenn sie es wollte, sie kann nicht einfach zurück, Gregor. Nichts wäre, wie es vorher war. Böse Erinnerungen und anklagende Blicke der Eltern und aller um ihr herum… sie würde lieber sterben, als das ertragen zu müssen. Sie würde alles andere lieber tun als das.«
Wieder legte sich die Stille über uns. Sympathie hatte mich bis in die letzte Faser meiner Seele ergriffen. An'duna war fast in derselben Lage wie ich, was ich in meiner Blindheit erst jetzt richtig erkannte. Uns beiden waren Dinge widerfahren, die uns für immer verändert hatten; und uns beiden war klar, dass wir nichts daran ändern konnten. Die einzige Möglichkeit, die uns blieb, war, weiter zu marschieren und zu hoffen, dass wir uns jemals selbst verzeihen könnten, auch wenn wir nicht daran glaubten.
Die Nachtelfe hatte diese Verbindung zwischen uns von Anfang an erkannt. Kein Wunder, dass sie so wütend geworden war, als ich sie genau jenen Weg hinunterschicken wollte, den ich selbst nicht zu betreten wagte.
»Also gut«, brummte Gregor ein wenig verschnupft. »Solange ich weiß, woran ich bei ihr bin.«
Ich konnte nicht anders, als breit zu grinsen. »Du weißt doch noch nicht einmal genau, woran du bei mir bist.«
»Bitte, zeige den Orks deine Scherze. Ich werde mit Genugtuung die Schläge ertragen, die unweigerlich über uns hereinbrechen.«
Ich zwinkerte der Frau zu, und sie schenkte mir den Anflug eines traurigen Lächelns. Es bedurfte keiner weiteren Worte. Und auch wenn ihre Seele nicht in meinem verrottenden, stinkenden Körper steckte, so war mir jetzt klar, dass wir alle Seelengeschwister waren – eine kleine, verrückte Familie.

Auch wenn es Gregor ein wenig missfiel – wie so vieles, das ich genoss – so freute ich mich darüber, dass An'duna wieder mit mir redete.
Die nächsten Stunden verbrachten wir an dem Tisch und unterhielten uns über alles Mögliche: die Wälder Teldrassils, der Heimat der Nachtelfen; die Stadt Lordaeron, wie ich sie in meiner Erinnerung vor ihrer Zerstörung hatte; über das, was ich noch von meinen Reisen zu den Landen der Nachtelfen wusste; über Gefahren und Abenteuer, die wir beide bereits gemeistert hatten.
Wir lachten über zurückliegende ungeschickte Taten, über Streiche, die wir gespielt und für die wir auch bitterlich bestraft worden waren. An'duna prustete sogar, als ich ihr von meiner Nacht in den Kerkern Lordaerons erzählte und wie Leah, meine kleine Bogenschützin, mich hatte herausboxen müssen, nachdem ich einige Wächter an der Nase herumgeführt hatte und ihnen endgültig der Kragen geplatzt war.
Und dann fragte sie mit dem Ausdruck vollkommener Unschuld, den jede Nachtelfe zu beherrschen schien: »Und was ist mit Gregor und seiner Bekanntschaft?«
Ich grinste so breit wie kurz zuvor Ugrak, doch Gregor machte es mir sehr schnell mit einem fast schon hasserfüllten Seufzen zunichte. »Ich habe die ganze Zeit auf diese Frage gewartet.«
»Dann solltest du froh sein, dass sie endlich gestellt wurde!«
Ich konnte spüren, wie sich Gregor danach sehnte, sich selbst eine ordentliche Ohrfeige zu geben, aber seinen Drang doch noch in den Griff bekam. »Also schön, und nur, damit mich das Spitzohr nicht mehr so anschaut.« Tatsächlich starrte An'duna mich mit einem schmalen Lächeln an, wie jede Frau es tat, sobald sie mehr über die Zukünftige eines Mannes erfahren sollte.
»In meinem früheren Leben – bevor ich diesen Quälgeist Dareth und seine ekelhafte Frömmigkeit mit mir herum schleppen musste – sollte ich als Hexenmeister ausgebildet werden. Man hatte wohl in mir sehr früh eine gewisse Affinität zu den dunklen Mächten festgestellt, und wie es sich für einen Untoten gehörte, der unter Sylvanas Windrunners Kommando stand, sollte ich auch das erlernen, was ich am besten konnte.
»Ich wurde also in das Magierviertel verlegt und unter die Fittiche eines begnadeten Hexers gestellt, ein gewisser Harold Darkspawn. Er war ein relativ junger Untoter, er sah so aus, als hätte er noch kein Jahrhundert hinter sich gebracht. Und natürlich hatte er das nicht, so lange existierten die Verlassenen noch gar nicht, aber es ist schwer, das Alter einer Leiche einzuschätzen, wenn sie sich erst einmal ein wenig bewegt und allerlei Teile von sich in der Gegend verstreut und liegen lässt.
»Jedenfalls«, und hier unterbrach Gregor seine Geschichte, um einen kräftigen Zug aus einer der Weinflaschen zu nehmen, die auf dem Tisch zwischen kaltgewordenen Speisen und Früchtetafeln standen, »war er ein Bastard. Ein begnadeter zwar, aber das machte es nicht besser, eher das Gegenteil. Und er war bockig wie ein Kaninchen in der Brunftzeit. Muss in seinem früheren Leben ein reicher Mann gewesen sein, er kleidete sich nur in den besten Gewändern, die er in Undercity auftreiben konnte, seine Behausung glich einer Villa, Wandteppiche und Gemälde und Kerzen und was nicht noch alles, und weigerte sich, auch nur ein Wort mit mir zu wechseln, wenn er es nicht musste. Er war ein Lebemann gewesen, und er blieb es über seinen Tod hinaus.
»Er brachte mir nach Wochen auch endlich den Schattenblitz und die Dämonenhaut bei, beides Zauber, über die Dareth durch mich nun auch verfügt. Und weil er ein bockiger Narr war und mich beeindrucken und vermutlich auch ein wenig eifersüchtig machen wollte, nahm er sich vor, mir die Beschwörung einer Succubus beizubringen. Dafür braucht man drei Dinge: sehr viel Mana im Körper, einen gut gefüllten Seelenstein und einen Namen.
»Das Mana war kein Problem, ich quoll praktisch über davon. Die kleinen Zauber, die mir Harold beibrachte, beherrschte ich zwar eher stümperhaft. Sie waren effektiv, fraßen aber auch meine Kräfte auf. Und dennoch schien sich das Mana bei mir äußerst schnell zu regenerieren, als würde ich es von irgendwoher aufsaugen.
»Seelensteine hatte Harold selbst mehr als genug. Er füllte sie natürlich nicht selbst, er hatte einige Lakaien dafür, die er mit einem Hungerlohn abspeiste. Die armen Schweine trauten sich nicht, gegen ihn aufzubegehren, weil er im Magierviertel vielleicht nicht eben beliebt war, aber einen guten Stand besaß.
»Und einen Namen gab er mir natürlich auch. Ich denke, ihr könnt euch denken, welcher es war.«
»Jhornva«, murmelte ich leise, und Gregor nahm einen weiteren tiefen Zug.
»Jhornva, genau. Das hübscheste, teuflischste, atemberaubendste Weib, das ich jemals gesehen hatte. Nicht einmal die Nachtelfe, wegen der ich starb und die ich jetzt jage, hätte gegen sie ankommen können, und nur wegen ihres Aussehens war ich dieser Schlampe überhaupt gefolgt. Und es machte mir auch nichts aus, dass Jhornva riesige Fledermausschwingen besaß und ihre Beine in Hufen endeten und zwei Hörner aus ihrer Stirn sprossen. Es war mir vollkommen egal.
»Was mir alles andere als egal war, geschah sofort nach meiner ersten Beschwörung: Sie stand vor mir, lächelte mich mit diesem wunderschönen Lächeln an, verschlang mich regelrecht mit ihren Augen, sie ließ ihre Zunge über ihre Lippen schnellen… Und dann kam Harold, riss sie an sich und küsste sie. Und sie ließ ihn nicht nur gewähren, sie erwiderte es. Den Geräuschen nach zu urteilen schliefen sie diese Nacht nicht, sie waren zu beschäftigt.
»Harold, der Bastard, der er war, hatte also eine neue Aufgabe für mich gefunden, um seinen faulen Arsch zu schonen: Wann immer er seine Bockigkeit nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, brüllte er so lange, bis ich angetrottet kam, schmiss mir einen Seelenstein zu und befahl mir, ihm seine Geliebte zu holen. Und ich tat es, ich hatte keine sonderlich große Wahl. Und er zwang mich, ihnen zuzuschauen, damit ich sie sofort wieder zurück schicken konnte, wenn er fertig war.
»Es verzehrte mich. Mein Hass auf die Elfe, von dem ich geglaubt hatte, dass nichts mit ihm konkurrieren könnte, wurde von meinem Hass auf diesen verdammten Leichnam übertrumpft, der genau jenes Wesen durchbürstete, für das ich zum ersten Mal seit meiner Auferstehung etwas verspürte, das nicht mit Zerstörung und Wut zu tun hatte. Ich wollte an seiner statt neben ihr liegen, und wenn sie mich nur berührt und süße Worte in mein Ohr geflüstert hätte, wäre es genug gewesen.«
Er schwieg für eine Weile, gefangen in Erinnerungen und Träumen, die niemals in Erfüllung gehen sollten. An'duna wagte es kaum zu atmen, so gespannt war sie, auch wenn man ihr immer wieder den Ekel ansehen konnte, den sie alleine bei dem Gedanken bekam, mit einer Dämonin zu schlafen.
Eine leere Weinflasche und eine frisch geköpfte später fuhr Gregor mit seiner Geschichte fort. »Harold war sich seiner zu sicher. Er war größenwahnsinnig. Mehr noch als jeder normale Untote. Er machte sich Feinde, wohin er auch ging, durch seine Art, durch seinen Hochmut, durch seine Verächtlichkeit. Alles in allem gute Tugenden in einem Untoten, aber Harold brachte das Kunststück fertig, es dermaßen zu übertreiben, dass sogar die anderen Magier keine Lust mehr auf ihn hatten.
»Und er war so sicher von sich selbst, dass er glaubte, niemand würde jemals etwas von ihm stehlen. Der Dummkopf hatte dermaßen viele Seelensteine, gefüllt und ungefüllt, dass es ihm nicht einmal auffiel, wenn ich ein oder zwei an mich nahm und mich dann in mein Zimmer im tropfenden Keller zurückzog. Er war so faul und bequem geworden, dass er sich nicht die Mühe machte, immer wieder auf Schwingungen der Magie zu achten oder nach verdächtigen Geräuschen zu horchen. Und wie sich herausstellte, war Jhornva genauso loyal und rücksichtsvoll wie er selbst. Mehr noch, sie war von mir äußerst angetan. Sie hatte sich… verliebt.«
An'duna erwachte schlagartig aus ihrer Trance. »Verliebt«, wiederholte sie höhnisch.
»Verliebt«, bestätigte Gregor mit einem Schulterzucken und einem weiteren Schluck. Allmählich wurde mir warm, meine Sicht verschwamm immer wieder ein wenig, und das wunderschöne Gefühl des Rauschs machte sich in mir breit. »Nichts Ungewöhnliches für Succubi, habe ich mir sagen lassen. Es geschieht oft, dass sie sich in ihren Beschwörer verlieben, auch wenn Jhornva genug guten Geschmack besaß, um Harold als das zu enttarnen, was er war: ein bockiger Bastard. Sie halten es wohl normalerweise lieber mit Menschen und Gnomen, und einige sollen Orks verfallen sein, aber Jhornva… sie liebte mich. Und wie sie das tat. Ich hatte noch nie mit einer Frau geschlafen, nicht in meinem früheren Leben und nicht nach meiner Auferstehung. Es war sehr… erleuchtend. Und wenn sie danach neben mir lag, und der Geruch ihres Schweißes mir in die Nase stieg und besser roch als das frische Blut eines Menschen, wollte ich sie nie wieder in ihre Domäne zurück schicken.
»Aber wie alle guten Liebesgeschichten muss auch meine tragisch enden. Sie endet damit, dass Harold seinen faulen Arsch doch einmal in die Höhe hob, um selbst Jhornva zu beschwören. Nur konnte sie seinem Ruf nicht antworten, weil wir gerade ineinander verschlungen in meinem Raum lagen. Er wurde so wütend, dass er mit allen Mitteln versuchte herauszufinden, wer ihm seine liebste Gespielin, wenn auch nur für wenige Minuten, geraubt hatte. Und er fand mich.
»Der Kampf war kurz, aber schmerzhaft. Seine Schattenblitze durchbohrten mich, seine Flüche ließen meine Knochen bersten und mein Fleisch faulen, und Schmerzen, wie man sie sich nicht vorstellen kann, überrollten mich. Jhornva zerkratzte ihm das gesamte Gesicht, aber er schaffte es, sie zu bannen und zurück zu schicken. Doch er brauchte zu lange dafür. Es gab mir die Gelegenheit, meinen Dolch zu ziehen, hinter ihm zu treten und ihm seine verdammte Kehle durchzuschneiden.
»Von Jhornva gab es keine Spur mehr. Und ich stand mit dem Blut meines Meisters besudelt in seinem Haus. Also riss ich mir meine Klamotten vom Leib, rannte in eines seiner unzähligen Zimmer, nahm mir die erstbesten Kleider, die ich fand, und einen Umhang mit einer weiten Kapuze und verließ das Haus. Ich kam weit genug, bis man seinen Tod bemerkte, und zu meiner Überraschung wurde er mit viel Schadenfreude und wenigen Rufen nach Vergeltung aufgenommen. Wie ich schon sagte, er war nicht sonderlich beliebt.
»Ich war schwer verletzt. Ich brauchte Hilfe. Also ging ich zu den einzigen Untoten, von denen ich glaubte, dass sie mich nicht sofort ausliefern würden: die Schurken- und Attentäter-Gilde. Wie es sich herausstellte, konnten sie Harold Darkspawn genauso wenig leiden wie jeder andere auch, und sie nahmen mich mit offenen Armen auf.«
Gregor kippte den Rest der Flasche in sich hinein, rülpste einmal laut und fing dann an, sich dem kalten Fleisch zuzuwenden. Ich ließ ihn gewähren. Ich war zu verwundert darüber, dass dieses eiskalte, mörderische Gerippe tatsächlich so etwas wie Liebe verspüren konnte, wenn auch nur einem einzigen Wesen gegenüber, und wohl nur, wenn dieses Wesen zugegen war. Auch An'duna ging es augenscheinlich nicht anders: ihr Lächeln war hinfort gewischt, und sie betrachtete Gregor wie in einem anderen Licht. Schließlich räusperte sie sich, woraufhin Gregor mitten im Kauen innehielt. »Hast du sie wiedergesehen?«
»Nein«, brummte mein Bruder, kaute weiter und schluckte seinen Bissen hinunter. »Es war zu gefährlich. Darkspawn war zwar durch und durch ein Schweinepriester gewesen, aber es gab doch noch Leute, die in seiner Schuld standen und alles daran legten herauszufinden, wer ihn umgebracht hatte. Sie hätten mich sicherlich befragt, wenn ich nicht von den Schurken versteckt worden wäre. Aber jeder ist abgehauen, so schnell er konnte, alle Diener dieses Sohns einer Kakerlake, und sie konnten sich niemals sicher sein, wer es getan hatte. Als ich dann ein Attentäter geworden war, erkannte man mich nicht wieder – zu viele Schnitte, die gebrochene Nase, anderes Haar und so weiter – und ich hütete meinen Namen wie meinen Augapfel. Nicht, dass ich mir noch Sorgen um meinen Augapfel machen müsste«, fügte er verbittert hinzu.
»Sie hat erwähnt, dass sie deine Seele nicht bei sich behalten konnte«, meinte ich vorsichtig. »Als du das zweite Mal tot warst.«
»Davon weiß ich nichts«, erwiderte Gregor dumpf, wobei er sich schon wieder dem Fleisch zuwandte. »Ich weiß nichts von dieser Schattenwelt, die du erwähnt hast, ich weiß nichts von Jhornva. Ehrlich gesagt frage ich mich, wie bei Arthas Barte sie es geschafft hat, uns ausfindig zu machen.«
»Ausfindig machen?«, fragte An'duna verblüfft. »War es kein Zufall?«
»Hast du überhaupt zugehört?«, schnauzte mein Bruder die Elfe an. »Sie hatte einen Handel mit Alga abgeschlossen. Sie wusste, dass wir hierher kommen würden, und sie hat sich selbst zur Sklavin dieser Ork-Hure gemacht, um uns hier zu erwarten. Ich möchte wissen, woher sie das wusste, und vor allem wie.«
»Nun, nichts einfacher als das«, meinte ich leichthin. »Wir besorgen uns einen Seelenstein, beschwören sie und fragen sie.«
Gregor verharrte für einen Moment, und unzählige Gedanken schossen ihm durch meinen Kopf, die von wahnsinniger Vorfreude bis zu irrer Furcht reichten. »Einfach«, murmelte er dann mit einem schrägen Lächeln. »Dareth, es ist nie einfach.«

Bearbeitet von Al Fifino, 14 August 2014 - 18:18,

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#59 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 07 September 2014 - 08:51

Wollte nur mal eben "Hallo" an alle Leser sagen, und Danke, dass ihr so eifrig weiterlest. Wobei ich ehrlich gesagt nicht verstehe, warum der Ticker des Threads wächst und wächst, obwohl ich nur so lahmarschig voran komme. Aber... joa, Danke.
(Wie der Kapitel-Titel schon vermuten lässt, wird's jetzt auch ein wenig anstößiger. Es bleibt aber in einem appetitlichen Rahmen, also keine falsche Scheu.)
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Kapitel 31 – Liebesspiele


Der Plan besagte folgendes: An’duna musste versteckt bleiben; ich, oder eben Gregor, mussten lernen, wie man Seelen in einen Seelenstein verschloss; wir mussten eine Seele einfangen; und dann würden wir Jhornva beschwören und herausfinden, warum wir von einer geflügelten Schönheit mit dämonischen Wurzeln verfolgt wurden.
Der Plan klang eigentlich sehr einfach und einleuchtend. Was mir zu spät bewusst wurde, waren die vielen kleinen Aufgaben und Unannehmlichkeiten, die damit verbunden waren.
Die nächsten Tage verließ ich unseren geräumigen Rundbau in aller Frühe, um bei den Hexern vorbeizuschauen. An’duna begleitete mich die ersten Male, und wir waren gezwungen, in den frühsten Morgenstunden aufzubrechen, um nicht von neugierigen Blicken verfolgt zu werden. Allerdings gestaltete sich mein Unterricht für sie als einerseits langweilig und andererseits unnatürlich – ein Wort, das sie inzwischen so oft gebrauchte, dass ich es gar nicht mehr hören mochte – und deshalb blieb sie bald in unserem Haus zurück und beschäftigte sich mit anderen Dingen. Sie begann, den Tag über zu ruhen und des Nachts zur Tür hinaus zu schlüpfen, um das schlafende Orgrimmar zu erkunden. Wenn ich nichts Besseres zu tun hatte, begleitete ich sie dabei. Schlaf oder der Mangel davon war nichts, was einen Untoten betraf.
Der Unterricht selbst ging gut voran. Nach zwei Tagen hatte ich das Gefühl, den Schattenblitz schon sehr viel besser unter Kontrolle zu haben; statt drei oder vier konnte ich zehn bis zwölf von ihnen beschwören, bevor ich mich schlapp und entkräftet fühlte. Außerdem schaffte ich es, ihn schmaler und kräftiger zu formen, so dass er auch stärkere Rüstungen und, mit wiederholten Treffern, sogar Mauern durchstoßen konnte.
Nach zwei weiteren Tagen hatte ich gelernt, die Dämonenhaut soweit zu perfektionieren, dass ich sie praktisch ständig beschwören konnte, wenn sich ihre Kräfte verflüchtigten, ohne mir zulasten zu fallen. Es war ein gutes Gefühl, trotz meiner einfachen Kleidung eine magische Rüstung zu tragen, welche Treffer von Schwertern und Dolchen zumindest einigermaßen aufzuhalten vermochte.
Und dann lernte ich, Seelen zu fangen.
Gorlock hatte mich unter seinen Fittichen genommen, und man musste ihm lassen, dass er für einen Ork ungewöhnlich einfühlsam sein konnte. Natürlich grunzte er belustigt, wann immer ich einen Zauber verpatzte oder ihn bei weitem nicht so gut ausführte, wie er es für richtig hielt; aber im Gegensatz zu anderen, vor allem untoten Lehrern hielt er es für angebracht, Ratschläge zu erteilen, anstatt mich im Regen stehen zu lassen.
Als ich ihn an diesem Morgen traf, rieb er sich bereits freudig die Hände. »Es wird Zeit, dass du lernst, Seelen zu fangen. Eine der wichtigsten Tugenden als Hexenmeister, und zugleich eine der Kräfte, wegen der man uns am meisten hasst.«
Ich runzelte ein wenig die Stirn, als ich vor meinem Lehrmeister stehen blieb. Er hatte, im Gegensatz zu seinem Bruder, sehr früh meine Fähigkeit zu sehen erkannt, und zu meiner diebischen Freude hatte er sich bereit erklärt, nichts zu verraten. Außerdem wäre es schwer gewesen, ihm klarzumachen, warum ich ein Ziel auch noch auf zwanzig Schritt Entfernung treffen konnte, obwohl ich es nicht einmal sah.
»Wie du vielleicht weißt«, grunzte er und ging dabei tiefer in die Kavernen hinein, »kann man nicht einfach einen Dämon beschwören, wenn man Lust und Laune dazu hat. Manche Dämonen verlangen ein Opfer – eine Seele, als Tausch dafür, dass sie in unsere Welt kommen und uns gehorchen.«
»Was geschieht mit den Seelen?«
»Sie verschlingen sie.« Gorlock sah mich voller Ernst an, bevor er weiter ging. »Unsere Zunft ist keine für Barmherzige, Dareth. Was wir tun, ist grausam. Deine Elfe nennt uns unnatürlich, und sie hat Recht. Aber es ist ein Handel, den wir eingehen, im Tausch für große Macht. Und mit Macht kommt hoffentlich auch Verantwortung.«
Er blieb neben einer Öffnung, die noch weiter in den Boden hineinführte, stehen. Die magischen Fackeln reichten bis hierher und erhellten den Eingang, doch was tiefer lag, wurde von der Dunkelheit versteckt. »Dort unten wohnen einige Kobolde«, brummte der Hexenmeister mit einer gewissen Feindseligkeit in der Stimme. »Kleine garstige Biester, mit kleinen garstigen Seelen. Normalerweise tun sie uns nichts, aber in letzter Zeit sind sie aus irgendeinem Grund aufmüpfig geworden. Sie fangen an, unsere Lager anzugreifen und unser Essen zu stehlen. Aber insgesamt sind sie ziemlich harmlos. Geeignete Opfer«, fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu.
Ich nickte grimmig, auch wenn mir allmählich Zweifel kamen, ob das alles noch eine gute Idee war. Seelensplitter zu verwenden, war eine Sache; sie zu erschaffen, eine ganz andere. Der Zauber entriss dem Feind sein Innerstes, eben in jenem Moment, da er starb, und speicherte diese Essenz in dem kleinen, violetten Stein.
»Hast du dir schon überlegt, wie du an die Seele herankommen willst?«
Ich nickte erneut. »Es ist nicht das erste Mal, dass ich jemanden überrumple.« Probehalber ließ ich meinen Daumen über das Ritualmesser laufen, das mir Gorlock – sehr zum Missfallen der Hexerinnen und sehr zum Gefallen seiner männlichen Kollegen – mit den Worten »Das brauchen wir nicht mehr« an mich überreicht hatte. Es war scharf genug, um eine Kerbe in dem Knochen zu hinterlassen.
Natürlich war nicht ich es, der schon einmal jemanden überrumpelt hatte. Gregor war sich seiner Sache so sicher, dass ich nicht einmal daran dachte, an ihn zu zweifeln. Das machte die Aussicht, einem mehr oder minder Unschuldigen eine spitze und todbringende Klinge in den Leib zu stecken, nur um ihm dann beim Sterben zuzusehen und zuletzt seine Seele herauszureißen, bevor sie ins Totenreich fliehen kann, nicht besser.
Genau genommen gab es einen Interessenkonflikt. Ich war ein Priester, und Gregor ein Hexenmeister. Wo er Seelen einfing, versuchte ich eigentlich, Seelen zu erlösen; wo er sie an Dämonen verfütterte, versuchte ich normalerweise, sie zurück in den Körper oder zu ihren neuen Bestimmungsort zu geleiten. Zugegebenermaßen hatte ich noch niemals jemanden von den Toten zurückgebracht, zumindest nicht, soweit meine Erinnerungen reichten, und sie kamen von Tag zu Tag mehr zurück. Fetzen aus meiner Kindheit flogen mir zu, wenn ich Schattenblitze gegen Übungspuppen schmiss und diese zu Staub verarbeitete; Ereignisse aus Lordaeron, als sie noch eine blühende und lebendige Stadt war, fielen mir wieder ein und brachten mich zum Schmunzeln, während ich Seuchewolken durch die Gegend sandte und Flüche auf andere Übungspuppen schmiss, die, obwohl sie nur aus Stoff und Stroh waren, an den üblen Mächten zugrunde gingen.
Ich wollte heilen. Ich wollte wiedergutmachen, was andere den Schwachen angetan hatten. Nicht zerstören und Schmerzen zufügen, obgleich auch das in meiner Macht stand, wenn ich es denn gewollt hätte.
Der Hexer in mir hingegen lechzte regelrecht danach, endlich in die Dunkelheit hinabzusteigen und einigen kleinen Wesen ihre armseligen Seelen herauszureißen. Und er lechzte vor allem nach einer ganz gewissen Dämonin, die er dann zu beschwören fähig sein würde. Seit Tagen dachte Gregor eigentlich an nichts anderes mehr als an Jhornva. Selbst sein verzehrender Hass, der niemals erlöschen würde, war zu einer Kerze geworden, die im Vergleich zu dem riesigen Feuer des Verlangens nach der Succubus geradezu winzig wirkte.
Ich seufzte leise, bevor ich hinab in die Dunkelheit stieg.
Meine Augen brauchten nur einen Moment, um sich an das vollkommene Fehlen des Lichts zu gewöhnen. Obgleich ich nicht jede Einzelheit der unbehauenen Wände um mich herum erkennen konnte und auch immer wieder über einen im Weg liegenden größeren Stein stolperte, kam ich gut und leise voran. Und es dauerte nicht lange, bis ich erstes Quieken und leises Scharren vernahm, und irgendwo ein Stück weiter vor mir der nervös zuckende Schein einer Kerze tanzende Schatten an die Wand schmiss.
Ich drückte mich sofort flach gegen den Stein und wartete. Tatsächlich wurden die Schatten größer, das Quieken und Scharren lauter, und gleich darauf marschierte ein Wesen, vielleicht halb so groß wie ich, an mir vorbei. Seine lange Schnauze endete in einem dichten Bart, die Augen schauten dumpf geradeaus, die Hände hielten eine Spitzhacke fest im Griff, und eine einzelne Kerze war auf seinem Helm angebracht, welche durch die Bewegungen immer wieder flackerte. Seine Füße waren ebenso pelzig wie seine Schnauze und nackt, mit klauenartig langen Nägeln an den Zehen. Und ein dicker Schwanz, wie bei einer Ratte, stach aus seiner dreckigen und geflickten Hose hervor. Tatsächlich erinnerte der Kobold sehr an eine etwas zu klein geratene Ratte mit längeren Armen, die auf zwei Beinen herum wackelte.
Der Angriff kam lautlos aus dem Hinterhalt. Mein Dolch durchbohrte den Kobold von hinten, drang zwischen den Rippen ein und zerfetzte ihm regelreicht seine Lunge. Was vermutlich ein lauter, schmerzerfüllter Schrei geworden wäre, drang so als ein leises Fiepen aus seinem Mund. Seine Spitzhacke fiel mit einem metallischen Klang zu Boden, und seine Hände griffen nach seinem Helm – um die Kerze herunter zu brechen und sie beschützend an sich gedrückt zu halten, obwohl ihr Docht noch immer brannte.
Mein Dolch glitt wieder aus dem Körper heraus, und der Kobold brach zusammen. Die Kerze, die jetzt sein Gesicht erhellte, schien alles zu sein, an das er denken konnte: er starrte sie mit großen Augen an, während er versuchte zu atmen und es doch nicht zustande brachte. In diesem Moment mussten sich seine Lungen mit Blut füllen. Er würde gleich gar nicht mehr atmen können und elendig ersticken.
Aber es war seine unheimliche Faszination mit der Kerze, die mich erschütterte. Sein verlöschendes Leben schien ihm unwichtiger zu sein als das Stück Wachs, das in seiner Hand brannte und dessen Flamme er dermaßen fixierte, dass er mich gar nicht bemerkte.
Gregor brummte nur leise. »Der Zauber. Wenn du dich nicht beeilst, müssen wir einen weiteren töten.«
Hastig schüttelte ich den Kopf, um meine Gedanken zu ordnen. Noch einen von diesen kleinen felligen Kerlen zu töten, stand für mich außer Frage. Ich hatte ihm keinen Kampf geliefert und konnte deshalb nicht sagen, wie grausam oder gefährlich sie wohl sein konnten, aber der Anblick dieses sterbenden Kobolds war für mich Beweis genug, dass sie einen solch grausamen Tod nicht verdient hatten.
Ich streckte meine Hand aus und rezitierte die Formel, ein unverständliches Kauderwelsch aus dumpf und grausam klingenden Lauten und Grunzen. Wenn ich es richtig verstanden hatte, war es eine Art Gebet – ein Gebet an den Nether, an die Macht und die Welt, die außerhalb von Azeroth und den Östlichen Königreichen lag, die unsere Welt umfloss und durch welche die Brennende Legion zu uns gekommen war. Eine Welt, die aus reiner Magie bestand, die arkane Magie war, in der sich die Dämonen ein Zuhause geschaffen hatten und welche die Seelen all jener aufnahm, die starben. Ein Gebet also, in dem ich diese Macht, den Nether, darum bat, mir einen Teil der Seele auszuhändigen, und dafür meine eigene arkane Macht anbot.
Der grüne Strahl, der aus meiner Hand und in den Kobold schoss, ließ mich selbst erschrocken zusammen zucken, und auch Gregor hielt den Atem an. Gebannt schauten wir auf unser Opfer, das mit einem Mal nicht mehr die Kerze anstarrte, sondern die Fähigkeit verloren hatte, überhaupt irgendetwas genauer zu fixieren. Seine Hände verkrampften sich dermaßen, dass die Kerze zerbrach und erloschen zu Boden ging. Sein Mund öffnete und schloss sich ein paar Mal, bis der ganze Körper erschlaffte und die Augen schließlich glasig wurden.
Ich sackte fast zusammen, als der Zauber verebbte. Meine körperlichen Kräfte waren nicht beeinträchtigt, aber es fühlte sich an, als hätte gerade etwas ohne Rücksicht mein Mana aufgesaugt und gerade genug zurückgelassen, um mir die höllischen Kopfschmerzen zu ersparen, die jedes Mal mit dem vollkommenen Aufbrauchen meiner magischen Reserven einherging. Ich stand wieder in der vollkommenen Dunkelheit.
Nur zwischen den Fingern meiner rechten Hand funkelte etwas mit einem violetten Schimmern hervor. Als ich sie öffnete, lag ein Seelensplitter darin – ein spitzer, pulsierender Steinsplitter, so scharf, als wäre er geschliffen worden, und einem kunstvollen Edelstein nicht unähnlich.
Ich stupste den Leichnam des Kobolds mit meiner Fußspitze an und drehte ihn schließlich auf den Rücken. Dass er tot war, konnte jeder erkennen; wodurch er gestorben war, ebenfalls. Noch immer floss Blut zäh und langsam aus der Wunde. Doch abgesehen davon konnte man nicht sagen, dass die Seele des armen, zur falschen Zeit am falschen Ort verkehrenden Bastards niemals in den Nether – oder die Schattenwelt, wie ich es nannte – gehen würde.
»Wir haben den Splitter«, murmelte ich leise. »Verschwinden wir.«

Gorlock hatte sich neben dem Eingang zum Tunnel auf einen einladenden Stein niedergelassen und eine Pfeife angezündet, an der er gerade genüsslich zog, als ich aus der Dunkelheit hervor trat. »Wie ich sehe, bist du heil zurückgekehrt. Und deine Aufgabe?«
Ohne ein Wort streckte ich ihm meine Hand entgegen, in der noch immer der pulsierende Seelensplitter lag. Der Ork nickte merklich zufrieden, stand auf und klopfte sich ab. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, weißt du bereits, was du jetzt zu tun hast.«
»Die Beschwörung«, erwiderte ich mit einer starren Miene. »Wäre es möglich, dafür ein Zelt zu bekommen, das etwas abseits gelegen ist?«
Gorlock nickte wissend. Auch ihm war das Spektakel, das sich vor einigen Tagen zugetragen hatte, gut in Erinnerung geblieben. »Es gibt einen Seitenarm, der sich ein wenig von der Enklave entfernt und dann aufhört. Wir haben dort vor langer Zeit ein kleines Zelt aufgebaut, in dem wir einige Dinge lagern, die keiner mehr benötigt. Ersatz-Roben, Stoffe, Fäden, solche Kleinigkeiten.«
»Führe den Weg.«
Gehorsam trottete der Ork los, und ich folgte ihm. Mit jedem Schritt wurde es schwerer, meine steinerne Miene beizubehalten und die Aufregung zu verstecken, mit der mich Gregor gerade ansteckte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir gar nicht erst auf Gorlock oder einen geeigneten Ort gewartet, sondern Jhornva noch unten in den finsteren Gängen beschworen.
Entsprechend genervt war ich, nachdem wir endlich wieder in der Enklave angekommen waren. Gregor hatte sich die Zeit vertrieben, in den Erinnerungen seiner amourösen Abenteuer mit der Succubus zu versinken und die Gefühle, die ihn dabei überkamen, ausgiebig mit mir zu teilen. Sie liefen mir nicht direkt zuwider, erinnerten mich aber ständig daran, dass ich Leah gegenüber niemals schuldig geworden war und es auch jetzt, da sich ihre Seele hoffentlich an einem besseren Ort befand, nicht vorhatte.
Den wenigen Hexenmeistern, denen wir begegneten, nickte ich voller Anspannung zu. Die meisten von ihnen erwiderten meine freundliche Geste, auch wenn die Hexerinnen es zögerlicher taten und man ihnen anmerkte, dass sie noch immer einen gewissen Groll gegen mich hegten. Als ich Gorlock darauf ansprach, zuckte er nur mit seinen massigen Schultern. »Du hast ihre Anführerin getötet. Was erwartest du von ihnen, Dankbarkeit?«
»Sie haben Arga unterstützt?«
»Man sollte Frauen niemals unterschätzen«, grollte der Ork, während wir die Enklave durchschritten, in der gerade der verlockende Duft von frisch zubereitetem Essen vorherrschte und das Schmatzen ihrer Bewohner aus den Zelten drang. »Sie sind oft machtgieriger als ihre Männer. Und Frauen stehen bei uns den Männern in nichts nach. Nur weil sie nicht so muskulös wie wir aussehen, heißt das nicht, dass ihre Hand nicht genauso stark ist.«
»Sprichst du aus Erfahrung, Gorlock?«
Er beantwortete mein Grinsen mit einem, das sehr gequält aussah. »Ork-Frauen liefern ihren Männern immer einen Kampf, sei es am Tag auf der Straße als auch des Nachts im Bett.«
Wir verließen wieder die Kaverne und traten in einen kleinen, unscheinbaren Stollen, der gerade genug erleuchtet wurde, um tiefer hängenden Steinen auszuweichen und sich nicht den Schädel einzudellen. »Folge einfach dem Gang bis ans Ende. Eine Bettstätte sollte ebenfalls dort sein. Ich werde dir im Laufe des Tages etwas zu essen bringen lassen, aber ich glaube, du wirst vorerst mit etwas… anderem beschäftigt sein.«
»Das werde ich, Gorlock. Aber vermutlich nicht mit dem, was du denkst.« Ich seufzte leise und reichte ihm dann meine Hand. »Danke.«
Seine Pranke ergriff sie und drückte sie gerade stark genug, dass die Knochen nicht brachen. »Ich danke dir. Ein Untoter, der vernünftig mit sich reden lässt und mir hilft, Ordnung in meine Reihen zu bringen, ohne unnötiges Blutvergießen? Es ist mir eine Ehre, einem solchen Untoten zu helfen.«
Wir nickten uns noch ein letztes Mal zu, dann drehten wir uns beide um und gingen unsere getrennten Wege. Gorlocks Weg führte vermutlich zu einer deftigen Mahlzeit. Meiner führte in eine ungewissere Richtung.
Das Zelt, das ich kurz darauf fand, war für meine Zwecke mehr als nur ausreichend. Wie der Ork schon gemeint hatte, war es nicht sonderlich groß und maß vielleicht vier Schritt in Länge und Breite. Ebenso wie die Zelte in der Haupthöhle der Enklave war es rechteckig aufgebaut und von einem dunkel-violetten Stoff umfangen. Als ich eintrat, empfingen mich bis unter das Zeltdach aufgestapelte Stoffballen, zusammengelegte Roben, Kisten voll mit Woll- und Seidengarn und eine kleine Schatulle voll mit Nadeln. Kaum dass ich den Stoff einmal zwischen meinen Fingern rieb, wurde mir klar, dass es derselbe war wie der, mit dem ich An’dunas Kleid geschneidert hatte. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, wenn man bedachte, wie stolz sie auf das inzwischen stark gekürzte Kleid war, und wie bitterböse den Hexern gegenüber.
Doch ich hatte jetzt wichtigere Dinge zu tun, als über Ironie und Zufälle zu sinnieren. Stattdessen trat ich in die Mitte des Zeltes, auf einen weichen, eher schmucklosen Teppich, der dort ausgelegt war, krempelte dann die Ärmel meiner eigenen Robe zurück und begann mit der Beschwörung.
Wieder glichen die Worte einem Gebet, und wieder war es ein Gebet an den Nether; dieses Mal jedoch ein sehr anderes. Wieder opferte ich mein Mana für die Kraft, die aus dem Nether kommen sollte, doch jetzt wusste ich genau, wofür meine Kräfte gebraucht wurden: Ich musste eine Pforte in diese andere Welt öffnen. Eine Pforte, durch die ich nach Jhornva rufen und sie dazu bewegen konnte, in meine Welt zu treten.
Ich bemerkte gar nicht erst den Kreis mit dem komplexen gezackten Muster, der sich um meine Füße herum bildete und in einem kräftigen Violett leuchtete. Arkane Magie knisterte, als er größer und größer wurde, bis er schließlich fast sechs Fuß im Durchschnitt maß. Die Zeichnungen und Muster darin blieben niemals starr, sondern bewegten sich mit filigranen Eifer umher, langsamer, wenn ich ruhiger sprach, und schneller, wenn die Worte nur so aus mir heraussprudelten. Und der Seelensplitter in meiner Hand wurde wärmer und wärmer, pulsierte schneller und schneller, wie ein Herz, das die Ankunft einer Geliebten erwartete.
Ich sagte das letzte Wort der Beschwörungsformel.
»Jhornva.«
Der Seelensplitter zersprang in meiner geschlossenen Hand. Er zerbarst regelrecht, wurde zu leuchtendem Staub, der in die Höhe stieg und für einen Moment wie eine Nebelwolke verharrte. Dann ging ein Riss durch die Luft, direkt vor mir, und Schwärze lechzte daraus hervor. Wie gierige Finger breitete sie sich aus, schlängelte in alle Richtungen, vergrößerte den Riss, bis sich schließlich ein ovales Portal vor mir auftat und ich mitten in den Nether starren konnte.
Es war ein Nichts. Ein riesiges, gewaltiges Nichts, das ich auf der anderen Seite sah; Schwärze, die an manchen Stellen in das tiefste Violett überging, das ich jemals erblickt hatte. Und doch, irgendwo dazwischen, schienen winzig kleine Sterne zu funkeln, umgeben von dem Nichts, das irgendwie in Bewegung war und träge dahinfloss, doch niemals in eine bestimmte Richtung, sondern komplett und heillos durcheinander.
Und ich konnte die Macht spüren, die von diesem Riss ausging. Ich konnte spüren, welche riesigen Mengen an arkaner Magie sich auf der anderen Seite des Portals befanden. Meine Nackenhaare, die wenigen, die überlebt hatten, stellten sich auf, und mein Kinnbart kräuselte sich.
Dann zischte der Seelenstaub nach vorne und durch das Portal hindurch. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sich etwas aus dem Nichts zu lösen begann: Erst ein Huf, dann ein zweiter, und beide fingen an, in schlanke und wunderschöne Beine überzugehen. Während dieser Verwandlung erkannte ich, was Jhornva eigentlich war: ein magisches Wesen, ein Wesen erschaffen aus dem Chaos, in das ich gerade starrte.
Sie lächelte mich breit an, als sie auf der anderen Seite des Portals stand, vollkommen aus dem Nichts herausgelöst und so atemberaubend, wie ich sie in Erinnerung hatte. In ihrer offenen Hand hatte sich der Seelenstaub niedergelassen, wanderte mal hierhin, mal dorthin, niemals aber komplett davon.
Dann stieg er auf, bildete eine schmale Schnur und huschte in den geöffneten Mund der Succubus hinein. Ihre Augen strahlten geradezu, während dies geschah, und in ihrem Gesicht stand der Ausdruck unglaublichen Genusses geschrieben.
Als sie ihr Mahl beendet hatte, schenkte sie mir ein herzraubendes Lächeln und trat gemächlich durch das Portal, das hinter ihr kollabierte und einfach ins Nichts verschwand. Genauso verblassten die Runen um meine Füße und das Leuchten der Magie. Was blieb, waren das verdunkelte Zelt und Jhornva, die direkt vor mir stand.
»Du hast dir Zeit gelassen, Gregor.« Ihre Hand streckte sich aus und berührte sanft meine Wange. Es fühlte sich an wie die Berührung eines Engels, voller Wärme, voller Liebe, voller Leidenschaft, und das, obwohl es nur ein flüchtiger Moment war. Kaum dass sich ihre Finger von mir lösten, verzehrte sich alles in mir danach, in ihre Arme zu fallen, an ihrem Busen zu ruhen, ihre Haut zu schmecken, in ihren Augen zu versinken. Ich wollte sie.
Bis ich erkannte, dass es nur ein weiterer Zauber war. Es traf mich wie der Schlag eines Tauren, und entsprechend sprachlos erstarrte ich. Gregors einziger Gedanke blieb, Jhornva so nahe wie nur möglich bei sich zu haben, doch ich verhinderte, dass wir auch nur einen Schritt taten, und blickte die Succubus fassungslos an. »Was ist das für eine Macht?«, wisperte ich schließlich.
Jhornva legte ihren Kopf neugierig schräg, bis sie sanft lächelte. »Du bist der andere. Itheron.«
»Mein Name ist Dareth«, antwortete ich scharf. »Itheron ist tot, und er bleibt es auch.«
»Aber seine Erinnerungen sind es nicht«, schnurrte sie leise und fing an, um mich herum zu gehen wie eine Katze um ihre Beute. »Seine Erinnerungen kehren zu dir zurück, weil du Itheron bist.«
»Itheron war ein schwacher Mann«, erwiderte ich dermaßen hasserfüllt, dass es mich selbst ein wenig überraschte. »Er verlor das, was ihm wichtig war, und wurde wahnsinnig darüber. Mir wird nicht noch einmal dasselbe passieren.«
»Wenn du wirklich nicht Itheron bist, mein Lieber, warum sehnst du dich dann dermaßen nach Itherons Weib?«
Meine Finger verkrampften sich. Die Formel für den Schattenblitz erschien wie von alleine in meinem Kopf, aber ich besann mich gerade noch eines Besseren. Arga hatte der Zauber nichts genutzt, und mir würde er ebenso wenig helfen. Die nächste Formel war jene für die Verbannung der Succubus, aber kaum dass ich auch nur den Gedanken fasste, trat Gregor in mir hervor, packte den Gedanken und zerriss in die kleinsten Stücke, die er zustande brachte. Er machte mir unmissverständlich klar, dass auch das nicht geschehen würde.
»Leah ist tot. Ich habe damit abgeschlossen. Ich habe um sie getrauert, wie ich es für richtig hielt. Und meine Erinnerungen an sie werden mich begleiten und mich schützen. Du hast Recht, ich war Itheron. Aber ich bin es nicht mehr.«
»Tatsächlich?«, murmelte Jhornva mit einer Stimme, die Gregor dahinschmachten ließ. »Du willst mir sagen, dass deine Erinnerungen dich nicht beeinflussen?«
»Sie mögen mich beeinflussen, Jhornva, aber sie werden mich nicht bestimmen.«
»Dann wird dir das hier auch sicher nichts ausmachen.«
Sie trat so schnell nach vorne, dass ich nicht einmal die Zeit hatte, um zu reagieren. Ich wurde gegen die Stoffballen gedrückt, während sich die Dämonin mit ihrem ganzen Körper gegen mich presste und ihre Zunge in meinen Mund schnellte. Ihre Augen bohrten sich dabei in die meinen, und Lust und Neugier spiegelten sich darin. Und dahinter war noch etwas anderes, etwas viel Tieferes: Kalkül.
Ich riss mich los. Nicht von der Succubus, was mir ohnehin niemals gelungen wäre; ich riss mich innerlich los und machte Platz für Gregor, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ. Was ich nun nur noch dumpf spürte, war, wie er den Kuss leidenschaftlich erwiderte, und wie sich seine – oder eben meine – Hände auf die Suche nach ihrem Hintern machten, um ihn voller Verlangen zu packen, kaum dass sie ihn gefunden hatten.
Das war der Zeitpunkt, ab dem ich mich so tief in mich selbst verkroch, dass kein Eindruck mehr an mich heran drang; etwas, das Gregor schon seit unendlich anmutenden Zeiten versuchte zu meistern, und das ihm in meinem Körper unmöglich war, gelang mir mit Leichtigkeit. Ich war vollkommen alleine mit meinen Gedanken, meinen Ängsten, meinem Wissen und meinen Erinnerungen.
Ich war nicht mehr Itheron. Ich wusste es, und ich war sogar von meinem Bruder bestätigt worden. Ich war nicht mehr Itheron. Die Gefühle für seine Liebe waren nur noch Erinnerungen, die verblassen würde, von der Zeit getilgt und wie Staub vom Wind verweht.
Ein dumpfes Gefühl drang zu mir hindurch. Verwirrung machte sich in mir breit, einerseits deshalb, weil ich nichts hätte fühlen sollen, ich war abgeschnitten von mir selbst. Aber andererseits, weil ich nicht so recht wusste, was es war. Es war ein Drücken, ein Pressen, wie ein Gewicht, aber viel zu leicht, um so schwer zu sein, wie es mir vorkam. Es drückte und presste mit einer Kraft, die es nicht haben sollte und die es auch nicht hatte, aber scheinbar wusste das Ding nicht, was ich wusste.
Und dann spürte ich es stärker und stärker, und mir wurde allmählich klar, woher es kam. Es kam von meiner Brust, etwas oberhalb davon, unterhalb von meinem Hals, und es drückte und drückte…
Es war der Ring. Er war gerade schwer genug, dass ich ihn auf der Haut spüren konnte, aber doch schien er Tonnen zu wiegen. Und das Gefühl bohrte sich in mein selbst auferlegtes Exil hinein und erinnerte mich mit wuchtigen Schlägen daran, dass ich Itheron war und immer Itheron sein würde, und dass ich nicht zu dem werden musste, was er geworden war. Dass Leah meine tote Frau war, dass ich sie liebte über den Tod hinaus, und dass ich mich selbst hasste für das, was ich getan hatte. Und dass es genau dieser unterschwelende Hass war, der mich dazu gebracht hatte, nicht im Nether, in der Schattenwelt zu verschwinden, wie es andere taten, sondern zu verharren, dagegen anzukämpfen und mich selbst zu geiseln für das Grauen, das ich in die Welt gebracht hatte.
Und es erinnerte mich daran, dass es Jhornva gewesen war, die mich in der Schattenwelt gefunden und mir eingeredet hatte, dass sie mir einen Ausweg zeigen könnte, einen Ausweg aus meinem Grauen, einen Ausweg aus den Erinnerungen, einen Ausweg in das Vergessen hinein.
Ich packte Gregor an der Gurgel, riss ihn hinaus und brachte ihn in die tiefsten Regionen, wo ich ihn zeternd und schreiend liegen ließ und in mich zurückkehrte. Was meine Augen erblickten, war ein makelloser, entblößter Busen, der dicht vor meinem Gesicht hing, und dass meine Robe zerrissen in einer Ecke lag. Und das erregte Stöhnen der Succubus drang an meine Ohren, verursacht von meinen Händen, die gerade das Fleisch an ihrem Gesäß durchkneteten.
»Jhornva.«
Ihr Stöhnen verstummte abrupt. Stattdessen bildete sich ein Lächeln auf ihren Lippen, die etwas oberhalb ihres Busens über mir schwebten, und sie sah mich mit glitzernden Augen an. »Sieh an. Willst du mich etwa für dich alleine haben, Itheron?«
»In deinen Träumen.«
Ich schupste sie einfach von mir hinunter. Mit einem leisen, überraschten Aufschrei landete die Succubus neben mir und fand sich gleich darauf von mir gefangen. Ich drückte ihre Hände auf den weichen Teppich, während ich auf ihr saß wie sie gerade eben noch auf mir.
»Oh, du willst also der Führende sein?«, schnurrte sie mit einem fiesen Grinsen.
Meine schallende Ohrfeige wischte es ihr aus dem Gesicht. Der Schattenblitz, der sich sofort danach auf meiner knöchernen Hand bildete, schillerte in ihren jetzt harten Augen. »Ich denke, du erkennst den Ernst der Lage«, knurrte ich etwas ungehalten. »Die nächste Ohrfeige wird selbst dir nicht gefallen, so sehr du Schmerzen auch liebst.«
Sie bedachte mich noch für eine Weile mit einem Blick, der mir klarmachte, wie sehr sie mich gerade hasste. Dann nickte sie beinahe unmerklich.
»Woher wusstest du, dass ich hier sein würde?«
Sie fing an, sich unter mir zu räkeln. Irgendwo in mir reagierte Gregor umgehend darauf und versuchte, mir wieder die Kontrolle zu entreißen, aber ich blieb unnachgiebig. Er rannte gegen meinen Willen an wie gegen eine Mauer. Meinethalben konnte er sich seinen Kopf daran einbeulen.
»Einfach«, schnurrte die Dämonin unter mir und leckte sich dabei mit der Zunge über ihre vollen Lippen. »Du hast mein Blut.«
»Dein… wie die Orks?«
Sie lachte leise. »Oh, nein. Ich bin kein Grubenlord, und ich bin bei weitem nicht so mächtig wie Mannoroth. Aber das muss ich nicht. Mein Blut fließt in deinen Venen. Wir sind verbunden, mein Itheron.«
Sie sagte den Namen mit einem halb-erregten Stöhnen, im Wissen darüber, wie sehr ich ihn hasste. Aber ich würgte meine aufkommenden Gefühle herunter und blieb so ruhig, wie man es in einer solchen Situation nur sein konnte. »Und deshalb wusstest du, dass ich nach Orgrimmar kommen würde.«
»Ich habe es vorhergesehen. Es war nicht schwer, es sich zu denken. Deine Blutelfe will Rache an einer Nachtelfe – wohin also sollte sie sonst gehen? Von hier aus kommt sie am Einfachsten in die Gebiete der Spitzohren.«
Ich starrte sie für einige Momente an, bis ich meinen Griff um ihre Handgelenke schließlich lockerte. »Was willst du von mir, Jhornva? Warum bist du diesen Handel eingegangen?«
Der Angriff kam nicht unerwartet, aber war dennoch schmerzhaft. Im nächsten Augenblick lag ich auf dem Rücken, und die Succubus thronte auf mir. Ihre kraftvollen Arme pressten mich spielerisch auf den Boden. Ich versuchte gar nicht erst, Gegenwehr zu leisten.
Dann schmiegte sie sich so sehr an mich, dass mir heiß wurde, etwas, das noch nie passiert war. Mein Herz pochte schneller, mein Atem stockte, und Gregor wütete in mir wie ein Berserker, aber noch immer schaffte er es nicht, meinen Willen zu überwinden.
»Ich will dich«, hauchte sie mit einem diebischen Lächeln und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Dich und Gregor. Eure Seelen.«
»Du hast Gregors Seele bereits«, erwiderte ich, während sie anfing, meinen Hals mit ihrer Zunge entlang zu fahren. »Er gehört dir. Was willst du mit mir?«
»Ein Gespiele ist mir nicht genug.«
Ich schloss kurz die Augen und schaffte es gerade noch, einen genervten Seufzer zu unterdrücken. »Es geht dir nur darum, jemanden in deiner Welt zu haben? Das ist alles?«
Sie verharrte, brachte dann ihr Gesicht so nahe an meines heran, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten, und starrte mir in die Augen, als wollte sie mich mit ihrem Blick verschlingen.
»Ich liebe ihn.«
Sie sagte die Wahrheit. Man konnte es sehen, und ich wunderte mich, dass ich es jetzt erst erkannte. Ich hatte ihre Verspieltheit, ihren körperlichen Kontakt nur als ein Mittel abgetan, um mich aus der Reserve zu locken. Aber jetzt – jetzt, da ich ihren warmen Atem auf meiner Haut spürte, ihre Liebkosung nicht nur als eine Eigenart hinnahm, die jede Succubus hatte, sah ich, dass sie sich nach Gregor mindestens genauso verzehrte wie er sich nach ihr.
»Ich weiß, dass du mich verstehst«, hauchte sie mir zu, und das erste Mal waren ihre Worte nicht in Lust und Verlangen getränkt, sondern… freundlich. Verständnisvoll. Mitfühlend.
Hätte mein Gaumen es hergegeben, hätte ich geschluckt. So blieb es mir nur, etwas heiser und dennoch trotzig zu sagen: »Habt Spaß.«
Dann riss ich die Mauer ein, ließ Gregor an mir vorbei hetzen und zog mich dahin zurück, von wo er gekommen war, von einem einzigen grausamen Gedanken begleitet:
Jhornvas Augen sahen denen von Lena zum Verwechseln ähnlich.
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#60 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 07 January 2015 - 21:52

Kapitel 32 – Schande und Ehre

 

Ich konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war. Das Schöne und zugleich Angsterregende an meinem kleinen Rückzugsort in mir selbst war, dass er zugleich einem Verlies gleichkam: vollkommen isoliert, in tiefster Schwärze und ohne die Möglichkeit, auch nur einen Funken Licht zu sehen. Außerdem war es sehr warm hier, und ich konnte immer ein dumpfes Pochen von irgendwoher hören, das in regelmäßigen Abständen durch mich selbst hindurch rollte und mich erzittern ließ. Ich hatte noch nicht herausgefunden, was es war oder woher es kam, doch es hatte etwas Beruhigendes und zugleich Besorgniserregendes an sich.

   Ihre Augen. Jhornvas vom Lichte verfluchten Augen. Ich wusste genau, dass sie leuchteten wie eiskalte Sterne, vermutlich genauso wie meine Augen damals, als noch kein Ork auf die glorreiche Idee gekommen war, ein Lederstirnband darüber zu nageln. Aber in diesem winzig kleinen Augenblick hatte ich geglaubt, ein Flackern in ihnen zu sehen, als würde mehr in ihnen stecken als nur dämonische Magie. Und ich hatte etwas gesehen, nach dem ich mich insgeheim schon lange sehnte und das ich versuchte, aus meinem Kopf zu verbannen, alleine schon, um nicht noch wahnsinniger zu werden, als ich ohnehin schon war.

   Unruhig lief ich im Kreis umher, oder vielleicht schwebte ich auch. Meine Bewegungen waren nichts anderes als Gedanken an diesem Ort, frei von Muskeln und Sehnen und Magie. Ich war so frei, wie man es wohl nur sein konnte; eine Seele, abgerissen von ihrem Körper, ein Gebilde meiner eigenen Fantasie; ein Mann, ein Pferd, ein Wolf, eine Fledermaus. Ein beängstigendes Gefühl, aber nicht so beängstigend wie das, was mich eventuell draußen erwarten würde, wenn ich jetzt wieder meine Verbindung suchen sollte.

   Und dennoch – es nutzte nichts, hier unruhig hin und her zu laufen und Formen zu wechseln, sich selbst Fragen zu stellen, auf die es keine Antwort gab, und mich mit Sorgen zu beladen. Was ich in den Augen der Succubus gesehen hatte, war bestimmt nur meine eigene Sehnsucht gewesen. Tatsächlich passte das wunderbar zu dem Wesen, schließlich war sie all das, wonach sich die meisten Männer sehnten: wunderschön, zumindest, wenn man unter ihrem Zauber lag, und, von einigen kleinen Ausnahmen abgesehen, immer nur auf das Eine bedacht. Kein Wunder, dass sich Succubi in den von Menschenhand geschriebenen Büchern Direfleshs, die ich damals unter seiner Obhut gelesen hatte, stets größter Beliebtheit erfreuten.

   Bücher. Jetzt, wo ich so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich nicht wirklich viel über die Beschwörung von Dämonen wusste. Ich konnte Jhornva mit Leichtigkeit beschwören, und das vermutlich nur deshalb, weil sie es selbst wollte. Aber ich wusste nicht einmal, wie ich einen Wichtel aus dem Nether hätte hervorlocken können, geschweige denn ihn unter meine Kontrolle zu bringen. Ich konnte sprichwörtlich Gregors Sehnsucht erfüllen, aber nicht einmal den schwächsten Dämon, den es auf der gesamten Welt gab, bändigen.

   Es wurde eindeutig Zeit, mein Studium zu vertiefen.

   Aus dem Verlies auszubrechen, war niemals ein Problem. Es war mein Verlies, mit einem Schloss gesichert, zu dem nur ich den Schlüssel besaß. Tatsächlich glich es einer Zelle, aber mit dem Schloss auf meiner Seite war es vielmehr ein gut geschützter Rückzugsort. Was schwieriger sein würde, war die Kontrolle wieder an mich zu reißen, die ich an Gregor abgegeben hatte. Dieses Mal gelang es mir jedoch mit überraschender Leichtigkeit, und ich erkannte auch sehr schnell, warum: Als ich wieder durch meine nun immer geöffneten Augen blickte, sah ich Jhornva direkt neben mir liegen. Sie hatte sich so fest an mich geschmiegt, dass sie jede Bewegung mitbekommen musste; und sie war nackt. Zu meiner vollkommenen Verwunderung besaß ich jedoch noch immer meine kurz geschnittene Hose, die ich immer unter der Robe trug, aus Angst, ein plötzlicher Windstoß könnte unter den Stoff fahren und doch einmal mehr zeigen, als mir jemals lieb gewesen wäre.

   Gregor schien in einer anderen Welt zu sein. Seine Gedanken umspielten genau jenes Spiel, das er gerade mit der Succubus getrieben hatte, und eine Glückseligkeit ging von seinem Denken aus, die ich noch nie in ihm gesehen hatte. Fast schien es, als wäre er ein ganz normaler Mensch, und ich fragte mich, ob er schon immer dieses Potential in sich gehabt hatte oder ob es erst seit unserer Verschmelzung da war. Ich hoffte insgeheim auf Zweites. Es würde eine hübsche Rechtfertigung für mich selbst darstellen, warum ich Gregors Seele so lange hatte drangsalieren müssen.

   »Jhornva?«, murmelte ich leise.

   Augenblicklich schlug die Succubus ihre geschlossenen Augen auf. Für einen Moment durchschoss mich ein eiskalter Strahl unendlicher Angst, der sich jedoch genauso schnell wieder legte, als ich das altbekannte bläuliche Leuchten sah. Nicht Leah schaute zurück, sondern eine zugegebenermaßen unheimlich hübsche Dämonin. Ich musste mich getäuscht haben.

   »Itheron«, hauchte sie mit dem Anflug eines Lächelns zurück.

   Ich schaute sie für eine Weile an, etwas verlegen, weil sie keine Anstalten machte, ihre Umklammerung zu lösen, und weil ihr Lächeln immer breiter wurde, je länger wir so dalagen. Schließlich murmelte sie: »Du fragst dich, warum du noch immer eine Hose trägst?«

   Mein gepeinigter Gesichtsausdruck entlockte ihr ein kleines, gehässiges Kichern. »Glaubst du wirklich, Untote könnten das noch tun? Oder hast du schon einmal etwas von untoten Kindern gehört?«

   »Hast du schon von Untoten gehört, die lieben könnten?«, erwiderte ich nicht minder gehässig als sie.

   »Nur von einem.« Ihre Hand löste sich und fing an, Kreise auf meiner nackten Brust zu zeichnen, wobei sie darauf achtete, dem darin prangernden Loch nicht zu nahe zu kommen. »Und er steckt irgendwo in dir. Alle anderen brauchten mich nur, um ungesehen Leute zu töten oder ihre Lust zu befriedigen, die nicht einmal mehr da ist. Ein altes Verlangen von einem früheren Leben.«

   »Jhornva… ich habe keine Kontrolle über dich, nicht wahr?«

   Ihre Augen wurden eine Spur schmaler, und ihr Lächeln eine Spur gerissener. »Du bist schlau, Itheron. Oh, entschuldige«, fügte sie zuckersüß hinzu, als sie meine erneut gepeinigte Miene mit größter Zufriedenheit in sich aufnahm. »Ich will dich Dareth nennen, wie alle anderen auch. Und nein, du hast keine Kontrolle über mich. Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen. Keine Versklavung, keine Zauber, die mich an dich binden.«

   »Nicht wie dein alter Meister?«

   Etwas entfuhr ihr, das sich wie eine Mischung aus einem angeekelten Stöhnen und dem Zischen einer Schlange anhörte. »Du möchtest nicht wissen, was ich für ihn tun sollte. Er liebte es, Kontrolle zu haben, über alles und jeden. Er war ein dreckiger Bastard, und ich bin froh, dass Gregor ihm einen Dolch in den Hals gesteckt hat.«

   »Aber wie kannst du hier sein, wenn dich keiner kontrolliert? Warum bist du nicht zurück im Nether?«

   Jetzt fuhr sie mir mit ihren Fingern sanft über den Bart, bis ihr Zeigefinger auf meinen Lippen ruhte. »Weil ich bei Gregor bleiben möchte. Und das kann ich durch dich. Durch dein Mana, um genau zu sein. Ich nehme mir ein wenig Kraft von dir, und es reicht, um hierzubleiben – zumindest für eine gewisse Zeit.«

   Ich nickte zögerlich und versuchte dabei, die wachsende Panik in mir nicht zu zeigen. Zumindest meine Augen konnten mich nicht mehr verraten. Dann räusperte ich mich und nahm vorsichtig ihren Arm, um ihn von mich zu ziehen. »Ich muss jetzt los, Jhornva, und so leid es mir tut, es wäre zu auffällig, wenn du mit mir gehst. Ich werde dich in den Nether zurückschicken – oder, besser gesagt, ich bitte dich, in den Nether zurückzukehren.«

   »Was sagt Gregor dazu?«

   »Nichts«, brummte ich mit einem Schulterzucken, wobei ich die neben mir liegende Robe heranzog und über den Kopf warf. »Er ist noch zu sehr damit beschäftigt, in den letzten Minuten und Stunden zu schwelgen.«

   Jhornva lächelte wieder, dieses Mal sanft und mit einer stillen Zufriedenheit. »Vielleicht kann ich dir ja einmal auch zeigen, wie schön das ist, was er erleben durfte.«

   Mein Blick – oder zumindest das, was unter dem Lederband herauskam, gepaart mit meinen zusammengepressten Lippen – ließ ihr Lächeln ein Stück breiter werden. »Oder auch nicht. Du bist ein sehr seltsamer Bursche, Dareth.«

   »Und du eine sehr seltsame Dämonin, Jhornva.«

   »Dann scheinen wir ja gut zusammenzupassen«, wisperte sie, um mich dann am vorderen Kragen zu packen, an sich heranzuziehen und einen flüchtigen Kuss zu verpassen.

   Und schließlich verpuffte sie in einer stinkenden Nebelwolke, die rein gar nicht zu dem grazilen, betörenden Wesen passen wollte.

 

Die Enklave schlief. Aus den Zelten drangen das tiefe, grunzende Schnarchen der Männer und das nicht ganz so tiefe grunzende Schnarchen der Frauen heraus, als ich zwischen ihnen auf leisen Sohlen, die Stiefel in der Hand tragend, hindurch lief. Für einen Moment beschlich mich das dumpfe Gefühl, beobachtet zu werden, doch als ich stehen blieb und mich umsah, erblickte ich nur die magisch brennenden Kohlefeuer und die Schatten der Zelte, die an den Wänden tanzten und mit viel Einbildung große und kleine, dicke und dünne Dämonen erschufen, die mich begleiteten.

   Nicht einmal eine Wache war abgestellt. Die Enklave befand sich immerhin im Herzen Orgrimmars, und auf Geheiß des Kriegsführers Thrall war ihren Bewohnern kein Haar zu krümmen. Es gab keinen besseren Schutz als jenen, den das Oberhaupt der Orks zu bieten hatte.

   Die Gänge wanden sich für eine Weile immer weiter aufwärts, bis ich schließlich in die inzwischen kühle Luft Orgrimmars hinaus trat. Die Nacht war schon seit einiger Zeit hereingebrochen; der Mond stand voll am Himmel, Sterne blinzelten hinunter und wachten über die Träume der Schlafenden. Wenigstens hier, am Eingang zur Enklave, ließen sich die Wachen keine Blöße zu, und die beiden Orks bedachten mich mit einem Kopfnicken, das ich erwiderte. Dann warf ich  mir meine Kapuze über und marschierte hinein in das Gassengewirr der riesigen Stadt.

   Orgrimmar bei Nacht war etwas vollkommen anderes als bei Tag. Der Boden brannte nicht mehr unter meinen toten Füßen, sondern sandte kühle Schauer durch meine Beine hinauf. Zumindest hätte er das wohl getan, wenn ich noch so viel hätte fühlen können; stattdessen merkte ich nur, dass nicht mehr der ekelerregende Gestank von erhitztem faulendem Fleisch zu mir hinauf drang. Dafür glaubte ich, den grobkörnigen Sand und Staub spüren zu können, wie er zwischen meinen Zehen rieselte und sie umschmeichelte wie eine mütterliche Umarmung.

   Man fand zu dieser Nachtzeit auch keine Marktschreier, keine Orks, Trolle, Tauren, Blutelfen oder sonstigen Wesen auf den Straßen. Orgrimmar war groß, und sicherlich würden irgendwo einige Schurken und Strauchdiebe gerade ihr Unwesen treiben; aber nicht hier, nicht im Herzen der Stadt, gleich beim Kriegerviertel, wo die Stadtwache ihr Hauptquartier besaß. Niemand scherte sich hier um einen Untoten, der einfach nur seinen Weg ging, gut geschützt durch seine tief ins Gesicht gezogene Kapuze und den über den Boden schleifenden Umhang.

   Bis die ersten aufgeregten Rufe an mich herandrangen. Es war Orkisch, aber zu weit entfernt, um vernünftig etwas verstehen zu können. Die Stimmen hallten von Wänden wieder und drangen dann zum finsteren Himmel empor, schienen aus drei Richtungen zugleich zu kommen, aber eines stand fest: sie wurden lauter.

   Nervös verließ ich die große Hauptstraße und schlug mich in die nächstbeste kleinere Nebenstraße. Wohnhäuser, in ihrer typischen achteckigen Bauweise und dem roten, manchmal mit Kodo-Hauern geschmückten Dächern, ragten um mich herum auf, eng an eng gedrängelt, um jeden Schritt Boden auszunutzen. Ich lief der Gasse entlang bis zu ihrem Ende, das in zwei weiteren Gassen mündete. Für einen Moment horchte ich nach den aufgeregten Rufen, dann entschied ich mich für eine und hastete sie entlang.

   Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass es die falsche gewesen war. Die Stimmen waren noch lauter geworden, und inzwischen konnte ich das wütende Geheul in ihnen ausmachen. Die Orks jagten jemanden oder etwas, vielleicht einen Dieb, vielleicht einen Halsabschneider. Ich hoffte inständig, dass ich sie nicht treffen musste. Niemand konnte sagen, was Grünhäute mit einem Untoten anstellen mochten, den sie gerade frei auf der Straße trafen. Die Verlassenen gehörten zur Horde und waren mit ihr verbündet, daran zweifelte niemand. Das hieß aber nicht, dass sich wandelnde Leichensäcke und stinkende Grünhäute deshalb mehr liebten als vorher. Wenn überhaupt, mochte die erzwungene Zusammenarbeit noch mehr Hass schüren.

   Je mehr ich mich in das Gassengewirr der schlafenden Stadt schlug, desto näher kamen die Rufe und das Geheul der Jagenden. Einige Male drehte ich um und versuchte es mit einem anderen Weg, stets aber mit dem gleichen Ergebnis. Die Vernunft sagte mir, dass die Grünhäute nicht mich jagen konnten; niemand wusste, dass ich noch unter den Lebenden verweilte, und ich hatte nichts angestellt, um auf mich aufmerksam zu machen. Eine gewisse Nachtelfe hingegen – wenn man sie auf ihren nächtlichen Ausflügen erwischt hatte, würde es umgehend die Runde machen, ob man sie nun fing oder nicht. Und selbst der dümmste Ork musste klug genug sein, um eins und eins zusammenzählen zu können.

   Ich hastete gerade eine weitere dunkle Gasse entlang, An’dunas Namen leise verfluchend, als ich die Schritte hörte. Jemand kam mir entgegen, und nicht gerade langsam. Meine Flüche wechselten zum Licht, das ich dafür verdammte, mich schon wieder in eine solch missliche Lage zu bringen, während ich meinen Dolch zog und vorsichtig an die nächste Ecke der Gasse heran pirschte.

   Die Schritte kamen überraschend schnell näher. Dem Stampfen nach zu urteilen war es etwas Großes, mindestens ein Ork. Das Schnaufen und Ächzen, welches den Füßen vorauseilte, passte ebenfalls dazu.

   Einen Moment später kam die Gestalt um die Ecke gebogen. Einen weiteren Moment später hatte ich sie vorne an ihrer Lederrüstung zu packen bekommen. Der Flüchtende schaffte es gerade noch, ein überraschtes Schnauben von sich zu geben, bevor ich ihn mit gehöriger Wucht, geholfen durch seine eigene Geschwindigkeit, in die nächste Hauswand lenkte. Der Aufprall hinterließ einen dumpfen Knall und einen nicht zu übersehenden Einschlag in der Lehmwand. Einige Stücke brachen aus ihr heraus und bröckelten zu Boden, als ich meinen Gefangenen zurück zog, mit zwei Schritten durch die Gasse schleifte und an die Hauswand gegenüber presste.

   Erst, als mein Dolch nach dem Hals des Übeltäters suchte und ihn knapp oberhalb meines eigenen Kopfes fand, wurde mir klar, was ich da gefangen hatte.

   Ein Troll. Ich bedachte ihn mit einem fast schon hasserfüllten Ausdruck, auch wenn er meine Augen nicht sehen konnte. Mein Arm presste sich in seine Magengegend, und unter meiner Hand pochte sein Herz durch das dicke Leder, als wäre er gerade ohne Rast von Thunderbluff bis hierher gerannt.

   »Nein, kein Troll«, meldete sich Gregor wie aus dem Nichts. Für einen Moment runzelte ich die Stirn, bis Gregor meine Hand ein wenig nach oben führte und zupacken ließ. Schlagartig verstand ich, dass sie gerade versuchte, durch die zähe Rüstung eine üppige Brust zu kneten.

   Die Schreie wurden lauter. Von vorne, von hinten, von der Seite, von überall her kamen die Orks angerannt, um ihrer Beute habhaft zu werden. Wir saßen in der Falle.

   Die Trollin hatte allerdings gerade nur Augen für den Dolch an ihrer Kehle und für mein Gesicht, das sie mit einer Mischung aus elender Verzweiflung und starrem Trotz betrachtete. Gedanken rasten durch meinen Kopf, einer mieser als der nächste: ein Kampf kam nicht in Frage, Flucht schien aussichtslos angesichts des siegesgewissen Heulens um mich herum. Die Orks jagten zumindest nicht An’duna hinterher, also konnte ich meine Beute auch einfach an die Jäger übergeben und  dann vermutlich meiner Wege gehen. Ihr Blick sagte mir allerdings deutlich, dass es für sie eine sehr unschöne Begegnung werden würde.

   Dann kam mir die rettende Idee, die Gregor – wie eigentlich jede meiner Ideen – überhaupt nicht gefiel. Dennoch schnellte unser Kopf nach links und rechts, bis unsere verdeckten Augen fanden, was sie suchten.

   Ohne weiteres Federlesen packte ich die Trollin wieder an ihrer Lederrüstung, zerrte sie ein paar Schritte tiefer in die Gasse hinein und schubste sie dann in einen engen Spalt zwischen zwei der achteckigen Häuser, der gerade genug im Dunkeln lag, dass man sie nicht sofort erkennen würde. Nur, um sicherzugehen, stopfte ich sie noch ein wenig tiefer hinein, zischte ihr ein »Kein Wort!« entgegen, hastete dann zurück in die Gasse, zeterte dabei wie ein altes Waschweib, zog meine Kapuze so tief ins Gesicht, wie es mir möglich war, und warf mich dann mit animalischen Gebrüll in die Hauswand, aus welcher der Putz heraus bröckelte.

   Keine Sekunde, nachdem ich gelandet war, tanzten die ersten Flammenscheine aus den anderen Sträßchen hervor, und gleich darauf standen fünf Orks in voller Kampfausrüstung und mit gezückten Keulen und Äxten um mich herum. Ihre bestialischen Jagdrufe verebbten, als sie mich mit einiger Überraschung ansahen.

   Ich stöhnte schmerzerfüllt, wippte benommen vor und zurück und hob dann eine zitternde Hand mit einem ausgestreckten Finger in die Gasse zeigend, aus der als einzige keine der furchteinflößenden Fratzen gekommen war. »Da!«, brüllte ich zornig und zugleich voller Pein in einem so akzentreichen Orkisch, dass ich mich fragte, wie ich es in einem einzigen Wort überhaupt zustande brachte, so schlecht zu klingen. »Da, da!«

   Obwohl Orks gerne als dumpfe Wesen bezeichnet wurden, verstanden diese sehr schnell, was ich ihnen sagen wollte. Mein Stöhnen und Heulen verbunden mit der gut sichtbar beschädigten Wand überzeugte sie in Windeseile davon, dass die Trollin mich gerade zur Seite geschleudert und dann weitergeflohen war. Und wie ein guter Trupp von leicht dämlichen Hunden setzten sie ihre Hetzjagd in die Richtung fort, die ich ihnen vorgab.

   Als der letzte heulende Köter verschwunden und die Flammen ihrer Fackeln verloschen waren, sprang ich auf, verkniff mir ein gehässiges Lachen und marschierte mit nun wieder gezückten Dolch zu der Ritze. Mit einiger Genugtuung stellte ich fest, dass die Trollin genau das tat, was ich von ihr verlangt hatte: Sie bewegte sich keinen Zoll. Wie schon vorher packte ich sie ohne große Rücksicht und zog sie wieder in die Gasse, um im fahlen Mondlicht einen besseren Blick auf sie werfen zu können.

   Ihren zusammengekniffenen Augen entnahm ich, dass die Nacht tatsächlich finsterer sein musste, als ich angenommen hatte. Meinem eigenen untoten Augenlicht verdankte ich, dass ich sie mühelos erkennen konnte: Ihr Haar war von einer dunklen Farbe, streng zurück gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Die typischen Trollhauer schauten aus ihren Mundwinkeln hervor, auch wenn sie recht klein und nicht so gebogen waren, wie man es von vielen ihrer männlichen Artgenossen her kannte. Nicht umsonst wurden Trolle des Öfteren auch als blaue Wildschweine bezeichnet.

   Ihr Gesicht bedeckte eine komplexe Tätowierung, die vermutlich auf ihren Stamm und ihre Berufung hinwies. Sie besaß keinerlei Waffen, soweit ich es erkennen konnte; die Lederrüstung war nicht mehr als ein Brustharnisch, der ihre Arme freiließ, und ihre ähnlich kurze und dicke Hose reichte gerade einmal zu den Knien. Beides passte ihr nicht richtig und schien eher schnell übergeworfen worden zu sein: hier war ein Riemen locker, dort eine Kordel nicht angezogen.

   Mein Dolch bewegte sich wie von selbst, als er ihren Kieferknochen entlang fuhr. Nicht ein Haar bedeckte ihn, aber wenn eines dagewesen wäre, hätte ich es gerade herunter rasiert. Eine unheimliche Aufregung breitete sich in mir aus, und ich musste nicht lange darüber nachdenken, um zu wissen, dass es mich einmal wieder nach Blut gelüstete.

   Umso vorsichtiger ließ ich die Klinge an ihrem Kinn verweilen, darauf bedacht, ihr keinen Schnitt hinzuzufügen. Gregor versuchte ohnehin schon, mich zu einer kleinen Mahlzeit zu überreden, und ich wollte mir keinen weiteren Anreiz dazu schaffen. »Gibt es einen guten Grund, warum du vor fünf Orks davonläufst?«

   Ihre Augen huschten hierhin und dorthin, inspizierten kurz die Gasse, in welche ihre Verfolger verschwunden waren, dann mich. Sie zitterte leicht, als ob es sie frieren würde; unmöglich in der Hitze Orgrimmars, die auch nachts nur bedingt nachließ. Auch wenn ich die Farbe nicht sehen konnte, so hatte sie doch schöne Augen; ihr ganzes, gerade ziemlich bleiches Gesicht war eigentlich sogar recht hübsch anzusehen. Hübsch für einen Troll.

   Statt einer Antwort spuckte sie mir mitten ins Gesicht.

   Ich starrte sie mit verharrender Klinge für einige lange Sekunden an, darum bemüht, meinen Dämon in mir zu bezwingen, der gerade nach Rache, Genugtuung und viel Blut schrie. Als ich schließlich aus meiner Starre erwachte, ließ mich die angestaute Wut sie so bestialisch anfauchen, dass es ihr das letzte Blut aus dem Gesicht trieb. Zu meiner unangenehmen Überraschung konnte ich regelrecht sehen, wie es zurück floss und welche Wege es nahm. Gregor teilte mir äußerst genüsslich mit, dass es uns ein Leichtes sein sollte, ihr einen passenden Schnitt zuzufügen, um an einen guten Mitternachts-Nachtisch zu gelangen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass der Umgang mit der Succubus nicht gerade seine lichte Seite zu Tage förderte.

   Entsprechend zornig fauchte ich ein »Nein!«, was meine Gefangene merklich zusammen zucken ließ. Obgleich sie mich um mindestens einen Kopf überragte, machte sie nicht eben den Eindruck, als ob sie sich wehren würde. Vielmehr schien sie sich damit zu begnügen, mich mit unverhohlener Verachtung zu strafen. Sie konnte natürlich nicht wissen, dass mich die Verachtung anderer Leute schon seit einiger Zeit nicht mehr wirklich berühren konnte, also riss ich sie nach vorne, verpasste ihr noch einen Tritt in den Hintern und scheuchte sie dann dicht folgend durch die Gassen.

   »Was, beim Barte Arthas, hast du vor?!«, brummte Gregor säuerlich in der nur den Untoten geläufigen Gossensprache, die auch nur von Untoten verwendet wurde, weil man sie wie mit einem fehlenden Kiefer sprechen konnte und beizeiten auch musste. Seine Mahlzeit, die ich ihm gerade verwehrte, machte ihm eindeutig zu schaffen und verschlechterte seine Laune zusehends.

   Im gleichen Zuge wurde ich müder und gereizter. »Ich kann sie nicht einfach hier lassen, solange die Orks noch unterwegs sind«, schnauzte ich zurück. »Rechts!«, und wie ein loyaler und höriger Schoßhund bog die Trollin ab, wobei sie mir einen vor Hass triefenden Blick zuwarf.

   »Und wohin willst du sie schleppen?«

   »Dafür, dass du mit mir verschmolzen bist, stellst du oft ziemlich dämliche Fragen.«

   »In unser kleines Häuslein also? Eben jenes Häuslein, das dem verdammten Anführer des Geheimdiensts Orgrimmars gehört und das er uns in seiner unendlichen Großzügigkeit zur Verfügung gestellt hat? Glaubst du wirklich, eine verdammte Zwei-Meter-Riesin wird lange ein Geheimnis bleiben?!«

   »Soll ich ihr lieber den Kopf abschlagen?«

   »Das wäre ein Anfang! Dann nehmen wir das Herz und die Leber mit nach Hause und kochen eine vernünftige Mahlzeit, und dann -«

   »Dieses Gespräch ist beendet«, erwiderte ich voller Hass und Ekel. Gregor wollte zwar noch etwas antworten, aber ich schloss ihn so gut wie möglich aus meinem Geiste aus, und mein Mund gehorchte noch immer mir, nicht ihm. Umso wütender wurde mein Bruder in mir, und ich konnte spüren, wie mein trockenes und lahmes Blut zu kochen begann.

   Es kostete uns ein gutes Stück der Nacht, bis nach Hause zu finden. Der Himmel über Orgrimmar ging von seinem unnatürlichen hellen Grau in ein viel tieferes über, welches den Beginn des Tages prophezeite. Ich hatte am Anfang einige Zeit benötigt, um mir dessen bewusst zu werden, denn mit meinen neuen Augen gab es keinen Morgen, Mittag oder Abend mehr. Alles war eine Mischung aus Grautönen, mal heller, mal tiefer, aber nichts blieb mehr in der Dunkelheit verborgen. Ich fragte mich ehrlich, ob sich das noch als Vor- oder als Nachteil herausstellen würde.

   Die Wachen an meiner Tür waren schon vor etlichen Tagen verschwunden. Ich hatte Urgrak davon überzeugen können, dass zwei bis an die Zähne bewaffnete Orks, die ständig hier ihren Dienst schoben, sehr viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden als keine Wachen, und als armer und blinder Untoter würde ich es im Leben nicht wagen zu fliehen. Er hatte mir meinen kleinen Akt grummelnd abgekauft und somit für An’duna den Weg zu ihren nächtlichen Streifzügen freigemacht. Als im Laufe der nächsten Tage immer mehr Berichte über seltsame Diebstähle von kleinen Schmuckgegenständen laut wurden und er anschließend einige neue Ketten um ihren Hals entdeckt hatte, war ihm nur ein schiefes Grinsen und eine Ermahnung übrig geblieben, es nicht zu übertreiben. Ab diesen Moment hatte ich beschlossen, dass Urgrak für einen Ork vollkommen in Ordnung war.

   Die Trollin hatte angefangen, immer stärker zu zittern, je näher wir an das durchaus mächtige Haus herangingen. Jetzt verharrte sie schließlich direkt vor der Tür, starrte sie an, als wäre sie die sprichwörtliche Pforte zur Hölle, und schüttelte dann voller Panik und Ekel den Kopf. »Nein, nein«, murmelte sie leise, drehte sich dann um und ließ mich in plötzlich flehende Augen schauen. »Nein«, hauchte sie ein letztes Mal.

   Ich war müde. Ich war gereizt. Gregor hatte angefangen, mir wieder von seinen amourösen Abenteuern zu erzählen, von denen ich so wenig wissen wollte wie nur möglich, weil er genau wusste, wie sehr es mich aufregte. Die Trollin selbst hatte mich, ohne es zu wissen, mit ihrem Blut bis zum Wahnsinn getrieben, und ich war kurz davor, meine Zähne in ihren verdammten Hals zu versenken.

   Ich tat also das Einzige, wozu ich noch imstande war: Ich schnauzte ein »Doch!«, packte sie am Arm, trat die Tür auf, schupste sie unter wiedererwachtem Gewimmer und Gezeter hinein und schmiss dann die Tür hinter mir zu.

   Innen war alles dunkel, oder eben auch nicht. Meine Gefangene war mehr in den Raum gerollt als gestolpert und lag jetzt weinend und zusammengekauert am Boden. Das Feuer in der Mitte des runden Gebäudes war schon vor einiger Zeit erloschen, und die kläglichen Reste der Glut verbreiteten nicht einmal ansatzweise genügend Licht, um etwas erkennen zu können. Für mich war das gesamte Zimmer jedoch taghell, und ein kurzer Blick zum Bett verkündete, dass meine allseits geliebte Nachtelfe gerade nicht zugegen war.

   Ich marschierte also zur Trollin, packte sie ziemlich ungestüm am Arm und zog sie hoch. Sie ließ mich mit einer einzelnen Träne, aber jetzt wieder starrem Gesichtsausdruck gewähren, was meinen Zorn zumindest ein wenig linderte. Dann bugsierte ich sie hinüber zum Bett, zwang sie, sich hinzusetzen, zog einen Stuhl heran und setzte mich ihr direkt gegenüber hin.

   Ich konnte mir nur vorstellen, was für eine gespenstische Situation es für sie sein musste: gejagt von Orks, dann gefangen von einem Untoten und durch halb Orgrimmar geschleppt, nur um ihm jetzt in vollkommener Dunkelheit gegenüber zu sitzen und seinen rasselnden, unregelmäßigen Atem zu hören, ein Schemen in der Finsternis, bereit, die Kehle zu durchbeißen und sich an ihrem Blut zu laben.

   Das alles sagten mir ihre Augen, denn ihr Gesicht war so ausdruckslos wie eine Felswand. Fast tat sie mir dafür ein wenig leid. Allerdings missfiel mir der Umstand, dass sie nicht einmal daran dachte, dass ich ihr gerade ihr Leben gerettet oder zumindest eine Menge Schmerzen erspart hatte.

   Ich schnalzte also kurz mit der Zunge, kratzte mich an meinem Kinnbart und fragte sie dann unter Gregors Mithilfe auf recht passablem Orkisch: »Warum haben sie dich gejagt?«

   Schweigen.

   »Ich habe dir eine Frage gestellt, und ich bin mir sicher, dass du sie verstanden hast.«

   Das stille Totentuch legte sich über uns und begrub jedes Geräusch, bis auf das leise Wimmern des Windes, wenn sich doch einmal ein armseliger Lufthauch in die Häuserschluchten verirren sollte, um hier sein Ende zu finden.

   Meine Hand schoss nach vorne, packte sie an ihrem Hals und drückte zu. Augenblicklich schmetterten ihre Fäuste gegen mich, kratzten ihre Nägel über meine Haut, mein Gesicht, den Lederriemen und zogen daran, wie sie nur konnte. Aber die Glut in mir war neu entfacht. Mein Hass begann, sich durch meine Eingeweiden zu fressen; sogar das, was ich sah, schien er in ein unheiliges feuriges Rot einzutauchen, und mit zusehendem Genuss beobachtete ich, wie ihre Bewegungen schwächer wurden und noch nicht ein einziger Laut über ihre Lippen hatte dringen können.

   Gerade, als ihre Augen hervorzuquellen begannen und ihr Gesicht dunkel anlief, entließ ich sie mit einem Stoß, der sie mit dem Rücken auf das Bett verfrachtete. Keuchend, hustend und nach Atem ringend blieb sie liegen, doch eine Sekunde später ragte ich schon wieder über sie auf. Meine Faust raste hinunter –

   Und blieb dicht vor ihrer Nase hängen. Sie erschrak dermaßen, dass sie für einige Momente vergaß zu atmen. Und dieses Mal war ich es, der keuchte, der sich vor Ekel wandte und sich fragte, was bei allen Höllen gerade vorgefallen war.

   Als ich das leise Lachen auf meinen Lippen vernahm, musste ich nicht lange überlegen. Abrupt brach es ab und wurde zu einem Schmerzensschrei, als ich Gregor packte und in die tiefsten Bereiche meines Geistes schmiss, um ihn dort für die nächsten Stunden schmoren zu lassen. Dann rappelte ich mich schnaufend wieder auf, sprang vom Bett herunter und setzte mich, meinen Kopf in meinen Händen vergrabend, auf die Kante.

   Schon wieder. Schon wieder war mir vollkommen die Kontrolle entglitten. Hatte ich vorher gedacht, oder zumindest gehofft, dass ich endlich Herr dieses Körpers war, machte mir mein Bruder und Dämon wieder einen Strich durch die Rechnung.

   Das Rascheln hinter mir ließ mich aufspringen und meinen Dolch bereithalten. Dann, wie ein Nachgedanke, drehte ich mich um, rammte das Messer in den Tisch, auf dem noch Reste von vergangenen Mahlzeiten lagen, und wandte mich dann wieder der Trollin zu. »Warum?«, knurrte ich.

   Sie rieb sich den Hals, auf dem die Spuren meiner Finger noch gut sichtbar waren. Aber ihre Zunge strich kurz und sanft über ihre Lippen.

   »Was interessiert es dich, Ausgeburt des Todes?«

   Ihre Stimme war überraschend angenehm. Sie war tiefer, als ich es jemals von einer Frau, gleich welcher Rasse, gehört hatte, und besaß etwas Rauchiges, was verbunden mit ihrer gedehnten Sprechweise merkwürdig beruhigend wirkte. Und das, obwohl sie mich gerade beleidigt hatte.

   »Ich habe dir einen Tag voller Schmerzen und womöglich eine Nacht voller Tod erspart. Das sollte eine Antwort wert sein.«

   »Pah.« Sie schaffte es, dabei hochnäsig zu klingen und zu wirken, während sie sich halb aufrappelte und ihre Augen begannen, nach mir zu suchen. In der Dunkelheit des Hauses konnte sie mich scheinbar noch nicht sehen. »Ich bin dir keine Antwort schuldig, Kaz’mon

   Ohne ein Geräusch von mir zu geben, umrundete ich das Bett. Gerade, als sie näher an die Bettkannte rutschen wollte, meinte ich: »Dann hast du keinen Wert. Ich sollte dich doch erwürgen.«

   Sie drehte sich mit einer ungeheuren Geschwindigkeit und mit ungeahntem Geschick um. War sie gerade eben noch halb gelegen, kniete sie jetzt auf dem Bett, die Hände zu Fäusten geballt und erhoben, um einen Schlag wie den vorhin abzuwehren.

   Ich lachte nur leise.

   »Was willst du von mir, Kaz’mon?!«

   »Nichts«, erwiderte ich leichthin mit einem Schulterzucken, während ich mich auf leisen Sohlen in Richtung der Bettstirn machte. Ihr Kopf drehte sich dabei mit, und sie positionierte sich stets neu, um mich möglichst frontal anschauen zu können. Ihre zusammengekniffenen Augen schienen inzwischen mehr zu sehen, denn auch ihr Blick verfolgte mich zusehends. »Ich habe eine Trollin in den Gassen gefunden, verfolgt von einem Rudel wilder grüner Hunde. Die Neugier hat mich übermannt.«

   Sofort spuckte sie aus, und ihre Stimme nahm eine bisher noch nicht bekannte Schärfe an. »Neugier, Mon? Ich kenne die Neugier jener, die hier ein und ausgehen. Lebende gehen hinein, und Tote kommen heraus. Keine Neugier bleibt in diesem Haus unbefriedigt. Mon, bring es hinter dich, wenn du etwas wissen willst!«

   Ich blieb mit schräg gelegten Kopf stehen und schaute sie genau an. Dann zeigte ich ihr ein so breites Lächeln, dass sie es sogar in der Dunkelheit sehen musste, auch wenn es vermutlich kein bisschen vertrauenswürdig aussah. »Wie interessant. Schließlich bin ich nur ein… Gast. Und du, meine Liebe, bist mein Gast.«

   Die Tür krachte auf. Helles Licht strahlte herein, und einen Moment später stand der Träger der Laterne mitten im Raum. Urgrak betrachtete erst mich, dann die Trollin, und bei ihrem Anblick verzogen sich seine Mundwinkel gut erkennbar nach unten.

   »Was hat das zu bedeuten?«

   Für einen Moment war ich zu perplex, um irgendetwas zu unternehmen. Wenigstens ging es der Frau nicht anders, denn auch sie starrte den hünenhaften Ork an, als sei er eine Ausgeburt der Hölle.

   »Urgrak?«, fragte ich ehrlich überrascht.

   »Was macht eine Trollin in deinem Bett, Dareth? Vor allem –« Er stockte, als er näher kam und meinen Gast genauer in Augenschein nahm, und seine Miene wurde noch finsterer, falls das überhaupt möglich war. »Du.«

   Noch ehe er näher herankommen konnte, hatte ich mich bereits zwischen ihm und die Frau gestellt, auch wenn ich dabei hilfesuchend meine Hände nach vorne streckte, als wollte ich den Krieger ertasten. »Sie hat mich hierher geführt, Urgrak. Kennst du sie?«

   Das wütende Schnauben, das ihm entwich, war eigentlich schon Antwort genug, aber er ließ Worte folgen. »Sie soll dich hierher geführt haben? Halte mich nicht zum Narren, du modernde Leiche! Welches Spiel spielst du hier?!«

   Ich blieb wie angewurzelt stehen, scheinbar entsetzt über seinen Zorn. »Ich spiele nicht. Sie hat mich in der Stadt aufgelesen und mich geleitet, als ich mich verlaufen hatte.«

   »Und warum sollst du dich verlaufen haben?!«

   Ich zeigte ihm ein sanftes Lächeln, in der Hoffnung, damit den Bogen nicht vollends zu überspannen. »Ich bin blind, mein Freund.«

   Die Erinnerung daran, wer an meiner Blindheit Schuld war, schien ihn tatsächlich ein wenig abzulenken; zumindest drohte er nicht mehr, nach seiner Axt zu greifen. »Diese Hure hat es mit einem Peon getrieben. Unverzeihlich genug, dass sie sich mit einem Ork eingelassen hat, aber dann auch noch mit einem Peon!«

   Ich musste dagegen ankämpfen, nicht laut loszulachen, oder noch schlimmer, Gregor an die Macht kommen zu lassen. »Liebe«, erwiderte ich stattdessen mit einem Schulterzucken. »Was ist daran so schlimm, frage ich dich?«

   »Der Kopf des Peons ziert das große Tor«, grollte Urgrak.

   Ich verharrte für einen Moment. Meine nächsten Schritte mochten über Leben und Tod entscheiden, aber ich hatte nicht wirklich die Zeit, sie abzuwägen. Also unternahm ich das, was mir am Richtigsten erschien: Ich drehte mich um, machte einige vorsichtige Schritte in Richtung des Bettes und streckte dabei eine einzelne, knöcherne Hand aus.

   Auch wenn ich bis jetzt nur wusste, dass sie scheinbar nicht mehr als eine billige Dirne war, verstand die Trollin sofort. Ohne zu zögern ergriff sie meine Hand, glitt vom Bett herunter und stellte sich mit starrer Miene neben mich.

   »Sie war mir eine beträchtliche Hilfe«, meinte ich bedauernd an den Ork gerichtet. »Der Tisch, bitte.« Und gemeinsam setzten wir uns in Bewegung, umrundeten den Krieger, dessen Augen wütend funkelten, und setzten uns dann auf die bereitstehende Bank. »Und sie ist mein Gast, Urgrak. Auch wenn sie dir und deinen Leuten ein schreckliches Unheil angetan haben mag, genießt sie meine Gastfreundschaft.«

   Man konnte dem Ork regelrecht seine Zerrissenheit ansehen. Hier, nur eine Armlänge entfernt, saß jemand, der seine Ehre verletzt hatte; und neben ihr saß einer, der ihn an seine Ehre band, ihr kein Leid anzutun. »Du verdammter Hund«, knurrte er, und seine Finger knackten, so stark schloss er sie zu Fäusten.

   Und dann lachte er. Er lachte laut und lange, bis er sich schließlich neben mir auf die Bank fallen ließ und mir einen Schlag auf die Schulter gab, der mich fast von meinem Sitz herunter katapultiert hätte. »Du verdammter, gerissener Hund!«, brüllte er. »Du weißt schon genau, wo meine wunden Punkte sind, nicht wahr?«

   Ich grinste ihn schief an und breitete dabei hilflos meine Hände aus. »Ich tue, was ich kann. Meine Augen mögen nicht mehr sehen, aber meine Gedanken sind noch immer so schnell wie früher.«

   »Das merke ich. Und du, Sulzula, du solltest dich auf Knien bei diesem Gerippe bedanken! Er alleine steht zwischen dir und dem Beil, das du verdient hast!«

   Ich konnte die Trollin schlucken hören. Und dann, zu meiner vollendeten Verblüffung, nahm sie meine Hand in die ihren und drückte sie an ihre Brust.

   Urgrak kommentierte das nur mit einem belustigten Grunzen. »Gut so. Du lernst, verfluchtes Weib. Wenn du dir schon einen Mann nehmen musst, dann wenigstens jemanden, der Einfluss besitzt.«

   Ich hüstelte leicht, bevor ich mit einem Lächeln erwiderte: »Nur so viel Einfluss, wie du mir zugestehst, mein Freund.«

   »Du nennst mich auffallend häufig Freund, Dareth. Bist du dir etwa unsicher, ob ich tatsächlich einer bin?«

   »Ich weiß, dass ich deiner Gnade ausgeliefert bin, Urgrak. Es ist besser, dich als meinen Freund anzusehen. Ich möchte dich ungern als Feind haben.«

   Das entlockte dem massigen Koloss wieder einen Schauer von Lachern und einen weiteren Schlag auf meinen Rücken. »Siehst du, wie klug er ist, Sulzula? Halte dich an ihn, und vielleicht wirst du sogar deinem angebrachten Schicksal entkommen, wer weiß?«

   »Warum bist du hier, Urgrak?«

   Das Lachen und die Heiterkeit verebbten. Der Ork grunzte noch einmal, kratzte sich dann am Kinn und brummte schließlich: »Die Blutelfe und ihr Taure.«

   »Hast du sie gefunden?«

   »Mehr oder weniger. Ich weiß, dass sie nicht mehr in Orgrimmar sind. Sie sind auf dem Weg nach Ashenvale gesichtet worden.«

   Ich nahm diese Information gefasst auf. Gregor dagegen schäumte bereits vor Wut, und dieses Mal ließ ich ihn zu Wort kommen. »Und du bist unfähig, sie aufzuhalten?!«

   »Sie sind dein Belang, nicht der meine«, erwiderte der Angegriffene gelassen. »Ich weiß nicht, was du mit ihnen anfangen willst, und ehrlich gesagt möchte ich es auch nicht wissen. Und wo wir gerade von Belangen sprechen: zügle dein Spitzohr. Sie klaut mir zu viel.«

   Mit diesen Worten stand er auf. »Tatsächlich war das der einzige Grund, warum ich hergekommen bin. So, wie ich es sehe, bist du jetzt mit zwei Spitzohren gesegnet. Wenn ich auch nur eine von beiden auf der Straße ohne dich erwische, ist dir hoffentlich klar, was passieren wird.«

   Gregor knirschte noch mit den Zähnen, als ich bereits wieder Kontrolle über unseren Körper erlangte. Ich stand auf, streckte meine Hand aus und wartete, bis er sie in einem knochenknirschenden Handschlag ergriff. »Ich danke dir«, sagte ich mit fester Stimme. »Im Namen meiner Gefährtinnen, und in meinem.«

   Urgrak lächelte nur, als er los ließ und zur Tür ging.

   »Alles für einen Freund.«

   Dann zog er sie hinter sich zu und tauchte den Raum wieder in Dunkelheit.


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