Fortsetzung von Tojis und Tanzils Geschichte.

Le bizarre

Rare-Mob
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“Tajingo und ich kümmerten uns liebevoll um unseren Sohn. Ich brachte ihm meine Sprache und Schrift bei, Tajingo ihre Sprache. Das lustige war, dass er nur Darnassisch akzentfrei sprechen konnte. Auch brachte ich ihm ein wenig die Gemeinsprache näher, da sie so gut wie jeder sprechen konnte, aber in dieser hatte er so einen horrenden Akzent wie im Trollischen – nein noch schlimmer.“

Tanzil musste breit grinsen, als er das hörte. Tojingo hatte ohne Zweifel Akzente in allen Sprachen, aber nicht, weil er es nicht besser könnte, denn seine Vorlesung bewies, dass er auch ohne Akzent Trollisch sprechen konnte, sondern weil es ihm wohl einfach gefiel oder er es sich unmerklich angewöhnt hatte.
Tojingo bemerkte das Grinsen und setzte seine schönste Schmollmiene auf.
„Tanzil, du bis gemain ey!“
„Hey, komm Maaann! Es stimmt doch!“
„Jaja…“ Tojingo war immer noch beleidigt und wandte sich wieder dem Buch zu.
Er zitterte ein wenig, denn was da stand stimmte… Nur Darnassisch sprach er automatisch akzentfrei.
Außerdem hatte er es immer noch nicht ganz verdaut, dass er zur Hälfte Nachtelf war. Es war seltsam.

“Das alles ging auch eine ganze Weile gut. Wir beide hatten viel Spaß mit unsrem kleinen Sohn und sahen mit Freude, wie er heranwuchs. Unglücklicherweise wurden die anderen Nachtelfen immer misstrauischer, weil ich mich kaum noch in Auberdine blicken ließ. Ich hatte Glück, dass Tajingo und Tojingo sich an dem Tage, wo eine der Elfen kam, um nachzusehen, was mit mir los war, gerade noch in ihrer kleinen Höhle unweit des Haines schliefen. Wir waren immer vorsichtig, aber man entdeckte uns doch.Tojingo war fast erwachsen und liebte es, durch den Wald zu streunen. Es war gefährlich. Ich wusste, dass die Chance, dass er entdeckt wurde, nicht allzu gering war, aber ich konnte ihn nicht aufhalten. Er ließ sich von niemandem mehr etwas sagen. Er lächelte immer nur verschmitzt und versicherte mir, dass er schon wisse, was er tue, Ich hab ihn vor meinesgleichen gewarnt und ihm klargemacht, dass sie ihm gegenüber feindselig eingestellt sein würden und er nahm sich das anscheinend zu Herzen, denn er kam immer wieder mehr oder weniger heil nach Hause – zumindest nicht vol Pfeilen oder anderen metallenen Waffen getroffen.
Nur das eine Mal verfolgten sie ihn. Ich merkte es erst, als er keuchend vor mir zusammenbrach und eine Elfe mit Pfeil und Bogen hinter ihm auftauchte. Zu seinem Glück fand er mich IMMER, wenn es nötig war. Die Nachtelfenwaldläuferin blickte mich an und erwartete, dass ich ihm den Rest geben würde, aber stattdessen stellte ich mich schützend vor ihn. Ich würde für mein eigenes Ansehen nicht mein Kind töten. Zu allem Unglück kam auch noch Tajingo dazu. Die Elfe wurde wütend und rannte empört weg - um Verstärkung zu holen. Das war die Zeit des Abschieds. Wir hatten nicht viel Zeit. Es war uns klar, dass es um Leben und Tod ging. Ich umarmte die beiden noch ein letztes Mal und dann verschwanden sie - für immer.“


„Dann kam Schattenflucht und was zwischn dä Flucht un dem wa, waiß ich nimma…“ stellte Tojingo resigniert fest. „Wahrschainlich wärd ich’s auch nie rauskriegn…“

Ja, Schattenflucht… Der Ort, wo wir uns kennen gelernt haben.. erinnerte sich Tanzil.

Es war vor drei Jahren gewesen…
Zu jener Zeit grollte der Donner und der Himmel blitzte.
Ein kleiner Trupp bestehend aus ein paar Streitern der Horde betrat Schattenflucht.
Sie wurden schon seit ein paar Tagen sehnsüchtigst erwartet, denn die Naga, die Schattenflucht wieder einmal angriffen, fuhren langsam härtere Geschütze aus. Sie schienen immer mehr zu werden. Der Trupp war wirklich Verstärkung in letzte Sekunde.
„Ihr müsst gleich an de Front! Wir sin’ mitt’n im Kampf!“ informierte ein Trollkrieger, der am schmalen Pfad ins Dorf Ausschau nach der Verstärkung gehalten hatte, die Gruppe.
Tanzil trat vor.
Er war derjenige, der von Vol’jin dazu bestimmt worden war, den Trupp zu leiten, da er einer derjenigen mit der größten Kriegserfahrung war und den Segen der Loa besaß. Er war so für eine Führungsposition nur zu gut geeignet. Er war vorrangig Heiler, seit der Stamm sich in Kalimdor angesiedelt hatte und es war offensichtlich, dass seine Heiltränke, –salben und Elixiere äußerst wirkungsvoll waren, was zu Kriegszeiten sicher ebenso von Vorteil war wie ein guter Draht du den Geistern.
Je weniger starben desto besser für alle.
Um eine ganze Armee nach Schattenflucht zu schicken, reichten die Reserven schlichtweg nicht aus. Man war zu sehr mit der Allianz beschäftigt, die mehr Probleme machte als sonst. Auch die brennende Legion schien wieder zu erstarken. Aber man war zuversichtlich gewesen, Tanzil den Hilfstrupp anzuvertrauen, denn er besaß mehr Weisheit als viele der übrigen Dunkelspeertrolle, obwohl er erst dreißig Jahre zählte. Die Flucht auf diesen Kontinent hatte bei ihm sichtlich die tiefsten Narben hinterlassen. Er wurde zwar von vielen seiner Artgenossen mittlerweile als zu gutherzig verhöhnt und ‚Weichtroll’ geschimpft, aber gerade dieser seltene Sanftmut prädestinierte ihn nun mal zum Heiler mit Leib und Seele und Vol’jin wusste das - eine Chance hatte er allemal wieder verdient. Er heilte aus Überzeugung und nicht aus Notwendigkeit. Das Töten und Verletzen generell verabscheute er inzwischen grundsätzlich und tat es nicht mehr. Er floh, anstatt sich zu stellen, denn er wollte nicht, dass die unliebsame Vergangenheit ihn einholte. Er begab sich nur noch als Heiler und Unterstützer in die Schlacht.
„Sie werden mit dir mitkomm’…“ Tanzil wies auf die Kämpfer hinter sich. „Ich geh zu den Verletzt’n. Wo sin’ se?“
Der Krieger sah Tanzil an, verzog das Gesicht und sagte verächtlich: „Ach, der Weichtroll is’ da…“
Tanzil ließ sich von der Aussage nicht einschüchtern, sondern spuckte dem anderen Troll wider Erwarten ins Gesicht und kniff seine goldenen Augen zusammen. Sie blitzten bedrohlich.
„Halt’s Maul, Alda!“ Tanzil konnte sich wehren, auch wenn er ein möglichst friedliches Miteinander allem anderen vorzog. Aber bei dem Troll vor seiner Nase, waren alle Hemmungen verschwunden – aus gutem Grund. Außerdem hielt er nie den Mund, wenn ihm etwas nicht passte, was jedoch noch nicht allzu oft vorgekommen war, so wenig sozialen Kontakt wie er außerhalb von Situationen, die den Krieg und seine Heilfähigkeiten angingen, hatte.
Tanzil packte den Krieger blitzschnell am Kragen und zischte: „Wenn du mir weiterhin so blöd kommst, dann kann ich dir auch ’nen schönen schmerzhaften Fluch auf’n Hals hetzen! Ich hab mich NIEMANDEM verpflichtet, ich helfe, weil ich es will und wenn du meinst, mich beleidig’n zu müss’n, dann wirst du der erste sein, den ich krepieren lass, wenn du von den Naga erstmal ordentlich rangenommen wurdest! Denn dir will ich dann NICHT MEHR helf’n! Du hast mich früher immer schon mit deinem Neid zu Tode genervt, also treib’s nich’ auf de Spitze! Und falls diese Viecher dir nich’ wehtun oder dir trotz deines miesen Charakters doch wer helfen will, dann sorg ich schon dafür, dass du trotzdem deine Strafe bekommst! Ich hab Verbindungen zu Wesen, mit denen du nie auch nur einen Gedanken austauschen wirst!“
Der angefauchte Troll verzog das Gesicht erneut. Er war sich der Macht Tanzils, die er durch die Loa erhielt, durchaus schmerzlich bewusst, wollte jedoch nicht wirklich wahrhaben, dass so ein ‚Weichling’ solch einen großen Anteil an solcher Macht hatte.
„Nu’ sag mir, wo die Verletzten sin’ und nehm die anderen mit! Ich geh nich’ mehr freiwillig an de vorderste Front! Das weißt du! Ihr habt doch noch ’nen ad’ren Heiler, oder?“ fragte Tanzil forsch und fügte sarkastisch hinzu: „Außerdem bin ich doch zu zart besaitet, um an der Front zu bestehen! Als Weichtroll taug ich da doch nix!“
„Ja, das stimmt…“ antwortete Razzlin süffisant. „We ham auch Verletzte…Un’ Sh-Sheyla is’ de einzige Schwerverletzte… Sie liegt in dem Taurenzelt da drüb’n! Kriegt kaum noch de Aug’n auf…“ Der Krieger zeigte in die Richtung. „Sie is’ unsre Druidin hia. Ihre Kräfte sin’ zu schwach, als dass se sich selbst heil’n kann…. Wahrscheinlich liegt’s an den ganzen Wochen, die wir bereits diese beschiss’ne Schlacht schlagen! Irgendwie zehrt seitdem alles an uns’ren Kräften… Solche lang’ Kämpfe sin’ selten. Musst grad erst vom Schlachtfeld geholt werden. Ihr Gefährte, der andre Heiler un’ unser Verstärker anner vordersten Front, is’ mitten im Kampf und kann nix machen… Lass se bloß nich’ verreckn’, sonst werd’n nämlich einige saua sein… allen voran ihr Gefährte’ und ihr SOHN auch!“ Der Troll spie das Wort aus. Wie er dieses Findelkind’ hasste.
Tanzil ließ den Krieger auf den schlammigen Boden krachen, nickte und marschierte ohne ein weiteres Wort angespannt und steif auf das Zelt zu.
Der Trollkrieger blickte ihm säuerlich nach.
Du kleine Pest! dachte sich Razzlin, der besagte Krieger. Er war nicht viel älter als Tanzil, hatte Sen’jin jedoch weitaus früher verlassen als dieser. Er gehörte mit seiner Familie zu den Siedlern von Schattenflucht, die das Dorf einst zusammen mit ein paar Tauren aufgebaut hatten. Seitdem hatte er es bis heute nicht wieder verlassen.
Er war froh gewesen, dass er Tanzil nicht mehr ertragen hatte müssen und nun war der verhasste Kerl wieder da – der Kerl, der Hexendoktor geworden war.
Tanzil hatte eine stille Autorität und musste sich diese nicht erst immer wieder so hart verdienen wie er. Dass er Hexendoktor war, reichte schon für eine gehörige Portion Respekt bei anderen, vor allem bei denen, die nicht zum Stamm gehörten. Im Stamm selber hatte er weniger Freunde, jedoch hielten drei der wichtigen älteren Trolle zu ihm: Vol’jin, Gadrin und Vornal. Das hinderte die anderen Trolle daran, Tanzil in irgendeiner Form ernsten Schaden zuzufügen, weil sie Konsequenzen fürchten mussten. Razzlin litt darunter, dass er nie viel zu sagen gehabt hatte- bis auf hier: in Schattenflucht. Und nun war Tanzil wieder da…
Tanzils Eltern waren vor langer Zeit im Kampf gefallen, als Tanzil noch ein Säugling war und er war von einer anderen Trollfamilie aufgezogen worden, da er ein viel versprechend kräftiger Welpe war. Zu jener Trollfamilie hatte er aber niemals eine Bindung aufbauen können. Die Familie war die von Razzlin gewesen und sie hatten ihre Kindheit zusammen verbracht. Am Anfang verstanden sie sich gut. In jungen Jahren gingen sie zusammen jagen und im jungen Erwachsenenalter stifteten sie Unruhe. Razzlin wurde zunächst Verteidiger im Dorf, weil er sich im Stamm eine Stellung erarbeiten wollte, Tanzil jedoch gab sich der spirituellen Welt hin. Razzlin hatte ihm jedoch früher gezeigt, wie viel Spaß töten machen konnte, aber bei Tanzil war die ganze Sache irgendwann außer Kontrolle geraten, er kannte so etwas wie Selbstbeherrschung lange Zeit nicht. Seine Instinkte waren bald von seinem Unterbewusstsein auf das Ziel ausgerichtet worden, Leben zu nehmen. Es war zwar seine Schuld, aber diese Tötungs-‚Anfälle’ gingen von ihm selber aus. Eine fremde Macht hatte da ein ganzes Stückchen mitzureden. Die Angst und das Leiden des Opfers verschafften Tanzil einst die größte Befriedigung. Schattenzauber und schmerzhafte Flüche eigneten sich dazu am besten. An dieser Grausamkeit änderte sich auch nichts, als er Pflanzen, deren Wirkung auf andere lebendige Organismen und deren heilenden Zauber für sich entdeckt hatte – lange nicht.
Zalazane bemerkte die Beschaffenheit des jungen Tanzils. Er war verwundert, wie dieser anscheinend wie von selbst zum alten Glauben gefunden hatte – dem Voodoo, wobei er sich vor allem der dunklen Seite davon hinzugeben schien. Zalazane nahm sich dem jungen Troll an, gab ihm Ratschläge, wie er seine Zauber verbessern konnte und unterwies ihn zusätzlich in der Kunst der Medizin. Seine Fähigkeiten würden dem Stamm einmal nützlich sein, wenn er erst einmal erfahren genug war. Außerdem gefiel ihm Tanzils Grausamkeit Feinden gegenüber, auch wenn die teilweise auch im Umgang mit vertrauten Personen ausartete und gewaltsam dagegen gehalten werden musste, von Zalazanes Seite. Tanzil war dem Stadium einer Bestie schon sehr nahe, denn Tanzils Handeln war vielfach seiner eigenen Kontrolle entglitten, da er mit seinen Trance-Wut-Rausch-Zuständen nicht eigenständig umgehen konnte.
Zu dieser Zeit begann, die Missgunst in Razzlin zu gären. Er war immer noch Verteidiger.
Bis zur Gründung Sen’jins war Tanzil ständig am Kämpfen, setze alles daran, das dem Erdboden gleich zu machen, was dem Stamm schadete und zu heilen, was zum Stamm gehörte.
Der einzige Unterschied zu seinem brutalen Verhalten vorher war, dass sein Verhalten jemandem etwas brachte und nicht um seiner selbst willen getan wurde - und er tat es unter anderem im Namen der Geister.
Nach der Vertreibung auf die Echoinseln hatte sich Tanzil jedoch grundlegend geändert.
Er wusste nun selbst, wie es war, in der Opferrolle zu sein. Und ihm entging nicht, wie Zalazane nun versuchte, einen Großteil des Stammes zu versklaven, was diesem auch nach und nach gelang.
Damit nicht auch Tanzil zu einem der Schergen Zalazanes wurde oder ihm gar freiwillig folgte, nahm Gadrin sich dem Hexendoktor an. Tanzil folgte dem alten Troll nur zögerlich weg von seinem alten Mentor, aber Zalazane war nicht mehr zu retten.
Der unkorrumpierte Rest der Dunkelspeertrolle floh auf das Festland von Kalimdor.
Töten aus Spaß war tabu von nun an. Gadrin zwang Tanzil, der ständig den Drang nach Töten verspürte, zunächst dazu, indem er ihn schlichtweg in Fesseln legte, um ihn nicht weiter zu einem Monster verkommen zu lassen, denn er hatte erkannt, dass Tanzil nicht nur zu Brutalität fähig war… Schließlich kam Tanzil mit der Hilfe von Lukou, der Loa der Heilung und des Mitgefühls zu sich.
Tanzil war nun an Zalazanes Stelle als geistliche Unterstützung im Stamm getreten, wo dieser nun auf den Echoinseln sein Unwesen trieb.
Irgendwann nahm er seine Pflichten jedoch kaum noch wahr und schottete sich immer mehr ab.

Tanzil saß mittlerweile neben der Taurin Sheyla und untersuchte sie auf Verletzungen.
Sheyla ging es ohne Zweifel extrem schlecht, aber es ließen sich bis auf eine etwas tiefer Schnittwunde im Oberschenkel und eine Stichwunde in der linken Schulter keine Verletzungen ausmachen. Von äußerlich schwer verletzt konnte nicht annähernd die Rede sein. Spuren von Gift waren auch nicht zu finden. Wahrscheinlich litt sie also eher an Erschöpfung.
Tanzil wusch bereits die vorhandenen Wunden aus, als plötzlich der Zelteingang geöffnet wurde und eine vermummte, große Gestalt eintrat – pitschnass.
Sie schob die Kapuze zurück und zum Vorschein kam ein Troll, dessen rostrote Haare in Wellen zur Seite bis zu seinem Kinn fielen, die Seiten waren rasiert. Die türkise Haut seines Gesichts glänzte, das Wasser tropfte von seinem Umhang. Er hatte feine, aber grimmige, gar starre Gesichtszüge und diese machten keinen umgänglichen Eindruck.
Tanzil war es ein bisschen mulmig in der Magengegend. Wieso erinnerte ihn dieser Troll so an sich selber?
Ohne den Heiler eines Blickes zu würdigen, ging Tojingo festen Schrittes auf Sheyla zu. Es interessierte ihn nur ihr Wohlergehen in diesem Moment.
„Geht’s de gut Ma?“ murmelte er.
Tanzil sah den Troll verwundert an. Offensichtlich seine Ziehmutter… Ist das etwa derjenige, den Razzlin so abfällig als ‚Sohn’ bezeichnet hatte? Wieso haben ihn denn die Trolle nicht aufgenommen? Ich mein, hier leben doch genug von uns Dunkelspeern?!
Tanzil erkannte zwar sofort, dass Tojingo kein Dunkelspeer war, aber ein Dschungeltroll auf jeden Fall. Auch schien er noch nicht alt zu sein, höchstens zwanzig. Er gehörte wohl zu einem der Trollstämme, die den Dunkelspeern das Leben im Dschungel vor langer Zeit schwer gemacht hatten, aber solange er selbst nicht in irgendeiner Form feindlich gesinnt war, musste man ihm nicht gleich sozusagen an die Kehle springen. Aber die Dorfbewohner sahen das wohl anders. Hach jaaaaa… immer diese engstirnigen Dunkelspeer… Vorurteile waren eine schlimme Trollkrankheit, aber sie waren nicht die einzigen, die davon befallen waren – auch Elfen kannten sie. Tanzil sah die Wesen mittlerweile nicht mehr in Stämmen und Völkern, sondern als Individuum, aber auch erst, seit er auf dem Festland von Kalimdor lebte. Denn er war meist derjenige gewesen, der aus ständigem Blutrausch heraus, alles angegriffen hatte, was sich bewegte. Auch mussten manchmal Stammesmitglieder dran glauben, aber das bekam zum Glück keiner mit. Sein Verstand war nur in in Situationen, die nichts mit Aggression zu tun hatten, voll da gewesen und auch nur dann hatte er der Person ansatzweise geähnelt, die er heute wirklich war.
Die Taurin keuchte. Auf Trollisch antwortete sie ihrem ‚Sohn’: „Hoffentlich gleich gut, ja…“ Sie zeigte auf Tanzil. „Sie ham uns endlich Verstärkung aus Orgrimmar geschickt und Tanzil hier ist ein Heiler. Tojingo? Geht es deinem Vater gut?“
Tojingo nickte knapp und begann, unruhig auf und ab zu gehen.
„De Wassärgeista tun iha Bestäs und haltn de Naga n bisschn zurück… Ich hab vonner Färnä aus alläs beobacht’. Ich muss ma guggn, ob se mich nu brauchn, aba wohl eha nich, diese Trolle hia hassn mich wie de Pest…“ grummelte er eher vor sich hin, als seine Ziehmutter direkt anzusprechen. „Die würdn eha stärbn als mich mit sich kämpfn zu lassn… Gäb’s dich und Paps nich, wär isch scho längst rausgeschmissn wordn… Ne… ich wär sälbst gegang’.“ war der bittere Nachsatz auf den ein verächtliches Lachen folgte: „Oder aufgegessen worden…“
„Das tut mir Leid, Toji…“ antwortete Sheyla ihm liebevoll.
„Ach egal… Isch bin auf iha ährlich gemaintäs Wohlwolln nich angewiesn… Isch mag die Trollä hia nich… Bald geh ich zu de Goblins un lass mia noch mehr baibring, was Technik angeht un so!“
Sheyla lächelte nur milde über dies Aussage. Der umherziehende Goblinhändler in Desolace hatte Tojingo mit seinem ganzen Schnickschnack und dem technischen Können fasziniert.
Tanzil hatte unterdessen vergessen, weswegen er eigentlich hier war und sein Blick verweilte auf Tojingos Erscheinung.
Tanzil schnaubte fast unhörbar.
Ich kann nur zu gut verstehen, warum er etwas gegen die Trolle hier hat… Hier leben alle, die mich nicht ausstehen können… nun ja… der Großteil von denen… Tanzil musterte Tojingo beim unruhigen Hin-und-Herschreiten im Zelt genauer.
…seine Bewegungen und Gesten sind so weich und… anmutig… Tanzil war verwirrt und schüttelte entgeistert den Kopf. Du bist nicht hier, um einen andren Troll anzugaffen, du darfst dich jetzt nicht ablenken lassen! Es is’ völlig egal, was er denkt und wie er aussieht! forderte Tanzil sich selber zur Disziplin auf, konnte aber nicht so recht wegsehen.
Tojingos Blick unterdessen wanderte langsam zu Tanzil und blieb an dessen Gesicht hängen.
Tanzil musste ein seltsames Bild abgeben, denn sein Mund stand ein wenig offen, als er Tojingo nun direkt in die Augen sah.
Sie fixierten sich gegenseitig.
Tojingo legte den Kopf schief, wandte sich ohne ein weiteres Wort wieder ab, zog sich die Kapuze wieder auf den Kopf und verschwand schnellen Schrittes.
Tanzils Gesichtsausdruck schlug vom Erstaunten ins Traurige um.
„Nimm’s nich’ persönlich, aber Tojingo redet mit kaum jemandem… selbst mit Arton und mir wechselt er kaum noch ein Wort… Wir wissen leider nicht, was mit ihm los ist… Er lässt niemanden an sich heran… seit einer ganzen Weile nicht mehr… Er ist noch verschlossener, als an dem Tag, an dem er im seichten Wasser des Strandes lag und wir ihn fanden…“ Sheyla seufzte und krümmte sich mit einem Mal vor Schmerzen. Ein Stich in ihrer Magengegend.
Tanzil erschrak, zwang sich jedoch zur Ruhe, schloss er die Augen und bat Lukou im Stillen um Kraft.
Die Taurin nahm plötzlich ganz unvermittelt seine Hand und schnaufte erschöpft: „Du bist der Troll mit dem wärmsten Herzen, der mir je über de Weg gelaufen ist… das fühle ich…“
„Hm? Wie?“ Tanzil war verdutzt über diesen plötzlichen Einwurf.
Wie kommt sie nun darauf?
Es war so ironisch, gerade er – der Troll des Stammes, der in seinem ganzen Leben bestimmt die meisten Seelen auf dem Gewissen hatte.
Als Sen’jin gegründet worden war, plagte ihn nicht nur der Verlust seines Mentors, nein, Lukou, die Loa der Heilung sprach immer öfter zu ihm, während er in Fesseln lag. Sie zeigte ihm die grausamsten Dinge. Sie zeigte ihm die Seelen derer, die er ermordet hatte und vor allem die Hinterbliebenen. Sie schrieen, sie weinten – alle. Der Verlust von geliebten Wesen war das Schlimmste, was einem auf dieser Welt passieren konnte und es war das, was am häufigsten vorkam. Vor allem die Dunkelspeertrolle hatte eine solche Misere durchmachen müssen, die ohne die Orks mit der totalen Auslöschung geendet wäre. Sie waren im Moment bis auf’s äußerste dezimiert und in Kalimdor an verschiedenen Orten verteilt. Sie versuchten, ein neues Leben aufzubauen, aber die Wunden verheilten bei den einen nur langsam, bei den anderen gar nicht. Keine der kleinen Familien war von schwer wiegenden Todesfällen verschont geblieben- außer Tanzils. Er hatte nie eine Familie gehabt. Seit er denken konnte, hatte er bei einer Familie gelebt, die nicht die seine gewesen war und die ihn das auch stets spüren gelassen hatte.
„Oh, entschuldige, ich halt dich davon ab, dafür zu sorgen, dass ich nicht frühzeitig in die Welt der Geister komme…“ holte Sheyla Tanzil aus seinen Gedanken zurück.
Die Taurin besaß einen unglaublich ausgeprägten Galgenhumor.
Tanzil blickte kurz irritiert drein, ging aber gleich zur eigentlichen Heilung über. Er holte einen Salbe aus dem Lederbeutel an seinem Gürtel, murmelte unverständliche Worte und strich mit der Paste einmal über die Stellen, die Sheyla Schmerzen bereiteten.

Tojingo verweilte indessen eine Weile vor dem Zelt.
Der Troll von eben machte so ’nen and’ren Einduck als alle anderen, die mir begegnet sind… Er war nachdenklich geworden.
Plötzlich wurde Tojingo jedoch von einem heranstürmenden Dunkelspeer aus den Gedanken gerissen.
„Grrrr…“ knurrte er genervt.
Razzlin…
„Tojingo, ich hätt’ nich’ gedacht, dass ich das mal sagen würd’, aber wir brauch’n deine Hilfe am Wasser unten!“ Er klang erschöpft. „Bitte, zeig diesen abscheulichen Kreaturen, dass wir stärker sind! Die Wassergeister halten sich nicht mehr lange, genauso wenig wie Arton! Er will unbedingt, dass du kommst.“
Tojingo sagte kein Wort, nickte aber und folgte dem anderen Troll.
Ich tue es meinem kämpfenden Vater zuliebe… und für meine Mutter, die total erschöpft im Zelt liegt..
Tojingo zog ein paar selbst gebastelte Unterwassergranaten aus seiner Gürteltasche und alle anwesenden der Armee aus Schattenflucht zogen sich schnellstmöglich zurück. Sie wussten, dass dieses Goblinzeugs höchstgefährlich war.
Zwei reichten aus, um den Haufen Meeresschlangen, der noch im Anmarsch war, aufzuhalten. Nagastücke flogen durch die Luft. Diese Kreaturen hatten nicht mit so etwas gerechnet. Einer der nun herumfliegenden Köpfe landete zu Tojingos Füßen. Er begutachtete diesen und grinste fies.
Sogleich nahm er Razzlin, der neben ihm stand, den Speer aus der Hand, steckte den Kopf drauf und hob ihn in die Höhe.
Die, die eben noch verbittert gekämpft hatten, lächelten zufrieden und jubelten – selbst wenn der Sieg an diesem Tag einem verhassten Kuckuckskind in ihrer Mitte zu verdanken war.
Arton, der Taurenschamane, kam auf Tojingo zu und umarmte ihn.
„Danke, mein Sohn…“
„Keine Ursachä Paps.“

Als Tojingo und Arton im heimischen Zelt ankamen, saß Tanzil immer noch neben Sheyla. Sie schlief bereits.
Als die beiden Männer eintraten, stand Tanzil auf.
„Ihr geht’s wieder einigermaßen gut. Sie is’ vor allem müde und erschöpft, lasst se in nächster Zeit nicht kämpf’n… Sie is’ total fertig…“
Tanzil schob sich an dem Tauren und dem Troll vorbei und trat ins Freie.
Der Regen hatte aufgehört und der zunehmende Halbmond zeigte sein kaltes Gesicht.
Tanzil verließ das Dorf langsam am Strand entlang. Die seltsame Begegnung eben ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Er merkte nicht, dass er aus der Ferne beobachtet wurde.
An einer kleinen Bucht angekommen, stieg er bis zu den Knien ins Wasser, bückte sich und wischte mit seinen Händen an der Wasseroberfläche herum. Er hob die Hände und blickte auf seine Handflächen. Sie waren vernarbt. Einst zierten ständig tiefe Schnittwunden seine Handinnenseiten. Sie verheilten zwar dank der Regeneration einigermaßen schnell, aber leicht schmerzen taten seine Hände bis heute.
Ihm diese Verletzungen zuzufügen, war Zalazanes einzige Möglichkeit gewesen, Tanzil damals aus dem Blutrausch zu holen. Außerdem konnte der Hexendoktor ohne heile Hände keinen ernsthaften Schaden anrichten, da Magie nicht mehr funktionierte und sich bei entsprechenden Schmerzen auch keine Gegenstände mehr halten ließen.
Tanzil sah sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche tanzen.
Seine dunkelroten Haare flatterten im sanften Wind und verdeckten seine Augen.
Meine Augen sind offen, aber ich kann nichts sehen… Ich kann mich nicht sehen… nur die andren… Wieso geschieht das mittlerweile so oft? Früher war das doch nicht so?!
“Du musst endlich lernen mit DEINEM Herzen zu sehen, Tanzil… antwortete ihm Lukou mit ihrer sanften Stimme. “Dem warst du ganz früher in der Tat näher… Nun gibst du dich für andere auf, weil du glaubst, Dinge wieder gutmachen zu müssen…“
Plötzlich wurden Tanzils Arme hinter seinem Rücken zusammengehalten und sein Kopf grob unter Wasser gedrückt.
Tanzils Augen weiteten sich unter Wasser und sein Mund öffnete sich zum Schreien, aber kein Ton brach aus dem Wasser über die Meeresoberfläche aus. Stattdessen füllte Salzwasser seinen Hals.
Als sein Kopf an den Haaren ebenso unsanft wieder aus dem Wasser geholt worden war, wie es beim Hineintauchen geschehen war, fauchte ihm eine nur allzu bekannte Stimme von hinten ins Ohr: „Hahaha, ohne deine Hände biste gar nix! Kannst nicht mehr zaubern und Muckis haste auch nicht annähernd so viele wie ich in deinen Ärmchen, du zarter Weichtroll du!“ Tanzil zappelte, spuckte das Wasser aus, jappste verzweifelt nach Luft und versuchte, sich zu befreien, kam aber nicht gegen Razzlins Kraft an. Dieser band nun auch seine Arme mit einem dicken Seil zusammen, nachdem er Tanzil die Handgelenke gebrochen hatte. Tanzil biss die Zähne zusammen, um nicht laut losschreien zu müssen, wand sich jedoch vor Schmerzen.
„Wieso musstest du nu’ auch nach Schattenflucht komm’, heh? Bist selber Schuld, dass du gleich einen ‚Unfall’ hab’n wirst!“ brüllte Razzlin ihn an.
Tanzils Kopf wurde wieder unter Wasser getaucht – diesmal länger.
Tanzil schnappte wieder panisch nach Luft, als sein Kopf wieder an der Luft war.
„Jetzt, wo du wieder da bist! Hast vor, mir alles kaputt zu mach’n, oda wie?! Wie früher!“ spie er zynisch aus.
„Wenn man dich hier sieht! Wenn dich mehr Leute zu Gesicht bekommen als diese Tauren und dieser fremde Troll, der hier eigentlich nicht hergerhört!“ Razzlins Stimme stieg bedrohlich an. „Dann wirst du wieder im Mittelpunkt stehn! Hier bist du zwar verhasst, aber du wirst dir sicher die Macht, die du dir so sehr wünscht unter den Nagel reißen wollen, oh du wunderbarer Hexendoktor du! Du bist genau wie Zalazane! Er hat dich nicht umsonst so verhätschelt! Bist wahrscheinlich sein Spion oder willst in seine Fußstapfen treten!
Ich hab mir hia ne Stellung in Schattenflucht erarbeiten müssen und steh nu fast ganz ob’n! Jetzt, wo du da bist, droht wieder alles einzubrechen, wofür ich mir den Arsch aufgerissen hab! Du hast vor, dir die Seelen aller hier gefügig zu machen, du Seelendieb! Geb’s zu! Du tust doch nur, als ob du ein Unschuldslamm bist! Und dableiben willste wahrscheinlich auch noch! Aber dazu wird es nicht kommen, denn die andren werden gar nicht mehr de Möglichkeit ham, dich lebend zu Gesicht zu bekomm’! Der Stamm muss endlich von dir befreit werden!“ Razzlin wurde immer aufgeregter, zerrte Tanzil auf dem Wasser heraus und schlug sein Gesicht unwirsch auf den steinigen Boden.
Tanzil stöhnte auf vor Schmerz, Blut trübte seine Sicht – es brannte höllisch.
Bitte, bitte ihr Geister, schickt mir Hilfe! flehte Tanzil.
Ein kühler Wind umwehte sogleich sein Gesicht und erhob sich. Danke…
Die Gewalt des Berserkers ließ nicht nach. Er trat auf Tanzil ein, schlug sein Gesicht immer wieder auf die Kiesel des Strandes, sodass man das Knacken von Knochen hören konnte. Der Hexendoktor krümmte sich bei dieser Folter. Razzlin holte seinen Speer hervor und wollte ihn Tanzil durchs Herz rammen, um ihn endgültig dahin zu schicken, wo er hingehörte.
Auf einmal wurde Razzlin mit einem großen Zerfetzer zur Seite geschlagen.
Tojingo knurrte ihn an.
Razzlin fasste sich in sein Gesicht. Ein großer, ziemlich tiefer Schnitt zog sich quer über seine Nase und Blut träufelte vom Kinn auf seine nackte Brust.
„Oh? Der große Tojingo, der uns heut alle gerettet hat, is’ da!“
Tojingo kniff die Augen zusammen und blickte Razzlin wütend an.
„Kannste immer noch nich’ reden?“ lachte der Krieger höhnisch.
„Was willste tun? Mich abmurks’n? Dann haste die Trolle von ganz Schattenflucht gegen dich! Denn du tötest mit einem Markenzeichen, du könntest nie nen Mord vertusch’n!“ Razzlin zeigte auf den Schnitt in seinem Gesicht. „Ich hab schon öfters Wesen geseh’n, die du umgebracht hast und auch and’ren wird deine Art zu töten nicht entgangen sein, so mordlustig wie du bist!“
Tanzil horchte auf. Ach deshalb hast du mich so an mich erinnert…
Tojingo schüttelte erbost den Kopf, während er Tanzil zuerst die Fesseln öffnete und ihm dann aufhalf. Da man sah, dass die schlaff herabhängenden Handgelenke gebrochen waren und so wohl eine Selbstheilung in irgendeiner Form auszuschließen war, holte Tojingo einen Verband aus seiner Tasche und wickelte ihn dem Troll behutsam um das zerschlagene Gesicht.
Danach schritte er bedrohlich auf den Krieger zu und schnitt ihm mit dem Zerfetzer ohne zu zögern ruck zuck beide Ohren ab, ohne zu wissen, dass es Ritual bei vielen Trollstämmen war, ein Ohr vom Feind zu opfern. Razzlin indessen verstand das Zeichen nur allzu deutlich.
Trotz der horrenden Schmerzen in seinem Gesicht lächelte Tanzil, als er Razzlin aufschreien hörte. Er öffnete langsam wieder die Augen, denn das Blut, was in seine Augen gespritzt war, war längst verkrustet. Nur sein völlig aufgeplatzter Mund blutete noch und ließ ihn Eisen schmecken. Tanzil atmete schwer durch den Mund, seine Nase war im Eimer.
Der Hexendoktor musste einsehen, dass Razzlin noch schlimmer geworden war als damals schon, als die beiden noch viel jünger gewesen waren. Nur war Tanzil damals mindestens genauso schlimm gewesen und so hatte er kaum Gelegenheit, sich daran zu stören.
Tanzil wunderte sich, das der so abweisende Troll ihm zur Hilfe gekommen war. Es freute ihn.
„Komm mit.“ Murmelte Tojingo in Tanzils Richtung. Dieser ließ nicht lange auf sich warten.
Razzlin ließ sich zurück auf die Steine fallen und wand sich vor Schmerzen… Seine abgetrennten Ohren lagen neben ihm auf dem Boden.
Diese Drecksäcke! Stecken alle unter einer Decke! Das wird ein Nachspiel haben!

Wieder trat ein Schweigen zwischen die beiden eben gerade erst zusammengetroffenen Trolle. Tojingo sprach kein einziges Wort.
Sie gingen in Richtung des Zeltes von Tojingos Zieheltern und dort angekommen, rüttelte Tojingo seinen Vater unsanft aus dem Schlaf.
„Paps, komm ma! S dringänd!“
Als Arton den vor dem Zelt wartenden, extrem zugerichteten Tanzil sah, erschrak er: „Was ist passiert?“
Tojingos Miene verfinsterte sich. „Razzlin…“
„Im Ernst?“
Anstatt Tojingo nickte dieses Mal Tanzil.
„Um die Angelegenheit kümmer’ ich mich später. Wie kann er es wagen, jemanden vom Verstärkungstrupp so fertig zu machen?! Nur weil er der Sohn vom Dorfchef is’!“ Der Tauren klang merklich empört, fügte jedoch sanfter hinzu: “Aber nun muss erstma’ Tanzils Gesicht wieder zusammengeflickt werden… Kommt mit ins Zelt, da hab ich alles, was wir brauchen.“
Tojingo ergriff Tanzils Arme, worauf dieser rot wurde, hielt dessen Hände seinem Vater entgegen und sagte nüchtern: „Auch im Arsch…“
„Ack!“ Tanzil versuchte, die Arme zurückzuziehen. Die Handgelenke taten furchtbar weh. Jede kleinste Bewegung schmerzte höllisch.
Tojingo hielt die Hände jedoch zurück, sah auf die vernarbten Handflächen und blickte Tanzil fragend an. Dieser schüttelte jedoch nur stumm den Kopf und Tojingo ließ los.
Nachdem sie das Zelt betreten hatten, rührte der Schamane augenblicklich mehrere Pasten aus diversen Kräutern an. Tanzil wusste, was das für Rezepte waren, er kannte sie selbst alle. Nur hatte er neben solchen Standartmischungen auch besondere, die nur er und die Loa kannten.
Arton drückte Tojingo einen mit warmem Wasser getränkten Lappen in die Hand und forderte ihn auf, das Gesicht, so gut es ging, zu säubern, ohne Tanzil allzu sehr wehzutun.
Dieser grinste, während er Tanzil das Blut aus dem Gesicht wischte. Ihn kann nicht mal ’ne gebroch’ne Nase entstell’n… Tanzil blickte den Troll, der vor ihm hockte, verunsichert an, war aber zu sehr darauf bedacht, nicht auf den stechenden Schmerz zu achten, als irgendetwas zu sagen.
Arton war fertig und schob seinen Ziehsohn zur Seite. Er trug eine der Salben auf das Gesicht auf und wickelte einen neuen Verband im Bereich der Nase und Tanzils Kopf.
„Und lasses drum für ’ne Weile. Die andren sollen ruhig sehen, was Razzlin da getan hat. Deine Handgelenke müssen wir schienen, damit die Brüche ordentlich verheilen…“ Es dämmerte Arton erst jetzt, was das wirklich bedeutete.
„DAS IS’ ’NE KATHASTROPHE! Du als Heiler wirst mindestens sechs Wochen nicht heilen oder sonst was für Magie anwenden können! Und auch mit irgendwelchen Voodoopuppen und Phiolen kannst du nicht um dich werfen…“
Da hatte der aufgeregte Tauren durchaus recht.
Als die Verarztung abgeschlossen war, bedeutete Tojingo Tanzil nun, mit hinauszukommen.
Erst als sie an Tojingos Zelt, was im Stil der Taurenzelte aufgebaut war, angekommen waren, fing er an, zu reden: „Komm mit rain. Bistä hia am sichärstn vor dem Irrän…“
Tanzil hatte sich ja noch gar keine Gedanken über eine Bleibe gemacht, aber das hatte sich wohl ohnehin durch Tojingos Angebot gerade erledigt.
„Danke…“ murmelte Tanzil. Tojingo nickte, öffnete den Eingang und ging stumm ins dunkle Zelt hinein. Durch den offenen Eingang fielen nur wenige Strahlen des Mondlichts, aber genug, um einigermaßen sehen zu können.
Vom Rand holte er ein paar Felle und breitete sie neben seinen eigenen aus.
„Hia kannstä schlaf’n… Isch hör alläs, also brauchstä keene Angst zu ham, dass dia was passiärt.“
Tanzil nickte, streckte sich rücklings auf seinen Fellen aus und starrte an die Decke. Er hörte Tojingo neben sich atmen und wendete seinen Kopf langsam zu ihm um.
Tojingo starrte an die Decke, drehte jedoch seinen Kopf Tanzil zu, als er dessen Blick auf sich ruhen spürte.
„Wassis?“ fragte Tojingo verwirrt.
„Ach nix…“ murmelte Tanzil leise, drehte sich auf die Seite und schloss langsam die Augen.
Ja, man kann ihm vertrauen…
Als Tanzil am nächsten Tag aufwachte, war er allein. Durch das helle Leder des Zeltes drang ein wenig Licht. Seine gebrochene Nase und seine kaputten Handgelenke machten sich bald bemerkbar. Dann war das also alles doch kein Traum gewesen… Zum Teil bedauerte er das, aber zum Teil war er auch froh darüber, denn wenn es ein Traum gewesen wäre, wäre auch Tojingo nicht echt gewesen.

Tojingo war die ganze nächste Woche verschwunden. Sowohl Sheyla und Arton, als auch Tanzil machten sich Sorgen.
Vor allem Tanzil hatte keine Ruhe mehr, da er nicht wusste, was plötzlich los war. Er hatte Angst vor Razzlin, der immer in seiner Nähe herumschlich, ihm böse Blicke zuwarf, wenn er sich außerhalb von Tojingos Zelt aufhielt, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Razzlin gab ein grausames Bild ohne Ohren ab.
Auch die restlichen Dunkelspeertrolle im Dorf brachten Tanzil nur Ablehnung entgegen, denn Razzlin hatte ganz sicher nicht die Klappe gehalten. Aber nicht nur deshalb verachteten sie ihn. Sie hatten ihn auch früher schon nicht gemocht. Es war Tanzil gleich, aber er hatte Angst – wirklich Angst – und zwar vor Razzlins Rache.
Arton kümmerte sich die ganze Zeit um Tanzil, erneuerte seine Verbände und unterhielt ihn.
Sie tauschten sich vor allem über spirituelle Dinge aus. Arton erklärte ihm den Schamanismus der Tauren und Tanzil dem Tauren im Gegenzug Voodoo.
Aber auch andere Dinge kamen ans Tageslicht.
„Weißt du…“ begann Arton eines Nachmittags, als sie am Strand saßen.
„Tojingo ist öfters längere Zeit verschwunden. Und jedes Mal stirbt ein Fünkchen mehr von ihm… Es macht mich unbeschreiblich traurig, meinen Sohn so leiden zu sehen, aber er lässt niemanden an sich heran. Deshalb war ich umso erstaunter, dass er sich gleich für dich interessiert hat und dich sogar in seinem Zelt schlafen lässt…“ Arton sah Tanzil in die Augen und fuhr fort. „Du hast in deinem Leben eine extreme Wandlung durchgemacht… Ich sehe in deinen Augen, wie sehr du Gewalt verabscheust und doch sehe ich auch, wie viel Blut an deinen Händen klebt. Du hast lange Zeit nichts anderes gemacht als töten… aus Spa߅“
Tanzil senkte traurig den Blick. Sah man ihm das so sehr an?
„.. aber auch aus Zwang von außen…“ fügte der Tauren kurz darauf hinzu.
Arton legte ihm eine Klaue auf seine Schulter.
„Aber du bist eine gute Person, lass dich nicht verunsichern.“
Tanzil lächelte.
Wenn sich der alte Herr da mal nicht irrt. Ich habe eine Seite, die meinem Bewusstsein fern steht und vor der ich Angst habe… an der ich aber selber Schuld bin… Weg ist sie nicht, nur gefangen… Ich hoffe für immer…

Diese Woche, in der Tojingo fehlte, war nicht nur für die, die sich um ihn sorgten, unangenehm, denn Tojingo litt schreckliche Qualen.
Ein paar Nachtelfinnen hatten ihn wieder aus dem Hinterhalt überfallen.
Zu dem Zeitpunkt, wo sie ihn überraschten, lag Tojingo augestreckt bei Ethel Rethor auf der Wiese, die ans Wasser grenzte. Fast jeden Tag lag er hier und guckte Löcher in die Luft, um einfach zu genießen und abzuschalten. Er trug nichts außer eine kurze, schwarze Lederhose und zur Verteidigung seine Waffen. Heute war ihm nicht nach Kämpfen zumute. Seine Gedanken waren bei dem Hexendoktor, der wohl noch im Zelt schlief. Tojingo konnte gar nicht glauben, dass Tanzil zu dem Stamm gehörte, der dem Schurken doch sonst so unsympathisch war.
Die Elfen waren schneller, als Tojingo gucken konnte. Mit einem gezielten Hieb hatten sie den gedankenverlorenen Halbtroll außer Gefecht gesetzt.
Als Tojingo zu sich kam, erschrak er. Er war über Kopf an einem Baum festgebunden. Ihm wurde auf der Stelle schlecht und der Schweiß brach in ihm aus. Hatten sie ihn also wieder erwischt… Nur langsam realisierte er, in welch einer verzwickten Lage er sich befand.
Als eine der Elfen bemerkte, dass Tojingo zu sich gekommen war, stand sie vom Lagerfeuer auf und grinste ihn böse an.
„Der Abschaum ist wieder wach.“ zischte sie. Sie wusste nur zu genau, dass der ‚Troll’ sie sehr gut verstand. Sie verband Tojingo die Augen und begann, ihn mit einem Dolch zu massakrieren.
Hier schnitt sie ihm ins Fleisch, da schlug sie ihn mit einem Seil.
So schlimm die Folter auch war, war sie für Tojingo schon zur Gewohnheit geworden. Die körperlichen Schmerzen berührten ihn kaum noch. Die Demütigung war das, was ihm weitaus mehr zusetzte.
Wieso bringen mich diese verdammten Viecher nicht einfach um? Was ist das eigentlich für ein verdammtes Volk?
Nein, sie wollten ihn leiden sehen. Doch gerade das war Tojingos größtes ‚Glück’. Nur deshalb schaffte er es, immer wieder zu entkommen. Nur hieß, dass sein Körper immer gerade so am Leben blieb, nicht, dass seine Seele nicht dabei war, zu sterben.
Diesem Mal ließen sie ihn auch nach der Folter noch am Seil hängen, um ihn nicht weiter bewachen zu müssen. In seinem jetzigen Zustand, konnte der ‚Troll’ ohnehin nicht türmen. Was ihnen nicht auffiel, war, dass der Knoten immer lockerer wurde, je länger Tojingo da hing. Er versuchte, die Gegend zu erkennen, wo er war, auch wenn er kaum die Augen offen halten konnte. Er war wohl schon in der Nähe des Steinkrallengebirges, denn hier wuchsen zumindest Bäume. Am Strand auch, aber es war weit und breit keiner zu sehen. Und grün war die Landschaft hier auch nicht.
Tojingos ganzer Körper war übersäht mit Verletzungen, aber er tat dem Schurken nicht den Gefallen, bewusstlos zu werden. Er wollte, dass dieser sich hier und jetzt etwas zur Flucht einfallen ließ.
Außerdem schmerzte seine trockne, mittlerweile ledrige Haut.
Tojingo fiel erst gar nicht auf, dass die Schlinge um seinen Fuß sich stetig lockerte, bis er zu fallen drohte und sich im letzten Augenblick noch mit einer Hand am Seil festkrallen konnte, um nicht hart auf den Boden zu krachen. Aber sein Griff ließ schnell wieder locker, denn er war erschöpft. Langsam glitt er auf den staubigen Boden und schloss für ein paar Sekunden die Augen.
Ich frag mich, wie ich das immer überlebe…
Er stützte sich mühsam auf einen Ellenbogen auf und musterte die Umgebung. Es war niemand zu sehen. Wahrscheinlich dachten die Elfen, dass er, so erschöpft wie er war, nicht annähernd in der Lage sein würde, die Biege zu machen. Das hatten sie aber schon oft gedacht. Aber bis zu diesem Mal hatten sie ihn auch noch nie kopfüber an einem Baum so lange hängen gelassen. Das war bis jetzt bei weitem das Schlimmste gewesen, was sie hatten tun können.
Tojingo kroch ein wenig im Staub umher, bevor er es schaffte, sich aufzurappeln und schließlich wieder auf zwei Füßen stand. Er schwankte eine Weile hin und her, weil sich immer noch alles um ihn im Kreis drehte und fiel schließlich wieder auf den spröden Wüstenboden.
Er merkte, wie Teile seiner Haut aufplatzten und sein Blut sich mit den grauen Sandkörnern vermischte, sodass die offenen Stellen zu brennen anfingen.
Tojingo biss die Zähne zusammen, musste aber bald wegen der dreckigen Luft, die, schneller als ihm lieb war, in seine Lungen schoss, laut husten.
Er wandte sich auf dem Boden, aber der Hustenreiz und das Brennen seiner Wunden ließen nicht nach. Wie auch? Eine große Wolke aus lauter kleinen Sandkörnern hüllte ihn mittlerweile ein.
Da die einzige Möglichkeit, den Elfen und dem Staub zu entkommen, war, sich endlich wieder auf die Beine zu begeben, nahm Tojingo alle seinen noch übrigen Kräfte zusammen und stemmte sich vom Boden hoch.
Er war durstig, er hatte Hunger.
Nun zog auch noch ein Sandsturm auf und man sah fast nichts mehr. Tojingo rannte so gut es ging den Weg in Richtung Schattenflucht entlang, denn im Augenblick konnten ihn auch seine Feinde nicht sehen.
Er schleppte sich bis zum Kodofriedhof, wo der die Nacht verbringen wollte.
Im Schatten der sterbenden friedlichen Riesen würde er einigermaßen sicher sein.
Er schleppte sich bis zum Kodofriedhof, wo der die Nacht verbringen wollte.
Im Schatten der sterbenden friedlichen Riesen würde er einigermaßen sicher sein.
Angekommen fing ein alter, bereits zusammengesackter Kodo seinen Blick ein.
Noch lebte er, aber nicht mehr, als Tojingo ihm seinen Zerfetzter ins Herz gerammt hatte.
Er saugte ihm geradezu das Blut heraus, weil er so durstig war und danach schnitt er ein wenig Fleisch vom Bauch herunter und verschlang es gierig.
Es begann bereits, zu dämmern. Tojingo war todmüde und quälte seinen geschundenen Körper zu einem noch lebenden Kodo, da er dort sicherer war als bei einer Leiche.
Die Tiere hier hielten sich immer zuerst an die Leichen und davon gab es nun dank Tojingo eine mehr.
An dem Kodo war noch genug Fleisch dran, um genug gierige Mäuler satt zu machen.
Tojingo setzte sich in den Schatten des noch lebenden Kodos vor ihm und lehnte sich an das altersschwache Tier. Man roch, dass es bald sterben würde, aber das störte Tojingo reichlich wenig. Auch er selber roch nach Tod. Außerdem hatte er andre Sorgen als so etwas.
Vor lauter Kraftlosigkeit ließ außerdem Schlaf nicht lange auf sich warten.
Noch sanfte Sonnenstrahlen kitzelten Tojingo wach, der sich nach der Nacht deutlich besser fühlte.
Dennoch – als er versuchte, aufzustehen, krachte er mit voller Wucht auf den trockenen und steinharten Boden auf dem Kodofriedhof. Und wieder war seine Haut offen. Zu allem Unglück war bei ihm die Regeneration, die für Trolle so typisch war, weitaus weniger stark ausgeprägt. Hier schlugen unglücklicherweise nicht die Gene seiner Mutter durch.
Sein Kreislauf spielte verrückt und ihm wurde schwarz vor Augen. Tojingo kam zwar recht schnell wieder zu sich, aber das Aufstehen war wieder eine genauso mühsame Aktion wie den Tag davor. Das Gehen bereitete ihm sichtlich Mühe. Er kam nur langsam voran – wie eine wandelnde Mumie schritt er im Schutze der Schatten.
Ohne diese Fähigkeit, die Schatten zu benutzen, wäre wohl seine Überlebenschance gleich null gewesen. Seine Schritte wurden immer zäher und erst in später Nacht erreichte er völlig ausgelaugt Schattenflucht. Tojingo wusste selber nicht recht, wie er es wieder einmal lebend nach Hause geschafft hatte.

„Tanzil…“
Der Hexendoktor schlug die Augen auf.
Da röchelt jemand meinen Namen! Ist das…?! Und dieser jemand fiel genau in diesem Augenblick unerwartet auf ihn.
Als er sich unter dem Gewicht auf den Rücken wälzte, sah er Tojingo zusammengesackt auf seiner Brust liegen.
Es war das erste Mal, dass Tojingo mich beim Namen genannt hat… Leider unter geradezu unpassenden Umständen, denn Tojingo war verletzt – und er auch.
Es schien, als ob es bei Tojingo die Regeneration nicht sonderlich stark ausgeprägt war, denn er blutete überall, mal mehr mal weniger. Tanzil spürte, wie warmes Blut auf seinen Körper rann.
Tojingo stützte sich mühevoll auf den Händen auf, sodass er Tanzil ins Gesicht blicken konnte. Schmerz war darin zu sehen - in diesen weiß-blauen Augen, aber nicht nur physischer Schmerz, sondern auch psychischer, der viel schlimmer war als alles äußerlich körperliche Erfahrbare.
Dennoch grinste er als ob nix gewesen wäre. „Isch hab wieda Mist gebaut…“ benutzte Tojingo als Ausrede, um nicht sagen zu müssen, was ihm wirklich so zugesetzt hatte.
„Idiot…“ murmelte Tanzil, bevor Tojingo wieder auf ihm zusammenbrach.
„Ich kann doch auch nix machen…“ Tanzils war immer noch von den Händen bis zu den Ellenbogen mit dicken Zweigen und Verbänden geschient.
Schmutz klebte überall an Tojingos Körper. Er roch nach Erde, Blut und Tod.
„Tojingo, ich kann dich so nich’ heil’n.“ stieß der Hexendoktor hervor. „Du solltest lieber ins Zelt deiner Eltern gehen…“
„Egal… So schlimm sin de äußrän Verlätzung eh nich, aber se sin erträglicha, wenn du da bis’.“
Tojingo umarmte Tanzil plötzlich – einfach so.
Ein Wimmern war zu hören und Tanzil spürte, wie Tränen an seinem Hals herunterliefen. Oder war es bloß der Regen, der noch aus Tojingos Haaren tropfte?
Tanzils Augen weiteten sich in Erstaunen, aber anstatt Tojingo wegzudrücken, erwiderte er die Umarmung und versuchte, ihn zu beruhigen. Tojingo klammerte sich geradezu an dem Hexendoktor fest.
“Ssssch…“
Der Tanzil eigentlich so kaltherzig und gefühllos vorkommende Troll weinte.
„Was is los?“ fragte Tanzil besorgt, aber er bekam als Antwort nur ein Schluchzen zu hören.
Tanzil biss sich auf die Unterlippe. Er wusste nicht Recht, was er von der ganzen Sache halten sollte.
Der verletzte Troll in seinen Armen bewegte etwas in seinem Inneren, aber er kannte keinen Namen dafür.
Danke, dass du mich einfach hältst, Tanzil… Bei dir fühl ich mich sicher…
Tojingo hatte all sein Vertrauen verloren, zu allen. Nicht einmal seine Zieheltern waren eine sonderliche Ausnahme. Aber der plötzlich aufgetauchte Hexendoktor hatte irgendwie alles verändert. Er konnte sich diese Gefühle nicht erklären, aber er fühlte sich zum ersten Mal seit langem wieder geborgen.
Schnell schlossen sich seine Augen und er war im Reich des Traumes.
Auch Tanzil schlief bald darauf wieder ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte und Tojingo noch auf seiner Brust lag, errötete er deutlich.
Ihm war die ganze Situation ein wenig peinlich.
Als Tojingo aufwachte, blieb er noch ein wenig so liegen. Die wärme einer andren Person tat ihm gut.
Als er zu Tanzils Gesicht aufblickte, sah er die leicht rote Färbung und grinste.
„Stöät’s dich?“ fragte Tojingo schnippisch.
Tanzil wollte nicken, schüttelte aber automatisch den Kopf.
„Na eben, also ställ dich nich so an!“

Tojingo spürte über die weitere Zeit hinweg Tanzils immer größer werdenden Verdruss über seine stetig anhaltende Verschlossenheit. Der Schurke war aber im Alleingang so krankhaft auf der Suche nach einer Erklärung für die Überfälle durch die Nachtelfen und so im Selbstmitleid versunken, dass er sich kaum einen Gedanken daran verschwendete, warum Tanzil sich auch zusehends schlechter in seiner Gegenwart fühlte. Auch plante er schon ausführlichst seine Rache an den ungeliebten Verfolgern.
Obwohl der Schurke Tanzil ernsthaft lieben gelernt hatte, konnte er es ihm nicht zeigen. Zu verhärtet war die Ausdrucksweise seiner Gefühle.
Er meinte, dass Tanzil das genaue Gegenteil von ihm war und seine Pläne kaum befürworten würde. Der Hexendoktor hatte dem Kämpfen offensichtlich abgeschworen. Das merkte man nicht nur, weil er sich äußerst ungern in irgendeinen Kampf begab. Nein, Tojingo spürte es auch an dessen Verhaltensweise und ganzen Art. Vor Tanzil selber ging nie ein Fünkchen Aggression aus.
Er wusste nicht, dass Tanzil ihn trotz anderer Grundhaltung unterstützen würde und kapselte sich stetig weiter ab.
Hätte Tanzil ihm nicht letztendlich eines Nachts nach ein paar Monaten so richtig die Meinung gesagt, wäre Tojingo wohl nie aufgewacht, denn er hatte sich zu sehr in die ganze Sache reingesteigert, ohne wirklich etwas gegen die Nachtelfen zu unternehmen.
„Verdammt nochma’, hör auf, mich so zu quälen! Es geht nicht nur um dich und hör endlich auf, im Selbstmitleid zu versinken! Ich will dir helfen, aber du lässt mich nicht! Du kommst ständig zu mir, aber redest kein Wort Maaann! Es stört mich, dass ich nich’ weiß, was mit dir los ist ey! Wieso lässt du MICH leiden und nicht die, die dir so wehtun? Mach die lästigen Naga alle, die Nachtelfen, die Brennende Legion, feindliche Trolle, Allianzler oder sonst wen nieder, ABER NICHT MICH! Und wenn du es allein nicht packst, dann frag mich um Hilfe, aber ignorier mich nicht Maaann!“ Tojingo hatte sich nie vorstellen können, dass Tanzil zu solchem Zorn fähig war, aber der Dunkelspeertroll vor ihm kochte.
Tanzil wusste mehr als Tojingo recht war. Obwohl er nie ein Wort in die Richtung fallen gelassen hatte, konnte Tanzil manchmal bis in seine Gedanken vordringen.
„Du verhälts dich schrecklich! Du musst dich nicht wundern, dass du mit solch einem miesen Verhalten, was du eindeutig an den Tag legst, dasselbe im Gegenzug von anderen erntest! Scheinst ja immer so drauf zu sein!“
Tojingos Rücksichtslosigkeit war allgegenwärtig und sogar Tanzil bekam sie zu spüren.
Es war offensichtlich, dass Tojingo einen Hass auf alle Wesen bis auf die vier Ausnahmen verspürte: Tanzil, Sheyla, Arton und die Goblins. Dennoch litten auch sie.
Tanzils Standpauke weckte Tojingo zwar auf, aber er wollte der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen... vorerst.

Tojingos ‚Terrorgebiet’ weitete sich bald aus, ebenso wie sein Hass. Eigene Probleme wurden bei ihm grundsätzlich auf andre Wesen gerichtet.
Er sammelte immer mehr Anhaltspunkte, wer diese Nachtelfen waren, die ihn in Desolace immer wieder aufsuchten.
Doch eher zufällig gelangte er zu dem Nachtelfenstützpunkt – der Nigelspitze, die er entdeckt hatte, als er den Satyrn gerade die Hölle heiß machte, um sich abzureagieren. Er schnüffelte ein wenig herum: Nun hielt Tojingo nichts mehr in Desolace und er begann seine große Reise in die weite Welt. Die Spuren dieser Wesen mussten weiterverfolgt werden. Warum waren sie denn nun gerade hinter ihm her? Darauf hatte er leider noch keine plausible Antwort gefunden.
Und weil er Tanzil nicht mit in seine Probleme hineinziehen wollte und sich gar nicht erst traute, ihn um Hilfe zu bitten, weil Tojingo ihn schon seit Wochen ignoriert hatte, verschwand er eines Nachts ganz plötzlich aus Schattenflucht und machte sich auf den Weg nach Orgrimmar, um sich für die Horde zu melden, da es so für ihn am leichtesten war herumzukommen, Nachforschungen anzustellen und das nötige Kleingeld für seine Unternehmungen zu besorgen. Außerdem war es von dort am leichtesten, wieder mit den Goblins in Kontakt zu kommen.
Tojingo sollte nie mehr nach Schattenflucht zurückkommen.

Die Trolle von Schattenflucht fanden Razzlin und seine Familie am nächsten Morgen verstümmelt auf ihren Fellen liegen – jeder mit einem riesigen Schnitt einmal quer übers Gesicht.
Als Tanzil davon erfuhr, wurde er bleich. Tojingo hatte das für ihn getan.

In Beutebucht klopfte es zurück in der Gegenwart unerwartet an der Tür.
Tanzil wusste, dass es Zarnarion war.
 
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