Das Tor zur neuen Welt (3)

Dencarion

Rare-Mob
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12.06.2006
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„Ha!“
Endlich. Ibdavkii, der verbissen mit seinem Kriegshammer auf die häßliche Schildkröte einschlug, konnte sich den Ausruf des Triumphes nicht verkneifen, als er sah wie der grünhäutige Troll unter den Schwertstreichen der Kriegerin zusammenbrach. Auch das Tier dieses verhaßten Jägers, so eine unheimliche Riesenkatze, mit unglaublichen Zähnen, starb im selben Augenblick. Zwei auf einen Streich. Er empfand neuen Respekt vor dieser Kriegerin.
Aber dieser total bescheuerte Schurke! Nur weil er seine begehrlichen Augen nicht von der Kriegerin lassen konnte, und liebestoll in der Gegend rumgestolpert war, wurde er von dem Jäger und seiner Bestie überrascht. Zum Glück waren er und seine Zwergenbrüder wehrhaft, und nahmen sich des Kampfes an. Aber diese verdammte Riesenschildkröte wollte einfach nicht sterben!
Wieder ließ er seinen Hammer auf den Panzer niederfahren, wieder spürte er die Erschütterung durch seinen Arm, bis ins Rückenmark fahren, und wieder, schien er der Kreatur kein Leid zuzufügen.
Aus den Augenwinkeln schaute er sich um. Der riesige Taure stand über den leblosen Körpern von zweien seiner Brüder, und Ibdavkii zog sich der Magen zusammen, als er dieses gehörnte Ungetüm losstürmen sah. Die Kriegerin, die soeben den Troll niedergestreckt hatte, war gerade dabei einem weiteren Troll, einer Schamanin, zu Leibe zu rücken. Doch der Ansturm des Taurens ließ sie herum wirbeln, und die beiden verfielen in einen mörderischen Tanz.
Schwert klirrte auf Schwert.
Hiebe wurden ausgeteilt und pariert.
Ibdavkii duckte sich, als ein Feuerball über seinen Kopf flog. Neben ihm und seinem Bruder stand die Nachtelfe, und hielt mit ihrer Stangenwaffe die Schildkröte auf Abstand, während sie weiter mit ihren Hämmern auf sie einschlugen. Doch nun wurde die Elfe ihrerseits angegriffen. Ein weiterer Troll – oh wie Ibdavkii diese grünhäutigen Krummrücken haßte – schoß mit Feuermagie auf die Elfe. Total überrascht versuchte die Elfe die Feuerschläge abzuwehren, doch auch die Schildkröte schnappte weiter nach ihr.
Er mochte zwar keine Nachtelfen, aber diese Jägerin hatte seine Hilfe verdient. Sie hatte tapfer an der Seite seiner Brüder gekämpft. Noch einmal ließ er seinen Hammer niederfahren, dann zog er sich ein Stück zurück und lief nach vorne, zum Kopf dieser Bestie. Gerade als er zielte und seinen Hammer hob, röchelte sein Bruder neben ihm. Ibdavkii schaute nach ihm. In Rotbarts Rücken steckten bereits zahlreiche Pfeile, die aber größtenteils von seinem glänzenden Kettenhemd abgehalten worden waren. Doch nun hatte ihn ein Pfeil direkt in den Hals getroffen. Rotbart krallte beide Hände um den Pfeil und schnappte nach Luft. Als er auf die Knie sank, kniete Ibdavkii sich neben ihn und versuchte ihm den Pfeil aus der Wunde zu ziehen.
Blutüberströmt kniete Ibdavkii über Rotbart und versuchte es seinem Bruder bequem zu machen. Die Zeit blieb für ihn stehen.
Er bemerkte nicht, wie der Taurenkrieger unter den mörderischen Hieben der Kriegerin zu Boden ging; Nicht wie auch der Troll-Magier von der Kriegerin niedergestreckt wurde; nicht wie die Schildkröte endlich zusammen brach, nicht wie die Nachtelfe von einem Feuerball eingehüllt wurde; nicht wie ein weiterer Taure auf seinem Kodo angeritten kam.
Er saß nur da, den Kopf von Rotbart in seinem Schoß.
Die Zeit stand still.
Nur das Röcheln Rotbarts.
Da fiel ein Schatten über ihn.
Er schaute auf und starrte in die Augen eines riesigen Tauren.
Der Taure schnaubte einmal mißmutig, und hob seinen gewaltigen, schlangenförmigen Stab.
Ibdavkii schloß die Augen.

***

Endlich ertönte das Signal. Das Katapult war fertig. Ràgnàrók schaute zu der kleinen Anhöhe hinüber. Dort stand das Katapult, mit seiner Bedienmannschaft, und einer Eskorte. Er gab seinem Nachbarn, einem Ork, der nach wie vor mit seinem Streitkolben auf das schwarze Tor einschlug, einen Knuff.
„Kannst aufhören, das Katapult macht gleich weiter.“
Der Ork schaute zunächst etwas verwirrt. Anscheinend hatte ihn das Dröhnen ihrer Schläge auf das Tor regelrecht taub gemacht. Ràgnàrók zeigte auf das Katapult. Ein Lächeln entblößte eine Reihe spitzer Zähne – offensichtlich hatte sich der Ork sie noch extra zugespitzt – und der Ork wandte sich um und rannte sofort nach vorne, Mitten in die Kämpfer der Allianz. Ràgnàrók schüttelte nochmals seine Mähne, dann fuhr er mit seiner Pranke durch das verschwitzte Kopfhaar. Dieses stupide Einschlagen auf das Tor war recht anstrengend gewesen, selbst für so einen gewaltigen Tauren wie er es war.
Er nahm einen Schluck Wasser zu sich, tauschte seine Axt, gegen Knochenhäschers Schneide, sein neues Schwert, und beobachtete kurz den Kampf vor sich. Direkt vor ihm standen die Priester und zahlreiche Magier, die ihre Zauber in die Reihen der Allianzkämpfer schleuderten. Daneben standen die Jäger, die Pfeil über Pfeil nach vorne schickten, und sowohl die Krieger in den vorderen Reihen, als auch die weiter hintern stehenden Zauberer trafen. Die vordere Reihe, bisher nur die Begleiter der Jäger und die Druiden, wurden nun von einer Reihe von Schamanen und den ersten Kriegern, die nun vom Tor abgelassen hatten, ergänzt. Ràgnàrók schaute sich noch einmal um und trat dann zu einem taurischen Jäger. Er tippte ihm leicht auf die Schulter und sagte dann:
„Ich werde mit Dir zusammen kämpfen. Wie heißt Du?“
Der Jäger schaute sich kurz um, betrachtete Ràgnàróks gewaltiges Schwert, und erwiderte:
„Ja aber….“
Ràgnàrók stutze kurz.
„Kein aber! Du wirst mit mir kämpfen, also, wie heißt du?“
„Jaaber, mein Name ist Jaaber.“
Der Taurenjäger reckte ihm stolz sein Kinn entgegen, während er weiter seine Pfeile abschoß.
„Oh, ja. Natürlich.“
Ràgnàrók schaute etwas verwirrt und zuckte dann die Schultern. Er blickte wieder nach vorne und fragte:
„Fein. Welches ist Dein Begleiter?“
Jaaber senkte kurz seinen schlangenförmigen Bogen.
„Ich kämpfe mit Niveau.“
Wieder mußte Ràgnàrók stutzen und drehte sich zu Jaaber um. Wollte sich der Jäger etwa über ihn lustig machen? Mit Niveau kämpfen? Was sollte das?
„Hä? Ich will wissen welches Tier Dir gehört, damit wir zusammen kämpfen! Ich verliere gleich die Geduld mit dir.“
Er ballte drohend seine linke Faust.
„Aber ich sag’s Dir doch. Niveau. Mein zulanischer Tiger heißt Niveau.“
Bevor Ràgnàrók etwas sagen konnte stieß ihn jemand in die Kniegelenke, und er mußte einen Schritt nach vorn machen um nicht zu stolpern. Als er sich verärgert umdrehte sah er den großen, orangefarbenen Tiger. Ein wirklich großes Tier, selbst ihm, einem großen Tauren, reichte der Tiger fast bis zur Hüfte. Einen Gnomen oder Zwerg mußte das Tier weit überragen.
Ràgnàrók grinste breit.
„Ein wirklich schönes Tier. Ich glaube wir werden viel Spaß haben.“
Er drehte sich nochmals zu Jaaber herum.
„Also, ich werde mit Niveau nach vorne gehen.“
Dabei mußte er kurz belustigt schnauben, bevor er fortfuhr:
„Gib uns Deckung und spicke diese Allianzbrut mit Pfeilen.“
Er entdeckte einen Troll-Priester, der neben Jaaber stand, und rief ihm zu:
„Und Du, hab’ ein Auge auf uns zwei.“
Dabei tätschelte er kurz Niveaus Nacken.
„Und schicke uns ab und zu einen Zauber.“
Der Troll schaute kurz, mit hochgezogener Augenbraue, zu Ràgnàrók und nickte dann, während er weiter seine heilenden Zauber an die Front sandte.
Just in dem Moment, als der erste Gesteinsbrocken vom Katapult gegen das schwarze Tor geschleudert wurde, stürmten Ràgnàrók und Niveau nach vorne.

***

Ich stolperte aus dem Runenkreis, Elvenshrek direkt neben mir. Vorsichtig tastete ich nach meinem Hals, und stieß erleichtert die Luft aus, als ich mir sicher war, daß die häßliche Schwertwunde, die mir die Kriegerin zugefügt hatte, vollkommen verschwunden war. Ich schaute zu Ansaar und wollte ihm gerade dankbar auf die Schulter klopfen, als er mit konzentriert gerunzelter Stirn, den Kopf schüttelte.
Ah, da waren wohl noch einige andere Kämpfer im Nether.
Und im selben Moment wurden Myrr, Smokefist und Bulljin aus dem Runenkeis gestoßen. Alle drei taumelten einige Schritte nach vorne.
„Mist! Ihr auch?“
Ich schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Dann haben wir’s wohl nicht geschafft.“
Bulljin grinste mich an und sagte:
„Also das letzte was ich sah, bevor mich diese vermaledeite Kriegerin von oben bis unten aufschlitzte war Nivil. Wie der Rachegott persönlich kam er auf seinem Kodo den Hügel herunter. Das letzte was ich sah, war das Feenfeuer das die Kriegerin einhüllte, und wie Nivils Arlokk der Kriegerin den Hals brach.“
Ich erwiderte Bulljins Grinsen und schickte dann meinen Geist aus.
*Lilium?*
Es dauerte einen Moment, dann erwiderte sie meinen Gedankenruf.
*Ah, ihr seid wieder da.*
Ich konnte die Freude in ihren Gedanken wahrnehmen.
*Also kann uns Ansaar tatsächlich auch hier zurück holen.*
*Ja natürlich.*
Erwiderte ich mit Überzeugung – obwohl ich ja bis zu diesem Moment noch meine Zweifel gehütet hatte.
*Also, wie sieht es aus? Habt ihr das Katapult?*
Lilium mußte die Ungeduld in meinen Gedanken bemerkt haben, denn sie antwortete umgehend.
*Jain.*
Ich runzelte die Stirn, worauf mich Bulljin und Smokefist beunruhigt anschauten.
*Naja, die Allianzler sind alle tot. Aber außer Pamram, Nivil und mir ist keiner mehr übrig. Und ehrlich gesagt…*
Ich konnte die Verärgerung in ihren Gedanken spüren, und mir vorstellen wie ihre Augen regelrecht Funken sprühten.
*Und ehrlich gesagt, wie soll man sich mit diesen zwergischen Apparaturen überhaupt zurechtfinden. Diese ganzen kleinen Hebel und Knöpfe*
Nun mußte ich grinsen, denn ich dachte gerade an die beiden Tauren, wie sie sich mit ihren gewaltigen Pranken an den Hebeln des Katapults zu schaffen machten.
*Wir haben also dieses vermaledeite Ding zerstört*
Mit einem Grinsen berichtete ich den Dreien neben mir das gerade gehörte, und fragte Lilium dann:
*OK, sehr gut. Was machen wir nun?*
Nach einer kurzen Pause, anscheinend unterhielt sie sich mit Pamram und Nivil, antwortete Lilium:
*Ich denke wir sollten nach vorne zum Tor. Treffen wir uns dort*
Auch Smokefist, Myrr und Bulljin stimmten zu, und so machten wir uns auf den Weg zur Front.

***

Die Krallen meines weißen Frostwolfs klackerten leise auf dem Pflaster des Pfades. Wie alt diese grünbraunen Steine hier wohl schon waren? Die Oberfläche der Steine war stark abgerundet und an einigen Stellen schien der Pfad von den Rädern zahlreicher Räder regelrecht ausgefurcht zu sein. In früheren Zeiten mußte dieser Pfad regelmäßig und viel benutzt worden sein.
Die großen, dunkelgrünen Kristallpinien, die den Pfad säumten waren von zahlreichen Lianen überwuchert, und an vielen Zweigen hingen Kristalle, die ein dämmriges giftgrünes Licht verströmten. Da der Pfad hier recht schmal war, und die Bäume so dicht beieinander standen, daß man den diesig-grauen Himmel nicht sehen konnte, wurden wir in dieses grüne Licht getaucht, und als ich hinüber zu Bulljin schaute, wirkte seine ohnehin grüne Haut, noch grüner als sonst. Er sah fast wie ein Baumfrosch aus – wenn man sich seine gewaltigen Hauer und seine wilde Frisur wegdachte.
Langsam weitete sich der Pfad wieder, und die großen Bäume, mit ihren kristallenen Kronen traten weiter zurück. Der Himmel, diesig und von blassem blaugrau, wurde wieder sichtbar. Zu unserer Rechten konnte man einen kleinen Teich durch die Bäume schimmern sehen, während sich geradeaus der Wald immer weiter zurückzog, und den Blick auf den flachen Talkessel freigab. Der Boden war von kurzem, hartem Gras bedeckt, das in tiefdunklem Blaugrün, in der leichten Briese wehte. Unterbrochen wurde dieser Grasteppich von zahlreichen zwergenhohen, türkisfarbenen Büschen, mit dichtem Blattwerk. Der gepflasterte Pfad, auf dem wir ritten, durchzog die Ebene bis ungefähr zur Mitte, wo er sich mit einem weiteren Pfad verband, der von Westen kam, verband und ein eine große, gepflasterte Fläche bildete.
Die Fläche wurde nur von einigen kleinen, nur etwa gnomenhohen Büschen gesäumt, und der Blick wurde unweigerlich auf die breite Rampe am Ende der Fläche gezogen. Die Rampe, ebenso gepflastert wie der Pfad und die Fläche, führte knapp fünf Meter in die Höhe, wo sie in das kleine Plateau direkt vor dem Tor überging.
Und dort, auf, vor und hinter der Rampe wogte der Kampf. Mitten auf der Rampe standen sich die Nahkämpfer Auge in Auge gegenüber und hieben mit ihren Waffen auf einander ein. Davor und dahinter standen die Fernkämpfer und Zauberer und schickten ihre Pfeile, Bolzen und Zauber in den Kampf.
Wir hielten unsere Reittiere an und betrachteten das Gefecht vor uns. Goldene Blitze fuhren zu Boden, klirrende, blaue Eisbolzen regneten auf die Kämpfer, und flammende Feuerbälle krachten in die Reihen. Der Lärm war infernalisch. Die Schreie der Begleiter, die Rufe und Schmerzensschreie der Kämpfer, das Klirren und Hämmern der Waffen, das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden vermischte sich mit dem Grollen und Zischen der Zauber, mit dem Krachen der einschlagenden Gesteinsbrocken, die vom Katapult abgefeuert, gegen das Tor prallten. Begleitet wurde das ganze von einem vielfarbigen Lichterspiel. Jeder Zauber löste einen Lichtblitz oder ein farbiges Leuchten aus, und der ohnehin schon blasse Himmel trat soweit in den Hintergrund, daß er fast nicht mehr sichtbar war.
mißmutig schlug sich Myrr auf den Schenkel und er sagte:
„Mist, wie kommen wir da vorbei? Oder sollen wir uns etwa von hinten durchkämpfen?“
Dieser Gedanke war in der Tat etwas erschreckend. Ein Angriff von hinten oder aus der Flanke würde die Allianz zwar sehr überraschen und uns einen gewissen Vorteil sichern, aber zu Viert gegen die Allianzgruppe – die uns bestimmt zehn zu eins überlegen war – zu kämpfen, wäre absoluter Selbstmord.
Ich runzelte die Stirn und überlegte, als ich Liliums Gedankenruf vernahm.
*Dencarion, schau mal ein Stück weiter nach rechts*
Ich folgte ihrer Anweisung, und entdeckte im Osten, am oberen Rand des flachen Talkessels drei Gestalten, die uns zuwinkten.
*Kommt her. Hier steht das Katapult, und von hier kommt man direkt zum Tor hinüber.*
Ich bestätigte ihren Gedankenruf mit einem kurzen
*OK*
Und sagte dann zu den Anderen:
„Dort oben sind Lilium, Smokefist und Pamram.“
Ich zeigte zu den Dreien am Talkesselrand, und fuhr fort:
„Von dort oben, wo übrigens auch unser Katapult steht, können wir weiter zum Tor, und unseren Leuten.“
Nachdem alle meinem Blick gefolgt waren und die Drei entdeckt hatten, lenkten wir unsere Reittiere in deren Richtung und ritten los. Die Wände waren zu steil zum direkten Hochreiten. Nackter, grauer Stein, nur von einigen kleineren Grasbüscheln und ein oder zwei verkümmerten Bäumen durchbrochen. Doch Lilium beschrieb mir eine Stelle, die zwischen in paar Bäumen versteckt war, und von wo aus ein weiterer Pfad auf die Anhöhe führte.
Oben angekommen wurden wir erst einmal von den Anderen begrüßt.
„Na, Denc, ist der Hals wieder heile?“
Nivil schlug mir kräftig auf den Rücken, worauf ich leicht in die Knie ging, und Elvenshrek ein bedrohliches Knurren von sich gab. Nivil blinzelte überrascht, und trat einen Schritt zurück.
„Nichts für ungut Elvenshrek. Ich tu ihm ja nichts. Und außerdem…“
Er konzentrierte sich kurz, dann begann die Luft kurz um ihn herum zu flirren, und er wandelte seine Gestalt. Im nächsten Moment stand Nivil in seiner Reisegestalt neben uns. Zu unser aller Überraschung und Belustigung sah er genauso aus wie Elvenshrek, nur etwas kleiner.
„Hey, ihr könntet Zwillinge sein.“
Smokefist legte den Kopf schief, während sie die Beiden betrachtete.
„Wirklich.“
Vollkommen desinteressiert drehte sich Elvenshrek ab, und zeigte Nivil seinen Rücken, was uns allen ein herzhaftes Lachen entlockte, und mir einen erbosten Blick von Elvenshrek bescherte. Wir hatten zwar nicht wirklich die Zeit um uns hier zu amüsieren, doch diese kleine Episode hatte unsere Stimmung wieder etwas aufgehellt, und so machten wir uns bereit, wieder in das Kampfgeschehen einzugreifen.

***

Argamil war erschöpft. Seine magische Kraft verbraucht. Seit mehr als einer Stunde kämpften sie nun schon gegen ihre Feinde. Seine Ohren klingelten schmerzhaft vom Lärm, und der Schweiß lief ihm in Strömen am Körper herab. Seine Roben waren durchnäßt und klebten ihm am Rücken. An zahlreichen Stellen war seine Robe verkohlt oder gerissen. Das Haar klebte formlos an seinem Kopf. Er stützte sich auf seinen Stab, schaute noch einmal nach vorne auf die Nahkämpfer, dann trat er ein paar Schritte zurück, wo er sich erschöpft auf den Boden setzte.
Seinen Seelenernter und den Zauberstab legte er achtlos neben sich. Er schlang seine Arme um die Knie und ließ seine Stirn auf die verschränkten Unterarme sinken. Nach ein, zwei tiefen Atemzügen hob er wieder den Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und griff in seine Tasche. Seine Manatränke hatte er schon vor einiger Zeit verbraucht. Nur noch ein kleines Fläschchen Trichterwindentau war ihm geblieben. Gierig nahm er Schluck auf Schluck, bis schließlich auch dieses Fläschchen leer war. Nun fühlte er sich zwar wieder etwas besser, und seine magische Kraft war zu einem gewissen Teil wieder regeneriert, aber er war immer noch müde und erschöpft.
Wenn diese Schlacht doch nur endlich zu Ende wäre.
Er duckte sich unwillkürlich als ein gewaltiger, goldener Blitz über ihm explodierte. Er hatte zwar keinen Schaden angerichtet, aber die Explosion hatte seine Ohren nun vollkommen taub gemacht. Argamil reckte noch einmal den Nacken, und trotz seiner tauben Ohren konnte er das protestierende Knacken der Muskeln und Sehnen hören, als er den Kopf von links nach rechts neigte. Er seufzte noch einmal resigniert und stand wieder auf.
Auf seinen Stab gestützt bückte er sich noch einmal und hob seinen Zauberstab auf. Er blickte wieder nach vorne und sah einen weiteren Hexer und zwei elfische Druiden die hintere Schlachtreihe verlassen und zurück taumeln, wo sie sich einfach auf den Boden fallen ließen. Vollkommen erschöpft und schwer atmend lagen sie da.
Da er seinen Leerwandler schon vor einer Weile verloren hatte, und bisher noch keine Zeit zum wieder beschwören hatte, beschloß er nun seinen Diener zu beschwören. Er nahm seinen letzten Seelensplitter aus der Tasche und führte rasch und routiniert das Ritual der Beschwörung aus. Mit einem protestierenden Schrei erschien der Leerwandler, und die Dämonenfesseln klirrten an seinen Handgelenken. Argamil konnte den Hass seines Dieners spüren, wie bei jeder Beschwörung. Doch er hatte sich etwaiges Mitleid oder Verständnis für den Dämonen schon lange abgewöhnt. Kalt rief der seinen Diener zur Raison.
Argamil wollte seinen Diener gerade an die Front schicken als er hinter sich wütendes Gemurmel hörte.
„… Mein schönes Katapult! Vollkommen zerstört! Totalschaden! DAS werden die mir büßen …“
Mit, für Zwergen, großen Schritten stapfte ein wütender Zwerg an ihm vorbei. Er sah recht zerzaust aus, und sein rotblonder Bart war nicht mehr zu ordentlichen Zöpfen geflochten, sondern fiel eher frei und lockig über seine Brust. Die Augenbrauen fest zusammen gekniffen; die blauen Augen wütend auf die vordere Kampfreihe gerichtet.
„… Haut mir einfach seinen Stab in die Fresse! Wenn ich diesen elendigen Tauren erwische …“
Argamil mußte lachen, als er diesen kleinen Wüterich an die Front stapfen sah. Den Kampfhammer fest in der geballten Faust, sah er schon gefährlich aus, doch die Vorstellung dieser kleine Rächer würde sich mit einem der gewaltigen Taurenkrieger anlegen, war für Argamil einfach lachhaft. Allerdings mischte sich in sein Lachen sofort ein bitterer Beigeschmack, als ihm klar wurde, daß sie ihr Katapult verloren hatten, und so wohl weiterhin ohne schwere Waffen gegen die Horde kämpfen mußten.
Seit mehr als einer Stunde versuchten sie nun schon ihre Gegner vom Tor zu verdrängen, doch leider waren die Kämpfer der Horde zuerst am Tor gewesen und hatten nun den Vorteil von der Rampe herunter kämpfen zu können. Die Allianz mußte sich die Rampe hinauf kämpfen, verlor immer wieder den Schwung, und wurde jedes Mal wieder zurück gedrängt. Es war frustrierend und erschöpfend. Doch es gab keinen anderen Weg, und so versuchten sie es immer wieder.
Argamil zuckte mit den Schultern. Dafür war jeder Kämpfer wichtig, und wenn dieser kleine Zwerg mit seiner riesigen Wut dort vorne ankam, würde er sicher einigen Schaden anrichten, und wenn er dabei von Argamil unterstützt würde, wäre der Schaden sicher noch größer. Schnell folgte der dem Zwerg und forderte, im Vorbeigehen, die beiden Druiden und den Hexer auf ihm zu folgen.

***

Wir ritten an unserem Katapult vorbei, dessen Mannschaft aus Untoten, einen Gesteinsbrocken nach dem anderen gegen das Tor schoß. Es war schon eigenartig, diese altertümlich anmutenden Waffen in Aktion zu sehen. Seit den Kriegen gegen die Geißel, waren keine Katapulte oder Fleischwagen mehr nötig gewesen. Unermüdlich luden die Untoten das Katapult nach, der Richtschütze justierte die Waffe für jeden Schuß neu, und entlud dann die gewaltige Macht des Wurfarms über einen kleinen Hebel. Mit einem eigenartigen Zischen flog der Gesteinsbrocken in einem hohen Bogen über das Schlachtfeld, und krachte dann, mit unheimlicher Präzision, in das schwarze Tor. Nicht auszudenken was passieren würde, wenn sich der Richtschütze einmal verkalkulieren sollte.
Der Pfad führte uns in weitem Bogen um den Talkessel herum und wir mußten ein weiteres Mal durch einen Wald reiten. Wieder wurde der Pfad so eng, daß das Tageslicht ausgeblendet wurde, und wir nur von den Kristallen in den Bäumen beleuchtet wurden. Lilium’s bleiche Haut hatte in diesem Licht einen ungesunden grüngrauen Farbton angenommen, doch was sah bei einer Untoten schon gesund aus. Pamram’s Kodo kam fast ins Stolpern, als die Reittiere einige Lianen überqueren mußten, die auf dem Pfad lagen. Dieser Teil des Pfads war in weit schlechterem Zustand als der Hauptpfad und die Rampe. Wahrscheinlich wer er nur während der eigentlichen Bauzeit des Tores, zum Materialtransport, genutzt worden, und seither nie wieder. Die Wurzeln der Kristallpinien hatten das Pflaster an vielen Stellen aufgebrochen, oder zumindest aufgewölbt. Man mußte in diesem grünen Zwielicht höllisch aufpassen nicht zu stolpern.
Als wir das den Wald verließen, fanden wir uns direkt neben der Bastion wieder. Wir saßen von unseren Reittieren ab und orientierten uns kurz. Am oberen Ende der Rampe standen unsere Nahkämpfer, in grimmiger Umarmung mit den Kämpfern der Allianz, direkt dahinter standen Schamanen und unterstützten sie mit Totems und Zaubern. Ich konnte immer mal wieder einen kurzen Blick auf den einen oder anderen verstohlenen Schurken werfen, der schnell und gnadenlos durch die Lücken zustieß und sich rasch wieder zurück zog - schmerzgekrümmte Opfer zurück lassend. Wenn es einmal einem gegnerischen Kämpfer gelang durch die erste Linie zu brechen, wurde er sofort von den Schamanen oder Schurken abgefangen. Dahinter standen in loser Formation die Jäger, Priester und Hexer.
In der vordersten Reihe entdeckte ich Ràgnàrók, und direkt daneben Niveau. Ràgnàróks gewaltige Schläge mit dem Schwert drängten die Kämpfer der Allianz immer wieder zurück, während jeder Versuch, seine Deckung zu durchbrechen von Niveaus Bissen und Schlägen unterbunden wurden. Ich entdeckte Ikari und Jaaber in der Gruppe der Unterstützer. Ich stellte mich neben die Beiden und schickte Elvenshrek zu Ràgnàrók. Als Ikari, der Trollpriester, meine Katze nach vorne stürmen sah, drehte er sich zu mir um, nickte mir kurz zu, und signalisierte mir so, daß er auch auf ihn ein Auge haben würde, und ihn heilen würde, sollte dies notwendig sein.
Auch Nivil und Myrr hatten Ràgnàrók entdeckt, und liefen nach vorne um ihn zu unterstützen. Die drei Tauren bildeten eine gewaltige Bastion, an der die Wellen der Allianz wieder und wieder brachen. Nivils Stab wirbelte wie eine Sense durch die Allianz, und zwang seine Gegner zurück, während Myrrs Schwert die Hiebe seiner Gegner abwehrte und diesen dann, im Gegenangriff, furchtbaren Schaden zufügte. Zwischen den Dreien standen nun Elvenshrek und Niveau, die bissen, kratzten und hieben, während sich Sherman mit seinem enormen Panzer einfach in die Menge warf, und seine Gegner regelrecht niederwalzte. Direkt dahinter stand Smokefist und sandte Flammenschocks und Blitzschläge in die Reihen der Allianz.
Neben Jaaber, Ikari und mir standen nun auch Pamram, Bulljin und Lilium, und wir schossen unsere Zauber, Flüche, Feuerbälle und Pfeile ohne Unterlaß, während hinter uns die Katapultgeschosse in das schwarze Tor schmetterten. Eine wahre Kakophonie an Schreien, Schlägen und Rufen. Bereits nach wenigen Sekunden klingelten mir die Ohren und ich hatte das Gefühl eines starker Drucks, gerade so als würde ich tauchen.
Plötzlich bemerkte ich in dem wogenden Muster der Kämpfer eine Abweichung. Einige unserer Frontkämpfer, rechts von meinen Freunden wichen stolpernd zurück. Wie eine Ramme schob sich eine Allianzgruppe nach vorne und zwang mit ihrer schieren Wucht die Hordenkämpfer zurück. An der Spitze diese Ramme entdeckte ich einen kleinen Zwerg.
Nicht schon wieder!
Ich erkannte den Zwerg sofort. Es war einer der Plagegeister vom Katapult. Ja, es war der Zwerg der das Katapult verteidigt hatte, und mit seinem Kriegshammer ständig auf den armen Sherman eingedroschen hatte. Er schien furchtbar wütend zu sein, und er fuhr wie eine rothaarige Muskelkugel in seine Feinde. Von der ungebändigten Wut des Zwerges überrascht, wichen einige der Krieger zurück, und eine Gruppe von Hexern und Druiden drängte sich mit durch diese Lücke.
Ich gab Jaaber und Pamram ein Zeichen, und alle Drei begannen wir diese Gefahr zu bekämpfen. Ich hatte mir den verfluchten Zwerg als Ziel vorgenommen, doch obwohl er fast so breit wie hoch war, bewegte er sich äußerst flink und ich traf ihn erst beim dritten Schuß. Der Schuß hatte eine erschütternde Wirkung auf den Zwerg und er blieb wie gebannt stehen. Sofort stürmten ein Schurke und eine Druide auf ihn ein, doch wie durch ein Wunder entwich er ihnen und rannte weiter. Bevor ihm die Beiden folgen konnten, wurden sie von den beiden Nachtelfen in ein Gerangel verwickelt. Ich traf den verrückten Zwerg mit einem meiner Giftbolzen, doch er ließ sich nicht beirren. Er lief zielstrebig weiter. Ein menschlicher Hexer folgte ihm und schickte Flüche und Schattenzauber gegen die Rücken unserer Krieger. Bulljin schleuderte einen Zauber gegen den Hexer, der ihn in lodernde Flammen hüllte und auch Lilium sandte einige Zauber gegen den Hexer und seinen Diener. Trotz der dunklen Flammen die ihn einhüllten, wandte sich der Hexer nun um, starrte uns kurz an, und begann uns dann ebenfalls mit Schattenblitzen zu belegen.
Mir wurde schwarz vor Augen als mich einer seiner Schattenblitze traf, und ich mußte die Zähne zusammen beißen um nicht die Armbrust fallen zu lassen. Ich versuchte mich nicht ablenken zu lassen und hielt wieder Ausschau nach dem Zwerg. Ungläubig riß ich die Augen auf als ich ihn entdeckte.
Mit einem wütenden Schrei stürmte er vor und sprang Nivil auf den Rücken. Überrascht drehte sich Nivil um, doch der Zwerg hing weiter auf seinem Rücken und begann nun mit seinem Hammer nach ihm zu schlagen. Wütend riß Nivil die Arme hoch und versuchte ihn zu packen, doch die Position des Zwerges war so ungeschickt, daß Nivil nicht an ihn heran kam. Wieder drehte sich Nivil herum, doch es half nichts. Er begann wie wild herum zu wirbeln. Was immerhin die Wirkung hatte daß die kurzen Beine des Zwerges waagerecht wegstanden und er sich verkrampft festhalten mußte um nicht herunter zu fallen. Da er dazu beide Hände brauchte, konnte er seinen Hammer nicht benutzen. Beide konnten sich so nichts antun. Nivil konnte ihn nicht abwerfen, und der Zwerg konnte nicht nach Nivil schlagen.
Durch die wilde Wirbelei konnte ich aber auch nicht richtig zielen.
*Nivil! Bleib stehen, mit dem Rücken zu mir! Ich pflücke ihn runter*
Als er meinen Gedankenruf vernahm blieb Nivil kurz stehen, orientierte sich, und drehte mir dann seinen Rücken, und somit auch den Zwerg zu. Dieser hob, sobald er sich nicht mehr festkrallen mußte, seinen Hammer und versuchte nach Nivils Kopf zu schlagen. Über all den Schlachtlärm konnte ich ihn schreien hören:
„Du elender Ochse! Erst hast Du meine Katapult zerstört, und mir dann noch den Schädel eingeschlagen!“
Er holte zu einem gewaltigen Schlag aus.
„Jetzt werde ich Deinen gehörnten Schädel spalten!“
Mein Bolzen war sorgfältig gezielt und traf ihn im selben Moment wie auch Jaabers Pfeil, der sich in seinen Rücken bohrte. Den Hammer hoch erhoben stockte er in seiner Bewegung. Er drückte den Rücken vor Schmerzen durch. Seine Faust öffnete sich und der Hammer fiel zu Boden. Ein letztes Röcheln, und der Zwerg glitt von Nivils Rücken. Ungläubig trat Nivil ein paar Schritte zurück und betrachtete den gefallenen Zwerg.
„Habt ihr diesen Verrückten gesehen? Wie wahnsinnig ist denn das?“
Belustigt hob ich eine Augenbraue und wollte gerade eine spitze Antwort geben als es geschah.
Ein Blitz.
Ich wurde in weißes Licht gehüllt.
Ich verlor jedes Körpergefühl und die Orientierung.
Mein Blickwinkel veränderte sich.
Ich fand mich auf allen Vieren wieder und war in ein weißes Fell gehüllt.
Oh nein!
Ein Schaf!
„Määäh, määh!“
Frustriert versuchte ich mit dem Fuß aufzustampfen, doch auch das gelang mir nicht. Vollkommen verwirrt lief ich hin und her.
„Määäh, määh!“
Oh nein, ich haßte das! Irgendein elendiger Magier hatte mich in ein Schaf verwandelt.

***
 
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