niênna - Das verrückte Huhn

windtaenzer

Quest-Mob
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Der Fußweg vom Dunkelmond-Jahrmarkt zurück nach Sturmwind hatte einen schnellen Ausnüchterungsprozess zur Folge. Die Aufmerksamkeit, die ich dem spärlich beleuchteten Weg bei Nacht widmen musste, ließ meine Betrunkenheit im Nu verfliegen. Nach dem langen, anstrengenden Arbeitstag in den Todesminen, dem Verlies und Gnomeregan beschloss ich sogar, noch einen kleinen Auftrag zu erledigen, der mir schon lange auf der Seele brannte. Da ich hierzu nach Westfall reisen musste, wohin mich meine Reisen bislang nicht führten, war die Aufgabe beinahe in Vergessenheit geraten.

Aus Bequemlichkeit buchte ich einen kostengünstigen Nachtflug auf dem Greifen, obgleich Westfall im Prinzip ja nur einen Katzensprung von Sturmwind entfernt ist. Dementsprechend kurz war die Reise … und groß das Erstaunen, als ich – gerade eben abgesessen – von einer jungen Menschen-Frau freudig begrüßt wurde. Es stellte sich heraus, dass sie eine sehr gute Bekannte meiner so vermissten, mütterlichen Freundin Olivinia ist, die mir liebe Grüße ausrichtete und sich anbot, mich ein Stück des Weges zu geleiten. Wie ich mich freute!

Madlin zeigte dieselben Züge wie Olivinia. Fürsorge und Weisheit manifestierten sich in ihren Handlungen. Begeistert führte sie mich durch die trostlosen, braunen Felder Westfalls, vorbei an wütenden Erntegolems und verlassenen Gehöften. Zielstrebig steuerte sie auf eine Ruine zu, in der sie den Kompass vermutete, den ich meinem Auftrag entsprechend abholen sollte. Ich genoss jede Sekunde ihrer Anwesenheit und musste innerlich sehr über die Ähnlichkeit der beiden Menschen-Frauen lächeln. Das alte Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“ kam mir in den Sinn und ich konnte nicht umhin, Madlin mein Herz zu öffnen. Ich glaube, ich habe eine neue Freundin gefunden!

Nachdem wir meine Aufgabe erfüllt hatten, bat sie mich, ihr noch ein wenig Gesellschaft zu leisten. Sie meinte, die Gespräche mit ihrem Begleiter, dem blauen Leerwandler, seien immer so eintönig. Außerdem wäre er immer recht übellaunig und unwirsch. Da ich mich in ihrer Nähe sehr wohlfühlte, ließ ich mich nicht lange bitten. Wir beschlossen, die Felder ein wenig von den streitsüchtigen Erntegolems zu säubern und marschierten querfeldein. Als wir an einem noch bewohnten Bauernhof ankamen, hatte Madlin plötzlich eine verrückte Idee. Sie fragte mich, ob ich denn bereits ein Haustier besäße. Als ich bejahte und erwiderte, dass ich für meinen Begleiter pünktchen eine kleine Katze in Pflege genommen hatte, lachte sie und meinte, ich bräuchte noch ein Huhn! Ein Huhn also, weshalb auch nicht?!

Madlin erklärte mir, dass der Bauer jedem, der eines seiner Hühner dazu brächte, ein Ei zu legen, dieses schenken würde. Daraus schlüpfe dann natürlich ein Huhn, das ein ebenso treuer und anspruchsloser Begleiter wie jedes andere Haustier würde. Sie schlug vor, so zu tun, als seien wir auch Hühner und das Federvieh durch unsere Gesellschaft dazu zu bringen, vor Freude ein Ei zu legen. Gesagt getan! Also stolzierten wir um das ausgewählte Huhn herum und lockten es fortwährend: „Komm, puuuut put puut!“ Anfangs mussten wir sehr lachen und neckten uns gegenseitig. Der Bauer beobachtete uns dabei missfällig. Dass wir uns vor der gesamten Nachbarschaft mit unserem Gebaren lächerlich machten, störte uns nicht.

Der Spaß an der Sache ging jedoch schnell verloren, als sich herausstellte, wie schwierig die Aufgabe sich gestaltete. In dem Herumtollen ist es mir dreimal passiert, dass ich das Huhn aus Versehen mit meiner scharfen Klinge streifte und es ungewollt tötete. Der Bauer war darüber sehr erzürnt und mahnte uns zur Mäßigung. Die getöteten Tiere musste ich natürlich ersetzen. Nur seiner Nachsicht und sicherlich auch Freude über unseren weiblichen Besuch hatten wir es zu verdanken, dass wir einen vierten Versuch gestattet bekamen. Und endlich funktionierte es! Nachdem wir wiederum unzählige Male um das Huhn herumstolziert waren und etwas Futter besorgt hatten, legte es endlich das ersehnte Ei! Ich war erleichtert, denn von dem vielen „puuuut putt puut“ fühlte ich mich selbst schon wie ein Federvieh.

Nachdem wir uns von dem Bauern verabschiedete und herzlich bedankt hatten, trennten sich dann Madlins und meine Wege. Nun hatten wir neben der gemeinsamen Freundin eine zusätzliche Gemeinsamkeit: das gleiche Haustier. Nachdenklich wanderte ich mit meinem tierischen Hausstand Richtung Greifenmeister. Erst jetzt kam mir in den Sinn, dass mein wackerer Kampf-Gefährte pünktchen den neuen Begleiter nicht dulden könnte. Aber ich hatte nichts befürchten, denn als ich das Huhn vorsichtig freiließ, beschnupperte er es freundschaftlich und griff es nicht an. Offenbar sind meine Freunde auch die seinen.

Glücklich, aber auch völlig erschöpft, stimmlos und mit schmerzenden Füßen erreichte ich Sturmwind, wo ich nach einem kleinen Mondscheinspaziergang durch die wunderschöne Parkanlage am frühen Morgen endlich im Gasthaus einkehrte und an einem voll besetzten Tisch mit freundlichen Fremden bei einem Gläschen Pinot Noir ausnahmsweise einmal deren Geschichten lauschte.

niênna
Jägerin der Nachtelfen
am frühen Morgen 10. Tag des 9. Mondes im Jahr 2007 Darnassischer Zeitrechnung
 
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