Die Sterne über Dalaran - Zweiter Abschnitt, Teil 7 (2.7)

Melian

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Zweiter Tag der Reise

Imenia erwachte schon früh. Sie hatte nie viel Schlaf gebraucht, aber dennoch beunruhigte es sie, dass es die ersten Sonnenstrahlen noch nicht einmal über die Gipfel der umliegenden Höhenzüge geschafft hatten, als es sie schon aus dem Bett trieb. Wenn man von Bett sprechen konnte. Die harten Lagerstätten in den eilig aufgerichteten Zelten wurden auch nicht bequemer, je mehr Wolldecken man unterlegte. Sie streckte sich, als sie aus dem Zelt gekrochen war. Die drei anderen Frauen der Expedition schliefen noch, so war sie bemüht, möglichst wenig Lärm zu machen, als sie in die Lederstiefel schlüpfte. Die Kälte der Nacht, die immer noch über dem Lager hing, liess sie frösteln. Einige Wachen des Silberbunds hatten gerade ihre Nachwache beendet, und sassen um ein Feuer, schaufelten ihr Frühstück in sich hinein. Imenia näherte sich ihnen, und setzte sich schliesslich ans Feuer, al sie dazu aufgefordert wurde. Sie war nicht weniger müde als die Wachen.
Mit langsamen Schlucken trank sie den Becher voller Tee, den ihr jemand gereicht hatte, und starrte in das Feuer.
Immerhin war sie zufrieden mit dem derzeitigen Verlauf der Reise, auch wenn es ihr schien, als ob alles vielleicht etwas zu einfach ginge. Doch das konnte sie heute noch sehen, wenn sie den schwierigsten Part erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Sie stellte den leeren Becher ab, und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um sie zu kämmen, dann flocht sie sich den einfachen Zopf, den sie für die Reise anstatt der kunstvollen Rolle auf dem Kopf bevorzugte, auch wenn es etwas an ihrer Eitelkeit kratzte.
Sie musste nicht lange warten, als die ersten der Gefährten aus den zwei Zelten krochen. Zuerst erschien Leireth, gefolgt von der Priesterin, während sich schliesslich der Mensch und Verian ans Feuer hockten. Ylaria kam etwas später. Imenia musterte sie. Tiefe schatten lagen unter ihren Augen, sie schien die erschöpfteste von allen zu sein. Das war wohl auf das Kampftraining zurückzuführen, welches Leyan und sie am Abend zuvor abgehalten hatten. Dann fiel ihr auf, dass Leyan gar nicht da war.
„Guten Morgen“, sagte sie, und lächelte alle aufmunternd an. Ein mehrstimmiges „Morgen“ schallte ihr entgegen, mehr oder weniger brummelnd vorgebracht. „Schläft Sonnenhoffnung noch?“, fragte sie schliesslich Verian. Der schüttelte nur den Kopf. „War nicht mehr im Zelt, als wir aufgestanden sind.“
Reihum wurden den Kampfgefährten Becher mit heissem Tee angeboten, und schliesslich auch ein nahrhaftes, wenn auch etwas fades Frühstück aus heisser Linsensuppe.
Während Connell die braune Brühe in sich hinein schaufelte, als wäre es eine Vorspeise vom Bankett des Königs Wrynn, waren die anderen in der Runde etwas skeptischer. „Esst.“, sprach Imenia. „Wir brauchen die Energie, um gegen die Kälte bestehen zu können.“ In ihren Worten liess sie etwas ihrer Autorität mitschwingen, so dass keine Widerworte kamen. Die Anwesenden begannen zu essen und bald schien der Hunger zu siegen. Sie alle verputzten ihre Portion bis auf den letzten Bissen, Connell, Brionna und Verian verlangen sogar einen Nachschlag. Einzig Ylaria fuhr mit dem Löffel lustlos in der Suppe herum, und schien etwas grün um die Nase, was Imenia nicht entging.
„Packt schon mal eure Sachen, wir werden nach der Lagebesprechung direkt aufbrechen. Wir warten nur noch, bis Sonnenhoffnung hier ist.“, sprach sie dann, und stand auf. Die anwesenden Elfen salutierten, und dann gingen alle zurück zu den Zelten.
Imenia nahm Ylaria zur Seite, und sprach leise: „Ylaria, geht es euch gut?“ „Noch etwas müde“, murmelte sie. „Ihr hättet essen sollen. Wir werden die Kraft brauchen.“ „Ich weiss“, seufzte Ylaria. „Aber mir wurde schlecht. Ich ertrage sowas frühmorgens nicht“, fügte sie hinzu, doch mied Imenias Blick. Diese nickte nur, behielt die Magierin aber in den Augen, als sie zum Zelt schlurfte. , dachte sie bei sich, und ging dann selber ihre Sachen packen.

Ungefähr eine Viertelstunde später standen sie wieder alle um das Feuer herum. Das Gepäck hatten sie auf den greifen verstaut, und nun.. „Wo bleibt er denn“, maulte Verian. „Er ist doch wohl nicht geflohen, oder?“ Imenia warf ihm einen tadelnden Blick zu. "Sprecht nicht so. Er hat die Aufgabe, auszukundschaften wohl genauer genommen als ich es gedacht hatte.“ Und kaum sagte sie es, landete Leyans imposanter Phönix auch schon neben den sechs Greifen und er kletterte aus dem Sattel.
„Ah.. alle schon aufbruchbereit, sehr gut“, nickte er. „Ich habe mich umgesehen. Die Route sollte einigermassen frei sein, auch wenn ich befürchte, dass uns ein Wetterumschwung bevorsteht.“
„Ein Wetterumschwung?“, fragte Ylaria. „So ist es. Im Osten bauen sich drohende Wolken über den Ebenen von Zuldrak auf.“ Leyan trat zum Feuer, und tauchte einen Becher in den Topf Tee, der über dem Feuer hing, trank. Imenia wandte sich an die Anwesenden. „Bereitet die Greifen vor, wir werden sofort starten.“
Als sie und Leyan allein waren, stellte sie sich neben ihn und blickte ihn an. Der Umhang des Elfen war am Saum leicht dreckig, und sie runzelte die Stirn. Er wirkte wach, doch zeigte sich eine Falte zwischen den Augen, direkt oberhalb der Nasenwurzel, was seinen Gesichtszügen einen Schein von Sorge gab. Seine Augen wirkten weniger klar als noch am Tage zuvor. „Was für eine Art.. Wetterumschwung?“, sprach sie leise.
„Hm.. ich kann nur spekulieren, doch es könnte sein, dass wir Regen bekommen, oder wahrscheinlicher.. Schnee. Es kann aber auch nur eine dunkle Teufelei der Geissel sein, die dort vonstatten geht, oder der Argentumkreuzzug hat irgendwas gemacht. Ihr seht, es ist schwierig zu urteilen, was dort los ist, und ob es unsere Reiseroute beeinträchtigt.“ Leyan antwortete ihr in seiner üblichen gelassenen Tonlage, und schenkte ihr ein Lächeln, ehe er den Becher leer trank, und erneut auffüllte.
„Denkt ihr, wir sollten dennoch aufbrechen?“
„Nun, im Moment ist es ja noch schön klar. Also würd ich schon sagen, dass wir aufbrechen sollten. Ich schätze, wir haben ungefähr zwei Stunden bis zu dem Punkt der Gebirgskette, wo wir dann in die Höhe fliegen werden.“
Imenia nickte. „Und dann?“ „Dann kommt der schwere Teil der Reise. Die Greifen sind Steigungen zwar gewöhnt, aber die Kälte wird ihnen zu schaffen machen. Wir müssen dann entscheiden, ob wir die Mittagssonne abwarten, oder ob das Wetter sich negativ entwickelt, und wir dann sofort aufbrechen. Im ersten Fall würde ich dann eine zwei oder dreistündige Pause vorschlagen, damit Elf und Tier sich aufwärmen können.“
Imenia zog sich die Kapuze über den Kopf. „Das werden wir dann entscheiden“, sprach sie, und nickte.
„Gut. Wir wollen aufbrechen.“
Sie ging zu ihrem Greifen, und schwang sich in den Sattel. „In die Lüfte“, gab sie den Befehl. „Wir halten uns westlich“. Leyan folgte ihr, und nahm mit Phönix die Spitze des Fluggeschwaders ein.
Als die sechs Greifen und der Drachenfalke langsam in die Höhe stiegen, sahen ihnen die Elfen der Warte noch eine Weile nach, dann gingen sie wieder ihren täglichen Aufgaben nach.
 
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