Gesichter und Geschichten

Rién

Quest-Mob
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Oh ja lange ist es her seid meinem letzten Blog und auf meinem Papierstapel sammeln sich eigentlich die Bilder und Ideen, die ich einfach nicht mal schaffe zusammenzubekommen.
Nunja.. also endlich einen nachgeholten Blog von mir.

Ich habe es mir endlich gegönnt und meinen Gutschein eingelöst, den ich seid meinem Geburtstag bei mir herumliegen hatte. Was dieser beinhaltete? Zwei wunderschöne Tage in Rothenburg ob der Tauber, dem kleinen vom Mittelalter nie verlassenen Städtchen. Viele Museen, viele Sehenswürdigkeiten, viele Veranstaltungen, aber was hab ich zu tun? Klar... irgendwo in die Pampa setzen und zeichnen.
Aber ich habe ein paar wirklich interessante Motive gefunden, wobei es sich natürlich nicht um malerische Landschaften handelte. Nein, ich habe sehr interessante Personen getroffen. Leider reichte die Zeit nur um drei von ihnen aufs Papier zu bringen (Ja ich zeichne eben nicht so schnell.). Aber diese drei stelle ich euch gerne einmal vor:

Der Nachtwächter:

Der Nachtwächter ist eine kleine "Attraktion" in Rothenburg. Ein Mann, der sich jeden Abend als einer der alten Nachtwächter verkleidet und einen Pulg von Menschen etwa 1-2 Stunden durch die ganze Stadt führt und eine Reihe an Geschichten über die Stadt und das Mittelalter auf Lager hat. Um Punkt 10 bläßt er nach alter Manier das Horn und singt auch sein "Nachtwächterlied", das in etwa so ging:

"Hört ihr Leute, lasst euch sagen,
auf dem Turm hats zehn geschlagen,
zehn Gebote setzt Gott ein,
gib das wir gehorsam sein.
Lobet den Herrn."


Er war mit der Grund, dass ich überhaupt nach Rothenburg wollte, hatte ich ihn doch vor etwa 7 oder 8 Jahren auf einem Schulausflug das erste mal gesehen, und er ist seidher in einigen meiner Geschichten wieder aufgetaucht.

[...]Der Blick des Schriftstellers schweifte weiter über die nasse Straße. Da fiel ihm plötzlich eine finstere Gestalt auf, die vollkommen im Schatten verborgen war. Hätte nicht die Glut einer Zigarette aufgeflammt, hätte John ihn wohl übersehen. Ein röchelndes Husten ertönte, dann wurde die Zigarette in den Schlamm geworfen, wo sie erlosch. Die Gestalt trat aus dem Schatten, doch es war immer noch zu finster, als das John sie hätte erkennen können. „Liebe Leute lasst euch sagen, die Uhr hat so eben geschlagen, der Zeiger steht auf Tot und meine Hände werden blutrot...“, begann die Gestalt mit einer kratzigen Stimme zu singen und zwei gelbe Katzenaugen funkelten in dem finsteren Gesicht auf. Einige Mondstrahlen drängten sich durch eine breite Wolke und strahlten auf die Gestalt herab. Endlich konnte John etwas erkennen. Es schien ein Mann zu sein. Sein Körper war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, an dem viele eingetrocknete Blutflecken zu erkennen waren. Die breite Krempe seines Hutes schloß fast mit dem hochgestellten Kragen ab, so das nur ein Teil des blassen Gesichtes zu sehen war.[...]

So war es für mich natürlich ein tolles Erlebnis zu sehen, dass er auch nach all den Jahren immer noch nachts durch die Straßen streift, und ich konnte nicht widerstehen ihn auf Papier zu bannen. (Siehe Blog-Bild.)

Der Straßenclown:

Laut jauchzend und lachend ist mir diese freundliche alte Dame auf dem Marktplatz von Rothenburg begegnet. Mit stolzen 97 Jahren saß sie dort auf ihrem Stuhl und spielte in farbenfroher Kleidung und mit einer großen Blume am Hut auf ihrer Ziehharmonika oder "hüpfte" durch die Menschenmengen und brachte mit ihrer unheimlich fröhlichen Art viele zum lächeln. Ich setzte mich an der Rathaustreppe zu ihr und redete mit ihr, und ich kann einfach nur sagen, dass sie eine unheimlich interessante Person war (was wohl auch einige Reporter schon dachten, zeigte sie mir doch stolz einige alte Zeitungsausschnitte). Sie erzählte mir, dass sie damals von Israel herüber gekommen war und ihre Familie unter Hitler die viert ärmste gewesen war. Aber das ihr das auch gezeigt hatte, dass es immer jemanden gab, der ärmer dran sein konnte, als man selbst.
Zudem erzählte sie mir eine sehr schöne Geschichte von einem Freund, den sie in Israel gekannt hatte. Sie klang ein bisschen wie das umgedrehte Aschenputtel. Lernte sie doch einen Mann kennen, der eher in unauffälliger Kleidung herumlief, und als er sie einmal zu sich einlud sah sie erst in was für einem "Schloß" er dort lebte, sie durfte dort in einer kleinen Kammer schlafen, und sogar in dem großen Pool baden. Sie besuchte ihn mehr als einmal, wie sie erzählte und er zählte wohl zu einem ihrer sehr guten Freunde. Doch verlies sie dann Israel.
Als sie einige Jahre später wieder einmal in die Stadt kam, wollte sie natürlich den alten Freund wieder besuchen, doch als sie sein Anwesen suchte fehlte bereits die riesige Mauer, die es einmal umschlossen hatte, und überall waren kleine Häuser gebaut worden. Als sie aber über das Türschild sein neues Zuhause gefunden hatte öffnete ein weißhaariger, dürrer Mann, der kaum noch etwas mit ihrem alten Freund gemein hatte. Er sah sie an, so sagte sie, und sagte nur, dass er sie nicht kenne, ehe er die Tür wieder schloß.

Mir war im Endeffekt egal, ob die Geschichte nun wirklich so geschehen war oder nicht, ich konnte zumindest nicht wiederstehen ein kleines Andenken in Form eines Portraits an sie zu behalten.

Der Musiker:

Den Musiker traf ich auf einer der Hauptwege, an einem Brunnen. Er saß dort mit seiner Gitarre und spielte so leidenschaftlich und sang, dass ich einfach stehen bleiben musste. Ich beobachtete, wie er nach jedem Lied seine Gitarre küsste, ehe er weiter spielte.
Es war eher traurig zu sehen, dass so viele an ihm einfach vorbeigingen, also setzte ich mich zu ihm und begann ihn zu zeichnen, und mich etwas mit ihm zu unterhalten. Leider hatte ich wesentlich weniger Zeit dazu als ich es mir gewünscht hätte, war er doch wirklich freundlich und sehr interessant.
Er war ein wenig gerührt, dass ich ihn zeichnen wollte und erzählte mir, dass er einen bekannten Künstler kenne, der auch schon oft gefragt hatte ob er ihm Model stehen würde, aber er hatte nie eingewilligt.
Aber das beeindruckenste für mich persönlich, was er sagte war folgendes:
"Jeder von uns braucht doch eine Aufgabe.. und meine ist es eben meinen Gitarrenkasten aufzubauen, zu spielen und dann wieder einzuräumen und weiterzugehen, so hat man immer etwas zu tun..."
Vielleicht mag es auch einfach die Art und Weise gewesen sein, wie er es gesagt hatte, aber das war etwas, was in meinem Gedächtnis hängen blieb.
Im Großen und Ganzen zeigte mir dieser Ausflug eigentlich, dass man gelegentlich auch auf Personen, an denen man sonst einfach so vorbeigeht einfach mal zugehen sollte um mit ihnen zu sprechen...
 
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