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[Fantasy] Verlorene Wege


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73 Antworten zu diesem Thema

#61 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 10 February 2015 - 08:08

Kapitel 33 – Blutsbrüder

 

   Der Morgen dämmerte.

   Sulzula saß mir gegenüber. Brot und Wurst standen ebenso unberührt auf dem Tisch wie der Krug Wein, der uns gebracht worden war. Sie hatte sich ihrer schlecht sitzenden Lederrüstung entledigt; darunter waren ein ärmelloses Hemd und ein eng anliegendes Brusttuch hervorgekommen. Vor allem letzteres deutete für mich darauf hin, es hier nicht mit einer einfachen Hure zu tun zu haben, auch wenn es womöglich solche trotz der drakonischen Strafen in Orgrimmar geben sollte. Überhaupt, dass sie eine Rüstung trug, ließ auf sehr viel mehr schließen als nur das.

   Aber bis jetzt schwieg Sulzula, und ich tat es ihr gleich. Es war nicht so, dass ich mich nicht gerne mit ihr unterhalten hätte. Mit Gregor war gerade nicht zu sprechen; er schäumte noch immer vor Wut darüber, dass Aritana und ihr zweibeiniger Stier so einfach hatten davonkommen können, und sogar noch mehr darüber, dass sie seine Warnung scheinbar in den Wind geschossen hatten.

   Eine kleine Unterhaltung mit meiner neuesten erzwungenen Gefährtin wäre mir also lieb gewesen. Allerdings wollte ich sie zu nichts drängen, und außerdem plagte mich bereits eine neue Sorge: An’duna war noch immer nicht zurück. Sie war öfters bis in die frühen Morgenstunden in den Straßen der orkischen Hauptstadt herum geturnt und hatte sich ihre liebe Zeit genommen, um in den einigermaßen sicheren Schutz unseres Hauses zu gelangen.

   Doch jetzt fielen bereits die ersten Sonnenstrahlen durch die halb geöffneten Fenster. Der Morgen brach an, und keine Dunkelheit, kein Schatten würde eine Nachtelfe in Orgrimmar genügend verstecken können.

   Zu allem Überfluss starrte mich Sulzula an. Der Umstand alleine hätte mir nicht unbedingt etwas ausgemacht. Als Untoter in einer lebenden Stadt, die nur wenige meiner Leidensgenossen zu Gesicht bekam, wurde ich offen begafft und auch des Öfteren beleidigt. Orks fletschten ihre Zähne, wenn ich ihnen zu nahe kam, Trolle vollführten seltsame Bewegungen mit ihren Händen, vermutlich, um irgendeinen Voodoo-Schutzzauber zu wirken, der sie vor bösen Geistern und noch böseren Fleischfressern beschützen sollte. Blutelfen machten einen weiten Bogen um mich herum, und Tauren konnten mich ohnehin nicht ausstehen, weil ich ihnen wohl nicht natürlich genug war. Die Tatsache, dass ich auf sehr natürliche Art und Weise verweste und stank, reichte ihnen jedenfalls nicht.

   Aber als ich bemerkte, wie regungslos Sulzula da saß und ihre Augen auf mich gerichtet hielt, während ich nur still auf meinem Hintern saß und versuchte, meine Gedanken zu sortieren, erinnerte mich an eine andere Frau, die mich damals ebenso sehr verachtet und gehasst hatte, wie es jetzt die Trollin tat, in einem sehr ähnlichen Zimmer, und mit dem exakt gleichen Blick.

   Ich grinste.

   Dieses unvermutete Zeichen reichte Sulzula wohl bereits aus. Ihre Hände umklammerten regelrecht den Tisch, und ich vermutete, dass sie ihre Füße gerade fest auf den Boden stemmte, um im Zweifelsfall den kompletten Tisch um und auf mich zu schmeißen.

   Also hob ich beschwichtigend die Hände. »Keine Sorge. Ich habe mich nur an etwas erinnert.«

   »Ich war nicht besorgt, mon«, schnauzte sie mir zur Antwort. Dann, nach einem kurzen Moment des Schweigens, setzte sie nach: »Warum?«

   Dieses Mal konnte ich nicht anders, als leise zu lachen. »Warum? Warum ist das immer die erste Frage, die ich zu hören bekomme? Warum kann scheinbar niemand glauben, dass ich anderen Leuten helfen möchte?«

   Sie schaute mich an, als würde ich puren Schwachsinn vor mich hin brabbeln. »Du bist ein Untoter, mon

   »Ah.« Lächelnd nickte ich meine Zustimmung. »Und Untoten kann man nicht trauen. Jeder weiß das.«

   »Sie fressen Leichen. Du frisst Leichen, mon

   »Um ehrlich zu sein, habe ich noch keine Leiche angefasst. Lebende haben einen besseren Geschmack, wie ich finde.«

   Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Du bist unvorsichtig. Keine Wachen. Nur wir beide. Ich könnte dich hier und jetzt erwürgen.«

   »Untote benötigen keinen Atem.«

   Das Lächeln, das ihre Lippen formten, hatte etwas Hinterhältiges an sich. »Ich habe davon gehört, mon. Ich glaube es nicht.«

   Ich schaute sie an. Zuerst vergnügt, wie ich dachte; dann, wie ein kleiner Nachgedanke, fiel mir auf, dass es nicht vergnügt war. Es war herausfordernd. Und im selben Atemzug spürte ich, wie sich meine Mundwinkel nach oben verzogen, wie sich meine Lippen schürzten und ein Grinsen formten, das so breit war, dass sich meine Haut spannte, wie altes Leder knirschte und knackte. Kleine Risse bildeten sich. Ein einzelner, pechschwarzer Tropfen Blut drang hervor. Gähnend langsam quetschte er sich durch die Öffnung, formte eine kleine Kugel, zog dann wie in Trance hinab.

   Und eine ruhige, gleichzeitig vibrierende Stimme murmelte: »Dann versuch es doch.«

   Im nächsten Augenblick kam der Tisch angeflogen. Ich beobachtete, wie sich das Holz hob, wie der Krug gleichsam Geschwindigkeit aufnahm, wie die ersten Stücke der Wurst aus ihrer Schale fielen und die Schale selbst in meine Richtung rutschte. Ich beobachtete, wie ich mich nach hinten fallen ließ, über die Bank hinüber und auf dem Rücken landete, die Beine angewinkelt. Schwungvoll rollte ich herum, meine Zehen berührten wieder den weichen Boden, und einen Moment später stand ich. Die Schale knallte zu Boden, wo ich eben noch gesessen hatte. Der Krug polterte vor meine Füße und zerbarst. Einige Scherben prallten gegen die abgenagten Knochen meiner nackten Füße, und Spritzer des süßlichen Weins benetzten sie.

   »Nein«, wisperte ich, kaum hörbar.

   Die Miene der Trollin hatte etwas Animalisches angenommen. Ihre Augen waren fest auf mich gerichtet, während sie den Tisch umrundete. Ich tat es ihr gleich, darauf bedacht, lässig mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt über den weichen Boden zu schreiten. Und ich schrie ungehört, ich fluchte, ich tobte in mir.

   »Nicht schlecht«, gab sie mit einem Haifisch-Grinsen zu. »Können alle Untote sehen, obwohl ihre Augen bedeckt sind?«

   »Sehen?«, schnurrte die ruhige Stimme, und ich wusste genau, wem sie gehörte. Gregor fügte hinzu: »Ich bin nur ein armer, blinder Untoter, der seinem Gast schutzlos ausgeliefert ist.«

   Hass. Unbändiger Hass schwappte über mich hinweg, ertränkte mich und ließ meinen Wutrausch anschwellen. Ich trank ihn auf und brüllte, ich goss ihn in mich hinein und schrie.

   »Alle Untoten lügen.«

   Anstatt unser kleines Ringelreihen fortzuführen, schnellte sie geradewegs auf mich zu, sprang erst auf die nun nach oben liegende Tischkante und dann hoch in die Luft. Fast hätte sie mich mit umgerissen, wäre ich nicht gerade noch mit einem Schritt nach hinten ihren ausgestreckten Fingern entgangen. Doch es war nicht ich, der ausgewichen war, es war Gregor. Gregor hatte die Macht ergriffen, so plötzlich und unbemerkt, dass ich es gar nicht fassen konnte. Und gerade, als er sich seinerseits auf sie werfen wollte, hatte sich die Trollin schon wieder aufgerichtet und stand in einer Ringer-Manier mit weit geöffneten Armen vor uns. »Komm, mon. Komm zu mir.«

   Ich zog meinen verzierten Dolch, eben jenes Messer, das vor nicht allzu langer Zeit in mir selbst gesteckt hatte. Ihr missbilligender Blick entlockte Gregor ein grausames Lächeln, und die Klinge flog in einem hohen Bogen zu den anderen Dingen, die bereits auf dem Boden lagen.

   »NEIN!«

   Die Kämpferin verharrte, ebenso wie wir. Stille erfüllte den Raum, plötzlich und ungebeten, unpassend zu dem Chaos, das um uns entstanden war. Mein Mund war noch halb aufgerissen in dem wutentbrannten, verzweifelten Schrei, der aus ihm gedrungen war, und halb in seinem bösartigen Grinsen gefangen.

   »Doch«, hauchte Gregor zur Antwort.

   Dann sprang Sulzula auf uns zu. Gregor schaffte es, ihrem ersten Schwinger auszuweichen, und konterte mit einem Schlag in Richtung ihres Kinns. Sie riss ihren Kopf zurück und erwiderte unseren Angriff mit einen Tritt in meine Leistengegend, den er gerade noch blocken konnte, und mit einem Sprung brachte er sich aus ihrer Reichweite heraus.

   Immer und immer wieder ging es so weiter. Wir beharkten uns für zwei, drei Schläge, in denen keiner einen wirklichen Treffer landen konnte, um uns dann zu trennen und wieder zu umkreisen, wie ein Löwe und eine Löwin, bereit, beim geringsten Anzeichen von Schwäche gnadenlos zuzuschlagen.

   Und es machte uns Spaß. Ich konnte es ihren Augen und ihrem Lächeln ansehen, und während ich tobte und brüllte und schrie und versuchte, die Kontrolle wieder zu erlangen, vermengte sich mein Hass mit Freude, wurde aus Verzweiflung rasende Blutlust. Gregor nahm Besitz von unserem Fleisch, er nahm Besitz von meiner Seele, und er flößte ihr den Rausch des Kampfes ein, das Versprechen von einer köstlichen, reichlichen Mahlzeit, wenn getan war, was er tun würde. Und immer wieder drang ein leises, kaum gehörtes »Nein!« über unsere Lippen und wurde von einem lauten, bestimmten, grausamen »Doch!« übertönt.

   Dann, in einem unserer kleinen Scharmützel, flog ihre Faust wieder einmal in Richtung meines Bauchs. Gerade, als wir sie blockte, krachte ihre andere gegen unseren Kopf. Zu überrascht über die Finte ging Gregor zu Boden, und keinen Augenblick später spürte ich schon, wie sich ihre Hände um unseren Hals legten und gnadenlos zudrückten, ungefähr so, wie er es noch die Nacht zuvor bei ihr getan hatte. Wir wehrten uns nach Leibeskräften, aber nach einigen Sekunden musste Gregor feststellen, dass sie sehr viel stärker als ich war, dass sie unsere Arme mit ihren Knien gefangen hielt und ich sie unmöglich mit meinen Beinen erreichen konnte.

   Die Vorfreude verflog sofort und wurde von grausiger Furcht aufgefressen. Ich spürte, wie sich die Macht aufbaute. Ich spürte, wie Gregor alles nahm, was ich geben konnte, und noch mehr. Ich spürte und wusste, was er vorhatte.

   Wie auf ein innerliches Kommando hin – und es war gut möglich, dass ich es unbewusst sogar gegeben hatte – entflammte unsere knöcherne linke Hand. Violette Schemen umspielten sie, Flammen der Finsternis, bereit, alles Lebende zu vertilgen.

   Augenblicklich ließ die Trollin meinen Hals los. Allerdings nur, um ihre eigene Hand triumphierend empor zu halten und mich sehen zu lassen, dass Blitze – grell zuckende, bläulich leuchtende Blitze – ihre eigenen Finger umspielten.

   Der Schlag ließ mich schmerzerfüllt aufschreien. Es war kein einfacher Fausthieb gegen meinen Schädel: Die Blitze fuhren in mein Fleisch, durchdrangen meinen Kopf, und ich konnte spüren, wie sie sich in meinen restlichen Körper ausbreiteten, jeden Muskel und jede Faser erfassten und verbrannten. Ich konnte riechen, wie es meine Haut und alles darunter versengte.

   Und noch immer grinste Gregor wie eine manische Bestie.

   »Untote spüren Schmerz«, purrte Sulzula mit unendlicher Genugtuung, als sie bereits zum nächsten Schlag ausholte.

   Die schwarzen Flammen in meiner Hand barsten. Sie schossen kurz in die Höhe, verschlangen dann unseren gesamten Arm und erreichten somit auch ihr rechtes Knie. Der Gestank von verbranntem Fleisch wurde noch sehr viel intensiver, als sie kreischend aufsprang und von uns herunterrollte. Eine hässliche Wunde hatte sich in ihr Schienbein gebrannt, und es hatte genau die Form meines Arms.

   So schnell Gregor konnte, rappelte er uns auf, und stürzte dabei fast wieder. Blitze schienen noch immer durch meinen Schädel zu zucken, Kopfschmerzen, wie ich sie noch nie in meinem Leben gefühlt hatte, peinigten mich. Als sich unsere Sicht wieder einigermaßen klärte, stand auch Sulzula, ungefähr genauso schief und schwer atmend wie wir selbst.

   »Eine Schamanin«, grunzte Gregor.

   »Grishnak. Es hieß, du wärst tot.«

   »Scheinbar lernen wir heute beide einige wichtige Dinge.«

   Mit einem wütenden Schrei stürzte sie sich wieder auf uns, wenn auch jetzt sehr viel ungelenker als vorher. Wir parierten und schlugen, blockten und wichen aus. Sie wollte keinen weiteren Schlag kassieren, aus Angst, ihn nicht zu überstehen. Gregor tat es, weil es ihn mit unheilvoller Lust erfüllte, so mit seinem Opfer zu spielen. Und dabei war alles halb verschwommen, und die Schmerzen in meinem Kopf machten mich schier wahnsinnig, als würde jemand darin herumspringen und von innen gegen meinen Schädel hämmern.

   Dann knickte ihr Bein weg. Fluchend ging Sulzula zu Boden, und genau wie sie vorher ließ Gregor sich diese Chance nicht entgehen. Wir sprangen auf sie, nahmen sie genauso gefangen wie sie uns vorher, und holten zum alles entscheidenden Schlag aus. Das alles umfassende Gefühl des bevorstehenden Sieges hielt Einzug, und traf auf meine unbändige Angst, nichts tun zu können.

   »Nein«, drang es wieder über unsere Lippen.

   Das Lachen klang traurig und erdrückte mich. Es schallte in mir, von allen Seiten, beharkte mich wie Tausende von Pfeilen, ließ mich zusammen zucken und mich wundern, wie es mir so lange nicht hatte auffallen können.

   »Du warst immer zu weich«, grollte Gregor. »Und jetzt bist du zu spät.«

   Meine Finger verkrampften, so sehr presste er sie zu einer Faust zusammen. Dann fuhr sie, mit dem unheilvoll fauchenden Schattenblitz ummantelt, nieder.

   Der Schmerz war schlimmer als alles, was ich bisher hatte erleben müssen. Weder meine vollkommene Erschöpfung damals, als ich Aritana praktisch von den Toten wiedergeholt hatte, noch der magische Dolch, der mein gesamtes Mana in mir zum Explodieren gebracht hatte, konnten sich auch nur annähernd damit messen. Es war, als würde mein rechter Arm aus Stein bestehen; Granit, seit Urzeiten in dieser Form, und ich war nur eine Mücke, die dagegen flog und ihn zum Bewegen bringen wollte. Alles in mir schrie danach, aufzugeben, nur um die unendlichen Qualen, die dabei durch ihn zuckten, aufhören zu lassen.

   Dann trafen unsere Hände aufeinander.

   Das Zischen und Flackern erhellte den gesamten Raum. Ich konnte es mit meinen Augen nicht sehen, aber ich konnte mir vorstellen, wie gespenstische violette Lichter über die Wände tanzten und geistige Schatten warfen. Ich konnte riechen, wie mein Fleisch verbrannte, wie es sich von unseren Fingern löste und der magische Schmerz sich durch unsere Sinne fraß, bis tief in meine Seele hinein.

   Ich schrie. Und dieses Mal schrie Gregor mit mir.

   Als die Flammen erloschen waren, starrte Sulzula eine knöcherne Faust an, die von ebenso knöchernen Fingern festgehalten wurde. Beide schwebten vielleicht eine Nasebreit über ihrem Gesicht. Blut, Stücke von verbrannter Haut und schwarzem Fleisch bedeckten es.

   »Ich bin kein Untoter«, wisperte ich hasserfüllt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

   Und wieder erschien das unheilige Grinsen des Verzweifelten auf meinen Lippen, als Gregor entgegnete: »Ich schon.«

   Dann spürte ich erneut den Sog der Macht. Eine erste schwarze Flamme blitzte in seiner linken Hand auf.

   Und zugleich nahm ich alles, was ich übrig hatte, aus meiner Seele hervor, und meine rechte Hand brachte zeitgleich mit seiner einen Schattenblitz hervor. Die Magie war dieselbe, aber nicht ihre Quellen, und beinahe sofort fielen die Flammen übereinander her, versuchten, sich gegenseitig zu ersticken und zu vernichten.

   »Du bist schwach, Dareth«, grollte mein Bruder, und tatsächlich rutschten unsere Hände noch einen Zoll näher an die entsetzte Trollin unter uns heran. »Du hast nie verstanden, wie wichtig das Blut für uns ist. Wie mächtig es uns macht. Wenn ich erst ihr Blut getrunken habe, werde ich Aritana finden, und glaub mir, sie wird es nicht so einfach haben.«

   Ich hörte nicht auf ihn. Ich konzentrierte mich vollkommen darauf, unseren Rücken gerade zu halten und meine Hand nicht noch einen Fingerbreit weit weichen zu lassen. Ich konnte Gregor nicht vertreiben; zu sehr waren wir erfüllt von dem Geruch des bereits vergossenen Blutes, zu groß war die Gier nach mehr.

   »Und dann töte ich An’duna. Ich werde dich teilhaben lassen an unserem Mahl. Du wirst sehen, wie gut es ist.« Er fing wieder an zu lachen, ein langgezogenes, grausiges Geräusch. »Die verdammte Elfe. Hast du wirklich geglaubt, sie würde dir helfen? Sie ist abgehauen. Sie hat das einzig Vernünftige von uns dreien getan.«

   Ich grunzte vor Anstrengung. Aus dem steinernen Arm war ein steinerner Felsbrocken geworden, dreimal, viermal so groß wie ich, und er rollte einen steilen Abhang hinab. Alles, was ich tun konnte, war, mich mit aller Kraft gegen ihn zu stemmen.

   »Und wenn ich sie getötet habe, Bruder«, und er spuckte das Wort förmlich aus, »dann werde ich studieren. Wir werden die Nekromantie meistern, und wenn ich soweit bin, kehre ich nach Lordaeron zurück, zu dem süßen Grab in der alten Stadt. Und ich werde dir deine Geliebte wiedergeben. Eine weitere Untote, wie wir. Nur eine weitere Untote.«

   Er lachte wieder, traurig, mit einem halben Schluchzen darin. Aber ich hörte sein Lachen nicht. Seine Worte hallten in mir wieder, wurden hin und hergeworfen, wurden lauter und leiser, höhnisch und süffisant.

   Angst und Zweifel verflogen, ebenso wie mein Hass. Ich konnte nicht wissen, was meinen Bruder dermaßen in Rage gebracht hatte. Aber ich hatte es nicht bemerkt. Ich hatte meinen Bruder in die Dunkelheit fallen lassen.

   Kalte Wut stieg in mir auf und packte mich. Gerechter Zorn über die blasphemischen Worte, die Gregor gesagt hatte, erfüllte meinen rechten Arm. Der Schattenblitz wuchs, umstülpte unsere beiden Hände und setzte sie in Flammen, heller als alles Licht, das ich jemals gesehen hatte. Sulzula keuchte erschrocken auf, und ich konnte sehen, wie einige Haare, die ihr ins Gesicht hingen, versengt wurden.

   »Niemals.«

   Meine Stimme war ruhig. Sie war erfüllt von Trauer und von Bestimmtheit. Sie war so unerschütterlich wie ein Berg, Äonen alt und durch nichts ins Wanken zu bringen.

   Aber Gregor gab nicht auf. Er lachte wieder, noch freudloser, noch mehr gekünstelt. »Du hattest deine Chance, Dareth. Wir haben den Lebenden vertraut, und was hat es uns gebracht?«

   »Ich werde es nicht zulassen. Ich werde dich aufhalten, Gregor.«

   »Du kannst mich nicht aufhalten. Du kannst nicht dich selbst aufhalten.«

   Der Schattenblitz schoss nach oben. Wie eine Rakete donnerte er gegen die Decke, zerbarst am Holz und ließ Späne und Staub auf uns niederregnen. Und wieder kamen unsere Fäuste noch ein Stückchen an die Trollin näher.

   Er war stärker. Gregor war stärker. Das untote Biest in mir war stärker. Ich konnte fühlen, wie es mich überwand, wie es sich in mich verbiss und mich in Stücke riss. Ich wollte das Blut sehen. Ich wollte das Blut schmecken. Ich konnte nicht gegen meinen Bruder bestehen. Ich konnte nicht gegen meine Natur kämpfen.

   Ich konnte nicht gegen mich selbst kämpfen.

   Mein Blick traf den der Trollin. Panik spiegelte sich in ihrem. Meiner war voller Schuld.

   »Es tut mir leid.«

   Das Geräusch, wenn kalter Stahl durch Fleisch und Sehnen dringt und an Knochen schabt, ertönte. Einen Wimpernschlag später zerbarst meine Sicht in unzählige Sterne, jeder einzelne ein roter Punkt, der mit feurigem Schein auf mich niederfuhr, sich in mich hinein bohrte und mich in Brand setzte. Und in mir erwachte ein Vulkan, spie sein Innerstes aus und entließ es machtvoll in die Welt.

   Mein Mana verbrannte. Meine Arme erschlafften. Zwei Klingen steckten in meinen Schultern, wuchtig von hinten hinein gerammt. Ich musste sie nicht sehen, um zu wissen, welche es waren.

   Dann wurden die Dolche erbarmungslos aus mir heraus und ich gewaltvoll nach hinten gerissen. Ich wusste, dass jedes normale Wesen jetzt die sanfte Ohnmacht umfangen hätte, aber Untote wurden nicht ohne weiteres ohnmächtig. Nicht durch Schmerzen; Schmerzen, durch stählerne Klingen beigefügt, waren doch nicht mehr als dumpfe Stiche. Magische Qualen waren eine vollkommen andere Geschichte, wie ich jetzt wieder bemerkte, aber auch sie konnten nicht das schwarze, gütige Tuch über mich werfen. Untote hörten einfach nicht auf, sich zu bewegen, solange man ihnen nicht den Kopf abschlug.

   Kaum atmend lag ich also auf meinem Rücken. Mir fehlte die Kraft, meine Arme oder Beine zu bewegen. Meine Sicht war noch verschwommener als vorher, in einem solchen Maß, dass ich nur noch einen Schemen erkennen konnte, der sich über mich beugte. Aber mein Gehör funktionierte noch wunderbar, und auch meine Stimme, wie Gregor unter Beweis stellte, als er stöhnte: »Du…?«

   Ich hörte ein Keuchen aus der Richtung meiner Füße. Vermutlich sah Sulzula gerade etwas, das sie nicht erwartet hatte und wohl auch nicht gerne sehen mochte.

   Dann spürte ich, wie jemand meinen Kopf leicht anhob und auf seinen Schoß bettete. Etwas wurde gegen meine Lippen gedrückt, und eine süßliche, köstliche Flüssigkeit benetzten sie.

   Nachtelfen-Blut.

   »Dein Bruder ist sehr misstrauisch«, murmelte An’duna, und ich wusste, dass sie dabei lächelte.

 

   Gregor schwieg.

   Er tat das, was er gelernt hatte: Sich zurückziehen und beobachten. Das war das Handwerk eines Meuchelmörders und Halsabschneiders: auf den richtigen Augenblick warten, um dann unerkannt und unvermittelt zuzuschlagen, das Opfer auszuschalten und wieder zu verschwinden, bevor jemand wusste, was gerade passiert war.

   Nur hatte er mit mir einen Beobachter, der ihn auf Schritt und Tritt verfolgte und keinen Zoll von seiner Seite wich, ob er es wollte oder nicht. Und ich behielt meinen Bruder genau im Auge. Ich konnte spüren, dass er noch immer Wut und Trauer gleichermaßen verspürte; ich wusste inzwischen auch, dass beides von zu wenig Vertrauen und zu viel Enttäuschungen herrührte, und ich nahm mir vor, es in Zukunft besser zu machen. Ich durfte ihn nicht verlieren, nicht in unserem derzeitigen Zustand.

   Die Mahlzeit, die ich erhalten hatte, war ein erster Schritt in die richtige Richtung.

   An’duna lächelte mich schwach an, obwohl ich ihr wieder einmal ein Stück aus ihrem Arm herausgerissen hatte, so sehr war ich auf ihr Blut vernarrt gewesen. Sie hatte die Zähne zusammen gebissen und es ertragen, wohlwissend, wie sehr ich mich hinterher dafür schämen und mich entschuldigen würde, und dass ich sie natürlich heilte, sobald es in meiner Macht stand. Unser trollischer Gast dagegen musste sich vorerst mit einem billigen Stoffverband und guten Worten zufrieden geben. Vertrauen, wie ich es Gregor zu verstehen gab, musste man sich erarbeiten.

   Er erwiderte nur, dass ich viel zu verständlich für diese Welt sei, und mir mein Verständnis und mein Vertrauen irgendwann kräftig in den Hintern beißen würde.

   Ich hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, in einen Spiegel zu schauen, aber mein Gesicht musste seit dem Kampf einen grausameren Ausdruck angenommen haben. An’duna schaute mich zumindest jedes Mal bemitleidend an, wenn sich unsere Blicke trafen. Die Wunden in meinen Schultern waren ebenfalls mit Verbänden versorgt worden; zu viel Mana war mir im Kampf und durch den Dolch geraubt worden, und es würde mindestens bis zum Abend dauern, bis ich mir einen weiteren vernünftigen Heilzauber zutraute.

   »Was nun?«, murmelte meine Nachtelfe leise und drückte mir dabei aufmunternd die Hand. Wir saßen auf der Bank, die sie neben den Tisch wieder aufgestellt hatte. Die Trollin dagegen hatte sich zwei Schritt entfernt von uns im Schneidersitz auf dem Teppich niedergelassen, die Augen geschlossen und schien in einer Art Meditation versunken zu sein.

   »Der Dolch«, erwiderte ich, ohne auf ihre Frage einzugehen. »Woher hast du ihn?«

   Sie zeigte mir ein verschmitztes Grinsen. »Aus dem Haus einer gewissen Blutelfe.«

   »Weißt du, wo Aritana ist?«

   »Nein«, meinte sie, während sie ihren Finger sanft über die Klinge in ihrer Hand streichen ließ. »Nach dem Raub war sie fort. Das Haus stand in der nächsten Nacht leer. Es sah so aus, als wäre sie ziemlich überstürzt aufgebrochen.«

   »Warum hast du nichts gesagt?«

   Sie warf einen vielsagenden Blick auf die Trollin, und um die Sache vollkommen verständlich zu machen, zeigte sie auf die hässliche Beinwunde. Der Stoffverband hatte sich an der Stelle dunkel verfärbt und würde in den nächsten Minuten wieder einmal gewechselt werden müssen.

   »Du weißt, ich hätte dich beschützt.«

   »Ich vertraue dir, Dareth. Aber nicht dem anderen.«

   Ich grunzte nur leise, dann stand ich auf und ging zu meiner neuesten Gefangenen hinüber. Als sie nach meiner Ankunft ihre Augen noch immer geschlossen hielt, schnauzte ich sie in meinem passablen Orkisch an: »Öffne deine Augen, Weib.«

   Tatsächlich kam sie meiner Aufforderung nach, auch wenn mir ihr verärgerter Blick nicht unentdeckt blieb. »Was willst du, mon? Tötest du mich endlich?«

   Ich lachte nur freudlos auf. »Töten? Was hätte ich von einer Leiche, du dummes Stück? Oh nein, ich habe einen Vorschlag für dich, der eigentlich viel zu gut ist.

   »Du begleitest mich jetzt sofort zu den Hexern. Ich werde deine Hilfe für etwas benötigen, was so ziemlich allem widersprechen sollte, wofür du als Schamanin einstehst. Aber da du ja scheinbar kein Problem mit Regelbrüchen in deiner Gesellschaft zu haben scheinst, gehe ich davon aus, dass du dich auch dieses Mal dazu überwinden wirst.«

   Ihre Augen ähnelten Dolchen, die sich in mir hineinzubohren versuchten. »Und wenn ich ablehne?«

   »Dann werden wir sehen, ob du so viel Selbstbeherrschung hast wie meine Nachtelfe, während ich an deinen Fingern kaue.«

   Augenblicklich schlossen sich ihre eben noch offen auf den Knien liegenden Hände zu festen Fäusten. »Das würdest du nicht wagen«, entgegnete sie mit einer möglichst festen Stimme, in der allerdings ein kleiner Hauch von Unsicherheit mitschwang.

   »Grishnak. Das ist der Name, den mir dein Volk mitsamt den Orks gab.« Ich zeigte ihr ein Haifischgrinsen, wie es sonst nur Gregor bewerkstelligte. »Du weißt nicht wirklich viel über mich, Sulzula, und das ist vermutlich auch besser so. Du würdest mich für verrückt halten, und zugegebenermaßen glaube ich nicht, dass es einen großen Unterschied zwischen einem Wahnsinnigen und mir geben würde.«

   Meine Miene verfinsterte sich schlagartig, als ich fortfuhr: »Ich bin in Eile. Ich brauche deine Hilfe. Wenn ich sie nicht freiwillig erhalte, dann nehme ich sie mir, Stück für Stück. Wenn dir deine ersten Finger fehlen, werden wir schnell sehen, ob du tatsächlich so kalt und abgebrüht bist, wie du glaubst. Ich habe keine Probleme damit. Tatsächlich hoffe ich, dass du bockig bleibst. Den Hunger in die Schranken zu weisen, ist eine schwere Aufgabe, und es ist so viel einfacher und angenehmer, sich ihm hinzugeben.«

   Ich ging vor ihr in die Hocke und hauchte ihr meinen stinkenden Atem entgegen. Ich hatte mir noch nicht die Mühe gemacht, mein Gesicht zu waschen; die Wunde klaffte ebenso anprangernd auf meiner Wange wie das Blut der Nachtelfe auf meinen Lippen. »Du hast die Wahl. Ich hoffe, du triffst die richtige Entscheidung.«

   Noch ehe ich die Worte gesagt hatte, konnte ich ihr ansehen, dass sie sich bereits entschieden hatte. Und ein neues Hochgefühl durchströmte mich, ein Gefühl, das ich eigentlich nicht gerne schmeckte und das sich doch so grauenvoll gut anfühlte: Das Gefühl der Macht. Gregor labte sich regelrecht darin, hielt aber lange genug inne, um sich meiner Zunge zu bemächtigen. »Siehst du, Dareth«, murmelte er, als wir aufstanden und zum Kleiderhaken gingen, um den jetzt blutbefleckten Umhang mit den unschönen Schnitten in den Schultern zu holen. »Furcht und Grauen. Das sind die Waffen eines Untoten.«

   »Du hast Recht«, brummte ich zur Antwort, als wir uns den stark gekürzten und halb zerstörten Stofffetzen – die Verbände kamen ebenfalls von ihm – über die Schultern warfen. »Furcht und Grauen. Aber wie viel effektiver werden sie mit einer kleinen Priese Güte und Nettigkeit?«

   »Aritana hat uns verraten.«

   »Nun, es kann nicht bei jedem klappen. Aber An’duna hat uns nicht verraten. Sie hat dich von einem schlimmen Fehler abgehalten. Sie hat ihr eigenes Blut für uns geopfert. Wenn das kein Zeichen von Vertrauen ist, was dann?«

   Gregor brummte noch ein wenig vor sich hin, von diesem Argument geschlagen. Dann lächelte er schließlich. »Wir lernen viel voneinander, Dareth. Und… es tut mir leid, für vorhin.«

   »Es braucht dir nicht leid zu tun«, erwiderte ich leise, wobei ich erst dem Spitzohr zunickte, dann eine auffordernde Handbewegung an die Trollin richtete. »Du hast mich aufgerüttelt. Ich kann nicht zu jedem nett sein, solange du mich ertragen musst. Wenn Gewalt und Drohungen Mittel sind, um dich schneller zurück in das andere Reich zu schicken, oder in Jhornvas Armen, dann werde ich sie nutzen.«

   »Gut«, murmelte Gregor seine Zustimmung. »Das ist gut. Aber was ist mit dir? Was passiert, wenn ich weg bin und du alleine übrig bleibst, Bruder?«

   Meine starre, bösartige Miene bekam einen Riss, als er mich so ansprach. Nicht wegen der Konsequenzen, die mir bevorstanden, wenn Gregor erst einmal zurück in das Totenreich gewichen sein würde; nicht wegen meiner Angst, dann viele meiner Fähigkeiten zu verlieren, womöglich sogar mein unmenschliches Augenlicht. Ich zitterte nicht aus Feigheit, dann alleine zu sein, und nicht aus Furcht, ohne Verbündete zurückzubleiben.

   Ich erbebte für nur einen winzig kleinen Augenblick, weil mich Gregor seinen Bruder genannt hatte, ohne den kleinsten Hauch von Sarkasmus, ohne Ironie oder einer versteckten Botschaft.

   Dann schluckte ich meine Ergriffenheit herunter, und meine Miene wurde wieder starr wie Stein. »Eines nach dem anderen, Bruder. Erst bringe ich dich heim. Und wenn es Zeit ist… dann werde ich dir folgen.«


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#62 the chinese

the chinese

    Pain is temporary, Victory is forever

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  • 65 Beiträge:

Geschrieben: 17 February 2015 - 20:11

Hui, nach langer Zeit mal wieder reingeschaut, schön dass du immer noch dran bist :)


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#63 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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  • 436 Beiträge:

Geschrieben: 23 February 2015 - 15:06

Freilich schreibe ich noch weiter. Bis diese Geschichte zu Ende ist, wird es noch eine ganze Weile dauern.

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Kapitel 34 – Unheilige Angebote

 

   Wir gaben einen traurigen Anblick ab.

   Meine knöchernen Füße schlurften mehr über den sandigen Boden, als dass sie gingen. Ich fühlte mich noch immer kraftlos und ausgelaugt, und außerdem war meine Laune nicht gerade die beste, also bemühte ich mich auch nicht weiter um einen aufrechten Gang. Das, was von meiner schwarzen, inzwischen durch Staub und regelmäßiges Waschen eher gräulichen Robe übrig geblieben war, verdeckte meine Beine gerade noch bis zu den Knien; die Tatsache, dass meinem linken Schienbein ein gutes Stück Fleisch fehlte und die Ränder der alten Wunde zu faulen begannen, war also für jedermann gut erkennbar. Immerhin verdeckte meine Kapuze noch den Großteil meines Gesichts, aber ich war mir den dunkel verfärbten, da blutgetränkten Schnitten in meinem Rücken nur zu gut bewusst.

   Neben mir, mich geleitend, aber mehr von mir gestützt als mich stützend, schlurfte Sulzula. Sie hatte vor unserem Aufbruch einen neuen Verband verpasst bekommen, der jedoch schon jetzt, auf nicht einmal der Hälfte des Weges, schon wieder durchgeblutet war. Ihre Hand, ihr Gesicht, überhaupt alles, was von ihrer Haut zu sehen war, war inzwischen kreidebleich, und sie begann immer wieder zu zittern, als stünde sie kurz vor dem Kollaps. Damit man sie nicht gleich erkennen würde, hatte An’duna ein großes Stück ihres Kleides geopfert, um es wie einen Schleier über Mund und Nase der Trollin zu binden und dabei den Großteil ihrer Tätowierungen zu verbergen.

   Die Blicke, die man mir und der Trollin zuwarf, schwankten zwischen Entsetzen und Abscheu, manchmal offen gezeigt und manchmal hinter vorgehaltener Hand kundgetan. Niemand schien meine Begleiterin zu erkennen, zumindest deuteten die meisten Finger auf mich, mein Bein, meine beiden, inzwischen gleichermaßen knöchernen Hände und meinen zerfetzten Umhang. Eigentlich wäre mir das gegrunzte Interesse von Trollen und Orks, das gehässige Lachen der wenigen Blutelfen und das wutentbrannte Schnauben der Tauren vollkommen egal gewesen, aber dennoch musste ich bei jedem weiteren Zwischenfall daran denken, wie köstlich ihr Fleisch und ihr Blut schmecken musste. Tatsächlich war ich dermaßen genervt von ihnen und überhaupt der gesamten Welt, dass es Gregor war, der mich sicherheitshalber mit einigen raschen Worten zu besänftigen suchte, auch wenn er genau wusste, dass ich meine Gedanken niemals in die Tat umsetzen würde.

   Überhaupt hatte sich mein Bruder innerhalb weniger Minuten sehr gewandelt. Er war aus dem Abgrund heraus gekrabbelt, in den ich ihn ohne mein eigenes Wissen hinein gestoßen hatte, und sah jetzt, nach seiner Zeit in tiefster Dunkelheit, die Welt in einem neuen Licht. Noch immer war er ein reinrassiger Untoter, ganz im Gegensatz zu mir, der ich nur einen toten Körper bewohnte und nicht wirklich lange als wandelnde Leiche hatte herumirren müssen. Aber jetzt versuchte er wenigstens, seine unheilige Natur zurückzuhalten, anstatt ihr freien Lauf zu lassen. Er versuchte tatsächlich, menschlicher zu werden – etwas, das die meisten Untoten vorzutäuschen wagten, aber nicht umzusetzen.

   Und auch meine Sicht auf die Dinge war gleichermaßen verändert worden. Hatte Gregor das neue Licht geblendet, so hatte mich die Dunkelheit des Abgrunds, aus dem er gekommen war, in seinen Bann gezogen. Ein Untoter, der nett und menschlich wirkte und sogar so handelte, mochte viele Türen öffnen, aber ich konnte dem Ruf meines Volkes nicht entkommen: Untoten kann man nicht trauen, Untote fressen Leichen, Untote sind unheilig und unnatürlich, Untote gehören unter den Boden. Egal, wie ich mich auch verhalten mochte, diese Makel würden mir immer anhaften. Wenn nun also die Welt mich als solch ein Übel betrachtete, warum sollte ich dann die Welt ständig enttäuschen?

   Zuckerbrot und Peitsche. Das würde unsere neue Vorgehensweise sein. Sei hinterlistig, aber dabei nett. Sei großzügig, mit dunklen Hintergedanken. Sei niemals derselbe, und niemand würde es schaffen, uns vernünftig einzuschätzen. Wenn sich erst einmal die Gerüchte des Untoten, der ein Leben gerettet hatte, mit den Gerüchten, dass er eine lebende Person angefallen und gefressen habe, vermischen würden, wäre das Chaos perfekt. Und im Chaos war alles möglich.

   Natürlich durften wir es nicht übertreiben. Mein Marsch mit der halbtoten Trollin an meiner Seite mochte bereits die Grenze überschritten haben, denn immer mehr der Passanten machten bereits einen feindseligen Eindruck. Da waren Hände, die auf Axtköpfen oder Schwertknäufen lagen, und eindeutige Gesten, etwa durchgeschnittene Hälse und geballte Fäuste.

   Unbeeindruckt setzte ich meinen Weg fort, als sich Sulzula plötzlich zum ersten Mal seit dem Beginn unserer kleinen Reise räusperte. »Sie scheinen dich nicht zu mögen, mon

   »Das mag daran liegen, dass ich eine halbtote Trollin durch Orgrimmar schleife. Und jeder weiß, was Untote mit halbtoten Wesen anstellen.«

   »Vielleicht sollte ich jetzt um Hilfe rufen. Grishnak lebend abzuliefern muss eine Belohnung wert sein.«

   »Belohnungen kann man nur entgegennehmen, wenn man selbst lebt.« Eine kleine Gasse tat sich neben uns auf; wohltuender Schatten versprach eine kleine Ruhepause von der unbarmherzigen Sonne. »Hier hinein«, murmelte ich und bugsierte meine Begleitung zwischen den  Häusern hindurch zu einigen Kisten, die nur wenige Schritt in der Gasse herum standen. Sulzula seufzte leise, aber erleichtert auf, als sie sich niederließ, und das keinen Moment zu früh: Ihre ganzen Beine zitterten wie Espenlaub im Wind, und ich bezweifelte, dass sie die Trollin noch einen Schritt hätten tragen können.

   »Ruh dich aus. Wir müssen bald weiter.«

   Die Frau lehnte sich zurück an die Hauswand und schloss ihre Augen. Schweißperlen hatten sich auf ihrer bleichen Stirn gesammelt. Sie würde es unmöglich alleine bis zu den Hexern schaffen, aber ich konnte ihr Bein noch nicht heilen. Die Wunde war schlichtweg zu groß, zu grauenvoll, als dass ich sie mit meinem wenigen Mana und den schwächlichen Heilzaubern, die ich beherrschte, hätte versorgen können.

   Ich lehnte mich auf der gegenüberliegenden Seite gegen die Mauer eines Hauses und behielt den Gasseneingang im Auge. Einige Passanten waren stehen geblieben, um zu beobachten, was vor sich gehen würde. Ein giftiger Blick meinerseits, den man aufgrund des ledernen Augenschutzes zwar nicht sehen, aber mit Sicherheit trotzdem noch fühlen konnte, reichte aus, um sie zum Fortgehen zu bewegen. Die meisten schienen damit zufrieden zu sein, dass ich nicht gleich über meine Gefährtin herfiel.

   »Die Nachtelfe«, murmelte Sulzula schläfrig neben mir. »Warum…?«

   »Weil sie mir vertraut«, erwiderte ich schroff. »Weil sie weiß, was ich tun kann und was ich tun werde. Weil sie eine Ausgestoßene unter ihresgleichen ist. Um ehrlich zu sein, bist du in derselben Lage wie sie«, fügte ich etwas sanfter und nachdenklicher hinzu. »Ich bezweifle, dass dich dein Stamm noch aufnimmt nach deinem kleinen Liebes-Spektakel. Du kannst auch nicht in Orgrimmar bleiben, oder die Wachen werden dich irgendwann erwischen.«

   Die Trollin lachte leise, und ihre müden, halb geschlossenen Augen funkelten vor Gehässigkeit. »Willst du etwa vorschlagen, dass ich dich begleiten soll? Dass ich deine wandelnde Mahlzeit werde wie dieser Allianz-Abschaum, der sich so bereitwillig für dich opfert? Ich wette, sie macht für dich auch noch die Beine breit. Du ekelst mich an, mon. Du –«

   Zwei Schritte, und ich stand vor ihr. Meine Hand schnellte nach vorne, packte sie am Hals und drückte ihr sowohl Luft als auch Worte ab.

   »Sie ist weder Abschaum noch eine wandelnde Mahlzeit«, knurrte ich mit gefletschten Zähnen. »Sie ist meine Kameradin. Noch so ein Wort aus deinem Mund, Sulzula, und ich werde das tun, was Urgrak mit dir vorhatte. Und glaub mir, meine Art wird sehr viel grausamer sein.«

   Sie nickte. Als ich meine Hand von ihr nahm, hustete sie erst einmal, zog dann rasselnd Luft ein und bedachte mich mit einem finsteren Blick. »Nicht einmal die Verlassenen sollten sich mit der Allianz abgeben.«

   »Ich bin kein Verlassener«, brummte Gregor zur Antwort, und wir wandten uns dabei von ihr ab und lehnten uns mit meiner Schulter gegen die Wand, mit dem Gesicht zum Gassenausgang. Ich machte mir keine Sorgen, dass Sulzula vielleicht einen Fluchtversuch unternehmen mochte. Sollte sie es nur versuchen; sie würde keine fünf Schritte weit kommen und dann zusammenbrechen.

   Da erspähten meine Augen eine bekannte, massige Gestalt, die gerade an unserer Gasse vorbeischlurfte, etwa genauso niedergeschlagen wie Sulzula vorher. Der Ork machte noch immer den Eindruck, als verfolgte ihn ein unsichtbarer Knüppel, der gleich über ihm schwebte und auf ihn niederfahren würde, sollte er es wagen, seinen Kopf zu heben.

   »Olgak!«

   Der Peon blieb wie angewurzelt stehen, schaute sich um, indem er sich selbst im Kreis drehte, und erblickte mich schließlich. Ein dümmliches Grinsen breitete sich auf seinem breiten Mund aus, und wie ein gehorsames Hündchen schlurfte er zu mir hinüber und in die Gasse hinein. »Lok’tar nogar, Grishnak.«

   »Lok’tar nogar, Olgak. Ich brauche deine Hilfe, mein Freund.«

   Das Grinsen verschwand schlagartig und wich einer ängstlichen Miene. »Olgak hat Auftrag. Olgak will seinem Freund Grishnak helfen, aber er kann nicht.«

   Ich nickte kurz. »Zu schade. Was ist dein Auftrag?«

   »Trollin Haare schneiden.«

   Für einen Moment schaute ich ihn verwundert an, dann dämmerte es mir. »In meinem Haus, nehme ich an?«

   Das dumpfe Nicken des Orks entlockte mir ein breites Grinsen. »Die Trollin sitzt dort hinten, Olgak«, und ich deutete mit meinem Daumen über die Schulter auf die inzwischen zusammengesunkene, regelmäßig atmende Gestalt. »Ich bringe sie gerade zu den Hexern, aber sie ist verletzt. Kannst du sie zur Enklave tragen und dort ihre Haare schneiden?«

   Die Furcht, die sich auf seinen Zügen spiegelte, war fast schon greifbar. Rasch fügte Gregor hinzu: »Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun, mein Freund.«

   Für einige Sekunden sah ich voller Faszination zu, wie unterschiedliche Gefühle gut erkennbar auf dem Gesicht des Orks einen gnadenlosen Kampf ausfochten. Am Ende schienen sowohl Unterwürfigkeit wie auch Ergebenheit über die Furcht zu siegen, denn die massige Gestalt grunzte ihre Zustimmung, schlurfte zu der Trollin hinüber, nahm sie dann verblüffend sanft in seine Arme und drückte sie an sich wie ein kleines, hilfloses Kind.

   »Dann lass uns gehen, Olgak«, setzte ich fröhlich hinzu und marschierte – oder besser gesagt, wankte – aus der Gasse hinaus.

   Hatte ich vorher geglaubt, schräge Blicke von den Passanten abzubekommen, erkannte ich jetzt, wie sehr ich mich geirrt hatte. Ein scheußlich anzuschauender Untoter, dessen gut sichtbare Wunden ihn noch hässlicher wirken ließen, begleitet von einem dumpf dreinblickenden Peon, der in seinen Händen eine käsebleiche und am Bein schwer verletzte Trollin trug; diese Kombination war genug, um bald eine kleine Schar neugieriger Schaulustiger hinter uns her traben zu lassen, die – wie es sich für neugierige Schaulustige gehörte – so laut miteinander tuschelten, dass ich jedes verfluchte Wort verstehen konnte. Alle Mitglieder der Horde ließen sich unter ihnen finden, Tauren, Blutelfen, Trolle, Orks; sogar ein Goblin hatte sich den Verfolgern angeschlossen und philosophierte darüber, was ein Untoter mit einer Verletzten wohl anstellen mochte, und wie ein Peon in das ganze Konstrukt hinein passte. Seiner Meinung nach würde alles auf eine große Explosion hinauslaufen, aber das tat es bei Goblins ohnehin immer.

   Als wir schließlich den Eingang zur Enklave erreichten, wurde das Getuschel umgehend lauter. Hexenmächte waren also auch noch am Werke; erste Stimmen bekundeten bereits ihr Mitleid mit der Trollin, die wohl für irgendeine Beschwörung geopfert werden sollte, und verfluchten sowohl mich als auch meinen Handlanger, der ohnehin kein echter Ork war. Die Wachen, welche mich schon zu Genüge kannten, nickten mir nur kurz zu und ließen mich und meine Begleiter anstandslos passieren. »Vielleicht solltest du mit hinunter kommen, Olgak«, meinte ich mit leiser Stimme zu dem Peon. »Es sieht nicht so aus, als wäre dieser Haufen da draußen dir sonderlich freundlich gesonnen.«

   Der Ork nickte zustimmend, wenn auch ein wenig widerwillig, und gemeinsam drangen wir tiefer in das Tunnelsystem unter Orgrimmar ein.

   Wir erreichten die Haupt-Kaverne ohne weitere Zwischenfälle, und Gorshok erwartete uns bereits in seinem Zelt. Er stellte den Teller in seiner Hand, auf dem sich sein herzhaftes Frühstück befand, zur Seite und betrachtete mich mit einiger Neugier. »Wer ist das?«, fragte er, als er auf die Trollin deutete.

   »Ein Mittel für neue Erkenntnisse. Ich muss eine Teufelsbestie beschwören.«

   Für einen Moment herrschte Schweigen im Zelt, abgesehen vom leisen Seufzen der schlafenden Sulzula. Dann stand Gorshok auf und schaute mich mit ernstem Blick an. »Du willst sie opfern?«

   »Nicht, wenn ich es verhindern kann. Aber meine Kraft alleine reicht nicht aus.«

   »Du hast nicht die Seelensteine, die für solch eine Beschwörung nötig sind.«

   »Und nicht die Kenntnisse. Ich habe weder die Zeit, sie zu besorgen, noch die Notwendigkeit dafür. Ich werde meine Magie anbieten.«

   »Eine ewige Bindung, also? Ein Blutegel, der sich auf ewig an deinem Mana laben soll?«

   »Ewig wird nicht sonderlich lange währen, wenn es nach mir geht. Kein Beschwörer opfert sein eigenes Mana für eine Teufelsbestie, und kein Beschwörer hat bisher versucht, sie zu verstehen oder mit ihnen zu reden.«

   »Sie sind Hunde. Dämonische Hunde«, fügte Gorshok mit dem Anflug eines Lächelns hinzu. »Man redet nicht mit Hunden.«

   »Menschen reden oft mit ihren Hunden. Und Hunde sind meistens schlauer, als man denkt. Ich muss es versuchen.«

   Gorshok schaute mit zweifelnd an und kaute dabei nachdenklich auf den Resten der Scheibe Fleisch, die sein Frühstück dargestellt hatte. Dann stand er auf und stemmte seine Hände in die Hüften. »Ich kann dich nicht einfach eine Trollin opfern lassen.«

   »Sie ist eine Totgeweihte«, erwiderte ich ohne einen Hauch von Gnade. »Es ist dieselbe Trollin, die mit einem Peon geschlafen hat. Jener Peon, dessen Kopf gerade euer Tor schmückt -«

   »Ich weiß«, unterbrach mich der Nekromant schroff. »Ich kann es dennoch nicht zulassen. All das, wofür wir – wofür ich – einstehe, würdest du damit untergraben.«

   Ich betrachtete meinen Gegenüber finster. Und dann breitete sich ein schmales Lächeln auf meinen Lippen aus, als Gregor mir einen stummen Ratschlag gab und sich meiner Zunge bemächtigte. »Wer herrscht in Durotar?«

   Gorshok war über diese Frage sichtlich überrascht. »Die Orks, selbstverständlich.«

   »Was ist mit den Kentauren?«

   Die Miene des Orks sagte aus, was er von den vierbeinigen Pferdemenschen hielt. »Das sind keine denkenden Wesen, das sind grobschlächtige Bestien -«

   »Und sie sitzen schon ebenso lange hier wie die Orks, wenn nicht sogar länger«, unterbrach ich ihn süffisant. »Sag mir, Gorshok, warum halten sich die Orks?«

   Der Nekromant schwieg für einige Sekunden, sichtlich darum bemüht herauszufinden, worauf ich hinaus wollte. Gregor nahm ihm dieses Unterfangen ab. »Mit Äxten und Blut, Gorshok. Mit Äxten und Blut habt ihr sie vertrieben, mit Äxten und Blut haltet ihr sie im Zaum. Die Tauren benutzen Knüppel und Kriegshämmer, und ihr unterstützt sie dabei. Und ihr seid besser als die Kentauren, ihr seid besser organisiert, kurzum: ihr seid mächtiger.

   »Und das«, setzte ich mit einer angedeuteten Verbeugung und ausgebreiteten Händen hinzu, »ist genau das, was ich zu erringen wage. Macht. Und ein Verbündeter. Und ebenso wie du und deine Brüder werde ich eine Einzelne opfern, wenn das der Preis für diese Macht ist. Was ist eine verlorene Schlacht, wenn ich damit den Krieg gewinnen kann?«

   Gorshok schwieg weiter, aber seine Augenbrauen zogen sich dabei zusammen, und seine Miene spiegelte die Missgunst wieder, die er verspürte. Schließlich grunzte er verdrossen und brummte: »Jene, die kämpfen, sind bereit zu sterben. Ist sie es auch?«

   »Sie verdankt mir ihr Leben«, erwiderte ich leichthin. »Sie gehört praktisch mir. Ohne meinen Schutz wäre sie schon längst tot.«

   Der Nekromant schüttelte nur den Kopf. »Mit wem rede ich hier? Mit dem Priester oder dem Meuchler?«

   Das Grinsen, das ich ihm schenkte, war hinterlistig und zugleich verschmitzt.

   »Wer weiß?«

 

   »Dir ist klar, dass er dich damit nicht durchkommen lassen wird.«

   Gregor sagte es ohne eine Spur von Zweifel. Er ließ dabei den Dolch, den ich damals von Zacharias Direflesh geklaut hatte, der mir wiederum von Aritana, der Blutelfe, entwendet, von An’duna, der Nachtelfe, gestohlen und dann schließlich in meine Hand zurückgewandert war, auf seiner knöchernen rechten Hand kreiseln, um ihn dann am Griff zu schnappen.

   »Natürlich nicht. Mich wundert es offen gesagt, dass er nicht versucht hat, uns mehr davon abzuhalten. Vielleicht hat er schon Berichte von unserem Kampf mit der Trollin bekommen, während wir noch auf dem Weg zu ihm waren. Wer weiß, was er derzeit von uns denkt.«

   »Nichts Schlüssiges. Das ist ja das wunderbare, Bruder: er weiß nicht, mit wem er es zu tun hat, ob mit mir oder mit dir oder mit uns beiden.«

   »Zu viel Misstrauen könnte uns den Kopf kosten, Gregor.«

   »Was sagst du da, mon

   Sulzula schaute mich fragend an. Sie verstand, wie die meisten Bewohner Orgrimmars, nicht ein Wort der Gossensprache, und es verwunderte mich kein bisschen. Eine Sprache, die ohne Kiefer gesprochen werden konnte, musste zwangsläufig unverständlich sein.

   Olgak war noch immer dabei, ihr eine neue Frisur zu verpassen. Nicht, dass er viel unternehmen konnte: Das einzige, was er tat, war das offene Haar zu kürzen und dann das meiste vom seitlichen Schädel herunter zu rasieren, so dass nur noch ein schmaler, flacher Streifen über das Haupt und nach hinten zu einem Zopf gebunden wurde. Es veränderte weder ihr Gesicht noch die Tätowierungen, und entsprechend würde sie wohl vorerst weiterhin den Schleier tragen müssen.

   »Ich habe nur laut überlegt.« Und um dem Ganzen einen schöneren Anschein zu geben, hob ich die Weinflasche an den Mund und trank geräuschvoll einige Schlucke daraus. Gorshok hatte sich nicht lumpen lassen: Das Frühstück war reichhaltig genug, um mich für den Rest des Tages zu beschäftigen, und vermutlich war auch genau das vorgesehen.

   »Wenn ich dir helfen soll – wie werde ich dir helfen?«

   »Ah, das ist eine sehr interessante Angelegenheit«, erwiderte ich und ließ dabei sowohl Dolch als auch Weinflasche schwenken. »Gorshok denkt, dass ich dich opfern will, um einen Dämon zu beschwören. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das überhaupt funktionieren würde, aber wenn er das von mir denkt, so wird wohl ein wahrer Kern darin stecken.«

   Der Blick, den sie mir zuwarf, brachte mich zum Lachen. »Keine Sorge, ich habe nicht vor, dein Blut zu vergießen. Denn wie du vermutlich weißt, ist Grishnak kein normaler Untoter, nein! Grishnak beherrscht Zauber von zwei Schulen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und deshalb beherrscht Grishnak auch einen Zauber, den Priester in Zeiten höchster Not anwenden, wenn ihr Mana zur Neige geht und der Kampf auf Messers Schneide steht.«

   Der verwirrte Blick von Sulzula ließ mich lange seufzen. »Mana-Saugen. Ich werde dir dein Mana aussaugen, bis ich beinahe berste, und damit einen Höllenhund anlocken.«

   »Warum ich?!«

   »Weil ich dir deinen verdammten Kopf gerettet habe, du undankbare Kuh.« Meine Zähne bissen in die Kodo-Keule, rissen ein gutes Stück davon heraus und zermalmten das noch wunderbar blutige Fleisch. Der Geschmack ließ mich und Gregor gleichermaßen innerlich jubeln. »Außerdem ist es einfacher, wenn ich es bei jemanden mache, der sich nicht wehrt.«

   »Wer sagt, dass ich mich nicht wehre?«

   »Ich«, grunzte Olgak und grinste mich dabei dümmlich an. »Freund von Grishnak. Werde auf Grishnak aufpassen.«

   »Ein Peon?« Sulzula lachte gehässig auf. »Als ob ein Peon mich aufhalten könnte!«

   »Nun, da wäre immer noch ich«, wisperte eine verführerische Stimme direkt neben ihrem Ohr. Die Trollin riss ihren Kopf so schnell herum, dass Olgak ihr fast eine Spitze ihres Ohrs abschnitt. Jhornva ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, sondern grinste ihr Opfer genüsslich an und ließ sogar kurz ihre Zunge über die Lippen streichen. »Schon einmal von einer Succubus geküsst worden, meine Hübsche?«

   Allmählich erkannte Sulzula, in was für einer misslichen Lage sie sich befand. Sie richtete ihr Augenmerk wieder auf mich, auch wenn mir nicht verborgen blieb, dass ihre Augen noch für einen Moment an Jhornvas Lippen hängen blieben. »Und dann? Wenn du mich ausgesaugt hast, wirst du mich nicht mehr benötigen. Willst du mich dann umbringen, mon

   Ich schaute sie mit einem Blick an, der ihr klarmachte, für wie dämlich ich sie hielt. Vielleicht hätte er das auch getan, wenn sie meine Augen hätte sehen können. Um meine Gedanken dennoch trefflich herüberzubringen, klatschte ich mir mit meiner Hand ins Gesicht. »Glaubst du ernsthaft, ich hätte kein besseres Opfer finden können als eine Schamanin, die einen dickeren und störrischeren Schädel hat als ein Taure?«

   Ich ließ den Gedanken für einige Sekunden in der Luft hängen, bevor ich aufstand und mich kurz abklopfte. »Ich werde dich hier rausschaffen, Sulzula, weil ich genau weiß, dass du nicht lange überleben würdest, wenn du in Orgrimmar bleibst. Ich kann dir einen gewissen Schutz bieten, bis wir die Mauern dieser Stadt hinter uns gelassen haben. Was du dann tust, bleibt dir überlassen.«

   Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. »Woher soll ich wissen, dass ich dir vertrauen kann?«

   Ich zuckte zur Antwort nur mit den Schultern und versuchte erfolglos, mir ein Grinsen zu verkneifen, als Jhornva anfing, mit den spitzen Ohren der Frau zu spielen, sehr zu ihrer offenkundigen Irritierung. »Du kannst es nicht wissen. Ebenso wenig wie die Nachtelfe daheim, oder wie Olgak. Selbst Jhornva.«

   »Ich würde dich auch ausweiden, wenn du mein Vertrauen missbrauchst, Dareth«, purrte die Dämonin und schmiegte dabei ihre Wange an die der Trollin, die daraufhin krampfhaft versuchte, sich ein wenig von der anhänglichen Dame zu entfernen, ohne dabei Olgak zu sehr in die Quere zu kommen, der bereits angestrengt und genervt zu grunzen anfing. »Pfeif diese Schlampe zurück!«, giftete Sulzula mich an.

   Jhornva lachte nur leise, und ich schenkte der Gepeinigten ein entschuldigendes Lächeln. »Jhornva hat ihren eigenen Kopf«, erwiderte Gregor. »Und sie ist ohne Bindungen in dieser Welt. Ich kann ihr keine Befehle geben.«

   Die Succubus nutzte den Augenblick des Grauens, um der Trollin einen raschen, aber feurigen Kuss auf die Wange zu verpassen, dann lachend aus der Reichweite ihrer Fäuste zu springen und sie anzuzwinkern. »Ich mag es, wenn sie sich wehren. Es macht das Ganze so viel… abenteuerlicher.«

   »Ich könnte dich töten, Grishnak«, zischte die Trollin, bei der sich alles verbleibende Blut gerade im Gesicht einfand. »Ich könnte die Wachen zusammen kreischen. Die Nekromanten und alle in dieser von allen Ahnen verlassenen Kaverne. Was würdest du dann tun?«

   »Dir die Kehle durchschneiden und mich aus dem Staub machen«, erwiderte ich trocken. »Sieh es ein, Sulzula. Ich bin deine beste Chance, lebend diese Stadt zu verlassen. Alles, was es dich kostet, ist ein wenig Mana, einige Kopfschmerzen und ein wenig Vertrauen.«

   Die Trollin war alles andere als begeistert von dem, was ich von ihr verlangte. Aber ich sah ihr auch an, dass sie die Wahrheit in meinen Worten erkannte, und dass sie lieber nicht ihre Affäre auf den Zinnen des Tors zu Orgrimmar besuchen mochte, zumal dort nur ein Teil ihres Körpers ankommen würde. »Wann?«, brummte sie missmutig.

   »In einer Stunde«, antwortete ich mit einem schmalen Lächeln. »Gorshok erwartet, dass ich meine Kräfte aufspare bis heute Abend, und noch einige Formeln studiere. Aber das wird dank Jhornva nicht nötig sein. Sie hat bereits einen Teufelshund gefunden, der meinen Ansprüchen genügen dürfte. Sie muss ihn dann nur noch holen.«

   »Und was, wenn der Hund seinem neuen Herren nicht gehorchen will?«

   Ich biss herzhaft in die Keule, kaute ein paar Mal, schluckte alles herunter und zeigte ihr ein Grinsen, das Blut auf den Lippen aufwies. »Besser, das geschieht nicht.«

   Dieses Mal war es nicht nur Sulzula, die mir einen äußerst skeptischen Blick zuwarf. Auch Olgak machte nicht den Eindruck, als würde er gerne auf diesen Moment der Erkenntnis warten.

   Nach einigen Minuten packte der Ork schließlich seine Utensilien in eine kleine Tasche, die er bei sich trug, und begutachtete kurz die Trollin, bevor er zufrieden grunzte und mich dann etwas unentschlossen anschaute. »Was jetzt, Grishnak

   Ich zuckte nur mit den Schultern und deutete dann auf den Boden neben mich. »Setz dich, Olgak. Iss etwas, wenn du hungrig bist. Du kannst auch gehen, wenn du willst.«

   Der Peon war sichtlich hin und hergerissen zwischen dem Bestreben, mir – seinem womöglich einzigen Freund – beizustehen oder seiner Angst nachzugeben und sich so schnell und so weit wie möglich von den Nekromanten und ihrer gruseligen Magie zu entfernen. Schlussendlich stand er für einige Augenblicke da und machte dann eine sehr weise Entscheidung: er nahm eine der eher durchgebratenen Keulen, verbeugte sich kurz vor mir und verließ das Zelt.

   Sulzula blickte ihm flehentlich nach, sah jedoch rasch ein, dass Olgak nicht im Traum daran dachte, ihr zu helfen und mir die Wachen auf den Hals zu hetzen. Deshalb beschränkte sie sich wieder drauf, mich feindselig anzustarren und dabei immer wieder leise zu stöhnen, wenn sie versuchsweise ihr Bein bewegte und dabei neue Schmerzen durch das Fleisch zuckten.

   »Jhornva, wie lange brauchst du, um den Höllenhund hierher zu führen?«

   Die Succubus warf mir nur einen kurzen, wissenden Blick zu, wobei sie gemächlich auf mich zu kam. »Nicht lange. Ich muss ihn nur im Nether finden und dann durch dasselbe Portal bringen, das du für mich öffnest.«

   »Dann geh ihn bitte suchen.« Ich wischte mir die letzten Reste des Bluts mit einem Ärmel vom Mund, stand auf und klopfte den Dreck von meinen Klamotten. »Ich werde hier alle Vorbereitungen treffen.«

   Ihre Hand strich kurz über meine Wange, und der Kuss war zärtlich, auch wenn dabei in ihren Augen ein hungriges Feuer loderte. »Pass gut auf Gregor auf, Dareth.«

   »Pff. Er muss auf mich aufpassen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das, was wir hier vorhaben, der richtige Weg ist.«

   »Die Zeit wird es zeigen«, schnurrte sie. Dann verpuffte sie einfach wieder ins Nichts, auch wenn sie dieses Mal auf den schwefeligen Gestank verzichtete, der immer wieder nach ihrem Verschwinden herumlungerte.

   Jetzt waren also nur noch Sulzula und ich im Zelt. Ich machte mich daran, komplexe Formen und Zeichen in den Dreck zu malen, während die Trollin mich dabei beobachtete.

   »Du bist ein Priester, Grishnak

   »Zu einem gewissen Teil, ja. Ich kenne nicht mehr alle Zauber, die ich einst beherrschte. Manchmal kommen sie zurück, so zufällig wie das Zwitschern eines Vogels.«

   »Kannst du -«

   Sie biss sich auf die Zunge. Aber ich wusste, was sie von mir wollte. Ich beugte mich wieder auf und bedachte sie mit einem schmalen Lächeln. »Mit deiner Hilfe? Sicherlich.«

   Es kostete ihr einiges an Stolz, aber sie nickte. Ihre Züge waren noch immer von der Pein gezeichnet, die der Schattenblitz in ihrem Bein hinterlassen hatte. Sie war angespannt und müde, und ich hatte den Eindruck, dass sie ständig gegen die Ohnmacht ankämpfen musste, um überhaupt noch bei Sinnen zu bleiben.

   »Ich könnte es selbst tun«, murmelte sie, als ich an sie herantrat und mich vor ihr hinkniete. »Schamanen beherrschen Heilzauber.«

   »Warum tust du es dann nicht?«, fragte ich unschuldig, und nahm ihr dabei vorsichtig den Verband ab. Natürlich hatte sich das Blut an den Stoff geklebt, und als ich die Wunde offenlegte, drang ein kurzer Schrei aus ihrem Mund, bevor sie es schaffte, die Zähne aufeinander zu beißen.

   »Ich bin nicht gut darin«, stöhnte sie leise. »Kampf. Das ist mein Gebiet.«

   »Das habe ich gemerkt«, erwiderte ich leichthin und betastete dabei kurz meine verletzte Wange. Meine Finger sagten mir, dass ein breiter Riss dort klaffte, wo ihre Faust mit meinem Fleisch in Kontakt getreten war, und dass bei einem Menschen wohl die komplette Backe geschwollen sein würde. Klebriges, schwarzes, untotes Blut verstopfte die Wunde und verhinderte, dass noch mehr herausdrang.

   »Warum heilst du es nicht?«

   Gregor antwortete, während ich ihr Bein untersuchte und abschätzte, wie viel Kraft es kosten mochte, es zu heilen. »Es ist nicht meine erste Narbe, und mit Sicherheit nicht meine letzte. Und sie wird dich daran erinnern, was wir für dich getan haben.«

   Als ich versuchsweise den Rand der Wunde betastete, zischte die Trollin schmerzerfüllt. »Tut mir leid«, brummte ich kurz, dann stand ich auf und legte ihr meine Hand auf die Schulter. Sie zuckte dabei zusammen. »Was mein Bruder damit sagen will, Sulzula, ist folgendes: Du weißt, wer ich bin. Und da ich eigentlich tot sein sollte, ist das schlecht. Urgrak könnte es dir übelnehmen und dich aus den Weg räumen wollen. Aber er braucht sich darum eigentlich keine Sorgen zu machen. Wenn ich jemals davon hören sollte, dass Grishnak lebt, wenn mir auch nur das Gerücht zu Ohren kommt – dann weiß ich, wer es in die Welt gesetzt hat. Und das letzte, das du in deinem Leben sehen wirst, ist die Narbe auf meiner Wange.«

   Sie schluckte schwer, vielleicht auch deshalb, weil sich der Druck meiner Hand auf ihrer Schulter verstärkt hatte, je länger ich gesprochen hatte. Aber sie nickte erneut. »Meine Lippen sind versiegelt, mon

   »Gut. Du wirst gleich einen… Sog spüren. Etwas, das an dir zieht, tief in deinem Innersten. Bekämpfe es nicht.«

   Sie nickte erneut, wenn auch deutlich unsicherer als vorher.

   »Erbornem marenerum.«

   Meine Hand leuchtete in einem, wie ich wusste, bläulichen Licht auf. Die wenigen Kerzen, die um uns herum standen und für Licht gesorgt hatten, erblassten vor dem Schauspiel. Sulzula verrenkte sich halb den Kopf in dem Versuch, meine Hand zu betrachten, und ich konnte zugleich sehen, wie sie damit rang, bei Sinnen zu bleiben.

   Und ich spürte, wie ihr Mana in mich hinein floss, wie ich mich ihrer Kraft bemächtigte und sie zu meiner machte, und wie die Trollin schwächer und schwächer wurde. Es war ein erhebendes Gefühl, und auch wenn ich wusste, dass ich nicht so denken sollte, so gefiel es mir doch. Macht über jemanden zu haben, war immer etwas Grandioses, und es gibt nur wenige Kreaturen, die dieses Gefühl wirklich verachten. Gregor gehörte nicht dazu.

   Dareth schon.

   Meine Hand schloss sich zu einer Faust, und das Leuchten verebbte. Ich hatte meine eigenen Reserven zwar beileibe nicht aufgefüllt, aber es würde problemlos reichen, um Sulzula gebührend zu versorgen. Also kniete ich mich wieder hin, nahm vorsichtig ihr Bein und legte meine knöchernen Finger direkt in die Wunde.

   »Wenn ich schreie, ignoriere es einfach.«

   Sulzula, die gerade erst selbst einen Schmerzensschrei hatte unterdrücken müssen, starrte mich nur verständnislos an. Dann begann ich mit dem Zauber.

   Es war einfacher als erwartet. Die Magie war von mir gekommen, was eine Rolle spielen mochte. Aber die Schmerzen waren dennoch erschütternd. Ich konnte nicht nur erahnen, wie es der Trollin die ganze Zeit gehen mochte. Ich hatte das Gefühl, all jene Schmerzen zu durchleben, die sie gehabt hatte und noch gehabt hätte. Es zerriss alles in mir, und irgendwo in meinem Hinterkopf fragte Gregor unter qualvollem Geheule, ob es das wirklich wert war.

   Wie immer konnte ich nicht sagen, wie lange ich brauchte. Zeit und Raum waren nichts anderes als Schwärze, wenn ich mich auf die Heilung konzentrierte. Aber als ich schließlich keuchend und mit schmerzerfüllter Miene nach hinten sackte und mich auf meinen Hintern fallen ließ, war Sulzulas Haut so makellos wie vorher, und nicht einmal der Hauch einer Narbe erinnerte an das scheußliche Gebrechen, das bis eben noch dort geprangert hatte.

   Die Trollin betastete es kurz, nur um  mich dann mit kalten Augen anzuschauen. Als sie aufstand, sah ich das Feuer in ihren Augen. Sie wirkte mit einem Mal kein bisschen müde, sondern äußerst entschlossen. Probehalber stampfte sie ein, zwei Mal mit ihrem frisch geheilten Bein auf, nur um dann ihre Faust zu heben. Einen Moment später baute sich eine von Blitzen erfüllte Kugel direkt darüber auf und fing an, ihre Finger zu umspielen.

   Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, und Gregor ging es genauso. »Ich habe gesagt, du vertraust zu schnell«, kicherte er leise. Dann zuckte der Dolch nach vorne.

   Als Sulzula behauptet hatte, ihr Gebiet sei der Kampf, hatte sie nicht gelogen. Sie wich der ohnehin eher halbherzigen Attacke spielerisch aus und trat dann die Klinge aus meiner Hand. Sie landete irgendwo am Rand des Zelts und glitzerte dort vielversprechend im Kerzenlicht.

   Ich seufzte leise. »Tu mir einen Gefallen«, brummte ich auf Orkisch, »und mache es schnell.«

   Ein Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus. Dann zersprang der Zauber in unzählige kleine Blitze, die hierhin und dorthin zuckten, unheilvoll zischten und doch einfach verpufften.

   Ihre ausgestreckte Hand schwebte vor mir.

   Ich starrte sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Misstrauen an. Vielleicht hatte sie vor, noch ein wenig mit mir zu spielen; vielleicht würde sie, wie die billigen Konstrukte der Gnome, die man in einer Hand verstecken konnte, die Blitze zurückrufen, sobald ich zu griff, nur das diese Blitze mehr tun würden als nur einen kurzen elektrischen Schlag durch meine Finger zu jagen. Auf der anderen Seite – auch die gnomischen Konstrukte explodierten von Zeit zu Zeit.

   Es nutzte nicht, sich das Gehirn darüber zermartern zu wollen. Selbst Gregor stimmte mir dabei zu.

   Als unsere knöchernen Finger die ihren umschlossen, zog sie mich mit einem kraftvollen Ruck auf die Beine. Und auch wenn ihre Augen noch immer so kalt wie Eiszapfen waren, so umspielte doch ein schmales Lächeln ihre Lippen, wie ich es bisher noch nicht gesehen hatte.

   »Ich verdanke dir mein Leben, Grishnak. Wenn das hier fertig ist, dann kämpfen wir darum. Auf Leben und Tod.«

   Ich runzelte nur die Stirn, zuckte mit den Schultern und sagte das erste, das mir dazu einfiel.

   »Wie du willst.«


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#64 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 01 March 2015 - 15:07

Kapitel 35 – Mit Dämonen im Bunde

 

   »Es wäre besser, wenn wir sie töten würden.«

   Gregor sagte es nicht mit Vorfreude über ein Blutvergießen, oder mit Trauer. Er sagte es ohne eine Gefühlsregung, was es irgendwie schlimmer machte.

   »Ich werde sie nicht töten, wenn ich nicht muss.«

   »Sie will sterben. Sie will einen Kampf auf Leben und Tod, Dareth. Am Ende gewinnt sie auch noch.«

   Ich stand mitten in meinen Zeichnungen. Sie waren nicht so kompliziert, wie man vielleicht denken sollte: ein Kreis mit einigen Schriftzeichen und Runen darin, und ich in seinem Zentrum.

   Sulzula stand etwas abseits und wackelig auf ihren Beinen. Sie erfuhr gerade, wie es sich anfühlte, keinen Funken Mana mehr im eigenen Körper zu haben. Ich für meinen Teil war voll mit magischer Kraft.

   »Wir werden sie nicht töten, wenn es sich vermeiden lässt.«

   »Sie ist eine Gefahr. Denk an das, was du selbst gesagt hast.«

   »Gewalt anwenden ist eine Sache. Eine Unschuldige zu töten, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war, eine ganz andere.«

   Gregor schnaubte verächtlich. »Es ist nicht so, als hättest du das nicht schon getan -«

   Ich fletschte meine Zähne wie ein Wolf, der kurz davor war, seinen besiegten Herausforderer die Kehle herauszureißen. »Erinnere mich daran, Gregor, und ich werde Mittel und Wege finden, dir höllische Qualen zuzufügen, wie du sie noch nicht verspürt hast.«

   »Und wie willst du sie aus Orgrimmar heraus schaffen? Wie wollen wir selbst fliehen? Glaubst du wirklich, Urgrak hat uns nur zu seinem eigenen Vergnügen am Leben gelassen? Wahrscheinlich verhandelt er im Hintergrund mit Undercity über unsere Auslieferung!«

   »Eines nach dem anderen. Wir holen einen Teufelsjäger und setzen ihn auf Aritana an. Dann schauen wir, wie wir fliehen können. Wir alle.«

   »Du hast ein zu weiches Herz, du verdammter Lichtbringer.«

   »Und du ein verfaultes, du verfluchter Untoter.«

   Wir lachten leise, zusammen. Und dann spürte Gregor, dass es Zeit war. »Öffne das Portal.«

   Ich schloss für einen Moment die Augen – was mir mit dem verdammten Lederriemen nicht gelang – seufzte leise und konzentrierte mich. Die Formel war lächerlich kurz. Eine Kreatur aus dem Nether unter Kontrolle zu bringen, war langwierig, bedurfte komplexer Worte und Beschwörungen, und nicht zuletzt Seelen der Unglücklichen, die dem Beschwörer früher einmal über den Weg gelaufen waren. Aber einen einzelnen Dämon aus dem Nether ohne irgendeine Leine oder Beschränkung in unsere Welt zu bringen, war einfach. Und gefährlich.

   Ein Funkeln erschien mitten in der Luft. Für einige Momente tanzte es hierhin und dorthin, dann zuckte es mit einem unheilvollen Zischen nach unten und hinterließ einen Riss mitten im Zelt, der sich allmählich ausbreitete und die Sicht auf das Chaos freigab, das in der anderen Welt herrschte.

   Ein Huf erschien, und Jhornva trat mit einem schmalen Lächeln hindurch. Was ihr folgte, hatte nicht einmal ansatzweise ihre Grazie, und nicht einmal ansatzweise die Größe, die ich erwartet hatte.

   Die Bücher von Direflesh hatten Abbildungen beinhaltet, von allerlei grässlichen und hässlichen Dingen, und auch von Dämonen. Höllenbestien waren darin zu finden, dämonische Wächter, Wichtel, Succubi. Und natürlich auch Teufelsjäger, oder Höllenhunde.

   Was allerdings seinen Kopf durch den Riss steckte, war enttäuschend klein. Die Kreaturen wurden meist brusthoch dargestellt, doch dieses besondere Exemplar ging mir vielleicht bis zur Hüfte. Seine Zähne waren nichtsdestoweniger scharf und sein Maul halb geöffnet, doch die Augen brannten nicht mit dem Wahnsinn von Dämonen, die frei auf Kalimdor herum irrten, Überbleibsel der brennenden Legion oder unter dem Einfluss von verstreuten Sekten. Diese Augen schauten mit einer Intelligenz drein, die kein Hund haben konnte oder sollte.

   Nach dem roten Schädel mit dem seltsam schwarzen, buschigen Fell am Kinn drangen spitze Hörner aus dem Riss, die gleich über den Schultern seiner Vorderläufe heraus sprossen. Und nach ihnen folgten die die Greifarme, welche gleich neben den Hörnern aus seinem Körper wuchsen, schwarze Stiele, deren Enden an eine Lilie erinnerten und die nach vorne gerichtet waren, immer wieder hierhin und dorthin schwenkend, auf der Suche nach Magie, die das Wesen verspeisen konnte. Ein Kamm aus schwarzen Dornen ging über seinen Rücken, der jetzt jedoch flach daran lag. Das Letzte, was diese Welt betrat, war sein langer Schwanz, der kräftig genug war, um Knochen zu brechen, wenn er damit gegen jemanden schlug.

   Kaum dass der Teufelsjäger auf dem Boden stand, zerbarst das Portal, und kleine Funken schwirrten verglühend durch die Luft.

   Dann regte sich niemand.

   Für eine Weile schwieg ich. Der Teufelsjäger betrachtete mich eingehend, schnupperte durch die Löcher in seiner Schnauze, die an Drachennüstern erinnerten, und behielt dabei sein Maul halb offen, damit jeder im Zelt einen guten Blick auf sein prachtvolles und vor allem spitzes Gebiss hatte.

   Schließlich setzte ich ein, wie ich hoffte, gewinnbringendes Lächeln auf. »Ich grüße dich, Teufelsjäger.«

   Das Wesen starrte mir in die Augen, und ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ihm der Lederriemen keine Probleme bereitete. Dann richtete sich sein Kamm auf, und ein Rasseln kam von den Dornen, als sie aneinander schoben und knirschten.

   Ich nahm das als ein gutes Zeichen. Auch wenn er kleiner war, als ich angenommen hatte, so hätte er mir dennoch problemlos an die Kehle springen können. »Ich möchte dir einen Vorschlag unterbreiten. Mein Mana für deine Dienste. Wisse, dass ich deine Loyalität benötige, damit dieser Vertrag zustande kommen kann. Du wirst auf mich hören und meinen Befehlen Folge leisten.«

   Ein erneutes Rasseln kam von den Dornen.

   »Ich werde dich zu nichts zwingen, das du nicht tun willst. Wenn du meinen Befehlen nicht Folge leisten kannst, werde ich dich umgehend zurück in den Nether schicken. Aber ein ungebändigter Dämon wird gnadenlos niedergemacht. Zusammen mit seinem Beschwörer.«

   Dieses Mal grollte das Wesen, auch wenn es das Kunststück hinbekam, es nicht sofort lebensbedrohlich klingen zu lassen. Dennoch warf ich einen fragenden Blick zu Jhornva, die jedoch nur zufrieden nickte. »Flaafhun ist einverstanden.«

   Der Geifer, der aus dem Maul des Biests tropfte, blieb mir nicht verborgen. »Dann denke ich, dass es an der Zeit ist, unseren Vertrag mit einer ersten Mahlzeit zu besiegeln.«

   Meine Dämonenhaut erschien wie von selbst. Das violette, für mich farblose Schimmern ummantelte meinen ganzen Körper, und ich bereitete mich darauf vor, dass es gleich im Rachen des Teufelsjägers verschwinden würde.

   Was ich nicht erwartet hatte, war, dass der Hund erst in der Luft schnüffelte, dann gemächlich zu mir hinübertrabte und schließlich seine Greifarme nach vorne bewegte. Sie berührten mich nur ein einziges Mal, und der Zauber verschwand, als wäre er niemals dagewesen. Der Teufelsjäger selbst gab daraufhin ein äußerst zufriedenes Knurren von sich, das er mit einer heraushängenden Zunge und einem kurzen Ablecken meiner knöchernen Finger quittierte, wobei mir auffiel, dass seine Zunge die Oberfläche einer Feile besaß.

   Hätte ich noch blinzeln können, so hätte ich es jetzt ein paar Mal getan. Jhornva erschien neben mir und lächelte mich dabei an. »Er ist der zahmste Dämon, den ich jemals erlebt habe. Gut erzogen. Der Kleinste aus seiner Gruppe, und derjenige, der am meisten gebissen wurde.«

   »Ich… muss zugeben, ich hätte ihn ein wenig – nun, wilder erwartet.«

   Selbst Sulzula, die eigentlich nichts mit Nekromantie am Hut haben wollte, konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Allerdings stockte ihr beinahe sofort der Atem, als der Teufelsjäger ihr Lachen mit einem Satz in ihrer Richtung, hoch erhobenen Greifarmen und gefletschten Beißern erwiderte. »Grishnak?«, sagte sie mit lauter und vor allem eingeschüchterter Stimme.

   »Flaafhun!«

   Ein letztes, tiefes Grollen drang aus der Kehle des Hundes, dann wandte er sich wieder von der Trollin ab und trottete zurück vor meine Füße, wo er sich auf seine Hinterläufe setzte und mich mit seinen stillen, intelligenten Augen anschaute.

   Zögerlich streckte ich meine Hand aus und tätschelte kurz seinen Kopf, was ihm sichtlich gefiel. Sein Blick sagte mir, dass er im Nether nichts vermissen würde, dass er sich sogar freute, beschworen worden zu sein. Er machte fast den Eindruck eines putzigen Schoßhundes. Mit fingerlangen Zähnen, tödlichen Hörnern und magiefressenden Greifarmen zwar, aber dennoch ein Schoßhund.

   »Deine Wahl war gut, Jhornva«, meinte ich mit einem breiten Lächeln, wobei ich vor dem Wesen in die Hocke ging und es unter seinem Kinn kraulte. Dabei bemerkte ich auch zum ersten Mal, dass sein Atem heiß wie Höllenfeuer war.

   »Du musst aufpassen, dass er nicht zu aufgeregt wird«, entgegnete die Succubus, die ihre Augen bereits wieder auf die Trollin gerichtet hatte. Ein mir altbekannter Hunger lag in ihrem Blick. »Wenn zu viele magische Verstärkungen in seiner Nähe sind, wird er ziemlich verfressen.«

   »Ich denke, dass ich seinen Hunger selbst stillen kann, wenn ich muss.«

   »Wie du meinst. Was hast du jetzt vor?«

   »Jetzt – fliehen wir.« Ich gab dem Hund noch einen Klaps auf die Seite, woraufhin er spielerisch nach einem meiner Finger biss und den vordersten Knochen abriss. Es schmerzte nicht wirklich – ein kurzes Stechen war das einzige, was ich verspürte – aber der Teufelsjäger schien Gefallen daran zu haben, auf dem kleinen Knochen herum zu kauen. Sogar sein Schwanz wedelte dabei. »Der undämonischste Dämon, den ich jemals gesehen habe«, kommentierte Gregor lachend, bevor er voller Ernst hinzufügte: »Ich will diesen Knochen wieder haben.«

   Einen Moment später war der Knochen verschluckt.

   Sulzula trat ebenfalls einen Schritt näher und versuchte dabei, mich zwischen die Succubus und sie selbst zu bringen. »Wie willst du fliehen, mon?«

   Ich unterdrückte Gregors Reiz, dem Teufelsjäger an die Kehle zu springen und ihn zu würgen. »Wir marschieren durch das Tor hinaus. Es ist der einzige Weg.«

   »Und wenn die Wachen den Weg versperren?«

   »Dann sorgen wir dafür, dass sie uns den Weg nicht mehr versperren können.«

   »Ah.« Sie nickte kurz, dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. »Ich hätte eine Idee, wie wir sie davon überzeugen könnten, sich gar nicht erst uns in den Weg zu stellen.«

   Ich nahm kurz Jhornvas Hand in die meine und drückte ihr einen raschen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns später, wenn wir draußen auf der Steppe sind.«

   »Pass auf Gregor auf«, erwiderte sie grinsend, um dann ihren inzwischen bekannten Abschied zu nehmen.

   Ich wandte mich der Trollin zu. »Ich bin ganz Ohr, meine Liebe.«

 

   Die Wachen am Eingang der Grotte zu den Hexenmeistern hatten Flaafhun mit einem spöttischen Blick betrachtet und erwartungsgemäß den Weg versperrt. Sie hatten ihn sehr schnell wieder freigemacht, nachdem Flaafhun einem von ihnen den Stoff vom Hintern und mit seinem Greifarmen dem anderen das Hemd von der Brust gerissen hatte. Sie waren dann schleunigst in den Gang verschwunden, vermutlich, um Gorshok von meinem Abschied Bescheid zu geben. Ich hätte viel dafür gegeben, das Gesicht des Orks zu sehen, wenn er verstehen würde, dass wir uns durch die halbe Kaverne und direkt an seinem Zelt vorbei geschlichen hatten.

   Den Weg zurück zum Haus von Urgrak hatten wir in aller Eile hinter uns gebracht. Ich war nur ein wenig überrascht, als ich die Tür öffnete und den Peon Olgak zusammen mit An’duna am Tisch sitzen sah. Sie versuchten wohl, sich mit einer Mischung aus Gemeinsprache und Handbewegungen zu unterhalten, hielten jedoch inne, als ich durch die Pforte trat.

   »Es ist Zeit, An’duna.«

   Gehorsam stand die Nachtelfe auf, nickte dem Ork ein letztes Mal zu, nahm den weiten, schwarzen Umhang vom Haken herunter und warf ihn sich über. Ihre Ohren stachen noch immer verräterisch unter dem Stoff hervor, aber bei der Gruppe, mit der ich mich durch die Stadt bewegte, war das die geringste meiner Sorgen.

   Olgak stand ebenfalls auf und betrachtete erst mich, dann den Teufelsjäger, der hinter mir Platz genommen hatte und mit einer gewissen Anspannung darauf wartete, dass wir endlich weiter gehen würden. Er hatte – sehr untypisch für einen Dämon, wie mir Gregor mitteilte – unseren Weg mit freudigen Sprüngen, viel Schnüffeln und Hecheln verbracht, was von vielen Passanten ungläubige Blicke und manchmal sogar verhaltene Lacher hervorgelockt hatte.

   »Kann Olgak mit?«

   Ich hatte einiges erwartet, aber nicht diese Frage. »Du würdest deinen Herren verraten, Olgak. Und wahrscheinlich nie wieder nach Orgrimmar zurückkehren können.«

   »Gut.«

   Er sagte das Wort mit einer solchen Genugtuung, dass ich mich fragte, wie dreckig es Peons in dieser Stadt eigentlich gehen konnte. Aber es war noch etwas anderes in seinen Augen, das ich gerade nicht so recht entziffern konnte. »Schön«, brummte ich. »Aber wir haben keine Zeit mehr für Packen. Wir müssen sofort -«

   »Olgak hat alles, was er braucht.« Er tätschelte kurz seine Umhängetasche, dann folgte er der Nachtelfe zur Tür und stellte sich vor mich hin. »Gehen wir.«

   Ich konnte nicht anders, als zu lächeln. »Gehen wir.«

   Die Hitze der Sonne brande wieder auf die orkische Erde nieder. Ich hörte An’duna herzzerreißend stöhnen, als sie einen kurzen Blick zum Himmel wagte und dann ihren schwarzen Umhang noch enger um sich zog, um alle Gesichtszüge zu verbergen. »Wie können sie in dieser Hitze leben?«, fragte sie mich in der Sprache der Nachtelfen.

   »Ich weiß es nicht. Aber je länger wir hier bleiben, desto mehr werde ich stinken. Machen wir uns auf den Weg.«

   Sulzula führte unsere kuriose Gruppe an. Wir schlugen uns umgehend in das Gewirr der Gassen und mieden die größeren Straßen, mit der sicheren Erkenntnis, dass dort die Wachen auf uns warten würden. Gorshok hatte inzwischen garantiert einen Läufer zu seinem Bruder geschickt, und Urgrak würde nicht erfreut über unsere Flucht sein. Was auch immer der Ork plante, ich hatte vor, ihm die Suppe gründlich zu versalzen.

   Zu unserem Glück war bereits die Mittagszeit angebrochen, und das bedeutete, dass die Sonne am Höchsten stand und entsprechend unnachgiebig auf uns niederbrannte. Kein Troll, Ork, Blutelf oder Taure war in den Gassen anzutreffen, und die meisten Geschäfte waren jetzt geschlossen, da sich ohnehin niemand gerne der Hitze preisgab. Die meisten Bewohner Orgrimmars nutzten die Zeit für ein Nickerchen, mit Ausnahme der Wachen, die jetzt wohl einige barsche Befehle gebrüllt bekamen und sich auf die Suche nach uns machten.

   Es dauerte nicht lange, bis wir an den Rand der Gassengewirre kamen und Sulzula uns bedeutete, stehen zu bleiben. Sie streckte ihren Kopf heraus und schaute die Straße in beide Richtungen hinunter, dann preschte sie mit uns an ihren Hacken heraus und zu einem großen, hölzernen Bau. Eine der Flügeltüren wurde aufgestoßen und wir hineingescheucht, dann knallte die Trollin sie hastig wieder zu.

   Dämmriges Licht umnebelte uns und hätte mit Sicherheit einige Dinge versteckt, die ich nicht unbedingt gerne sehen mochte. Mein untotes Augenlicht scherte sich allerdings nicht darum und offenbarte mir ein riesiges, von einem einfachen Holzzaun geschütztes Gehege, in dem Raptoren saßen oder standen. Die meisten der Biester betrachteten uns neugierig, und einige von ihnen kamen tatsächlich näher, vielleicht in der Annahme, dass wir Futter brachten oder vielleicht auch Futter waren.

   Und das andere, das sich auf uns zubewegte, war ein Peon. Er hatte einen großen Eimer in einer Hand, aus dem der köstliche Duft rohen Fleischs hervor drang – etwas, das meine verkrüppelte und unnütze Nase noch auf fünf Kilometer gegen den Wind hätte riechen können – und der uns jetzt mit großen Augen und ziemlichem Unverständnis anschaute. »Wer seid ihr?«

   An’duna, Gregor und ich reagierten gleichzeitig. Der Peon hatte gerade noch Zeit, den Eimer fallen zu lassen, als wir über ihn hinein brachen. Mein Schlag mit der linken Hand traf ihn auf die Schnauze, die von Gregor geführte rechte Faust bohrte sich in seinen Magen, und An’duna ließ den Knauf des Opferdolchs in sein Genick krachen, woraufhin der Ork ohnmächtig, atemlos und mit blutender Nase zu Boden ging.

   Sulzula nickte anerkennend, wogegen Olgak eher missbilligend dreinblickte. »Urlok«, brummte er verstimmt. »Guter Peon. Guter Arbeiter.«

   Ich lächelte entschuldigend, zuckte dabei mit einer Schulter und hob etwas beschämt eine Hand. »Tut mir leid, Olgak. Es war nötig. Und er lebt noch.«

   Sulzula stieß einen kurzen, grellen Pfiff aus. Einer der Raptoren, ein besonders großes Biest, das bis gerade eben geschlafen hatte, öffnete seine Augen, gähnte kurz, rappelte sich dann auf und trottete gemächlich heran. Sulzula tätschelte ohne dem geringsten Anzeichen von Angst seine Schnauze. »Das ist Rektor«, meinte sie mit einem breiten Grinsen zu uns.

   »Schön. Und Rektor hilft uns inwiefern?«

   »Ich werde ihn reiten.« Sie deutete auf einige Sattel, die an der Wand hingen. »Und jeder von euch bekommt einen anderen Raptor.«

   »Oh.« Man konnte Gregor und mir anhören, dass sich unsere Begeisterung in Grenzen hielt. »Sie sind zahm, ja?«

   »Zahm genug. Sie beißen fast nie.« Sulzula schwang sich über den Zaun, klopfte ihrem Raptor kurz auf die Flanke und schnauzte dann: »Was ist? Wollt ihr noch länger hierbleiben? Bringt mir die Sattel!«

   Einige Minuten später standen vier gesattelte Raptoren bereit, von uns bestiegen zu werden. Tatsächlich hatten sie die Prozedur geduldig über sich gehen lassen, und nur einer von ihnen hatte nach der Trollin geschnappt. Dennoch ging ich äußerst vorsichtig und bereit, jederzeit einen weiten Satz nach hinten zu machen, als ich mich auf einen der Echsen zubewegte. Sulzula stand neben ihm und half mir in den Sattel. Der Raptor drehte seinen Kopf zur Seite, kaum dass ich auf ihm saß, und schaute mich mit einen Blick an, der fast schon belustigt wirkte.

   »Braver Raptor«, murmelte ich und tätschelte ihm kurz seinen Kopf, was er mit einem Fauchen quittierte. Sofort ließ ich von ihm ab.

   Flaafhun hatte sich beim Eingang auf seine Hinterläufe gesetzt, aber ich konnte das rasselnde Hecheln hören, das er von sich gab. Das Biest brachte es fertig, über mich zu lachen. Meine Laune sank noch tiefer, falls das überhaupt möglich war.

   Auch meine Gefährten bestiegen einer nach dem anderen und mit einer gehörigen Portion Respekt ihre Reittiere. Zu meiner Überraschung schien der Raptor, auf dem An’duna saß, keinerlei Probleme mit ihr zu haben. Er ließ sich sogar von ihr tätscheln und unter dem Kinn kraulen, was er mit einem zufriedenen Schnurren hörbar genoss.

   Sulzula öffnete schließlich das Gatter, führte ihren eigenen Raptor zu den Flügeltüren und stieß diese auf. »Die Stallburschen sitzen in einem Haus gleich neben dem Eingang«, meinte sie zu uns, als sie sich in den Sattel schwang. »Sie werden bemerken, wenn wir hier herauspreschen. Also bleibt dicht hinter mir, und wir sollten schnell genug beim Tor sein, bevor irgendjemand versteht, was passiert.«

   Wir nickten alle. Etwas zweifelnd nahm ich die Zügel in die Hand. Ich wusste, wie man ein Pferd ritt, und auch, wie man es steuerte. Ich fragte mich, wie sehr es einem Raptor wohl gefiel, wenn ich seinen Kopf herumriss, nur um ihm zu bedeuten, dass ich nach links oder rechts abbiegen wollte.

   Deshalb beugte ich mich ein wenig nach vorne, hüstelte kurz und meinte dann auf Orkisch: »Folge einfach dem Dicken.«

   Der Raptor fauchte. Dann stieß Sulzula ihrem Biest die Beine in die Seite, und gehorsam schoss es aus der offenen Tür hinaus. Mein Raptor wartete keine Sekunde, sondern hetzte ihm augenblicklich hinterher, wobei ich fast aus dem Sattel fiel. Das Nächste, das ich tat, war, die Zügel loszulassen und meine Arme eng um seinen langen Hals zu schlingen.

   Häuserwände rasten an uns vorbei. Gerade, als meine Gefährten aus dem Haus heraus barsten, hörten wir den Knall einer anderen Tür, dann verwundertes Grunzen und schließlich aufgebrachte Rufe, die uns hinterher hallten, als wir durch die Straßen jagten. Ich musste schnell feststellen, dass ein zweibeiniges Wesen nicht weniger auf und ab hopste als ein vierbeiniges, und ich krallte mich noch mehr an den Hals meines Raptors, so sehr, dass meine Knochen knackten.

   Olgak erschien neben mir, lachend und mit glänzenden Augen. Auf der anderen Seite zog An’duna mit mir gleich, und ihr Lächeln war spöttisch, als sie mich in meiner Not sah. Sie selbst sah aus, als wäre sie schon jahrelang auf den verfluchten Biestern geritten. Sulzula selbst warf nicht einen Blick zu uns nach hinten, sondern konzentrierte sich darauf, vereinzelt herumstehende Passanten aus den Weg zu scheuchen und heraneilenden Wachen die saftigsten Flüche entgegen zu schleudern, die ihre Sprache hergab. Und hinter uns hetzte Flaafhun in weiten Sprüngen hinterher, ließ dabei seine Zunge heraushängen und erfreute sich an einer für ihn angemessenen Jagd.

   Wenn ich durch Orgrimmar lief, brauchte ich fast eine halbe Stunde, um raschen Schrittes die Stadt zu durchqueren. Aber innerhalb von gefühlten Sekunden konnte ich bereits das riesige Tor der Stadt ausmachen, das – zu meiner unendlichen Erleichterung – weit offen stand. Mit dem auf und ab, das ich ständig auszubalancieren hatte, war ich mir nicht vollkommen sicher, aber ich glaubte, die ersten Orks auf den Zinnen zu erkennen, welche vermutlich eine Staubwolke heranpreschen sahen und sich nicht sicher waren, wie sie darauf reagieren sollten. Dafür erkannte ich ihre ebenerdigen Kollegen umso besser, welche ihre Äxte packten und hastig eine Reihe vor dem Tor bildeten, als wir die letzte Biegung hinter uns brachten und in vollem Lauf auf den Ausgang zuhielten.

   Ich konnte Sulzula lachen hören, als sie ihren Raptor anfeuerte, noch schneller zu werden, und das Biest schaffte es tatsächlich, von irgendwo weitere Kräfte zu mobilisieren. Unsere Reittiere taten es ihm gleich, und wie eine Kugel aus einem Gewehr schossen wir dahin.

   Das Nächste, das ich zu hören glaubte, war ein »Haaaaaaalt!«, gebrüllt von einem der massigeren, aber auch dümmeren Orks. Die anderen Wachen hatten ihren Posten bereits aufgegeben und ihn einsam mitten in der Straße stehen lassen, als ihnen klar geworden war, dass wir nicht bremsen würden. Wir passierten den armen Kerl unbehelligt, was wohl auch daran lag, dass der Raptor der Trollin ihn im Vorbeihetzen dermaßen anfauchte, dass er einen Satz in die Luft machte und sich danach flach auf den Boden warf.

   Dann passierten wir das Tor, und die weite Steppe Durotars lag vor uns. Ein Zischen hinter uns bekundete, dass man gerade mit Pfeilen und Bolzen auf uns schoss, doch die Geschosse verfehlten uns mannigfaltig.

   An’duna schaffte es, ihr Reittier wieder neben das meine zu lenken, und sie lachte mir hell ins Gesicht.

   »Wir sind frei, Dareth!«

   Ich nickte nur ein paar Mal, und dann konzentrierte ich mich wieder vollkommen darauf, nicht aus dem Sattel zu kippen, während wir in die Steppe davon galoppierten.


Bearbeitet von Al Fifino, 01 March 2015 - 16:47,

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#65 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 16 April 2015 - 22:20

Kapitel 36 – Auf der Jagd

 

   Das Holz knackte, während es vom Feuer verzehrt wurde. Es war eines der schönsten Geräusche, die ich seit langem gehört hatte.

   An’duna hatte sich mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und schlief. Auch wenn ich es nicht unbedingt erwartet hätte, wurde es in der Nacht kalt – nicht, dass ich es selbst gemerkt hätte, aber das Zittern ihres Körpers und der eher unruhige Schlaf war ein gutes Indiz dafür. Und weil mich weder Kälte und Hitze sonderlich störten, hatte ich meinen Umhang abgenommen und ihn ihr übergeworfen. Das Feuer tat sein Übriges.

   Olgak, harter Ork, der er war, benötigte keine Decke und hatte sich einfach gleich neben dem Feuer niedergelegt. Sein Grunzen und Schnarchen machte Lärm genug, um uns jedes wilde Tier vom Leib zu halten. Und hätte sich doch eines herangetraut, wäre es wohl spätestens beim Anblick von vier angeleinten Raptoren wieder umgekehrt.

   Sulzula war die Einzige, die mit mir wachte. Sie legte ab und an einen Stock auf die Flammen, begnügte sich aber ansonsten mit Schweigen. Manchmal stand sie auf und ging einige Schritte, um nach Verfolgern Ausschau zu halten. Der Platz, zu dem sie uns geführt hatte, war gut versteckt: Ausläufer eines kleinen Berges schützten uns zu beiden Seiten, auch wenn das bedeutete, dass es nur einen Weg von unserem Lagerplatz heraus gab, und das Feuer hatten wir eingegraben, auch wenn es dadurch weniger Wärme ausstrahlte.

   Und ich saß einfach nur da, starrte in die Glut und dachte nach.

   Wir waren aus Orgrimmar entkommen. Es war so einfach gewesen, dass ich mich ernsthaft fragte, ob Ulgrak nachgeholfen hatte, oder ob Gorshok vielleicht doch nicht seine Erkenntnisse umgehend geteilt hatte. Wir waren einfach aus der Stadt hinaus geritten, als wäre nichts Großes dabei. Sicherlich, man hatte uns beschossen und mehr oder minder versucht, uns daran zu hindern, aber dennoch blieb dieser fade Beigeschmack, dass alles zu gut ineinander gefallen war.

   »Kein Sinn, darüber zu grübeln«, murmelte Gregor leise. »Wir sind draußen. Was willst du jetzt tun?«

   »Wir setzen Flaafhun auf unsere Freundin an«, erwiderte ich und kraulte dabei den Kopf des Teufelsjägers, der sich neben mir zusammen gerollt hatte und leise vor sich hin grollte. Vier Dämonenhäute hatte das Wesen verschlungen, und ich war mir sicher, dass er noch mehr hätte fressen können, aber er hatte sich damit begnügt.

   »Keine Spur von Jhornva?«

   »Nichts«, brummte Gregor leicht verdrossen. »Ich weiß nicht, wie viel Kraft sie noch hatte, als sie gegangen ist. Wahrscheinlich müssen wir wieder ein Portal für sie öffnen, sobald es soweit ist.«

   »Mit einer Seele?«

   »Besser wäre es. Wer weiß, was sonst aus dem Portal gekrochen kommt.«

   Ich nickte und strich mir dabei über den Bart. Es war eine Bewegung, die eigentlich nicht die meine war, sondern eine, die Gregor sich angeeignet hatte, als sein Herz noch regelmäßiger schlug und echtes, rotes Blut durch seine Venen pumpte. Sie gefiel mir, also tat ich es ihm gleich.

   »Wie willst du den Hund auf Aritana ansetzen?«

   »Der Dolch. Sie hatte ihn lange genug bei sich. Mit etwas Glück findet sich magische Kraft an ihm. Und wenn nicht die ihre, dann vielleicht die von dem Tauren.«

   »War er überhaupt magisch begabt?«

   »Ich weiß es nicht. Aber es ist die einzige Idee, die ich habe.« Nachdenklich schaute ich die Waffe an, drehte sie ein paar Mal, so dass ihre Klinge immer wieder im Schein des Feuers aufblitzte.

   »Wenn wir sie nicht finden?«

   »Dann werden wir unsere eigenen Nachforschungen anstellen müssen.« Seufzend steckte ich den Dolch wieder weg. »Kein Sinn, darüber zu grübeln.«

   Sulzula gähnte leise. Ihre Augen wurden zusehends schwerer. »Warum legst du dich nicht schlafen?«, fragte ich sie über die Flammen hinweg.

   »Nicht in deiner Gegenwart, mon«, erwiderte sie mit einem müden Lächeln.

   »Du musst dich ziemlich ausgezehrt fühlen. Dein Mana wird sich regenerieren, wenn du schläfst.«

   »Ich brauche keine Ratschläge von dir, mon.«

   Meine Miene wurde hart wie Stein. Gregor sorgte dafür, dass sie dabei nicht nur unnachgiebig, sondern auch noch bedrohlich wirkte. »Leg dich schlafen, Sulzula. Du nutzt mir nichts, wenn du morgen zu müde zum Reiten bist.«

   Die Trollin bedachte mich mit einem hochnäsigen Blick, besann sich dann aber eines Besseren und zuckte mit den Schultern. »Und du schläfst nicht?«

   Ich schaute sie schon gar nicht mehr an, sondern starrte wieder in die Flammen.

   »Untote schlafen niemals.«

   »Ha. Ein trauriges Leben muss das sein, mon

   Ich hob eine Augenbraue. »Nicht trauriger als das Leben einer gewissen Trollin, die aus Orgrimmar fliehen muss, weil sie sich beim Liebesspiel mit einem Ork hat erwischen lassen.«

   Sulzula zeigte mir ihren Mittelfinger und kroch noch ein wenig näher an das Feuer heran. Mir war nicht entgangen, dass sie An’duna einen neidischen Blick zugeworfen hatte, als ich ihr den Mantel übergeworfen hatte.

   »Erzähl mir von diesem Peon.«

   Überrascht schaute sie mich an. »Was interessiert es dich?«

   »Wenn du schon nicht schlafen willst, können wir uns wenigstens ein wenig unterhalten.«

   Ihr Blick war voller Skepsis, aber trotzdem begann sie zu erzählen. »Es ist nicht viel dabei, mon. Er war ein stattlicher Ork. Gut bestückt an den richtigen Stellen. Und sanfter als die meisten meines Stammes, wenn es darum ging, Liebe zu machen. Wir trafen uns ab und an und teilten das Bett.«

   »Hast du ihn geliebt?«

   Jetzt lachte sie leise und höhnisch. »Nein. Aber er war gut im Bett, und ich mochte es, wie er roch.«

   »Hat er dich geliebt?«

   Ihre Augen blitzten. »Vielleicht.«

   »Und jetzt ist er tot. Und du bist entkommen.«

   »Sie haben mich überrascht, als ich gerade aus der Bretterbude, die er seine Hütte schimpfte, gehen wollte. Er hatte mir seine Lederrüstung gegeben, in der Hoffnung, dass man mich so nicht sofort erkennen würde. Er war nicht der klügste Ork.«

   Meine Miene blieb regungslos, aber tief in mir stempelte ich Sulzula gerade als gefährliches Miststück ab. »Bereust du es?«

   »Nein. Die Nächte mit ihm waren schön.«

   »Ich meinte eher, dass er deinetwegen gestorben ist.«

   »Meinetwegen, mon? Er hätte nicht mit mir schlafen müssen, wenn er nicht gewollt hätte. Er kannte das Risiko.« Sie zeigte mir ein schadenfrohes Lächeln, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. »Ein Untoter will mich belehren? Ich habe viel gesehen in meinem Leben, mon, aber dieser Anblick ist etwas vollkommen neues.«

   Ich schluckte meinen Ärger über dieses eingebildete Weib herunter und erwiderte stattdessen: »Ich werde nicht mit dir kämpfen, Sulzula.«

   »Hast du Angst?«, entgegnete sie augenblicklich mit einer gewissen Genugtuung.

   »Angst? Vor dir?« Ich schüttelte grinsend den Kopf. »Oh nein, Sulzula, ich habe keine Angst. Aber ich töte nur ungerne. Ich habe einen eigenen Kodex, der besagt, dass Töten um des Tötens Willen falsch ist. Vielleicht sollte ich ihn dir einmal näher bringen.«

   »Verschone mich mit deinen Moralpredigten, mon. Ich habe gesehen, wie du in der Arena gewütet hast. Du hast es genossen.«

   Selbst Gregor mochte nicht so recht glauben, was er da gerade hörte. »Genossen?«, schnarrte er. »Das war ein Kampf auf Leben und Tod. Es gab nichts zu genießen. Aber ich würde es genießen, dir an den Fingern zu nagen -«

   Gregor verstummte abrupt, als ich ihm eine meiner innerlichen Backpfeifen verpasste. »Was mein Bruder damit sagen will ist, dass wir einen Kampf auf den Tod nicht genießen können. Es gibt dabei nichts zu genießen. Jemanden zu töten, ist das letzte aller Mittel und niemals eines, das ich gerne anwende.«

   Sie lachte so höhnisch, dass ich spürte, wie kalte Wut in mir aufstieg. »Ich soll dir glauben, dass du keinen Spaß daran hast, jemanden zu töten, mon. Du bist ein drolliger Untoter. Oder eher verrückt. Wer ist dein Bruder, mon? Ein Hirngespinst, nehme ich an. Du musst zu viel von den Troll-Kräutern geraucht haben.«

   Wo sich in mir Kälte ausbreitete, wurde Gregor von feurigem Zorn beherrscht. Aber dennoch hielt ich ihn zurück; wir beide wussten, dass lautstarke Argumente nicht helfen würden. Kurz entschlossen zog ich also, zu ihrer merklichen Überraschung, meine Robe über den Kopf und legte sie ordentlich auf meine Beine.

   »Siehst du das hier?«, fragte ich sie und deutete auf das nicht zu übersehende Loch in meiner Brust. Ein leises Gluckern drang gerade daraus hervor, und nicht einmal ich selbst konnte sagen, um was es sich genau handelte. Der Blick der Trollin war es auf jeden Fall wert.

   »Das ist das, was meinen Bruder umgebracht hat, Sulzula. Wie genau, kann ich nicht sagen, weil er es mir nie verraten hat. Und das hier«, mein Finger zeigte auf das Brandmal Blackweavers, »hat mir ein Untoter eingebrannt, um mir verständlich zu machen, dass ich für ihn arbeite. Unnötig zu erklären, dass ich nicht lange in seinen Diensten geblieben bin. Das hier«, und dieses Mal betastete ich die halb verheilte Bauchwunde, »ist ein Geschenk der Hexer, oder besser gesagt einer ganz bestimmten Hexenmeisterin, die nun nicht mehr unter uns weilt.«

   Sulzula hatte eindeutig noch nicht allzu viele grässliche Wunden sehen müssen; obwohl ihre Miene einer Maske des Grauens und des Ekels glich, konnte sie ihre Augen doch nicht abwenden, und zugleich schien sich ihr Gesicht allmählich grünlich zu färben. »Und das sind nur Schmerzen, die man mir aus Freude zugefügt hat. Weil ich nicht so bin wie andere Untote. Diese Wunden sind nichts gegen das, was ich an alter Schuld und vergangenen Sünden mit mir trage, die mit dem Tod hätten getilgt werden sollen. Aber wie du siehst, wandele ich noch immer über das Land, verflucht und dazu bestimmt, vielleicht ewig mit dem zu leben, was ich getan habe. Jede Nacht muss ich daran denken, und je mehr ich versuche, die Schreie und das Flehen der Kinder, der Frauen und der Alten zu verdrängen, umso stärker kehren sie zurück.

   »Mein Bruder hat diese Probleme nicht. Er ist das, was du als Untoten bezeichnest, und er hat seinen Frieden damit geschlossen, Scheußliches zu tun, auch wenn ich versuche, es ihm auszutreiben, mit mäßigem Erfolg. Wir sind zwei Seelen in einem Körper, dazu bestimmt, miteinander zu leben und, wenn wir denn wollten, noch den kleinsten grausamen Gedanken, die letzte dunkle Erinnerung aus uns herauszuquetschen. Ich war ein Mensch, Sulzula«, fügte ich mit einem schwachen Lächeln hinzu, als ich die inzwischen entsetzte Miene der Trollin zur Kenntnis nahm. »Und ich bin noch immer ein Mensch, aber gegen die Blutlust eines Untoten kann man nur so lange ankämpfen, bis sie einen übermannt. Ich habe menschliches Fleisch gegessen und Blut getrunken, weil ich wusste, dass ich verrückt werde, wenn ich es nicht tue. Und es hat gut geschmeckt, das ist das Schlimmste daran. Ich mochte es.

   »Ich habe den Untergang Lordaerons miterlebt und dabei alles verloren, was ein Mann verlieren kann. Ich habe Frauen und Kinder scharenweise getötet und verbrannt, in dem hoffnungslosen Versuch, die Seuche mit ihnen vom Antlitz der Welt zu tilgen, und weil ich so von der Verzweiflung über den Tod meiner Frau übermannt war, dass ich nicht einmal mehr klar denken konnte. Ich war ein Priester, Sulzula; ich hätte diese Menschen schützen sollen. Stattdessen übergab ich sie dem reinigenden Feuer!« Ich lachte verbittert. Allerdings nicht lange, denn das Lachen verkam innerhalb eines Lidschlags zu einem leisen Schluchzen. Meine Wut war verraucht, und selbst Gregor hatte nicht den Mumm, mich in der Trauer zu unterbrechen, die über mich herein schwappte.

   Als ich wieder aufschaute, wusste ich, dass die Trollin gerade schwarze Tränen sah, die unter dem Lederriemen hervor quollen. Selbst Flaafhun schaute mich mit verständnisvollen Augen an.

   Ich stand auf, nahm dabei meine Robe in die Hand, umrundete das Feuer und warf ihr den Fetzen zu. »Deck dich damit zu«, krächzte ich leise. »Und verschwende einen letzten Gedanken an den armen Bastard von einem Ork, der für dich gestorben ist.«

   Dann marschierte ich in Richtung des Palmenwaldes, und der Höllenhund trottete mir nach. Zurück ließ ich eine Trollin, die sichtbar nicht verstehen konnte, was gerade vorgefallen war.

 

   Der Morgen brach an.

   An’duna saß bereits auf ihrem Raptor, als ich zu unserem Lager zurückkehrte. In der Nacht war nichts passiert – ein weiterer Umstand, der mich mehr beunruhigte als beruhigte – und ich hatte keinen Verfolger ausmachen können. Ich hatte erwartet, dass Orks auf mächtigen Kodobestien ausreiten und versuchen würden, uns aufzuspüren, aber es machte fast den Anschein, als wäre Ulgrak Whitemane froh, mich nicht mehr in seiner Stadt zu haben.

   Olgak machte sich gerade daran, sein Reittier zu besteigen, und auch Sulzula war an ihren Raptor herangetreten, um seine Schnauze zu tätscheln und mit ihm zu reden. Als sie mich anschaute, konnte ich die müden und geröteten Augen erkennen.

   Gregor zeigte ihr sein Haifisch-Grinsen. »Hattest du etwa dermaßen Angst vor dem großen bösen Untoten, dass du nicht schlafen konntest?«

   Die Trollin ehrte mich nicht mit einer Antwort, sondern zeigte mir nur eine eindeutige Geste, warf mir meine Robe zu und schwang sich in ihren Sattel. Ich lachte, bis ich mich daran machte, mein Reittier zu besteigen, und mir dabei das Lachen verging. Ich hatte das dumpfe Gefühl, den bockigsten und zugleich schlausten Raptor aus unserem Stall erwischt zu haben: Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, machte er den Anschein, als wollte er mir gleich den Kopf abbeißen, und als ich ihn besteigen wollte, machte er einen kleinen Schritt zur Seite, so dass ich, anstatt wie geplant im Sattel zu landen, mich über ihn schwang und auf der anderen Seite wieder auf den Boden klatschte. Gelächter aller Art war die Folge, und ich brauchte noch zwei weitere Versuche, bis ich endlich auf dem Biest thronte.

   »Und jetzt, mon

   Ich nahm die Zügel in die Hand und betrachtete dann fragend den Teufelsjäger, der neben dem Raptor saß und vor sich hin hechelte. Ich hatte versucht, ihn eine Fährte aufnehmen zu lassen, und er hatte mir zu verstehen gegeben, dass er einige Magie an der Klinge hatte schmecken können; von wem genau sie stammt, schien er selbst nicht zu wissen. Meine war eine davon, aber noch zwei bis drei weitere hafteten an ihr. Und keine von ihnen war an unserem Rastplatz vorbei gekommen.

   »Was ist der schnellste Weg nach Ashenvale, Sulzula?«

   »Durch die Hügel südlich von Orgrimmar«, erwiderte sie und rieb sich dabei die Augen, »dann ins Brachland und von dort aus nach Norden in Richtung der Warsong-Schlucht.« Sie gähnte ausgiebig und kratzte sich an ihrem Rücken, auch wenn ihre schlecht sitzende Lederrüstung das meiste davon verhinderte.

   »Dann wird das der Weg sein, den unsere Beute genommen hat.« Ich zögerte einen Moment, dann fügte ich hinzu: »Du bist frei, Sulzula. Wenn du gehen willst, dann geh. Ich werde es dir nicht übel nehmen, und mein Bruder hätte eine Versuchung weniger in seiner Reichweite.«

   Sie schenkte mir ein müdes Lächeln. »Du schuldest mir einen Kampf, mon. Ich gehe nicht, bis ich ihn habe.«

   Ich verdrehte meine Augen zum Himmel. Gregor ließ deutlichere Worte sprechen: »Wir haben gesagt, dass wir nicht gegen dich kämpfen, du tätowierter Dickschädel.«

   Woraufhin sie nur antwortete: »Jeder kämpft irgendwann, mon. Und außerdem, wohin sollte ich gehen? Mein Stamm würde mich nicht zurück nehmen, sondern an Orgrimmar ausliefern. Und ich habe niemanden, den ich zurück lasse.«

   Ich betrachtete sie noch für einige Sekunden, schaute dann kurz Olgak an, welcher mich leicht dümmlich anstarrte, seufzte leise und nickte schließlich. »Also gut. Machen wir, dass wir von hier wegkommen.« Für meine Nachtelfe fügte ich in ihrer Sprache hinzu: »Wir gehen, An’duna.«

   »Ich dachte schon, wir kommen gar nicht mehr weg«, erwiderte sie lachend. Dann trat sie ihrem Raptor mit ihren Absätzen in die Flanken und preschte los, dicht gefolgt von uns anderen.


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#66 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 06 August 2015 - 22:28

Kapitel 37 – Kluger Wolf

 

Die Reise ging zügig voran. Wie in den letzten Tagen, so fanden wir auch heute nicht das geringste Anzeichen von zusätzlichen Patrouillen auf den Straßen, die durch das verbrannte und ausgedörrte Land führten und einen einigermaßen sicheren Weg wiesen. Das konnte meine Laune zwar nicht sonderlich anheben, aber immerhin bescherte es sowohl dem Ork als auch der Trollin ein seliges Grinsen, und selbst An’duna, die unter ihrer Kapuze schwitzte und dick eingepackt war, als ginge es durch tiefste Schneewehen und eisigsten Einöden, rang sich ein Lächeln ab. Sie hatte durchaus verstanden, dass ihre violett schimmernde Haut besser vor fremden Augen versteckt blieb, aber ich konnte nur erahnen, was sie dafür aushalten musste.

   Mir selbst machte die Sonne, die ohne Erbarmen auf uns niederbrannte, nicht sonderlich viel aus. Auch Hunger und Durst bedrückten mich nicht, ganz im Gegensatz zu meinen Reisegefährten, die alle Naselang das Jammern anfingen. Zu unserem Glück gab es jeden Tagesmarsch entfernt ein Dorf oder einen Vorposten, der an die Straßen gebaut worden war. Man konnte über Thrall sagen, was man wollte, aber die Erziehung, die ihm, wie man sich erzählte, die Menschen während seiner Gefangenschaft hatten angedeihen lassen, war auf fruchtbaren Boden gefallen. Das Prinzip hatte es im alten Königreich Lordaeron gegeben, war dort vorzüglich umgesetzt worden und hatte Pilger, Reisende und Handelskarawanen gleichermaßen davor bewahrt, unter dem offenen Himmelszelt nächtigen zu müssen. Und auch hier konnten sich die riesigen, gemächlich einher stampfenden Kodobestien mit ihren meist orkischen Führern jeden Abend auf einen Trog frischen Wassers, Früchte und ein Dach über dem Kopf freuen.

   Sulzula und Olgak betraten oft diese von Palisaden umgebenen Ansammlungen von Häusern und Bretterbuden, um Proviant für sich und meine Nachtelfe zu besorgen. Entgegen ihres Willens hatte ich durchgesetzt, dass wir nicht in den Gasthäusern nächtigen würden; einerseits hatte ich keine Lust, Geld auszugeben, und andererseits konnte Ulgrak ja Nachricht von unserer Flucht per Falken oder sogar per Fluglöwen verbreitet haben lassen. Ich verspürte keinen Drang, die Probe aufs Exempel zu machen, ob wir wirklich etwas zu befürchten hatten oder nicht. Sulzula hielt dafür die Ohren offen, neben ihren Augen das einzige an ihrem Gesicht, das nicht von einem Schleier verdeckt wurde, wenn sie wieder einmal – natürlich mit meinem Geld – einkaufen ging. Hören tat sie nichts, aber das mochte alles und nichts heißen. Wenn überhaupt, verstärkte es nur meine Unruhe.

   Und dennoch schien es keinen Grund dafür zu geben. Wir wurden nicht behelligt, den wenigen Patrouillen, die ohnehin die Straßen entlang marschierten, konnten wir problemlos ausweichen, weil man sie schon Meilen entfernt auf ihren Reitwölfen sah. Und sie machten nicht den Eindruck, als würden sie besonders aufpassen, wer sich auf den Straßen bewegen mochte; sie sahen genauso gelangweilt aus, wie es Wachen überall auf der Welt taten, wenn sie Tag für Tag den selben Trott hinter sich brachten.

   Sulzula merkte das an, als wir zur Mittagszeit wieder einmal eine Pause einlegten. »Wir werden nicht verfolgt, mon. Wenn Ulgrak unsere Haut wollte, wären wir schon längst hinüber, von Reitwölfen zerfleischt und von Orks zerstückelt. Ich weiß nicht, warum«, fügte sie mit einem Schulterzucken und einem Blitzen in den Augen hinzu, »aber er scheint sich nicht um dich zu kümmern.«

   »Scheint«, erwiderte ich ruhig. »Genau das ist es, was mir Sorgen bereitet. Er scheint sich nicht um uns zu kümmern, aber ich kann mir schwerlich vorstellen, dass er mich einfach so laufen lässt. Er hat irgendeinen Plan. Irgendetwas Gerissenes, das ich noch nicht durchblickt habe, aber er hat einen Plan.«

   »Oder auch nicht«, antwortete Sulzula grinsend. »Immerhin ist er trotz allem nur ein Ork, mon. Denken ist nicht eben ihre Stärke, wie man schon bei Olgak sieht.«

   Der Angesprochene hielt mitten im Essen inne – er futterte gerade ein Loch in eine Melone, ohne sich um die Schale zu kümmern – und schaute uns aus dümmlichen Augen an.

   »Iss weiter«, seufzte ich leise und schüttelte sanft den Kopf. »Vielleicht hast du ja Recht, Sulzula. Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Wir werden weiterhin draußen nächtigen, falls du darauf hinaus wolltest, und keine Widerworte.«

   Ihre Miene zeigte deutlich, dass sie durchaus darauf hinaus wollte und mit meiner Entscheidung nicht zufrieden war. »Aber -«

   Der gellende, wenn auch leise Schrei ließ sie zusammenzucken. Noch ehe sie sich aufgerappelt hatte, stand ich schon und schaute mich aufmerksam um. Auch An’duna, die neben mir gesessen war und uns interessiert, aber verständnislos zugehört hatte, ließ ihren Blick über unsere Umgebung schweifen: eine der kleinen Oasen, ein Wasserloch, an dem das wenige Grün Durotars wuchs und an dem sich einige Tiere trafen, wenn es nicht von nervigen Gestalten wie uns besetzt war.

   Zwischen den Bäumen hindurch erkannte ich nicht viel, aber die Staubwolke, die nicht sonderlich weit entfernt aufgestoben war und näher kam, konnte ich problemlos sehen. An’dunas Elfenaugen sahen sogar noch besser: »Ork«, murmelte sie in ihrer Sprache. »Ein Ork, gejagt von Pferdemenschen.«

   »Kentauren.« Ich fluchte leise, und Gregor stimmte fröhlich mit ein, glücklich darüber, auch wieder einmal Licht-lästerlich zu Wort zu kommen. »Was soll’s«, meinte er dann durch meinen Mund. »Brechen wir das Lager ab und verschwinden. Sie kommen scheinbar in diese Richtung, also sollten wir uns beeilen.«

   Es gefiel mir nicht sonderlich, aber ich gab Gregor mit einem Nicken Recht. »Packt alles zusammen. Wir ziehen weiter.«

   »Moment, mon.« Sulzula trat mir mitten in den Weg, gerade, als ich auf meinen Raptor zugehen wollte. »Du willst einen Fliehenden von Kentauren niedermachen lassen?«

   Ich blinzelte ein paar Mal – zumindest versuchte ich es, bis mir einfiel, dass ich meine Augen ja nicht mehr schließen konnte – und hob dann eine Augenbraue. »Ich kenne den Ork nicht. Und eine Kentauren-Meute ist hinter ihm her. Ich habe keine Lust, mich mit irgendwelchen wütenden Barbaren auf vier Beinen anzulegen.«

   Sulzula starrte meinen Rücken an, als ich um sie herum ging und mich an den Satteltaschen meines Reittiers zu schaffen machte. Kaum, dass mein weniges Hab und Gut verstaut war, drehte ich mich um und schaute dann überrascht An’duna an, die sich neben die Trollin gestellt hatte. »Wir lassen in Stich?«, fragte die Nachtelfe in ihrer gebrochenen Gemeinsprache.

   »Natürlich!«, erwiderte ich etwas ungläubig. »Eine Kentauren-Meute ist hinter ihm her, und er führt sie direkt zu uns! Der Kerl ist ohnehin ein Totgeweihter, also werde ich keine Energie darauf verschwenden, mich in dummen Rettungsmanövern zu betätigen. Macht euch endlich fertig!«

   Sulzula schaute An’duna an, und die Nachtelfe blickte zurück. Dann wanden sie sich wieder mir zu, und beide schüttelten den Kopf.

   »Was…« Meine Finger öffneten und schlossen sich wie von alleine. Flafhuun, der bisher nicht von meiner Seite gewichen war, betrachtete mich mit einem Blick, in dem alle Anzeichen von Nervosität lagen. Vermutlich spürte er schon das Beben der nahenden Horde, und ohnehin hörten wir immer wieder die gellenden Schreie des Orks, nun auch vermengt mit dem kriegerischen und sich aufpeitschenden Gejohle der Verfolger.

   »Einem Ork-Krieger muss man beistehen«, brummte Sulzula. Sie hatte den Kopf leicht gesenkt, die Schultern etwas gehoben, ihre Hand lag auf dem Knauf des Schwerts, das sie für einen Wucherpreis in einer der Siedlungen erstanden hatte.

   »Bitte? Solche Worte aus deinem Munde?« Gregor lachte gehässig auf; ich war zu perplex, um etwas zu sagen. »Die Trollin, die ihren Geliebten verkauft hat, um ihre eigene Haut zu retten! Sag bloß, dich plagen Gewissensbisse?«

   Mein Bruder lachte noch lauter, verstummte aber dann ziemlich schnell, als wir die Miene der Kriegerin sahen.

   »Sie Kind«, murmelte An’duna leise. »Kleines, armes Kind.«

   »Oh, bei allen dunklen Mächten, beim Licht, beim Barte Arthas… nein!«, brüllte Gregor plötzlich auf, und ich spürte, wie er in mir zu wüten begann. »Nein, das kannst du nicht ernsthaft denken, du vertrottelter Haufen Knochen! Wir können nicht –«

   »Wir müssen«, unterbrach ihn Sulzula hart und zog dabei mit einem zischenden Klang, Stahl auf Stahl, ihr Schwert. Mit der Waffe deutete sie auf die Raptoren, die am Wasserloch hockten und sich von unserem Trubel nicht wirklich stören ließen, sondern in aller Ruhe vom klaren Nass tranken. »Die Tiere sind erschöpft. Wir jagen schon seit Tagen über das Land. Die Kentauren werden uns ohne Probleme einholen und niedermetzeln.«

   Gregor knirschte gut hörbar mit den Zähnen, doch als wir selbst die Tiere in Augenschein nahmen, stellte auch er fest, dass die Trollin Recht hatte. Die Biester soffen nicht nur, sie taten fast, als hätten sie seit Wochen ohne Wasser auskommen müssen. Der Einzige, der keinen Durst verspürte, war mein eigener Raptor: er sah aus, als sei er gerade frisch aus seinem Ei geschlüpft.

   »Wer in Kontrolle?«, fragte An’duna und schaute mir dabei direkt in die Augen. »Dareth Twosouls? Oder darethdorei

   Meine Finger öffneten sich wieder, schlossen sich dann zu einer Faust, so fest, dass die Knochen knirschten und knackten. Gregor stöhnte wehleidig auf, und ich konnte es ihm nicht verdenken. Aber in mir stiegen schon wieder Bilder auf, die ich nicht sehen mochte. Und ein Kind – ein orkisches Mädchen – brauchte Hilfe.

   »Verdammt«, brummte ich finster, tätschelte kurz meinem Raptor die Schnauze und zog die Hand zurück, bevor er zubeißen konnte. »Verdammt«, wiederholte ich und schaute meine beiden Mitstreiterinnen dabei böse an.

   »Versteckt euch in den Bäumen«, knurrte ich voll unterdrückter Wut, auf die beiden Weibsbilder, auf Olgak, der nur dümmlich dastand, noch immer mit der halb gegessenen Melone in der Hand. Und vor allem auf mich selbst. »Und macht euch bereit, ein paar Barbarenköpfe einzuschlagen.«

   An’duna nickte nur und machte sich umgehend daran, meinem Befehl Folge zu leisten. Auch Olgak begann, einen Baum zu erklimmen, kaum dass er sich vergewissert hatte, dass alle Raptoren festgebunden waren und nicht beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten das Weite suchen würden. Sulzula hingegen erwies sich, wie zu erwarten, als störrischer. »Was hast du vor, du altes Gerippe?«

   »Ich reite ihnen entgegen«, knirschte ich und schwang mich dabei in den Sattel. Flafhuun brummte etwas verstimmt neben mir, kratzte sich kurz am Hals und ließ dann die Zunge heraushängen. Seine Augen verrieten, dass er genau wusste, was ihn und mich gleich erwarten würde.

   »Alleine?«, fragte Sulzula mit einer Mischung aus Erstaunen und dem Tonfall, den man bei Leuten anschlägt, die man für komplett verrückt hält. »Sie werden dich massakrieren -«

   »Das werden sie dich auch, wenn du nicht gleich wie ein verdammter Affe in einen der Bäume kletterst!«, schnauzte ich sie wütend an. »Deine Arme sind lang genug, genau wie bei den haarigen Biestern, also beweg deinen fetten Hintern! Wir haben keine Zeit für Streitereien!«

   Sie starrte mich noch einen Moment an. Dann, als sie ihren Mund öffnen wollte, um irgendetwas zu sagen, ächzte ich bloß, stieß meinem Raptoren die Fersen in die Flanken und schoss augenblicklich davon.

   »Und was haben wir jetzt vor?«, fragte Gregor mit leiser Stimme.

   »Ein Schutzschild auf das Mädchen wirken«, brummte ich zurück. »Dann noch ein zweites auf uns, wenn wir die Zeit dazu finden. Unter die Bäume kommen, dort können sie nicht so schnell agieren, und ihre Pfeile werden hoffentlich vom Holz abgefangen. Und dann sollen Sulzula und An’duna den Tod hinunterregnen lassen.«

   Gregor brummte genauso wie ich. »Kein schlechter Plan«, stimmte er schließlich zu. »Natürlich absolut verrückt und wir werden nicht einmal bis zum zweiten Schritt kommen, aber trotz allem kein schlechter Plan.«

   Die Ebene raste unter uns dahin. Die Bäume lagen bereits Hundert Schritt hinter uns, als wir das Opfer und seine Verfolger vernünftig sehen konnten. Sie mochten noch ein, zwei Meilen entfernt sein, doch die ersten Kentauren hatten auch uns bereits entdeckt: Ihr Gejohle und Geschrei veränderte sich, wurde von überraschten Rufen durchdrungen, und einige verlangsamten tatsächlich ihren Schritt, verwundert über das, was da auf sie zu gehetzt kam. Die Pferdemenschen hatte ich zwar noch nie wirklich zu Gesicht bekommen, aber die Erzählungen von ihnen standen der Wirklichkeit in nichts nach: Vollbärtige, zerzauste Gestalten mit den Oberkörpern von Männern und den Unterleibern von Pferden. Die meisten von ihnen hatten Speere hoch über ihren Köpfen erhoben, manche trugen Bögen oder Schwerter. Lederrüstungen knirschten genauso wie der Sand unter ihren Hufen, und die Köpfe waren von seltsam anmutenden, spitz zulaufenden Pelzkappen bedeckt.

   Und ihnen voran hetzte mehr schlecht als recht eine kleine, grünliche Gestalt, deren schwarzer Zopf im Wind flatterte. Ihrem Reittier, ein ebenso wie sie eher kleingeratener, braun-grauer Reitwolf, hing die Zunge bereits aus dem Mund, Geifer und Speichel tropfte von seinen Zähnen herunter. Er machte den Eindruck, als wäre er am Rande seiner Kräfte.

   Etwa eine halbe Meile von der Oase entfernt zog ich meine Zügel scharf an und ließ den Raptor abbremsen. Erst jetzt erkannte ich, dass die Kentauren-Horde eher ein Kentauren-Grüppchen war: fünf Krieger, die einen Staub aufwirbelte, als wären es zwanzig oder dreißig. Gregor nickte zufrieden – die Erfolgsaussichten unseres Plans waren gerade gehörig in die Höhe geschossen, auch wenn sie noch immer schlecht aussahen. Die Kentauren wurden außerdem zusehends langsamer, unsicher, was sie mit dem seltsamen, auf einem Raptor sitzenden Untoten anfangen sollten, der mitten in ihrem Weg stand, als könne ihm keine Macht der Welt etwas anhaben.

   Auch das Orkmädchen brachte ihren keuchenden und schnaufenden Wolf dazu, langsamer zu gehen und schließlich stehen zu bleiben. Etwa zweihundert Schritte trennten mich von den Kentauren; in unserer Mitte stand, etwas verloren, die Grünhaut, ohne Sattel auf dem Wolf reitend und sich in seine Mähne klammernd.

   »Komm her«, rief ihr Gregor mit gewisser Schärfe in der Stimme zu. Das Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Sommer alt, starrte uns aus rötlich schimmernden Augen an; erst jetzt erkannte ich, dass mehrere Schnitte und Blutergüsse ihr Gesicht bedeckten und es an manchen Stellen geschwollen war. Ihre Kleidung war dreckig und zerrissen, nicht wegen eines Sturzes, sondern weil Peitschen darüber geschnellt waren. Kalte Wut stieg in mir auf, welche Gregor passend zu Ausdruck brachte: »Komm her«, brüllte er lauthals, »oder die paar Schläge, die dir diese vierbeinigen Arschlöcher verpasst haben, werden dir wie ein paar warme Regentropfen vorkommen!«

   Die Kentauren ihrerseits brüllten nicht weniger als mein Bruder. Sie schauten sich an, zeigten auf mich, lachten aus vollem Halse. Einer von ihnen, der größte und vermutlich der Anführer der kleinen Jagdgruppe, trat nach vorne und grölte ein paar Worte, von denen ich kein einziges verstand. Er unterstrich es mit einer abschließenden, ruckartigen Handbewegung.

   Die Bedeutung war glasklar. Verschwinde, Untoter, oder stirb. Endgültig, in deinem Fall.

   Das Mädchen jedenfalls schien sich noch nicht entschieden zu haben, ob sie lieber in die Hände ihrer Verfolger oder in die eines Fremden, und noch dazu eines Untoten, gehen wollte. Meine Nerven, ohnehin schon gespannt wie eine Bogensehne, waren dem Reißen nahe, als ich plötzlich eine Idee hatte, die so abwegig war, dass sie glatt funktionieren musste. Ich beugte mich also ein wenig zur Seite und meinte zu Flafhuun: »Du bist ein Hund, nicht wahr? Sag diesem riesigen Mistvieh dort, dass es seinen Schwanz einklemmen und herkommen soll, sonst mache ich erst die Kentauren fertig und verfüttere danach seinen Leichnam an meinen Raptor.«

   Der Teufelsjäger schaute mich für einen Moment mit einem recht biestigen Blick an und fletschte die Zähne, aber dann wandte er sich wieder dem Wolf zu.

   Das Kläffen, das aus seiner Kehle drang, war kein Kläffen; es war ein Geräusch direkt aus den tiefsten Höllen. Ein Knurren und Knirschen, als würden Knochen zwischen scharfen Zähnen zermalmt, vereint mit einem Grollen wie aus der Kehle eines Bären, riesig, unsagbar gefährlich und keine Widerrede duldend. Es wollte rein gar nicht zu dem durchaus hässlichen, aber dennoch kleinen Dämon passen.

   Ein Winseln kam zur Antwort, und ohne zu zögern – sehr zu der lautstarken und ängstlichen Verwunderung seiner Reiterin – setzte sich der Wolf hastig in Bewegung.

   Das war das Zeichen für die Kentauren. Ihr Anführer brüllte einen Befehl, der aus vier Kehlen wiederholt wurde, und die vierbeinigen Krieger stürzten auf uns zu.

   Mein Mund bewegte sich, altbekannte Wörter drangen aus ihm hervor. Ein ausgestreckter Zeigefinger auf die kleine Orkdame ließ ein helles Licht aus ihm fahren, durch die Luft zischen und auf sie treffen. Sie schrie kurz und überrascht auf, und ihr Schrei wurde lauter, als ein Pfeil angeschwirrt kam, sie mitten im Kopf traf und wirkungslos an einem grell-gelb leuchtenden Schild abprallte, der sie komplett umgab.

   Ich biss derweil die Zähne zusammen, unterdrückte die Krämpfe und Schmerzen, die sich gerade in meinen Eingeweiden breitmachten, riss meinen Raptor herum und stürzte dem Mädchen hinterher. »In die Bäume«, schrie Gregor, darum versucht, keinen Schmerz in die Stimme zu legen, aber es gelang ihm nur teilweise. Die Worte kamen abgehackt heraus, und sie bewirkten nicht, was sie sollten: Das Mädchen riss an der Mähne, was das Zeug hielt, eindeutig nicht darauf aus, in die Oase hinein zu preschen. Doch das Glück der Dummen war ihr hold, denn ihr Reittier, dem, wie ich jetzt sah, schon zwei Pfeile im Hinterleib steckten, schnaufte, heulte und rannte wie der Wind Flafhuun hinterher, welcher in weiten Sprüngen vor uns her hetzte und bereits nur noch wenige Schritte vom Wald entfernt war.

   Das Rumpeln der verdammten Kentauren dröhnte in meinen Ohren, zusammen mit ihrem siegessicheren Grölen und Jubelrufen. Es brandete noch einmal besonders auf, als ich einen scharfen Ruck spürte und nach vorne geschmissen wurde, mich aber verbissen an den Hals meines Raptors klammerte und dieser gereizt fauchte. Dann traten wir unter die Palmen ein.

   Die Kentauren hielt das natürlich nicht von ihrer Verfolgung ab. Ich riskierte einen Blick über meine Schulter; immerhin hatten die beiden Bogenschützen unter unseren Verfolgern sich ihre Bögen bereits über die Schultern geworfen und stattdessen dicke Knüppel in die Hand genommen. Sie waren, ebenso wie wir, etwas langsamer geworden. Sie wollten genauso wenig gegen eine Palme prallen wie ich oder der Wolf, der gleich vor mir schnaufte und heulte.

   Gerade hob der Kentauren-Anführer seinen feder- und büschelgeschmückten Speer. Ich glaubte sogar, den Skalp eines Orks oder Trolls daran zu erkennen, aber ich konnte mir nicht komplett sicher sein.

   In eben dem Moment, als der Kentaure etwas brüllen wollte, krachte ihm eine Melone, die ein großes Loch aufwies, mitten ins Gesicht und riss ihn so wuchtig um, dass er zu Boden ging und dort laustark zu schnarchen anfing. Die anderen Kentauren, bis eben noch siegessicher und blutrünstig, starrten jetzt den fast reglosen Leib ihres stärksten Kämpfers an, dem sich nur noch die Brust hob und senkte.

   Dann schrie einer von ihnen panisch auf, allerdings nicht lange. An’duna war auf seinem Rücken gelandet, ihr Dolch rutschte ihm über den Hals und hinterliss eine klaffende Wunde, die seinen Ruf erstickte und zu einem blutigen Blubbern verkommen ließ. Einer seiner Kumpane kam nicht einmal dazu, denn sein Schädel wurde gespalten, als Sulzula von einem anderen Baum herunter sprang und ihm ihre Klinge wuchtig bis ins Brustbein hinein trieb. Sie zog es heraus, als das Wesen kraftlos in sich zusammen sackte und dann, auf dem Boden liegend, krampfhaft mit den Hufen schabte und zuckte.

   Die beiden verbliebenen Kentauren, die Bogenschützen, welche sich ein wenig zurückgehalten hatten, zögerten nicht lange. Sie machten ohne einen Laut auf dem Absatz kehrt und stürmten davon, hinaus auf die freie und verdorrte Ebene, als wäre ein Lichdrache hinter ihnen her. Der Staub, den sie aufwirbelten, stand dem ihrer vorhergehenden Jagd in Nichts nach.

   An’duna betrachtete mit einer gewissen Genugtuung ihre Arbeit, verzog jedoch das Gesicht, als sie das brutal niedergemetzelte Opfer von Sulzula betrachtete. Die Trollin ihrerseits grinste mich breit an, und hinter einem Baum trat Olgak hervor, der sich die Finger abschleckte, an denen noch Reste der Melone hingen.

   Wir alle wandten uns der kleinen Ork-Dame zu, die uns aus erschrockenen, ehrfürchtigen und verängstigten Augen anschaute.

   »Willkommen«, brummte ich ihr missmutig zu, während ich meine Schultern entspannte und straffte und dabei merkte, wie sich der Pfeil in meinem Rücken mitbewegte, von einem dumpf pochenden Schmerz begleitet. »Willkommen bei uns Mördern und Meuchlern. Fühl dich ganz wie Zuhause.«


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#67 Maytharien

Maytharien

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Geschrieben: 19 August 2015 - 10:25

Super Story, hab jetzt alles innerhalb von 3 Tagen gelesen, du hast echt viel Fantasie!
Stellenweise war es zwar noch etwas durcheinander und verwirrend (gerade bei den Dialogen, auch durch die Zeichensetzung) aber ich hoffe auf jeden Fall dass du immer schön weiter machst! Ich bin so gespannt wie es ausgeht!


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#68 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 13 November 2015 - 20:41

Hallo Maytharien,

 

Zeichensetzung, die verwirrt? Das sollte natürlich nicht der Fall sein. Wenn Du Lust drauf hast, such mir doch mal ein paar beispielhafte Stellen raus und schick sie mir per PM, dann kümmere ich mich drum. ;)

________________________________

 

Kapitel 38 – Eine Sorge mehr

 

   »Das kannst du ihr nicht wirklich antun wollen.«

   Sulzula betrachtete mich mit einer Mischung aus Abscheu und Unverständnis. Ich hielt ihrem Blick eisern stand, während ich vor mich hin kaute und dann mit dem blutigen Batzen Fleisch in meiner Hand auf das kleine Orkmädchen deutete. »Was soll ich mit einem Mädchen anfangen, hm? Soll ich sie mit zu den Nachtelfen schleppen, damit sie dort krepiert? Ich habe schon genug am Hals, ohne auch noch auf eine Rotznase und ihren ausgedörrten und halb toten Wolf aufpassen zu müssen.«

   »Und deshalb willst du sie in ein Waisenheim stecken?«

   »Dort kann sie in keiner schlechteren Gesellschaft sein als in der unseren«, erwiderte ich mit einem Schulterzucken und biss ein weiteres Stück ab. Zentaurenfleisch schmeckte besser, als ich erwartet hatte, vor allem roh. Das leise und entsetzte Murren und Stöhnen, das aus dem geknebelten Mund des gefesselten Anführers ein paar Schritte von mir entfernt drang, störte mich dabei nicht im Geringsten.

   Auch Sulzula wurde zunehmend bleicher, je länger sie mich betrachtete, aber sie blieb dennoch mit verschränkten Armen vor mir stehen. »Es gibt kein Waisenhaus in der nächsten Ortschaft.«

   »Dann wird man sie schon notfalls bis nach Orgrimmar zurück bringen. Oder sie findet dort einen Platz in der Gemeinschaft. Es schert mich nicht, was aus ihr wird, solange ich mich nicht um sie kümmern muss.«

   Die Trollin knirschte kurz mit den Zähnen, dann nickte sie schließlich widerwillig. »Das ist dein Bruder, der mit mir spricht, nicht wahr?«

   »Nein«, erwiderte ich kalt. »Und wenn du dich nicht langsam beeilst, ist auch das letzte Tageslicht verschwunden und du kannst durch die Nacht reiten, um das Balg bei den Orks abzuliefern.«

   Wir schwiegen für eine Weile, sie beleidigt und voller Starrsinn, ich mit vollkommener Gleichgültigkeit.

   »Ich werde sie nicht abliefern. Das wirst du tun.«

   Ich hielt mitten im Biss inne. Sulzula fügte dem nichts hinzu, und es war klar, dass sie keine andere Entscheidung gutheißen würde. Dann stopfte ich einfach den Rest des Fleischs in mich hinein, kaute gründlich und genoss den Geschmack von frischem Blut, von Wild und der seltsamen Kombination von Mensch und Tier. Wenn ich jemals nach Undercity zurückkehren sollte, würde ich womöglich eine kleine Taverne öffnen und Zentauren-Eintopf anbieten.

   Schließlich stand ich auf, wischte mir meine blutbefleckte Hand an meiner Robe ab und marschierte ohne ein weiteres Wort direkt an der Trollin vorbei auf die Nachtelfe und den großen und den kleinen Ork zu. Das Mädchen hatte sich nach etlichen Minuten guten Zuredens beruhigt und zu Olgak gesetzt, welcher seine zerquetschte Melone zurückerobert und die Reste daraus auf beide aufgeteilt hatte. Auch An’duna hatte sich, so gut sie eben konnte, mit der kleinen Grünhaut unterhalten, sie sanft angelächelt und sogar in den Arm genommen. »Kinder«, brummte Gregor voller Abscheu unter unserem Atem hervor und schüttelte sich dabei, als ob er dadurch das ekelerregende Gefühl loswerden könnte. Jetzt schauten mich alle dreie an, als ich zu ihnen trat.

   »Du«, grunzte ich und nickte dabei zu dem Mädchen. »Wir gehen. Steig auf deinen Wolf.«

   Sie warf einen letzten Blick auf ihren großen Artgenossen, der nur mit einem breiten Lächeln nickte, und auf An’duna, welche sie jetzt zögerlich aus ihrer Umarmung entließ. Erst dann folgte sie mir in gehörigem Abstand zu den Reittieren. Ihr Graupelz war ein ganzes Stück von den Raptoren entfernt angeleint worden, was unter anderem damit zusammen hing, dass die Raptoren Blut gerochen und Appetit bekommen hatten. Meiner hatte sich bereits an einer der Leichen gütlich getan. Der Anblick war kein schöner, selbst Gregor gab das ohne Umschweife zu.

   »Warte hier«, brummte ich dem Mädchen missmutig zu, als sie bei ihrem Wolf angekommen war. Ich selbst nahm den Raptor an die Zügel und führte ihn zu dem Kentauren hinüber, der mich jetzt bei weitem weniger kriegerisch, sondern vielmehr mit der Erkenntnis ansah, dass er nicht mehr lebend aus dieser Sache hinauskommen würde. Seine Beine und Arme waren gefesselt, und er lag ziemlich regungslos auf der Seite, sah man von einigen letzten verzweifelten Versuchen ab, sich irgendwie zu befreien.

   Ich kniete mich neben ihm hin und bedachte ihn mit einem Haifischgrinsen, genau jenes, das Gregor so gerne zur Schau stellte. »Du kannst von Glück reden, dass wir in Eile sind, Pferdearsch. Das macht deinen Tod umso erträglicher.«

   Gregor zog den magischen Dolch, drehte ihn noch ein paar Mal, so dass das scharfe Metall das Sonnenlicht einfing und glitzernd zurück warf. Dann, ohne viel Federlesen, packte er den Schopf des nun stillen und mit geschlossenen Augen wartenden Kriegers, riss den Kopf nach hinten und ließ die Klinge über seine Kehle fahren.

   Gleichzeitig konzentrierte ich mich auf den Zauber, den wir zu wirken hatten. Dunkelgraues Licht strömte aus meiner Hand, legte sich lechzend und suchend über den Körper des Sterbenden und entriss ihm das Letzte, das er zu bieten hatte. Als die verkrampften Bewegungen aufhörten und der Leichnam erschlaffte, hatte ich einen großen, eckigen Seelenstein in meiner Hand.

   »Das wäre also das.« Mit ernster Miene stand ich auf, steckte das Schmuckstück in meine Geldkatze, packte erneut die Zügel des Raptors und marschierte wieder zurück zum Mädchen, welches meine Tat mit großen Augen und einer Mischung aus Genugtuung und Ekel verfolgt hatte.

   Wir kletterten in die Sättel, als Sulzula zu uns heran trat. Ihr Blick war noch immer missbilligend – jetzt mehr denn je – und auch An’duna, die sich zu ihr gesellt hatte, schien nicht sonderlich erfreut über meine Entscheidung zu sein. Flafhuun dagegen saß direkt neben dem Raptor, hechelte ein wenig vor sich hin und betrachtete alles mit der Gelassenheit eines Höllenhundes, der gerade ebenso wie alle anderen eine ordentliche Mahlzeit hinter sich hatte.

   »Wo ist die nächste Siedlung?«, fragte ich die Trollin.

   Sie streckte eine Hand in Richtung Osten aus. »Du musst einfach der Straße folgen.«

   »Gut. Gehen wir«, fügte ich an das Mädchen gewandt zu und drückte sanft die Absätze meiner Stiefel in die Flanken des Raptors, welcher sich gehorsam und leise rülpsend in Bewegung setzte. Der Wolf, durch meine Heilkraft schon wieder sichtlich stärker und auch eindeutig glücklicher, trottete hinter uns her, und gleich darauf befanden wir uns mitten in der Steppe unter der sengenden Sonne, während die Oase hinter uns kleiner und kleiner wurde.

   »Willst du sie wirklich abliefern?«, fragte mich Gregor nach einer Weile, in der wir dahingetrottet waren. »Wir sind weit genug entfernt. Schneide ihr einfach die Kehle durch und fertig.«

   »Und dann?«, erwiderte ich mit rollenden Augen. »Sollen wir sofort wieder zurück zur Oase, wenn noch nicht einmal eine Stunde vergangen ist? Dafür, dass du normalerweise recht schlau wirkst, bist du manchmal verdammt dumm.«

   »Hast du etwa mehr Lust, die kleine Grünhaut quer durchs Land zu schaffen und in eine verdammte Ansiedlung von Orks zu bringen, wo man uns erkennen könnte?«

   »Du kennst die Antwort. Mir gefällt das ebensowenig wie dir, also bringen wir es einfach so schnell wie möglich hinter uns und -«

   Ein Hüsteln ließ mich verstummen und mich halb umdrehen. Das leise Schmatzen in meinem Rücken blieb mir dabei nicht verborgen; die Pfeilwunde würde noch lange brauchen, um von alleine zu heilen, aber ich hatte nicht vor, mein wertvolles Mana für eine solche Kleinigkeit auszugeben.

   Das Mädchen hatte ihren widerwillig agierenden Wolf näher an den Raptor herangebracht und schaute mich jetzt aus trotzig-ängstlichen Augen an. Sie war einmal hübsch gewesen, für orkische Verhältnisse; die Blutergüsse und Schnitte hatten dafür gesorgt, dass sie es nicht mehr war.

   »Wohin gehen wir?«

   Ich seufzte leise. Die Stimme eines kleinen Kindes, egal aus welcher Rasse es stammte, ließ mich innerlich zusammenzucken und alte Erinnerungen hochbrodeln, an die ich nicht denken wollte. Aber wie es immer mit Erinnerungen ist, scheren sie sich selbst einen Dreck um das, was man wollte und was nicht. Sie drängten sich auf wie eine Hafenhure, die ihr letztes Geld in berauschende Kräuter gesteckt und diese bereits geraucht hatte.

   »Wir gehen in ein Dorf, und dort wirst du bleiben«, erwiderte ich also und wischte dabei so gut wie möglich die Bilder von brennenden Scheiterhaufen von meinem geistigen Auge fort. »Wenn du Glück hast, nimmt dich dort einer auf. Wenn nicht, kommst du in ein Waisenhaus.«

   »Ich will zurück zu meinen Eltern.«

   Ich atmete einmal tief ein und aus, zu Teilen genervt und zu Teilen von einem kleinen Schub Mitleid erregt. Aber Gregor, der nur das eine und nicht das andere kannte, lachte kurz und grausam auf. »Deine Eltern sind tot, Kleine, und du weißt das genauso gut wie ich. Ein Raubüberfall auf eine winzige Farm, wenn ich schätzen müsste. Dich haben sie als Spielzeug mitgenommen, und…«

   Die Tränen brachten auch meinen unsensiblen Bruder zum Schweigen. Sie heulte nicht, ihre Miene verzerrte sich in dem Versuch, hart und unnachgiebig zu bleiben und die Tränen zurück zu halten. Und mein Herz schlug ein einziges Mal, so laut und hart, dass meine gebrochenen und nur von Magie zusammengehaltenen Rippen sich neu formieren mussten, um Platz zu machen.

   Ich zog an den Zügeln, und gehorsam blieb mein Raptor stehen. »Komm her«, meinte ich in einem Tonfall, den ich für sanft hielt, auch wenn ich noch nicht herausgefunden hatte, wie man sanft grunzen sollte.

   Zögerlich und leise winselnd trat der Wolf direkt neben uns heran. Ich beugte mich ein wenig zur Seite, packte das Mädchen unter der Schulter, hob sie mühelos zu mir hinauf und setzte sie vor mich auf den dicken Hals meines Reittiers. Dieses fauchte zwar kurz, verstummte aber auf das tiefe Grollen aus meiner Kehle hin und setzte dann seinen Weg fort.

   »Du brauchst nicht weinen«, murmelte ich ihr ins Ohr hinein und legte ihr dabei schützend meinen Arm um den Bauch, um zu verhindern, dass sie von dem Raptor herunter rutschte. »Du lebst, und deine Eltern hätten gewollt, dass du lebst. Trauere um sie, so viel du willst, und dann lebe ihnen zu Ehren, wie ein echter Ork.«

   Sie schniefte leise, wischte sich mit den Lumpen, die sie als Kleidung hatte, über das Gesicht, und nickte. »Danke, dass du mich gerettet hast.«

   Ich spürte einen kurzen Stich, wenn ich daran zurückdachte, dass ich am liebsten einfach losgeritten wäre. »Keine Ursache«, brachte ich krächzend hervor und drückte sie noch ein wenig mehr an mich.

   »Du stinkst.«

   Ein Lächeln breitete sich langsam über meine Lippen aus. »Tut mir leid.«

 

   Die Straße zu finden, war nicht schwer. Auch wenn der rote – für mich graue – Wüstensand Durotars die Ränder verwischte und sich auf die ausgetretenen Pfade legte, so führte sie doch zielstrebig und gerade an ihr Ziel. Felsformationen türmten sich an ihren Rändern auf, sie führte durch kleine Schluchten und wurde ab und an von wilden Kodobestien gequert. Aber sie war auch das Einzige, was in der Umgebung an Zivilisation erinnerte.

   »Warum sprichst du mit dir selbst?«, fragte irgendwann das Mädchen.

   »Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte ich nur mit einem Schulterzucken. »Weißt du, wann das nächste Dorf kommt?«

   Sie nickte. »Nach der nächsten langen Schlucht. Es ist gleich dahinter.«

   »Gut.« Ich zupfte ein wenig an meiner Robe, die sich immer wieder an meine Pfeilwunde klebte und die inzwischen einen breiten, dunklen Fleck haben musste.

   »Warum war die Nachtelfe frei?«

   »Weil sie meine Begleiterin ist. Eine Freundin, wenn du so willst.«

   Sie schwieg für eine Weile, dann meinte sie: »Du bist ein seltsamer Untoter.«

   »Das haben schon viele Leute gesagt, und ich bin mir sicher, dass du nicht die letzte bist, die das sagen wird. Ist das die Schlucht da vorne?«

   Sie nickte wieder. Das Felsmassiv, das sich in einiger Entfernung auftürmte, stach in der kargen und flachen Landschaft hervor. Nach allem, was ich bisher sehen konnte, führte die Straße mitten durch sie hindurch, und zu beiden Seiten flachte sich der Berg meilenweit ab. Ich stellte mir vor, dass das Dorf dahinter in den Fels hineingebaut war, ähnlich wie es in Orgrimmar der Fall war; ein natürliches Bollwerk, Äonen alt und uneinnehmbar.

   »Die Nachtelfe war sehr nett«, murmelte die Kleine vor mir und klammerte sich dabei noch mehr an meinen Arm. »Und du bist auch nett.«

   »Danke«, erwiderte ich ein wenig gerührt und lächelte. »Du bist eine der wenigen, die sagen, dass ich nett wäre.«

   Es dauerte nicht lange, bis wir den Eingang der Schlucht erreichten. Schorfes Gestein hob sich zu beiden Seiten hervor, vermutlich rot wie alles andere in diesem Backofen. Zumindest war der Weg selbst hier in Schatten getaucht und brachte so ein wenig Schutz vor der sengenden Hitze.

   Ein Winseln ertönte neben mir. Der Wolf des Mädchens, der bis eben noch neben uns hergelaufen war, blieb stehen, schnüffelte und winselte dann noch mehr. Schließlich setzte er sich auf den Boden, legte den Kopf auf seine Pfoten und betrachtete mich aus großen, schimmernden Augen.

   »Was hat er?«, fragte ich das Mädchen und betrachtete verwundert das zottelige Vieh. »Warum will er nicht weiter?«

   Ein Schniefen ertönte zur Antwort. »Es tut mir leid«, wimmerte die kleine Orkin leise.

   Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Ohne viel Federlesen hob ich das Mädchen hoch, drehte es vorsichtig um, so dass es mich anschauen musste, und setzte es wieder vor mir ab. »Was ist los?«

   »Er hat gesagt, er wird der Nachtelfe nichts tun!« Tränen quollen schon wieder aus ihren Augen hervor, rannten über die geschwollene Wange und die Schnitte, die sie verunstalteten.

   Bilder vermengten sich in meinem Gedächtnis. Bilder von verquollenen Augen, von durch Weinen gerötete Wangen, ehe sie in Flammen untergingen und nur noch Schreie aus dem Feuer hervordrangen.

   Vorsichtig legte ich ihr meine knöcherne Hand auf die Wange und sagte den Heilzauber auf. Ihr blieb nicht verborgen, dass ich mich dabei leicht krümmte und die Zähne zusammen biss, als mein Mana verdampfte und die Kraft des Lichts in sie hinein floss; sie hörte auf zu weinen, als sie mit starrer Miene bemerkte, wie die Schwellung zurück ging und der Schorf von dem Schnitt abblätterte, um glatte, gesunde Haut darunter zum Vorschein treten zu lassen. Auch unter den Lumpen, die sie trug, verschwanden alle Anzeichen der widerlichen Dinge, die ihr widerfahren waren.

   Ich atmete schwer aus, als die Prozedur aufhörte, und lächelte sie gequält an. »Das ist doch schon viel schöner«, murmelte ich leise und unter den innerlichen Beschwerden von Gregor, der mich einmal öfters einen Dummkopf und unverbesserlichen Verbesserer schimpfte. Zusammen mit seinen Schmähungen setzten Kopfschmerzen ein, als hätten Zwerge darin ein Feuerwerk entzündet – kein buntes, sondern ein lautes. Mein Manavorrat war für heute wohl verbraucht.

   Ich stöhnte kurz, rieb mir dann mit dem Handballen über die Stirn, was ich schnell wieder unterließ, weil die Haut nicht eben fest saß und das wenige Fleisch darunter seltsam zu quietschen anfing, und blickte dann mit ernster Miene die kleine Reiterin an. »Wie heißt du?«

   »Lera«, wisperte das Mädchen, ohne sich um die Tränen zu kümmern.

   »Lera, wer hat dir gesagt, dass er der Nachtelfe nichts tun wird?«

   »Der Ork«, schniefte sie. »Er hat gesagt, er tut ihr nichts, und dass die Trollin dafür sorgt, dass ich sicher heimkomme. Und…«

   Ich nickte ihr ermutigend zu. Sie schluckte schwer; dann, von Schuldgefühlen übermannt, packte sie mich und drückte sich fest an meine von Staub und Dreck bedeckte Tunika. »Er hat gesagt, dass Orks kommen würden und mich mitnehmen würden, und dass sie sich auch um dich kümmern würden! In der Schlucht, und dass ich keine Angst zu haben brauche vor dir, dass mir nichts passieren würde! Nur dass wir sicher durch die Schlucht gehen müssen, sonst können schlimme Dinge passieren…«

   Mein Herz verstummte vollends. Eine eiskalte Faust hatte sich darum geklammert und hielt es eisern gefangen. Das erste Mal, seitdem ich ein Untoter war, verspürte ich echte Übelkeit in mir aufsteigen; kein Ekel vor dem Essen rohen, noch warmen Fleischs, kein Widerwillen über die Grausamkeit meines Bruders, sondern echte Übelkeit. Und das Verlangen zu würgen.

   Für einen winzig kleinen Augenblick war ich kurz davor, das Mädchen vom Raptor zu stoßen, ihn herum zu reißen und durch die Steppe zu preschen, bis das Vieh unter mir vor Erschöpfung zusammen brechen würde. Und Hass stieg in mir auf; hell lodernder, feuriger Hass auf Orks, auf Trolle, auf die verfluchten Lebenden, die einem armen Toten nichts zu gönnen schienen, nicht einmal eine so wundersame wie wundervolle Freundschaft wie die mit meiner Nachtelfe. Der Gedanke brannte sich förmlich in mich hinein: die verdammten Lebenden gönnen mir nichts. Mehr noch: sie misstrauen mir, sie hintergehen mich an jeder Straßenecke, sie hassen mich. Grund genug, sie mit derselben Leidenschaft zu hassen!

   Und in demselben winzig kleinen Augenblick ertönte eine Stimme der Vernunft, die meinem Bruder gehörte. Hasse sie, so viel du willst, Dareth. Aber es nutzt dir jetzt nichts. Zügele deinen Zorn, grab ihn tief ein und lass ihn raus, wenn die Zeit gekommen ist. Was glaubst du, was passieren wird, wenn sie uns zurückpreschen sehen? Glaubst du wirklich, deine Nachtelfe überlebt das? Und die Orks, die hier auf uns warten, wurden irgendwie von der verdammten Grünhaut verständigt. Sie werden ihm melden, wenn wir nicht aufkreuzen. Also beruhige dich, und lass mich einen Plan schmieden, der uns beiden gefällt. Und dann – dann, mein Bruder, werden wir dem Hass freien Lauf lassen.

   Das Ganze dauerte keine Sekunde. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sich auf meinem Gesicht irgendwelche Regungen abgebildet hatten, aber als ich mich an die kleine Orkin wandte, war es hart wie Stein und mein Herz kalt wie Eis.

   »Hat er noch etwas anderes gesagt?«, fragte ich sie mit emotionsloser Stimme.

   »Nein«, murmelte sie in den Stoff hinein. »Er hat gesagt, alles wird gut.«

   Ich legte sanft meinen Arm um das jetzt winzige Mädchen und drückte sie an mich. »Er hatte Recht, Lera. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Und alles wird gut. Aber du musst jetzt genau tun, was ich dir sage.«

   »Warum?!«, schrie sie plötzlich, löste sich aus meiner Umarmung und schaute mich aus geröteten Augen an. »Warum wird alles gut?! Ich bin nicht dumm, sie wollen dich umbringen, und ich habe ihnen geholfen, und du wirst mich auch töten, und -«

   Ich legte meinen Zeigefinger auf die Lippen, und sie verstummte. Dann lächelte ich; ein gequältes, von Furcht entblößtes Lächeln. »Ich werde dich nicht töten. Du bist doch nur ein kleines, verängstigtes Mädchen, das in etwas hereingezogen wurde, von dem du nichts wusstest. Aber du musst jetzt bei deinem Wolf bleiben und hier auf mich warten. Ich werde mich um die Orks kümmern und -«

   »Du darfst sie nicht töten! Es sind Orks! Ihr seid verbündet! Und der andere Ork hat gesagt, du bist böse, aber du hast mich gerettet, du hast nur den verdammten Kentauren getötet,  und du bist so nett, bitte, bitte, töte die Orks nicht!«

   Ich starrte sie für einige Augenblicke an, bis ich schließlich nickte. »Wie lange braucht man durch die Schlucht?«

   »Nicht mehr lange«, flüsterte sie. »Das Dorf ist in der Schlucht selbst. Aber was, wenn die Orks im Dorf auf dich warten? Ich will nicht, dass du verletzt wirst, du -«

   »Mach dir um mir keine Sorgen, Lera«, antwortete ich und drückte sie wieder beruhigend an mich. »Mach dir um mir keine Sorgen. Du bist doch eine große Orkin, oder nicht? Mach dir keine Sorgen.«

   Und während ich das sagte, fraß sich die Sorge in meine Seele; der Hass hämmerte wutentbrannt und wie ein Drache brüllend an den Gitterstäben, die ich für ihn geschmiedet hatte; und sollte das Schlimmste geschehen, so hatte sich Gregor schon einige vorzügliche Ideen ausgedacht, was wir mit Olgak und Sulzula anstellen würden.

 

   Die Schlucht stieg zu beiden Seiten steil an; Klüfte und Risse durchzogen den Stein, zwischen dem die vielleicht fünf Schritt breite Straße führte. Dem Anschein nach hätte man sie sogar erklimmen können, aber die Gefahr, dabei abzustürzen, begleitete jeden Tritt auf dem wackeligen und von Geröll belagerten Boden. Über mir öffnete sich das steinerne Grab und ließ den Nachthimmel zusammen mit einigen Sternen zu mir hinunter blinzeln.

   Meine Ohren waren gespitzt wie die einer Katze auf der Jagd. Meine Nase würde mir nichts bringen, so zugerichtet wie sie war, und meine Sicht mochte besser sein als die vieler anderer, aber die Orks, die mein ehemaliger Barbier auf mich angesetzt hatte, würden nicht einfach auf der offenen Straße warten. Orks mochten grobschlächtige Krieger sein, aber sie waren nicht dumm.

   Lera war vorausgeritten. Sie hatte von mir ihre Instruktionen erhalten, und sie waren so einfach, dass auch ein kleines, verängstigtes Ork-Mädchen sie nicht vermasseln konnte: in das Dorf hinein reiten und den Orks, die auf sie warten würden, berichten, dass der Untote beim Eingang der Schlucht umgedreht und der Straße entlang zurückgegangen sei.

   »Ich werde nicht lange brauchen zum Dorf«, hatte Lera gesagt. »Und du holst mich danach auch sicher ab?«

   »Verlass dich drauf«, hatte ich mit einem schmalen Lächeln erwidert, während meine Augen mit Angst und Hass erfüllt waren – unsichtbar für jeden, und das war vermutlich besser so.

   Jetzt saß ich in einer der größeren Spalten gleich beim Ausgang der Schlucht. Der Raptor hockte noch ein Stück weiter abseits neben einem Haufen Geröll versteckt und angebunden. Im sandigen Boden waren Runen, Schriftzeichen und ein Beschwörungskreis zu erkennen, die ich mit größter Sorgfalt dort hingemalt hatte.

   Dann setzte ich mich mitten hinein, schloss die Augen, wobei das Lederband hörbar knirschte, und rezitierte mit den Seelensteinen in der Hand die Formel.

   Es dauerte nicht lange, bis ich das Ziehen des Portals spüren konnte, das noch halb unsichtbar vor mir aufgesprungen war. Die Seelensteine in meiner Hand zerfielen zu schimmernden Staub, flogen hoch in die Luft und setzten dann in einer Spirale über mich hinweg und in das Portal hinein, aus dessen Chaos sich Jhornva schälte und meine Welt betrat, sich die Finger nach den Resten der Seele leckend und mit einem hinreißenden Lächeln für mich. »Dareth, Dareth, Dareth… was verschafft mir das Vergnügen, dich und meinen Geliebten zu sehen?«

   »Ein baldiges Gemetzel«, erwiderte Gregor mit einem breiten Lächeln, während er ihre Hand nahm, sie an uns heran zog und ihr einen innigen Kuss gab, in dem man genauso gut hätte auf ewig verschwinden können. »Ein paar Orks werden demnächst hier vorbei schauen. Und danach haben wir noch einige lustige Spielchen mit einem ganz besonderen Ork und seiner trollischen Kumpanin vor.«

   »Und Dareth ist damit einverstanden?«, fragte die Succubus mit gespielter Empörung, wobei sie ihre verfluchten Finger nicht von unserem Gesicht lassen konnte.

   »Sie haben meine Elfe.«

   Meine Stimme war angespannt und kalt genug, dass selbst Jhornva aufhörte, jeden Zoll meiner untoten Haut begrabschen zu müssen, und mich stattdessen mit etwas Ähnlichem wie Verständnis anschaute. »Wie lange haben wir noch?«

   »Eine Frage von Minuten, nehme ich an. Bereite dich vor.«

   »Oh, ich bin vorbereitet«, murmelte sie mit einem boshaften Zwinkern, und vor meinen Augen löste sie sich einfach in Nichts auf. Nicht einmal der sandige Boden verriet sie, als sie durch den Nether wandelte und darauf wartete, den Orks einige böse Überraschungen überbringen zu dürfen.

   »Gut«, brummten mein Bruder und ich gemeinsam. Dann legten wir uns auf die Lauer.

   Irgendwo tief in mir taten mir die nichtsahnenden Totgeweihten beinahe ein wenig leid.


Bearbeitet von Al Fifino, 13 November 2015 - 23:15,

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#69 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 28 January 2016 - 08:04

Eine kleine Information für meine Leser, die noch immer regelmäßig hier reinschauen und sich fragen, was zur Hölle ich eigentlich treibe:

- Wirtschaftsinformatik-Studium (Klausurphase)

- Terry-Pratchett-Marathon (genaure gesagt, alle Bücher der "Watch")

- ich habe angefangen, ESO zu zocken. (Schwerer Fehler.)

 

Das nächste Kapitel sollte im Laufe dieser Woche, womöglich schon am Wochenende, entstehen. Seid ebenso gespannt wie ich, was für teufliche Dinge Dareth und Gregor aushecken, was aus dem kleinen Ork-Mädchen wird, und ob sich Dareth und An'duna wohl doch noch mal küssen. :D


Bearbeitet von Al Fifino, 28 January 2016 - 08:04,

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#70 Al Fifino

Al Fifino

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Geschrieben: 08 February 2016 - 10:22

Kapitel 39 – Jeder bekommt, was er verdient

 

Die Wölfe vor uns hechelten und schnappten immer wieder nach Luft. Es waren zwei übrig geblieben; einer von ihnen hatte versucht, mich zu beißen, und es augenblicklich bereut. Wenn ein bisher lebendes Wesen innerhalb einer Sekunde zu einem aufgeplatzten Kadaver wird – durch etwas Hilfe eines Schattenblitzes und einer Faust, die bis zur Schulter im Rachen eines großen Wolfs steckt – dann hat das Schauspiel eine gewisse Auswirkung, der sich auch halbwegs gezähmte Tiere nicht widersetzen können.

   Das Gleiche gilt auch für denkende Wesen, wobei Gregor noch immer der Meinung war, dass dieser Begriff nicht auf alle Orks anwendbar sei. Jene, denen wir unseren Hinterhalt gelegt hatten, waren es auf jeden Fall nicht. Sie waren laut johlend und mit gehöriger Vorfreude auf einen Kampf angeritten, dann unter lauterem Gejohle und ersten Schreckensschreien aus den Satteln gerissen und schließlich getötet worden. Einer von ihnen hatte sich bereits in der Luft das Genick gebrochen, als sich Jhornvas Peitsche um seinen Hals gelegt hatte. Ein anderer war von mir auf dem Rücken liegend erdolcht worden. Der letzte Verbliebene hatte sich wie ein Berserker wirbelnd und um sich schlagend auf mich geworfen, nur um stets die Luft mit seiner Kriegsaxt zu durchschneiden. Schließlich hatte sich Jhornva erbarmt, war von hinten an ihn herangetreten und hatte ihm den Kopf dermaßen gewaltsam herumgerissen, dass auch er tot zu Boden ging.

   Jetzt ritten zwei Leichen auf den Wölfen, mit ihren mächtigen Äxten und etwas Kleidung stabilisiert und auf den Rücken der Biester gebunden. Sie sahen nicht so aus, als würden sie sich noch lange halten, aber es musste reichen, um bei der Oase anzukommen und zumindest für einige Sekunden lang den richtigen Eindruck zu erwecken.

   Tatsächlich war ich eher erstaunt darüber, dass die Wölfe diesen Frevel mit sich haben machen lassen. Aber immer, wenn meine Gedanken in diese Richtung gingen, erinnerte ich mich daran, dass Flaafhun seine Arme in eine der Leiche gesteckt, sie hochgehoben und anschließend an den Füßen herumgekaut hatte, direkt vor den ohnehin schon eingeschüchterten Biestern. Man konnte sagen, dass er inzwischen wohl ihr Rudelführer geworden war.

   Jhornva saß hinter mir, hatte ihre Hände um meinen Bauch geschlungen und sich an mich gedrückt. »Das war das schönste Erlebnis, das ich jemals mit dir verbringen durfte.«

   Ich brummte nur zur Antwort. Selbst Gregor war es nicht danach, mit dem Gefecht zu prahlen. Wir wussten beide, was auf dem Spiel stand, vor allem für mich.

   »Mach dir keine Sorgen um dein Spitzohr. Wir werden sie schon aus den Klauen der bösen Grünhaut befreien.«

   Ich nickte.

   Die Oase kam rasch näher. Die beiden Wölfe, die gehorsam vor uns her trotteten und immer wieder nervöse Blicke zu mir zurück warfen, verschnellerten auf einen kurzen Pfiff ihren Schritt und wir hasteten geradezu den Bäumen entgegen. Zwischen den dunklen Stämmen konnte ich immer wieder orange-rotes Licht aufflackern sehen, und gleich dem Feuer flackerte meine Hoffnung neu auf. Sie waren noch da.

   Kurz bevor wir ankamen, trat jemand aus dem Schatten heraus. Die Gestalt war zu hoch gewachsen und zu schmal, um Olgak sein zu können, und An’duna würden sie sicherlich nicht rausschicken. Die erste Verräterin war also diejenige, die mich empfangen würde. Gregor rieb sich bereits voller Vorfreude die Hände.

   Ein weiterer Pfiff und ein kurzes Grollen von Flaafhun war mehr als genug, um den Wölfen verständlich zu machen, was sie zu tun hatten, solange sie nicht wie ihr Rudelfreund von innen heraus platzen wollten. Mit mächtigen Sätzen sprangen sie nach vorne, wobei die Orks auf ihren Rücken auf und ab sprangen wie Spielzeugpuppen mit versteiften Gelenken, um schließlich in den Steppenstaub zu fallen und dort liegenzubleiben.

   Sulzula erkannte zwar die Gefahr, die auf sie zukam, wie man an ihren hektischen Bewegungen erkannte. Sie schaffte es allerdings nicht einmal ansatzweise mehr, in den Schutz der Bäume zu gelangen, bis einer der Wölfen ihr in den Rücken sprang, sie auf den Boden festnagelte und ihr dabei alles an Luft, was ihre Lungen hätte füllen können, aus ihr herauspresste. Nicht einmal ein Fiepen kam aus ihr heraus, als ich neben ihr abstieg und gemütlich zu ihr hinüber schlenderte, von Flaafhun auf der einen und Jhornva auf der anderen Seite begleitet. Im Angesicht eines gafernden Mauls, das sich direkt neben ihrem Gesicht befand und aus dem heißer, stinkender Atem und ein tiefes, bedrohliches Grollen drang, hatte sie beschlossen, so ruhig wie nur möglich liegenzubleiben.

   »Sulzula. Schön, dich zu sehen.«

   Jetzt bewegte sie ihren Kopf doch einen Zoll weit. Ihr Blick sprach Bände.

   Vor ihr in die Hocke gehend, fuhr ich fort: »Nun, du weißt natürlich, dass ich nicht hier sein sollte. Eigentlich hätten auch drei Wölfe hier ankommen sollen, mit ziemlich lebendigen Orks auf ihren Rücken, und stattdessen findest du zwei Wölfe und zwei ziemlich tote Orks. Wie du also siehst, scheint der Plan nicht so ganz geklappt zu haben, wie dein Freund es vorhergesehen hat.«

   Ich stand auf, nickte Jhornva zu, die daraufhin in den Nether verpuffte und sich auf die Suche nach Olgak machte. »Keine Sorge, ich werde dir jetzt noch nichts tun. Schreie könnten Olgak warnen. Und es wird Schreie geben, das kannst du mir glauben. Ich weiß noch nicht, von wem, aber… sie werden geradezu köstlich sein.«

   Ich lächelte sie an und ergötzte mich dabei an der vor Grauen verzerrten Miene, die mir entgegen starrte. Dann grollte Flaafhun einige weitere Worte zu den Wölfen, welche sich gehorsam auf die Trollin setzten, so dass nur noch ihre Nasenspitze hervorschaute.

   Begleitet von dem Teufelsjäger schlug ich mich durch das Dickicht, wich tief hängenden Ästen und Fliegen aus, bis ich in die kleine Lichtung trat, die ich vor nicht allzu langer Zeit erst verlassen hatte. Das Feuer brannte noch immer fröhlich vor sich hin; jemand hatte es in meiner Abwesenheit gefüttert. Dieser Jemand stand auch gerade auf und zog eine Nachtelfe mit sich in die Höhe.

   An’duna betrachtete mich aus tränenden Augen. Zumindest aus einem tränenden Auge, denn das andere war zugeschwollen. Einige Blutergüsse machten sich gerade auf ihrer Wange breit, und ein unschöner Schnitt hatte eines ihrer Ohren verkürzt. Das Blut war bereits verkrustet, aber deshalb nicht weniger unschön anzusehen. Sie war in einer Decke eingewickelt, ihre Arme darunter allem Anschein nach zusammengebunden. Ein dreckiger Knebel hinderte sie daran zu sprechen, aber es benötigte keine Worte. Ihr Blick aus dem heilen Auge war so gut wie ein halbstündiges Gespräch.

   Olgak hatte keinerlei Anzeichen von Verletzungen, aber dafür ein süffisantes Lächeln auf den breiten Lippen.

   »Ich muss sagen, ich bin beeindruckt, Grishnak. Ich hatte nicht erwartet, dass du mit drei Orks auf einmal fertig wirst.« Der dümmliche Ausdruck war genauso verschwunden wie die schleppende und hässlich anzuhörende Aussprache.

   Ich erwiderte nichts und behielt eine Hand auf dem Flaafhuns Kopf, der bereits angefangen hatte, bedrohlich zu knurren.

   »Und einige Verletzungen hast du dir zugezogen, wie ich sehe. Ist das der Biss eines Wolfs dort an deinem Arm? Eine kuriose Verletzung, muss ich sagen. Die Bisse sollten von außen kommen, nicht vom Arm aufwärts.«

   Ich kraulte Flaafhun ein wenig hinter den Ohren, was dieser mit einem kurzen Stoppen des Knurrens quittierte.

   »Was hast du mit der Trollin angestellt? Sie getötet, wo sie war? Das ist der Weg der Untoten, oder nicht? Jemanden an Ort und Stelle töten und dann an den Knochen nagen wie die Hyänen?«

   Mein stures Schweigen schien ihn ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Jedenfalls hüstelte er, bevor er den Dolch der Nachtelfe zog und ihn ihr an die Kehle hielt. »Nun, ich kenne dich ein wenig, Grishnak. Ich muss zugeben, du bist ein ungewöhnlicher Untoter. Aber dennoch nur ein Untoter. Ein Verräter, wie man schön an der Gesellschaft sieht, mit der du dich umringt hast. Schick deinen Teufelshund dorthin zurück, wo er herkam, werfe alle Waffen von dir und leg dich flach auf den Boden, und deiner kleinen Nachtelfe«, und er schüttelte sie dabei ein wenig, »wird nichts passieren.«

   Sein Lächeln blieb, aber erst jetzt merkte ich, was für eine ungeheure Macht ich eigentlich über andere Leute hatte. Ich konnte direkt in seine Augen sehen, und was ich dort fand, war einerseits die Sicherheit, alle Trümpfe zu besitzen. Aber andererseits glimmerte immer wieder eine kurze Unsicherheit auf, ausgelöst durch meine so seltsam andere Art, die ich bisher noch nie an den Tag gelegt hatte. Und er konnte seinerseits nicht in meine Augen sehen, weil eine zolldicke Schicht Leder dazwischen war. Und das war besser so, sonst hätte er gesehen, dass ich ihn am liebsten auf der Stelle erwürgen wollte für die Art, wie er mit An’duna umhersprang. Und dass ich höllische Angst hatte, nicht rechtzeitig meine Finger um seine Kehle legen zu können.

   Gemächlich ging meine Hand zu dem Dolch an meiner Seite und zog ihn. Für einige Sekunden drehte ich ihn hin und her, so dass er immer wieder das Licht des Feuers auffing und spiegelte.

   »Ein ehrvoller Zweikampf«, meinte Gregor mit einer ruhigen, ebenen Stimme. Ich hätte meiner nicht getraut, den Zorn und die Angst in Schach zu halten, aber Gregor hatte eine gewisse Erfahrung mit Begegnungen wie dieser. »Das ist es doch, worauf Orks ganz vernarrt sind, oder nicht? Für die Horde im Kampf sterben, glorreich und die Ahnen huldigend.«

   Ich legte meinen Kopf ein wenig zur Seite und lächelte. »Was hast du schon zu befürchten, Olgak? Falls das überhaupt dein richtiger Name ist, natürlich. Ich bin schließlich nur ein blinder und einfältiger Untoter. Mein Mana ist in den letzten Kämpfen verbrannt. Was hätte ich für eine Chance gegen dich?«

   Mein Gegenüber grunzte. »Ich bin dir über, das stimmt. Aber dein Mana -«

   Der Schnitt ging nicht sonderlich tief, aber tief genug. Hätte ich noch Mana in mir gehabt, so wäre es jetzt unweigerlich verbrannt, und es hätte mich wahrscheinlich schreiend und fluchend zu Boden geworfen. Stattdessen klebte nur etwas schwarzes Blut an der Klinge, und ein wenig mehr davon vermengte sich mit dem anderen, das beim Kampf mit den Orks bereits ausgetreten war. Es gab mehr als genug davon.

   Olgak grunzte erneut, dieses Mal abschätzend. »Du sprichst also die Wahrheit. Und dein Hund?«

   Ein kurzer Pfiff, und Flaafhun sprang zwischen den Bäumen hindurch in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

   Olgak grinste. Es war ein verlogenes, falsches Grinsen, aber gegen jeglichem Anschein hatte es etwas Erwartungsvolles in sich. »Also schön. Ein letzter Kampf für den Untoten Grishnak, bevor er dorthin zurückgeht, wo er hingehört: unter die Erde.«

   An’duna wurde rücksichtslos zur Seite geworfen und blieb mit einem dumpfen Aufprall und einem gedämpften Schmerzensschrei liegen. Olgak kam mit tief gehaltenem Dolch langsam auf mich zu.

   Ich blieb regungslos und lächelnd stehen. »Du hast gerade deine beste Trumpfkarte fortgeschmissen, du trottelige Grünhaut.«

   »Für jemanden ohne Karten auf der Hand redest du große Stücke.« Er ging ein wenig in die Hocke, und ich konnte erahnen, was er vorhatte. Er war massig und breit, ganz im Gegensatz zu mir wandelndem Gerippe. Er musste sich nur auf mich schmeißen und mir den Kopf vom Hals schrauben, wenn er den Kampf gewinnen wollte.

   Tatsächlich sprang Olgak mit einem mächtigen Kriegsschrei ab. Er kam jedoch niemals an, denn eine Peitsche wickelte sich um seinen Hals und riss ihn mitten in der Luft herum. Der Aufprall musste schmerzhaft gewesen sein, denn nicht das leiseste Stöhnen drang über seine Lippen, was mich vermuten ließ, dass er gerade keine Luft mehr in den Lungen hatte, oder dass sie nicht durch den Hals passte, der von der Peitsche wirkungsvoll verengt wurde.

   Gemächlich schlenderte ich zu ihm hinüber, und noch ehe er sich hatte regen können, rammte ich ihm meinen Dolch durch die Hand und tief in den Boden. Dann schnappte ich mir seinen Dolch, den ich ohne große Mühe seiner kraftlosen Hand entreißen konnte, und rammte diesen in die andere Hand, dicht gefolgt von einem Tritt gegen den Kopf.

   Ich nickte Jhornva zu. Sie lächelte mit mit einem blutgierigen Blick an, hob dann aber doch die protestierende Nachtelfe auf und trug diese in den Schutz der Bäume. Genauer gesagt, so weit wie möglich entfernt, damit sie die nächsten Minuten nicht miterleben konnte. Wenn An’duna Glück hatte, würde die Succubus sie auch noch mit einem kleinen Liebeszauber belegen, und die nächsten Minuten würden wohl die erregendsten ihres Lebens werden. Vor allem würde sie zu beschäftigt sein, um vernünftig zu sehen oder zu hören.

   Ich wandte mich dem noch immer am Boden liegenden Ork zu. Olgak schnaufte laut und mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Ehrvoller Kampf?!«, spuckte er schließlich aus und versuchte dabei, sich aufzurichten, ohne seine Arme zu gebrauchen.

   Ich stieg über ihn und trat ihm kraftvoll in die Brust, was ihn wieder stöhnend auf den Boden beförderte. »Wir sind ein Untoter«, wisperte Gregor voller Hass, als ich mich auf ihn kniete, beide Dolche packte und sie ruckartig herauszog. Dieses Mal entlockte es ihm einen schmerzerfüllten Schrei. »Untote spielen nicht fair, oder wusstest du das nicht?«

   »Wo fangen wir am besten an?«, fragte ich meinen Bruder mit derselben gleichgültigen Stimme von vorhin.

   Gregor ließ ein grausames Lächeln auf unserem Gesicht erscheinen. »Ich habe immer gehört, die Flanke wäre am leckersten.«

   Ich wusste nicht, dass es möglich war, aber der Ork erbleichte sichtlich. Er war viel weniger grün im Gesicht als sonst. »Ich bin lebendig wichtiger als tot! Ich -«

   Ein Schlag gegen seine Stirn ließ den Kopf auf den Boden datzen. »Du bist dir selbst lebendig wichtiger als tot, Olgak, das stimmt. Aber mir? Mir ist es egal, ob du lebst oder stirbst.«

   Ein letzter mächtiger Tritt gegen den Kopf ließ den Ork in Ohnmacht versinken. »Zäher Bastard«, murrte Gregor, als wir ihn packten und zu einem der Palmen schleiften, um ihn dort mit einigem Seil anzubinden, das wir in seinem Gepäck fanden.

   Außerdem blinzelten mir einige krude Briefen entgegen. Ihr Inhalt war typisches Palaver zwischen Leuten, die sich selbst zu wichtig nahmen: Olgak schrieb an einen geheimnisvollen Meister, der sogenannte Herr der Dämonen, und wurde selbst als „Hand des Dämons“ bezeichnet. Ich musste tatsächlich kurz meine Augen schließen und leise und wehleidig seufzen, bei so viel Dummheit.

   Aber es machte auch deutlich, dass Olgak einen Imp als Briefträger missbrauchte, und dass eben jener Imp gerade anscheinend noch nicht hier war. Das war gut für mich; der Herr der Dämonen mochte erst in ein bis zwei Tagen in Orgrimmar feststellen, dass seine Hand abgeschnitten worden war. Und leider gaben die Briefe nicht preis, was genau sie an mich so sehr interessierte. Womöglich war es einfach nur meine Art, mein besonderer Zustand, oder meine gewollte Unabhängigkeit von der Geisel, verbunden mit dem unendlichen Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung. Wahrscheinlicher wollten sie einfach nur sehen, welchen Unfug ich als Nächstes verzapfen und wen ich mir noch zum Feind machen würde. Zumindest einen weiteren neuen Feind kannten sie nur zu gut.

   Während Olgak seinem Faulsein fröhnte, blieb ich nicht untätig und legte schon mal meine Werkzeuge bereit. Dazu gehörte einige unschön gezackte Messer, welche die Orks dabei gehabt hatten, und natürlich der Magie-saugende Dolch. Ich war mir nicht sicher, ob Olgak überhaupt Mana in sich trug oder so mana-trocken war wie ein altes Stück Brot, aber ich war gewillt, es auf eine für ihn sehr schmerzhafte Weise herauszufinden, Mana hin oder her. Und damit ich endlich anfangen konnte, holte ich ein noch brennendes Stück Holz aus dem Feuer und hielt es kurz an die nackten Füße meines Opfers.

   Der Schrei war nicht zu überhören. Die Augen, noch konfus, aber immerhin schon schmerzerfüllt, huschten hierhin und dorthin, bis sie mich fanden und dann sehr schnell sehr weise wurden. Sie sahen bereits die Welt des Schmerzes, die auf sie zukam.

   »Nun, Olgak«, murmelte ich selbst leise und legte das brennende Stück weg, um dann eines der gezackten Messer aufzuheben und interessiert zu begutachten. »Du willst nicht sterben, das ist klar. Allerdings wirst du sterben. Ich muss scheinbar meinen schlechten Ruf ein wenig weiter verschlechtern; zu viele dumme Idioten scheinen auf den Gedanken zu kommen, sich mit mir anlegen zu können und mich für ihre Dienste einzuspannen. Die Frage ist also, wie lange sich das Sterben hinziehen wird.«

   Der Ork schniefte nur laut. Die Überheblichkeit war von seiner Miene weggewischt, genauso die Zuversichtlichkeit und Selbstsicherheit. Hier saß ein Wesen, das sich seinem Schicksal vollkommen ergeben hatte und nicht einmal mehr versuchte, dagegen aufzubegehren.

   »Egal, was du wissen willst«, brummte er mit einem letzten Rest Widerstand in der Stimme, »ich werde dir nur etwas Falsches auftischen. Oder hast du noch nicht mitbekommen, dass Folter am Informationsgeber nicht funktioniert? Dass sie sehr schnell anfangen, alles Mögliche zu erzählen, nur damit die Folter aufhört?«

   Ich grinste ihn breit an. »Natürlich weiß ich das. Ich habe es selbst erlebt. Und ich respektiere jemanden, der mir die Wahrheit sagt.«

   Unverwandt steckte ich ihm den gezackten Dolch in die Brust. Ich traf ihn nicht ganz sauber – was ich auch gar nicht wollte – und die scharfe Klinge kratzte erst noch am Brustkorb entlang, bevor er ins Herz drang.

   »Ich glaube nicht, dass er sonderlich gut schmecken wird«, meinte ich in geselligem Plauderton zu Gregor, während ich den Dolch an der Kleidung des Verblichenen säuberte.

   »Mit den richtigen Gewürzen ist vieles möglich«, murmelte Gregor zurück, während wir uns in Richtung des Waldrandes bewegten, in jene Richtung, aus welcher immer wieder leises Jaulen und gedämpfte Wehschreie drangen. »In jedem Fall ist es eine einmalige Gelegenheit. Ich habe noch nie Ork probiert.«

   Sulzulas Lage hatte sich noch immer nicht verbessert. Die Wölfe saßen beide noch immer auf ihr und pressten sie auf den Boden. Flaafhun hatte sich direkt vor ihr Gesicht gesetzt und hechelte sie mit seinem heißen, nach Schwefel riechenden Atem an, was sie mit eindeutigem Missfallen ertrug.

   Als sie mich sah, wurde das Missfallen jedoch zu blanker Angst. Ihr waren die Schreie nicht verborgen geblieben, und ein wenig rotes Blut war auch auf meine verunstaltete Kleidung gespritzt.

   Ein Pfiff, und die Wölfe standen gemächlich auf und trotteten ein wenig zur Seite. Nach einem zweiten Blick machten sie sich auf den Weg in den Wald hinein, in Richtung der Flammen, in deren Nähe es mit Sicherheit wärmer war. Und außerdem kam von dort der verlockende Geruch von frischem Blut, von einem der Bastarde, die sie als kleine Welpen von ihren Müttern geklaut und ihnen mit Peitschen und Stockhieben beigebracht hatten, was sie zu tun haben und was nicht. Die Zeit schien reif für ein leckeres Festmahl, das sie sich schon seit Jahren nicht mehr getraut hatten.

   Sulzula rappelte sich so schnell sie konnte auf, wurde aber sehr viel langsamer dabei, als das tiefe Grollen des Teufelsjägers ertönte. Als sie schließlich stand, schaute sie mich mit erwartungsvollem Grauen an.

   Ich begutachtete sie noch für ein paar Sekunden, dann reichte ich ihr den Dolch.

   Mit einiger Verwunderung nahm sie die Waffe an.

   »Schneide dir einen deiner Finger herunter. Welcher, ist mir egal.«

   Sie schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Warum?«

   »Um zu beweisen, dass du mir noch immer loyal bist. Wenn du lieber sterben willst, lässt sich das auch einrichten.«

   Sie schluckte schwer. Dann ließ sie sich im Schneidersitz nieder und betrachtete mit einem Ausdruck der Ratlosigkeit ihre linke Hand. Nacheinander bewegte sie alle vier Finger, warf mir dann noch einmal einen Blick zu und traf nur auf eine bedrohliche Mauer aus Unnachgiebigkeit.

   Sie legte ihre linke Hand flach, mit gespreizten Fingern, auf den Boden. Dann, nach vielem Zögern und neuen Anfangen, ließ sie die Klinge des Dolchs auf ihrem kleinsten Finger ruhen.

   Sie fing an, zu drücken. Die Klinge war äußerst scharf; das erste Blut drang durch ihre Haut hervor. Mit dem ersten Schmerz kam aber auch das erste Innehalten, der innere Konflikt, der Hass auf die Welt und vor allem auf mich und auf sich selbst, und eine Myriade an anderen Emotionen, die über ihr Gesicht huschten und sie sich selbst fragen ließ, was bei den Ahnen sie überhaupt hier tat.

   Es war Gregors Art der Folter. Niemand wollte sich selbst verstümmeln; niemand tat es einfach so, und selbst im Angesicht des Todes hatten viele ihre Schwierigkeiten damit. Das war auch der Grund, warum ich auf sie zutrat.

   Sie hob ihren Kopf. Tränen rannten ihrer Wange hinab.

   Mein Fuß trat auf das Messer. Es knirschte kurz und ekelerregend. Dann kam der Schrei.

   »Ich habe doch gesagt, der Schrei würde köstlich sein«, murmelte Gregor mit einem breiten Grinsen.


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#71 the chinese

the chinese

    Pain is temporary, Victory is forever

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Geschrieben: 09 February 2016 - 00:14

Hab dich fast vergessen.

 

Top das du noch weitermachst!


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#72 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 21 April 2016 - 20:33

Hat ein wenig gedauert... ich will mir vornehmen, dass es ab sofort kürzer wird. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir.

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Kapitel 40 – In Feindesland

 

Es war schon fast himmlisch ruhig, wie wir der Straße entlangritten, auf dem Weg zu dem kleinen Außenposten. Sulzula schwieg, mit niedergeschlagenen Augen, eine Hand fest am Riemen des Raptors, die andere verbundene unter meinem umgeworfenen Umhang versteckt.

   An’duna schwieg ebenfalls, aber ihr Blick wandte sich nur selten von mir ab. Sie hatte zu ihrem Glück nichts von dem kleinen Gemetzel mitbekommen. Jhornva hatte sie mit ihrem Zauber belegt, und das Letzte, woran sich die Nachtelfe erinnern konnte, war ein sehr langer und sehr inniger Kuss. Man konnte ihr ansehen, dass sie selbiger schwer beschäftigte: immer wieder errötete sie und sah dabei so angeekelt aus, als hätte man ihr gerade eine lebende Maus in den Mund gestopft. Dann schüttelte sie sich am ganzen Leib, als wolle sie das Gefühl einfach von sich werfen, und beruhigte sich wieder bis zum nächsten Mal, wenn die Erinnerung zurückkehrte. Ich konnte nur annehmen, dass sie sich nicht sicher war, ob sie den Kuss eines Dämons erregend oder verabscheuungswürdig halten sollte.

   Jhornva selbst lief ohne sichtbare Ermattung neben uns her, hielt mühelos mit den Biestern Schritt und vertrieb sich die Zeit, indem sie An’duna immer wieder zuzwinkerte oder einen Kuss zuwarf, was diese mit dem bereits bekannten Muster quittierte.

   Flaafhun war und blieb Flaafhun, der mit herausgestreckter Zunge und hechelnd voran hopste, dicht gefolgt von den verbliebenen beiden Wölfen, die sich nicht sicher zu sein schienen, was sie mit ihrer neu erworbenen Freiheit anfangen sollten und entschlossen hatten, sich erst einmal dem größten Biest in der Nähe anzuschließen, auch wenn es äußerlich erheblich kleiner war als sie selbst.

   »Was hast du mit ihr getan?«

   An’duna hatte ihren Raptor etwas die Sporen gegeben und ihn direkt neben meinen gelenkt. Sie nickte kurz nach hinten, wo Sulzula noch immer sowohl ihre Hand als auch ihren Blick gut versteckt hielt.

   »Ich habe ihr gezeigt, was es heißt, ein Versprechen zu brechen«, brummte ich mit einem Schulterzucken zurück. »Ich denke, sie hat ihre Lektion gelernt.«

   »Was hast du mit ihr getan?«

   Die Nachtelfe klang zunehmend gereizt, ein Sinneszustand, den ich bei ihr noch nicht erlebt hatte. »Eine Lektion, An’duna, die -«

   Ihre Hände schossen zu mir rüber, packten mich am Kragen und zogen mich halb vom Raptor, während sie meine Nase auf wenige Zoll Abstand zu ihrer brachte und mich mit eiskalter Stimme fragte: »Was. Hast. Du. Mit. Ihr. Getan.«

   Selbst Gregor war überrascht und ein wenig eingeschüchtert. Keiner von uns hatte mit so etwas gerechnet. Vor allem hatte ich das unangenehme Gefühl, dieses Erlebnis nicht nur einmal gehabt zu haben, und tatsächlich fiel mir die eine oder andere Gelegenheit ein, in einem früheren Leben, da meine Frau ein sehr ähnliches Verhalten an den Tag gelegt hatte.

   Was schlecht war. Hass und Übelkeit überkamen mich schlagartig. Ich hatte so lange nicht mehr an sie gedacht, und jetzt kamen all die verstorbenen Gefühle wieder aus ihren Gräbern gekrochen und machten sich daran, mein Herz und meine Seele zu zerreißen.

   An’duna bekam das zu spüren. Ich grollte mit nicht weniger kalten Stimme: »Frag sie selbst, wenn du es wissen willst. Und jetzt lass mich bitte los.«

   Es war keine Bitte. Es war ein Befehl.

   An’duna schien noch für einige Augenblicke darüber nachzudenken, ob sie in einem Anfall von Befehlsverweigerung die Lage noch angespannter machen sollte, überlegte es sich dann aber anders und gab mich – zu ihrem und meinem Glück – frei. Kurze Zeit später war sie neben Sulzula und trieb das gleiche Spiel mit ihr, nur mit einem sehr anderen Ergebnis. Sulzula hatte nicht mehr sonderlich viel Widerstand in sich, sondern blubberte Worte wie ein Wasserfall. Keine bösen Worte über mich, wie mir auffiel, sondern darüber, wie leid es ihr tat und überhaupt, dass sie ab sofort ein besserer Troll sein wollte. Es war das Geständnis der Beschämten, mit genügend Widerwillen, um nicht alles zu verraten.

   Aber An'duna war natürlich nicht auf den Kopf gefallen. Sie erkannte schnell, dass sie aus Sulzula mehr herausholen mochte als aus mir, aber nicht jene Dinge, die sie gerade brennend interessierten. Und so kam sie nach einer Weile des Zuhörens und Tröstens wieder zu mir nach vorne und machte sich bereit, mich von der Seite her anzugiften.

   »Kein Wort«, murmelte ich mit einer Stimme kalt wie ein Bergsee, in dem sich ein Gletscher ergoss. »Sie hat ihre Lektion gelernt, An'duna, und wenn du schlau bist, dann lernst du durch sie.«

   Die Nachtelfe schaute mich entgeistert an. Sie brauchte einige Momente, um das eben Gesagte zu verdauen, aber dann schluckte sie und wisperte: »Was hast du mit Drenak gemacht? Wo ist der liebenswürdige Mensch hin, der mir geholfen hat, obwohl ich jetzt sein Feind sein sollte?«

   Ich betrachtete sie kurz und lächelte dann traurig. »Er hat es gelernt, was es heißt, ein Untoter zu sein«, gab Gregor zur Antwort. »Kein Widerwillen. Kein Ekel. Kein Skrupel.

   »Und ehe du anfängst, mir sagen zu wollen, dass Drenak das nicht sein muss, dann schau dich erstmal um, Spitzohr. Oder hast du etwa schon die Klinge an deiner Kehle vergessen? Ich bezweifle es. Das ist ein Erlebnis, das nicht so schnell in Vergessenheit gerät, es sei denn, man fällt auf den Kopf.

   »Und ich sage dir noch etwas, Elfe. Alles Schlechte, was uns bisher widerfahren ist – und das Meiste davon hast du gar nicht miterlebt, und darum beneide ich dich ein wenig – ist uns passiert, weil sich mein Bruder nicht wie ein Untoter, sondern wie ein lebender Mensch aufgeführt hat. Das hat Interesse geschürt. Genügend, dass ich nicht mehr nach Undercity zurückkehren kann. Genügend, um jetzt auch aus Orgrimmar verbannt worden zu sein. Und über Thunderbluff brauchen wir gar nicht erst sprechen, die elenden naturliebenden Wiederkäuer dort können Untote sowieso nicht leiden. Aber wem sage ich das?«, fügte er mit einem schmalen Lächeln hinzu. »Du bist vermummt wie eine Mumie, damit man dich nicht erkennt. Und in was eine Entdeckung resultiert, hast du ja mitbekommen: tote Orks und verlorengegangene kleine Finger.

   »Und jetzt«, endete Gregor schließlich mit einem Grinsen, »weißt du Bescheid und kannst mich endlich wieder in Ruhe lassen.«

   An’duna sagte nichts. Stattdessen warf sie mir einen giftigen Blick zu – einer jener Sorte, den sie und der Rest der Welt für tödlich hielt, aber den ich schon zu gut kannte – und ließ sich wieder zurückfallen, um neben Sulzula her zu reiten und sich leise mit ihr zu unterhalten. Ich musste nicht zurückschauen, weil ich sie gut genug hörte, und ich hätte sie nicht einmal hören müssen um zu wissen, worüber sie sprachen: über hinterhältige Untote und wie unfair das Leben doch manchmal sein konnte, und dass alles besser werden würde.

   Die Sonne schien nach wie vor unerbittlich auf uns nieder. In meinem Fall machte es mir nicht sonderlich viel aus, abgesehen von dem Verwesungsgestank, der zunahm. Sulzula schien ebenfalls die Wärme der Steppe zumindest einigermaßen gewöhnt zu sein und machte trotz des fehlenden Fingers einen recht kräftigen Eindruck. Allein An’duna war die Anstrengung des Nichtstuns anzusehen, aber es war kein sonderlich großes Wunder. Unter der Menge an Klamotten, die sie sich übergeworfen hatte, damit niemand auch nur einen winzig kleinen Fetzen ihrer Haut sehen konnte, wäre selbst ein Wesen wie Gordo ins Schwitzen gekommen; und Gordo war vermutlich zu dumm, um wenigstens das zu schaffen.

   Ein leises Seufzen drang aus meiner Kehle hervor. Armer Gordo. Gestorben für ein jüngeres Ich, das noch nicht herausgefunden hatte, wie die neue Welt lief, was ich mir erlauben konnte und was nicht. Natürlich wusste ich das noch immer nicht genau, aber ich hatte inzwischen eine gewisse Ahnung. Und bei allen Göttern, Ahnen, Helden und Dämonen, ich wollte dafür sorgen, dass mein Ruf in die gesamte verfluchte Welt bekannt werden würde und niemand mehr auf die Idee kam, sich mir entgegenzustellen, sei es aus reiner Vorsicht oder blanker Angst.

   »Aber mit weniger Blutvergießen«, murmelte ich an meinen Bruder gewandt. »Zuviel Blutvergießen schürt Rache, und ein rachsüchtiger Mann – oder eine Frau – vergisst eher ihre Angst, als ihr zu erliegen.«

   Gregor brummte sein Einverständnis, wobei wir einen Blick auf die Satteltaschen warfen. Sie waren von den Wölfen abgenommen und an unsere Reittiere angelegt worden, bevor ich die alles in allem inzwischen ruhig und fast schon freundlich gewordenen Biester davon gescheucht hatte, damit sie ihr Glück in der Wildnis der Steppe suchen konnten. Und ihre Satteltaschen hatten Gregor und ich bis an den Rand mit Sand und Steppenstaub gefüllt und darin das Fleisch eingelagert. Allerdings nicht alles; drei Scheiben hatten wir gegrillt, lange genug, dass es fast schon schwarz und mit absoluter Sicherheit gar war. Jeder hatte eine Schreibe bekommen, bis auf Flaafhun, der sich nichts aus Gegrilltem machte und rohe Kost vorzog, und jeder von uns hatte das Fleisch mit unterschiedlichem Genuss verzehrt. Mir hatte es ausgezeichnet geschmeckt; An’duna hatte jedes Mal vor dem Schlucken unnötig lange darauf herumgekaut, als könnte sie vielleicht alleine vom Geschmack satt werden. Und Sulzula hatte gerade so viel gegessen, wie sie hineinbringen konnte, und das waren nur ein paar Happen gewesen. Der Schmerz in ihrer Hand hatte ihr wohl den Appetit geraubt.

   Und jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, woher das Fleisch kam, war es der explodierte Reitwolf. Und weil meine beiden Mitreisenden hungrig waren, hatten sie die Lüge geradezu aufgesogen und als eine ausreichende Erklärung angesehen, auch wenn ich das Fleisch niemals bis hierher hätte mitschleifen können und auch keines dabei gehabt hatte, was vor allem die Trollin genau wusste. Deshalb hatte meine Nachtelfe es sich nicht nehmen lassen, am nächsten Morgen auf ein paar der Palmen zu klettern und genügend Kokosnüsse zu sammeln, um sie und Sulzula für die nächsten Wochen durchzufüttern, sollte es darauf ankommen.

   So sehr in Gedanken versunken, bemerkte ich An’duna erst, als sie mir ihre Hand auf die Schulter legte und dann nach vorne zeigte. »Ein Dorf.«

   Wir kamen direkt von der Seite auf die aufgestaute Schlucht zu. Man sah noch nichts von den Häusern und den Verteidigungsanlagen, welche sie neben den kleinen Bergen schützten, aber man sah den Rauch, der über die Steine gen Himmel zog und dort verpuffte.

   »Das Dorf«, berichtigte ich sie und lächelte dabei. »Weiter. Nicht mehr lange, und wir haben ein weiteres Ziel erreicht.«

   Ich konnte regelrecht spüren, wie es An’duna auf der Zunge brannte, nach diesem Ziel zu fragen. Aber sie war noch immer verärgert und vermutlich auch zu einem gewissen Maße entsetzt über meine neue Art und zog es deshalb vor, mich mit Schweigen zu strafen, sehr zu Gregors Genugtuung.

   Es dauerte nicht lange, bis wir die Straße gen Norden erreichten und das Dorf einige Kilometer entfernt in unserem Rücken lag. Kaum dass die Klauen unserer Raptoren die ausgefahrenen Spurrinnen berührten, hielt ich sie an, stieg ab und ging auf Sulzula zu.

   Die Trollin betrachtete mich mit einer Mischung aus Trotz und Angst, aber sie hielt meinem Kommen stand und blieb stocksteif stehen. Ob dies wiederum aus Trotz oder Angst geschah, konnte ich nicht sagen. Ihre Miene war steif wie ein Brett geworden.

   »Hör mir gut zu, Sulzula. Du hast dir zumindest ein wenig meines Respekts erkauft, als du das Messer auf deinen Finger gelegt hast. Jetzt wird es Zeit, dass sich dieser Respekt auszahlt.«

   Ich berührte sie mit meinen knöchernen Fingern am nackten Bein. Sie zuckte merklich zusammen, starrte mich mit großen Augen an und harrte voller Furcht aus. Unnötigerweise, wie sie gleich darauf bemerkte, denn Wärme fuhr durch das Bein, stieg hinauf durch ihre Brust und verweilte für einige Sekunden in ihrem Gesicht, wo es sanft über Stirn, Wange und Nase strich.

   An’duna keuchte auf, als sie sah, was geschah, und entsprechend hastig strich sich Sulzula mit ihren Händen über das Gesicht. Allerdings fühlte sich alles genauso normal an wie vorher, und das war es auch. Zumindest fast.

   »Nachdem das erledigt ist«, meinte ich fröhlich und rieb mir dabei die Hände, möglichst ohne mir anmerken zu lassen, dass ich gerade keinen Tropfen Mana mehr besaß und sich ernste Kopfschmerzen ausbreiteten, »habe ich einen letzten Auftrag für dich: Geh ins Dorf, wohne dort und passe auf Lera auf. Bring ihr bei, was du ihr beizubringen vermagst, und sorge dafür, dass es ihr und dir selbst gut geht. Vielleicht kannst du als Wache anheuern, oder dich als Jägerin verdingen. In ein paar Wochen schaue ich vorbei und werde nachsehen, ob es der kleinen Orkin gut geht, und wenn nicht…«

   Ich ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen, und es brauchte auch nicht mehr. Die Fantasie konnte eine grausame Tortur sein, vor allem, wenn man glaubte zu wissen, zu was der Gegenüber fähig war. Sulzula hatte bereits eine Kostprobe davon bekommen; sie würde mit Sicherheit nicht auf eine zweite bestehen.

   »Sie werden mich sofort erkennen«, murmelte die Trollin mit gesenktem Blick. »Ich werde keinen Tag überleben.«

   Wortlos reichte ich ihr meinen nicht nach Magie gierenden Dolch. Er hatte eine relativ breite Klinge, breit genug, um darin in der Sonne ein passables Spiegelbild zu sehen. Sulzula wusste das, und die Neugier gewann schnell.

   Ihre Augen wurden noch größer als vorher. Ihre Finger strichen sanft, ungläubig über die Wangen und die Nase, wo vor vielleicht einer Minute noch Tätowierungen geprangert hatten, die in ihrem Fall das Gleiche waren wie ein Todesurteil. Jetzt sah sie nur noch glatte Haut.

   »Eine Tätowierung ist nichts anderes als eine Verletzung«, erläuterte ich wie nebenbei. »Und ein Priester kann jede Verletzung heilen, wenn seine Macht groß genug ist. Behalte den Dolch und schneide dir den Zopf ab, nur um sicher zu gehen. Und, ganz unter uns: Ohne die Tätowierungen siehst du sehr viel schöner aus. Verdreh keinem Ork den Kopf, oder ich verdrehe dir deinen.«

   Und mit diesen Worten ging ich zu meinem Raptor zurück, stieg auf, nickte An’duna zu und ritt gemächlich der Straße entlang. Die Nachtelfe schenkte der verdutzten Trollin noch ein letztes Lächeln, bevor sie ihr Reittier umwandte und mir folgte.

 

   Die restliche Reise gestaltete sich als äußerst angenehm.

   An’duna fand schon bald wieder Gefallen an kleineren oder auch längeren Unterhaltungen mit mir, womöglich deshalb, weil sie sich ansonsten nur mit ihrem Raptor hätte unterhalten können, und das einseitige Reden musste auf lange Zeit mürrisch machen. Außerdem erkannte sie bald, dass von ihrem netten Menschen noch immer genügend in dem vermodernden und vor sich hin faulenden Leichnam steckte. Selbst Gregor bekam immer mehr von ihrer Zuneigung zu spüren, ob er nun wollte oder nicht.

   Wir verließen bald Durotar und traten ohne Probleme in das Brachland ein, welches noch heißer war als der Backofen der Orks. Hier herrschte erst recht ein Kleinkrieg zwischen den Grünhäuten und den vierbeinigen Pferdemenschen, die sich bei jeder ergebenden Gelegenheit gegenseitig die Schädel einschlugen. Einmal kamen wir sogar bei einem Angriff vorbei, und ich half gezwungenermaßen aus, als einige der Kentauren meinten, uns mit in die Schlägerei miteinbeziehen zu müssen. Sie erkannten ihren Fehler schnell, auch wenn An’duna sich betont zurück hielt. Nach der erfolgreichen Schlacht ließen es sich die Orks natürlich nicht nehmen, sie zu begutachten, aber ein kurzer gebellter Befehl und ein paar nebenbei verlorene Worte über eine neuartige Seuche und ihren neuesten Träger ließ die Neugier schnell abflauen. Tatsächlich waren die Grünhäute so dankbar, dass sie mir ein paar Münzen zur Belohnung gaben, und das Versprechen, für jeden Kopf eines Kentauren noch mehr Silber fließen zu lassen.

   Flaafhun hatte derweil die Spur unserer Beute wieder aufgenommen. Tatsächlich war Aritana wohl über die selbe Straße gereist, der wir nun folgten, und sie führte geradewegs in das Land der Nachtelfen, nach Ashenvale. Von dem, was ich hörte und Gregor mir einflüsterte, gab es auch dort einen ständigen Konflikt zwischen den Holzarbeitern – zumeist Orks und ein paar Trolle – und den ansässigen Spitzohren, welche ihrer Naturverbundenheit dadurch Ausdruck verliehen, möglichst viele Holzfäller zu töten. Da die Holzfäller aber eben nicht nur ihren Beruf, sondern von Geburt an auch den Krieg ausübten, taten sich beide Seiten schwer, die Oberhand zu gewinnen. Die blutigsten Kämpfe um die ausgiebigsten Waldstücke fanden wohl in der Warsong-Schlucht statt, so benannt nach dem endlosen Gemetzel, das sich beide Seiten, oft auch mithilfe von Verbündeten der anderen Rassen, dort lieferten.

   Aber Aritana war nicht durch jene Schlucht gereist, sondern über einige Hügel und Berge gestiegen, wo Flaafhun sie noch immer mit Leichtigkeit nachverfolgen konnte. Der Gestank von Magie war ein starker, und man vergaß ihn nicht so schnell, erst recht nicht, wenn man davon lebte. Und An’duna lebte immer mehr auf, je näher wir kamen, und als wir schließlich die unsichtbare Grenze passierten, warf sie mit einem Jauchzen die Fetzen und Tücher von sich, sprang vom Raptor und tanzte auf den Steinen, umarmte kleine und verkrüppelte wie gesunde Bäume und fuhr mit den Fingern über das stoppelige und harte Gras, das hier wuchs. Mir ging regelrecht das Herz auf, sie so zu sehen. Gregor hingegen hätte am liebsten gespien.

   Als An’duna schließlich mit ihrem Freudentanz fertig war, lächelte ich sie nachsichtig an. »Ich denke, hier trennen sich unsere Wege. Ich habe versprochen, dich bis hierher zu bringen, und hier sind wir. Gehab dich wohl, und -«

   »Halt den Mund!«, fauchte sie mich plötzlich und zu unser beider Überraschung an. Mit einem verschmitzten Lächeln schwang sie sich auf den Raptor, der sie noch immer gebieten ließ, wie es ihr passte, und grinste mich dann breit an.

   »Das hier ist mein Land, Drenak. Ab jetzt führe ich.«

   Und sie gab dem Tier die Sporen und rief über ihre Schulter: »Beeilen wir uns, oder wir holen deine Blutelfe nie mehr ein!«

   Zögerlich gebot ich meinem eigenen Reittier, sich in Bewegung zu setzen. »Das ist… seltsam.«

   »Sie hatte etwas von Kindern erwähnt«, brummte Gregor und rief mir unsere alte Unterhaltung in Erinnerung, die mir Jahre entfernt schien und doch erst vor einigen Wochen stattgefunden hatte. »Wer weiß, wie willkommen sie hier noch ist.«

   Ich lächelte schwach. »Also sind wir alle Gejagte: wir, sie, und Aritana. Was für eine dämliche Geschichte.«

   Und Gregor erwiderte nur trocken: »Glaub mir, wenn ich dir sage, dass die dämlichsten Geschichten immer am meisten gelesen werden.«


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#73 Al Fifino

Al Fifino

    Verrückter Dichter

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Geschrieben: 15 June 2016 - 09:18

Kapitel 41 – Natur und Untote

 

Wir schlugen unser erstes Lager unweit von den bergigen Hügeln auf. Einerseits waren sich weder An’duna noch ich sicher, wie weit wir vordringen mussten, um auf die ersten Nachtelfen zu treffen, was wir beide zu vermeiden suchten; auf der anderen Seite sank die Sonne über den Horizont, und auch wenn unser beider Nachtsicht sicherlich gut genug für das Weiterkommen gewesen wäre – dasselbe galt für unsere Feinde.

   Das kleine Feuer, das wir entzündet hatten, prasselte fröhlich in seinem eigens aus kleinen Steinbrocken aufgebauten Schutz vor sich hin, und das Fleisch, das ich ohne großes Federlesen auf einen Stock gesteckt hatte und darüber hielt, brutzelte leise. An’duna hatte sich, inzwischen endgültig von Lumpen und sonstiger Verkleidung befreit, eine Decke umgeworfen und saß nun nahe bei mir, eine Banane in der Hand, die wir kurz vor unserer Überquerung in einem der Dörfer erstanden hatten.

   Unter uns, vielleicht drei oder vier Kilometer entfernt, breitete sich bereits der riesige Wald Ashenvales aus, welcher die ganze Region sein Eigen nannte, abgesehen von den Stellen, an denen Orks und Trolle ihm bereits zu Leibe gerückt waren. Der Ausblick in der untergehenden Sonne war atemberaubend, und selbst meine zerstückelte Nase empfing einige der Gerüche nach frischem Harz, Moos und Quellwasser. Ich konnte mir nur vorstellen, wie stark dieser Sinneseindruck eigentlich sein musste, und An’duna sog gierig einen Atemzug nach den anderen in sich hinein, sichtlich glücklich über den Wechsel von Staub und Sand hin zu frischem Grün.

   Dennoch konnte ich mir auch einen gewissen Ekel nicht verkneifen. Für eine Weile, während wir aßen und unseren eigenen Gedanken nachhingen, war es mir unmöglich zu begreifen, warum alles in mir eine Abneigung gegen dieses himmlische Fleckchen Erde zu haben schien, bis mir schließlich Gregor hilfreich zur Seite sprang.

   »Es ist ziemlich einfach«, murmelte er leise, glücklich darüber, mal wieder eine Ausrede zu haben, meinen Mund zu benutzen. »Du bist ein Untoter. Alles, was dort unten herum wuselt und krabbelt, ist lebendig. Es ist also nur natürlich, dass wir es nicht mögen.«

   »Ich bin aber eigentlich ein Mensch«, brummte ich mit einer erhobenen Augenbraue zurück. »Es sollte mir nichts ausmachen. Tatsächlich sollte ich mich glücklich schätzen, endlich den depressiven Katakomben und den heißen Backöfen entkommen zu sein.«

   »Aber dort hast du dich nie wirklich unwohl gefühlt«, stellte Gregor mit einer gewissen Selbstzufriedenheit heraus. »Sieh es ein, Dareth. Du bist und bleibst ein Untoter, und wenn einer von uns beiden gegangen ist und das ich sein sollte, dann wirst du auch weiterhin einer bleiben. Einmal ein Untoter, immer ein Untoter, und kein Weg zurück zu den Lebenden.«

   Ich kaute nachdenklich auf meinem Stück Kentauren-Fleisch herum, das selbst verbrannt und geschwärzt besser schmeckte als jede Frucht und jede Suppe, die man mir hätte vorsetzen können. Innen war es noch immer ein wenig roh, und alles in mir jubelte über diesen Umstand. Seufzend nahm ich zur Kenntnis, dass mein Bruder wohl Recht behalten sollte.

   »Alles in Ordnung?«

   An’duna hatte sich ein wenig zu mir hinüber gebeugt und sah mich mit einer Mischung aus Neugier und Sorge an. Ich lächelte nur zur Antwort. »Alles in Ordnung. Der Wald macht mich nur etwas nervös.«

   Ihre Hand fand die meine und drückte sie, trotz des damit verbundenen Schmatzens meines vor sich hin modernden Fleisches, aufmunternd. Und mit einem Blick in ihre Augen erkannte ich, dass ich nicht der Einzige war, der sich seiner Sache nicht vollends sicher war.

   »Gibt es einen Mondbrunnen hier in der Nähe?«, fragte ich nach einer Weile.

   An’duna schüttelte nur den Kopf. »Weiter innen, unter den größeren Bäumen. Diese hier sind winzig im Vergleich zu den mächtigen Stämmen, die uns erwarten. Und wir müssen uns vor den Ziegen in Acht nehmen.«

   »Ziegen?«

   Sie lächelte müde. »Satyren. Sie sind die letzten Überbleibsel der brennende Legion, und genauso aggressiv und gefährlich. Sie töten Nachtelfen wie Menschen und alles andere, was nicht zu ihnen gehört. Aber es wäre vermutlich gut, wenn wir welche finden würden.«

   »Dem zu folgern, was du mir über sie erzählst, kann ich gut und gerne auf ein Zusammentreffen verzichten«, brummte ich missmutig, aber An’duna schüttelte wieder nur ihren Kopf. »Sie korrumpieren die alten Wesen in den Wäldern, und sie scheinen dasselbe auch mit Mondbrunnen zu versuchen.«

   Ich nickte wissend. »Wo wir also auf die Ziegen treffen, könnte ein Mondbrunnen gleich in der Nähe sein. Erkennt man die Anzeichen von Korruption in ihnen?«

   Die Nachtelfe zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe noch keinen korrumpierten Brunnen gesehen. Ich glaube nicht, dass man sie wirklich korrumpieren kann.«

   »Besser, das nicht der Geisel zu erzählen. Einige Apotheker könnten sich herausgefordert fühlen.« Ich lächelte müde. Jetzt, da wir so weit waren, hatte sich eine seltsame Kraftlosigkeit über mich gelegt, als hätten Erschöpfung und Ermattung der letzten Tage und Wochen mit einem Mal beschlossen, mich heimzusuchen. Tatsächlich hatte es mit Sicherheit einen anderen Grund – etwa die Gewissheit, bald alleine zu sein, ausgenommen Flaafhuns – aber das machte es nicht einfacher, dagegen anzukämpfen.

   »Leg dich schlafen«, murmelte ich schließlich zur Nachtelfe, die verträumt in die Nacht zwischen den Bäumen hineinblickte. »Morgen wird ein anstrengender Tag.«

   Sie nickte, streckte sich kurz und entließ dabei ein leises Seufzen. »Wenn wir morgen Wasser finden, möchte ich baden.«

   »Baden?«, fragte Gregor mit einer erhobenen Augenbraue.

   »Ja, baden. Du solltest es dir auch überlegen. Du stinkst zum Himmel, und Nachtelfen haben sehr feine Nasen, vor allem die Druiden.«

   Mein Gesichtsausdruck musste etwas mürrischer geworden sein, denn sie lachte leise und fuhr mir fast schon liebevoll mit einer Hand über die Wange. »Keine Sorge. Das Wasser hier ist klar und wird auch deinen strengen Duft hinfort schwemmen.«

   »Wie du meinst«, seufzte ich nur. Dann stand ich auf und begab mich mit Flaafhun daran, Wache zu halten.

   »Baden!«, murmelte Gregor mit unverhohlener Abneigung. »Ich habe noch nie gebadet! Ein Untoter badet nicht! Warum sollte er auch, er verwest!«

   »Schaden kann es nicht«, erwiderte ich sanft, während wir zwischen den steilen Hang hinunter kletterten. »In jedem Fall wird es ihr danach besser gehen, und uns vielleicht auch.«

   »Ich freue mich schon darauf, wenn Wasser zwischen unserem Fleisch zu den Füßen wieder hinauskommt, nachdem es durch das Loch in der Brust eingetreten ist.«

   Das Bild in meinem Kopf brachte mich zwar nicht zum Würgen, aber es fehlte nicht viel. »Danke, Gregor. Vielleicht solltest du nach dem Bad dafür sorgen, dass wir für eine Weile einen Kopfstand machen und das Wasser durch denselben Weg wieder hinauskommt.«

   »Oder es steigt dir zu Kopfe und ersäuft auch noch den letzten Rest Verstand.«

   »Ich kann nur hoffen, dass es dich ersäuft.«

   Wir lachten leise, dann entstieg uns gleichzeitig ein langgezogener Seufzer.

   »Ich werde dich tatsächlich vermissen, Dareth. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ich werde dich vermissen.«

   »Was passiert mit deiner Seele, wenn sie von mir getrennt werden sollte?«

   Gregor überlegte für eine Minute, dann meinte er lapidar: »Ich kehre vermutlich ins Reich der Toten zurück. Ich war noch nie dort, um genau zu sein. Meine Erinnerungen sind ein wenig durcheinander – die vor meinem Ableben, dann die als Untoter – aber wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass man Seelensteine nur schmieden kann, indem man die Seele beim Tod heraus saugt. Ehrlich gesagt war ich ein wenig überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass ich noch eine habe.«

   »Und was wird aus Jhornva?«

   »Ein guter Einwand«, gab Gregor nachdenklich zu. »Vielleicht schnappt sie sich auch meine Seele, damit sie bis in alle Ewigkeit einen Lustknaben bei sich hat. Wer weiß schon, was Dämonen denken, zumal, wenn es ein Weib ist.«

   »Ich würde dir ja meinen Segen als Priester des Lichts geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Recht nicht bereits verwirkt habe.«

   Mein Bruder lachte leise. »Das Licht kann mich zu Jhornva führen, wenn es Lust dazu hat. Ich wäre zufrieden damit.«

   »Was, wenn sie dich isst? So, wie die anderen Seelen, die wir ihr geopfert haben?«

   »Dann bin ich eben ein Teil von ihr, und vielleicht höre ich selbst auf zu existieren. Es gibt Schlimmeres.«

   »Etwas Schlimmeres als der Verlust des Seins?«

   Gregor schwieg. Dann stieg ein Bild in mir auf. Eine Erinnerung, wie ich schnell erkannte: Schnee knirschte unter meinen Füßen, Kälte legte sich über meine Haut und wurde kaum von dem Pelzmantel abgehalten, den ich trug. Ein Schwert fiel aus meiner kraftlosen Hand, und ein verschwommenes Gesicht – das eines Mannes, soviel konnte ich nicht zuletzt am Bart erkennen – starrte mich mit Entsetzen an. Das Entsetzen konnte ich gar nicht so sehr sehen wie fühlen. Schmerz breitete sich in mir aus, und Gregors Stimme erklang schwach, als er fragte: »Wer… war das?«

   Und der Mann antwortete ihm: »Silverarrow.«

   Genauso überraschend, wie ich in die mir schon bekannte Erinnerung gesogen wurde, wurde ich wieder herausgeschmissen. Flafhuun saß mit einer heraushängenden Zunge neben mir. Irgendwo im Wald ertönte der klagevolle Ruf einer Eule. Ein Windhauch rauschte leise in den Blättern.

   »Verrat, Dareth. Nichts ist schlimmer als Verrat.«

 

   Als der nächste Morgen dämmerte, packten wir unsere wenigen Dinge, befreiten die Raptoren von ihren Halftern und Sätteln und gaben ihnen einen Klaps, woraufhin sie ihrer Wege zogen, allerdings in die entgegensetzte Richtung. Mein Biest blieb nach ein paar Metern noch einmal stehen und betrachtete mich aus kleinen, giftigen Augen, nur um dann etwas anzudeuten, was einer Verbeugung nicht unähnlich sah.

   »Sie wären viel zu sehr aufgefallen«, tröstete mich An’duna mit einem schwachen Lächeln. »Nachtelfen können spüren, wenn sich etwas in ihren Wäldern aufhält, das hier nicht hingehört.«

   »Die ganze Natur spürt, wenn sich ein Untoter in ihr aufhält«, gab ich brummend zurück. »Die Vögel hören auf zu singen, Grillen hören auf zu zirpen. Ich könnte schwören, dass sogar die Bäume sich angewidert von mir wegdrehen würden, wenn sie es könnten, und sie geben sich redliche Mühe.«

   Die Nachtelfe überlegte für einige Momente, bis sie schließlich nickte. »Ein Grund mehr, dich so schnell wie möglich zu einem… Mondbrunnen zu bringen.«

   Das Zögern in ihrer Stimme war mir nicht verborgen geblieben. »Gibt es ein Problem mit dem Mondbrunnen?«

   Sie schaute mir lange in die Augen, oder zumindest dorthin, wo sie vermutete, dass meine Augen saßen. »Was wirst du tun, wenn wir einen erreichen?«

   »Etwas von dem Wasser nehmen und es trinken, denke ich.«

   »Mehr nicht?«

   Ich zuckte nur mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was ich sonst noch dort tun sollte. Eine Bekannte, die inzwischen im Licht ist, hat mir gesagt, dass ich dadurch Gregor befreien könnte. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es ist mit Sicherheit einen Versuch wert.«

   An’duna war sichtlich erleichtert über diese Antwort. »Gut. Sehr gut.«

   »Was hast du erwartet, das ich dort tun würde? Den Brunnen entweihen, so wie Arthas damals mit dem Lichtbrunnen?«

   Für den Bruchteil einer Sekunde huschte Schuld über ihr Gesicht; dann lachte sie klar und hell und winkte ab. »Natürlich nicht! Ich vertraue dir, Dareth.«

   »Du dummes Kind.« Ich grinste sie breit an, dann straffte ich meine Schultern und betrachtete die riesigen Bäume, die soweit das Auge reichte unter uns lagen. »Also, wohin gehen wir als erstes?«

   An’duna grinste genauso verschmitzt wie ich. »Wir gehen auf Ziegenjagd.«


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#74 the chinese

the chinese

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Geschrieben: 05 October 2016 - 16:09

Mir fällt auf dass ich deine Geschichten seit 8 Jahren immer mal lese, immer weiter so :)


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