Gilmenels Geschichte

59. Turm


Sie drehte den Kopf des toten Nachtelfs zu sich. Ihre blauen Augen funkelten dabei verächtlich.
„Die geben wohl nie auf, Kromzak?", grummelte sie.
„Vermutlich nicht.", schüttelte der Ork, der neben ihr stand, den Kopf, „Sie meinen dies sei ihr Land."
„Ah, ihr Land! Natürlich.", sagte die Hochelfe düster, „Nur weil sie meine Vorfahren damals in das
Exil getrieben haben. Naja, lass sie nur kommen."
Sie lies den Kopf fallen, und begann irr zu lachen.
„Manchmal machst du selbst mir Angst, Aliasane.", grinste der Ork sie an.
Die Hochelfe stand auf und drehte sich dem Ork zu. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Arrogant, hochnäsig und eigennützig sind diese Nachtelfen. Als es am Hyal um Kopf und Kragen
ging, da war dein Volk gut genug um gegen den Feind zu kämpfen.", sagte sie, „Oder nimm die
Tauren in alten Zeiten. Man nannte sie wertvolle Verbündete, aber später wendete sich das Blatt.
Nein, ich sage dir, diese Nachtelfen sind keinen Deut besser als alle anderen Völker."
„Mag sein, dass du Recht hast.", nickte der Ork.
„Das habe ich immer.", sagte sie von sich selbst voll überzeugt, „Lass uns zum Turm zurückkehren.
Hier haben nur noch die Geier etwas zu tun."
Die blonde Elfe führte ihren Trupp zurück in die Klippen an der Küste von Azshara. Das
Küstengebirge fiel steil in die große See ab. Der schmale Pfad schlängelte sich dicht am Abgrund
dieser enormen Steilküste entlang. Kein Heer könnte je diesen Pfad benutzen. An manchen Stellen
war er so eng, dass ein Fehltritt den sicheren Sturz in den tödlichen Abgrund zur Folge gehabt hätte.
Er führte durch Felsspalten und natürliche Höhlen. Am Ende einer der kürzeren Höhlen öffnete sich
ein grüner Kessel vor ihnen. Umrahmt von senkrechten Felswänden auf drei Seiten und einer
unbezwingbaren Steilküste auf der anderen stand der Turm. Er war eine der alten Ruinen des
ehemaligen Nachtelfenreichs. An seiner Seite standen verschiedene grob gezimmerte Hütten und
Zelte. Eine kleine Quelle an einer der Felswände speiste einen Bach, der sich durch die Hütten und am
Turm vorbeischlängelte, bevor er in einen grandiosen Wasserfall ins Meer stürzte. Kromzak und der
Trupp wandten sich den Hütten und Zelten zu. Aliasane ging alleine über die Brücke, die über den
Bach direkt in den Turm führte.
„Kromzak!", rief sie dem Ork zu ohne sich umzudrehen, „Komm in einer Stunde zu mir in den
Turm."
Ohne eine Bestätigung des Orks abzuwarten verschwand sie im Turm. Sie stieg die Treppen hinauf
bis in seine Spitze. Das Gemach in der Turmspitze war karg eingerichtet. Viele ihrer Leute hätten sich
darüber gewundert, wenn sie an den mächtigen Zaubersprüchen vorbeigekommen wären, die die
Zugangstreppen schützten. Einzig Kromzak gestattete sie hin und wieder den Zutritt.
Der Raum schien zweigeteilt zu sein. Auf der einen Seite waren ein Bett, eine Kommode und ein
Schrank. In der Mitte des runden Raums standen gegenüber dem Treppenzugang ein Tisch und vier
Stühle. Jenseits des Tisches war die zweite Hälfte des Raums mit Büchern und einem Alchimielabor
ausgefüllt. Aliasane nahm einen scheinbar unbedeutenden Stein vom Tisch des Labors und rieb ihn in
ihren Händen. Der Raum schien sich trotz der Fenster, durch die die Sommersonne herein schien, zu
verdunkeln. Aliasane schloss die Augen. Sie taumelte und fiel zu Boden.


„Was willst du?", flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.
„Die Nachtelfen hier werden langsam lästig.", antwortete Aliasane, „Es ist nur noch eine Frage der
Zeit, bis sie unsere Zuflucht entdecken."
„Was hat das mich zu interessieren?", raunzte die Stimme sie an.
Aliasanes Gedanken zuckten zusammen.
„Aber …", stammelte sie, „Vater, du bist doch an diesen Ort gebunden. Ich denke nicht, dass sie viel
Verständnis für eine Geisterpräsenz hätten."
Die Stimme schien zu zögern. Aliasane kam die Zeit auf jeden Fall sehr lange vor.
„Hmm, ja das stimmt.", sagte die Stimme nachdenklich, „Aber es gibt Möglichkeiten."
„Welche den?", fragte Aliasane etwas ungläubig.
„Vernichte sie alle.", sagte die Stimme kühl.
„Wie denn?", antwortete sie, nachdem sie die Ungeheuerlichkeit dieses Rates erst einmal in ihren
Gedanken beiseite geschoben hatte.
„Ich habe dir all mein Wissen weitergegeben.", sagte die Stimme zornig, „Nun ist es an dir es zu
nutzen."
„Die Handvoll Räuber und Schläger hier werden mir dazu kaum reichen.", überlegte sie.
„Nein, das werden sie natürlich nicht. Ich weis eh nicht, was in dich gefahren ist, dich mit einem
solchen Lumpenpack abzugeben.", sagte die Stimme etwas gereizt, „Such dir andere, mächtigere und
edlere Verbündete."
„Wen denn?", fragte sie die Stimme knapp.
Aliasane war es leid sich seine Vorwürfe über ihre Lebensweise anhören zu müssen. Schließlich hatte
er sie alleine zurückgelassen. Und trotzdem hatte sie sich, als sie von seinem Tod erfuhr, mit Kromzak
nach Tanaris begeben. Sie wusste von dem Seelenstein, den ihr Vater stets bei sich trug. Allerdings
kamen sie zu spät um seinen Körper zu retten. Sie kehrte daher mit dem Stein zurück zum Turm in
Azshara. Um die schwindenden magischen Energien des Steins zu stützen, band sie ihn für immer an
die des Turmes.
„Die Zeiten haben sich geändert.", begann die Stimme zu erklären, „Alte Wunden klaffen erneut auf.
Nutze sie geschickt aus."
„Ich denke ich weis, was du meinst.", nickte Aliasane, „Ich glaube eine fähige Hexenmeisterin findet
da schnell Anschluss."
„So gefällst du mir besser.", schien die Stimme zu grinsen, „Aber zeige ihnen nicht deine ganze
Macht. Behalte dir stets einen Trumpf im Ärmel. Du wirst ihn beizeiten gut brauchen können."
Aliasane lachte im Gedanken laut auf.
„Du weist doch wessen Tochter ich bin.", sagte sie der Stimme, „Aber du sagtest vorhin es gibt
Möglichkeiten. Was noch?"
Die Stimme schien sich wieder etwas Zeit für die Antwort zu nehmen.
„Mein Geist könnte reinkarniert werden.", sagte sie letztendlich.
„Das Thema hatten wir schon einmal.", schüttelte Aliasane im Gedanken heftig den Kopf, „Du
würdest einen lebenden Verwandten dazu brauchen. Also mich. Doch dazu hast du mich zuviel
gelehrt, Vater. Ich bin nicht bereit meine Persönlichkeit aufzugeben, um eine Mischung aus uns
Beiden zu werden."
„Nun denn. …", begann die Stimme des Vaters.
„Wir müssen uns trennen.", sagte Aliasane plötzlich, „Kromzak ist am Eingang zum Turm."


Sie unterbrach die Gedankenverbindung zum Seelenstein ihres Vaters. Langsam kam ihr Bewusstsein
zurück. Die Umgebung nahm wieder Formen an. Sie setzte sich auf. Sie stand auf und legte den Stein
wieder auf den Labortisch.
‚Die Nachelfen vernichten.', dachte sie skeptisch, ‚Das haben schon andere versucht, und sind
gescheitert. Außerdem wozu brauche ich ihn noch? Er kann mir nichts mehr beibringen. Aber mit
einem hat er Recht. Es wird Zeit für eine Veränderung.'
Sie hörte wie der Ork die Treppe heraufstapfte. Sie machte eine flüchtige Handbewegung. Der
Schutzzauber vor ihrem Raum würde ihn nun durchlassen.
„Ah, Kromzak. Pünktlich wie kaum ein anderer Ork.", sagte sie ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Nun, ich habe einfach nur keine Lust zu erfahren, was es bedeutet unpünktlich bei dir zu sein.",
schnaubte der Ork.
„Sehr weise.", lächelte sie sadistisch als sie sich ihm zuwendete, „Nun, was haben wir für Beute
gemacht?"
„Wenig.", grunzte Kromzak, „Diese Cenaristen legen einfach zu wenig Wert auf Besitztümer."
„Nunja, schade.", zuckte sie mit den Schultern, „Ich hoffe, die Leute haben aber doch das ein oder
andere gebrauchen können."
„Ein bisschen Stoff da, eine alte Waffe dort.", sagte der Ork abschätzig.
„Das nächste Mal wird es wieder besser.", sagte sie dem Ork in dem Wissen, dass ihr die Leute hier
solange problemlos folgten wie die Beute stimmte, obwohl sie noch andere weit zuverlässigere
Möglichkeiten hätte ihren Gehorsam zu erzwingen, doch diese wollte sie nicht unbedingt einsetzen.
Es war besser, dass sie es aus freien Willen taten.
„Gut.", nickte der Ork, „Etwas fettere Beute wäre wieder wünschenswert."
„Es wird so geschehen.", sagte sie streng, „Du kannst nun gehen."
Der Ork drehte sich um und wollte gerade die Treppe betreten, als er sich zu ihr umdrehte.
„Ach, hier ist noch etwas.", sagte er und zog einige Blätter Papier aus seinem schäbigen braunen
Lederwams, „Wir haben sie in einer Holzschatulle gefunden."
Er hielt Aliasane die leicht zerfetzten Seiten hin.
„Was steht da drin?", fragte sie nebensächlich.
„Ich kann es ich nicht lesen.", erklärte der Ork, „ Es ist nicht Orkisch."
Aliasane nahm ihm die Blätter gleichgültig ab.
„Ich werde es mir einmal ansehen.", sagte sie beiläufig, „Nun geh."
Der Ork grunzte noch kurz und stieg die Treppe hinunter. Aliasane schmiss die Blätter auf den Tisch
in der Mitte des Raumes. Was immer es sein mochte, dachte sie, es muss warten. Sie widmete sich
ihrem Alchimielabor. Einige Experimente mussten dringend zu Ende geführt werden.


Als sie am nächsten Morgen aus ihrem Bett aufstand, fiel ihr Blick auf die Blätter Papier, die ihr
Kromzak gegeben hatte. Sie nahm sie und begann sie zu lesen.
„Was bei allen Dämonen!", rief sie.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und lies ihre Blicke hastig über die Seiten gleiten. Ihre Hände begannen
zu zittern.
„Das kann nicht wahr sein!", stammelte sie.
Sie untersuchte die Blätter genau. Sie las den Text nochmals durch.
„Kromzak!", rief sie und winkte mit ihrer linken Hand ohne von den Seiten aufzusehen.
Eine violette Kugel flog wie ein Blitz von ihrer Hand zum nächsten Fenster, und durch dieses
hindurch. Kromzak erschien eingehüllt in einem violetten Schein neben ihr. Er schaute sich verdutzt
um und zog sich eilig seine Hose hoch.
„Wo habt ihr diese Seiten gefunden?", fragte Aliasane eindringlich und hielt ihm diese unter die Nase.
„Öhm, ich war gerade beim Anziehen.", sagte der Ork trotz seiner imposanten Größe schüchtern.
„Das ist unwichtig.", sagte die Hexenmeisterin ungeduldig, „Denkst du ich habe noch nie einen
nackten Ork gesehen? Die Seiten?"
„Nun, sie waren in einem Holzkästchen.", erklärte der noch immer verdutzte Orkkrieger.
„Das hast du schon gestern gesagt.", sagte Aliasane mit ihrer Geduld ringend, „War es bei der Beute
von gestern?"
„Ja, es war im Beutel eines Elfs.", fuhr der Ork fort.
„Eines Elfs?", wiederholte Aliasane ungläubig, „Ganz sicher keiner Elfe?"
„Nein, ganz sicher nicht.", nickte der Ork heftig, „Den habe ich mit meinen eigenen Händen getötet.
Da erinnere ich mich noch deutlich dran. Außerdem waren es sowieso nur Männer. Was ist daran so
aufregend? Es ist doch nur Papier."
„Ja, es ist nur eine Geschichte.", sagte Aliasane leise, „Aber sie ist unglaublich. Sie … "
Sie hielt kurz inne, und dachte nach.
„ … ist auf Thalassisch geschrieben.", fuhr sie fort, ohne das der Ork gemerkt hätte, dass sie etwas
ganz Anderes sagen wollte.
„Na und?", zuckte der Ork mit seinen Schultern.
„Diese Blätter sind eine Besonderheit.", sagte sie dem Ork, „Kein Nachtelf würde eine Geschichte auf
Thalassisch bei sich führen. Sie sprechen die Sprache nicht, und würden sie niemals erlernen, aber das
ist Geschichte. Bring mir das Kästchen."
Sie machte eine erneute Handbewegung, und der Ork war wieder in violetten Schimmer eingehüllt
bevor er verschwand. Aliasane las die Seiten nochmals durch. Sie legte sie nebeneinander auf den
Tisch. Es gab keinen Zweifel. Es war reinstes Thalassisch. Nur ein geborner Hochelf konnte so sicher
in dieser Sprache und vor allen in der komplizierten Schrift schreiben. Sie lehnte sich zurück und
begann zu überlegen.


Ein Schrei schreckte sie hoch.
„Entschuldige, Kromzak.", sagte sie im Gedanken, und machte eine kurze Handbewegung Richtung
Treppe, „Nun kannst du rauf kommen."
Der Ork hielt sich seinen linken Arm als er den Raum betrat.
„Nicht nett von dir.", grummelte er.
„Schon gut.", beruhigte sie ihn, „Das heilt schon wieder. Du wusstest ja wie du reagieren musst."
„Hier das Kästchen.", sagte Kormzak.
Er reichte der Hochelfe ein kleines Holzkästchen. Es war reich verziert mit allerlei Symbolen. Die
Schnitzereien stellten hauptsächlich Tiere und Pflanzen dar. Eine fein ziselierte Triade faszinierte sie.
„Das ist ein wahres Meisterwerk.", sagte Aliasane beeindruckt.
Sie öffnete es. Die Innenseite war mit Blattornamentintarsien geschmückt.
„Ich behalte es.", sagte sie zu dem Ork.
Sorgfältig legte sie die Seiten in das Kästchen.
„Waren die Blätter der ganze Inhalt?", fragte sie den Ork mit funkelnden Augen.
„Ja, nichts weiter. Nur Papier.", zuckte er unter ihren hypnotischen Blick zusammen.
„Gut, ich denke ich kann dir glauben, alter Freund.", sagte sie und wandte ihren Blick von ihm ab.
„Was ist daran so wichtig?", schüttelte der Ork den Kopf.
Aliasane stellte das Kästchen behutsam auf den Tisch. Sie ging zu einem der am Boden liegenden
Folianten, und blätterte einige Zeit darin. Kromzak machte einen verlegenen Räusper.
„Was?", fuhr sie herum, „Ach Kromzak, du bist noch da."
„Ja, ist es wertvoll?", wollte der Ork wissen. Seine Augen funkelten vor Habgier.
„Ja, das ist es.", Aliasane lächelte ihn teuflisch an, „Aber nicht für dich. Nur ich kenne den wahren
Wert."
Sie drehte sich wieder um und widmete sich erneut dem Folianten. Der Ork wollte das Kästchen
aufheben.
„An deiner Stelle würde ich das lassen.", sagte sie scharf ohne sich umzudrehen.
Die Hand des Orks zog sich blitzartig zurück. Er wusste was die Hexenmeisterin vermochte.
„Das Kästchen ist nun verflucht.", erklärte sie nebensächlich, „Nur ich kann es jetzt öffnen."
„Ah gut.", raunte der Ork.
Sie drehte sich Kromzak zu. Den Folianten legte sie neben das Kästchen.
„Kromzak, ich kenne den Wert.", sagte sie nun schmeichelnd, „Ich weis wo der Schatz ist. Ich kann
uns zu ihm führen."
„Ein Schatz?", sagte der Ork und griff sich grübelnd an das Kinn.
„Ja, die Geschichte beinhaltet einen Schatz.", säuselte die Hexenmeisterin, „Es ist ein einmaliger
Schatz von unermesslichen Wert."
„Schatz…", sagte der Ork wie in Trance, „Wir müssen ihn suchen."
„Ja, das werden wir.", flüsterte die Elfe, „Wir beide. Wir sagen den Leuten Nichts."
„Sie werden aber fragen.", sagte der Ork.
„Nun, die letzten Raubzüge brachten schlechte Beute.", sagte sie listig, „Deshalb werden wir Astranar
überfallen."
„Das ist sehr weit und gefährlich.", sagte der Ork nachdenklich.
„Ja, aber der Schatz ist dort in der Nähe.", hauchte sie ihm bedöhrend ins Ohr.
Kromzak nickte ganz langsam mit dem Kopf. Aliasane fuhr herum und schaute zum Fenster hinaus.
„Versammle die Meute!", rief sie ihm zu, „Wir brechen auf!"
Kromzak verbeugte sich knapp und lief die Treppe eilig runter. Aliasane ging zum Labortisch und
nahm den Stein.


„Warum hast du mir nie davon erzählt?", tobten ihre Gedanken.
„Es war nicht wichtig.", sagte die Stimme des Vaters kleinlaut.
„Nicht wichtig?", Aliasanes Wut kannte nun keine Grenzen, „Du alter …"
„Schau, es war vor der Zeit mit deiner Mutter hier in Azshara.", versuchte sich die Stimme zu
rechtfertigen.
„Das ist kein Grund mir so etwas zu verheimlichen.", sagte Aliasane vorwurfsvoll, „Wer weis, was du
mir noch verheimlicht hast."
„Sonst nichts.", rechtfertigte sich die Stimme in ihrem Kopf, „Du kennst wirklich all mein Wissen und
alle meine Geheimnisse. Doch das war etwas, das ich vergessen wollte. Der Schmerz und der
Wahnsinn waren zu viel für mich damals. Die ewigen Vorwürfe und ständigen Fragen konnte ich
nicht mehr ertragen. Deshalb bin ich gegangen. Erst deine Mutter mit ihrer Einfachheit gab mir
wieder neuen Mut. Kannst du das verstehen?"
„Wenn ich nicht gerade so wütend wäre, ja.", stimmte sie der Geisterstimme ihres Vaters zu,
„Trotzdem ist es wichtig. Ich mache mich auf die Suche danach."
„Ich kann dich nicht daran hindern.", sagte die Stimme, „Sicher ist es deine Bestimmung. Sei
vorsichtig, meine Tochter."
„Vorsichtig?", grinste sie, „Das sollen die Anderen sein. Leb wohl."
Sie löste sich von dem Seelenstein.
 
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60. Poros

Der Poros floss träge seiner Mündung in den großen Anduin zu, während die Sonne sich langsam
dem westlichen Horizont näherte. Gilmenel hatte den Tag am Fluss verbracht. Es war einfach sehr
angenehm sich in seinen Fluten zu erfrischen. Nun saß sie an dessen Ufer und beobachtete die Wellen.
Sie fühlte sich seit sie Denken konnte zum Wasser hingezogen.
„Gilmenel?", flüsterte der Elb der hinter ihr stand.
Sie riss sich los vom Spiel der Wellen und schaute zu ihm auf.
„Verzeih mir, Lingolf, ich bin mal wieder in den Wellen ertrunken.", sagte sie nachdenklich.
„Ja, der Fluss und du.", antwortete der Elb sanft, „Man könnte manchmal meinen ihr wärt eines."
„Das Volk meiner Mutter liebt das Wasser seit Zeitaltern. Vermutlich habe ich diese Vorliebe von ihr
in die Wiege gelegt bekommen.", sinnierte sie, „Es war daher vielleicht eine glückliche Fügung, dass
uns dein Onkel damals die kleine Hütte an seinen Ufern überlassen hat."
„Oh ja, ein sehr glückliche.", sagte Lingolf mit einem sehnsüchtigen Blick.
Gilmenel schaute den stattlichen Elben schüchtern an.
„Ach, Lingolf, du weist, dass ich nicht darf.", schüttelte sie den Kopf.
„Ich gebe nicht auf.", sagte der Elb, als er sich zu ihr setzte und ihre Wange streichelte.
„Aber ich gehöre nicht zu eurem Volk.", sagte sie leise, und betrachtete nachdenklich ihr verzehrtes
Spiegelbild im Wasser.
Die ebenmäßigen und feinen Gesichtszüge und das volle schwarze Haar waren das wenige Elbische,
das sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Doch der Rest würde sie stets als eine Halbelbe kennzeichnen.
Gilmenel drehte ihren Kopf verlegen zu Seite. Sie sah die rote Scheibe der Sonne im Dunst den
Horizont berühren.
„Ich muss los.", sagte sie ernst, „Es ist schon spät und Mutter wird mich sicherlich schon erwarten. Sie
mag keine Unpünktlichkeit."
Lingolf seufzte. Sie waren beide fast zur selben Zeit geboren, und solange er denken konnte war er an
ihrer Seite. Doch nach all den Jahren der kindlichen Unschuld hatten sie Gefühle füreinander
entwickelt, die sie nicht länger verbergen konnten.
Gilmenel stand auf und hauchte den Elb einen Kuss auf die Wange.
„Du weist es, ich weis es und der Fluss weis es.", flüsterte sie ihm ins Ohr, bevor sie leichtfüßig in
Richtung ihrer Hütte loslief.

Eärdaliene ging unruhig unter dem Weidenbaum vor ihrer Hütte auf und ab.
„Verzeih mir Mutter.", sagte Gilmenel und sah sie mit großen Augen an.
„Gil, du musst …", begann sie ihre Tochter zu schelten.
Aber als sie die leuchtenden dunkelblauen Augen ihrer Tochter sah, fühlte sie sich zurückerinnert an
jene kleine Hüterin die vor langen Jahren gedankenverloren am Strand der Insel des heiligen Hains
die Zeit vergaß.
‚Sie hat einfach zuviel von mir.', dachte sie, ‚Diesen Blick kenne ich nur allzu gut.'
„Was lern ich heute, Mutter?", nutzte Gilmenel die Gedankenpause ihrer Mutter.
Sie wusste ihre Neugier und Wissbegierigkeit würden ihr schmeicheln. Eärdaliene riss sich aus ihren
Überlegungen.
„Wir werden uns der komplexen Mehrstimmigkeit widmen.", begann die ehemalige Matrone von
Ulmos Hain, „Du weist ja schon um einfache Mehrstimmigkeiten. Wir haben ja oft genug Duette
geprobt. Heute wirst du lernen ein Duett mit dir selbst zu singen."
„Das klingt interessant.", kicherte Gilmenel, „Aber wozu?"
„Etwas mehr Ernst, Gil.", sagte ihre Mutter streng, „Es ist die Grundlage für alle stärkeren Zauber.
Nun hör mir zu."
Ein Lied begann sich von Eärdaliene auszubreiten. Es näherte sich Gilmenel. Die komplexen
Harmonien, die die Elbe sang, verwoben sich mit der Wirklichkeit der Umgebung. Der Weidenbaum,
die Hütte und der Poros schienen kurz in einen weißen Nebel eingehüllt sein, bevor sie ganz
verschwanden. Aus dem Nebel tauchten silberne Bäume mit smaragdgrünen Blättern auf. Hinter
ihnen lag ein See in dessen Mitte eine gewaltige Wassersäule gesäumt von tausenden von Regenbögen
stürmisch in die Höhe schoss. Gilmenel blickte sich erstaunt um. Noch bevor sie alle Details dieser
Illusion erfassen konnte, wurde sie auch schon wieder durch die Realität an den Ufern des Poros
ersetzt.
„Mutter, das …", staunte sie, „ … Es war wundervoll."
„Ja, das war es.", erwiderte Eärdaliene etwas erschöpft, „Durch dieses Lied mit seinen komplexen
Harmonien hast du etwas gesehen, das es bereits nicht mehr gibt. Dies war die Wassersäule Ulmos im
heiligen Hain."
„Ist das nicht dort, wo du herkommst?", sah Gilmenel ihre Mutter fragend an.
Eärdaliene seufzte aus tiefster Brust, „Ja, das war meine Heimat."
Gilmenel wartete ab, bis ihre Mutter ihre Erinnerungen wieder abgelegt hatte.
„Nun, wo waren wir stehengeblieben?", begann Eärdaliene langsam, „Ahja, die Anwendung der
komplexen Mehrstimmigkeit. Ich denke dieser kleine Zauber hat dir deutlich gezeigt, zu was diese
Harmonien in der Lage sind."
‚Und zu noch viel mehr.', dachte sie für sich, ‚Aber ich hoffe dir das nie lehren zu müssen.'
„Ja, Mutter.", nickte Gilmenel eifrig, „Bring sie mir bitte bei."
Eärdaliene sah ihre Tochter lächelnd an. Sie wusste von wem sie diese Neugier, und vom wem sie
ihren Wissensdurst geerbt hatte.
„Also,", begann Eärdaliene mit dem Unterricht, „stell dir vor, du hast ein einfaches Lied."
Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont, während Gilmenel an den Lippen ihrer Mutter hing.

„Vater, Vater schau was ich gestern Abend gelernt habe.", rief Gilmenel aufgeregt ihrem Vater
entgegen als dieser am nächsten Morgen zur Hütte zurückkehrte.
„Du musst es sehen.", sagte sie als sie neben dem Pferd ihres Vater herlief.
„Später, Gil, später.", sagte ihr Vater müde, als er von seinem Pferd stieg und es in den Stall führte,
„Ich war lange unterwegs. Zuerst muss ich dringend mit deiner Mutter reden.", sagte er ernst.
Gilmenel blieb stehen. Sie blickte in das Gesicht ihres Vaters. Seine Augen leuchteten nicht so stark
wie sonst.
‚Irgendetwas muss ihn sehr bewegen.', dachte Gilmenel.
„Was ist los, Vater?", sagte sie sorgenvoll, „Gibt es schlechte Neuigkeiten?"
„Ja, Gil.", nickte er ihr kurz zu und verschwand in der Hütte.
Sie folgte ihn. Eärdaliene war gerade mit der Niederschrift eines Liedes beschäftigt, als sie Aliasan in
die Hütte eintreten sah. Sie erkannte sofort seine angespannte Stimmung.
„Liebster, was ist los?", sagte sie voll Besorgnis.
„Wir müssen hier fort, Eärdaliene.", sagte der Hochelf knapp.
Eärdaliene sprang auf und lies den Griffel mit den sie die kunstvollen Buchstaben auf das Pergament
schrieb fallen. Seine Tinte spritzte auf den Boden der Hütte.
„Dann ist es also wahr?", seufzte sie, als sie sich schwer wieder auf den Stuhl setzte.
„Ja, Landorian und ich sind weit in den Süden geritten und haben viele Haradrimsiedlungen
ausspioniert.", begann Aliasan zu erzählen, „Überall wo wir hinkamen, sahen wir Vorbereitungen für
einen Krieg. Die Feuer in den Schmieden waren überall von weiten bereits zu sehen. Eine richtige
Massenproduktion von Waffen und Rüstungen belegte ihre Ambosse. Reittiere und auch Kampftiere
wurden überall zusammengetrieben. Die Haradrim bereiten sich auf einen Krieg vor."
„Aber gegen wen?", sah Eärdaliene ihn ernst an.
„Nun, im Süden wäre keiner, den die Haradrim angreifen könnten.", erklärte der Magier, „Der
Dschungel dort ist fast endlos. Dahinter müsste dann irgendwo in weiter Ferne das Reich der Atalantë
liegen. Im Westen ist nur das Meer. Nein, wenn sie angreifen, dann nach Osten oder Norden."
„Nach Osten?", unterbrach Gilmenel ihren Vater, „Aber dort sind nur schroffe Berge."
„Das stimmt, kleine Gil.", sah sie ihr Vater nachsichtig an, „Doch dahinter ist ein Land, über das
Landorian nicht reden wollte. Trotzdem ritten wir nach Osten. Wir fanden keinen Pass über die Berge.
Deshalb begannen wir diesen unwirtlichen Höhenzug zu erklettern."
Aliasan hielt plötzlich inne und lies den Kopf sinken. Er zitterte am ganzen Körper.
„Mein Herz, was ist mit dir?", sagte Eärdaliene und nahm ihn in die Arme.
„Wir … wir …", begann Aliasan weiter zu erzählen, nachdem er sich kurz geschüttelt hatte, wie wenn
er einen bösen Traum vergessen wollte, „Wir konnten wirklich einen der höchsten Berge erklimmen.
In der Ferne sahen wir eine gewaltige Ebene. Ein enormer Vulkan ragte in ihrer Mitte in den Himmel.
Er spie Unmengen an Lava und Asche. Doch nie …"
Er hielt wieder inne. Eärdaliene legte ihren Kopf an seine Brust und summte eine kleine Melodie.
„Danke mein Schatz.", flüsterte Aliasan, „Es geht schon wieder. Doch nie werde ich den Anblick der
Gesichter meiner Elbengefährten vergessen, als sie die Baustelle des enormen Turms sahen, die hinter
dem Feuerberg in Dunst der Ferne gerade noch sichtbar war. Es war das blanke Entsetzen. Noch nie
habe ich in den Gesichtern von fühlenden Wesen solches Grauen gesehen. Ich fragte Landorian, was
sie hätten. Was sie erschreckte. Er antwortete mir nicht. In finsteres Schweigen gehüllt stiegen wir
wieder hinab in Richtung der sonnigen Ebene von Ithilien."
Gilmenel folgte der Erzählung ihres Vaters gespannt. Aliasan setzte sich auf den Diwan der in einer
Ecke der Hütte stand.
„Als wir wieder den Boden von Ithilien unter uns hatten und die Strahlen der Sonne alle düsteren
Gedanken vertrieben hatten, flüsterte Landorian nur ein Wort kaum hörbar in mein Ohr: ‚Sauron'."

Eärdaliene sah ihren Mann voll Entsetzen an. Ihr schon sehr bleiches Gesicht wurde noch bleicher.
Ihre dünnen wohlgeformten Lippen fingen an zu zittern. Sie wandte sich von Aliasan ab und suchte
Halt an dem Tisch, an dem sie vor Kurzen noch in ihre Studien vertieft war. Gilmenel sah ihre Mutter
besorgt an. Sie fing sie gerade noch auf, als es Eärdaliene schwindelte, und führte sie zu einem Stuhl.
„Das, das kann doch nicht sein.", flüsterte sie, „Wieso?"
„Mutter was entsetzt euch beide so?", wollte Gilmenel besorgt wissen, als sie vor ihrer Mutter kniend
deren zitternden Hände erhielt.
„Gil, ich kann es dir nicht erklären.", schüttelte Eärdaliene den Kopf, „Ich habe dazu nicht die Kraft."
„Ich werde es versuchen.", sagte Aliasan zu seiner Tochter, „Vor langen Jahrtausenden gab es hier in
dieser Welt einen dunklen bösen Valar, seinen Namen werde ich nicht erwähnen. Dieser wollte Arda
nur für sich besitzen, und kämpfte gegen den übrigen Valar. Diese brachten ihn schließlich, auch mit
Hilfe der Elben, zu Fall und verbannten ihn auf ewig. Doch der dunkle Valar hatte einen Diener, einen
Maiar. Er, dessen Name Landorian auch nur zu flüstern wagte, sann auf Rache an den Elben und
Valar. Dazu machte er sich die Menschen von Numénor zu Nutzen. Nach dem Untergang Numénors
wähnte man auch ihn für vergangen. Doch sein Geist lebte und sann auf Rache. Er erschien wieder
und alle freien Völker Mittelerdes beschlossen Krieg gegen ihn zu führen. Die Kämpfe waren lange
und kosteten viele Opfer, doch zum Schluss wurde er besiegt. Aber wie es scheint wieder nicht für
immer. Er ist zurückkehrt um erneut Krieg und Tod unter den Völkern Mittelerdes zu verbreiten."
Aliasan hielt inne in seiner Erzählung. Er schaute stumm zum Boden der Hütte. Gilmenel schaute ihre
beiden Eltern fragend an.
„Wir wussten, dass irgendwer einen Krieg entfachen will.", erklärte Eärdaliene nun mit kaum
hörbarer Stimme, „Landorian hatte genug Hinweise auf die Aktivitäten der Haradrim. Doch
vermuteten wir, dass die Haradrim nur die Elben hier angreifen wollten, was schlimm genug gewesen
wäre, aber dies nun …"
Eärdaliene verstummte wieder und hielt sich die Hände vor ihr Gesicht.
„Ich wäre gerne hiergeblieben.", weinte sie und schaute sich um, „Wir waren hier sehr glücklich. Du
bist hier unter den gesegneten Sternen von Elbereth auf die Welt gekommen, Gil. In der Nacht deiner
Geburt hier … sie strahlten so hell wie noch nie … A Elbereth Gilthoniel!"
„Ja, ich weis.", tröstete Gilmenel ihre Mutter, „Es muss etwas Besonderes für dich gewesen sein."
„Das war es, meine Tochter, das war es.", nickte Eärdaliene gedankenverloren, „Doch nun müssen
wir hier fort. Es gibt keine andere Lösung. Er, er steckt hinter den Aktivitäten der Haradrim. Unsere
kleine Elbenschar hier hat dagegen keine Chance."
Aliasan stellte sich nun neben die beiden Frauen und legte ihnen seine Hände auf die Schultern.
„Die haben wir in der Tat nicht, meine Liebsten.", sagte er mit ernster Miene, „Wir hatten bereits in
der Siedlung eine Ratsversammlung. Alle dort stimmten Landorian zu, das Land zu verlassen und
nach Norden zu ziehen."
„Nach Norden?", schaute Eärdaliene ihn fragend an, „Aber wir können doch über den Poros mit
Schiffen in den Anduin und von dort ins große Meer gelangen. Wenn wir dort sind können wir noch
entscheiden, ob wir gen Westen, den unsterblichen Lande entgegensegeln, oder nach Norden die
Küste entlang."
„Ja, nach Norden zu segeln wäre möglich.", sah sie Aliasan kopfschüttelnd an, „Aber der Westen ist
für Gilmenel und mich versperrt. Wir sind keine Elben."
„Aber dann wenigstens nach Norden.", seufzte Eärdaliene, „Auf den sicheren Wassern Ulmos."
„Mein Herz, du entstammst einer seefahrenden Linie deines Volkes.", sagte Aliasan und nahm sie bei
den Händen, „Doch Landorian und die anderen Elben hier besitzen nichts aus einiger kleiner
Fischerboote die den Poros befahren können. Sie sehnen sich zwar nach der See und dem Westen,
doch besitzen sie nicht das nautische Geschick der Teleri, die nach Aman aufgebrochen sind."
Eärdaliene nickte ihm stumm zu.
„Nein, die Elben hier haben beschlossen, sobald es geht, in den Norden Ithiliens aufzubrechen.",
erklärte Aliasan seiner Familie, „Dort weit im Norden wollen sie dann gen Westen wandern, an einen
Ort vorbei den sie Isengard nennen. Von dort aus soll es dann wieder nach Norden gehen. Sie suchen
die letzte Zuflucht. Sie nennen es Imlandris. Der Weg ist sehr weit und mühsam. Landorian hat uns
angeboten mit ihnen zu ziehen."
„Wir haben keine andere Wahl, Liebster.", seufzte Eärdaliene.
„Gut, dann bereiten wir uns vor.", nickte Aliasan, „Auf nach Imlandris."

Gilmenel trat vor die Hütte. Die Erzählungen ihres Vaters klangen aufregend. Doch tief in ihrem
Herzen verspürte sie eine Wehmut. Sie setzte sich auf einen Stein am Ufer des Flusses. Die Sterne
funkelnden in seinen Wasser. Sie sah hinauf ins Firmament, das Elbereth mit den Diamanten des
Himmels besetzt hatte.
‚Werde ich die Sterne meiner Geburt je wiedersehen?', fragte sie sich als sie das Glitzern der Sterne
betrachtete.
Ein kurzer Pfiff erklang. Gilmenel nahm ihn nur am Rande wahr.
„Hier bist du also?", sagte Lingolf sanft um sie nicht zu erschrecken.
„Ja, die Sterne.", flüsterte Gilmenel ohne sich zu den Elb zu drehen.
Lingolf setzte sich neben sie. Er wusste, dass es jetzt sinnlos war mit ihr zu reden. Denn noch mehr als
den Fluss liebte sie die Sterne. Wenn sie sie in der Nacht betrachtete wusste er, dass er zu warten
hatte. Sie gab einen tiefen Seufzer von sich, und sah den Elb an.
„Dann kommt ihr mit?", sah sie Lingolf fragend an.
„Haben wir eine andere Möglichkeit?", schüttelte sie traurig den Kopf.
„Nein, wohl nicht. Doch ich bin auch dabei.", versuchte Lingolf sie zu trösten und nahm ihre Hand in
die seine.
„Ich werde meine Sterne nie wiedersehen. Das fühle ich.", sagte sie abwesend.
„Deine Sterne?", zwinkerte Lingolf ihr zu, „Ja, ich habe die Geschichte deiner Geburt gehört. Du bist
unter Elbereths hellen Sternen geboren. Genauso wie die ersten Elben vor Jahrtausenden, als sie von
Illuvatár erweckt wurden."
„Ja, Mutter hält es für etwas Besonderes.", stimmte sie ihm zu, „So besonders, dass sie mich
‚Sternenhimmel' nannte. Doch nun muss ich den Sternen meiner Geburt Lebwohl sagen."
„Keine Angst mein Stern.", hauchte ihr Lingolf ins Ohr, „Ich bin bei dir, und sorge dafür das du nicht
erlischt."
Gilmenel sah ihn lange an, bevor sie ihn unter der Pracht Elbereths küsste.[/font][/font]
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[font="Arial, arial, sans-serif"]- Ende 1. Buch -[/font]
 
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Liebe Leserinnen und Leser,

das nun veröffentliche 60te Kapitel ist das letzte des 1. Buchs ;-) der Geschichte.
Momentan habe ich bereits die ersten acht Kapitel des nächsten Buches geschrieben.
Allerdings wird deren Veröffentlichung noch etwas dauern, da diese Kapitel
eventuell noch dem Plot angepasst werden müssen, der sich so langsam in meinem
Kopf entwickelt.

Ich hoffe ihr hattet soweit Spaß am Lesen, und ich kann euch verraten es geht weiter.
Zu viele Ideen schwirren noch in meinem Kopf und wie ihr am 59ten Kapitel sehen
könnt, knüpft sich ein weiterer Erzählfaden ein.

Gilmenel - Was wird aus ihr? Ein Geist auf ewig?
Aliasane - Was hat sie vor?
Eärdaliene, Aliasan, Gilmenel - Was erleben sie in Isengard?
Horuscal, Spaia, Gilluine - Werden sie Antworten finden?
Der silberne Drachenschwarm - Eine Gefahr für ganz Azeroth?
Sylvanas Windläufer - Was hat sie noch vor?
Der ... - ups, jetzt hätte ich beinahe was verraten. ;-)

Liebe Grüße,
Monika.

Und bitte nicht vergessen -> Liebe Worte, Kommentare und Kritik hier rein:

Gilmenels Geschichte Feedback
scenic.gif
 
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Gilmenels Geschichte - Buch 2

Hier nun begint das zweite Buch von Gilmenels Geschichte.
Bitte lest dazu auch meinen Eintrag unter Gilmenels Geschichte Feedback
scenic.gif


Habt daher Nachsicht. dass ich euch diese Kapitel as-is präsentiere.
Damit will ich sagen, dass die Kapitel so kommen, wie ich sie
geschrieben habe. Im Buch 1 habe ich aber bevor ich veröffentlicht habe
viele Kapitel vorgeschrieben und immer wieder umgestellt und redigiert.
Daher lest es bitte mehr als einen vorläufigen Plan.

Viel Spaß beim Lesen,
Monika.
 
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1. Mylady

Horuscal ging ungeduldig vor der Palisade der Siedlung auf und ab.
„Goblins, schon wieder Goblins.“, knurrte er, „Überall sind diese kleinen grünen Ratten.“
Er versuchte seine Wut nicht auf die Paladin zu lenken, deren Ankunft schon längst überfällig war. Spaia kam durch das Tor auf den leise vor sich hin fluchenden Fürsten der „Bewahrer des Realen“ zu.
„Was ist mit dir los, mein Leben?“, fragte sie in besorgt und schaute tief in seine Augen, in denen sie noch das Drachenfeuer brennen sehen konnte.
„Sie müsste schon längst da sein.“, schüttelte er den Kopf.
„Gilluine?“, fragte Spaia nur rein rhetorisch nach, „Ja, aber vergiss nicht mein Liebster, dass wir vereinbart hatten uns in Theramore zu treffen. Nun sitzen wir ihr in diesen Sumpfloch, und sie muss uns erst nachreiten.“
„Ja, du hast Recht.“, nickte Horuscal zögerlich, „Wie immer, mein Herz. Aber ich habe es in Theramore einfach nicht mehr ausgehalten.“
„Verständlich.“, stimmte die Magierin zu, „Diese Lady Prachtmeer war auch wirklich zu neugierig. Vermutlich wäre sie bald hinter unser Geheimnis gekommen. Sie ist immerhin die beste Magierin der Allianz.“
„Dich natürlich ausgenommen.“, grinste nun der Fürst Spaia an.
„Danke für das Kompliment.“, errötete die Menschenfrau.
„Vielleicht wäre es klug, dass du doch nach Theramore portest …“, begann Horuscal, bevor er einen besorgten Blick auf die plötzlich am ganzen Leib zittertende Magiern warf, „Was ist mit dir?“
„Port…“, stammelte die Magierin.
„Verzeih mir, Liebe meines Lebens.“, sagte Horuscal fürsorglich und nahm Spaia in den Arm, „Ich vergass die letzten Ereignisse während du dich portiert hast. Ich denke, dass wir dann halt einfach warten müssen.“
„Ich …“, setze Spaia an und schluckte heftig und streichelte sanft über den enormen Brustkorb des Fürsten, „Ich muss die Furcht überwinden. Letztes Mal waren es aussergewöhnliche Umstände. Eine Magierin ohne Portale ist wie ein Fisch ohne Wasser. Wir sollten wirklich nachschauen wo sie bleibt.“
„Ich kann ja auch jemand anderen durch das Portal schicken.“, versuchte Horuscal sie weiter zu beruhigen.
„Nein, das geht nicht.“, schüttelte die Magierin den Kopf, „Nach Theramore kann ich mich nur selbst portieren.“
„Wenn du es auf dich nehmen willst, meine Liebste, dann wäre es von Vorteil.“, nickte der Fürst, „Du kannst dann dieser Paladin auch gleich von dem Flugmeister hier erzählen, dann seit ihr schneller wieder hier.“
„Gut.“, sagte Spaia kurz, denn sie war bereits dabei den Zauber für das Portal zu sprechen, „Leb wohl, mein Licht.“
Mit einem tiefen Seufzer des Unbehangens schritt sie zögernd durch das Portal. Horuscal sah besorgt das Portal verschwinden.
„Viel Glück, mein Herz.“, hauchte er in die modrige Luft des Morastwinkels.

Das Schiff legte an den Pier des Hafens von Theramore an. Einige Ungeduldige sprangen wie immer schon von Bord, als die Gangway noch gar nicht zum Schiff hinauf gezogen war. Dabei hatte dann derjenige, der zu kurz sprang, und mit dem nassen Element Bekanntschaft machte, alle Lacher auf seiner Seite. Gilluine wartete bis die Mannschaft das Anlegemanöver vollends beendet hatte. Als sie die Gangway herunterging bemerkte sie die schwarzgekleidete Gestalt nicht, die ihr in einigen Abstand folgte.
„Lady Darnwacht?“, salutierte ein Leutnant der Hafenwache von Theramore vor ihr, als sie das Pier betratt.
„Wer?“, sagte Gilluine überrascht, bevor sie den Gruß des Soldaten erwiderte, „Verzeiht mir, ich muss mich erst an den neuen Titel gewöhnen.“
Der Leutnant nickte nur kurz, „Lady Jaina Prachtmeer wünscht euch zu sprechen.“
Die Paladin wunderte sich kurz, warum die Herrin von Theramore sie sehen wollte, doch war sie sich sicher, dass es keinen Erfolg brachte, den Leutnant zu befragen. Dieser wusste sicherlich nichts.
„Gut, Leutnant.“, antwortete sie, „Lasst uns gehen.“
Er führte sie durch das Gewirr der Piers zu den Mauern von Theramore. Durch das große Hafentor gelangten sie in das Innere der geschäftigen Stadt. Es war die einzige Stadt, die nach dem Muster der Städte in Azeroth auf Kalimdor aufgebaut worden war. Sie bewegten sich auf einen hohen Turm in deren Mitte zu. Er lag zentral auf einen Hügel in der Stadt. Der Leutnant blieb vor dem Tor des Turms stehen.
„Lady Darnwacht für Lady Prachtmeer.“, meldete er den Wachen vor dem Tor.
Beide salutierten stumm. Der Leutnant führte Gilluine durch das Tor. Im Inneren des Turmes herrschte ein Chaos an Treppen und Plattformen. Der Leutnant kannte aber scheinbar den Weg genau. Immer höher stiegen sie in den Turm hinauf. Auf der obersten Plattform ging er auf eine Frau zu, die gerade vor einem kleinen Alchimietisch mit einigen Reagenzien handierte. Er salutierte zackig.
„Lady Darnwacht, Mylady!“, meldete er.
Lady Prachtmeer drehte sich nur kurz um und nickte ihm zu, „Danke, ihr könnt euch entfernen.“
Sie widmete sich schon wieder ihren Reagenzien, und sah den Salut des Soldaten nicht mehr.
„Verzeiht, Lady Darnwacht.“, sagte Lady Prachtmeer abgewendet, „Eine kurzen Moment noch, bitte. Dieses Experiment muss abgeschlossen werden, sonst …“
Gilluine sprang zur Seite als Lady Prachtmeer auf ein Fenster hinter der Paladin zustürzte und das Reagenzglas aus dem Fenster war. Ein heftiger Knall war zu hören. Kurz darauf wurde der Turm heftig erschüttert.
„Verdammt, schon wieder schiefgegangen.“, fluchte Lady Prachtmeer ganz undamenhaft, „Ich werde wohl Tabetha um Rat fragen müssen. Was sie dafür wohl wieder verlangt. Nun gut.“
Sie zog ihre Magierrobe mit schnellen geübten Griffen glatt und wandte sich nun der Paladin zu. Gilluine salutierte.
„Lady Darnwacht.“, schmunzelte Jaina Prachtmeer, „Wie ich sehe immer noch ganz die Soldatin?“
Gilluine schaute die Herrscherin von Theramore verlegen an.
„Mylady, man kann eben nicht aus seiner Haut.“, antwortete sie.
„Das ist wahr.“, nickte die Erzmagierin, „Wir alle haben unsere Bestimmung und unser Schicksal. Doch zum Philosophieren haben wir wohl keine Zeit.“
„Das kann ich nicht sagen.“, erwiderte Gilluine der Lady, die gesellschaftlich auf gleicher Höhe mit dem König von Sturmwind stand, „Momentan ist mir der Grund, warum ihr mich sprechen wollt unbekannt, Mylady.“
Lady Prachtmeer schenkte Gilluine einen tiefen wissenden Blick.
„Nun ich könnte sagen, dass es üblich ist, dass ein Mitglied des Adels von Azeroth stets seine Aufwartung gegenüber der Herrscherin von Theramore bei seiner Ankunft hier macht.“, begann Lady Prachtmeer zu erklären, „Aber da ich genauso wenig Wert auf dieses ganze unnütze Adelsgetue lege wie ihr, denke ich, wäre das wohl auch nur eine weitere Vortäuschung, meine liebe sogenannte Informationsministerin.“
Ein kurzes Zucken ging durch Gilluine. Lady Prachtmeer schien mehr zu wissen, als sie sagte, dachte sie. Als sie weiter überlegte, kam es ihr in den Sinn, dass die Herrscherin von Theramore auch eine der vier Personen auf ganz Azeroth war, die den gesamten Mechanismus des sicheren Raumes tief in dem Fels von Sturmwind kannte. Daher erschien es ihr nur wahrscheinlich, dass sie in die Pläne des Hochlords eingeweiht war.
„Mylady, dann sollten wir gleich zu den wesentlichen Punkten kommen.“, nickte Gilluine ernst.
„Ja, aber nicht hier.“, stimmte Jaina Prachtmeer zu.
Sie führte Gilluine durch das Gewirr im Inneren des Turms zu einer Türe. Die Erzmagierin öffnete sie und trat hindurch in das Tageslicht. Gilluine folgte ihr. Die Türe schloß sich hinter ihnen. Sie befanden sich auf einem Balkon hoch oben am Turm. Doch der Ausblick verwirrte die Paladin. Wo Theramore unter Ihnen hätte liegen müssen, sah sie ein weites Land mit sanften Hügel und endlosen Wäldern. Links und rechts von ihnen erstreckte sich die Mauer einer mächtigen Stadt. Gilluine sah herrschaftliche Paläste, hochbürgerliche Häuser und prächtige Kathedralen mit schlanken Türmen. Sie erkannte sie mit einem Blick wieder. Es war ein Gespenst aus ihrer der Vergangenheit.
„Lordaeron!“, sagte sie mit einem Beben in der Stimme, „Die Stadt meiner Jugend. Aber wie?“
„Hier kann uns niemand belauschen.“, lächelte die Erzmagierin wissend.

Die schwarzgekleidete Person versuchte im Schatten zu bleiben. Sie musterte die Wachen vor dem Turm mit einem scharfen Auge. Sie war versucht sich zwischen ihnen durchzuschleichen. Aber es würde nichts nützen, denn das Innere des Turms wäre durch mächtige Zauber geschützt. Sie würde es wohl nicht erfahren, was die Paladin dort mit Lady Prachtmeer besprechen würde. Der Schatten dachte auch nicht, dass es von großer Bedeutung sein könnte. Die Nachricht von Hochlord Drachenwill an die Lady war ihm schliesslich bekannt. Dafür hatte er so seine Quellen. Jaina Prachtmeer war ihm auch zur Genüge bekannt. Er hüllte sich tiefer in seinen nachtschwarzen Umhang ein und huschte zurück zum Tor, das aus Theramore in die Sümpfe der Düstermarschen führte. Wie ein Hauch von Nichts erkletterte er die Brüstung des Tores und versteckte sich auf einen der Wachtürme. Von hier hatte er alles im Blick.
„Was, bei Elune?“, flüsterte es erstaunt unter dem Umhang hervor.
Der Schatten schien eine Nachtelfe zu mustern, die unter ihm gerade das Innere von Theramore betratt. Die Elfe trug eine schwarze Tasche, auf deren Äußeren ein silberner Cenariuskopf als Schmuckstück prangte. Mit geschickten Bewegungen floss der Schatten von seinem hohen Ausblick hinunter zu der Nachtelfe. Die Elfe betrachtete den Turm und begann in Richtung Gasthaus zu gehen. Der Schatten zögerte kurz. Wenn er ihr folgen würde, dann könnte er nicht sehen, wann die Paladin aus dem Turm käme. Aber das Auftauchen der Nachtelfe schien für den Schatten auch von extremen Interesse zu sein. Er beschloß sich näher an die Nachtelfe zu schleichen.
„Cenarius lebt.“, hauchte der Schatten, als er sich im Rücken der Nachtelfe befand.
Die Nachtelfe drehte sich erschrocken um. Die schwarzgewandete Person musterte sie aus den Tiefen ihrer Kapuze.
„Malfurion hilft ihm.“, antwortete die Nachtelfe nun ohne Furcht.
„Weg hier! Schnell!“, flüsterte der Schatten.
Er führte die Nachtelfe in einen Schatten der Mauer, von wo er den Ausgang des Turmes beobachten konnte.
„Was willst du hier, Yssaj?“, zischte es unter dem Umhang, „Es muss verdammt wichtig sein.“
„Nun komm mal runter von deinem Finstertick. Dein jetziger Auftraggeber färbt ja mächtig auf dich ab.“, grummelte die Nachtelfe, „Unser gemeinsamer ‚Freund’ schickt mich.“
„Baumspross?“, kam es nun unter Kapuze erstaunt hervor, „Was will der alte Narr?“
„Narr?“, funkelte Yssaj den Schatten an, „So würde ich ihn nicht nennen.“
„Ja, ja, schon gut, es war auch nicht so gemeint.“, versuchte der Schwarzgewandete sie zu beruhigen, „Ich vergass, dass du als Druidin natürlich in ihm etwas Anderes siehst.“
„Dasselbe wie du auch sehen solltest.“, ergänzte die Nachtelfe.
„Nun gut, nun gut, wie er wohl sagen würden.“, sagte der Schatten, den Eingang des Turmes nie aus dem Auge lassend, „Ich habe keine Zeit für Spielchen. Was hat er für wichtige Nachrichten?“
„Du weist, das unser Freund der Exdrache Einige seines Hortes nach Nordend geschickt hat?“, fragte die Druidin.
„Ja, ja, das ist mir bekannt, weiter.“, erwiderte der Schatten ungeduldig.
„Ein anderer unserer Organisation ist Ihnen gefolgt.“, fuhr Yssaj fort.
„Ja, auch das weis ich, weiter.“, knurrte es unter dem schwarzen Umhang hervor.
„Mann, du bist echt ungeduldig.“, fauchte die Druidin die unheimliche schwarze Gestalt an.
„Gut, ich reiss mich schon zusammen.“, resignierte der Schatten.
„Also, unser Kollege folgte ihnen bis zum Hort des blauen Schwarms.“, fuhr die Druidin fort, „Aber alles anderen steht in diesem Protokoll“.
Sie öffnete ihre Tasche und zog eine Pergamentrolle hervor und gab sie dem Schatten. Er entrollte sie. Das Pergament war leer. Mit einer raschen Bewegung holte er eine Phiole aus seinem Umhang hervor und besprengelte mit der darin enthalten Flüssigkeit das Pergament. Nur dieses Elixier würde die Schrift auf der Rolle sichtbar machen. Jeder Kundschafter hatte sein eigenes für ihn persönlich gemischtes Elixier. Der Schatten begann rasch den zusätzlich noch chiffrierten Text zu lesen. Das Pergament begann sich schon zu verdunkeln. Der Schatten liess das Pergament fallen. Es verfiel zusehends. Es blieb nichts als ein Häufchen Erde übrig.
„Tot?“, schüttelte der Schatten den Kopf, „Alle? Das ist ein herber Schlag für Horuscal.“
„Ja, das ist es wohl.“, nickte die Druidin, „Insbesondere da er nichts davon weis.“
„Das kommt noch hinzu.“, nickte der Schatten, „Und nur wir wissen, was seine Leute herausgefunden haben.“
„So ist es.“, sagte Yssaj.
„Ja, Baumspross hatte Recht.“, erwiderte der Schatten nachdenklich, „Das war eine sehr wichtige Nachricht.“
„Siehst du. Du musst nicht immer gleich so aufbraussend sein.“ grinste die Nachtelfe den Schatten an, „Meine Arbeit hier ist getan. Elune schütze dich.“
„Und dich auch, Freundin.“, antwortete der Schatten und huschte die Stadtmauer hoch.
Yssaj schaute ihm noch kurz nach. Sie wusste sie könnte ihn nicht lange verfolgen, dazu war er zu gut. Sie drehte sich um und setzte ihren Weg Richtung Gasthaus fort.

„Ihr seht Lady Darnwacht, alles nimmt seinen Gang.“, sagte Lady Prachtmeer.
„So scheint es zu sein.“, willigte Gilluine ein.
Während ihres Gesprächs in dieser Illusion von Lordaeron hatte die Paladin nur die Erzmagierin angeschaut. Sie vermied den Blick über die Brüstung. Das stolze Lordaeron war tot, genauso wie sie ihre Gedanken an die Ereignisse in ihrer Jugend getötet hatte. Aber diese höchst überzeugende Illusion lies die Mauer des Verliesses, in das sie die Gedanken gesperrt hatte, zu Staub zerfallen. Doch in Gegenwart von Lady Jaina Prachtmeer wollte sie sich keine Blöße geben, und die überwältigende Trauer um ihre verlorene Heimat mit bitteren Tränen zum Ausdruck bringen. Gilluine vermutete, dass die Wahl des Ortes Absicht war. Eine ehemalige Angehörige der Kirin Tor würde wohl Nichts dem Zufall überlassen. Die Paladin wunderte sich, ob sie den Test bestanden hatte.
„Und habe ich bestanden?“, sagte sie daher mit einem tiefen Blick in die Augen der Erzmagierin.
„Bestanden? Ich verstehe nicht?“, sagte Lady Prachtmeer mit einem Zucken auf den Lippen, das verriet, dass sie sehr wohl verstand.
„Das hier, Mylady.“, sagte Gilluine und machte eine ausschweifende Bewegung in Richtung der Stadt, „Der Inhalt unseres Gespräches war nicht von so großen Informationswert, als das er nicht in der ausgezeichneten magischen Sicherheit eures Turmes besprochen hätte werden können. Also muss der Zweck unseres Gespräches ausgerechnet hier in dieser Illusion ein anderer sein. Was liegt dann in Verbindung mit diesem Ort näher als die Vermutung, dass es um eine ehemalige Bürgerin Lordearons geht. Wie ich zufällig eine bin.“
„Ihr seit sehr scharfsinnig, Lady Darnwacht.“, sagt die Erzamagierin und rieb sich am Kinn, „Ja, ich muss es wohl gestehen. Ich wollte euch auf die Probe stellen.“
„Warum?“, sagte Gilluine knapp.
„Nun, der Hochlord ist ein netter Mensch, doch manchmal etwas zu rasch in seinen Entscheidungen.“, begann die Herrscherin über Theramore, „Er sieht zu wenig nach vorne. Als Krieger lebt er im Hier und Jetzt. Aber jede Aktion verursacht ein Reaktion. Ich teile grundsätzlich seine Meinung, was eure neuen Aufgaben betrifft. Doch eure Wahl erschien mir etwas übereilt. Aber nun sehe ich, dass seine Wahl wohl weise war. Verzeiht mir, Lady Darnwacht, dass ich eure Dämonen rufen musste. Ich …“
Es klopfte an der Türe hinter ihnen. Lady Prachtmeer drehte sich um und öffnete die Türe. Sie schien mit dem Nichts zu reden.
„Ich sagte doch, dass ich keine Störung wünsche.“, sagte sie leicht erzürnt.
„Mylady, eine der Reisenden ist hier.“, sagte eine Stimme die seltsam verzerrt klang, „Es ist die Magierin.“
„Habt ihr sie im Gewahrsam?“, erkundigte sich die Lady mit einer leichten Sorge in der Stimme.
„Es war nicht leicht, aber unsere Hochelfenmagier halten sie.“, versicherte die Stimme.
„Gut wir kommen gleich.“, sagte die Erzmagierin, „Ihr könnt gehen.“
Sie schloß die Türe wieder.
„Eine verdächtige Magierin wurde festgenommen.“, sagte die Herrin von Theramore ernst, „Sie war neulich schon hier mit einem Gefolgen von unterschiedlichsten Leuten. Darunter auch ein königlich wirkender Mensch von beachtenswerter Statur. Doch bevor wir sie befragen konnten, verschwanden sie aus Theramore.“
Gilluine wusste sofort, um wen es sich handelte. Lord Drachenwill hatte also der Lady nicht alles mitgeteilt. Vermutlich weil die Ereignisse um Onyxia für Sturmwind immer noch zu peinlich waren.
„Gut, ich denke das ist auch für euch eventuell interessant.“, sagte Lady Prachtmeer als sie die Türe öffnete, und beide wieder in den Turm in Theramore zurückkehrten, den sie in Wirklichkeit nie verlassen hatten.
Sie gingen zur untersten Etage des Turms. Hier lehrten die Magier von Theramore den Novizen ihrer Klasse die verschiedensten Portale. Manche der ehemaligen Lehrlinge nutzten dann dies auch um schnell nach Theramore zu reisen. Aber der Raum im Fuß des Turms sah jetzt nicht wie ein Ort des Studiums aus. Die Elitegarde von Theramore hatte sich an den Wänden verteilt. Ihre Lanzen hielten sie auf die Mitte des Runds gerichtet. Vier Hochelfenmagier kanalisierten einen Bannstrahl, der eine dunkelhäutige Menschenfrau mit schwarzen Haaren gefangenhielt. Das heftige Kinstern der Bannstrahl wurde nur noch von dem Zischen und den Flüchen der gefangenen Magierin übertönt.

„Genug.“, sagte Lady Prachtmeer als sie zusammen mit Gilluine die Plattform erreichte, die über der untersten Etage lag.
Die Magier unterbrachen ihren Bannzauber. Sofort befreite sich die Magierin und wollte ein Portal zaubern.
„Halt, es wird euch nichts nützen.“, warnte Lady Prachtmeer sie, „Dieser Raum ist nun für Portale aller Art geschlossen.
Die Magierin hörte nicht auf die Herrscherin über Theramore. Sie vervollständigte ihren Zauber. Doch ihr Portal schloß sich unmittelbar in den Moment in den sie es geöffnet hatte. Sie versuchte es erneut.
„Ihr könnt es solange versuchen bis ihr euer Mana aufgebraucht habt, und meine Soldaten euch abführen können.“, höhnte nun Lady Prachtmeer, „Oder ihr könnt aufhören, und wir unterhalten uns wie zivilisierte Menschen.“
Spaia brach ihren Zauber ab. Sie blickte nun zum ersten Mal zu Lady Prachtmeer. Erstaunt sah sie Gilluine neben der Erzmagierin stehen. Die Paladin machte ein beruhigendes Zeichen in Spaias Richtung.
„So ist es gut.“, sagte die ehemalige Erzmagierin der Kirin Tor sanfter, „Und nun kommt zu uns herauf.“
Spaia stieg langsam die Treppen hinauf zur Plattform.
„Alle Achtung, Magierin.“, nickte Lady Prachtmeer, als Spaia vor ihr stand, „Ihr müsst erstaunliche Kräfte besitzen. Meine besten Magier hätten hier nun nicht mal mehr ein Portal öffnen können. Ihr versteht wohl, dass euch das sehr verdächtig macht.“
Spaias Augen funkelnden die Erzmagierin finster an. Gilluine war überzeugt, so wie sie Spaia kannte, dass wenn nicht die halbe Elitegarde von Theramore nun Pfeil und Bogen auf sie gerichtetet hätte und zwölf Hochelfenmagier ihre Zauberstäbe im Anschlag hätten, sie es wohl auf einen Versuch hätte ankommen lassen. Die Paladin war sich dabei gar nicht so sicher, ob Lady Prachtmeer gewinnen würde.
„Verdächtg wessen?“, knurrte Spaia.
„Hochverrat?“, zuckte Lady Prachtmeer mit den Schultern, „Das ist immer eine gute Anklage. Eure Magie ist so stark, dass sie einen sehr ungewöhnlichen Ursprung haben muss. Einen dämonischen etwa?“
„Dämonen? Bah!“, entfuhr es Spaia, „Ich verrate euch nichts.“
„Verzeiht, Mylady, dass ich mich einmische“, sagte nun Gilluine, die den sehr kurzen Geduldsfaden von Spaia kannte und es nicht darauf ankommen lassen wollte, dass der Drache in ihr noch weiter gereizt würde, „Ich kenne diese Person. Ihr Name ist Spaia.“
„Ihr kennt sie?“, Lady Prachtmeer schaute die Paladin unglaubwürdig an.
„Ja, Mylady, und lasst es mich so formulieren.“, fuhr Gilluine, nun ganz Lady Darnwacht, mit einem diplomatischen Unterton fort, „Sie ist für Sturmwind von ganz besonderer Wichtigkeit. Ich verbürge mich im Namen des Königs für sie.“
„Meine liebe Informationsministerin, ich denke ich sollte mich dann wohl hier mit eurem Wort zufrieden geben.“, zwinkerte ihr Lady Prachtmeer zu, „Ich überlasse sie eurer Verantwortung. Lebt wohl Lady Darnwacht. Viel Glück und Erfolg.“
Mit einem Wink entlies sie die Soldaten und Magier.
„Es war mir eine Ehre euch getroffen zu haben, Mylady.“, sagte die Paladin und verbeugte sich vor der Herrscherin von Theramore, „Das Licht sei mit euch.“
Lady Prachtmeer nickte nur kurz und stieg die Stufen nach oben.
„Schnell weg hier.“, sagte Gilluine zu Spaia.
„Er wartet schon ungeduldig.“, war alles was Spaia sagte.
„Das kann ich mir vorstellen.“, nickte die Paladin, „Dann lass uns gehen.“
 
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2. Verfolger

Es war ein strahlend schöner Tag. Die Sonne schien mit ganzer Pracht vom tiefblauen Himmel. Die Luft war voll mit angenehmen Düften der verschiedensten Kräuter. Gilmenel und Aliasan wanderten durch die Wiese, die diese Gerüche hervorbrachte. Aliasan blieb das ein oder andere Mal stehen um einige Kräuter zu untersuchen. Gilmenel blickte hinunter zum mächtigen Anduin, der glitzernd in der Sonne am Fuß des sanften Hügels dahin floss.
„Ich wollte Mutter könnte diese Anblick sehen.“, sagte sie aufgeregt zum Aliasan.
„Hm ja.“, grummelte der Magier ohne von der Blüte aufzublicken, die er gerade untersuchte.
„Aber sie wollte ja mit den anderen im Lager oben im Wäldchen bleiben.“, fuhr Gilmenel enttäuscht fort, „Ich versteh nicht, wie Landorian die Nacht bevorzugen kann.“
Aliasan rupfte die Blüte ab, und drehte sich zu seiner Tochter mit einem ernsten Gesicht.
„Du bist anders, als sie, Gil.“, erklärte er ihr.
Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn ein wie der Anduin in das Land unter ihnen.
„Ich weis, Vater.“, nickte sie mit zusammengepressten Lippen verlegen, „Du bist kein Elb.“
„Nein, das bin ich nicht.“, lachte Aliasan laut auf, „Und das ist auch gut so, beim Sonnenbrunnen. Unser Volk hat sich von der Nacht, die auch meine Vorfahren noch bevorzugten, losgesagt, um den Glanz der Sonne zu genießen. Und da du meine Tochter bist, hast du diese Vorliebe natürlich auch geerbt.“
„Aber ich …“, begann Gilmenel einzuwenden.
Sie hielt aber inne als sie den strengen Blick von Aliasan sah. Er würde nur weiter dozieren über ihre Herkunft, wenn sie ihm erklären würde, dass sie die Nacht und den Mond genauso liebt.
„Übrigens geerbt.“, begann Aliasan, „Wie steht es um deine Studien der thalassischen Sprache? Hast du die Aufgaben gelöst?“
„Ja, Vater.“, antwortete ihn Gilmenel.
„Gut, dann beschreib mir was du hier siehst.“, sagte er und hielt ihr die Blüte unter die Nase.
‚Das steigert nur noch meine Fremdheit hier, wenn ich diese Sprache lernen muss, die hier niemand spricht.’, seufzte Gilmenel innerlich und begann aber artig die Blüte auf Thalassisch, der Sprache ihres Vaters zu beschreiben.
Aliasan hörte ihr zu und korrigierte nur den ein oder anderen Fehler in ihrer Aussprache. Er war mit einem weitaus schwierigeren Problem, als der Ausbildung seiner Tochter beschäftigt. Ohne es zu bemerken, hatte er es sich die Gewohnheit angeeignet, die rechte Tasche seiner Robe und besonders den Inhalt eines kleinen Samtbeutels darin immer wieder besorgt zu untersuchen. Seit ihrem Abenteuer in der Stadt der Haradrim enthielt er nur noch letzte Krümel seines Vorrats an Manakeksen. Er war besorgt, dass wenn es zu irgendeinem Kampf käme, seine Magie nicht lange ausreichen würde sie alle zu verteidigen.
„Vater?“, schaute Gilmenel ihn fragend an als er ihre Übungen einige Zeit schon nicht mehr verbessert hatte.
„Entschuldige, Gil.“, murmelte der Magier, „Ich war im Gedanken versunken.“
„Was bewegt dich?“, wollte seine Tochter wissen.
„Ich weis nicht, ob du das schon verstehen kannst.“, schüttelte er abweisend den Kopf.
„Versuch es mir zu erklären.“, sagte Gilmenel in Thalassisch um ihn aufzuheitern.
Aliasan schaute sie überrascht an. Die Verwendung der Sprache gab ihn Mut.
„Schau, es liegt an der Magie.“, begann er ihr zu erklären, „Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Arda hier und Azeroth meiner Heimatwelt. In Azeroth ist die Magie allgegenwärtig. Besonders in Quel’Thalas, dort wo das Reich der Hochelfen liegt, ist sie Dank des Sonnenbrunnens überall. Die magiebegabten Rassen Azeroths haben sich an die Magie gewöhnt. Um mit ihr aber Zauber zu bewirken, benötigen wir das Mana. Wir können es auf verschiedenste Weise zu uns nehmen. In Azeroth haben wir dazu genug Möglichkeiten. Hier in Arda ist die Magie eine völlig andere. Sie ist außerdem sehr beschränkt auf sehr wenige Rassen. Soweit ich es weis ist die Magie den Valar, Maiar, Istari und einigen wenigen begabten Elben vorbehalten. Deine Mutter ist eine davon. Aber ihr Gesang benötigt keine Hilfsmittel. Er verwebt sich direkt mit der Natur Ardas. Sie hat keinen Bedarf für Mana. Aber ich habe ihn. Meine Vorräte sind erschöpft. Daher muss ich hier in Arda Ersatz suchen, aber außer einigen erfolgversprechenden Kräutern habe ich noch nichts gefunden, dass mir Mana geben könnte.“
„Kannst du denn die Kräuter nicht essen?“, fragte Gilmenel.
„Mein Kind, du bist naiv.“, lachte Aliasan sie aus, „Nein, sie müssten erst noch verarbeitet werden. Dazu würde ich ein gut ausgerüstetes Labor benötigen. Außerdem sind sie viel zu schwach. Ich bräuchte ganze Wagenladungen von diesen Kräutern um nur einen Manakeks zu backen.“
Gilmenel folgte seinen Worten nicht mehr.
‚Wann hört er endlich auf mich wie ein kleines Kind zu betrachten.’, grummelte sie wütend auf die Erniedrigung ihres Vaters in sich hinein.
Für Aliasan schien die Unterhaltung auch schon beendet zu sein, denn er untersuchte bereits wieder eine helllila Blüte. Gilmenel schaute den in der Sonne silbrig glänzenden Anduin entlang.
„Vater!“, rief sie plötzlich aufgeregt, „Dort!“
Aliasan schaute langsam auf, und folgte mit seinem Blicken den ausgestrechten Finger seiner Tochter. Er sah den Rauch am Horizont sofort. Er wusste, was in dieser Richtung lag. Die Haradrim hatten wohl die Elbensiedlung erreicht. Er glaubte nicht, dass sich die Haradrim mit dem Verschwinden von Landorian und seinen Leuten zufrieden geben würden. Sie müssten schneller vorankommen.
„Rasch, Gil.“, forderte er seine Tochter auf, „Zurück ins Lager.“

„So nah schon?“, sagte Landorian besorgt.
Aliasan hatte nach ihrer Rückkehr auf die Lichtung, in der der Rest lagerte, keine Mühe den leichten meditativen Schlaf des Elben zu unterbrechen.
„Ja, wir sind zwar schnell vorangekommen, Dank der Unermüdlichkeit der Elben, aber wir müssen sofort aufbrechen.“, mahnte Aliasan.
Landorian schüttelte den Kopf und fasste sich nachdenklich ans Kinn.
„Eigentlich wollte ich den Anduin sehr weit nördlich kreuzen.“, sagte er im Gedanken versunken.
„Warum das?“, fragte ihn Aliasan.
„Nun, auf dieser Seite des Anduin leben nur sehr wenige andere Völker.“, erklärte der Elb, „Ich wollte unsere Reise so wenig wie möglich auffällig erscheinen lassen. Wir Elben bleiben am liebsten unter uns.“
„Das verstehe ich.“, nickte ihm der Hochelfenmagier zu, „Darin ähneln sich unsere beiden Völker.“
„Das andere Ufer beherbergt viele Königreiche der Menschen.“, fuhr Landorian fort, „Ich wäre ihnen gerne aus dem Weg gegangen. Aber wir haben wohl keine andere Wahl.“
„Es scheint mir das kleinere Übel zu sein, Menschen ertragen zu müssen, als von den Haradrim umgebracht zu werden.“, sagte Eärdaliene sanft, die zu den beiden Männern gekommen war, nachdem ihr Gilmenel das Beobachtete berichtet hatte.
„Das denke ich auch, Liebste.“, sagte Aliasan und küsste sie auf die Wange.
Landorian schüttelte den Kopf.
„So einfach ist das nicht.“, sagte er den beiden.
„Wieso nicht?“, schaute ihn Eärdaliene fragend an.
„Kommt mit.“, sagte Landorian und ging in Richtung der Wiese, auf der Aliasan und Gilmenel vor Kurzen waren. Als sie den Waldrand erreicht hatten, deutete er den Anduin abwärts.
„Der Anduin ist hier ein breiter und mächtiger Fluss.“, sagte er ehrfürchtig vor dem gewaltigen Strom zu ihren Füßen, „Ihn zu überqueren ist das Problem.“
Aliasan und Eärdaliene schauten ihn fragend an.
„Entschuldigt, ich vergaß, dass ihr nicht aus Mittelerde seit.“, sagte Landorian, „Die nächste Brücke um den Strom zu queren befindet sich in der Stadt Osgiliath weit im Norden. Hier im Süden gibt es nur vereinzelte Fährleute. Die nächste und am schnellsten erreichbare Fährmöglichkeit liegt circa einen Tagesmarsch flussabwärts in Richtung der heranrückenden Haradrim. Die nächste oberhalb von hier ist mindestens eine Woche entfernt.“
„Das gefällt mir gar nicht.“, schüttelte Aliasan seinen Kopf, „Aber so wie es ausschaut, haben wir keine Wahl als flussabwärts zu ziehen, und das rasch.“
„Das ist auch meine Überzeugung.“, nickte ihm Eärdaliene zu.
„Ja, vermutlich bleibt uns keine andere Wahl als wieder nach Süden zu gehen und zu hoffen, dass die Haradrim die Fähre noch nicht erreicht haben.“, sagte Landorian finster, „Wir sollten sofort aufbrechen.“
„Und nur das aller Notwendigste mitnehmen.“, ergänzte Aliasan, „Wir müssen schnell sein.“
„Gut, ich werde den anderen Bescheid geben.“, stimmte Landorian zu und verließ Eärdaliene und Aliasan.
„Meinst du wir schaffen es?“, fragte Eärdaliene etwas besorgt.
„Ehrlich gesagt, mein Leben, ich weis es nicht.“, schüttelte Aliasan mit Sorgenfalten auf der Stirn den Kopf.

Der Tross der Elben war in einen leichten Laufschritt gefallen. Die Wenigen, die das Tempo nicht zu Fuß halten konnten, waren auf die beiden Pferdewagen aufgeteilt worden, die vorher das wertvollste Hab und Gut der Elben transportiert hatten. Landorian lenkte einen der Wagen an der Spitze des Zuges. Aliasan versicherte sich, dass Eärdaliene und Gilmenel mithalten konnten. Musste aber langsam erkennen, dass wohl die beiden besser vorankamen als er. Es war im daher gar nicht unangenehm, dass er unbedingt mit Landorian reden musste. Er lief zur Spitze des Zuges und schwang sich zu Landorian auf den Kutschbock.
„Landorian, etwas beunruhigt mich.“, sagte er noch etwas außer Atem.
Landorian schaute ihn anfangs fragend an, aber begann zu schmunzeln, als er Aliasan schnaufen sah.
„Und das wäre?“, forderte er den Magier auf.
„Auf unserer Erkundungen und auch sonst so, sind mir auf dieser Seite des Anduin keine Menschen begegnet.“, begann der Hochelf, „Die Ausnahme bilden natürlich die Haradrim und die kleine Spähergruppe, die wir letztes Jahr trafen. Daraus schließe ich, dass die guten Menschenvölker des alten Bundes, wie ihr sie bezeichnet, an dieser Seite des Anduin kein Interesse mehr haben. Daher frage ich mich, ob die Fährstelle überhaupt noch besetzt ist.“
Landorian blickte nachdenklich die Zügel seiner Pferde für eine lange Zeit an. Er schien nicht sonderlich begeistert davon Aliasan zu antworten.
„Eärdaliene hat mir einiges über dich erzählt.“, begann er letztendlich zögerlich, „Und fürwahr, ich hätte es ja auch selbst bereits einsehen sollen, dein Verstand ist sehr scharf.“
„Danke für das Kompliment.“, sagte Aliasan geschmeichelt, „Aber darum geht es jetzt nicht.“
„Nun, du hast natürlich Recht.“, bestätigte Landorian dem Magier, „Südithilien, wie die freien Völker dieses Land hier nennen, war einst ein Teil eines mächtigen Königreichs, dessen Hauptstadt Osgiliath war. Doch vor Generationen kämpften die freien Völker schon einmal gegen die Macht, die nun jenseits der Berge wieder erwacht. Sie gewannen, aber der Sieg war teuer erkauft. Seit jener Zeit meiden die Menschen diesen Landstrich, und auch die Elben haben ihn im Laufe der Zeit verlassen. Trotzdem ist es natürlich für die Verteidigung der Königreiche jenseits des Anduins von größter Wichtigkeit die Lage in Südithilien zu kennen. Daher werden einige Fährstellen von ihnen unterhalten. Allerdings kann ich nur hoffen, dass jemand dort ist, der uns übersetzen kann, denn natürlich lagern die Fähren am anderen Ufer des Anduins.“
„Ich danke dir für die ehrliche Antwort.“, nickte Aliasan dem Elb zu, „Ich habe mir so etwas bereits gedacht. Wir können also nur hoffen.“
„So ist es.“, flüsterte Landorian verlegen, „Wir werden es bald wissen. Es sind nur noch wenige Meilen bis zur Fähre.“
Der Weg führte nun über offenes Grasland. Aliasan schien es, als ob Landorian nun das Tempo noch etwas erhöht hatte. Er schaute sich besorgt nach seiner Familie um. Erleichtert stellte er fest, dass sie noch immer in der Mitte des Tross´ waren.
„Wenn wir gleich da drüber sind, dann werden wir die Fährstelle sehen.“, sagte Landorian und zeigte auf die sanften Hügel die vor ihnen lagen.
Als sie die Spitze einer dieser Hügel erreicht hatten stoppte Landorian den Wagen. Er stieg auf die Kutschbock.
„Da liegt sie.“, sagte er und deutet nach unten zum Anduin.
Aliasan schaute in die angegebene Richtung. Hoffnung stieg in ihm auf, als er die wehrhafte Anlage der Fährstelle sah. Es war nicht nur einfach ein Anlegesteg. Die Betreiber der Fähre hatten vor diesen eine ganze Burg errichtet. Ein Wassergraben schützte sie auf der Landseite. Die Mauern mit ihren Wehrtürmen und Zinnengängen schienen auch aus sehr massiven grauen Stein erbaut worden zu sein. Die ganze Anlage bestand aus drei Höfen, die durch mächtige Tore voneinander getrennt waren. Sie erschienen ihm wie Schleusen. Sie waren gegeneinander versetzt. Das erste Tor lag in der Mitte der Mauer, die den ersten Hof umgab. Das Tor in den zweiten Hof lag links in der Rückwand des ersten Hofes. Der zweite Hof war wenig mehr als eine breite Gasse, die von oben sehr leicht verteidigt werden konnte. Er führte von der linken Seite der Burg zur rechten, wo das Tor in den innersten und grössten Hof lag. Er lag direkt am Fluss. Landestege ragten von ihm aus in den Strom. Aliasan war beeindruckt, als er sah, dass die Burgmauern weit in den Anduin hineinreichten, um die Stege zu schützen. Allerdings beunruhigte es ihn auch, dass aus den Gebäuden, die sich an die Burgmauer des Flusshofes schmiegten kein Rauch aufstieg. Er konnte auch keinerlei andere Lebenszeichen erkennen. Er beruhigte seine Sorgen mit der Entfernung in der die Burg noch lag.
„Sehr eindrucksvoll.“, bestätigte Aliasan.
Landorian steuerte den Wagen auf einen Weg zu, der von der Burg in die Hügel führte. Der Weg war überwuchert von allerlei Pflanzen und machte den Eindruck, als ob er lange nicht mehr benützt worden war. Aliasans Mut sank.

Landorian hielt den Wagen an. Die Burg der Fährstelle lag nun vor ihnen. Er stieg ab. Die Elben versammelten sich alle um ihn. Aliasan schüttelte den Kopf.
„Landorian, das schaut nicht gut aus.“, sagte er deprimiert.
Die Zugbrücke und das Tor der Burg waren offen. Aber nun aus der Nähe betrachtet konnten sie sehen, dass Brücke und Tor einem schweren Angriff ausgesetzt waren. In der Zugbrücke fehlten einige Bohlen, und die Torflügel waren aus ihren Angeln gerissen. Brandspuren waren überall deutlich erkennbar. Aliasan ging einige Schritte zur Seite, um durch das Tor sehen zu können. Landorian folgte ihm.
„Die Tore zum zweiten Hof sind geschlossen.“, sagte er, „Vielleicht gibt es dahinter noch Bewohner in der Burg. Auf jeden Fall sollten wir Vorsicht walten lassen.“
Landorian nickte nur stumm. Sie gingen beide zurück zu den Elben.
„Macht euch kampfbereit.“, sagte Landorian den Wartenden, „Frauen und Kinder nach hinten.“
„Daraus wird nichts.“, sagte Eärdaliene entschlossen und nahm ein Schwert, dass an der Seite von Landorians Wagen befestigt war. Aliasan sah sie lächelnd an.
„Meine hochverehrte Matrone, dieses mal müsst ihr euch fügen.“, sagte er leicht ironisch und deutete auf Gilmenel, „Du musst unsere Tochter beschützen, meine Liebe. Sie ist noch zu jung zum kämpfen.“
Eärdaliene Blicke funkelten den Elfen kalt wie das Eis des Helcaraxë an.
„Ja, das ist richtig.“, seufzte sie und stellte sich schützend an Gilmenels Seite.
Landorian und Aliasan näherten sich mit den Bewaffneten vorsichtig der Zugbrücke. Es waren eindeutige Kampfspuren zu sehen. Wie lange aber der Kampf zurücklag konnte Aliasan nicht erkennen. Er war auch überrascht, keinerlei Überreste der Angreifer oder Verteidiger zu sehen. Langsam gingen sie über die Zugbrücke. Das Holz knirschte morsch unter ihren Füßen. Als sie das mächtige Tor durchschritten, kam es ihnen so vor als würden sie in eine schwarze Leere fallen. Der gesamte Torhof war durch eine gewaltige Feuersbrunst schwarz wie Asche. Er füllte sich langsam mit dem Tross der Elben. Einige Elben untersuchten das Tor in den nächsten Hof.
„Es ist komplett intakt, aber sein Holz ist so alt und verkohlt, dass es fast von alleine zerfällt.“, meldete ein Elb Landorian, „Wir können es leicht aufbrechen.“
„Ist das klug?“, fragte Eärdaliene, die es natürlich am Ende des Tross´ nicht ausgehalten hatte, Landorian.
„Ich weis es nicht.“, schüttelte der Elb nachdenklich den Kopf, „Aber wir haben wohl wenig Alternativen. So wie es ausschaut, ist hier niemand mehr, der uns öffnen könnte.“
„Ja, wir haben nur zwei Alternativen.“, begann Aliasan zu erklären, „Das Tor aufbrechen oder über die Mauer klettern.“
„Ich klettere rüber, Onkel.“, sagte ein junger Elb.
„Lingolf, du bist noch zu jung.“, wandte Landorian ein.
„Und ich gehe mit.“, sagte Gilmenel und hielt sich an Lingolfs Arm fest.
„Du bist auch …“, begann Eärdaliene zu protestieren, hielt aber inne und begann zu lächeln, „Ach, was soll es. Ich würde dasselbe tun.“
„Landorian, du bist wohl überstimmt.“, grinste Aliasan den Elb an. Er schwang dabei lässig bereits ein Seil mit einem Haken. Mit einer eleganten Bewegung schleuderte er den Haken auf die Zinnen der Torwehr. Er zog daran. Ein metallisches Kratzen gefolgt von einem Klicken war zu hören. Der Haken hatte sich in der Mauer verfangen. Aliasan legte sein gesamtes Gewicht hinein.
„Das hält.“, nickte er den beiden Jugendlichen zu.
„Steigt rauf.“, ermahnte Landorian die Beiden, „Schaut euch um und meldet uns was ihr seht. Mehr nicht. Verstanden?“
Lingolf und Gilmenel nickten nur stumm. Lingolf ergriff das ihm von Aliasan gereichte Seil. Leichtfüßig kletterte er die Mauer hinauf. Er verschwand durch die Zinnen der Torwehr. Kurz darauf erschien sein Kopf zwischen den Zinnen. Er winkte Gilmenel zu. Sie nahm ebenfalls das Seil und kletterte genauso gewandt wie der junge Elb die Mauer empor, bis Lingolf ihr eine Hand reichte und sie durch die Zinnen zog.
 
3. Gefangen

„Ich weis ja nicht.“, grübelte der Orc und kratzte sich nachdenklich mit seiner enormen grünen Hand am Kopf, „Ich denke wir sollten es nicht tun.“
„Für das Denken bezahle ich dich nicht, Kromzak.“, sagte die Hochelfe neben ihn.
„Bezahlen?“, stutzte der Orckrieger, „Ihr habt mich noch nie bezahlt.“
Aliasane schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. Das etwas simple Gemüt erstaunte sie immer wieder an Kromzak. Doch letztendlich hatte sie ihn genau deshalb zu ihrer rechten Hand gemacht. Er war so berechenbar. Aber er hatte andere wichtigere Qualitäten.
„Also?“, fragte die Hexenmeisterin den zwei Köpfe größeren Orc resolut und stützte die Hände in ihre Hüften, „Wie schaut die taktische Lage aus?“
„Ah, Taktik.“, nickte der Orc, sich wieder auf sicheren Gesprächsterrain wähnend.
Aliasane wusste, dass der Krieger in der Planung ihrer Raubzüge stets die richtige Taktik gewählt hatte. Er besaß ein natürliches Talent für die Art und Führung eines Kampfes. Anders als viele seiner grünhäutigen Kollegen, die einfach blind auf ihre Kraft vertrauend nach vorne preschten, dachte er vorher darüber nach, wie er am besten den Feind besiegen könnte. Aliasane hatte das schon kurz nach ihrer ersten Begegnung erkannt, und ihn seither gefördert.
„Es sind einige Schildwachen der Nachtelfen im Ort.“, begann der Orc, „Darunter auch einige ihrer Eliteoffiziere. Aber von der Kampfkraft her stellen sie für uns kein Problem dar. Wir können diese sogar noch deutlich vermindern.“
„Was schlägst du vor?“, sagte Aliasane und warf dabei einen flüchtigen Blick aus ihrem Versteck in einem Dickicht gegenüber der Insel von Astraanar auf die dortige Siedlung der Nachtelfen.
„Der Ort hat nur zwei Zugänge.“, erklärte der Orc, „Es ist das Beste wir teilen uns auf. Eine Gruppe greift von der Eschentalseite aus an, die zweite schleicht sich um den See auf die andere Seite und greift von dort aus an. Wichtig ist, dass diese als erstes den Flugmeister ausschaltet. Günstiger Weise ist dieser gleich neben der Brücke. Die Eschentalgruppe sollte etwas früher angreifen, damit diese die Offiziere bindet. Das wäre alles. Alles andere ist dann Kriegsglück.“
„Wer sollte die Gruppen anführen?“, fragte die zierliche Hochelfe nach.
„Nun, das ist ganz klar.“, antwortet der Orc etwas überrascht, „Ihr leidet die Eschentalgruppe, und ich die andere.“
„Nein.“, schüttelte Aliasane ihren Kopf mit den streng geschnittenen blonden Haaren, „Hier müssen wir etwas ändern.“
„Wieso?“, fragte Kromzak leicht beleidigt, „Bis jetzt waren meinen Taktiken immer gut genug.“
„Das stimmt.“, versuchte Aliasane den Orc zu beruhigen, „Aber dieses Mal habe ich noch einige Informationen, die du nicht besitzt.“
„Ja?“, fuhr ihr der Orc unfreundlich ins Wort.
Aliasane wunderte sich etwas. Kromzak wusste doch nur zu gut, wer hier das Sagen hatte. Sie schaute wie beiläufig ihre rechte Hand an. Ein kleiner Feuerball bildete sich auf ihrer Handfläche. Er wurde allmählich größer. Mit einer kleinen Bewegung warf sie ihn. Wie zufällig verfehlte der Feuerball Kromzaks Kopf nur um Zentimeter, bevor er in einem Baum hinter ihm einschlug.
„Ja!“, bestätigte sie mit einer finsteren Stimme.
Kromzak richtete die Augen zu Boden und knurrte, „Schon gut. Ich habe verstanden.“
„Dann ist ja alles klar.“, sagte die Hexenmeisterin wieder freundlicher, „Also, wo war ich stehen geblieben? Achja, die Anführer der Trupps. Ich finde den Eschentaltrupp solltest du leiten Kromzak. Hier wird wohl der Kampf am heftigsten sein. Und den anderen …“
Aliasane zögerte und rieb sich nachdenklich an ihrem Ohrring.
„Hast du einen Vorschlag, Kromzak?“, fragte sie mit einem unschuldigen Blick den Krieger.
„Den hätte ich, wenn ihr ihn hören wollt.“, grummelte der Orc, „Mavdet, denke ich, hat das Geschick dazu.“
„Ein Mensch?“, fragte die Hochelfe ungläubig nach.
„Ja, und alle anderen Menschen und die Zwerge gehen mit ihm.“, nickte der Orc, „Die Wachen werden sie zuerst nicht für gefährlich halten.“
„So machen wir es. Lasst uns zum Lager zurückkehren und alles vorbereiten.“, lobte die Hochelfe den Orc, „Raffiniert wie immer.“
‚Und so leicht zu manipulieren.’, dachte sie insgeheim.

„Du hast also alles verstanden?“, sagte Aliasane mit einen tiefen Blick in seine Augen.
„Ja.“, nickte er langsam, „Ich hoffe nur, dass alles so klappt.“
„Hast du Zweifel?“, zischte sie nur kurz. Das Funkeln in ihren blau leuchtenden Augen blitzte kurz auf.
„Nein, nein.“, schüttelte er heftig den Kopf, „Eure Pläne sind stets perfekt.“
„Das will ich meinen.“, sagte sie nicht ohne Selbstgefallen, „Nun geht, und zu niemanden ein Wort.“
Er wagte nicht ihr den Rücken zuzuwenden und ging mit einer Verbeugung rückwärts aus ihrem Zelt. Kromzak wollte gerade das Zelt betreten, als er den seltsamen Blick des Menschen sah.
„Is’ was?“, fragte er den etwas Verwirrten.
„Kromzak, sie …“, beginn der noch total Verstörte, aber fuhr nach einem kurzen Kopfschütteln fort, „Nein, alles in Ordnung.“
„Gut.“, knurrte der Orc und betrat ihr Zelt.
„Ah, Kromzak.“, begrüßte Aliasan ihren Meisterstrategen, „Alle bereit?“
„Ja.“, nickte der Orc nachdenklich, „Allerdings …“
Sie schaute ihn mit einen nachfragenden Blick an, als der Orc nicht mehr weiter redete, „Allerdings?“
„Mavdet.“, sagte Kromzak kurz, „Er macht mir Sorgen. Er wirkte so abwesend, als er euer Zelt verließ. Vielleicht sollten wir ihn als Anführer der Dunkelküstengruppe austauschen.“
„Nein, Kromzak. Er leidet die Gruppe.“, sagte die Hexenmeisterin und fügte hinzu als sie sah, dass dies wohl dem Orc nicht genügte, „Ich musste ihn nur die Taktik etwas genauer erklären als ihm vielleicht lieb war. Er hatte etwas Angst vor der Aufgabe. Aber es ist seine Chance sich zu beweisen.“
„Gut, wenn ihr es sagt.“, nickte der Orc nicht gänzlich zufrieden der Hochelfe zu.
„Das will ich meinen.“, sagte sie voller Überzeugung, „Also wann greifen wir an?“
„Im Morgengrauen.“, antwortet ihr der Orc kurz.
„Gut, dann haben wir noch etwas Zeit für die Vorbereitungen.“, nickte sie, „Mavdet sollte dann gegen Mitternacht aufbrechen.“
„Er weis ja nun wohl Bescheid.“, erwiderte der Orc.
„Ja, das denke ich auch.“, sagte sie. Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen, „Dann ist alles in Ordnung. Lass uns die Stellungen noch mal durchgehen.“
Sie zeigte mit einem schmalen Dolch auf die Karte die vor Ihnen auf einem kleinen Tisch lag.
„Von hier aus greift Mavdet an.“, erklärte Sie und deute auf die Strasse, die von der Dunkelküste nach Astraanar hinein führte.
„Und wir werden von hier zuschlagen.“, ergänzte der Orc und deute mit seinem enormen grünen Zeigefinger auf die Strasse die den Ort ins Eschental verließ.
„Eine kleine Korrektur.“, sagte sie ohne den Orc anzuschauen, „Ich werde dieses Mal nicht vorne dabei sein. Sondern mich hier befinden.“
Sie bohrte Ihren Dolch auf der Karte in einen kleinen Hügel etwas außerhalb von Astraanar.
„Wieso das?“, schaute sie der Orc überrascht an, „Es war doch aus …“
„Ich habe noch mal darüber nachgedacht.“, antwortete sie mit einem finsteren Blick, „Es ist besser, wenn bei einen so großen Kampf jemand die Übersicht behält.“
„Das sollte nicht notwendig sein.“, grummelte der Orc, „Astranar ist nur ein Happen für uns.“
„Außerdem.“, fuhr sie fort, ohne Zweifel zu lassen wer hier das Sagen hatte, „Ich kann euch so den Rücken decken, falls Hilfe für die Nachtelfen aus dem Eschental kommen sollte.“
„Wie denn?“, sagte der Orc ungeduldig, „Die sitzen in Astranar in der Falle.“
„Keine Diskussionen!“, sagte sie scharf. Ihre Hände glühten bereits wieder etwas, „Wer weis was diese Nachtelfen für Tricks haben.“
Kromzak schluckte als er ihre Hände sah. Er wusste, dass irgendetwas gleich brennen würde, wenn er nicht klein bei geben würde, und er wollte nicht, dass es er war.
„In Ordnung.“, winselte er fast, „Wie ihr befehlt.“
Er verließ das Zelt mit einen abfälligen Grunzer, den er hoffte, dass sie nicht gehört hatte.
Ihre Finger trommelten wütend auf den Kartentisch.
‚Es muss funktionieren.’, dachte sie grimmig, ‚Es ist die einzige Möglichkeit für mich.“

Der Morgen dämmerte. Mavdet hatte mit den Menschen und Zwergen der Bande das Lager bereits vor langen verlassen. Kromzak war mit den Rest ebenfalls auf Position gegangen. Sie schaute in das verlassene Lager.
„Sehr gut.“, murmelte sie, „Es beginnt.“
Sie ging wieder in ihr Zelt und begann sich umzuziehen. Die prächtige edelsteinbesetzte blaue Robe legte sie sorgfältig in eine Truhe. Ebenso all ihre anderen prachtvollen Kleidungsstücken, die ihr so mancher Raubzug eingebracht hatte. Sie schaute kurz ihren Stab nachdenklich an.
„Alles.“, seufzte sie, und stellte ihn in eine Ecke, aus der sie ein Bündel schäbiger Kleider nahm.
Mit sichtlichen Unbehagen schlüpfte sie in die aus groben Stoff gefertigten Lumpen. Sie war froh, dass sich im Zelt kein Spiegel befand, aber sie konnte sich es vorstellen wie sie jetzt aussah. Sie ging kurz vor das Zelt und nahm etwas Erde. Mit einem kurzen Seufzer öffnete sie ihre Haarspange und verteilte die Erde in ihrem strahlend blonden Haar. Sie ging wieder in das Zelt und nahm einen kleinen Sack aus der Truhe, bevor sie sie sorgfältig verschloss und mit Schutzzaubern versah. Sie schaute sich noch ein letztes Mal in ihrem Zelt um, und verließ diesen Teil ihres Lebens.
Es dauerte nicht lange bis sie den kleinen Hügel erreichte. Von dort hatte sie eine gute Sicht auf das Geschehen. Sie sah wie einige Menschen und Zwerge panisch aus dem Eschental Richtung Astranar liefen. Sie konnte ihre Schreie bis zu sich hören.
„Horde! Hilfe!“, schrien die Flüchtlinge, „Wir wurden angegriffen! Sie kommen! Hilfe!“
Aus Astranar kamen einige Wachen gelaufen. Sie hatten ihre Gleven gezogen. Die Flüchtlinge stürmten über die Brücke in den Ort. Sie umringten die Nachtelfen und schienen diesen mit heftigen Gesten ihre Situation zu erklären. Eine Wache lief in ein Gebäude. Die gesamte Wachmannschaft angeführt von der Ortkommandantin verließ das Wachgebäude. Sie rief irgendwelche Befehle. Die Wachen formierten sich jenseits der Brücke zum Eschental zu Schlachtreihen. Eine Reitern auf ihrer Säbelzahnkatze ritt über die Brücke und verschwand im Wald. Die Flüchtlinge geleitete man ins Wirtshaus in Astranar.
Aliasane grinste teuflisch. Sie öffnete den mitgebrachten Sack und legte zwei Seile und ein Stück Stoff neben sich ins Gras, als Kromzak begann Astranar anzugreifen.
Kromzak schien zu zögern, als er die Reihen der kampfbereiten Nachtelfen sah. Aber er konnte den Angriff nicht mehr stoppen. Mit voller Wucht traf die Bande auf die Wachen. Es entbrannte ein heftiges Gefecht. Ein Elfenhorn war aus dem Wald zu hören.
‚Es ist an der Zeit’, dachte sie.
Sie begann über den Seilen und den Tuch einen Zauber zu sprechen. Sie begangen sich zu bewegen. Schnell verschränkte sie ihre Arme auf den Rücken und legte sich auf den Bauch. Wie von Geisterhand fesselten sie die beiden Seile an Füßen und Armen. Sie öffnete ihren Mund. Das Stück Stoff stopfte sich als Knebel in ihren Mund. Sie lies sich von den Hügel auf die Strasse rollen, die unter ihr lag. Ein Trupp Nachtsäblerreiterinnen preschte an ihr vorbei, um Kromzak in den Rücken zu fallen.
‚Ah, der gute Kromzak. Er weis wann es sinnlos ist.’, dachte sie als der Kampflärm plötzlich stoppte.
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Orc nun innerlich toben würde, aber seine Lage war aussichtslos. Sie begann auf ihrem Knebel zu kauen und wurde ohnmächtig.
Einige Nachtsäblerreiterinnen kamen die Straße wieder zurück. Sie stoppten. Eine Nachtelfe stieg ab und ging auf die gefesselte Aliasane zu. Sie rief ihr irgendetwas zu. Mit der Breitseite ihrer Gleve stupste sie die Ohnmächtige. Sie winkte einer ihrer Kameradinnen zu sich. Zusammen legten sie die Bewusstlose vor den Sattel quer über den Nachtsäbler der ersten Nachtelfe. Sie stieg auf und nickte kurz ihren Kameradinnen zu, bevor sie mit Aliasane wieder in Richtung Astranar zurückritt.

Aliasane blinzelte. Zartes Licht durchflutete den Raum. Sie lehnte sich langsam auf ihre Arme. Das Bett in dem sie lag war eindeutig für eine größere Rasse gebaut, und auch nicht für viel Komfort ausgelegt. Sie hatte ein Nachthemd an, das ihr auch eindeutig zu groß war. Man hatte sie offensichtlich gewaschen. Zwei Nachtelfenwachen standen dem Bett gegenüber. Eine nickte ihr zu und rief etwas.
Eine andere Wache betrat den Raum. Ihre Rüstung unterschied sich kaum von den Wachen, aber als diese salutierten, wusste Aliasane, dass es wohl eine Offizierin war.
„Ich denke wohl, dass wir einige offene Fragen zusammen zu klären haben.“, begann die Offizierin ohne irgendeinen Gruß in Gemeinsprache.
Aliasane schaute sie ängstlich an und zog das Bettuch mit beiden Händen vor ihre Brust in Richtung Gesicht und begann am ganzen Leib zu Zittern.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“, sagte die Nachtelfe nun sanfter, „Es passiert dir nichts.“
Aliasanes kleine Theatereinlage hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie zeigte der Nachtelfe gegenüber ein wenig Entspannung.
„Ich hoffe du verstehst mich.“, grübelte die Nachtelfe, „Vielleicht kannst du etwas Licht ins Dunkel bringen.“
„Ich…, ich …“, begann die Hexenmeisterin ängstlich in gebrochenen Gemein sichtlich mühsam zu stammeln, „weis es nicht.“
„Unser Druide sagt, dass du kräftig genug zum Reden wärst.“, fragte die Offizierin in einem Ton der fast an ein Verhör erinnerte, „Bist du es?“
„Es muss gehen.“, sagte Aliasane schwach, „Was wollt ihr wissen?“
„Fangen wir ganz mit deinen Namen an.“, begann die Nachtelfe.
„Man nennt mich Shataelia.“, sagte Aliasane nachdenklich, „Shataelia Sonnenzorn.“
„Was tust du in Kalimdor?“, fragte die Wachoffizierin weiter, „Wie kommt jemand deiner Rasse hierher?“
Leichte Verachtung schwang in ihrer Stimme mit.
„Ich komme aus Theramore“, erklärte Aliasane mit glänzenden blauen Augen, „Ich wollte Vorkommnisse im Gebiet von Azshara untersuchen. Als ich diesen Banditen unterwegs in die Hände fiel. Sie nahmen mir alles ab und schleppten mich mit.“
„Das erklärt schon meine nächste Frage, was du mit diesen Halunken zu tun hast.“, nickte die Nachtelfe und fasste sich nachdenklich ans Kinn.
„Mit diesen räuberischen Hordenpack?“, rief Aliasane überrascht und fügte entsetzt hinzu, „Nichts!“
„Das hoffe ich für dich, Hochgeborne.“, sagte die Offizierin und spuckte das letzte Wort beinahe aus.
„Nein, ich kam nur her um zu studieren.“, jammerte Aliasane vorbildlich nach allen Regeln der Schauspielkunst.
Die Nachtelfe zeigte sich trotzdem nicht überzeugt. Sie schüttelte den Kopf, als ob ihr irgendwas durch den Sinn ging.
„Sonnenzorn, Sonnenzorn, hm.“, grübelte sie, „Shataelia? Shatael!“
Ihre Miene verfinstere sich plötzlich. Sie schaute Aliasane mit einem finsteren Blick an.
„Was habt ihr?“, sagte Aliasane nun zum ersten Mal richtig entsetzt.
„Shatael Sonnenzorn!“, schrie die Nachtelfe, „Bist du mit diesem Bastard verwandt?“
Aliasane machte sich langsam Sorgen.
‚Vielleicht war es kein guter Gedanke Vaters alten Decknamen zu verwenden.’, dachte sie zweifelnd.
„Er war einmal mein Vater.“, sagte Aliasane leise, „Was erzürnt euch so?“
„Meine Schwester verschwand, als sie dieses Subjekt zu unserem Posten bringen sollte.“, knurrte die Nachtelfe voller Verachtung.
„Da haben wir etwas gemein.“, sagte Aliasane, „Mein Vater, der Schuft, verschwand aus Silbermond kurz nachdem ich geboren wurde, und lies meine Mutter und mich einfach ohne ein Wort sitzen.“
Sie spielte mit voller Überzeugung die Verachtung gegenüber ihrem Vater.
„Mag sein, dass wir beide mit ihm etwas zu bereden haben.“, nickte die Nachtelfe, „Silbermond? Das ist weit weg, und soviel ich weis wurde es zerstört.“
‚Naja, nicht ganz.’, dachte Aliasane, ‚Aber das gibst du arrogante Ausgeburt einer Nachtelfe wohl nicht zu.’
„Ja, ist es wohl.“, zuckte Aliasane mit den Schultern, „Aber meine Mutter und ich verließen es kurz nachdem mein Vater uns verließ, und wohnten bei einem Onkel in Dalaran, der mich auch auf die Magierschule brachte.“
„Oh, eine Meisterin des Arkanen.“, sagte die Offizierin, die ihre Verachtung der Hochelfe gegenüber nun nicht mehr verbergen konnten.
„Ja, ich bin eine Magierin der Kirin Tor im Dienste der Allianz.“, empörte sich nun Aliasane, „Vielleicht können wir wieder auf das Wesentliche kommen.“
„Wie kommst du dann nach Kalimdor, Kirin Tor.“, sagte die Offizierin etwas gemässigter.
„Mein Orden hat mich kurz vor den Geißelkriegen noch nach Theramore geschickt, um die dortigen Magier zu unterstützen.“, antwortete Aliasane emotionslos.
„Ich denke das genügt mir für’s Erste.“, sagte die Nachtelfe, „Dort auf dem Stuhl findest du neue Kleidung. Du kannst dich ankleiden und dir wenn du willst etwas die Beine vertreten. Ich würde dir aber nicht empfehlen Astranar zu verlassen, bis alles geklärt ist.“
Aliasane nickte nur stumm, als die Offizierin und die Wachen den Raum verliesen. Sie hoffte, dass die Nachtelfe ihre Geschichte gekauft hätte.
 
4. Klärung

Gilmenel schauterte. Sie wusste ja, was sie erwarten würde, aber es machte ihr Angst. Sie stand in den Ruinen der Jagdhütte von Quel’Lithien. Sie dachte zurück an ihren Abschied von Sylvanas. Es kam ihr wie Jahrhunderte vor, und doch war es erst wenige Monate her.
‚Ich muss es klären.’, dachte sie traurig, ‚Es gibt sonst keine Ruhe für mich.’
Langsam ging sie aus der traurigen Ruine des einst prachtvollen Gebäudes. Sie hing ihren Gedanken nach. Das Land um sie herum war vollkommen verdorben. Alles war tot. Die Bäume nur noch Stümpfe mit braunen Nadeln und Blättern. Das Gras war gänzlich verdorrt. Die Bäche und Teiche, die sie sah, waren nur noch brodelnde giftige Schlammmassen.
‚Auf nach Lordaeron!’, feuerte sie sich an, ‚Ich habe eine alte Freundin zu besuchen.’
Sie stieß auf die Straße die vom Paß in das Tal von Stratholm führte. Sie versuchte nicht an das Grauen um sie herum zu denken. Ihr kam ihr großer Freund in den Sinn.
‚Ungbar, hast du es nach Hause geschafft?’, dachte sie, als sie die verpestete Landschaft durchschritt.
Sie wusste es würde zu Fuß ein weiter Weg nach Lordaeron, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie Irgendetwas sie in ihrer Geistgestalt zu tragen vermochte. Sie dachte an ihre bequeme Reise zurück, als Ungbar sie sanft und ohne Mühen über die Berge getragen hatte.
‚Ich denke ein kleiner Umweg ist möglich. Zeit hab ich ja jetzt genug.’, überzeugte sie sich selbst, dass es eine gute Idee wäre nach Ungbar zuschauen.
Sie wollte unbedingt wissen, was aus dem freundlichen Naturgeist geworden ist. Es war zwar ein gewisser Umweg, aber der Mühe durchaus wert. Der Riese war ihr ein guter Freund geworden.
Es war schwer für sie sich zu orientieren. Nichts in der verseuchten Landschaft erinnerte sie an früher. Sie konnte nur in die Richtung gehen, die sie vermutete. Die Jagdhütte, der Paß, die Straße und die Lage von Stratholme dienten ihr als vage Orientierungshilfen.
Tief im Gedanken versunken bemerkte sie die Ghoule und Skelettkrieger zu spät. Für eine Flucht war es zu spät. Sie schaute dem nächsten Ghoul in sein bandagiertes Gesicht. Er begann irgendetwas zu grunzen. Ein Skelettkrieger kam auf Gilmenel zu. Er zog sein Schwert und hieb damit auf die Geisterelfe ein.
‚Wenigstens brauche ich keine Angst vor einigen der Gefahren hier zu haben.’, dachte Gilmenel amüsiert als es der Krieger immer wieder versuchte, obwohl sie jedes Mal ein kleines Prickeln spürte, als das Schwert ihren Geisterkörper durchdrang.
Der Skelettkrieger heulte enttäuscht auf. Der Ghoul fauchte ihm in seiner fauligen Sprache etwas zu. Es klang leicht höhnisch. Er winkte den Trupp weiter.
‚Scheinbar gehöre ich hier jetzt zum Establishment der Untoten.’, dachte Gilmenel erleichtert.

Gilmenel erreichte eine Wegkreuzung. Soweit sie sich erinnern konnte, führte der Weg rechts nach Stratholm. Sie wusste nun ungefähr, wie sie zu Ungbar kommen würde. Sie schlug den Weg zu der verfluchten Stadt ein. Es kamen ihr aber trotzdem einige Zwiefel, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Die Straße hätte schon längst den kleinen Fluß queren müssen, den Ungbar und sie damals gefolgt sind. Sie schaute sich um. Die Landschaft war ihr total fremd. Der bloße Anblick war wie der Blick in ein Hospital voller Pestkranker. Die Landschaft war ebenfalls von der Geißel befallen. Sie hielt inne.
Ein kleiner Trupp scharlachrot gewandeter Soldaten kam ihr entgegen. Sie wollte gerade auf sie zulaufen, als diese ihre Schwerter zückten.
„Ausgeburt der Geißel!“, schrieen sie, „Du wirst geläutert werden!“
Gilmenel überlegte erst gar nicht lange, wen sie meinen könnten, und begann in die verseuchte Landschaft zu laufen. Die Soldaten nahmen die Verfolgung auf. Gilmenel spürte wie ein warmer Lichtblitz sie durchfuhr.
„Das tat weh!“, rief sie überrascht.
Sie war sich nun noch sicherer, dass die Soldaten sie besser nicht erreichen sollten. Doch irgendwie schienen sie ihre Kräfte zu verlassen. Die Soldaten kamen näher. Gilmenel verwarf den Gedanken mit ihnen zu reden schnell. Die Absichten der Scharlachroten waren ihr nur allzu klar. Sie versuchte sich an ihre alten Zauberkräfte zu erinnern. An die Lieder die sie einst sang. Sie machte sich auf das Äußerste gefasst. Sie wunderte sich nur, warum sie ihren Untot verteidigen wollte. Noch vor ein paar Wochen hätte sie die Erlösung willkommen geheissen. Aber seit ihrer Begegnung mit Deneathor und dem Prinzen war alles anders. Seitdem wusste sie, dass sie die eine offene Rechnung noch zu erledigen hätte.
Gilmenel schaute sich um. Sie war in ihrer wilden Flucht an einem der alten Wachttürme in Nordarathor angekommen. Er war nicht viel mehr als ein Stumpf, wie ein hohler Zahn, von dem einst wehrhaften Gebäude übriggeblieben. Sie stutzte. Ein Geist eines Menschen stand neben dem eines Greifens.
„Grüße!“, sagte der Geist, „Wie kann ich euch helfen?“
Gilmenel blickte sich um. Die Scharlachroten waren deutlich näher gekommen.
„Der Greif, kann er mich von hier wegbringen?“, fragte Gilmenel ohne lange darüber nachzudenken, ob es überhaupt möglich sei.
„Gewiss, meine Dame.“, nickte der Menschengeist, „Wohin soll er euch bringen?“
„Soweit wie möglich in den Westen.“, sagte Gilmenel hastig.
„Das wäre dann der südliche Wachtturm.“, sagte der Mensch zu dem Geistergreifen, „Sitzt auf.“
Gilmenel schwang sich auf den Greifen. Zu ihrem Erstaunen trug er sie. Der Greif breitete seine Schwingen aus und startete in den Himmel des einstigen Nordarathors.
Gilmenel sah zurück. Die Scharlachroten hatten gerade den Turm erreicht.
‚Noch einmal Glück gehabt.’, dachte sie, ‚Leider wird nun Ungbar warten müssen.’
Die ehemalige Elfe betrachtete, die unter ihren Füßen vorbeiziehende Landschaft. Ein schwindeliges Gefühl erfasste sie, als sie feststellte, dass sie einfach durch den Greifen nach unten sehen konnte. Sie richtete ihren Blick nach vorne. Riesige Schluchten, die wie Narben aussahen kamen vor ihr ins Blickfeld. Eine zerstörte Kleinstadt fiel ihr ins Auge. Mit einiger Mühe konnte sie jede Abart von Geißelmonstrositätetn darin erkennen. Sie zweifelte keine Minute daran, dass es sich zumindestens bei einem Teil davon um die ehemaligen Bewohner handeln würde. Sie versank während des restlichen Flugs in tiefe Gedanken, und vermied es die Verwüstungen unter ihr zu betrachten.
Der Greif ging in den Sinkflug. Vor ihnen lag ein weiterer zerstörter Wachturm. Der Greif umrundete ihn einmal und landete dann an seiner Basis.
„Danke.“, sagte Gilmenel, „Das hat mich sehr weit gebracht.“
Der Greif nickte kurz mit seinen Schnabel, und löste sich vor ihren Augen auf. Ein Gefühl von Unbehagen überkam Gilmenel.
‚Gut, dass er das nicht im Flug gemacht hat.’, dachte sie in Panik, ‚Obwohl, warum mach ich mir Sorgen. Der Sturz hätte mich nicht getötet.’
Ein Pfad führte vom Turm hinunter auf die vorbeiziehende Straße. Gilmenel betrachtete einen Wegweiser der an der Einmündung stand.
„Andorhal.“, flüsterte sie leise.
Sie hatte es vollkommen verdrängt. Der Weg nach Lordaeron führte an Alexjes Ort vorbei. Nachdenklich machte sie sich auf den Weg.

Da lag es, Andorhal. Gilmenel betrachtete die Ruinen des Ortes, in dem einst ein guter Freund lebte.
‚Ich muss es wissen.’, dachte sie auf einmal besorgt.
Ihre Neugierde musste sie einfach befriedigen. Sie bog von der Straße in Richtung Ort ab. Alexjes Stallungen lagen kurz hinter dem nördlichen Eingang. Sie bemerkte einige Ghoule, Skelette und sonstige Scheusale der Geißel, aber sie schienen Gilmenel nicht zu beachten.
‚Establishment.’, lächelte die Elfe.
Vor ihr standen die Reste von Alexjes Anwesen. Das Wohnhaus war noch fast intakt, und auch die eine oder andere Stallung war noch reperaturwürdig. Schwertklang drang aus einer der Scheunentore.
„Ich werde es euch zeigen!“, rief eine rauhe Stimme, „Das gehört mir!“
Gilmenel ging vorsichtig auf die aus den Angeln gehoben Scheunentore zu.
Ein Krieger kämpfte gegen einige Skelette und Ghoule.
‚Er hat Hilfe nötig.’, dachte Gilmenel als sie die Überzahl der Gegner sah.
Sie versuchte zu singen. Kein Ton kam über ihre Lippen. Sie wusste es blieb ihr nur eine Wahl.
‚Dann muss es ein.’, seufzte sie.
Sie begann einen Zorn auf die Gegner aufzubauen. Sie dachte an Tot und Verderben.
‚Tu es!’, flüsterte es in ihrem Kopf.
„Die Macht von Sargeras!“, rief sie voll von Haß.
Ein schwarzer Blitz zuckte zwischen ihr und den Geißelausgeburten hin und her. Sie lösten sich alle in Asche auf. Der Krieger schaute sich erstaunt um. Er hob sein Schwert, als er die Finsternis sah, die sich um die geisterhafte Erscheinung Gilmenels auftat.
Gilmenel bemerkte die Absichten des Kriegers, auch sie als Feind zu betrachten, und dämpfte ihren Zorn wieder. Die Schwärze löste sich auf. Der Krieger senkte vorsichtig das Schwert. Gilmenel betrachtete ihn zum ersten Mal. Sie erschrak. Er sah aus wie ein Kämpfer der Geißel, ein wandelnder Leichnam. Und doch hatte er gegen die Geißel gekämpft.
„Wer bist du?“, fragte seine rauhe Stimme.
Er kam auf sie zu. Er schaute sie forschend mit seinen toten Augen an.
„Ich habe dich einmal gekannt.“ sagte er nachdenklich, „Eine Hochelfe. Du schaust aus wie … nein, das kann nicht sein.“
„Wie soll ich ausschauen?“, fragte Gilmenel vorsichtig. Ihr dämmerte langsam wen sie vor sich hatte.
„Unmöglich.“, schüttelte der Untote ungläubig seinen Kopf, „Es kann nicht sein, und doch sie ist ja auch zurückgekommen.“
„Wer ist zurückgekommen, Alexje?“, fragte Gilmenel, alles auf eine Karte setzend.
„Ihr seit es doch!“, rief der ehemalige Stallbesitzer, „Die Agentin Sylvanas.“
„Ihr habt immer noch ein gutes Gedächtnis, Freund. Gilmenel Mindmaker zu euren Diensten.“, nickte Gilmenel, „Aber sagt was ist mit euch geschehen, nachdem ihr den Brief geschrieben habt?“
„Ihr habt ihn erhalten?“, sagte Alexje überrascht.
„Naja, sagen wir er kam mit Verspätung.“, zuckte Gilmenel mit den Schultern.
„Grimmhuf? Was ist mit ihm?“, wollte der Untote wissen, „Hat er es nicht geschafft?“
„Nein, er kam nicht bis nach Quel’Thalas.“, schüttelte Gilmenel den Kopf, „Aber ich habe ihn gefunden.“
„War er tot?“, sorgte sich Alexje.
„Nein, er war gesund und munter.“, beruhigte Gilmenel den Freund, „Jemand hat ihn gut gepflegt. Doch was aus ihm geworden ist, dass kann ich dir leider nicht sagen.“
„Ich werde später nach ihm suchen.“, sagte Alexje leise und besorgt.
„Sehr gut. Khal’El war auch zuletzt bei ihm.“, sagte Gilmenel, „Aber nun … ähm … sagt mir ... ich meine … Was ist aus euch geworden, Alexje?“
„Ich gehöre nun zu den Verlassenen.“, erklärte er emotionslos, „Ich konnte mich noch rechtzeitzig töten, bevor die Geißel mich nahm. Aber ich erwachte wieder aus dem Tod. Aber das Wie und Warum würde zu lange dauern. Ich denke die dunkle Fürstin kann es es euch besser erklären.“
„Die dunkle Fürstin?“, fragte Gilmenel nach.
„Die Anführerin der Verlassen. Untote, die sich von der Geißel losgesagt haben und ihren eigenen Willen wieder bekommen haben. Ihr kennt sie sehr gut.“, fuhr Alexje fort, „Sylvanas Windläufer.“
„Sylvanas.“, flüsterte Gilmenel, „Ja, ich wusste, dass sie in Lordaeron ist. Ich war auf den Weg zu ihr.“
„Wozu?“, fragte Lexje ungläubig.
„Sie hat mich in diese Lage gebracht als sie noch dem Lichkönig diente.“, erklärte Gilmenel einsilbig, „Sie muss mir helfen!“
„Ich denke, das könnt ihr vergessen.“, zuckte der Untote mit den Schultern, „Es gibt für sie kein Leben mehr vor der Geißel. Ihre Botschaft ist der Tot.“
„Wir werden sehen.“, sagte Gilmenel energisch, „Ich mache mich auf den Weg. Lebt wohl!“
„Wartet!“, rief Alexje Gilmenel nach, „Ich bin hier fertig, und habe das, was ich gesucht habe, gefunden. Ihr könnt mit mir zusammen nach Lordaeron reiten.“
Alexje deutete auf ein untotes Pferd vor dem Stall. Er schwang sich in den Sattel und reichte Gilmenel eine Hand.
„Oh, entschuldigt.“, sagte er verlegen, als er Gilmenels Gesicht sah, „Ihr müsst wohl von alleine aufsteigen.“

„Wir sind da.“, sagte Alexje.
Vor ihnen lagen die Tore der einstigen Königsstadt. Es herrschte ein reges Treiben. Wesen der unterschiedlichsten Rassen betraten oder verliesen die Stadt. Etwas weiter entfernt konnte Gilmenel Zepellinanlegemasten sehen. Sie dachte mit Schaudern an ihre letzte und einzige Reise in einem Luftschiff zurück. Alexje bemerkte ihre besorgten Blicke.
„Keine Angst!“, munterte er sie auf, „Wir gehören nun zur Horde.“
„Horde?“, fragte Gilmenel, „Aber wir Hochelfen waren doch mit …“
„Ja, ja der jetzigen Allianz verbündet.“, nickte Alexje, „Aber die wollten uns Verlassene nicht haben, obwohl wir ihre Väter, Mütter, Söhne und Töchter waren. Deshalb hat die dunkle Fürstin ein Abkommen mit Thrall, dem Anführer der Orcs, geschlossen. Und nun gehen Orcs, Trolle und Goblins bei uns ein und aus.“
„Und mein Volk?“, flüsterte die Hochelfe.
„Nein, Elfen habe ich hier noch nicht gesehen.“, zuckte Alexje, „Ausser der einen, Sylvanas Windläufer.“
Alexje ritt durch das Tor. Das Innere der einst prächtigen Stadt lag in Trümmern. Gilmenel erinnerte sich an einen ihrer seltenen Besuche hier. Die Stadt pulsierte damals voll von Leben, und nun sah es aus wie auf einen Friedhof. Alexje machte keinen Halt, als er am ehemaligen Königsthron vorbei, und einen von Monströsitäten bewachten Aufzug hinein ritt.
„Ihr solltet nicht erschrecken.“, sagte Alexje als sie den Fahrstuhl verliessen, „Unterstadt! Meine neue Heimat.“
Gilmenel schaute sich um. Deneathor hat ihr zwar berichtet, dass Sylvanas nun in den Katakomben von Lordaeron sei, aber sie dachte damals an verwinkelte, dunkle und modrige Gänge. Doch vor ihr lag ein enormes kuppelartiges Gewölbe, das erfühlt war mit Treiben. Händler boten ihre Waren an. Handwerker verrichteten ihre Arbeit. Die einstige Krypta war zu einer kleinen Stadt umfunktioniert.
„Das ist ja unglaublich.“, flüsterte sie Alexje ins Ohr.
„Naja, es ist ganz nett.“, nickte er, „Bis auf den grünen Schleim. Zum Glück riechen die meisten Untoten nichts mehr.“
„Wozu dient der?“, wollte Gilmenel wissen, als sie langsam über die Rampen und die Gänge ritten.
„Das müsst ihr die Apothekervereinigung fragen.“, sagte Alexje, „So wir sind da. Die königlichen Gemächer. Ab hier gehen wir besser zu Fuß weiter.“
Sie standen vor eine Treppe, die zu einem bewachten Tunneleingang führte.
„Kommt!“, sagte der ehemalige Schmied knapp, „Wir wollen eure Freundin besuchen.“
Gilmenel konnte nicht die Bitterkeit überhören, mit der Alexje das Wort ‚Freundin’ aussprach.
Der Tunnel führte sie in einem Bogen zu einer weiteren unterirdischen Halle. Gilmenel versuchte alles so gleichmütig wie möglich aufzunehmen, aber der Anblick des Schreckenslord liess ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie blieb stehen. Alexje drehte sich zu ihr um und folgte ihrem erschrockenen Blicken.
„Ah, Varimathras.“, lächelte er so gut er es noch konnte, „Keine Angst, die dunkle Fürstin hat ihn unter Kontrolle.“
„Das will ich hoffen.“, sagte Gilmenel mit einem leichten Zittern in der Stimme, „Es ist schon alles sehr verwunderlich hier. Früher hätte sie kurzen Prozeß mit so einer Ausgeburt der Geißel gemacht.“
„Hm ja, früher …“, flüsterte Alexje als sie in die Mitte des Kuppelsaales kamen, „Nun wir haben Glück. Sie hält gerade Hof.“
Gilmenel schaute auf. Vor ihnen auf einem Podest stand die dunkle Fürstin der Verlassenen. Ihr Gesicht und ihren Körper erkannte Gilmenel sofort wieder, aber die Augen. Gilmenel erschauterte. Dort wo einst die gutmütigen Augen der Hochelfengeneralin in vertrauten Blau leuchteten, waren nun zwei rot glühende Augen, die Hass, Tot und Verderben ausstrahlten. Gilmenel fröstelte leicht.
„Ich denke, ich weis was ihr gemeint habt, Alexje.“, sagte sie mit hängenden Schultern. „Ich sehe meine Freundin wohl wieder, aber ich erkenne sie nicht mehr. Aber sie trägt noch den Umhang und Bogen der Waldläufer von Quel’Thalas. Vielleicht besteht noch Hoffnung.“
„Ihr seit sehr optimistisch. Ihr wisst nicht, was sie durchgemacht hat.“, schüttelte Alexje den Kopf, „Los, lasst uns zu ihr hintreten.“
Alexje trat vor die dunkle Fürstin und kniete nieder.
„Meine Fürstin, verzeiht mir die Belästigung.“, sagte der Untote unterwürfig mit gesenkten Haupt, „Aber ich habe jemanden gefunden, der euch sprechen möchte.“
„Mann, ich habe kein Zeit für Spielchen.“, dröhnte die Stimme der Bansheekönigin.
‚Sie sieht zwar wieder aus wie Sylvanas, aber sie ist doch noch eine Banshee.’, dachte sie voll Schrecken an ihre letzte Begegnung. Sie trat vor Sylvanas Windläufer.
„Meine Generalin.“, sagte sie uns salutierte nach Art der Waldläufer von Quel’Thalas.
„Was?“, zürnte Sylvanas, „Wer bist du, Geist, dass du es wagst mich so zu grüßen?“
„Ich war Gilmenel Mindmaker, frühere persönliche Assistentin, Vertraute und Freundin der Waldläufergeneralin Sylvanas Windläufer.“, sagte Gilmenel fest.
„Diese Zeit ist tot!“, schrie die Bansheekönigin, „Gilmenel ist tot! Es gibt nichts was von damals noch Bedeutung hätte!“
„Sylvanas, ich …“, begann Gilmenel.
„Geh mir aus den Augen, anmaßender Geist aus der Vergangeheit!“, donnerte die dunkle Fürstin, „Bevor ich dich vernichte!“
Gilmenel drehte sich wortlos um und verliess ihre ehemalige Freundin. Als sie am Ende des Podests angekommen war, schien es ihr, wie wenn sie ein leises Seufzen in ihrem Rücken gehört hätte.
 
5. Wandlung

Die ehemalige Hochelfe schnaufte erleichtert durch, obwohl sie als Geist keine Luft brauchte, als sie wieder vor den Toren Lordearons stand. Alexje trat neben sie.
„Es ist nicht so gelaufen, wie ihr es erwartet habt, oder?“, sagte er mit einem Schulterzucken.
„Nein Alexje, ich habe meine Freundin dort unten in dem Gewölbe leider nicht wieder gefunden.“, seufzte Gilmenel traurig.
„Vergesst nicht was ihr wiederfahren ist.“, mahnte sie der Untote, „Ihr wisst, dass sie dem Lichkönig sehr lange zu absoluten Gehorsam verpflichtet war. Es hat sie stark verändert.“
„Ja, das weis ich. Ich habe es ja selbst miterlebt, wie ihr wisst.“, flüsterte Gilmenel, „Aber ihr hattet mir neue Hoffnung gegeben. Ihr erinnert euch an das, was ihr wart.“
„Dann habe ich euch falsche Hoffnung gemacht.“, sagte der ehemalige Stallbesitzer von Andorhal nüchtern, „Aber ich war nie ein Teil der Geißel, sondern hatte nur das Glück, oder Pech, von ihren Auswirkungen betroffen zu sein.“
„Was soll ich nur jetzt tun, Alexje?“, sagte Gilmenel uns setzte sich entmutigt hin, „Ich würde am liebsten sterben.“
„Das seit ihr schon.“, schmunzelte der Untote, „Aber ich denke die Scharlachroten würden auch noch gerne den Rest erledigen.“
Gilmenel durchfuhr ein Zittern an den Gedanken, was sie bei der letzten Begegnung mit ihnen gespürt hatte.
‚Vielleicht ist doch noch etwas Leben in mir.’, dachte sie und schüttelte langsam den Kopf.
„Ah, ich sehe, dass ihr das wohl doch nicht in Erwägung zieht.“, schmunzelte Alexje, „Ich weis es ja nicht, aber was ich mit euch vor ein paar Tagen in Andorhal erlebt habe, dass lässt mich vermuten, dass ihr nicht ganz wehrlos seit.“
„Alexje, das sind Dinge, die ich lieber nicht tun würde.“, sagte sie verbittert, „Denn jedes Mal stirbt dabei ein Teil des Guten in mir.“
„Einerlei, dass Einzige was euch fehlt ist ein Körper, und den braucht es wirklich nicht.“, sagte der Untote und betrachtete sein faulendes Fleisch, das an manchen Stellen seines Körpers schon in Fetzen von den Knochen hing.
„Das sagt ihr so einfach.“, schnaubte Gilmenel, „Verzeiht, ich denke das war falsch.“
„Entschuldigung aktzeptiert.“, nickte der Untote, „Vielleicht solltet ihr diese verfluchten Länder verlassen, und euch auf die Reise in grünere Gefilde begeben. Sie könnten euch etwas ermutigen.“
„Das wäre möglich, aber ich will zuerst noch nach Khal’El und einem Freund sehen.“, sagte Geisterelfe mit einem Seufzer, „Dazu muss ich noch einmal in das ehemalige Nordarathor.“
„Gut, dann lasst uns aufbrechen.“, nickte Alexje, „Ich begleite euch. Ich muss wissen, was aus Grimmhuf geworden ist.“
Alexje stieg auf sein Skelettross. Gilmenel setzte sich hinter ihn.
„Auf in die Pestländer!“, gab Alexje seinem Pferd die Sporen.

„Ist es hier?“, fragte Alexje und brachte das Pferd zum Stehen.
Gilmenel sah sich um. Sie waren am Fuß eines Berges. Die Gegend kam ihr bekannt vor, aber sie war sich nicht so ganz sicher.
„Ich weis nicht so ganz.“, sagte sie nachdenklich, „Das dort drüben, das könnte der Sumpf sein, in den ich geriet. Und dort führt ein Pfad den Berg hoch, der mir vage bekannt vorkommt.“
„Nun, versuchen wir den Pfad zu folgen.“, zuckte der Untote mit den Schultern, „Wir werden sehen wohin er uns führt. Zumindestens haben wir von oben eine bessere Orientierungsmöglichkeit.“
„Das stimmt.“, nickte Gilmenel, als Alexje sein Pferd den Pfad hinauf trieb.
Die Hochelfe konzentrierte sich auf die Landschaft. Es lenkte sie von ihrer Nervosität ab, was sie am Ende des Pfades erwarten würde.
„Wir sind auf dem richtigen Weg.“, sagte Gilmenel, als sie den Pfad vor ihnen in steilen Serpentinen den Hang hinaufwinden sah.
„Gut.“, nickte Alexje.
Der ehemalige Stallmeister war geschickt in Umgang mit Pferden, ob sie lebend oder untot waren. Sie erreichten daher bald die letzte Kehre.
„Ich denke wir steigen lieber ab.“, sagt er, „Und gehen die letzten Meter vorsichtig zu Fuß.“
Alexje zog sein Schwert und stieg den Pfad hinauf. Gilmenel folgte ihn mit einigem Abstand.
„Nichts!“, sagte Alexje enttäuscht, „Hier ist Nichts!“
Gilmenel schaute über die Kante. Vor ihr lag ein staubiges Plateau. Verwelkte Bäume säumten eine absolute Leere ein, die nur von braunem Staub bedeckt war. Auf der anderen Seite führte ein Pfad weiter nach oben, bevor er hinter einem Bergrücken verschwand. Nach Rechts führte ein schmaler Weg den Hang entlang. Gilmenel erkannte sofort, dass es sich um den Platz von Ungbars Hütte handeln musste. Der eine Pfad würde zur Aussichtskanzel hinaufführen und der andere zum Wasserfall. Aber das leere Plateau verwirrte sie. Nicht einmal der kleinste Krümmel eines Rests von Ungbars Hütte war zu sehen. Der Stall, der Brunnen und die Hütte alles war verschwunden.
„Wir sind hier aber richtig, Alexje.“, erwiderte ihn Gilmenel überzeugt, „Hier stand Ungbars Hütte.“
Die beiden standen nun mitten auf dem Plateau, und schauten sich ungläubig um. Gilmenel fühlte einen eiskalten Schauer durch ihren Geisterkörper gehen.
„Irgendetwas stimmt hier nicht, Alexje.“, flüsterte sie mit einem Zittern in der Stimme.
„Ja, ich hab es auch gespürt.“, stimmte er leise zu, „Wir sollten wieder …“
Weisser Nebel stieg plötzlich aus dem Boden empor. Er fühlte sich kalt an. Noch bevor sie den Rand des Plateaus erreichten, hatte er sie komplett eingehüllt.
„Ich sehe nichts mehr!“, rief Gilmenel erstaunt.
„Stehen bleiben, damit wir nicht am Rand hinunterstürzen!“, befahl Alexje.
Ein Grollen fuhr durch den Nebel. Zwei eitriggelb leuchtende Augen tauchten im Nebel auf.
„Ungbar!“, rief Gilmenel den Augen entgegen, „Bist du das?“
Das Grollen schwoll zu einem Brüllen an. Alexje hielt sein Schwert kampfbereit.
„Schnell folgt meiner Stimme!“, rief er Gilmenel zu, „Stellt euch hinter mich!“
Gilmenel ging langsam vorwärts. Sie spürte die Präsenz des Untoten direkt vor sich.
„Es wäre vielleicht Zeit für einen kleinen Zaubertrick.“, flüsterte er ihr zu, „Damit ich wenigstens sehe, gegen was ich kämpfe.“
„Ich, ich kann nicht.“, schüttelte Gilmenel den Kopf.
„Dann ist es um mich endgültig geschehen.“, sagte der Untote bitter, „Euch wird das Monster dort wohl Nichts tun können. Seht ihr, ein Körper stört nur.“
Gilmenel hörte den Spott in Alexjes letzten Satz. Sie konzentrierte sich, obwohl sie nicht wusste, wie sie gegen diesen Nebel ankommen würden. Ein böser Gedanke kam ihr in den Sinn.
„Finsternis des Nethers!“, rief sie geheimnisvoll, „Flammen der Dämonen! Kommt zu mir!“
Eine dunkle Kugel schwarz wie die Nacht hüllte Gilmenel ein. Eine grünliche Flamme züngelte auf ihrer rechten Hand.
‚Ja, benutze die dämonische Macht!’, flüsterte eine finstere Stimme in ihren Kopf, ‚Werde mein für immer und ewig!’
Gilmenel schüttelte angewiedert den Kopf.
„Niemals gehöre ich dir!“, schrie sie, und brach den Zauber ab.
„Was tut ihr?“, rief Alexje ihr zornig zu, „Schnell, fang wieder an!“
Der Boden erzitterte von gewaltigen Schritten. Was immer im Nebel auf sie zu kam, es war sicher nicht klein. Ein weiteres enormes Brüllen war zu hören.
„Geißel töten!“, tönte es plötzlich aus dem Nebel.
„Alexje, vertraut mir.“, sagte Gilmenel beschwörend, „Der Preis wäre zu hoch. Ich versuche etwas Anderes.“
Gilamanel begann den Singsang einer Zauberformel. Gron’Eteks alter Wasserschlauch erschien vor ihr. Er öffnerte sich und gab etwas von dem funkelnden Dampf frei, bevor er wieder verschwand. Gilmenel wieder holte den Zauber einige Male hintereinander. Die Dampfwolke wurde immer größer.
‚Das muss reichen.’, dachte sie und steckte ihren Kopf, Hände und Oberkörper in die Wolke.
Sie spürte plötzlich ihre Lungen. Sie versuchte zu atmen. Sie fühlte ihre Lippen und Zunge. Sie begann zu singen. Ein angenehm warmer Wind wehte über das Plateau. Er vertrieb den Nebel. Vor ihnen sah sie die Hütte Ungbars.
„Ihr nicht gut!“, brüllte es in ihrem Rücken.
Alexje und Gilmenel drehten sich um. Vor ihnen stand ein modrigbrauner Riese. Grüner Schleim tropfte aus seinem Mund und aus Pusteln auf seinem Körper. Seine enormen Klauen endeten in scharfen Krallen. Er roch nach Verwesung.
„Ungbar!“, rief Gilmenel, „Ich bin es die kleine Elfe!“
„Töten!“, brüllte der Riese und hieb auf sie ein.
Alexje sprang vor sie und parierte den Hieb mit enormem Kraftaufwand. Ungbar holte mit der anderen Klaue aus. Alexje fuhr herum. Der Schlag traf ihn unvorbereitet, und schleuderte ihn gegen die Hüttenwand. Ungbar rannte auf ihn zu.
„Tut was!“, rief er Gilmenel zu.
‚Frühling!’, dachte Gilmenel und begann zu singen.
Wolken bildeten sich über ihren Köpfen. Ein sanfter Regen benetzte alles auf dem Plateau. Er fühlte sich weich an und duftete frisch wie der Frühling.
Der Regen wusch den Schleim von Ungbars Körper. Seine modriggrüne Körperfarbe wich einem zarten Grün. Der Riese heulte auf und warf den Kopf in den Nacken. Er lies den Regen direkt in sein riesiges Maul fallen. Die Hütte hinter ihm zerfiel zu Staub.
Gilmenel sang weiter. Der Regen wurde stärker. Die letzten Reste des Nebels verschwanden und der Regen strömte über das braune Plateau. Wie Ungbar ergrünte es langsam. Der Riese hatte sich inzwischen in eine Pfütze aus Regenwasser gesetzt. Seine Finger hatten die Krallen verloren und schienen das Wasser aufzusaugen.
„Ah!“, rief er entspannt, „Rein!“
„Was immer ihr auch getan habt.“, rief Alexje Gilmenel zu, „Es hat geklappt.“
„Meine Mutter hat mir immer wieder erklärt, dass man mit der Natur handeln muss, und nicht gegen sie.“, sagte Gilmenel schwach.
„Gut, das ihr auf eure Mutter gehört habt.“, nickte Alexje bestätigend.
Ungbar stand auf. Er machte eine weit ausholende Bewegung mit seinen gewaltigen Armen. Gras und Blumen fingen an auf dem Plateau zu spriessen. Der vertrocknete Brunnen fühlte sich mit frischem Wasser. Die verdörrten Bäume erwachten zu neuen Leben und begannen saftige Blätter zu treiben. Die Hütte erschien wieder und begann wie neu zu erstrahlen. Er wandte sich Gilmenel zu.
„Kleine Elfe haben Ungbar gerettet!“, sagte er dankbar.
„Hallo Ungbar.“, winkte ihm Gilmenel freundlich zu.
„Aber du nur Geist bist.“, sagte der Rise besorgt.
„Nunja, mehr ist leider nicht von mir übrig geblieben.“, seufzte Gilmenel bitter.
„Ungbar trotzdem froh seien, dich zu sehen.“, lächelte der Riese.
„Darf ich dir einen Freund vorstellen, Ungbar.“, sagte Gilmenel und winkte Alexje zu sich.
„Ah, Geißeluntoter!“, brüllte der Naturgeist.
„Nein, nein, Ungbar!“, beruhigte Gilmenel den Zorn des Riesen, „Das ist anders als es ausschaut.“
Sie erklärte den Riesen das Wesen der Verlassenen. Ungbar nickte ungläubig. Er gab sich aber mit ihrer Erklärung zufrieden.
„Wenn du ihn vertrauen, Ungbar ihn vertrauen.“, sagte er.
„Ja, das tue ich.“, bestätigte Gilmenel, „Übrigens hat er das Pferd mit dem Brief geschickt.“
„Ah, Pferde.“, rief Ungbar, „Ich denke, da auch auch alles wieder in Ordnung seien.“
Ungbar ging auf den Stall zu. Er funkelte kurz grün, als er die Tür öffnete und hineinging. Er kam mit einem schwarzen Hengst und einer weissen Stute aus dem Stall zurück.
„Hier!“, lächelte er als er Gilmenel und Alexje die Pferde gab, „Ungbar versprochen hat auf Pferde aufzupassen. Ungbar halten Wort!“
Alexje nahm Grimmhuf und klopfte ihn auf den Hals.
„Grimmhuf, mein alter Junge.“, sagte er gerührt.
Der Rappe wieherte erfreut.
Gilmenel nahm Khal’El am Halfter und kraulte ihr die Ohren, bevor der Zauber Gron’Eteks plötzlich nachlies.
„Khal’El!“, flüsterte sie dem Pferd ins Ohr, „Lass uns reiten wie der Wind!“
Die Stute blähte die Nüstern und scharrte ungeduldig mit den Hufen.
 
6. Pfad

Gilmenel genoss das frische satte Grün des Grases. Sie hatte extra etwas von Gron’Eteks Zauberdampf geopfert, um es sanft zu streicheln. Alles war hier wieder lebendig. Ungbar hatte sich aufgemacht auch die weitere Umgebung seiner Hütte zu heilen. Nun war fast wieder ein Gebiet so groß begrünt, wie damals als Ungbar Gilmenel zum ersten Mal zu seiner Hütte gebracht hatte. Khal’El und Grimmhuf weideten, mit einem eigenen Verständnis was sattes Grün bedeutet, ruhig neben Gilmenel das Gras ab. Alexje saß vor Ungbars Hütte und schleifte sein Schwert. Gilmenel hätte noch lange hier verweilen wollen. Sie wollte das grässliche Land unter ihnen aus ihrem Gedächtnis tilgen, und doch musste sie nur an die Kante des Plateaus treten um die Verderbtheit im Tal zu sehen.
Sie hatte lange darüber nachgedacht und grübelte auch jetzt gerade darüber nach, was sie als nächstes tun sollte. Die Hoffnung ihre ehemalige Freundin doch zumindestens ansatzweise wiederzufinden, hatte die dunkle Fürstin in den Katakomben von Unterstadt vollends vernichtet. Gilmenel fühlte sich seit langen zum ersten Mal wieder alleine und verloren.
Das Schleifgeräusch hatte aufgehört. Alexje kam auf die nachdenkliche Elfe zu.
„Du schaust besorgt aus, wenn ich das deinem Gesichtsausdruck entnehmen kann, soweit ich ihn sehe.“, sagte Alexje mit dem sich Gilmenel inzwischen sehr angefreundet hatte. Nur Ungbar sah den Untoten noch ab und an argwöhnisch an.
„Soweit du ihn siehst?“, sagte Gilmenel traurig, „Ja, das trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf.“
„Willst du es mir sagen?“, sagte Alexje uns setzt sich neben sie ins Gras.
Gilmenel musste nun doch etwas schmunzeln, als die etwas längeren Grashalme Alexjes Beine an einigen fleischlosen Stellen durchbohrten. Der Untote sah ihre Blicke und zupfte verlegen an seinen Bandagen.
„Mein Freund, ich fühle mich sehr einsam.“, erklärte sie dem untoten Schmied, „So einsam wie damals bevor ich aufbrach in Sylvanas’ Dienste zu treten.“
„Aber Ungbar und ich sind doch bei dir.“, sagte Alexje tröstend, und als er ein zartes Wiehern vernahm, „Und natürlich auch Grimmhuf und Khal’El.“
„Ich weis.“, nickte Gilmanel, „Aber siehst du, ihr alle lebt, ohne dir nahe treten zu wollen, auf die ein oder andere Art. Ich bin nur ein Geist. Wenn Gron’Eteks Zauberdampf verbraucht ist, werde ich den Kontakt zur lebenden Welt ganz verlieren.“
„Dann müssen wir den Troll suchen.“, sagte Alexje energisch.
„Nein, das hat keinen Zweck.“, schüttelte Gilmenel den Kopf, „Er ist vermutlich nicht mehr in Quel’Thalas. Er wollte andere Trolle suchen. Wer weis wo er steckt. Es wäre die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.“
„Hm, ich habe mal eine bei mir im Stall gefunden.“, versuchte der Untote die Situation aufzumuntern.
„Ach Alexje.“, sagte Gilmenel mit einem Seufzer, „Du weist was ich meine.“
„Entschuldige, ich wollte dich nur aufmuntern.“, nuschelte der Untote.
„Schon gut, mein Freund.“, sagte Gilmenel etwas fröhlicher, „Nein, ich muss es noch geniessen solange es geht, und dann … nun, dann … Ich weis es nicht.“
„Ich sagte dir vor Kurzem, dass vielleicht etwas Leben dich aufmuntern würde.“, begann der Untote, „Selbst das bisschen Grün, das Ungbar und du hier gezaubert haben, hat dich aufgemuntert. Ich denke es wäre noch besser, wenn du noch mehr davon sehen würdest.“
„Da könntest du Recht haben.“, sagte Gilmenel und dachte dabei an die Naturverbundenheit ihrer Mutter, „Aber wohin soll ich gehen? Ich komme ohne deine Hilfe nicht weit.“
„Das bleibt abzuwarten.“, schüttelte der ehemalige Stallmeister von Andorhal den Kopf, „Da ich Richtung Süderstade reisen muss, kannst du gerne mit mir kommen.“
„Was willst du dort?“, fragte Gilmenel überrascht, „Die Menschen würden dich … öhm … töten.“
„Ja, das würden sie sicher.“, lachte Alexje.
Er fand Gilmenels andauernde Unsicherheit mit seinem momentanen Untotenstatus immer noch sehr amüsant.
„Nein, ich werde nicht bis in den Ort reiten.“, erklärte der Untote, „Er findet den Weg alleine, denke ich.“
„Wer?“, schaute ihn die Elfe fragend an.
„Grimmhuf.“, flüsterte Alexje, „So sehr ich mich über das Wiedersehen mit ihm gefreut habe, so sehr schmerzt es mich ihn nicht behalten zu können. Er wäre bei den Verlassenen nicht gut aufgehoben. Er muss unter die Lebenden. In Süderstade lebt eine Stallmeisterin mit der ich zu Lebzeiten … nun ... du weist wie das ist … romantische Gefühle und so.“
Alexje schien sich in seine Gedanken zu verlieren. Ein Hauch von Trauer huschte über sein Gesicht.
„Ich weis was ihr meint, mein Freund.“, tröstete ihn Gilmenel.
„Nun, es ist vorbei.“, fasste sich der Untote wieder, „Aber ich weis sie wird sich gut um den alten Jungen kümmern.“
„Gut dann lasst uns aufbrechen. Khal’El braucht auch ein neues Zuhause.“, sagte Gilmenel.

„Ihr Ungbar verlassen?“, schaute sie der Naturgeist traurig an.
„Ja, es fällt mir auch schwer, mein Freund.“, sagte Gilmenel leise, „Aber wir wollen die beiden Pferde zu einer guten Freundin bringen. Sie hat viele Pferde.“
„Pferde es hier aber gut gehabt haben.“, sagte der Riese etwas verschnupft.
„Ja, Ungbar.“, nickte Gilmenel, „Aber sie brauchen Auslauf, und die Gegenwart von mehr Pferden.“
„Ja, das Ungbar verstehen.“, nickte Ungbar.
„Ich werde dich wieder besuchen. Das verspreche ich dir, mein Freund.“, sagte Gilmenel.
„Sehr alleine sein ich werde.“, sagte Ungbar mit etwas, das man als Trauer deute könnte, in seiner tiefen Bassstimme.
„Ich denke da können wir etwas dagegen tun.“, mischte sich Alexje in den Abscheid zwischen Gilmenel und ihrem grossen grünen Freund ein.
„Du, Untoter?“, schaute ihn Ungbar überrascht an, „Ungbar nicht haben wollen Untote hier.
„Nein, nein.“, wehrte Alexje ab, „Auf meinen Reisen habe ich gehört, das Druiden vom Zirkel des Cenarius versuchen das Land wiederzubeleben. Sie scheinen erste Erfolge bei der Kapelle des Lichts zu machen. Ich denke du wärst ihnen eine … ähm … sehr grosse Hilfe.“
„Das klingt wie wie eine gute Aufgabe für Ungbar.“, nickte Ungbar, „Aber viel Arbeit es sein wird. Land sehr krank ist. Doch Natur und Ungbar eins ist. Wenn Ungbar gerettet werden konnte, dann wir können auch Land retten.“
„Ungbar, das ist wirklich eine gute Idee.“, sagte Gilmenel freudig.
Der für Ungbar ungewöhnlich lange Redefluss stimmte sie zuversichtlich, dass der Riese die Aufgabe mit Freuden annehmen würde und auch Erfolg haben würde.
„Ja, Druiden sehr mit Natur verbunden sind.“, sagte Ungbar.
„Gut.“, sagte Alexje, „Ich werde den Druiden sagen, dass sie dich besuchen kommen sollen.“
„Ja, Ungbar auf sie hier warten.“, sagte der Riese.
„Ungbar, ich freue mich für dich.“, sagte Gilmenel, „Du wirst wieder Leben erschaffen können.“
„Ja, kleine Elfe.“, nickte ihr Ungbar mit seinen großen bärtigen Kopf zu, „Du haben mal wieder gute Arbeit getan.“
„Ach, Ungbar.“, flüsterte Gilmenel. Sie hätte ihn am liebsten umarmt.
„Gut, ich denke wir sollten nun aufbrechen.“, sagte Alexje.
Er sass bereits auf Grimmhuf. Sein Verlassenenpferd führte er an einer Leine hinter sich.
„Ich konnte nicht anders.“, sagte er verlegen, als er Gilmenels Blicke sah, „Ein letztes Mal wollen wir zusammen reiten. Nicht wahr, alter Junge?“
Grimmhuf wieherte wie zur Bestätigung freudig auf. Gilmenel lies einen langen Seufzer hören.
„Was ist los mit dir?“, fragte Alejxe überrascht, „Los auf! Khal’El wartet!“
„Alexje!“, entfuhr es Gilmenel, „Wie soll ich sie denn reiten können mit diesen Geisterkörper? Ich kann mich gerade so auf einen Pferd halten, wenn es jemand anders es reitet und ich mich stark darauf konzentriere dem Reiter zu folgen. Aber selbst reiten?“
„Verzeih mir, das habe ich vergessen.“, sagte Alexje geknickt, „Also dann rauf zu mir!“
„Kleine Elfe warten.“, sagte Ungbar plötzlich, „Vielleicht Ungbar dir helfen können.“
Ungbar beugte sich zu Khal’El hinunter und flüsterte etwas in das Ohr der Stute. Khal’El nickte heftig mit dem Kopf und wieherte so laut wie nie.
„Pferd dich verstehen können.“, erklärte Ungbar, „Du nur sagen müssen wohin und wie schnell. Pferd sagen, du nur dafür sorgen, dass du auf ihm sitzen bleibst.“
Gilmenel schaute zuerst Ungbar und dann Khal’El ungläubig an. Die weisse Stute blähte die Nüstern und scharrte mit den Hufen. Gilmenel saß auf. Sie konzetrierte sich auf Khal’El.
„Khal’El, langsam dorthin zum Stall.“, sagte sie noch ungläubig.
Khal’El trotte vorsichtig in Richtung Stall. Als sie nach wenigen Schritten angekommen war blieb sie stehen. Gilmenel saß immer noch auf ihren Rücken.
„Khal’El. Schnell dort an das andere Ende des Plateaus!“, rief Gilmenel plötzlich.
Das Pferd wieherte und gallopierte die wenigen Schritte. Gilmenel hatte sichtlich Schwierigkeiten sich auf der Stute zuhalten.
„Zurück zu Alexje.“, sagte sie und fügte hinzu, „Aber langsam.“
Khal’El schritt zu Alexje.
„Naja, solange wir nicht schnell reiten müssen geht es.“, zuckte Gilmenel mit den Schultern.
Insgeheim musste sie sich eingestehen, dass es ihr gut tat wieder auf Khal’El zu reiten.
„Ich denke das wird schon mit ein bisschen Übung.“, spornte sie Alexje auf.
Alexje ritt zu Khal’El und streichelte ihr den Hals.
„Das machst du schon, mein Mädchen.“, flüsterte er dem Pferd zu.
„Leb wohl, Ungbar!“, rief der Untote lauter und führte seine beiden Pferde zum Weg nach unten.
„Es ist wohl Zeit einmal mehr Abschied zu nehmen, mein großer Freund.“, sagte Gilmenel traurig.
„Ja, Lebe wohl sagen.“, murmelte der Riese, „Kleine Elfe immer hastig. Irgendwann mal zu Ruhe kommen du musst.“
„Ach Ungbar, ich kann irgendwie nicht anhalten.“, seufzte die ehemalige Hochelfe, „Irgendetwas treibt mich immer weiter. Ich weis nicht was und wohin, aber ich fühle es gibt trotzallem noch etwas zu tun für mich.“
„Dann du gehen musst, kleine Elfe.“, sagte Ungbar, „Hier, Ungbar noch Geschenk geben, damit du Ungbar nie vergessen.“
Sie wollte gerate anmerken, das sie nichts tragen könnte, als Ungbar sie mit einem Finger berührte. Sie spürte wie die Natur selbst in sie zu dringen schien.
„Nun leb wohl, kleine Elfe.“, winkte der Riese.
„Leb wohl, mein Freund.“, winkte sie zurück.
Khal’El begann langsam Alexje zu folgen. Gilmenel war gerade sehr dankbar, dass sie Nichts sagen musste. Sie war innerlich vollkommen aufgewühlt.

„Meinst du die Druiden haben Ungbar schon erreicht?“, fragte sie Alexje um ihn abzulenken.
„Hmja.“, knurrte er kurz ohne dabei den Blick von dem davongallopierenden Grimmhuf zu nehmen.
„Er wird es sicher gut bei ihr haben.“, seufzte er traurig.
Gilmenel lehnte sich von Khal’El hinunter zu dem Untoten der traurig an dem ehemaligen Zaumzeug des Rappens herumtändelte.
„Da bin ich mir ganz sicher.“, nickte die Elfe, „Du kannst mit Pferden umgehen, und weist wer noch.“
„Ja, ich hoffe die Botschaft reicht ihr aus.“, sagte Alexje mit immer noch zittriger Stimme.
Er drehte sich zu seinem Untotenross und steckte das Zaumzeug in die Satteltasche.
„Wir sollten lieber verschwinden, bevor die Menschen vielleicht nachschauen kommen, woher ein herrenloses Pferd kommt.“, sagte er plötzlich hastig.
Es schwang sich auf sein Pferd und preschte im wilden Galopp davon. Gilmenel seufzte kurz. Sie wusste, warum Alexje so schnell weg wollte. Die Verabschiedung von Grimmhuf hatte wohl die Erinnerungen an sein einstiges Leben zu sehr an die Oberfläche gebracht.
„Khal’El, reite wie der Wind!“, rief sie ihrer Stute zu.
Das Pferd zögerte keinen Moment und setzte Alexje nach. Gilmenel war sehr froh, dass sie auf ihrer langen Reise von den Pestländern nach Süderstade wieder eins geworden ist mit der feurigen Stute. Es war für Khal’El ein leichtes Alexjes schweres Schlachtross trotz Vorsprungs zu überholen.
„Halt, mein Freund!“, rief ihm Gilmenel zu.
Khal’El schnitt dem Skelettpferd den Weg ab. Alexje zog die Zügel an. Sein Pferd rutsche, noch eine tiefe Narbe im Gras hinterlassend, einige Schritte weiter.
„Ach, lass mich in Ruhe.“, knurrte der ehemalige Stallmeister von Andorhal.
„Nein, mein Freund.“, lächelte ihn Gilmenel an, „So leicht wirst du mich nicht los.“
„Denkst du?“, fragte der Untote finster.
Gilmenel sah ihn vorwurfsvoll an.
„Gut, entschuldige.“, sagte er freundlicher, „Die Trennung war wie ein endgültiger Abschied von meinem einstigen Leben. Als du mich damals in Andorhal im Kampf gegen die Geißel fandest, hatte ich sein altes Zaumzeug gesucht. Ich wollte eine Erinnerung an das Leben vor dem Tot haben. Dass ich dann Grimmhuf selbst wieder sehen durfte, das war zuviel Glück.“
Gilmenel spürte wie der Untote den Tränen nahe war. Wenn er weinen hätte können, hätte sie ihm vermutlich jede Menge Taschentücher reichen müssen, wenn sie das gekonnt hätte. So konnte sie ihn nur durch freundliche Worte aufmuntern und trösten.
„Grimmhuf wird es gut gehen.“, sagte sie, „Und wer weis, vielleicht siehst du ihn eines Tages wieder.“
„Nein, teure Freundin.“, schüttelte der Untote den Kopf, „Ich habe genug von den Lebenden. Ich kann nie zurück. Ich muss es akzeptieren, dass ich zu den Verlassenen gehöre. Dies ist nun mein Volk, und ich werde alles geben um es zu unterstützen. Aber ich will nichts mehr mit Lebenden zu tun haben.“
„Was hast du vor?“, fragte die einstige Hochelfe ihn.
„Ich werde zurückkehren nach Unterstadt und dort eine Schmiede eröffnen.“, sagte Alexje.
„Aber dort sind auch Lebende der Horde.“, wand Gilmenel ein.
„Naja, es hält sich in Grenzen.“, zucket Alexje mit den Schultern, „Und sie sind auf unserem Gebiet.“
„Dann müssen sich hier nun unsere Wege trennen, mein Freund.“, sagte Gilmenel leise.
„Wieso?“, sagte der Schmied überrascht, „Komm doch mit!“
„In ihre Stadt?“, sagte Gilmenel mit einem traurigen Kopfschütteln, „Nein, das würde nicht gut gehen.“
„Ja, ich verstehe.“, nickte Alexje.
„Außerdem bin ich keine von euch.“, fuhr Gilmenel fort, „Ich bin nur ein Geist.“
„Ach, wir haben auch Geister in Unterstadt.“, versuchte nun Alexje die ehemalige Hochelfe aufzumuntern.
„Das sind andere Geister.“, schüttelte Gilmenel den Kopf.
„Dann ist es wahr, dass wir Abschied nehmen müssen.“, seufzte Alexje.
„Ja, so ist es.“, sagte Gilmenel entmutigt.
„Was wirst du tun?“, fragte Alexje.
„Ich weis es nicht.“, gab ihn Gilmenel zur Antwort, „Aber da ich nun mit Khal’El wieder schneller unterwegs bin, und auch sicher bin, dass ich sie reiten kann ...“
Ein kurzes Wiehern von Khal’El unterbrach sie.
„Oder sollte ich besser sagen, dass sie mich reiten lässt?“, schmunzelte Gilmenel.
„Ach, ich denke mein schönes Mädchen macht das schon.“, sagte Alexje und streichelte der Stute über die Mähne.
„Ja, das tut sie sicher.“, lächelte Gilmenel, „Daher bin ich auch auf den Gedanken gekommen deinen einstigen Rat zu befolgen, und die Welt zu bereisen, die noch intakt ist.“
„Das ist eine sehr gute Idee.“, nickte der Schmied, „Wohin willst du als Erstes?“
„Ich habe da einen Pfad bei unserer Reise hierher gesehen, der in das Gebirge dort führt.“, sagte sie und deutete auf die Berge rechts von ihnen, „Ich will zu gern wissen wohin er führt.“
„Er führt nur ins Hin…“, begann Alexje und brach ab, als er Gilmenel vorwurfsvollen Blick sah, „Ach, find es doch selbst heraus.“
„Das werde ich tun, mein Freund.“, lachte Gilmenel.
„Gut, dann ist es Zeit Lebewohl zu sagen.“, sagte Alexje, „Vielleicht sehen wir uns in Unterstadt einmal wieder.“
„Das glaube ich nicht, mein Freund.“, schüttelte Gilmenel den Kopf, „Aber vielleicht irgendwo anders. Elbereth möge dich schützen. Leb wohl!“
Alexje winkte ihr noch kurz zu. Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt in Richtung Tarrens Mühle davon.
Gilmenel schaute ihn noch nach bis er im nächsten Wäldchen verschwand.
„Nun sind wir wieder alleine, Khal’El.“, sagte Gilmenel, „Gut, dann lass uns einmal sehen was uns jenseits des Passes erwartet.“
Die Stute blähte die Nüstern und trabte langsam dem Pfad in die Berge entgegen.
 
7. Geschenk

Das Land war schön. Gilmenel genoss es durch die dichten grünen Wälder zur reiten. Einige kleinere Hügel bildeten gute Aussichtspunkte. Sie vermied aber jeden Kontakt mit den Lebenden. Soweit sie es erfassen konnte schienen hier Trolle und Zwerge das Land jeweils für sich zu beanspruchen. Aber es war für sie gänzlich nebensächlich. Sie saß auf einen Felsvorsprung. Unter ihr testete Khal’El die Verdaubarkeit des örtlichen Grases. Etwas weiter weg sah sie auf einer Lichtung einige der trotteligen Tiere, die aussahen wie große Eulen ohne Flügel, aber mit enorm großen Füßen. Sie bewegten sich irgendwie trollig fort. Sie musste kichern.
Ein kurzer grüner Blitz lies sie ihren Blick von den Eulenbiestern abwenden. Er war sehr schwach, und schien aus weiter Ferne zu kommen. Wenn sie sich anstrengte konnte sie im Dunst der Abenddämmerung einen riesigen Baum erkennen. Er überragte den Wald um ein Vielfaches. Sie fühlte sich irgendwie an die Erzählungen ihrer Mutter über die Weltenbäume Teleperion und Laurelin erinnert.
„Ich denke, ich weis wo wir morgen früh hinreiten.“, rief sie Khal’El zu.
Die Stute blähte kurz die Nüstern und führte ihre botanischen Studien fort. Gilmenel wäre wohl auch sofort losgeritten, denn Schlaf benötigte sie nicht mehr, aber um Khal’El zu reiten bedurfte es aller Sinne, auch die der Stute.
Gilmenel versuchte zu meditieren. Sie wollte einfach nicht mehr über ihr vergangenes Leben nachdenken. Es war im wahrsten Sinne des Wortes im Zigurat von Stratholm gestorben. Sie wollte ihren Geist soweit wie möglich von allen befreien. Sie hoffte auch dadurch die lockende Stimme, die des Nachts in ihren Kopf zu ihr sprach zu unterdrücken.
Immer wieder hatte die Stimme ihr Macht versprochen. Ja, sogar einen neuen Körper hatte sie der Geisterelfe angeboten. Gilmenel wusste aber welchen Preis sie zahlen würde, wenn sie der Verlockung unterliegen würde. Sie hatte die emotionslose Banshee, zu der ihre beste Freundin wurde, noch allzu gut in Erinnerung. Gilmenel war deshalb froh als sie den ersten Schein des Morgenrots wahrnahm. Diese Nacht war sie verschont geblieben von der dunklen Seite.
„Guten Morgen.“, rief sie Khal’El zu, „Lass uns reiten!“
Sie sprang von der Klippe direkt auf den Rücken des Pferdes. Khal’El blähte kurz die Nüstern und schüttelte den Kopf.
„Alte Aufschneiderin.“, lächelte Gilmenel das Pferd an, „Du hast garantiert nicht gespürt, dass ich auf dich gesprungen bin. Nun lass und in Richtung des großen Baumes reiten.“
Khal’El wieherte kurz und fiel in einen leichten Trab.

„Der ist echt gewaltig!“, flüsterte Gilmenel beeindruckt, „Wir sind noch weit weg und …“
Khal’El scheute. Eine Gestalt brach aus dem Unterholz und rannte in Richtung des Baumes.
„Das war knapp, Khal’El.“, mahnte die Elfe, „Beinahe wäre ich unten gelegen.“
Sie schaute der fliehenden Gestalt nach, als Khal’El ein zweites Mal scheute und in wilden Galopp zurück in Richtung aus der sie kamen los preschte. Gilmenel kämpfte damit auf dem Rücken des Pferdes zubleiben.
„Halt!“, schrie Gilmenel, „Ruhig!“
Khal’El wurde allmählich langsamer. Sie blieb stehen.
„Was hat dich so erschreckt?“, fragte Gilmenel sanft.
Khal’El wieherte aufgeregt und warf den Kopf in die Richtung des Orts ihres ersten Scheuens. Gilmenel blickte sich um. In der Ferne konnte sie die fliehende Gestalt erkennen. Sie wurde von fünf silbrig glänzenden Drachen verfolgt.
„Drachen?“, wunderte sich Gilmenel.
Gilmenel sah wie die Drachen wohl keine Mühe hätten die Gestalt bald einzuholen.
„Wir müssen ihr helfen.“, sagte Gilmenel zu Khal’El, „Los, zeig mir was du kannst!“
Khal’El schnaubte einen kurzen Protest, schoss aber dann in wilden Galopp der Gestalt und den Drachen hinterher.
„Sie läuft einen Bogen.“, sagte Gilmenel, „Khal’El wir müssen sie abfangen!“
Khal’El änderte die Richtung. Die Gestalt und ihre Verfolger fielen nach Rechts ab. Khal’El schoss aus dem Wald. Vor Gilmenel lag eine größere Lichtung. Khal’El beschleunigte, da sie nun den Bäumen nicht mehr ausweichen musste. Gilmenel verlor die Drachen und ihr Opfer aus den Augen.
„Wir haben sie verloren!“, rief Gilmenel entmutigt.
Khal’El wieherte aufgeregt und galoppierte weiter. Die Stute lief kurz etwas nach links.
„Der Baum!“, dämmerte es Gilmenel, „Sie will dort hin.“
Sie bemerkte das Khal’El genau auf den enormen Baum am Horizont lief.
„Gut gemacht, altes Mädchen.“, lobte die Elfe ihr Pferd.
Am Rand der Lichtung tauchte nun die Gestalt aus den Bäumen auf. Die Drachen waren nun schon bedrohlich nahe. Auf der Lichtung würden sie sie wohl eingeholt haben. Gilmenel war sich ganz sicher, dass die silbernen Drachen nichts Gutes im Schilde führten. Khal’El war aber der fliehenden Gestalt schon dichter auf den Fersen als die Drachen, und näherte sich ihr auch schneller.
„Hey!“, rief Gilmenel, „Ihr dort!“
Die Gestalt drehte kurz ihren Kopf zu Gilmenel.
„Springt auf, wenn wir bei euch sind!“, schrie die Geisterelfe.
Die Gestalt schien kurz zu zögern. Gilmenel fluchte innerlich. Sie wusste nicht, was es da lange zu überlegen gab.
„Macht schon!“, rief sie daher wütend.
Die Gestalt änderte ihre Richtung und lief nun direkt auf Gilmenel und Khal’El zu. Mit einer blitzartigen Bewegung griff sie Khal’Els Mähne und schwang sich elegant auf den Rücken der Stute. Sie rief etwas in einer Sprache die Gilmenel nicht verstand. Doch scheinbar verstand sie Khal’El. Sie wieherte laut und freudig und rannte so schnell wie Gilmenel sie noch nie rennen gesehen hatte.
„Dreh dich nicht um!“, mahnte nun die Gestalt in Gilmenels Rücken.
„Aber …“, versuchte die Hochelfe einzuwenden.
„Sie sind zu nahe, als das wir Störungen brauchen könnten.“, flüsterte es erklärend von hinten.
„Ich verstehe.“, nickte Gilmenel.
‚Wenn ich doch nur Gron’Eteks Zauberschlauch nützen könnte.’, dachte sie verzweifelt, ‚Aber bei der Geschwindigkeit. Es muss wohl sein.’
„Dunkel des Nethers!“ rief sie beschwörend, „Hül uns ein! Verbirg uns vor allen Augen!“
‚Sehr gut.’, flüsterte die Stimme in ihren Kopf, ‚Nun vernichte eure Angreifer!’
‚Nein, mehr bekommst du nicht!’, dachte sie ablehnend.
‚Abwarten, wir werden sehen.’, flüsterte die Stimme.
Gilmenel blickte sich um. Sie waren alle von Dunkelheit eingeschlossen. Khal’El war stehengeblieben.
„Was hast du getan?“, zürnte die Gestalt in ihrem Rücken.
„Danke. Uns gerettet?“, antworte Gilmenel verstimmt.
Sie spürte wie in ihrem Rücken eine nachdenkliche Stille sich ausbreitete.
„Das könnte sein.“, kam es etwas beruhigter, „Trotzdem ist dies, denke ich, kein guter Ort zum Verweilen. Du solltest uns wieder zurückbringen.“
„Ich versuche es.“, nickte Gilmenel.
„Dunkel des Nethers!“, begann Gilmenel, „Hebe dich hinfort!“
Sie schaute sich um. Die Schwärze blieb.
‚Denkst du, du kannst aus meinem Reich noch einmal so einfach entkommen?’, triumphierte die Stimme in ihren Kopf, ‚Du bist mein!’
„Niemals!“, schrie Gilmenel.
„Es scheint nicht zu wirken.“, sagte die Stimme in ihrem Rücken.
„Es gibt leider einige Probleme.“, seufzte Gilmenel, „Ich hätte den Zauber nicht sprechen dürfen. Nun gibt es nur noch einen Weg, um euch zurückzubringen.“
„Welchen?“, wollte die Stimme wissen.
„Ich werde mich ihm opfern müssen.“, resignierte Gilmenel.
„Wem?“, kam es von hinten.
„Sargeras.“, flüsterte Gilmenel leise und hoffte er hat es nicht gehört.
„Hm, ich verstehe.“, kam es nachdenklich, „Ich denke ich weis wo wir sind. Vielleicht wird es nicht nötig sein, wenn …“
„Was ist?“, fragte Gilmenel beunruhigt.
„Du wurdest berührt!“, entfuhr es der Stimme hinter ihr überrascht.
„Ja, von ihm.“, zuckte Gilmenel mit den Schultern.
„Nein, nicht nur.“, lächelte es hinter ihr, „Sondern auch von ihm.“
„Wem?“, fragte Gilmenel erstaunt.
„Dem Hüter der Natur von Arathor.“, erklärte die Stimme.
„Ungbar.“, flüsterte Gilmenel.
„Ja, genau von diesen.“, kam es freudig von hinten, „Nun können wir ganz sicher hier raus.“
„Was hat das mit unserer Lage zu tun?“, fragte Gilmenel.
„Ich sehe du musst noch viel lernen.“, schien die Gestalt hinter ihr zu seufzen, „Aber da können wir etwas machen. Als erstes genügt es dir zu wissen, dass du nur an Ungbar und sein Geschenk denken musst. Ich werde deine Gedanken zur Stabilisierung meines eigenen Zaubers benutzen. Denke aber nicht an die dunklen Mächte. Dann sind wir verloren.“
Gilmenel verstand nur die Hälfte von dem was die Stimme flüsterte. Aber sie hatte Vertrauen in die Stimme. Sie klang freundlich und weich. Gilmenel vermutete, dass es sich wohl um ein weibliches Wesen handelte. Sie begann an Ungbar und dessen reine Natur zu denken. Es fiel ihr nur allzu leicht die angenehme Erinnerung an sattes Grün und Ungbars Freundlichkeit wach zurufen.
„Sehr gut.“, flüsterte es hinter ihr, „Sehr gut.“
Ihr unsichtbarer Passagier flüsterte etwas in derselben Sprache, mit der er zu Khal’El gesprochen hatte. Vor ihnen wurde ein grünlicher Schimmer sichtbar. Er weitete sich kreisförmig aus.
‚Du glaubst doch nicht, dass das reicht.’, flüsterte Sargeras in Gilmenels Kopf, ‚Du weist du musst sie anders unterstützen.’
‚Ich dachte du wolltest uns nicht freilassen?’, zweifelte Gilmenel die Worte des gefallenen Titanen an.
‚Jeder Weg dich auf meine Seite zu bekommen soll mir Recht sein.’, erklärte die Stimme.
‚Wieso bin ich dir eigentlich so wichtig? Hast du nichts Anderes zu tun?’, raunzte Gilmenel.
‚Ich bin überall und nirgends.’, sagte die Stimme philosophisch, ‚Du weist genau, was dich auszeichnet.’
‚Nein, ich hab keine Ahnung. Und nun verschwinde!’, dachte Gilmenel wütend.
‚Hm, vielleicht musst du erst noch ein wenig zu dir finden um wirklich nützlich zu sein.’, sagte die unheilvolle Stimme, ‚Es ist denke ich den Versuch wert. Geh!’
‚Pah!’ , spottete Gilmenel, ‚Das wäre ich auch so.’
„Du musst dich mehr konzentrieren!“, mahnte die Person hinter Gilmenel, die dadurch plötzlich aus ihren Gedanken gerissen wurde.
„Ich versuch’s.“, flüsterte Gilmenel.
„Was?“, staunte die Person in ihren Rücken, als der Kreis plötzlich zu einen vollständigen Portal angewachsen war.
Niemand musste Khal’El erklären, was sie zu tun hatte. Die sanften grünen Hügel mit den satten Gras und den majestätischen Bäumen waren ihr Erklärung genug. Mit einem Satz sprang sie in das Portal.

Gilmenel schaute sich ungläubig um. Sie schienen in einen gewaltigen Talkessel zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt lag ein tiefblauer See ruhig im sanften Sonnenlicht. Alte riesige Bäume bildeten einen lichten Wald vom See bis zu den Hängen des Kessels. Tiere tollten verspielt und ohne Furcht auf den dichten Wiesen zwischen den Bäumen.
„Wo sind wir?“, fragte sie nach hinten.
„Dies ist die Mondlichtung.“, sagte ihr Passagier, „Es ist zwar sehr weit weg von den Ort, an den ich ursprünglich wollte, aber ich denke es war notwendig. Sie hätten uns bestimmt dort schon erwartet.“
„Sie?“, sagte Gilmenel nun vollkommen verwirrt.
„Ich sehe, du hast nicht gewusst auf was du dich einlässt.“, seufzte es hinter ihr, „Das war sehr edel, aber auch sehr dumm. Nun werden sie auch hinter dir her sein. Aber du hast mich wohl gerettet. Deshalb sollte ich dir wohl dankbar sein, und dir vielleicht einiges erklären.“
„Dann sagt mir erst einmal wo wir sind.“, sagte Gilmenel, „Ich habe noch nie von einem Ort Namens Mondlichtung in Arathor oder Quel’Thalas gehört.“
„Das kannst du auch kaum.“, kicherte es hinter ihr, „Willkommen in Kalimdor.“
„Kal …“, stockte Gilmenel der Atem, „Das ist ja …“
„Genau, sehr weit weg von deiner Heimat.“, sagte die Stimme, „Aber verzeih ich bin unhöflich. Gestattet, dass ich mich vorstelle.“
Gilmenel spürte wie die Person sich von Khal’Els Rücken gleiten lies.
„Hm, vielleicht sollte ich.“, flüsterte es neben ihr, „Ja, ich denke es wäre besser.“
Ein kurzer grüner Schein leuchte neben Gilmenel auf. Ein große schlanke Gestalt schritt vor Khal’El und Gilmenel. Sie sah aus wie eine Hochelfe nur wesentlich größer und wilder. Ihr langes grünes Haar wehte in der sanften Prise die vom See her in den Wald strich. Ihre Augen leuchten silbrig fahl. Ihr Gesicht war mit einem grünen Streifenmotiv verziert.
„Ich bin Ysunera.“, sagte die Gestalt mit einer höflichen Verbeugung.
„Man nennt mich Gilmenel.“, antwortete die einstige Hochelfe, „Was bist du? Eine Elfe?“
„Dies ist eine Nachtelfe.“, erklärte Ysunera, „Es waren einst Brüder und Schwestern deines ehemaligen Volkes, Geist.“
„Nachtelfen.“, grübelte Gilmenel, „Der Krieg der Ahnen. Vater hat ihn einmal kurz erwähnt.“
„Ich bin erstaunt, dass eine Hochelfe darüber weis.“, wunderte sich Ysunera.
„Er war ein großer Gelehrter.“, seufzte Gilmenel, „Aber lassen wir das. Was mache ich jetzt?“
„Ich kann dich wieder zurückschicken nach Azeroth, wenn du willst.“, sagte die Nachtelfe, „Aber ich denke sie würden dich dort schnell finden.“
„Wer sind sie?“, wollte Gilmenel wissen.
„Diese silbernen Drachen, vor denen du mich gerettet hast.“, erklärte Ysunera, „Vielleicht solltest du Kalimdor etwas erforschen. Es ist hier auch sehr interessant.“
„So!“, schluchzte Gilmenel und fuhr mit beiden Händen durch ihren Geisterkörper.
„Da hast du Recht.“, grübelte Ysunera, „So würdest du hier sicherlich viel Aufsehen erregen.“
„Dann kannst du mich auch gleich in unsere verfluchten Länder zurückschicken.“, resignierte Gilmenel, „Dort sind alle an Geister, Zombies, Ghule und wer weis sonst noch alles gewöhnt.“
„Ich verdanke dir viel. Mehr als du weist.“, dachte Ysunera nach, „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Warte hier auf mich.“
Ysunera begann einen Zauber zu wirken. Ein Portal, wie es Gilmenel bereits in der Dunkelheit sah erschien. Doch dieses Mal war nicht als grüner Nebel darin zusehen. Die Nachtelfe schritt ohne Zögern hindurch.
‚Sehr gut.’, dachte Gilmenel leicht besorgt, ‚Nun bin ich alleine auf einem Kontinent, den ich nicht kenne. Ich hoffe sie hält ihr Versprechen und kommt wieder.’
Gilmenel lies sich von Khal’El gleiten und betrachtete die Gegend. Der See schien sehr nahe zu sein, aber sie wagte es nicht sich mehr wie ein paar Meter von der Stelle des Portals wegzubewegen. Ein sanftes fast zärtlich klingendes Rauschen ging durch den Wald. Das Portal erschien wieder, und Ysunera trat heraus.
„Sie hat zugestimmt.“, sagte sie freudig.
„Sie?“, fragte Gilmenel, „Zu was?“.
„Das wirst du gleich sehen.“, nickte die Nachtelfe heftig, „Geh einige Schritte zurück.“
Das Portal wurde langsam größer. Die Lieder der Vögel und Stimmen der Tiere verstummten. Eine riesige grünbeschuppte Klaue schob sich aus dem Portal. Ein gewaltiger Drachenkopf mit langen Hörnern erschien hoch in den Gipfeln der Bäume.

„Das denke ich reicht.“, donnerte die Stimme des Drachens, „Ich will den Traum nicht gänzlich verlassen.“
Der Kopf des Drachen wandte sich Gilmenel zu. Der Drache hatte seine Augen geschlossen. Gilmenel konnte nicht anders und kniete vor der imposanten Gestalt nieder.
„Ich bin Ysera.“, donnerte der Drache; „Die Wächterin des smaragdgrünen Traums.“
Gilmenel beschloss, dass es besser wäre wohl nichts zu sagen. Sie war sich nicht sicher, was nun kommen würde.
„Ysunera hat mir mitgeteilt, dass du sie heldenhaft gerettet hättest.“, sagte Ysera nun in einer etwas leiseren Stimme, „Nun lass mich deine Träume sehen.“
Der Drache hob seine Klaue und ein grüner Strahl schoss auf Gilmenel zu.
„Ja, du hast es, aber … Was?“, kam die Stimme Yseras wie in Trance, „Andere … Welt … Tod … Verderben … Freundschaft … Natur … Lauern … Finsternis …“
Der Strahl zog sich abrupt zurück. Ysera zog ihre Klaue erschrocken zurück.
„Ysunera es wird sehr schwer.“, sagte sie besorgt zu der Nachtelfe, „Wir müssen sie erst von ihm befreien.“
Ysunera nickte nur kurz. Gilmenel blickte zwischen den beiden hin und her. Sie verstand nur sehr wenig. Mit Drachen hatte sie bis jetzt wenig zu tun.
„Kann mir bitte jemand erklären, was hier geschieht?“, fragte Gilmenel die beiden, „Scheinbar geht es ja um mich.“
„Ysunera erklär du es ihr.“, sagte Ysera, „Ich muss mich sowieso kurz in den Traum zurückziehen, um mit der Lebensbinderin in Verbindung zutreten. Wir benötigen hierzu ihre Hilfe. Lebt wohl.“
Der Kopf und die Klaue Yseras verschwanden wieder im Portal. Es schloss sich mit eine sanften Zischen. Gilmenel schaute die Nachtelfe fragend an.
„Du bist echt nicht lange auf dieser Welt, mein Kind.“, lächelte Ysunera die Nachtelfe an, „Du warst gerade vor einem der mächtigsten Wesen auf Azeroth gestanden. Ysera, die Wächterin des smaragdgrünen Traums, die Königin des grünen Drachenschwarms, eine der fünf Aspekte, denen die Titanen fast unendliche Macht verliehen.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“, nickte Gilmenel, „Mein Vater hatte sehr viel mit Drachen in Azeroth zu tun.“
„Dein Vater kam von hier.“, antwortete Ysunera, „Sein Name ist uns durchaus bekannt.“
„Wie …?“, zuckte Gilmenel zusammen.
„Ysera bleibt nichts verborgen, und sie teilte ihr Wissen mit mir.“, beruhigte die Nachtelfe Gilmenel, „Es ist ein erstaunlicher Zufall, dass ausgerechnet seine Tochter mich vor den Silbernen gerettet hat. Aber diese Geschichte wäre zu lange sie zu erzählen.“
„Hat sie etwas mit den Realitätsbeherrschern zu tun?“, fragte Gilmenel beiläufig.
„Du weist davon?“, sagte Ysunera überrascht.
„Er hat manchmal von nichts anderen mehr geredet, und dabei Mutter ganz vergessen.“, seufzte Gilmenel.
„Erstaunlich und höchst erfreulich.“, nickte die Nachtelfe, „Ich denke dein Wissen könnte hier noch nützlich werden.“
„Ich weis nicht.“, seufzte Gilmenel, „Ich würde ihn lieber vergessen. Wenn nur Mutter es geschafft hätte mitzukommen.“
„Oh sie hat es, sie hat es, auf eine gewisse Weise.“, lächelte Ysunera und berührte mit ihrer Handfläche Gilmenels Brust, „Sie ist hier drin, und macht es zum Teil erst möglich, was wir vorhaben.“
„Das bringt uns wieder zum Anfang.“, sagte Gilmenel, „Was habt ihr mit mir vor?“
„Dir neues Leben geben.“, sagte Ysunera kurz.
„Du meinst einen Körper?“, staunte Gilmenel ungläubig.
„Ja, so könnte man es auch sagen.“, lächelte Ysunera, „Ich denke, dass ist einer deiner Herzenswünsche.“
„Ja.“, flüsterte Gilmenel, „Das ist er.“

Ein sanftes Zischen war zu hören. Der Wald verstummte wieder. Das Portal erschien wieder vor den beiden Elfen. Der Kopf von Ysera erschien wieder hoch über ihnen. Eine Klaue kam aus dem Portal. Sie hielt ein leuchtendes rotes Objekt.
„Hier Ysunera.“, sagte Ysera, „Nimm diese Lebenskugel. Sie ist ein Geschenk meiner Schwester. Sie wird uns sehr helfen.“
Ysunera nahm die Kugel. Die Klaue Yseras verschwand wieder im Portal.
„Konntest du ihr alles erklären?“, fragte der Drache die Nachtelfe.
„Nun, fast alles.“, erklärte Ysunera, „Die Details habe ich weggelassen.“
„Gut.“, nickte Yseras mächtiger Kopf, „Dann werde ich es machen.“
Die Drachenkönigin senkte ihr Haupt zu Gilmenel herunter.
„Höre mir zu Geist.“, sagte sie ernst, „Du hast eine meiner wichtigsten Dienerinnen selbstlos gerettet. Deshalb habe ich mich entschlossen, dir deinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Es ist ein großes Geschenk dir wieder Fleisch und Blut zugeben. Doch auch uns sind hier Grenzen gesetzt. Wir wissen nicht welche Form die Magie für dich auswählen wird. Es wird sicher sein, dass du als eines der vielen denkenden Geschöpfe wieder auf Azeroth wandeln wirst. Doch welches, dass vermag ich nicht zu beeinflussen. Gehst du das Risiko ein?“
„Drachenkönigin, euer Geschenk ehrt mich.“, verbeugte sich Gilmenel vor dem Aspekt, „Alles ist besser als das hier. Deshalb gehe ich das Risiko gerne ein.“
„Gut, so sei es dann.“, sagte die Drachenkönigin, „Ysunera du wirst mir assistieren.“
Ihre Klaue erschien wieder. Der grüne Strahl schlängelte nun auf Gilmenel zu. Ein seltsames Prickeln durchfuhr ihren Geisterkörper. Ein weiterer Strahl ging von Ysunera aus. Er berührte die Kugel und brachte sie zum Funkeln. Ysera und Ysunera sprachen eine Zauberformel in der Sprache, die Gilmenel bereits von Ysunera gehört hatte.
„Fasse die Kugel!“, befahl Ysera Gilmenel.
Gilmenel streckte ihre Hände zitternd nach der nun gleißend roten Kugel aus. Das Prickeln in ihrem Geisterkörper verstärkte sich. Die Kugel begann sich langsam in ihre Richtung auszudehnen.
„Nein!“, donnerte eine Stimme aus Gilmenel, „So leicht wird sie mich nicht los!“
„Doch!“, dröhnte Ysera zurück, „Weiche Dämon!“
„Ist das alles!“, sagte der Dämon, „Lächerlich!“
„Du musst uns helfen, Gilmenel!“, schrie Ysunera schmerzverzehrt, „Denke an das Beste und Heiligste in deinem Leben!“
„Sie kann euch nicht helfen, ihr törichten Schuppenviecher!“, höhnte der Dämon.
Gilmenel brachte den Wasserschlauch Gron’Eteks zum Vorschein. Sie leerte ihn bis zum letzten Quäntchen Zauberdampf.
„Mutter!“, sagte Gilmenel zärtlich, „Mutter, für dich!“
Sie begann zu singen. Sie hatte das heilige Lied ihrer Mutter nur einmal gesungen. Alle die es damals hörten entrückten der Realität und wurden kurz eins mit der Schöpfung Ardas. Eärdaliene war damals sprachlos vor Staunen über die Fähigkeiten ihrer Tochter, aber sie war auch verärgert.

„Mutter, warum durfte ich das Lied nicht singen?“, fragte Gilmenel traurig.
„Dieses Lied ist mir heilig, Gil.“, sagte Eärdaliene ernst, „Es ist das Lied meines Volkes, das uns von den Valar geschenkt wurde.“
„Dann ist es doch ein gutes Lied.“, sagte ihre Tochter kindlich naiv.
Die Argumentation ihrer Mutter, mit der sie ihr das Lied verboten hatte, stand auf wackligen Füssen.
„Das ist es.“, sagte sie knapp und fügte den Tränen nahe hinzu, „Es erinnert mich zu sehr an mein verlorenes zu Hause. Deshalb höre ich es nicht gerne, auch wenn ich es dir beigebracht habe.“
„Ich verstehe, Mutter.“, nickte Gilmenel und umarmte die Elbe, „Es ist ein gutes Lied, das dich traurig macht. Ich werde es nicht mehr singen.“

„Was ist das?“, zitterte die Stimme des Dämons, „Ein lächerliches Lied?“
„Ja, nur ein Lied.“, sagte Gilmenel und sang dabei aber weiter, „A Elbereth Gilthoniel! Eä cálë më tulya!“
Der Himmel der Mondlichtung wurde dunkel. Tausende Sterne begannen auf einem samtschwarzen Firmament aufzuflammen. Der Himmel glich einem Vorhang aus reinen funkelnden Diamanten. Der See und Wald traten in den Hintergrund. Riesige Bäume mit Blättern wie grüne Smaragde umringten nun die drei Zaubernden. Unter ihren Füssen war ein See. Sie standen in einer regenbogengekrönten Wassersäule.
„Hier stehe dir auch noch die Natur Azeroths bei.“, keuchte Ysunera und berührte die Erinnerungen an Ungbar in Gilmenels Geist.
Gilmenel schaute zu Ysera hoch. Die Drachenkönigin hatte ihre Augen geöffnet. Sie schimmerten wie Regenbogen. Sie brüllte ein Wort.
„Nein!“, zischte der Dämon.
Gilmenel spürte wie eine dunkle Macht sie verlies. Ein schwarzer Strahl fuhr in die rote Kugel sie erlosch. Sie sah nun aus wie ein schwarzes Loch in der Luft. Gilmenel ließ sie los. Das Loch zog sich zusammen und verschwand. Die Geisterelfe wurde ohnmächtig.

„Guten Morgen.“, sagte eine dunkle Stimme, „Erschreck dich nicht. Ich bin es. Ysunera.“
Gilmenel schlug die Augen auf. Ein grüner Drache lag einige Meter von ihr im Gras.
„Nun ich …“, Gilmenel hielt inne.
Sie war vom Klang ihrer Stimme überrascht. Sie war etwas tiefer als sie es gewohnt war und hatte ein dunkles Timbre. Sie spürte wie Luft in ihren Lungen zirkulierte. Sie setzte sich auf. Ihre Arme waren lang mit großen Händen am Ende. Ihre Beine hatten ebenfalls nicht die Maße einer Hochelfe. Sie tastete ihren Oberkörper ab. Er fühlte sich schlank und sehr sportlich an. Sie fuhr sich durch ihre langen Haare. Sie waren grün.
„Es hat funktioniert?“, sagte sie ungläubig, „Aber was ist aus mir geworden?“
„Nichts Schlimmes. Im Gegenteil.“, versuchte Ysunera sie zu beruhigen, „Komm mit zum See.“
Gilmenel stand auf. Sie war überrascht wie groß sie nun war. Mit noch vorsichtigen Schritten folgte sie dem Drachen zum See.
„Es stand auf des Messersschneide.“, erklärte Ysunera während sie zum See gingen, „Die dunkle Macht war bereits sehr stark. Ich habe nicht alles verstanden. Besonders dein Zauber war mir in Azeroth gänzlich unbekannt. Ysera hat es mir nur kurz mit deiner Herkunft erklärt. Es blieb nicht viel Zeit.“
„Ich danke euch, Ysunera.“, sagte Gilmenel, „Ihr seit also auch ein Drache?“
„Ja, ich bin eine der Traumweberinnen des smaragdgrünen Traums.“, erklärte der Grüne, „Ich musste wieder in meine Drachengestalt um mich zu regenerieren.“
„Aber wenn du so ein mächtiges Wesen bist, warum hast du dich dann im Hinterland nicht selbst verteidigt?“, wollte Gilmenel wissen.
„Nun, erstens waren es fünf Angreifer.“, begann Ysunera zögerlich.
„Naja, sie waren aber kleiner wie du.“, warf Gilmenel ein.
„Das mag sein.“, sagte Ysunera mit sichtlichen Unbehagen über das Thema, „Sagen wir es so. Diese Fünf haben Fähigkeiten, mit denen ich mich nur schwer hätte messen können. Außerdem wollte ich nicht allzu sehr auffallen.“
Gilmenel nickte nur kurz. Sie merkte Ysunera Zögern, das Thema nicht weiter erörtern zu wollen.
„Ah, wir sind da.“, sagte Ysunera freudig, „Dort liegt der See. Schau dein Spiegelbild an.
Gilmenel ging zögerlich an das Ufer des spiegelglatten Sees. Sie schloss die Augen und beugte sich leicht nach vorne. Sie öffnete die Augen langsam.
„Das ist doch ein Trick.“, stutzte sie.
„Nein, das bist nun du.“, lächelte Ysunera.
„Aber ich schaue aus wie … du … vorhin.“, flüsterte Gilmenel ungläubig.
„Nunja, wie wir es sagten.“, erklärte der grüne Drachen, „Welche Gestalt du annehmen würdest, dass konnten wir nicht bestimmen.“
„Eine Nachtelfe?“, brummte Gilmenel.
„Ja, vermutlich hat die Magie sie aufgrund deiner Naturverbundenheit deiner Mutter und dem Geschenk Ungbars gewählt.“, sagte der Drache, „Es war offensichtlich der Weg des geringsten Widerstands. Von allen Völkern Azeroths sind die Nachtelfen und Tauren die naturverbundensten. Und ich denke aufgrund deiner elfischen Abstammung, kamen wohl Tauren nicht in Betracht.“
Gilmenel drehte sich um. Sie begann sich von allen Seite aus in dem Spiegel des Sees zu betrachten.
„Naja, es hätte schlimmer kommen können.“, lächelte sie schüchtern, „Etwas blass.“
„Zu deinem vorherigen Zustand ist das wohl eine eindeutige Verbesserung.“, sagte Ysunera, „Die Nachtelfe steht dir jedenfalls auch ganz gut.“
„Ich versuch mich daran zu gewöhnen.“, sagte Gilmenel zögerlich, „Grüne Haare.“
„Du gewöhnst dich sicher daran.“, nickte Ysunera schmunzelnd.
„Gut, ich denke das werde ich.“, sagte Gilmenel und begann zu singen.
Die Töne kamen hart und flach. Gilmenel räusperte sich. Eine Melodie erklang. Ihre Harmonien klangen falsch. Gilmenel hörte enttäuscht auf.
„Ich habe meine Stimme verloren.“, schluchzte sie.
Ein grünes Leuchten war neben ihr zu sehen. Ysunera kam wie ein eineiiger Zwilling auf sie zu, und umarmte sie.
„Wir haben nicht gesagt, dass alles leicht wird.“, tröstete sie die neue Nachtelfe, „Vielleicht musst du dich erst an deinen neuen Körper gewöhnen und üben.“
„Aber ohne meine Lieder bin ich wehrlos.“, erklärte Gilmenel und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel der einfachen grauen Leinenrobe ab, in der sie aufgewacht war.
„Vielleicht solltest du auch eine andere Magie kennenlernen.“, dachte Ysunera nach, „Nun da du eine Nachtelfe bist steht dir das Druidentum offen. Ich denke das würde bei jemand mit deiner Naturverbundenheit auch nahe liegen. Ja, ich glaube du würdest das mögen.“
„Druiden?“, schaute Gilmenel den Drachen fragend an.
„Ja, versuch es.“, sagte Ysunera, „Am Besten du gehst in die Hauptstadt der Nachtelfen. Dort lehrt ein Druide, der sicherlich dein Potential erkennen wird. Er heißt Farnhelm Baumspross. Du findest ihn in der Enklave des Cenarius.“
„Gut, vielleicht sollte ich nun nach vorne sehen.“, nickte Gilmenel, „Wie komme ich dorthin?“
„Ich werde dir ein Portal öffnen.“, sagte Ysunera und begann den Zauber zu wirken.
„Halt!“, rief Gilmenel, „Khal’El!“
Gilmenel schaute sich um. Khal’El war nirgends zu sehen. Sie konzentrierte sich kurz. Der Gesang einer Nachtigall war plötzlich zu hören. In der Ferne wieherte es. Etwas begann durch den Wald zu brechen.
„Wenigstens das klappt noch.“, freut sich Gilmenel als Khal’El an das Ufer sprengte.
Die Stute blieb stehen. Ihre Blicke gingen zischen Ysunera und Gilmenel hin und her. Sie scharrte ungeduldig mit den Hufen. Nach einigen Sekunden wieherte sie laut und trotte zu Gilmenel um sie mit der Schnauze zu stupsen.
„Altes Mädchen, du erkennst mich immer wieder.“, sagte Gilmenel glücklich und fiel der Stute um den Hals, „Nun bin ich reisefertig.“
„Gut.“, lachte Ysunera und öffnete das Portal.
„Leb wohl!“, rief Gilmenel als sie zusammen mit Khal’El durch das Portal trat, „Vielen Dank für Alles!“
„Leb wohl!“, rief ihr Ysunera nach, „Ich denke wir werden uns wiedersehen.“
 
8. Ausweg

Lingolf tauchte auf den Zinnen hoch über ihnen wieder auf.
„Onkel, hier im zweiten Hof ist niemand mehr.“, rief er dem Troß der Elben im äußeren Burghof zu.
„Wie schaut es im Hof zum Fluss aus?“, rief Landorian zu ihm hinauf.
„Gil schaut gerade hinein.“, antwortete es von oben.
Eärdaliene blickte besorgt nach oben. Aber sie musste unweigerlich an den Strand der Insel des heiligen Hains denken. Sie war damals genauso unforsch wie ihre Tochter es hier und jetzt war. Vermutlich war aber Gilmenel aus einen anderen Grund noch hundertmal neugieriger wie sie selbst, dachte sie insgeheim an Aliasan denkend. Trotzdem war sie erleichtert als sie Gilmenels Stimme hörte.
„Onkel, der Flusshof ist ebenfalls verlassen.“, rief sie Landorian zu.
Landorian lächelte zu ihr hinauf. Seit es klar war, das Lingolf und sie wohl ein Paar waren genoss er es sichtlich von der jungen Halbelbe auch Onkel gerufen zu werden. Leider blieb ihn gerade nicht viel Zeit dies auszukosten.
„So wie es ausschaut, sind sämtlich Boote verschwunden und auch die Fährtrosse wurde offensichtlich gekappt.“, kam das bittere Ergebnis der Erkundigungen von den beiden Jugendlichen, nachdem sie die Mauer wieder hinuntergeklettert waren und vor Landorian und Aliasan standen. Eärdaliene hatte sanft den Arm schützend um ihre Tochter gelegt.
„Das sind schlechte Neuigkeiten.“, murmelte Landorian bitter.
„Was sollen wir nun tun?“, fragte Eärdaliene den Anführer der Elben.
„Wir müssen eine andere Fährstellen finden.“, sagte Aliasan besorgt.
„Ja, da hast du leider Recht, mein Freund.“, bestätigte Landorian unter einem Seufzer, „Allerdings glaube ich nicht, dass wir die Zeit haben werden sie zu erreichen.“
„Vermutlich sind die Haradrim nun schon sehr nahe.“, flüsterte Eärdaliene Aliasan zu.
„Das stimmt, mein Leben.“, sagte der Magier laut, „Wir sind unseren Weg zurückgegangen. Ich denke der Feind ist nur einen Tag, wenn nicht sogar nur Stunden entfernt.“
Landorian wandte sich wieder Aliasan und Eärdalienezu, nachdem ein Elb ihm eine Nachricht gebracht hatte.
„Das stimmt.“, nickte er mit einen nachdenklichen Hinaufziehen der Mundwinkel, „Unsere Späher melden, dass sich die Haradrim rasch nähern. In der Tat kann ihre Vorhut jeden Moment auf uns hier stoßen.“
„Dann hat es wohl keinen Sinn zu fliehen.“, sagte Aliasan, „Wenn wir jetzt aufbrächen, würde es wohl zu einer offenen Feldschlacht kommen. Die Verlust unter den Frauen und Kinder wären unerträglich.“
Aliasan blickte Eärdaliene und Gilmenel sorgenvoll an.
„Da stimme ich dir zu.“, nickte Landorian, „Wir könnten Schutz in einem der Wälder suchen, aber ich fürchte ohne die notwendigen Vorbereitungen wäre auch dies von wenig Erfolg gekrönt.“
„Und wenn wir uns nur einfach im Wald verstecken, Onkel?“, fragte Gilmenel den Elb.
„Kleines, dafür sind wir zu viele.“, sagte er in einem sanften Ton, „Außerdem denke ich, dass die Haradrim wohl ihre Spürhunde dabei haben.“
Aliasan betrachtete nachdenklich die Mauern der Burg. Er klopfte auf die Steinmauer des Tors zum nächsten Hof.
„Landorian, uns bleibt keine andere Wahl, als uns hier zu verteidigen.“, sagte er ernst.
„Das sehe ich genauso.“, stimmte ihm der Elb zu, „Aber für diese große Anlage sind wir zu wenige.“
„Ich werde unsere Kämpfer im zweiten Hof aufstellen.“, erklärte Landorian, „Das dürfte die beste zu verteidigende Stelle der Burg sein.“
„Und wenn sie über die Mauern kommen?“, fragte Eärdaliene nachdenklich.
„Dann müssen unsere Kämpfer schnell dort hin.“, ergänzte Landorian.
„Und was ist mit den Kämpferinnen?“, wollte Eärdaliene wissen.
„Nein, wir haben keine.“, schüttelte Landorian den Kopf.
„Oh, ich denke da irrst du.“, sagte Eärdaliene und rief laut, „Lamania, Schuß!“
Ein Pfeil schoß wenige Zentimeter neben Landorians Ohr in einen Holzbalken.

„Was?“, rief Landorian erbost, „Wer?“
„Dort!“, sagte Eärdaliene ruhig und deutet auf eine Gestalt, die hoch auf einen der Türme des Zwingers des äußeren Tors stand, „Hier hast du deine Mauerverteidigung, mein Freund.“
„Nur eine Bogenschützin?“, schaute Landorian Eärdaliene fragend an.
Eärdaliene lächelte ihn vielsagend an.
„Ithilia formieren!“, befahl Eärdaliene.
Elbinnen begannen sich von ihren Partner und Kindern zu entfernen. Jede hatte wie aus dem Nichts kommend einen Langbogen in der Hand und einen vollen Köcher auf den Rücken. Sie stellten sich im äusserten Hof so gut wie es der Platz zulies in Reih und Glied auf. Landorian und Aliasan schaute sich gegenseitig ungläubig an.
„Denkt ihr, ich bin nur noch zum Kochen, Schneidern und Singen gut?“, grinste Eärdaliene breit.
„Hm, ahja, nun spricht die Matrone.“, lachte Aliasan.
„Das stimmt, mein Liebster.“, erklärte die Elbe ihn stolz, „Wenn du einmal für eine Gemeinschaft verantwortlich warst, dann kannst du das nicht mehr so leicht ablegen.“
„Aber warum habe ich davon nichts gewusst.“, sagte Landorian und kratzte sich nachdenklich am Kinn.
„Die Elbinnen bestanden darauf.“, erklärte Eärdaliene, „Als die Aufklärungen von euch und den Kämpfern immer länger dauerten, war mir klar, dass wir uns im Notfall selbst verteidigen müssten. Ich schlug Bogenübungen für alle Elbinnen der Siedlung vor. Du kannst dir gar nicht die überwältigende Zustimmung vorstellen. Viele wollten sogar noch mehr, und so enstanden die Ithilia.“
„Du überrascht mich immer wieder.“, sagte Aliasan sanft.
„Das will ich doch hoffen.“, nahm ihn Eärdaliene auf den Arm.
Landorian musterte die Reihen der Ithilia. Keine Elbin verzog einen Mundwinkel.
„Also mein Vorschlag ist die Ithilia besetzt die Mauern des inneren Hofs.“, erklärte die Kommandantin der Ithilia bestimmt.
„Landorian, ich denke du solltest nicht wiedersprechen.“, schlug Aliasan mit einem breiten Grinsen vor.
„Wenn auch nur zehn Wörter von dem wahr sind, was du mir über deine Erlebnisse auf den fünf Inseln erzählt hast, dann denke ich, wäre das sehr weise.“, fügte sich Landorian.
„Gut das wäre geregelt.“, sagte Eärdaliene, „Ithilia wegtreten.“
Die Elbinnen lösten die Formation und gingen wieder zu ihren erstaunten Partnern und Kindern.
„Dann lasst uns mal den Weg in den Flusshof freimachen.“, rief Landorian den Elben zu.

Das vom Feuer geschwärzte Tor zum zweiten Hof bot wie erwartet keinen großen Widerstand. Es zerfiel beim ersten Axtschlag fast von alleine in Asche. Schweigend räumten die Elben den Schutt aus dem zweiten Hof.
„Das Tor ist noch intakt.“, sagte Aliasan und klopfte auf die dicken Holzbalken des Tors, dass in den letzten Hof der Burg führte.
„Wir lassen euch rein.“, rief Lingolf von oben.
Der Elb hatte zusammen mit Gilmenel bereits wieder die Mauern erklommen. Wie Eichhörnchen sprangen sie über die Zinnen.
„Seit vorsichtig da oben!“, mahnte Eärdaliene die beiden Jugendlichen.
„Keine Angst, Mutter.“, winkte Gilmenel zurück.
„Für die beiden ist alles ein großes Abenteuer.“, seufzte Eärdaliene.
„Wenn ich nur wüsste, wer noch so auf Abenteuer aus war.“, zwinkerte Aliasan ihr zu.
Eärdaliene knuffte den Hochelf in die Seite.
„Damals war ich nur für mich verantwortlich.“, erklärte Eärdaliene ihm.
„Wir steigen nun in den Hof hinunter.“, unterbrach Lingolf die Beiden.
„Ist gut.“, antwortete Aliasan.
Aliasan suchte Landorian. Der Elb stand bei einem kleinen Trupp der das zerstörte äußere Tor untersuchte.
„Gleich wieder da.“, sagte er zu Eärdaliene und ging auf Landorian zu.
„Aliasan.“, rief ihn der Elb schon vom weiten zu, „Denkst du wir können hieraus noch etwas zum Verschanzen machen?“
„Nehmt lieber die Zugbrücke auseinander.“, winkte der Hochelf ab, „Wir kommen so oder so nicht wieder über sie hinaus.“
Landorian schaute ihn finster an und nickte nur stumm.
„Schaut euch die Zugbrücke an.“, erklärte er dem Trupp.
„Landorian, wir haben ein weiteres Problem.“, sagte Aliasan leise.
„Ich dachte, dass es dir auffällt.“, nickte Landorian.
„Die Boote und die Fähre sind nicht da.“, fuhr Aliasan fort, „Hier können wir nicht übersetzen.“
„Ich weis.“, antwortete Landorian der Resignation nahe, „Meine Hoffung baut darauf, dass wir die Haradrim abwehren können.“
Aliasan schüttelte ungläubig den Kopf.
„Wir müssen uns noch einen anderen Ausweg suchen.“, sagte er.
„Welchen?“, zuckte Landorian mit den Schultern, „Der Anduin ist an dieser Stelle zu mächtig um ihn schwimmend zu überqueren. Wir würden viele unserer Söhne und Töchter verlieren. Von den Alten und Schwachen ganz zu schweigen.“
„Vielleicht müssen wir dieses Opfer aber bringen.“, flüsterte der Magier.
„Das kannst du nicht von uns erwarten!“, grollte Landorian.
„Nein …“, begann Aliasan und wurde durch ein tiefes Poltern unterbrochen.
Das Tor zum innersten Hof öffnte sich langsam. Mit einem Ruck blieb es stecken. Es war gerade soweit offen, dass ein Elb seitlich hindurchschlüpfen konnte.
„Es steckt fest.“, rief Gilmenel von oben.
„Das reicht.“, erwiederte Landorian, „Alle in den innersten Hof!“

Die Elben reichten sich alles, was sie noch besassen durch den Spalt hindurch. Einige führten die Pferde der Wagen vor die Burg und nahmen ihnen das Zaumzeug ab. Nachdem ihnen die Elben etwas ins Ohr geflüstert hatten, rannten die Pferde davon. Andere Elben demontierten die Wagen und bauten sie zusammen mit der Zugbrücke in den zweiten Hof als Palisaden und Hinternisse ein. Landorian und Aliasan inspizierten die Arbeiten.
„Ich denke mehr können wir in der kurzen Zeit nicht erreichen.“, sagte Landorian.
Aliasan nickte nur stumm. Er war zu sehr mit den Geschehnissen über ihnen beschäfftigt.
Eärdaliene ging auf den Wehrgang der inneren Mauer die Reihen der Ithilia ab. Es war ein guter Platz dort oben, dachte Aliasan. Die innerste Mauer war die höchste der drei Verteidigungsmauern der Burg. Von dort würden sie fast alle Stellen ins Visier nehmen können, und wenn alles scheitern würde, dann würde die Höhe ihnen eventuell auch noch einen letzten Dienst erweisen. Landorian sah Aliasan nachdenkliche Blicke nach oben.
„Ich glaube, das ist ein echter Vorteil.“, versuchte er den Elf aufzumuntern, „Die alte Besatzung schien dort keine Bogenschützen gehabt zu haben.“
„Hmmm.“, nickte Aliasan nur abwesend.
Seine Gedanken wurden von einem rau klingenden Hornsignal unterbrochen.
„Sie kommen.“, sagte Landorian nur trocken, „Alle auf die zugewiesenen Posten.“
Aliasan winkte Landorian kurz zu und rannte Richtung Flusshof. Er wollte bei dem Kampf ganz oben sein. Er hatte sich deshalb den vordersten Turm des innersten Zwingers ausgesucht. Von dort hatte er den besten Blick über das Geschehen. Beinahe hätte er Gilmenel und Lingolf umgerannt. Die beiden umarmten sich innig.
„Auf eure Posten!“, sagte Aliasan ohne Emotionen.
Gilmenel blickte Lingolf in die Augen.
„Ja, auf unsere Posten.“, flüstern beide fast gleichzeitig, bevor sie sich küssten.
Sie trennten sich. Lingolf lief sich immer noch zu Gilmenel umsehend auf seine Posten im zweiten Hof. Landorian hatte ihn wohl absichtlich etwas weiter hinten postiert. Gilmenel verschwand in dem Spalt des Tore. Sie war auf dem Weg zu ihrer Mutter und den Ithilia.
Aliasan hatte etwas ausser Atem die Plattform des Turms erreicht. Er sah sich um. Auf den entfernten Grashügeln vor der Burg bildete er sich ein Hardadrim zu sehen. Aber selbst für seine scharfen Augen war die Entfernung zu groß. Es wäre ihn ein Leichtes gewesen einen Zauber anzuwenden, aber er wollte seine restliche verbliebene Zaubermacht für den Ernstfall aufheben. Deswegen hatte er den Turm gewählt. Entweder könnte er mit seinen Zaubern die Schlacht entscheidend beeinflussen, oder aber allen einen schnellen erlösenden Weg in Mandos’ Hallen bescheren.
Aliasan sah wie ein Elb aus den Hügeln durch den trockenen Wassergraben rannte.
„Sie kommen!“, hörte er ihn rufen, „Es sind Hunderte!“
Aliasan schluckte. Er hatte auf nur einen kleinen Erkundungstrupp gehofft. Aber die Haradrim wollten wohl ganz sicher sein. Er dachte wieder über die finalen Vorzüge seiner hohen Position nach. Er füllte sich ohne Eärdaliene sehr einsam dort oben.

„Aliasan!“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.
Eärdaliene kam die Treppe hinaufgelaufen. Es sah aus als ob sie über die Stufen schweben würde.
„Mein Leben, schön das du zu unserem Ende zu mir kommst.“, sagte er dunkel.
„Ende?“, fragte Eärdaliene mit einem Kopfschütteln, „Nein, das ist nicht das Ende. Aber du hast Recht es wäre es, wenn wir hier blieben. Es sind zu viele.“
„Und was sollen wir tun?“, zuckte Aliasan mit den Schultern, „Fliegen?“
„Nun reis dich doch zusammen.“, mahnte Eärdaliene ihn, „So kenn ich dich gar nicht.“
„Entschuldige, meine Ein und Alles.“, seufzte der Magier, „Aber wenn ich noch meine gesamten Kräfte hätte, dann würde die paar Figuren kein Problem darstellen.“
„Ja, ich weis wie es um deine Magie bestellt ist.“, fuhr Eärdaliene hastig fort, „Aber ich denke sie reicht zu dem, was ich vorhab.“
„Was denn?“, sagte Aliasan neugierig geworden.
Seine Hoffnung stieg wieder. Er wusste wenn Eärdaliene einen Plan hätte, dann würde er sicher gelingen.
„Wir gehen über den Anduin auf einer Brücke aus Eis.“, erklärte sie kurz.
„Eis?“, schaute der Magier sie fragend an.
„Ja, wie damals im Hain, als wir die Wasserkugeln in Eis verwandelten.“, erklärte sie.
„Ja, oder wie damals bei meiner ‚Flucht’.“, nickte er ihr zu, „Ich hoffe mein Mana reicht dazu aus.“
„Das wird es sicher, denn ich werde dich unterstützen.“, ergänzte die Elbe und klammerte sich an seinen Arm.
„Wie in alten Zeiten?“, schmunzelte der Elb, obwohl er wusste, dass die Zeiten noch gar nicht soweit entfernt waren, „Wir beide gegen den Rest der Welt?“
„Ja, mein Magier.“, lächelte sie ihn an.
„Denkst du Landorian wird dieses Wagnis eingehen.“, fragte der Magier wieder ernster.
„Ich denke er hat keine Wahl, wenn er die Massen von Haradrim sieht.“, zuckte Eärdaliene mit den Schultern.
„Gut, dann lass uns ihn schnell suchen.“, nickte der Elf.
„Er ist da unten.“, sagte Eärdaliene und deutete auf einen Elb der im zweiten Hof auf der vordersten Barrikade stand und Befehle schrie.
Aliasan nahm Eärdaliene bei der Hand. Zusammen rannten sie die Turmtreppe hinunter und aus dem innersten Tor in den zweiten Hof.
„Landorian!“, rief Aliasan in schon vom Tor aus zu.
Der Elb drehte sich um, und lief ihnen entgegen.
„Wir können hier nicht bleiben.“, sagte Eärdaliene eindringlich.
„Was haben wir für eine andere Wahl?“, fragte er resigniert.
„Eärdaliene hat einen Plan.“, klärte ihn der Magier auf.
Eärdaliene erklärte Landorian ihren waghalsigen Fluchtplan.
„Über den Anduin? Auf Eis?“, schaute Landorian sie ungläubig an, „So einen Zauber vermögen nur die Valar.“
„Glaub mir Landorian.“, sagte Eärdaliene sanft, „Alleine würde ich es nicht schaffen, aber mit Aliasan an meiner Seite können wir die Magie aus zwei Welten nutzen. Wir konnten das schon einmal üben.“
„Üben?“, grinste Aliasan, „So nennst du das also, wenn es um Leben und Tod geht.“
Eärdaliene schenkte ihm einen bösen Blick.
„Schon gut, schon gut, Matrone.“, fügte sich Aliasan mit einem Schmunzeln.
„Ihr beide treibt mich noch in den Wahnsinn.“, unterbrach Landorian die Beiden, „Aber, nun gut. Ich denke wir haben keine andere Wahl. Ich werde die Anderen davon überzeugen.“
„Dazu ist zu wenig …“, begann Eärdaliene zornig.
„Mutter!“, hörte sie Gilmenel von der Mauer rufen, „Sie greifen an!“
„Landorian, du weißt was zu tun ist!“, befahl sie kurz und packte Aliasan fest am Arm, „Komm!“
 
9. Kies

Eärdaliene prüfte mit einigen entschiedenen Tritten die Bohlen des Fährstegs.
„Er wird halten.“, rief sie Aliasan am Ufer zu, „Da er so weit in den Anduin ragt, wird er uns viel Mühe sparen.“
Der Magier kam zögerlich auf sie zu. Obwohl er kaum schwerer wie die Elben war, so hatte er nicht deren Leichtfüssigkeit. Es war im ins Gesicht geschrieben, dass er lieber die Statik des Steges selbst mit jeden Schritt genau überprüfte.
„Nun komm schon.“, rief in Eärdaliene zu, als sie ihn so schleichen sah.
„Ich will nur absolut sicher sein.“, flüsterte er.
Eärdaliene drehte sich mit einem Seufzen um, und betrachtete den mächtigen Anduin. Die Sonne glitzerte auf seinem träge dahinfliesenden dunklen Wasser wie tausende von Sterne am Nachthimmel. Er sah friedlich aus, und lud zum Eintauchen in seine Fluten ein. Doch trog der Schein. Jedes Landlebewesen, dass hier versuchen würde mit eigenen Kräften den breiten Strom zu queren, würde seine gewaltige unsichtbare Strömung erbarmungslos in die Erschöpfung treiben.
„Du täuscht mich nicht.“, wehrte Eärdaliene den verlockenden Gedanken ab.
„Wer?“, sagte Aliasan, der sie mittlerweile erreicht hatte.
„Nichts, nichts.“, flüsterte die Elbe.
Aliasan hielt seine Hand schützend über die Augen und versuchte die Entfernung zum anderen Ufer zu schätzen.
„Was denkst du wie weit es ist?“, fragte Eärdaliene.
„Ich denke so zwischen ein und zwei Meilen.“, antwortete er nachdenklich, „Schwer zu sagen bei diesen Sonnenstand und den Reflexionen.“
„Da stimm ich dir zu.“, nickte sie, „Lass uns von dem größeren Wert ausgehen, dann sind wir auf der sicheren Seite.“
Gilmenel kam den Steg entlang gerannt.
„Mutter, Mutter!“, rief sie ihnen zu, „Die Haradrim haben den zweiten Hof eingenommen. Landorian verteidigt nun das Tor.“
„Das ging aber schnell.“, seufzte die Elbe, „Lauf zurück. Sag den Ithilia sie sollen die Haradrim unter starken Beschuss nehmen. Dann sag Landorian er soll sich vorbereiten. Wenn du das alles gemacht hast komm wieder zu uns.“
„Ja, Mutter.“, sagte Gilmenel und lief flink wie ein Reh wieder zurück.
„Lass uns anfangen.“, nickte Eärdaliene Aliasan ernst zu.
„So sei es denn.“, sagte der Elb finster.

„Landorian sie beginnen.“, schrie Gilmenel dem Elb über dem Schlachtenlärm zu, „Mach dich bereit!“
Landorian sah sie nur kurz von seiner Position am Tor an und nickte ihr zu. Gilmenel musterte die Kämpfer der Elben. Sie vermisste Lingolfs schlanke große Figur.
„Wo ist Lingolf?“, rief sie besorgt Landorian zu.
Landorian drehte sich nur kurz um. Er deutete mit seinem Schwert vor das Tor. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
„Lingolf!“, schrie Gilmenel verzeifelt.
Sie versuchte sich durch die Kämpfer der Elben zum Tor durchzudrängeln, aber die Reihen der Elben waren zu dicht. Sie wich wieder in den freien Innenhof zurück.
„Lingolf.“, schluchzte sie traurig.
Als sie ihre Tränen abwischte viel ihr Blick auf eine Treppe, die in den Torzwinger führte. Sie kam sehr nahe an das Tor heran. Die inneren Querbalken des Tores sahen auch gerade breit genug aus.
Wie ein Blitz schoß sie die Treppe hinauf und sprang auf den mittleren Querbalken des Tors. Vorsichtig tastete sie sich bis zu der schmalen Toröffnung. Sie blickte hinaus in den zweiten Hof. Lingolf und einige Elben kämpften auf der letzten Barrikade vor dem Tor ein verzweifeltes Gefecht gegen die übermächtigen Massen an Angreifern.
„Was willst du dort oben!“, rief Landorian von unten wütend, „Komm wieder runter!“
„Nein, passt lieber auf und gebt Lingolf und den anderen Deckung wenn sie gleich kommen.“, rief Gilmenel zurück.
Sie nahm ihren Bogen und legte meherere Pfeile gleichzeitig ein. Es war egal, wen sie von den Feinden treffen würde. Leider hatte sie am Training der Ithilia nur wenige Male teilgenommen.
„Lingolf, Lingolf!“, schrie sie von ihrem Balken aus in den zweiten Hof.
Der Elb hörte sie anscheinend nicht.
‚Der Schlachtenlärm ist zu laut.’, dachte Gilmenel verbittert, ‚Es muss leiser werden.’
Ihr kam ein besinnliches Lied ihrer Mutter in den Sinn, dass die Ruhe des Waldes besang. Sie begann es zu singen. Eine Welle der Ruhe breitete sich um sie aus. Die Heftigkeit der Kämpfe lies deutlich nach. Lingolf blickte instinktiv in Richtung der Quelle der beruhigenden Töne. Gilmenel winkte ihn zu sich. Der Elb nickte ihr bestätigend zu. Der Gesang verstummte. Gilmenel schoß ihre Pfeile ab. Lingolf rief seinen Leuten etwas zu. Gilmenel deckte die Feinde mit dem nächsten ungenauen Pfeilschauer ein. Die Elben der Barrikade liefen auf den Spalt im Tor zu. Lingolf stand vor der Barrikade und schützte die Fliehenden mit seinem enormen Schild, bis jeder von ihnen in Sicherheit war. Erst als der letzte Elb in der kurzfristigen Sicherheit des Flusshofes war, rannte er ebenfalls auf das Tor zu.
Gilmenel sah mit Entsetzen, wie ein Hüne von einem Haradrim heranstürmte und seinen enormen Speer auf den fliehenden Lingolf schleudern wollte. Sie zielte und schoß. Der Pfeil verfehlte sein Ziel um Meter. Der Speerwerfer blieb stehen um die Lage neu zu beurteilen. Lingolf nutze die Gelegenheit um über die letzte Barrikade vor dem Tor zu springen. Gilmenel sah mit Entsetzen wie Lingolfs Schild sich nur noch wenige Schritte vor dem rettenden Tor mit einer Bohle der Barrikade verhakte. Lingolf hing hilflos in der Barrikade. Er versuchte verzweifelt seinen Arm aus den Schildriemen herauszubekommen. Der Speerwerfer änderte seine Taktik und rannte mit seinen Speer auf den schutzlosen Elben zu. Gilmenel schlug die Hände vors Gesicht.
„Lingolf! Nein!“, schrie sie voll Verzweiflung.
„Schuss!“, rief Landorian von unten.
Ein Pfeilschauer ging von den Mauern und aus dem Tor heraus auf die Angreifer nieder. Der Speerwerwerfer brach tot zusammen, bevor er Lingolf den Speer in den Körper rammen konnte. Lingolf trennte mit seinem Messer die Riemen durch. Er kletterte etwas benommen von der Barrikade und rannte durch das Tor. Gilmenel sprang ohne Rücksicht von ihrem Balken und rannte auf Lingolf zu.
„Du … du …“, begann sie, aber fiel ihn dann einfach in die Arme.
„Ich weis.“, sagte Lingolf schuldig, „Reiner Leichtsinn. Ich sollte auf meine Befehle hören.“
„Befehle!“, rief Gilmenel entsetzt, „Mutter! Ich muss gehen, Lingolf. Pass ja auf dich auf!“
Sie hauchte ihn noch einen Kuss auf die Stirn und lief zurück zum Anlegesteg.

Mit jeden Schritt, den sie Eärdaliene und Aliasan auf den Fährsteg entgegen kam, schien ihr die Luft kälter. Sie sah, wie sich bereits einen dünne Eisschicht zaghaft in den Anduin vortastete, und fast schon das andere Ufer erreicht hatte.
„Gilmenel, du kommst spät.“, sagte Eärdaliene vorwurfsvoll ohne ihren Gesang zu unterbrechen.
„Mutter, wir mussten …“, begann die Tochter, aber brach ab als sie die Anstrengung auf dem Gesichtern der Zaubernden sah.
„Hilf uns!“, sagte Eärdaliene, „Sing mit mir!“
Gilmenel lauschte kurz dem Gesang ihrer Mutter. Sie erkannte das Lied. Eärdaliene hatte es ihr erst vor kurzen auf ihrer Flucht gelehrt. Sie begann die Akkorde ihrer Mutter zu unterstützen.
„Sehr gut!“, sagte Eärdaliene und konzentrierte sich wieder voll auf ihren Gesang.
Die Eisbrücke war nun am anderen Ufer angelangt. Das Wasser, das gegen und über die dünne Eisschicht floss, verwandelte sich umgehend zu Eis. Aber die mächtige Strömung des Anduin drückte in der Mitte des schmalen Eisstreifens so stark, dass dieser einen Bogen über den Fluss bildete. Immer mehr Eis türmte sich auf.
„Ich denke wir können es nun wagen.“, schnaufte Eärdaliene unter der Anstrengung.
Aliasan nickte ihr nur stumm zu. Seine Augen waren geschlossen. Seine Hände aus denen die blauen Eisblitze zuckten, die die Eisbrücke verstärkten, begannen zu verkrampfen. Eärdaliene wusste, dass er nicht mehr lange durchhalten würden. Die Macht des gewaltigen Anduin war groß.
„Gil, schnell lauf auf das Eis und schau, ob es dich trägt.“, rief sie ihrer Tochter zu.
Gilmenel hörte auf zu singen. Langsam stieg sie vom Steg auf die Eisbrücke. Mit einem Fuss tastete sie die Stelle vorsichtig ab auf die sie treten wollten, bevor sie sie endgültig belastete. Das Eis schien stabil zu sein. Behutsam setzte sie ihren Fuss auf. Die Kälte des Eises begann sofort durch ihre zarten Lederstiefel zu dringen. Sie beschloss mutiger zu sein, und setzte sofort mit dem anderen Fuss zu einen Schritt an. Das Eis hielt. Sie betrachtete die Oberfläche. Sie war nicht glatt, wie sie angenommen hatte. Hier in der Nähe des Stegs war das Eis noch eben, aber weiter draussen im Fluss türmten sich Eisschollen übereinandern. Sie würden wohl darüber klettern müssen. Sie wagte sich noch einige Dutzend Schritte auf der Eisbrücke in den Anduin hinaus, bevor sie kehrt machte.
„Mutter, das Eis hält.“, berichtete sie.
„Gut, hol die Anderen.“, flüsterte Eärdaliene, „Aliasan und ich werden bald erschöpft sein.“
Gilmenel nickte und rannte den Steg zum Burghof. Sie lief die Treppen zum Wehgang hinauf. Die Ithilia und alle Elbinnen und Kinder sollten zuerst gehen.
„Lamania, es ist soweit!“, schrie sie über den Kampflärm der stellvertretenen Kommandantin der Ithilia zu.
Lamania winkte zum Verständnis mit einem Pfeil den sie gerade in Ihren Bogen spannen wollte.
Gilmenel aber war bereits auf dem Weg zum Tor. Landorian und die Elben hatten den schmalen Spalt so gut wie möglich mit allen möglichen Schanzmaterial verkeilt. Gilmenel wusste es war die Ruhe vor den Sturm. Die Haradrim würden sicher nur kurz überlegen, wie sie dieses Hinternis zu überwinden hätten.
„Onkel, macht euch bereit!“, sagte sie Landorian, der nun etwas weiter im Burghof stehend ein wenig Erholung suchte.
„Ich hoffe der Plan deiner Mutter klappt auch, Gil.“, schüttelte er nachdenklich den Kopf.
„Sicher, sicher, Onkel.“, klopfte ihn Lingolf auf die Schultern, der zu ihnen kam, als er Gilmenel sah.
Lingolf drückte Gilmanel kurz die Hand und lief wieder auf seinen Posten am Tor.
Die Ithilia kamen die Wehrgänge herunter und suchten ihre Angehörigen. Der Tross der Elbinnen begann den Steg entlang zu gehen. Gilmanel nickte Landorian kurz zu, und rannte an den Elbinnen den Steg entlang.
„Gil, ich sag das nur ungern.“, sagte Eärdaliene besorgt, „Aber du musst als Erste gehen.“
Eärdaliene sah ein Leuchten in Gilmenels Augen.
„Nein, keine unnötigen Risiken!“, mahnte sie ihre Tochter, „Du gehst nur deshalb, weil Aliasan und ich nur als Letzte gehen können, und du falls ihr auf Schwachstellen stoßen solltet, diese eventuell ausbessern kannst. Die Valar mögen euch schützen.“
„Ich werde aufpassen, Mutter.“, sagte Gilmenel und umarmte Eärdaliene.
Gilmenel drehte sich zur Burg um. Sie hoffte Lingolf würde es auch schaffen. Die Elbinnen waren nun bei ihnen am Ende des Stegs angekommen.
„Auf! Folgt mir!“, rief Gilmenel ihnen zu und stieg auf die Eisbrücke.
Elbin nach Elbin betrat vorsichtig die Eisbrücke. Um eine zu grosse Belastung des fragilen Brückenmaterials zu vermeiden, liessen sie einen Abstrand zwischen sich.
Gilmenel war bereits zu einem Drittel über der Brücke. Das Eis hier war ziemlich rau und zerklüfftet. Sie musste aufpassen wo sie hintrat. Sie blickte sich um die Elbinnen waren auch schon ziemlich nahe bei ihr. Gilmanel ging weiter.

„Das sind nun alle.“, sagte Lingolf zu Eärdaliene und Aliasan, als er mit den Elben bei ihnen angelangt war, „Ich hoffe wir haben etwas Zeit, bevor die Haradrim das Tor aufbrechen.“
„Das hoffe ich auch.“, flüsterte Eärdaliene schwach, „Los, schnell auf’s Eis!“
„Nein, ihr zuerst.“, erwiderte Landorian mit einem Kopfschütteln.
„Wir bleiben, bis alle in Sicherheit sind!“, protestierte Eärdaliene.
„Ich bleib bei ihnen, Onkel.“, sagte Lingolf.
„Gut.“, sah Landorian seinen Neffen beruhigt an, bevor er auf die Eisbrücke stieg.
„Halte durch, Aliasan.“, versuchte Eärdaliene Aliasan zu ermutigen.
Der Elfenmagier gab nur ein kurzes erschöpftes Schnaufen von sich.
Auf dem Eis war Gimenel mit den Elbinnen nun in der Mitte des Flusses angekommen. Die Halbelbe sang an einigen Stellen, an den sich größere Wasserlachen auf dem Eis gebildet haben, das Lied, dass ihr Eärdaliene beigebracht hatte. Die Lachen boten dann einen ebenen aber glatten Weg über das Eis.
„Nur noch wenige Schritte!“, munterte Gilmenel die hinter ihr gehenden Elbinnen auf.
Das sichere westliche Ufer des Anduin war zum Greifen nahe. Die Eisbrücke hatte wie durch einen glücklichen Zufall einen kleinen Strand erreicht, der wie ein Tor in der Ufervegetation erschien. Gilmanel sprang vom Eis auf den Kies des Ufers. Sie entzündete eine Fackel und schwang sie über ihren Kopf, und begann laut das Lied zu singen.
„Sie sind angekommen, Liebster.“, sagte Eärdaliene müde vor Erschöpfung durch den Kampf gegen den mächtigen Anduin, „Schnell lass uns gehen!“
Aliasan drehte den Kopf wie in Trance zu ihr. Wie ein wandelnder Geist begann er mit langsamen Schritten über die Eisbrücke zu gehen. Eärdaliene stützte ihn, wenn er ins Straucheln kam.
Lingolf betrat als Letzter die Eisbrücke. Ein dröhnendes Hämmern war vom Tor her zu hören.
„Rasch!“, rief er den Beiden zu, „Ich denke die Haradrim brechen durch.“
Eärdaliene und Lingolf nahmen den stark geschwächten Aliasan in ihre Mitte. Eärdaliene sang ein Lied über die Vögel der Lüfte Ardas. Lingolf kam es so vor, als würden sie leichter werden und fast über das Eis schweben.
Eärdaliene und die beiden Elben waren gerade in Mitte der Eisbrücke angelangt, als hinter ihnen ein hölzernes Splittern vom Ende des Tors kündete. Lingolf blieb kurz stehen und drehte sich um. Mit lauten Geheul rannten die Haradrim in den Burghof. Es ebte ab, als sie keinen der Elben anfanden. Die Haradrim begannen den Burghof zu durchsuchen.
„Das Funkeln des Anduin muss die Eisbrücke verbergen.“, sagte Eärdaliene.
„Den Valar sei Dank.“, flüsterte Lingolf.
„Verlassen wir uns nicht zu sehr auf die.“, murmelte Aliasan.
„Das stimmt.“, nickte Lingolf, „Seht! Die ersten Haradrim untersuchen den Landesteg. Sie werden die Eisbrücke bald entdecken. Weiter!“
Die beiden Elben nahmen den Elfenmagier wieder in ihre Mitte und setzen ihren beschwerlichen Weg fort. Ein kurzes Beben ging durch die Eisbrücke.
„Sie haben sie entdeckt und setzen uns nach.“, sagte Lingolf diesesmal ohne sich umzudrehen.
„Lass sie nur …“ sagte Aliasan trunken vor Erschöpfung, „ … kommen. Ich …“
Eärdaliene sah Lingolf ernst an. Der Elb verstand sie ohne Worte. Sie rannten beide fast gleichzeitig los.
„Ihr habt es fast geschafft.“, rief ihnen Landorian vom Ufer aus zu.
„Gil, du kannst auhören.“, schrie Eärdaliene.
Gilmenel hörte mit ihrem Gesang auf. Der mächtige Anduin schien sich nur kurz zu besinnen, dass die Eisbrücke wieder seine Natur war. Ein Knirschen wurde an einigen Stellen der Brücke bereits hörbar. Es beflügelte die Haradrim schneller zu werden.
„Eilt euch!“, rief Landorian über das Geheul der Haradrim und das Getöse des Eises hinweg.
Mit einem Satz sprang er wieder auf die Brücke und lief Aliasan und den beiden Elben entgegen.
„Ich versuche sie auf zu halten!“, rief Landorian Eärdaliene zu als er an ihnen mit gezückten Schwert vorbei lief.
„Nicht Landorian!“, versuchte Eärdaliene ihn aufzuhalten, „Das Eis ist bereits wieder zu weich und rutschig.“
„Onkel!“, schrie Lingolf und wollte ihm nachsetzten, doch Aliasans Hand hinderte ihn daran.
Aliasan und die beiden Elben sprangen von der Eisbrücke auf das rettende Ufer. Gilmenel fiel ihrer Mutter in die Arme. Voller Entzsetzen deutete die Halbelfe auf die Eisbrücke.
Landorian war nun fast bei den Haradrim angekommen. Vor ihm lag ein Stück der Brücke, dass bereits wieder vom Anduin überflossen wurde. Landorian ging mit zitternden Schritten über die Stelle. Sie konnten sehen, welche Mühen es ihm bereitete gegen die Strömung des Flusses und die Glätte des Eises anzukämpfen. Er stürzte. Sofort wurde er von den Wassermassen des Anduin erfasst und in eine Wasserwalze hinter der Brücke gedrückt. Ein Aufschrei ging durch die Elben. Landorian kam nicht mehr an die Oberfläche.
Aliasan richtete sich auf. Er schien wieder bei Kräften zu sein. Ein großer Feuerball bildete sich in seinen Händen.
„Für dich mein Freund!“, schrie er und warf den Feuerball gegen die Eisbrücke.
Mit einem tosenden Krachen brach die Brücke dort wo der Feuerball einschlug entzwei. Alle Haradrim, die sich auf der Brücke befanden stürzten ins Wasser und ertranken. Einige wenige vermeintlich Glücklichere trieben auf den Bruchstücken der Brücke den Anduin abwärts.
„Gerettet! Aber zu was für einen Preis!“, flüsterte Aliasan und sank bewusstlos auf den Kies des rettenden Ufers.
 
10. Anschuldigung

Aliasane trottete neben dem Wagenzug her. Ab und zu zupfte sie an ihrer grauen Robe, die ihr mehr recht als schlecht passte. Sie vermied es absichtlich nicht zu nahe an den Wagen zu kommen, in dem der gefangene und in schwere Ketten gelegte Kromzak die Reise nach Aberden antrat. Gleichzeitig hielt sie aber auch Abstand zu den Nachtelfen, die den Gefangenentransport eskortierten. Sie wollte ihr Glück nicht weiter herausfordern. Es war genug, dass sie die Offizierin trotz derer großen Bedenken überreden konnte, dass sie Aliasane mitnahmen. Aber sie konnte die Nachtelfe damit einlullen, dass die untersuchenden Stellen in Darnassus wohl gerne aus erster Hand Aliasanes Bericht hören wollen würden, und dass sie auch gerne für Fragen zur Verfügung stünde. Außerdem stimmte die Offizierin Aliasanes Überlegung zu, dass die Hochelfe von Darnassus oder Aberden einfacher nach Theramore zurückreisen konnte. Besonders die Hoffnung die ungeliebte arkanliebende Elfenverwandschaft loszuwerden, hatte die Nachtelfe überzeugt.
„Dort ist sie.“, riss eine Stimme Aliasane aus dem Trott der Reise.
Ihre Überlebensinstinkte waren darauf geeicht auf jede Situation sofort zu reagieren, die sie betraf. Ein Mensch auf einen Pferd ritt auf sie zu.
„Grüße, Shataelia Sonnenzorn.“, sagte der Mensch als er von seinem Pferd abstieg.
Aliasane musterte den Fremden. Er war ein älterer Mensch mit einem weißen langen Bart und buschigen Augenbrauen. Er trug einen purpurfarbenen Umhang unter dem sie eine Robe erkennen konnte. An seinem Pferd war ein Stab angebracht, an dessen Spitze ein grünes Juwel funkelte. Sie erkannte die Gefahr für sich sofort.
„Grüße, Bruder Magier.“ erwiderte sie seinen Gruß knapp.
„So, du bist also die gerettete Schwester unseres Ordens.“, nickte er ihr knapp zu.
„Ja, die bin ich.“, sagte Aliasane, „Shataelia Sonnenzorn zu euren Diensten.“
„Das trifft sich sehr gut.“, lächelte der alte Magier, „Gestatten, dass ich mich vorstelle, Kanthol Sonnenzorn.“
Aliasane fluchte innerlich. Sie wusste was nun kommen würde.
„Wir sollten uns etwas von den Nachtelfen absetzen.“, sagte der Magier nun etwas ernster, „Denkt ihr nicht auch, Schwester?“
Aliasane nickte nur stumm, ohne den Menschen dabei ins Auge zu schauen.
Kanthol Sonnenzorn und sie ließen sich hinter die Nachhut zurückfallen. Kanthol machte eine abweisende Handbewegung in Richtung des Nachtelfentrosses.
„So nun sind wir ungestört.“, sagte der Magier emotionslos, „Und nun die Wahrheit? Denn ich kenne keine Shataelia in meiner Familie, und schon gar keine Hochelfe.“
„Unser Orden hat …“, begann Aliasane bevor Kanthol sie unterbrach.
„Ah, unser Orden.“, fuhr er ihr hämisch ins Wort, „Da wären wir schon bei dem zweiten ungelösten Rätsel. Die Wege und Aufgaben der Kirin Tor sind manchmal etwas verworren und geheim, aber seitdem Jaena Prachtmeer uns verlassen hat, sind keine Kirin Tor mehr nach Kalimdor gekommen. Wir haben genug andere und wichtigere Dinge zu tun, als uns um Kalimdor auch noch Sorgen zu machen. Aber zu euren Gunsten will ich annehmen, dass ich auch nicht alles weis. Trotzdem, verzeiht mir, ist eure Vita, die ihr der Nachtelfe erzählt habt, für mich sehr suspekt. Also müsst ihr euch schon etwas Besseres einfallen lassen.“
Aliasane kochte. Sie würde es dem arroganten Kerl allzu gerne hier und jetzt heimzahlen, aber dann wären ihre Pläne vollkommen durchkreuzt.
„Ihr seit sehr scharfsinnig, Meister Sonnenzorn.“, lächelte sie ihm zu.
„Oh, versucht nicht mir Honig um den Mund zu schmieren, oder mich zu bezirzen.“, schüttelte der Magier seinen Kopf, „Dazu bin ich schon zu alt. Achja, und versucht keinen Kampf mit mir. Er wäre aussichtslos.“
Der Magier deutete mit seinen Stab auf die Kompanie Nachtelfen die vor ihnen marschierte. Aliasane lies den Kopf hängen.
„Es stimmt.“, flüsterte sie leise vorgespielten Tränen nahe, „Mein Name ist nicht Sonnenzorn. Es ist nur ein Tarnname.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“, grinste Kanthol Sonnenzorn zufrieden, „Und Kirin Tor seit ihr auch keine.“
„Da irrt ihr euch.“, sagte Aliasane wieder mit erhobenen Haupt und voll Stolz.
Sie hielt dem Magier ihre geballte linke Faust unter die Nase. An ihrem Ringfinger funkelte der violette Siegelring eines Meistermagiers der Kirin Tor.

Kanthol Sonnenzorn schaute die Hochelfe überrascht an.
„Aber, aber, das ist …“, fing er zu stammeln an, „Das ist nicht möglich. So einen Ring besitzen nur die Magier auf der letzten Stufe vor den Erzmagiern, und das sind sehr wenige.“
„Glaubt ihr es ist eine Fälschung?“, sagte die Hexenmeisterin nun mit Arroganz in der Stimme, „Oder dass ich ihn geraubt hätte?“
„Nein, nein.“, schüttelte der Magier noch immer verblüfft den Kopf, „Das ist nicht möglich. Der Ring ist echt. Das fühle ich, und er kann nur von Mitgliedern der Kirin Tor getragen werden, die dafür durch ein Mitglied derselben Stufe ernannt wurden.“
Aliasane grinste innerlich. Endlich war der alte Plunder für sie zu etwas nutze. Der Ring war das einzige Vermächtnis ihres Vaters. Er hatte ihn ihr kurz bevor er sie verließ gegeben, da er ihre Magierausbildung für beendet hielt. Er wusste nicht, wieviel sie noch lernen würde, während ihrer Einsamkeit in Azshara. Sie gab sich aus Verbitterung darüber dem Zorn und der Gier nach Macht und Rache hin, die sie einen Weg in die Welt der Dämonen einschlagen liesen. Sie genoss es deshalb zu sehen, wie das Gedankenkartenhaus des alten Menschen zusammenfiel.
„Verzeiht mir meine Anmaßung, Meisterin.“, sagte der Mensch nun etwas kleinlaut, „Aber ihr werdet verstehen, dass ich misstrauisch wurde.“
„Ich verzeihe euch.“, nickte Aliasane wohlwollend, die Situation voll auskostend.
„Würdet ihr mir einen Wunsch gewähren?“, sagte der Magier leise.
„Welchen?“, antwortete Aliasane.
„Darf ich den Ring küssen?“, sagte der Magier mit gesenktem Haupt.
„Bitte.“, erwiderte Aliasane und hielt den Magier den Ring hin.
„Vielen Dank, Meisterin.“, lächelte der Magier nun zufrieden, „Und nun sagt mir euren Namen.“
„Das werde ich nicht tun.“, verfinsterte sich Aliasanes Miene.
„Ihr wisst dass ihr es nach einem Ringkuss tun müsst?“, grinste der Magier breit.
Aliasane überlegte kurz. Ihr Vater hatte sie damals auch die Bräuche der Kirin Tor gelehrt.
‚Der Ringkuss!’, dachte sie verärgert.
Sie hatte das alte Begrüßungsritual fast vergessen. Aber nun kam es wieder zurück in ihr Gedächtnis. Ein Kirin Tor der den Ring eines anderen küsste, wusste sofort alles über sein Gegenüber. Es war wie ein geheimer Mitgliedsausweis des Ordens.
„Mein Name ist Aliasane Mindmaker.“, sagte die Hochelfe voll Stolz.
„Das sagt der Ring auch.“, nickte der Magier, „Ihr scheint die Tochter meines alten Meisters und Mentors zu sein. Nur kann ich das nicht glauben.“
„Der Ring lügt nicht.“, sagte sie ernst.
„Nein das tut er nicht.“, schüttelte Kanthol den Kopf, „Aber vielleicht ist er ja verzaubert.“
„Zweifelt ihr an meiner Glaubwürdigkeit?“, sagte Aliasane verärgert.
„Ich weis es nicht.“, zuckte Kanthol mit den Schultern, „Der Meister hatte nie eine Familie. Er lebte nur für die Magie und seine Studien. Aber er war lange weg und vieles kann geschehen sein. Vom Alter könntet ihr seine Tochter sein, wenn ich das Alter einer Hochelfe richtig einzuschätzen weis. Aliasan wäre auch sicher in der berechtigten Position gewesen euch den Ring zu verleihen. Ich denke ihr hattet den besten Privatlehrer, den man sich vorstellen kann.“
‚Und den verbittertsten.’, fügte Aliasane gedanklich hinzu.
„Verzeiht die Zweifel eine alten Mannes, der sich an seine weit entfernte Jugend zurückerinnert.“, hörte Aliasane den Magier sagen, „Ich weis, dass ich viel von euch verlange und kein Recht dazu habe, aber der Ring birgt einen Beweis, den nur ich kenne. Ich habe es einmal gesehen, als der Meister seinen Ring ablegte. Bitte nehmt ihn ab und zeigt mir seine Unterseite.“
„Ihr verlangt viel.“, schnaubte Aliasane, „Ich hoffe das klärt es für euch ein für alle Mal, und ich kann mir dann eurer uneingeschränkten Ergebenheit sicher sein.“
„Wenn ich sehe, was ich sehen will, so sollen alle meine Dienste euch gehören, Mylady.“, sagte der alte Mann.
Aliasane nahm den Ring ab. Sie hielt dem Magier die Unterseite hin. Das alte Wappen der Hochelfen war darin zu sehen. Kanthol Sonnenzorn machte ein kleine Bewegung mit seinen Finger. Ein zarter lila Strahl fuhr in den Ring. Das Wappen verschwand. Ein Drachenkopf erschien in leuchtenden lila Linien.
„Ihr seit es wirklich.“, flüsterte der alte Mann ehrfürchtig und fiel vor Aliasane auf die Knie, „Die Tochter des Meisters!“

„Steht auf alter Narr.“, forderte Aliasane ihn mit vorgetäuschter Bescheidenheit auf.
„Ich kann es immer noch nicht erfassen.“, sagte der Magier mit gesenkten Kopf.
„Glaubt ihr mir immer noch nicht?“, sagte Aliasane zornig.
„Doch, Meisterin.“, nickte der Alte unterwürfig, „Aber dieser Zufall. Von allen Kirin Tor bin ausgerechnet ich gerade wieder von einer Besprechung mit den Druiden aus Darnassus auf den Weg nach Süderstade, als ich von eurer Befreiung hörte. Was für ein unglaublicher Zufall das ist.“
Aliasane musste dem Magier insgeheim Recht geben. Es war ein unglaublicher Zufall, der allerdings ihre Pläne nun etwas verkomplizieren würde. Aber es gäbe nun wohl eine interessantere Möglichkeit.
„Ja, und vielleicht auch noch ein sehr glücklicher Zufall.“, stimmte ihn Aliasane zu.
„Verzeiht meine Neugierde.“, fragte der Magier, „Aber was ist aus dem Meister geworden? Da ihr seinen Ring tragt nehme ich an, dass er leider nicht mehr Mitglied des Ordens ist, oder noch schlimmer von uns gegangen ist.“
„Leider muss ich euch sagen, dass Letzteres der Fall ist, mein Freund.“, sagte Aliasane mit gespielter Trauer in der Stimme.
„Der Meister, tot?“, seufzte Kanthol, „Ich kann es nicht glauben, und doch sagt mir mein Herz, dass es so sein muss.“
„Ja, und vielleicht könnt ihr …“, fing Aliasane und schwieg plötzlich vielsagend.
„Ja?“, schaute sie Kanthol nachfragend an, „Was kann ich?“
„Nun, ich war unterwegs um Untersuchungen zu seinem Tot zu machen, als mich diese Bande da überfiel.“, erklärte die Hochelfe.
„Und konntet ihr herausfinden wie euer Vater starb?“, unterbrach Kanthol sie.
„Ja, und ich glaube, dass dieses Pack da auch ein Teil davon ist.“, nickte sie dem Menschen zu.
„Ihr müsst mir alles erzählen.“, sagte der Magier neugierig.
„Euch erzähle ich alles, Kanthol.“, erklärte Aliasane mit einem zusichernden Nicken, „Ihr seid in die geheimen Forschungen meines Vaters eingeweiht.“
„Ihr meint die Drachen?“, flüsterte Kanthol.
„Ja, genau diese.“, sagte Aliasane, „Letztendlich waren sie auch sein Untergang.“
„Das habe ich immer kommen sehen.“, seufzte der Kirin Tor, „Ich habe ihn immer davor gewarnt zu weit zu gehen, aber er wollte ja nicht hören.“
„Ja, er konnte sehr stur sein, wenn er etwas unbedingt wissen wollte.“, sagte Aliasane und erinnerte sich an manches Gespräch mit ihm über die Ernsthaftigkeit der magischen Forschungen.
„Aber nun erzählt mir Genaueres.“, forderte Kanthol sie auf.
„Leider weis ich auch nur Bruchstücke bis jetzt.“, fuhr Aliasane fort, „Aber eines ist klar. Er wurde in eine Falle gelockt. Er erhielt eine Botschaft von jemand, den er sehr gut kannte und wohl bedingungslos vertraute. Darin wurden Vorgänge in der Wüste von Tanaris erwähnt, und dass er umgehend dorthin aufbrechen müsste. Nach langen Überlegungen ließ er mich bei Bekannten zurück und zog nach Tanaris. Die Entscheidung mich zu verlassen viel ihm nicht leicht.“
„Aliasan, ein Familienmensch?“, schmunzelte Kanthol, „Unvorstellbar, und doch steht ihr vor mir.“
„Ja, und als ich von Vater lange Zeit keine Nachricht mehr erhalten hatte, machte ich mich auf die Suche nach ihm.“, sagte sie, „Ich reiste nach Tanaris, und fand nichts weiter als sein Grab.“
„Seit ihr sicher, dass …“, begann Kanthol zweifelnd.
„Ja, ich bin mir leider sicher, dass er dort seine letzte Ruhestätte fand.“, sagte Aliasane traurig mit Tränen in den Augen.
„Meister, ruht in Frieden.“, sagte Kanthol niedergeschlagen, „Wer hat ihn getötet?“
„Ich fand gerade einen Namen, als mich diese Bande überfiel.“, erklärte die Hexenmeisterin, „Es war mir sofort klar, dass dies kein Zufall war. Sie handelten im Auftrag.“
„Wessen Auftrag?“, schaute sie Kanthol fragend an.
„Derjenigen Person, die ihn auch in die Falle gelockt hatte.“, fuhr Aliasane in ihrer Geschichte fort, „Doch sie haben ihn nicht getötet.“
„Ihr werdet immer rätselhafter.“, schüttelte der Magier den Kopf, „Fast wie euer Vater.“

Aliasane seufzte. Langsam musste der Magier doch verstehen. Sie blickte sich um. Der Tross war nun schon ziemlich nahe an Aberden. Es wurde Zeit die Geschichte zu beenden.
„Kanthol, ich kann euch sicher in der Kürze der Zeit nun nur noch die Umrisse erzählen.“, sagte sie hastig, „Aber ich denke ich kann euch später noch die notwendigen Details geben.“
„Das wird sich arrangieren lassen.“, nickte der Magier, „Mein Schiff wartet auf mich in Aberden. Es kann uns beide zurückbringen nach Süderstade.“
Aliasane überlegte einen kurzen Moment.
‚Das ändert die Pläne abermals.’, dachte sie, ‚Ich hasse Improvisationen.’
„Gut, ich erkläre euch die Details dann auf der Überfahrt.“, stimmte sie zu, „Aber nun für euere Beruhigung die kurze Fassung.“
„Ja, ich will es wissen, wer einen großen Magier wie den Meister töten konnte.“, sagte der Magier.
„Ein Drache.“, sagte Aliasane trocken.
„Das habe ich mir schon gedacht.“, nickte der Magier, „Aber es muss ein ganz besonders Mächtiger gewesen sein.“
„Leider konnte ich keinen Hinweis finden wie der Drache hieß.“, schüttelte die Hochelfe den Kopf.
„Dann bleibt sein Tot ungesühnt.“, seufzte der alte Mensch.
„Das bleibt abzuwarten.“, sagte Aliasane zornig, „Wie ich euch sagte, forschte ich gerade nach der Person, die die Botschaft gesendet hat.“
„Ihr meint, dass es nicht der Drache selbst war?“, grübelte Kanthol.
„Nein, er kann es nicht gewesen sein, da bin ich mir sicher.“, nickte Aliasane, „Die Botschaft war viel zu familiär geschrieben.“
„Ich wüsste nicht, wen der Meister aus mir, und natürlich euch, noch vertraut hätte.“, überlegte der Magier.
„Dieser Person scheinbar hat er sein ganzen Vertrauen geschenkt.“, versuchte Aliasane den Menschen zu überzeugen, „Bedenkt, dass ihr ihn lange nicht gesehen habt.“
„Das ist wahr.“, nickte der Magier einsichtig, „Viel kann passiert sein.“
„Auf jeden Fall hat sie ihn verraten.“, fuhr Aliasane fort.
„Es muss eine sehr dunkle Person sein.“, sagte der Magier mit ernster Miene.
„Das ist sie wohl.“, stimmte Aliasane zu, „Wie ihr wisst, war mein Vater aufgebrochen die Drachen in Kalimdor zu untersuchen.“
Kanthol nickte nur zustimmend.
„Ich denke, er hat sie gefunden.“, berichtete Aliasane, „Und soweit ich meine Nachforschungen beenden konnte, hat er einen ganzen Kult gefunden.“
„Schon wieder Kultisten.“, murmelte der Kirin Tor bitter.
„Wieder?“, hackte Aliasane nach.
„Nichts, nichts.“, schüttelte der Magier den Kopf, „Das hat mit Aliasan nichts zu tun, sondern mit seinem ehemaligen Gegenspieler, Kel’Thuzad. Aber fahrt fort.“
„Gut.“, nickte die Hochelfe nachdenklich, „Ich konnte über den Kult herausfinden, dass sie einen Drachen huldigten und sich dämonischer Magien bedienten.“
„Dämonen.“, schauderte Kanthol, „Auch das noch.“
„Bevor ich überfallen wurde fand ich noch etwas heraus.“, fuhr Aliasane fort, „Der Anführer der Kultisten hatte den Brief an Aliasan persönlich verfasst.“
„Wisst ihr seinen Namen?“, fragte Kanthol ungeduldig.
„Ich war mir nicht ganz sicher.“, schüttelte Aliasane den Kopf, „Erst als mich diese Bande so scheinbar zufällig überfiel, und ich ihren Anführer belauschen konnte, konnte ich den Namen verifizieren und mir der ganzen Ernsthaftigkeit der Lage bewusst werden. Sie lies mir das Blut in den Adern gefrieren.“
„Was hat euch so beunruhigt?“, fragte der Magier besorgt.
„Der Anführer hat sich wohl in wichtige Kreise der Nachtelfen eingeschlichen.“, erklärte Aliase, „Er scheint beim Zirkel des Cenarius ein hohes Ansehen zu besitzen, und betreibt dort ein perfides doppeltes Spiel.“
„Das müssen wir sofort nach Darnassus melden!“, rief der Magier, „Habt ihr den Namen?“
„Ja.“, nickte Aliasane ein teuflisches Lächeln huschte kurz über ihre schmalen Lippen, „Den habe ich. Die Verräterin heißt Gilmenel.“
 
11. Fragen

Gilmenel wunderte sich, warum sie zu Farnhelm Baumspross gerufen worden war. Sie hatte gerade mit einigen Söldnern und einer Priesterin der Elune einen Auftrag für ihn erledigt. Zusammen wollten Sie sich gerade in Theramore nach Sturmwind einschiffen als sie sein Ruf erreichte, dass sie sich alleine sofort auf den schnellsten Weg nach Darnassus zurückkommen sollte, während der Rest den nächsten Auftrag erledigen sollte. Sie hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde. Wenn aber Baumspross etwas so dringend formulierte, war es wohl sehr wichtig.
„Ah, gut, gut. Gilmenel. Da bist du ja.“, sagte der Druide in seiner gewohnten Art als die Nachtelfe seine Baumhöhle betrat.
„Meister Baumspross, ihr habt mich rufen lassen.“, sagte die Nachtelfe und verbeugte sich vor ihm.
„In der Tat, in der Tat.“, bestätigte er nachdenklich, während er in einem Stapel Schriftrollen wühlte.
Gilmenel seufzte innerlich. Gespräche mit dem ehrwürdigen Druiden vom Zirkel des Cenarius waren für Ungeübte immer sehr ermütend. Nach Ihrer Ankunft in Darnassus war er ihr als Ausbilder zugewiesen worden. Damals war er noch ein Druidenlehrer in der Enklave des Cenarius. Es hatte sie einige Wochen gekostet sich an seine repetitive Sprechweise zu gewöhnen. Sie schaute ihn fragend an.
„Leider, leider ist mir etwas zu Gehör gekommen, das ich nicht glauben kann.“, sagte er abwesend.
Gilmenel wurde etwas unruhig. So betrübt hatte sie den alten Druiden noch nie gesehen. Seine Augen leuchtenden auch sehr fahl. Es war ein untrügliches Zeichen, dass ihn etwas sehr bewegte.
„Was denn, Meister?“, fragte sie nervös, „Um was handelt es sich?“
„Ah, ja, ja. Es geht um dich.“, sagte der Druide leise und schaute tief in ihre Augen.
„Mich?“, schüttelte Gilmenel den Kopf, „Was hat euch so erschüttert?“
„So ist es, so ist es.“, sagte er traurig.
„Meister, was ist mit mir?“, sagte Gilmenel langsam sehr besorgt, da Baumspross in einer merkwürdig dunklen Stimmung war.
„Nun, nun sag du es mir?“, fragte der Druiden plötzlich scharf, „Wir haben dich damals hier freundlich aufgenommen, aber was ich nun hören musste. Ah, nein, nein, ich will es nicht glauben.“
Gilmenel erinnerte sich zurück, als sie nach ihrer Ankunft in Darnassus die Druiden aufgesucht hatte und sie um Ausbildung bat.
„In der Tat, in der Tat warst du damals die Beste unter meinen Schülern.“, schüttelte der Druide den Kopf, „Wir haben alle deine Fähigkeiten sehr bewundert. Doch nun wissen wir woher sie wirklich kommen.“
„Meister?“, flüsterte Gilmenel fragend. Ihr sowieso schon blasser Hautton wurde noch blasser.
„Ah, schade, schade. Ich bin sehr enttäuscht von dir.“, sagte der Nachtelf vorwurfvoll, „Ich habe immer mit deiner Loyalität gerechnet.“
„Habt ihr Zweifel daran?“, sagte Gilmenel nun erstaunt, „Ich habe sie erst gerade wieder in einem Gefängnis der Horde unter Beweis gestellt.“
„Ich weis, ich weis.“, sagte das Mitglied des Zirkel des Cenarius, „Deshalb kann ich es kaum glauben.“
„Nun sagt mir schon endlich, was los ist?“, sagte Gilmenel ungeduldig.
„Ah, nun, nun. Verzeih mir, Gilmenel, aber es ist notwendig.“, sagte der Druide, „Wache!“
Bewaffnete Elfenkriegerinnen betraten Baumspross’ Baumhöhle. Sie umringten Gilmenel mit gezückten Gleven.
„Meister?“, schüttelte Gilmenel entsetzt den Kopf, „Was soll das?“
„Leider, leider ist es unser aller Schutz notwendig.“, erklärte der Druide der nun hinter den Wachen stand.
Gilmenel sah ihn nur noch fragend an.
„Ah, nun, nun. Lass es mich dir erklären.“, sagte der Druide leise.
„Da würde ich sehr darum bitten.“, sagte Gilmenel ratlos.
„Also, also wir hatten Besuch von einem Magier der Kirin Tor.“, erklärte der Druide seiner ehemaligen Schülerin, „Ein Mensch, den wir sehr vertrauen. Er hat uns schon das ein oder andere Mal sehr geholfen. Ah, nicht wahr, nicht wahr?“
„Meister!“, sagte Gilmenel ungeduldig.
Sie wusste nicht was schlimmer war, von Wachen mit gezückten Schwertern umgeben zu sein, oder die Aussicht auf ein langes Gespräch mit ihrem alten Mentor.
„Ach, ja, ja. Immer diese Ungeduld der Jugend.“, fuhr Baumspross fort, „Er sagte, dass er unumstößliche Beweise hätte, dass ein Mitglied des Zirkels sich dunklen Riten hingebe, und Dämonen beschwören würde.“
Langsam dämmerte es Gilmenel worauf es hinauslief.
„Ja, in der Tat, in der Tat.“, fuhr Baumspross fort, „Sie würde einen Drachen als Meister haben, der nur Tot und Verderben forderte.“
„Und ihr meint das sei ich?“, flüsterte Gilamnel leise.
„Ah, möglich, möglich.“, sagte Baumspross, „Der Magier nannte uns deinen Namen.“

„Meister, ich versichere euch, dass nichts davon wahr ist.“, sagte Gilmenel plötzlich energisch, „Bei meiner Ehre als Druidin des Zirkels!“
„Gerne, gerne würde ich dir glauben, aber es liegt nicht mehr in meiner Macht.“, sagte der Druide mit einem resignierten Schulterzucken.
„Das stimmt.“, sagte ein dunkle Stimme vom Eingang der Höhle, „Ich hätte wirklich Besseres zu tun, aber dies bedarf wohl einer raschen Lösung. Ich hoffe es dauert nicht zu lange.“
Gilmenel drehte sich um. Sie fiel auf die Knie.
„Erzdruide Hirschhaupt!“, sagte sie erführchtig und als sie sah wer ihn begleitete war sie vollkommen überwältigt, „Hohepriesterin Wisperwind!“
„Ja, junge Druidin.“, begann die Anführerin der Nachtelfen zu sprechen, „Ich hoffe für dich, dass die Anschuldigungen nicht wahr sind. Wir werden das hier und jetzt klären.“
„Mylady, ihr gestattet, dass ich das regle.“, sagte der Erzdruide der HohenHüterin.
„Nur zu.“, nickte Tyrande Wisperwind, „Die Druiden unterstehen euch. Ich bin gar nicht hier.“
„Du warst mir schon damals suspekt, als du fast über Nacht die geheimsten Fähigkeiten der Druiden erlernt hattest.“, begann der Erzdruide der Nachtelfen, „Aber jemand hat mich von dir überzeugt.“
Er schaute Baumspross mit einem vorwurfsvollen Blick an.
„Aber er konnte mir schon damals nicht sagen, woher du eigentlich gekommen bist.“, sagte er vorwurfsvoll, „Du seist über das Meer von der Mondlichtung gekommen, war seine einzige Erklärung. Wir hätten dich damals schon ernsthaft befragen sollen.“
„Ihr würdet mir nicht glauben.“, flüsterte Gilmenel leise.
„Was würden wir dir nicht glauben, Verräterin!“, donnerte der Erzdruide.
„Ah, nun, nun.“, sagte Baumspross mahnend dem Erzdruiden, als er das betretene Gesicht Gilmenels sah, „Lasst uns das in aller Ruhe in Harmonie regeln, Erzdruide!“
„Bah!“, sagte Fandral Hirschhaupt abfällig. „Zirkelgeschwätz!“
„Ah, hier, hier.“, sagte Baumspross als er Gilmenel ein Taschentuch zum Trocknen ihrer Tränen reichte, „Also mein Kind, was würden wir dir nicht glauben?“
„Meine Geschichte.“, sagte sie leise, begann aber dann überzeugt hinzuzufügen, „Aber ich kenne jemanden, den ihr sie glauben würdet.“
„Jeder der hier Licht ins Dunkel bringen kann, ist erwünscht.“, sagte Tyrande Wisperwind beruhigend.
„Ich hoffe das kann sie.“, nickte Gilmenel, „Allerdings geht das nicht hier. Es sei den Erzdruide Hirschhaupt weis einen direkten Weg in den smaragdgrünen Traum.“
Der Erzdruide sah sie mit großen Augen an und schnaubte.
„Der Traum ist uns verwehrt!“, begann er abweisend, „Wenn das die einzige Möglichkeit ist, deine Unschuld zu beweisen, so ist das keine.“
„In der Tat, in der Tat hat er leider Recht.“, sagte Baumspross niedergeschmettert.
Gilmenel lies den Kopf hängen.
„Dann verurteilt mich.“, sagte sie erschöpft, „Ich kann euch nichts erklären. Ihr würdet es mir nicht glauben.“
„Gibt es den keinen anderen Weg?“, fragte Tyrande Wisperwind besorgt.
„Nein, es hat alles seine Erklärung im Traum.“, schüttelte Gilmenel den Kopf.
„Der Traum, der Traum!“, sagte der Erzdruide, „Ein verlorenes Paradies aus alten Zeiten! Keiner glaubt mehr daran.“
„Mein Liebster träumt den smaragdgrünen Traum!“, sagte die Hohepriesterin scharf.
Fandral Hirschhaupt zuckte zusammen. Er wusste, dass er damit einen Fehler gemacht hätte, die Angelegenheit schnell zu regeln.
„Wir werden einen Weg finden!“, befahl die Anführerin der Nachtelfen.
„Verzeiht mir, Mylady.“, sagte Gilmenel leise, „Es genügt eventuell schon, wenn wir in die Nähe einer seiner Eingänge wären.“
„Ja, ja. Das lässt sich machen.“, sagte Baumspross und begann einen Zauber.

„Baumspross! Wie könnt ihr es wagen!“, rief der Erzdruide erbost, als sie sich alle wieder in der Mondlichtung materialisiert hatten.
„Doch, doch. Wir müssen das Rätsel schnell lösen.“, sagte der alte Druide unbeindruckt.
„Die Mondlichtung.“, sagte Tyrande Wisperwind, „Und dort …“
Ihr blieben die Worte im Hals stecken. Sie wusste wer dort schlief.
„Das sollte genügen, Meister Baumspross. Vielen Dank.“, sagte Gilmenel erfreut, „Bitte leiht mir alle euren Geist.“
„Damit du uns überrumpeln kannst, Verräterin!“, knurrte Fandral Hirschhaupt noch misslauniger als sonst.
„Nein, damit ihr mir glaubt, dass es kein Trick ist.“, erklärte Gilmenel.
„Nun, nun. Ich vertraue ihr noch, bis das Gegenteil bewiesen ist.“, nickte Farnhelm Baumspross.
„Und ich auch.“, sagte Tyrande Wisperwind, „Außerdem wäre es für sie sehr schwer mich zu betrügen.“
Der Erzdruide wusste, dass er verloren hatte.
„Bitte konzentriert euch auf den Traum.“, sagte Gilmenel andächtig.
Die vier Nachtelfen begannen sich auf die Dimension des Traums zu besinnen. Vor ihren Augen begann die Luft grünlich zu schimmern. Gilmenel begann einen Zauber zu sprechen.
„Stärker!“, flüsterte Gilmenel.
Der grünliche Schein wurde heller. Er formierte sich langsam zu einem Portal.
„Wir können da nicht hinein!“, schrie der Erzdruide.
„Wir wollen auch nicht hinein.“, antwortete Gilmenel ruhig, „Konzentriert euch nur auf den Traum.“
Gilmenel begann ihren Zauber zu intensivieren. Sie spürte, wie die Verbindung in den Traum aufgebaut wurde.
„Ich rufe euch, Ysera!“, sagte sie beschwörend, „Ysera, hört mich!“
„Jetzt ist sie komplett größenwahnsinnig.“, rief der Erzdruide, „Sie beschwört einen Aspekt!“
„Konzentriert euch auf den Traum!“, mahnte Gilmenel.
Der Erzdruide knurrte. Er fühlte wie die Belastung ihn langsam auslaugte.
„Ysera, schickt uns Ysunera!“, beschwor Gilmenel, „Ysunera, komm zu uns!“
Das Portal blitzte kurz auf.
„Ihr könnt euch entspannen.“, sagte Gilmenel erschöpft, „Ich wurde erhört.“
Ein dumpfes Grollen ging vom Portal aus.
„Wir sollten vielleicht etwas Platz machen.“, sagte Gilmenel, als sie sah wie nahe alle am Portal standen.
Eine grünbeschuppte Klaue begann im Portal aufzutauchen. Ihn folgte der Kopf eines enormen grünen Drachens. Das Portal war gerade groß genug, dass sein massiger Körper hindurch passte.
„Grüße!“, donnerte die sonore Stimme des Drachens, „Was wünscht ihr von Ysunera?“
Der Drache blickte die andächtig vor ihn stehenden Nachtelfen an.
„Ah, Gilmenel!“, sagte er plötzlich freudig, „Schön dich wiederzusehen. Warte ich erleichtere dir unser Zusammentreffen.“
Grüner Nebel hüllte den Drachen ein. Eine Nachtelfe schritt aus ihm heraus, die Gilmenel wie ein eineiiger Zwilling glich.
„Hohepriesterin, Erzdruide, Meister.“, lächelte Gilmenel als sie ihr Spiegelbild sah, „Hier ist der erste Teil der Erklärung.
„Ysunera?“, flüsterte Farnhelm Baumspross andächtig, „Ihr seit eine der Traumweberinnen von Ysera.“
„Mylady, ich freue mich eure Bekanntschaft zu machen.“, sagte Tyrande Wisperwind mit einer kurzen angedeuteten Verbeugung.
Erzdruide Hirschhaupt stand wort und atemlos da.
„Hohepriesterin der Elune.“, antwortete ihr der Drache mit einem kurzen Kopfnicken, „Die Ehre ist auf meiner Seite.“
Ysunera wendete sich Gilmenel zu.
„Sag teuere Freundin, warum hast du mich gerufen?“, fragte sie die Nachtelfe.
„Ich muss leider deine Hilfe erbeten.“, antworte Gilmenel, „Es werden Anschuldigungen gegen mich vorgebracht, die ich nicht entkräften kann, da man mir die Erklärung nicht glauben würde, wie du wohl versteht.“
„Ja, ich denke ich weis um was es sich handelt.“, nickte der Drache, „Ach übrigens Erzdruide, ihr könnt jetzt wieder atmen.“
„Ah, in der Tat, in der Tat.“, begann Baumspross zu erklären, „Es wurden Vorwürfe laut, dass Gilmenel mit bösen Mächten paktiere.“
„Sie war uns schon immer verdächtig.“, knurrte nun Erzdruide Hirschhaupt.
„Dazu besteht keine Grund, werter Erzdruide.“, lächelte ihn die doppelte Gilmenel an.
„Sie wollten meine Herkunft wissen, um zu einer Klärung zu kommen.“, erklärte die richtige Gilmenel, „Sie würden mir die Geschichte nicht glauben, denke ich. Deshalb musste ich dich aus dem Traum rufen. Verzeih mir.“
„Dir verzeihen?“, lachte der Drache, „Dazu besteht kein Grund. Ich stehe für immer in deiner Schuld.“
Erzdruide Hirschhaupt schaute den Drachen ungläubig an.
„Ihr? In der Schuld von dieser da?“, sagte er abfällig.
„Schweig!“, donnerte der Drache plötzlich mit einer unnatürlich lauten Stimme, „Du weist nicht, um was es geht. Deshalb sieh selbst!“
Die Gruppe wurde in einen grünen Nebel eingehüllt.
„Der Traum.“, flüsterte Erzdruide Hirschhaupt ungläubig.
„Nein, leider muss ich euch enttäuschen, Erzdruide.“, schüttelte Ysunera den Kopf, „Der Traum ist momentan für euch Sterbliche zu eurem eigenen Schutz nicht zu erreichen.“
„Nun, nun was ist es dann?“, fragte Baumspross.
„Sagen wir es so.“, erklärte der grüne Drache, „Es ist ein wenig Traum in diese Welt geholt.“
Tyrande Wisperwind seufzte kurz.
„Nein, Hohepriesterin.“, fuhr Ysunera fort, „Ich kann euch leider nicht eure brennenste Frage beantworten. Doch nun zu der Erklärung, die ihr sucht.“
Die Mitglieder der Gruppe merkten, wie sich ihr Bewusstsein von ihren Körpern löste. Sie schauten alle auf ihre im Gras der Mondlichtung ruhig schlafenden Körper.
Der Nebel lichtete sich langsam. Die Mondlichtung verschwand. Ein dichter Wald war zu sehen. Eine Nachtelfe wurde von Drachen, deren silberne Gestalt zu fliessen schien, verfolgt.

„Das war es also.“, nickte Tyrande als Erste, nachdem sie aus ihrem Schlaf erwachte, „Wir hätten dir fast Unrecht getan, Gilmenel.“
„Ah, in der Tat, in der Tat.“, nickte Baumspross, „Was für eine überzeugende Erklärung.“
Erzdruide Hirschhaupt grunzte nur eine kurze Zustimmung.
„Ihr seht, dass es wirklich keinen Grund für Verdächtigungen gegenüber Gilmenel gibt.“, sagte Ysunera, die wieder in ihrer Drachengestalt vor ihnen stand.
„Nein, es ist alles geklärt.“, sagte die Hohepriesterin der Elune, „Auch wenn es eine sehr sonderbare Geschichte ist. Eine Halbhochelfe wird zu einer Nachtelfendruidin? Aber Yseras Vertrauen ist unser Vertrauen. Es gibt kein Verbrechen. Gilmenel ist unschuldig. Und mehr noch. Wir müssen uns bei ihr entschuldigen.“
„Dann kann ich ja jetzt gehen.“, sagte der Drachen und begann einen Zauber zu weben, brach ihn aber ab, „Ein Letztes noch. Ihr seht wie wichtig Gilmenels Auftrag ist. Er sollte mit allen Kräften unterstützt werden. Wir müssen mehr über diese Art von silbernen Drachen erfahren.“
„Ah, wirklich, wirklich.“, nickte Baumspross, „Sie wird jede Unterstützung bekommen, die sie dafür braucht.“
„Eventuell mehr als das, ehrwürdiger Druide.“, erwiderte Ysunera ihm besorgt, „Sollten diese Art von Drachen eine Gefahr für Azeroth darstellen, dann müssen sie alle vernichtet werden.“
„Ah, ja, ja.“, antworte Baumspross, „So sei es.“
„Leb wohl, werte Freundin.“, nickte Ysunera Gilmenel zu, und begann ihren Zauber weiter zu wirken.
„Elbereth begleite dich.“, winkte ihr Gilmenel zu.
Der grüne Drache verschwand im Portal, das sein Zauber geöffnet hatte.
„Lebt wohl!“, rief seine Stimme aus dem Portal.
„Ah, nun, nun.“, sagte Baumspross erleichtert, „Lasst uns nach Darnassus zurückkehren, und dann als Erstes klären warum Kanthol Sonnenzorn uns belogen hat. Er hat Einiges zu erklären.“
 
12. Vergangenheit

‚Meister Baumspross, wenn ihr gewusst hättet was ihr verlangt.’, dachte Gilmenel wehmütig als sie durch das Hügelland rund um Dalaran ritt.
Jeder Schritt von Khal’El brachte sie näher an die Orte ihrer schlimmsten Lebenserfahrungen. Dabei hatte es ihr Baumspross damals versprochen.

„Ah, nun, nun, Gilmenel.“, rief Farnhelm Baumspross erfreut, als Gilmenel seine Baumhöhle in der Enklave des Cenarius in Darnassus betrat.
„Shen’Do, ihr habt mich rufen lassen.“, verbeugte sie sich artig vor ihrem Lehrer.
„In der Tat, in der Tat.“ nuschelte der Druide, und begann in seinen Dokumenten herumzusuchen, die wild in der Baumhöhle verstreut waren.
Gilmenel setzte sich mit einem Seufzen und begann zu meditieren. Sie wusste es würde etwas dauern, bis der alte Druide sich wieder erinnern würde, was er eigentlich von ihr wollte.
„Wer? Ah, ah, Gilmenel.“, sagte Baumspross erstaunt als er die junge Nachtelfe plötzlich wieder wahrnahm.
„Shen’Do?“, sagte sie und stand elegant zu einer Verbeugung auf.
„Da, da, war noch was.“, sagte der Druide und zwirbelte seinen Bart mit den Fingern.
„Ihr hattet mich rufen lassen, Meister.“, versuchte Gilmenel die Gedanken des Druiden auf die richtige Bahn zu lenken.
„Hm, hm, ah ja.“, sagte er mit einem plötzlichen Leuchten in den Augen.
Gilmenels Hoffnungen auf eine baldige Auskunft des Grundes stiegen.
„Nun, nun.“, begann der Druide uns setzte sich auf ein Baumstumpf, der ihm als einziges Sitzmöbel diente, „Richtig. Der Zirkel.“
„Der Zirkel?“, schaute ihn Gilmenel fragend an.
„Ja, ja, nur immer langsam.“, sagte Baumspross, nun schon wieder deutlich abwesender.
Gilmenel wäre fast verzweifelt, aber seit Baumspross nach dem Abschluß ihres normalen Druidenstudiums ihr als Shen’Do zugewiesen wurde, hatte sie viel Zeit sich an die Verwirrtheit des alten Druiden zu gewöhnen. Sie fragte sich manchmal, ob es klug war in ihren Studien so sehr die Aufmerksamkeit Baumspross’ zu erregen. Andere Studenten hatten seine Vorlesungen zwar besucht, aber den alten Druiden immer milde belächelt oder sogar wenn es keiner ihrer Ausbilder gesehen hat leicht verspottet. Er galt als brillant aber zu verschroben. Doch Gilmenel wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Ysunera hatte sie deutlich an Baumspross verwiesen. Was der Drache damit bezwecken wollte, war ihr aber trotzdem unklar.

„Hallo, hallo?“, fragte plötzlich Baumspross’ Stimme, „Gilmenel?“
Gilmenel schreckte aus ihren Erinnerungen hoch. Ein leichter Hauch von Lila stieg ihr ins Gesicht. Es war ihr etwas peinlich, dass sie nun von Baumspross wachgerüttelt wurde. Es sollte eigentlich anders herum sein. Sie verdrängte schnell den Gedanken, dass sie vielleicht ihrem Shen’Do schon zu ähnlich geworden ist.
„Meister.“, nickte sie kurz.
„Ah, ah, wir sind wieder da.“, lächelte der Druide, „Gut, gut. Ich habe etwas mit dir zu bereden. Wo hab ich es nur? Ah, hier!“
Baumspross nahm eine kleines Büchlein aus einem der direkt in das Holz seiner Baumhöhle geschnitzten Regale.
„Genau, genau. Weis du was das ist?“, fragte er und hielt der Jungdruidin das Büchlein unter die Nase.
Gilmanel schaute es an. Sie erkannte sofort ihr altes Studienbuch, in dem Baumspross alle Eintragungen über sie während ihres Studiums gemacht hatte.
„Ja, Meister.“, bestätigte sie.
„Hier, hier, es ist höchst erstaunlich.“, sagte Baumspross als er durch das Büchlein blätterte, „Die allerbesten Noten und Bewertungen. In der Praxis ganz vorne dabei. Und doch …“
„Meister?“, setzte Gilmenel nach, als Baumspross schon wieder ungewöhlich lange inne hielt.
„Nun, nun, Eltern? Unbekannt. Herkunft? Unbekannt, vermutlich Mondlichtung.“, las er ihr vor, „Abschluss? Keiner. Trotzdem Empfehlung an einen Shen’Do.“
Gilmenel schluckte. Ihr waren die Daten ihres aussergewöhnlichen Lebens- und Studienverlaufs mehr als bekannt.
„Ja, ja, sehr merkwürdig das Ganze.“, schüttelte der alte Druide den Kopf, „Aber trotzdem hast du immer alle Erwartungen mehr als erfüllt. Das Druidentum liegt dir scheinbar im Blut.“
Gilmenel durchzuckte eine kurze Erinnerung an ihre Mutter.
„Nun, nun, ich habe deshalb eine besondere Aufgabe für dich.“, fuhr der Druide fort, „Es war schwer, aber auf mein Anraten wurdest du in den Zirkel des Cenarius aufgenommen.“

Gilmenel schaute ihren Mentor erstaunt an. Sie wusste, dass er genauer gesagt zum Kreis des geheimen Zirkels des Cenarius gehörte. Im gehörten Druiden an, die nur sehr verdeckt arbeiteten.
Nun wusste sie auch schlagartig, warum Ysunera sie zu Baumspross geschickt hatte. Scheinbar lag es dem Drachen daran, dass Gilmenel weiter mit der für sie gewohnten und durchaus erfolgreichen Tätigkeit der Informationsbeschaffung beschäfftigt war. Irgendwie hatte Ysunera, oder vielleicht auch der grüne Aspekt selbst, diese Einladung in diesen speziellen Kreis des Zirkels vorrausgesehen und eventuell auch ein wenig dabei nachgeholfen.
„Doch, doch, es ist für uns alle von Vorteil.“, nickte er ihr zu, „Wir haben da eine vakante Stelle und ich denke, sie könnte dir, nun, nun, Freude bereiten.“
„Ich fühle mich geehrt.“, sagte Gilmenel mit gesenkten Haupt.
„Wir werden sehen, wir werden sehen.“, antwortete Baumspross nachdenklich, „Wir wollen dich in die weite Welt schicken. Der Zirkel ist nur eine der Organisationen dieser Welt. Daher müssen wir Verbindung halten zu den anderen. Der Zirkel hat in den befreundeten Organisationen daher, nennen wir es einmal, Botschafter. Hm, hm, also ohne die ganze Diplomatie und so. Hmmm…“
Baumspross schaute das Studienbuch nachdenklich an. Er stand auf und legte es auf den Tisch. Durch ein Loch verschwand er in einem Nachbarraum, der ihn als kleiner Vorratsraum diente. Gilmenel blickte ihm durch das Loch nach. Er drehte sich langsam um seine eigene Achse. Die eine Hand steckte unter seiner gegenseitigen Achsel, mit der anderen kraulte er sich nachdenklich am Bart.
„Meister?“, sagte Gilmenel etwas lauter.
Ihre Geduld wurde dieses mal wieder sehr auf die Probe gestellt.
Baumspross schrak kurz hoch, und griff nach einer Flasche Mondbeerensaft. Er kam damit zurück in den Hauptraum. Der alte Druide schaute die Flasche in seinen Händen nachdenklich an, und legte sie in ein Regal.
„Meister, der Zirkel und ich?“, fragte Gilmenel energisch.
„Nun, nun, Zirkel, ach ja.“, sagte Baumspross und nahm ein Pergament vom Tisch und reichte es ihr, „Hier, du bist nun unsere Abgesandte bei SI:7 in Sturmwind.“
„Nach Azeroth?“, sagte Gilmenel erschrocken, nachdem sie das Pergament gelesen hatte, „Aber ich, ich … Nicht die östlichen Königreiche!“
Finstere Erinnerungen wurden in ihr schlagartig wach. Die östlichen Königreiche waren für sie unter anderem Sturmwind und Lordearon, und hinter den Gebieten von Lordaeron. Nein, sie wollte nicht weiter denken.
„Nun, nun, es ist eine Ehre?“, sagte Baumspross fragend, „Was hast du gegen die Königreiche?“
„Ich habe kein gutes Gefühl dabei.“, besann sich Gilmenel schnell.
Sie wollte nicht zuviel von ihrer Vergangenheit preisgeben.
„Irgendwie denke ich, dass ich mich von den Gebieten in denen die Geißel tobte, fernhalten sollte.“, fuhr sie fort, und hoffte Baumspross damit zu überzeugen, „Ich glaube, dazu bin ich noch zu unerfahren.“
„Hm, Hm, mag sein.“, nickte der Druide, „Aber ich denke, dass du da nicht hin musst. Du sollst hauptsächlich in Sturmwind als Verbindung zum SI:7 dienen. Die sogenannten Pestländer wirst du sicher nicht besuchen. Nein, nein. Davon kannst du dich fernhalten.“

Gilmenel brachte Khal’El zum Stehen. Sie richtete sich auf. Im Morgennebel über dem See konnte sie in der Ferne schemenhaft die Umrisse von Lordaeron erkennen.
„Soviel zum Thema von den Pestländern fernhalten, Shen’Do.“, grummelte sie und zog sanft am linken Zügel, „Weiter nach Dalaran, Khal’El.“
Die Stute trabte wieder leichtfüßig wie immer los. Gilmenel dachte an ihre Ritte, die sie als Geist unternommen hatte. Es fühlte sich wieder viel besser an, die Bewegungen der geschmeidigen Stute direkt zu fühlen, als sie nur als Erinnerung wahrnehmen zu können.
Gilmenel ritt wieder etwas weg vom See. Sie wollte nicht weiter in den Nebel der Vergangenheit versinken. Dalaran müsste gleich hinter den nächsten Hügel liegen. Ihr Kontaktmann in Süderstade hatte sie nach Dalaran verwiesen. Soweit es die hiesige Abteilung des SI:7 herausbekommen hatte, sollte sich Kanthol Sonnenzorn dort befinden, um an dem großen Projekt der Kirin Tor mitzuwirken.
Auf die Frage welches Projekt dies sei, hatte der Kontaktmann nur gegrinst und es ihr empfohlen es mit ihren eigenen Augen anzuschauen.
Gilmenel war gespannt. Sie hatte nur einmal vor langer Zeit einen kurzen Blick auf die schlanken Türme der Magierstadt von Lordaeron aus erhaschen können.
„Was bei Elbereth?“, rief sie erstaunt, als Khal’El den Hügel überquerte.
Vor ihr lag an der Stelle von Lordaeron eine riesige lila Kuppel aus leuchtendem Licht.
„Das müssen wir uns ansehen, Khal’El.“, rief sie ihrer Stute zu.
Vorsichtig lenkte sie ihr Pferd zum Fuß der Lichtkuppel. Einige Magier waren mit irgendwelchen Beschwörungen zu Gange. Gilmanel ritt auf eine Magierin zu, die gerade die Kuppel verlies.
„Grüße, Magierin der Kirin Tor.“, sagte Gilmenel als sie von Khal’El stieg.
„Grüße, Nachtelfe.“, erwiderte die Frau müde.
„Was geht hier vor?“, fragte Gilmenel erstaunt.
„Verzeiht mir, wenn ich euch darüber keine Auskunft gebe.“, sagte die Magierin streng, „Vielleicht nur soviel. Wir suchen einen anderen Verwendungszweck für den Schild den wir gegen die Geißel aufgebaut haben.“
Gilmenel machte sich eine Gedankennotiz ihren Kontakt des SI:7 in Süderstade etwas intensiver zu befragen.
„Gut, gut. Es ist auch nicht der Grund meines Besuches.“, nickte die Druidin.
„Was führt euch dann soweit weg von eurer Heimat im fernen Kalimdor?“, wollte die Magierin nun plötzlich wissen.
„Ich bin auf der Suche nach einem eurer Kollegen, dem Magier Kanthol Sonnenzorn.“, sagte Gilmenel, „Könnt ihr mir bitte sagen wo ich ihn finde?“
„Was wollt ihr von Meister Sonnenzorn?“, fragte die Magierin neugierig.
„Wir Druiden vom Zirkel des Cenarius haben eine Frage an ihn.“, sagte Gilmenel.
„Nun dann habt ihr Pech.“, sagte die Magierin, „Er war vor kurzen hier, aber er ist weitergereist.“
„Wohin ist er gegangen?“, wollte Gilmenel wissen.
„Er wollte Nachforschungen in den Pestländern machen.“, sagte die Magierin.
Tiefe Sorge schwang in ihrer Stimme mit. Gilmenel konnte sie verstehen. Im Inneren der Druidin verkrampften sich alle ihre Organe. Sie begann zu zittern.
‚In die Pestländer!,’ dachte sie verzweifelt, ‚Wieso nur bei allen Valar?’
„Ich sehe, ihr wisst, was das bedeutet.“, sagte die Magierin sanft.
Gilmanel nickte nur schwach. Sie beruhigte sich nur sehr langsam.
„Was will er dort?“, sagte sie mühsam.
„Ich weis es nicht.“, schüttelte die Magierin den Kopf, „Er kam in Begleitung einer Hochelfe aus Kalimdor zurück. Er zollte ihr jeden nötigen und unnötigen Respekt. Es war, wie wenn er von Sinnen war. Seine Arbeit hier bedeutete ihm nichts mehr. Er ging von mi … uns in Streit.“
„Von euch oder den Krin Tor?“, setzte Gilmenel nach.
„Ich wüsste nicht, was euch das angeht.“, sagte die Magierin zornig, „Aber vielleicht sollten wir gemeinsam unsere Informationen austauschen. Denn ich wüsste zu gerne was der Zirkel des Cenarius von meinem Vater will.“

„Euerem Vater?“, stutzte Gilmenel, „Kanthol Sonnenzorn?“
„Ja, ich bin seine Tochter.“, nickte die Magierin, „Eskethrine Sonnenzorn, kurz Esk gerufen. Also was wollt ihr von ihm?“
Gilmanel kratzte sich nachdenklich am Kinn. Sie begann Esk den Grund ihrer Suche zu erzählen, ohne dabei zu sehr in die persönlicheren Details die Druidin betreffend zu gehen.
„Gelogen?“, schüttelte Esk den Kopf, „Mein Vater? Das kann ich nicht glauben. Obwohl sein Verhalten hier… Das ist alles sehr merkwürdig.“
„Ja, der Zirkel fand es auch sehr merkwürdig, dass er so kurz nach seinem Abreise wieder nach Darnassus zurückkam.“, nickte Gilmenel, „Er sagte uns nur diese eine offensichtlich falsche und verläumderische Information, und verlies uns so schnell wieder, ohne dass wir ihn nach der Quelle fragen konnten. Denkt ihr andere Magier hier wissen eventuell mehr?“
„Nein, das glaube ich nicht.“, verneinte die Magierin nachdenklich, „Und ausserdem sind sie, nachdem er sie hier im Stich gelasen hat und auch noch seine gesamten Schüler und Assistenten mitgenommen hat, wohl kaum gut auf ihn zu sprechen.“
„Er hat was?“, sah Gilmenel die Magierin entsetzt an.
„Ja, er meinte nur, dass er sie für das Projekt in den Pestländern bräuchte.“, sagte Esk, „Sie und diese Hochelfe.“
„Diese Hochelfe scheint euch zu beunruhigen.“, fragte Gilmenel nach, „Erzählt mir mehr über sie.“
„Ich kann sehr wenig über sie berichten.“, schüttelte Esk den Kopf mit den braunen zu einem Pferdezopf gebundenen Haaren, „Sie kam mit ihm aus Kalimdor. Er sagte nur, er hätte sie dort getroffen, und sie wäre auch von den Kirin Tor. Die anderen Magier stimmten dem auch alle zu. Aber wenn ihr mich …“
„Ja, was?“, forderte Gilmanel die stockende Magierin auf.
„Hm, sie hielt sich stets im Hintergrund.“, sinierte Esk, „Wie ein Schatten, ein Dämon. Ja, genau. Sie hatte etwas Dämonisches an sich, obwohl sie sicher keiner war.“
„Eine Hexenmeisterin vielleicht?“, sagte Gilmanel überlegend.
„Nein, nein, dann wäre sie keine Kirin Tor.“, verneinte Esk heftig.
„Es wird alles noch merkwürdiger.“, sagte Gilmenel mit Furcht darüber, wo sie nun hingehen musste, „Ich denke, dass ich wohl eurem Vater folgen muss.“
„Ich würde euch nur zu gerne begleiten, aber ich will den Namen Sonnenzorn bei den Kirin Tor nicht noch mehr in den Schmutz ziehen. Ich werde hier gebraucht,“ sagte Esk niedergeschlagen.
„Nein, ihr braucht euch keine Vorwürfe zu machen.“, beruhigte die Druidin sie, „Da wo ich jetzt hingehe könntet ihr mich sowieso nicht begleiten.“
„Wohin wollt ihr den?“, schaute die Magierin sie fragend an.
„Dorthin.“, sagte Gilmenel kurz, und deutete auf das im Dunst der Ferne liegende ehemalige Lordearon.
„Die Unterstadt?“, sagte Esk erschreckt, „Wieso dorthin?“
„Nun, sagen wir es einmal so. Es wäre törricht ohne weitere Informationen euren Vater in den Pestländern blind zu suchen.“, erklärte Gilmenel.
„Und wo wollt ihr die bekommen?“, schüttelte Esk den Kopf zweifelnd, „Bei den Verlassenen?“
„Ja, sehr scharf beobachtet.“, nickte Gilmenel, „Wenn jemand Informationen und Neuigkeiten aus den Pestländern hat, dann die Verlassenen.“
„Ihr könntet auch den Argentumkreuzug fragen.“, schlug Esk vor.
„Das werde ich auch noch.“, nickte die Druidin, „Aber euer Vater ist wohl durch Tirisfal gezogen. Deshalb fange ich dort mit meinen Nachforschungen an. Vertraut mir ich habe da so meine Erfahrungen. Lebt wohl.“
Mit einem eleganten Schwung saß Gilmenel auf Khal’El auf.
„Wartet! Tut ihr mir einen Gefallen?“, bat die Magierin.
„Welchen?“, sagte die Druidin knapp.
„Wenn ihr Nachrichten von meinem Vater habt, so teilt sie mir bitte mit.“, sagte die Magierin ernst.
„Das werde ich.“, versprach Gilmenel.
Sie wischte schnell die üblen Gedanken über ihren eigenen Vater beiseite. Die Ungewissheit damals hatte sie auch fast aufgerieben.
„Lebt wohl!“, rief Esk der davonreitenden Elfe hinterher.
 
13. Vergangenheit 2

„Ich weis, altes Mädchen.“, beruhigte Gilmanel ihre Stute mit einem zarten Klopfen auf deren Flanke, „Aber es hilft nichts. Du musst hier in Deckung bleiben. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Ich komme zurück, versprochen. Leb wohl!“
Khal’El wieherte traurig und schaute Gilmanel hinterher. Die Nachtelfe stieg den steilen Hang hinab. Sie war sich sicher, dass Khal’El in der Lichtung sicher war. Außerdem wusste die Stute genau, wie sie nicht auffällt. Gilmenel rechnete auch nicht damit allzu lange zu brauchen. Sie sah vom Rand des Waldes hinab zu der Öffnung, die in die Kanalisation der Unterstadt führte.
„Nun denn.“, seufzte die Druidin und verwandelte sich in einen Nachtpanther.
Allmählich verflossen ihre Konturen mit der Gegend. Gilmenel fühlte sich unangehm an ihren Auftritt am Windläuferturm erinnert. Aber im Gegensatz zu damals hatte sie heute noch die gesamte Ausbildung der Druiden zur Verfügung. Sie war sich sicher, dass sie keiner sehen würde.
Langsam stieg sie aus dem Wäldchen hinunter zum Eingang der Kanalisation der Unterstadt. Der in den nackten Fels gehauene Gang führte sie tief hinab zu den Katakomben des ehemaligen Lordaeron.
Unten angekommen stiess sie auf einige Wachen die den endgültigen Zugang in die labyrinthische Stadt der Verlassenen bewachten. Gilmenel mussterte kurz die Lage. Es wäre ein Leichtes gewesen diese Monstrositäten zu überwältigen, aber sie wollte lieber unerkannt bleiben. Mit Einsatz all ihrer Künste schlich sie sich an den Wachen vorbei. Mit einem Satz sprang sie lautlos aus einem hoch gelegenen Ventilationsschacht auf die Einfassung eines Kanals von grünen Schleim.
‚Soweit nun der einfache Teil.’, seufzte sie innerlich und sah sich um.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals konnte sie in ehemaligen Gruftnischen Stände von verschiedenen Händlern erkennen.
‚Nein, da scheint keine Schmiede dabei zu sein.’, dachte sie und schlich weiter am Kanal entlang.
Sie nützte die nächste Brücke um auf die andere Seite des Kanals zu wechseln. Sie hoffte unentdeckt zu bleiben, obwohl dort die Wahrscheinlichkeit grösser war jemanden zu begegnen. Seit ihrer Wiedergeburt als Nachtelfe wusste sie, dass ihre neue Rasse auf dem Gebiet der Horde nicht sonderlich willkommen wäre. Sie schlich an der äußersten Wand eines großen Tunnels entlang, der sich in die nächste Zone mit Händlern öffnete.
‚Ah, Waffenhändler.’, dachte sie erleichtert.
Auf der anderen Seite sah sie einen Stand vor dem ein Amboß stand. Alexje hämmerte ein Stück Eisen zurecht.
‚Sehr gut.’, freute sie sich.
Vorsichtig schlich sie weiter am Kanal entlang auf die andere Seite des Handelbereiches. Sie überlegte dabei, wem diese Nischen früher als Grablege dienten, aber die Verlassenen hatten die Gruften scheinbar komplett ausgeräumt.
Alexje betrachtete sein Werk. Es schien sich um ein Hufeisen zu handeln. Er nahm eine Zange und tauchte es in einen Eimer mit dem grünen Schleim, der überall floss. Der Schleim zischte kurz und ein wiederwärtig faulig verbrannter Geruch wehte um Gilmenels Nase. Alexje aber verzog keine Miene.
‚Ih, die Untoten können woll wirklich nichts riechen.’, dachte sie angewiedert.
Vorsichtig schlich sie sich hinter den Schmied.
„Grüße, alter Freund.“, flüsterte sie leise, „Nicht umdrehen!“
Alexje schreckte kurz auf, aber drehte sich nicht um.
„Nehmt mein Gold, Schurke. Es ist dort in der Truhe, und lasst mich in Ruhe.“, sagte er zornig.
„Alexje, du liegst vollkomen falsch.“, flüsterte es hinter ihm, „Leider musste ich Khal’El draussen vor der Kanalisation lassen.“
„Gilmenel?“, kam es zögerlich von dem Schmied, „Aber wo, wie? Du klingst nicht wie sie. Wer bist du?“
Alexje drehte sich um und schwang seinen Hammer. Gilmenel duckte sich blitzartig. Der Hammer traf ins Leere. Sein heftiger Impuls aber war ungebremst. Alexje drehte sich wie wild um seine eigene Achse und fiel zu Boden.
„Gut, ich denke, dass wir das anders regeln müssen.“, flüsterte Gilmenel.
Sie schaute sich um. Der hinterste Teil der Schmiede war durch einen schweren Ledervorhang abgetrennt.
„Was ist hinter den Vorhang, Alexje?“, flüsterte die Druidin dem Untoten zu, der langsam wieder aufstand.
„Mein Privatgemach.“, raunte er.
„Gut, nach dir.“, sagte Gilmanel.
Alexje verschwand hinter dem Vorhang. Gilmenel folgte ihn.
„Gib mir eine Chance Alles zu erklären, alter Freund.“, sagte sie.
„Ich sehe dich nicht.“, antwortete ihr der Schmied, „Vielleicht sollte ich das schon einmal als Teil des Beweises nehmen, wenn ich so an Andorhal zurückdenke ...“
„Ja, deine Scheune und die Wachen.“, ergänzte Gilmenel, „Nun höre zu, was mir seitdem passiert ist.“
Gilmenel begann die Geschehnisse nach ihrer Trennung vor Süderstade zu erzählen.
„Ysera?“, schüttelte der Schmied ungläubig den Kopf, „Eine Nachtelfe?“
„Ja, mein Freund.“, sagte Gilmenel, „Nicht erschrecken.“
Gilmenel entfernte den Gestaltswandel- und Unsichtbarkeitszauber von sich.
„Elbereth und Elune schützen dich.“, lächelte sie ihn an.
Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie den Gesichtsausdruck Alexjes deuten sollte. Wenn sie richtig lag, war er sehr überrascht.
„Das, das …“, stotterte der Schmied, „Ich hab ja viel erlebt, aber das.“
„Gefall ich dir?“, fragte sie süffisant und drehte sich tänzelnd vor dem Untoten.
„Nicht schlecht, nicht schlecht.“, nickte er, „Aber ich denke du weist in welcher Gefahr du hier in ihrer Stadt bist.“
„Nur allzu gut mein Freund.“, stimmte sie traurig zu, „Und wie du richtig bemerkt hast, ist die Horde hier mein kleinstes Problem.“
„Gut, aber nun zu Wesentlicherem, denke ich.“, sagte er finster, „Ich glaube nicht, dass du die Gefahr auf dich genommen hast, nur um mich zu sehen.“
„Doch, du hast mich doch damals eingeladen.“, sagte sie mit einem Schmunzeln.
„Sehr lustig.“, knurrte der untote Schmied, „Auf den Arm nehmen kann ich mich selbst auch.“
„Aber nicht so gut.“, neckte sie ihn, „Aber du hast Recht. Es geht um Wichtigeres.“
Gilmenel erzählte ihm von Kanthol Sonnenzorn und dessen falschen Anchuldigungen.
„Wenn dieser Magier nur ein wenig von deiner Geschichte gewusst hätte, so hätte er einsehen müssen, dass Dämonen das Letzte sind mit dem du dich einlassen würdest.“, schüttelte Alexje den Kopf, „Aber was willst du hier?“
„Ja, das ist wahr.“, sagte Gilmenel, „Nun, er zog durch Tirisfal weiter in die Pestländer. Ich dachte mir vielleicht hätten die Verlassenen Informationen über ihn.“
„Ah, das ist sie wieder die Spionin der Ge …“, begann Alejxe, „Verzeih. Ich habe leider keine Informationen, aber ich kann mich natürlich in der Unterstadt umhören.“
„Gut, ich werde mich noch ein wenig beim Argentumkreuzzug umhören.“, nickte die Nachtelfe, „Treffe mich bitte in zwei Tagen am Ausgang der Kanalisation, wenn du Informationen hast.“, erklärte Gilmanel dem Schmied.
„Ich werde schauen, was ich erfahren kann.“, sagte Alexje wenig überzeugt.
„Vielen Dank und ein weiteres mal Leb wohl, mein Freund.“, grüßte ihn Gilmenel.
„Sei vorsichtig, leb wohl.“, erwiederte der Schmied.
Gilmenel nahm wieder die Katzengestalt an und machte sich unsichtbar.
„Eindrucksvoll.“, flüsterte Alexje beeindruckt.

Vorsichtig schlich sie aus der Schmiede. Es waren nun aber deutlich mehr Verlassene vor den einzelnen Handelsständen als vorher. Sie versuchte die Untoten so weit wie möglich zu umgehen. Es kostete sie mehr Zeit als ihr lieb war, aber sie erreichte den Tunnel der sie zum nächsten Sektor und zum Kanalisationseingang brachte.
„Dort!“, kreischte eine schrille Stimme.
Ein Trupp untoter Wachen kam aus dem Verbindungstunnel zum nächsten Ring direkt auf sie zugelaufen.
‚Verdammt.’, dachte sie, ‚Jetzt muss ich schnell werden.’
Sie entfernte die Unsichtbarkeit und setzte zum Sprint an. Geschickt schlängelte Sie sich durch die erstaunten Einwohner und Besucher der Unterstadt.
„Haltet die Allianz auf!“, schrie eine Wache.
Mit einem gewaltigen Satz sprang Gilmenel auf die Brücke. Von allen Seiten liefen Wachen auf die Brücke zu.
„Dann muss es wohl sein.“, rümpfte sie die Nase als sie in den Kanal mit dem grünen Schleim sprang.
Sie schwamm so schnell sie konnte in Richtung des Eingangs der Kanalisation. Aber die Wachen schienen ihre Absicht schon zu erkennen. Bogenschützen hatten auf der Treppe zur Kanalisation Aufstellung genommen. Gilmenel schwomm an Rand des Kanals und sprang ans Ufer.
„Nun denn!“, rief sie in Thalassisch, „Zeigt was ihr könnt!“
Die anstürmenden Wachen verharrten plötzlich.
„Oh nein, Monstrositäten.“, fluchte Gilmenel als sie die riesigen untoten zusammengeflickten Machwerke der Apothekervereiniung hinter den Wachen auf sich zukomen sah, „Na gut. Kommt!“
Sie machte eine einladende Bewegung mit ihren rechten Hand, und begann einen Zauber zu werfen.
Die nächste Monstrosität explodierte in einer wiederwertigen Fontäne von grünen Schleim und Leichenstücken. Die anderen schienen kurz inne zu halten, aber stürmten dann nur umso wilder an.
„Hoffentlich komme hier wieder raus … Was bei Elune?“, rief sie.
Grüner Nebel hüllte sie ein. Vor ihr erschien ein Portal.
„Ich hoffe ich habe Recht.“, sagte sie, als sie durch das Portal schritt.
Sie materialisierte sich in der Lichtung wieder, in der sie Khal’El zurückgelassen hatte. Die Stute wieherte glücklich als sie die Druidin sah.
„Ah, ich dachte es mir.“, seufzte Gilmenel erleichtert, als sie die Nachtelfe sah, die Khal’El sanft streichelte.
„Grüße des grünen Drachenschwarms, Gilmenel.“, sagte Ysunera lächelnd.
„Ich denke ich muss mich bei euch wirklich sehr bedanken.“, sagte Gilmenel erleichtert.
„Ja, wir haben zum Glück gesehen, wo du hineingeraten bist.“, sagte der Drache, „Aber nun bist du in Sicherheit.“
„Ja, das ist ein gutes Gefühl.“, nickte Gilmenel, „Ich sollte wohl keine so großen Risiken eingehen.“
„Nein das solltest du nicht.“, bestätigte Ysunera.

Gilmenel schaute ihren drachischen Zwilling fragend an.
„Aber nun zum Wesentlichen.“, sagte sie ernst, „Ich denke nicht, dass ihr so zufällig hier seit.“
„Nein, du hast Recht.“, nickte der verwandelte Drache, „Wir haben nach dir gesucht. Die Vergangenheit beginnt sich zu bewegen.“
„Wie?“, fragte Gilmenel zögernd.
„Es ist schon sehr lange her.“, begann Ysunera, „Ich fürchte, dass ich dich mit einem deiner ältesten Traumata konfrontieren muss. Deinem Vater.“
Gilmenel zuckte zusammen. An ihren Vater wollte sie nur kurz vor den Erinnerungen an die Geißelkriege zurückdenken. Sein Gedenken stand fast auf einer Stufe mit ihrem Tot im Zigurat in Stratholm.
„Nein.“, flüsterte sie und lies sich ins Gras sinken.
Ysunera setzte sich neben sie.
„Leider.“, sagte der Drache sanft, „Du weißt, dass ich damals darauf hingewiesen habe, dass ausgerechnet du mich vor den silberenen Drachen gerettet hat.“
„Ja, ich kann mich erinnern.“, nickte Gilmenel schwach, „Geht es darum?“
„Das stimmt.“, bestätigte Ysunera, „Wir haben die Silbernen lange Zeit beobachtet, und auch die Anfänge des Ganzen. Du weist wovon ich spreche?“
„Ja, es ist mir alles nur allzu gut bekannt.“, bestätigte Gilmenel mürrisch, „Ich kenne den Teil bis mein Vater diesen einen Drachen tötete. Wie hies er noch einmal, Locuscal?“
„Lass mich dein Gedächtnis doch etwas auffrischen.“, begann Ysunera, „Die Silbernen waren früher normale Drachen und Drachkin. Dein Vater lernte drei ihrer Anführer kennen. Xeromantius, der ein blauer Drache war, Horuscal, ein roter Drache, und den schwarzen Drachen, den er Locutian nannte. Es gibt, und das wusste dein Vater nicht, aber keinen Vertreter des grünen und des bronzenen Schwarmes bei den Realitätsbeherrschern. Daneben gab es noch einige rote und blaue Drachen, die dem Rat der Beherrscher angehörten, aber neben den drei Erstgenannten eine untergeordnete Rolle spielten. Nachdem nun Locutian verrückt und getötet wurde, und Horuscal sich von den Beherrschern lossagte, begann die Metamorphose.“
„Entschuldige, dass ich dich unterbreche.“, nutze Gilmenel eine Atempause des Drachens, „Was hat der grüne Schwarm damit zu tun?“
„Nun, lass es mich kurz so erklären.“, fuhr Ysunera fort, „Der grüne Schwarm ist für den smaragdgrünen Traum zuständig, denn du als Druidin sicherlich aus deinen Studien kennst. Ein Aspekt des Traumes ist die Aufrechterhaltung der Realitäten und der Gegenwart dieser Welt. Die spezielle Fähigkeit dieser Drachen, hat die Welt aber verändert. Sie gingen zwar sehr vorsichtig vor, aber trotzdem haben wir diese kleinen Erschütterungen des Realen wahrgenommen, und unsere Nachforschungen begonnen. Dabei stiessen wir auch auf deinen Vater, der durch seinen Scharfsinn bereits auf die Beherrscher aufmerksam wurde.“

„Mein Vater …“, zischte Gilmenel.
„Ich denke du solltest endlich deinen Frieden mit ihm machen.“, sah Ysunera die Druidin vorwurfsvoll an, „Er war besser als du denkst.“
„Vielleicht irgendwann.“, seufzte die Nachtelfe.
„Nun gut, das ist deine Angelegenheit.“, zuckte Gilmenels Zwilling mit den Schultern, „Wo war ich? Ah ja, die Metamorphose. Du hast damals im Hinterland gesehen, wie die Drachen nun aussehen. Tatsächlich waren dies die ersten Drachen, die komplett die Metamorphose hinter sich hatten. Sie hätten mich leicht töten können, aber vermutlich wollten sie mich lebend. Der einzige Platz an dem ich sicher war, war der Traum. Doch die Drachen verhinderten, dass ich ein Portal öffnen konnte. Außerdem störten sie bereits meine Rückverwandlung. Deshalb hast du mich in humanoider Form fliehen sehen.“
„Einen Drachen hätte ich vielleicht auch nicht geholfen.“, flüsterte Gilmenel.
„Mag sein.“, lächelte Ysunera bitter, „Doch du hast es, und auf die einzige Weise, die noch einen Fluchtweg darstellte.“
„Den Nether?“, triumphierte Gilmenel, „Es war also doch richtig.“
„Ja, es ist der einzige andere Ort, außer dem Traum, den die Silbernen nicht erreichen können.“, nickte Ysunera, „Allerdings wirst du verstehen, dass wir Drachen dort auch nicht gerne hingehen, selbst wenn wir könnten. Es war sehr riskant.“
„Da kann ich euch beruhigen.“, sagte Gilmenel mit eine Zögern, „Der Nether ist auch für mich nicht mehr zu erreichen. Mein Dämon ist seit damals fort.“
„Das ist sehr gut.“, sagte der Drache erleichtert, „Aber kommen wir zurück zum Thema. Wie bekannt sagte sich Horuscal von den Beherrschern los. Er kämpfte verzweifelt mit seinem Hort gegen die Beherrscher und die Metamorphose. Kurz bevor er den Kampf verloren hätte, kam seine ehemalige Gefährtin zu ihm zurück. Du kennst sie übrigens, es ist Spaia oder mit richtigen Namen Spaiastrasza.“
Gilmanel gab einen erstaunten Pfiff von sich.
„Ja, wir traffen sie mehr zufällig auf unseren Weg nach Silbermond.“, nickte Gilmenel, „Außerdem hat mir natürlich Vater viel von seiner begabtesten Schülerin erzählt. Was ja bei einem Drachen nicht weiter verwunderlich ist, oder?“
„Nein, sicherlich nicht.“, bestätigte Ysunera, „Spaia hatte dann auch die Idee den gesamten verbliebenen Hort Horuscal den Fluch zu unterziehen, den dein Vater auf sie angewendet hat.“
„Ich verstehe.“, sagte Gilmanel von der plötzlichen Einsicht überrascht, „Keine Rückverwandlung, keine Metamorphose.“
„Du bist genauso weise und klug wie dein Vater.“, strahlte Ysunera die Druidin an, und fügte hinzu als sie Gilmanel finsteren Blick sah, „oder deine Mutter.“
„Danke.“, knurrte die Nachtelfe.
„Ja, der Fluch verhinderte die Metamorphose.“, sagte Ysunera, „Spaia konnte den verbliebenen Hort auch während eines Angriffes der Beherrscher wegportieren. Wir verfolgen Horuscal und seinen Hort seitdem. Er scheint auf der Suche nach etwas zu sein. Jedenfalls meidet er bis jetzt jeden Konflikt mit den Beherrschern. In seiner momentanen humanoiden Form hätte er vermutlich auch keine Chance gegen einen Einzigen von ihnen.“

„Und wo komm ich nun ins Spiel.“, wollte Gilmenel wissen, die immer noch den Vergleich mit ihrem Vater verdaute.
„Nun, wir müssen wissen, was Horuscal weis und was er sucht.“, erklärte Ysunera, „Allerdings können wir nicht selbst näher an ihn ran. Er würde uns sofort erkennen. Daher erschien es uns nur natürlich, dass wir dich darum bitten.“
„Bitten?“, schnaubte Gilmenel, „Ich denke ihr habt das seit unserer ersten Begegnung schon geplant.“
„Verzeih uns, aber die Gelegenheit Aliasans Tochter für uns zu gewinnen, war ein zu glücklicher Umstand, als das wir ihn ungenutzt hätten verstreichen lassen.“
„Und wieder mein Vater!“, heulet Gilmanel, „Werde ich ihn denn nie los?“
„Gilmenel, verstehe bitte.“, tröstet sie der Drache, „Es ist zu wichtig. Wenn die Beherrscher ihre Pläne umsetzen, wird viel Leid und Elend über Azeroth kommen.“
„Schon gut, schon gut.“, schüttelte die Druidin den Kopf, „Es nützt ja nichts. Was soll ich tun?“
„Wir wissen, dass mittlerweile auch die Menschen von Sturmwind Kontakt zu Horuscal haben.“, erklärte Ysunera, „Nützte deine Kontakte und finde heraus, was sie wissen. Danach suche Horuscal und versuche dich ihm anzuschliessen.“
„Na, wenn es weiter Nichts ist.“, flüsterte Gilmenel, „Ein wahres Kinderspiel.“
„Ich denke, wir hätten keine Fähigere finden können, als ihre Botschafterin.“, lächelte Ysunera und deutete in Richtung der Ruinen Lordaerons.
„Schon wieder ein Kapitel meines Lebens, dass ich gerne abgeschlossen hätte.“, seufzte Gilmenel, „Ihr habt sehr viel Geschick, mich immer wieder auf die dunkelsten Abschnitte meines Lebens hinzuweisen.“
„Es hat dich zu dem gemacht, was du bist.“, belehrte Ysunera sie, „Es war nicht alles schlecht in deinem Leben.“
„Nein vermutlich nicht, und ich denke, dass es trotzdem immer weiter geht irgendwie.“, seufzte Gilmenel.
„Gut, dann auf nach Sturmwind.“, nickte Ysunera, „Wenn du willst öffne ich ein Portal für dich.“
„Nein danke, ich muss hier erst meinen jetzigen Auftrag erledigen.“, schüttelte Gilmenel den Kopf.
„Eile dich aber, und sei vorsichtig.“, sagte der Drache ernst, „Du und deine Aufgabe seid zu wichtig, als dass ein simpler Auftrag des Zirkels dich ablenken sollte.“
„Ich fühle, dass es mehr als das ist.“, sagte Gilmenel nachdenklich, „Irgendjemand bekämpft mich.“
Ysunera schaute die Druidin erstaunt an.
„Sollten sie dich gefunden haben?“, sagte sie besorgt.
„Nein, ich denke nicht, das es die Silbernen sind.“, verneinte Gilmenel, „Dazu arbeitet diese Person oder Personnen zu heimlich.“
„Nun, vielelicht ist es wichtig, vielleicht auch nicht.“, dachte Ysunera nach, „Halte dich nicht zu lange auf. Deine Aufgabe duldet keinen Verzögerung. Leb wohl. Die Aspekte schützen dich.“
„Leb wohl.“, erwiederte Gilmenel dem Drachen als er durch ein Portal in den Traum verschwand.
 
14. Verbündete?

Gilmanel ritt missmutig durch die östlichen Pestländer. Ihre bisherigen Nachforschungen beim Argentumkreuzzug waren vergebens. Dessen Ritter hatten nur Augen für die Geißel. Ein Trupp Magier der Kirin Tor irgendwo unterwegs in dem ehemaligen Arathor war für sie gänzlich ohne Interesse, und das war noch die höflichste Aussage, die sie hörte.
Die Druidin hätte die Belastung der Gegend besser ertragen, wenn sie wenigstens etwas Informationen gefunden hätte, aber so trug der Misserfolg nicht gerade positiv zu ihrer Laune bei.
Sie musste auch immer wieder über den Auftrag Ysuneras nachdenken. Sie wusste nicht, was sie hier erwartete. Zum ersten Mal seit ihrer Zeit als Geist fühlte sie sich wieder unsicher, was ihre Zukunft betraf. Sie hoffte, das wenigstens Alexje einige Informationen für sie hätte, aber die Äußerungen des Schmieds damals in der Unterstadt liesen auch nichts Gutes vermuten.
Sie nickte dem Argentumwachposten am Bollwerk zwischen Tirisfal und den Pestländern nur kurz zu. Sie achtete nicht weiter auf ihre Umgebung. Sie vertraute ganz auf die Sinne Khal’Els. Nach einem halben Tagesritt verlies sie die Strasse und umritt die Tore Lordaerons weiträumig. Sie wollte bei den Verlassenen und der Horde dieses Mal kein Aufsehen erregen.
Khal’El hielt an und schnaubte kurz.
„Ah, wir sind da.“, sagte Gilmenel geistesabwesend und klopfte sanft auf den Hals der Stute, „Danke, mein Mädel.“
Sie sah sich um, und stieg ab.
„Du weist wohin?“, fragte sie Khal’El.
Die Stute wieherte kurz zur Bestätigung und verschwand in einem nahen Wäldchen am Hang über dem Eingang zu Kanalisation. Gilmenel kletterte auf eine einsame Tanne, von der sie den Eingang beobachten konnte. Sie schaute sich um. Tirisfal war nicht ganz so verwüstet, wie die Pestländer, trotzdem war das Land braun und öde. Sie begann eine leichte Meditation.
Schritte schwerer Plattenstiefel, die aus dem Tunnel der Kanalisation hallten, weckten sie auf. Sie verwandelte sich in den Panther und machte sich unsichtbar. Mit allen Sinnen überwachte sie nun den Eingang. Sie konnte spüren, wie sich ein humanoides Wesen näherte.
Ein Untoter in einer Plattenrüstung kam den Tunnel herauf. Er hatte das Visier seines Helmes geöffnet. Sie erkannte den ehemaligen Stallbesitzer aus Andorhal sofort. Leise sprang sie mit sanften Pfoten von ihrem Beobachtungsposten, und schlich sich hinter den Untoten.

„Hallo, Alexje.“, flüsterte sie.
„Was?“, sagte er irritiert, „Achso, natürlich. Grüße.“
„Geh weiter.“, sagte Gilmenel leise, „Dort hinüber zu dem kleinen Dickicht. Wir wollen doch nicht, dass uns jemand zusammen sieht.“
„Das wäre sehr unklug.“, nickte der Untote, „Obwohl wir immer noch so tun könnte, als ob wir miteinander kämpfen würden.“
„Nur als letzter Ausweg, alter Freund.“, kam es sanft vin hinten, „Der Kampf ist eine ernste Sache.“
„Sicher.“, stimmte der Schmied zu.
Alexje ging langsam in die angedeutete Richtung. Die Druidin folgte ihm in einigen Abstand. Nach einigen Schritten hatten Sie das kleine Dickicht erreicht. Gilmanel nahm alle Zauber von sich.
„Noch einmal ein herzliches Hallo, mein alter Freund.“, lächelte Gilmenel den Untoten an.
„Gilmenel, es tut mir sehr leid.“, flüsterte der Schmied niedergeschlagen.
„Was?“, antwortete sie ihm ungläubig, „Konntest du nichts … Moment was passiert?“
Die Druidin schaute sich um. Von allen Seiten kamen Verlassenenkrieger auf das Dickicht zu und umstellten es. Hinter ihnen schienen Magier und Priester der Verlassenen ihre Positionen einzunehmen.
„Ich hatte keine andere Wahl.“, schüttelte Alexje traurig den Kopf.
„Ich dachte ich könnte dir vertauen.“, seufzte Gilmenel, „Nun den, auf in den Kampf!“
„Nein, halt warte.“, rief Alexje, „Du kannst nicht gewinnen.“
Die Druidin stoppte ihren Zornzauber. Sie schaute den Untoten auffordernd an.
„Nun, das bliebe auszuprobieren.“, sagte sie ärgerlich, „Was hast du zu sagen?“
„Lass es mich dich bitte erklären.“, sagte Alexje verbittert.
„Gut, scheinbar werden wir nicht angegriffen.“, schaute sie sich um, „Es muss also irgendetwas fehlen.“
„Ja, und ich denke, es klärt sich alles auf.“, nickte der Schmied, „Als du mich verlassen hast, blieb ja dein Besuch in der Unterstadt nicht unbemerkt.“
„Er wäre fast schiefgegangen.“, warf die Druidin ein.
„Nun, dein plötzliches Verschwinden erregte die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen noch mehr.“, fuhr der Schmied fort, „Deine Spuren wurden haargenau zurückverfolgt. So haben sie schliesslich mich gefunden.“
„Das tut mir leid, alter Freund.“, sagte Gilmenel sanft.
„Danke, aber noch ist nichts verloren.“, begann der Schmied zögerlich, „Sie begannen mich mit sehr eindrucksvollen Mitteln zu überzeugen, zu sagen, was ich wusste.“
„Folter?“, entsetzte sich die Druidin, „Armer Alexje.“
„So könnte man es nennen.“, antwortete der Schmied niedergeschlagen.
Gilmenel merkte, dass Alexje lieber nicht daran zurückdenken wollte. Er zitterte am ganzen untoten Körper.
„Aber weiter, bevor die Zeit ausläuft.“, fuhr er wieder gefasster fort, „Zum Schluß besuchte sie mich, und stellte mich vor die Wahl. Entweder als Verräter vernichtet zu werden, oder aber dich auszuliefern.“
„Ich habe dich in diese Lage gebracht, und ich kann sehr gut vestehen, dass du dich für das Letztere entschieden hast.“, schüttelte Gilmenel traurig dern Kopf, „Es wird das Beste für uns Beide sein, das sich mich ergebe. Bring mich zu meiner alten Freundin.“
„Nein, das war nicht ihr Ziel.“, begann der Schmied.
„Nicht?“, sagte Gilmenel erstaunt, „Ich dachte sie wollte ihr Werk an mir vollenden.“
„Ich sollte dich nur in diese Lage bringen.“, erklärte der Untote, „Mehr weis ich auch nicht. Alles andere soll das hier klären.“
Alexje nahm ein kleines hölzernes Kistchen aus einer Tasche seines Umhanges, und reichte es Gilmenel.
„Was ist das?“, schaute sie das Kistchen an.
„Nimm es.“, sagte der Untote eindringlich, „Sie sagte, wenn du wirklich die bist, für die du dich ausgibst, dann würdest du es erkennen und damit umzugehen wissen.“

Gilmenel nahm das Kistchen, und öffnete vorsichtig den Deckel. In seinen Inneren lag auf einem schwarzen Samtkissen ein milchig schimmernder Kristall.
„Das ist …“, staunte sie und blickte mit Tränen in den Augen den Kristall an.
Sie hielt ihn in hoch. Die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke drangen reichten aus. Der Kristall leuchtete hell auf. Nach einem kurzen Augenblick fing er an in einem Rhythmus zu pulsieren. Gilmenel formte still die Worte, die der Rhythmus bedeutete. Der Kristall hatte seine Botschaft übermittelt und wurde wieder gleichbleibend hell.
„Ich kann nicht glauben, was ich gerade gesagt bekommen habe.“, schüttelte sie den Kopf, „Nun gut, ich versuch es.“
Gilmanel verdeckte mit ihrer anderen Hand den Kristall in rythmischen Bewegungen.
„So das war’s.“, nickte sie und legte den Kristall wieder in das Kistchen. Sie schloß es aber nicht.
„Was war das?“, wollte Alexje wissen.
„Dies ist ein Nachrichtenkristall, wie wir ihn damals in Quel’Thalas verwendet haben.“, erklärte Gilmenel, „Damit konnte ich meiner Generalin von überall schnell Botschaften senden. Jeder Kundschafter, nennen wir mich einmal so, hatte dabei seinen eigenen Code.“
„Sehr eindrucksvoll.“, sagte der Schmied.
„Ja, es war sehr praktisch.“, seufzte Gilmenel, „Es hat mich allerdings überrascht, dass es noch welche gibt.“
„Aber wenn er für die Nachrichtenübermittlung war, welche hast du bekommen?“, wollte der Untote wissen.
„Nun, eigentlich ist das ge…“, versuchte Gilmenel abzuwiegeln, „Nein, wir sind ja nicht mehr in Quel’Thalas, und du steckst auch tief mit drinnen.“
„Oh ja, und das ist noch untertrieben.“, grollte der Schmied.
„Nun, wenn ich der Signatur der Botschaft glauben kann, dann war die Nachricht direkt von ihr.“, erklärte Gilmenel mit leichen Zweifel in der Stimme.
„Sylvanas?“, entfuhr es dem Untoten.
„Ja, oder jemand der ihren Code kennt.“, nickte Gilmenel nachdenklich, „Einerlei, die Nachricht forderte mich nur auf meinen Identifikationscode, sowie meine letzte Botschaft an die Generalin durchzugeben. Das habe ich gemacht. Danach soll ich hier auf Antwort warten.“
„Hoffentlich müssen wir nicht lange warten.“, sagte Alexje mit einem sorgevollen Blick auf die Kriger, die sie eingekreist hatten.
„Ich kann es dir nicht sagen.“, sagte die Druidin nachdenklich, „Die Botschaft hatte keinen Zeitraum angegeben. Wenn du nicht mehr weist, dann heist es wohl warten.“
„Nein, meine Instruktionen waren mit dem Übergabe des Kästchens abgeschlossen.“, zuckte der Schmied mit den Schultern.

Gilmenel blickte sich um. Sie hasste es untätig zu warten. Aber Alexje hatte wohl Recht. Gegen diese kampfbrereite Überzahl wäre sie machtlos. Wer auch immer ihr geantwortert hatte, würde den nächsten Zug bestimmen, dachte sie missmutig. Ein entferntes Wiehern lies sie aufschrecken.
„Khal’El!“, rief sie sorgenvoll, „Wehe, sie haben ihr etwas angetan.“
„Was dann?“, zuckte Alexje mit den Schultern, „Wir können momentan nichts für sie tun.“
„Das mag sein, aber meine Wut wird umso größer.“, zischte Gilmenel.
„Dann musst du zum Teil auf dich selbst wütend sein.“, sagte Alexje, „Du hast sie hierher gebr … Das gibt es nicht!“
Alexje deutete auf die Straße, die etwas unterhalb ihres Versteckes verlief.
„Was bei Elune und allen Valar!“, sagte Gilmenel erstaunt, als sie dem knochigen Finger Alexjes folgte.
Ein Reiter in einem dunklen Umhang kam von der Straße langsam auf sie zu geritten. Er war wie ein Schatten auf Khal’Els Rücken. Die Stute ging langsam und sehr stolz.
„Es scheint, als wäre sie verzaubert.“, sagte Alexje überrascht.
„Ja, normalerweise duldet sie keinen anderen Reiter ausser mir.“, sagte Gilmenel fassungslos.
Der Reiter hatte die hinterste Reihe ihrer Bewacher erreicht. Der Kreis löste sich langsam auf. Die Verlassenen gingen schweigend Richtung Lordaeron.
Als er die letzte Reihe vor ihnen erreichte. Kam ein untoter Krieger auf den Reiter zu. Er salutierte kurz, und rief dann etwas in der Sprache der Verlassenen. Die restlichen Krieger formierten sich und marschierten ebenfalls Richtung Lordaeron ab.
„Elbereth Gilthoniel, was geht hier vor?“, rief Gilmenel baff.
Der Reiter war nun an ihrem Dickicht angekommen.
„Lass uns rausgehen, Alexje.“, sagte die Druidin finster, „Ich denke, es ist nun eh einerlei.“
Alexje nickte nur stumm und folgte der Nachtelfe aus dem Versteck.
Der Reiter schwang sich elegant von Khal’El. Die Stute wieherte freudig. Tief aus seiner großen Kapuze heraus schien der Reiter Gilmenels überraschte Blicke gesehen zu haben.
„Ja, mein schönes Mädchen.“, sagte eine eisig hallende Stimme unter der Kapuze, „Sie erinnert sich trotz allem an ihre ehemalige Besitzerin.“
Alexje sank blitzartig auf die Knie. In einer weitausholenden Bewegung lies der Reiter seinen Umhang fallen.
„Sylvanas!“, flüsterte Gilmenel fassungslos.

Die Bansheekönigin musterte mit ihren rot leuchtenden Augen die Druidin. Sie schaute sich kurz zu Khal’El um. Die Stute nickte heftig mit den Kopf und scharrte wie wild mit den Hufen.
„Nach allen was ich hier so sehe, muss es so sein.“, sagte die dunkle Fürstin.
Gilmenel hatte sich von ihrem ersten Schock erholt, und blickte nun der Untoten fest in die Augen.
„Habe ich dich nicht das letzte Mal gewarnt?“, sagte die kalte Stimme Sylvanas’.
„Wie könnte ich das vergessen.“, antwortete Gilmenel mit fester Stimme.
„Ich werde dich wohl vernichten müssen.“, fuhr Sylvanas unberührt fort.
„Dann vollende dein Werk von damals.“, höhnte nun Gilmenel, „Meine Freundin ist tot.“
Die Druidin konzentrierte innerlich ihre Naturzauber. Leicht wollte sie es der Banshee nicht machen, obwohl sie sich keinerlei Chancen ausmalte.
Die dunkle Fürstin zog einen Pfeil aus ihrem Köcher und spannte ihren Bogen. Er würde die Nachtelfe auf die wenigen Schritte zwischen ihnen wohl nicht verfehlen. Sylvanas zielte auf die Druidin. Gilmenel begann ihre Zauber zu kanalisieren. Grüne Blitze zuckten um ihre Hände.
‚Der Pfeil ist meine einzige Chance.’, dachte sie klar, ‚Ich muss ihn treffen. Danach sehen wir weiter.’
Alexje blickte erstaunt zwischen den beiden Kontrahentinnen hin und her. Sie schienen sich zu beschnuppern, wie zwei Löwinnen, die nicht genau wussten, wer die Stärkere ist.
Sylvanas senkte ihren Bogen.
„Seit damals ist Einiges geschehen.“, sagte die dunkle Fürstin leise, „Manche Dinge erkenne ich nun klarer, und muss sie aktzeptieren.“
Gilmanel stoppte ihre Zauber. Sie hielt sich aber dennoch bereit.
„Seit nun wieder Elfen die Tore Lordaerons passieren, musste ich mich an ihren Anblick gewöhnen.“, fuhr sie fort, „Vielleicht hat dies wieder einige meiner Erinnerungen wach gerufen. Gute wie schlechte. Ich sehe die Reste eines Volkes, das ich geschworen habe zu verteidigen, aber dass ich dann so voll tiefen Hass vernichtet habe, und dem ich nun helfe wieder Fuß zu fassen. Aber ob aus Schuld oder eiskalten Machtkalkül, ist für mich klar entschieden. Keine Gefühle hintern mich mehr meine Pläne umzusetzen. Zu lange habe ich mich anderen gefügt.“
Sylvanas Augen blitzen auf. Sie erhob stolz den Kopf.
„Aber, nun stehst du vor mir.“, fuhr sie zornig fort, „Ein wieder zu Fleisch gewordener Geist der Vergangenheit. Ein Bindeglied zwischen dem ehemalig Guten und Bösen in mir. Sag selbst, was würdest du an meiner Stelle fühlen?“
„Ich wür…“, begann Gilmenel, aber die Banshee viel ihr ins Wort.
„Hast du mir nicht zugehört?“, donnerte es nun hallend aus dem Mund der Untoten, „Nichts! Gefühle sind für die Lebenden. Doch ich bin von ihnen befreit.“
„Gut, dann töte mich!“, schrie Gilmenel, „Aber erspar mir deine Platitüden.“
Sie schleuderte einen Zornesblitz auf die dunkle Fürstin. Sylvanas wehrte ihn mit einer kleinen Handbewegung ab. Sie sah ihre fahle untote Hand an.
„So einfach.“, schüttelte sie den Kopf, „Es wäre so einfach dich zu töten. Ja, mehr noch, dich zu meiner willigen Bansheesklavin zu machen, wie ich es damals vor hatte, doch würde es wirklich gelingen?“
„Versuch’s nur!“, rief Gilmenel ihrer ehemaligen Freundin zu.
„Nein, es ist nicht mehr möglich.“, schaute die ehemalige Generalin die Druidin ernst an.
„Und nun?“, begann die Druidin als Sylvanas länger zu schwiegen schien, „Dann kann ich ja gehen.“
Sie drehte sich um und begann langsam fortzugehen.
„Halt!“, kam Sylvanas eisiger Ruf.
Gilmenel blieb stehen und drehte sich langsam um. Sie verschränkte trotzig ihre Arme.
„Was befiehlt meine Generalin?“, grinste sie verächtlich.
„Es mag sein, dass ich damals falsch entschieden habe, und dass es mir leid tun sollte.“, sagte Sylvanas mit gedämpfter Stimme, „Aber Gefühle sind Vergangenheit.“
„Fängst du schon wieder damit an?“, gähnte Gilmenel.
„Vorsicht!“, mahnte die Bansheekönigin, „Hochmut steht dir nicht.“
„Sylvanas, ich kann nur zum Teil nachempfinden, wie es dir ergangen ist.“, begann die Druidin, „Aber auch ich habe viel durchgemacht und mich verändert. Doch unsere Wege haben sich vor langer Zeit getrennt. Damals in der Unterstadt habe ich eingesehen, dass meine Freundin für immer gegangen ist. Wenn ich nun hier im Reich der dunklen Fürstin bin, so hat das nichts mehr mit ihr zu tun, auch wenn ich nach wie vor ihr Schicksal betrauere.“
„Trauer ist auch nur ein Gefühl, und unnötig.“, unterbrach die dunkle Fürstin, „Ich weis sehr wohl warum du hier bist.“
Sie zeigte beiläufig auf Alexje.
„Deine alte Begabung ist immer noch erstaunlich.“, sagte Sylvanas, „Aber unser gemeinsamer Freund wird dir nicht helfen können.“
„Nein, es wird zwischen dir und mir ausgetragen.“, sagte Gilmenel kämpferisch.
„Ja, aber anders als du denkst.“, sagte die Bansheekönigin finster, „Ich habe kein Interesse dich zu vernichten. Nein, es ist vermutlich nur wieder reines Kalkül. Für mich bist du lebend wertvoller.“
„Ich werde dir nicht mehr dienen.“, schüttelte Gilmenel heftig den Kopf.
„Wer weis, wer weis.“, erwiederte Sylvanas, „Ich werde dich für’s Erste ziehen lassen. Ja, noch mehr. Nimm den Kristall mit.“
„Was soll ich damit?“, schaute die Druidin die Untote an.
„Nenn es ein Geschenk.“, sagte die Anführerin der Verlassenen, „Doch sei versichert, es geschieht nicht nur aus Freundschaft. Er sei dir eine Warnung jemals wieder nach Unterstadt oder Tirisfal zu kommen.“
„Ich habe verstanden.“, nickte Gilmanel.
Sie ging zu Khal’El und stieg auf. Die Stute reagierte etwas zögerlich. Setzte sich aber dann doch in Bewegung. Schweigend verliess Gilmenel ihre ehemalige Freundin. Sie drehte sich nicht um.
 
15. Wasser

Sie schmiegte fest ihren Kopf an seine Schulter, als sie Arm in Arm unter den alten herrlichen Bäumen gingen. Fast kam es ihr so vor, als würden sie die Buchen und Eichen beobachten.
„Lingolf, ich weis du grämst dich, aber deine Pflicht wiegt nun schwerer als deine Trauer.“, sagte Gilmenel sanft.
„Mein Verstand sollte mir das auch sagen.“, seufzte der Elb und streichelte ihre Hand, „Mein Herz jedoch spricht andere Worte.“
„Es war für uns alle ein großer Verlust.“, nickte Gilmenel traurig, „Doch nun, da du die Aufgaben deines Onkels übernommen hast, musst du an alle unserer kleinen Gemeinschaft denken.“
Sie blieben stehen. Er nahm sie bei beiden Händen und wendete sich ihr zu.
„Vielleicht fürchte ich nur die Entscheidungen, die ich treffen muss, mein Leben.“, sagte er zweifelnd, „So vieles ist momentan im Unklaren. Landorian ist tot. Dein Vater ist immer noch nicht erwacht. Deine Mutter weicht nicht von seiner Seite, und verzehrt sich in ihrem Schmerz ihm nicht helfen zu können.“
„Ja, da sind betrübliche Dinge.“, bestätigte die Halbelbe, „Aber wenigstens sind wir hier nun in Sicherheit.“
„In Sicherheit ja, aber dies ist auch nur eine Zuflucht.“, fuhr Landorian mit einem Kopfschütteln fort, „Es wurden bereits Stimmen laut, die zum Aufbruch drängen.“
Gilmenel setzte sich in das Gras und faltete ihre Hände über die angezogenen Knien. Sie lies den Kopf hängen.
„Ja, ich weis.“, sagte sie nun fast den Tränen nah, „Das Ziel heißt Bruchtal und dann weiter zu den unsterblichen Landen.“
Lingolf setzte sich neben sie und legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern.
„Wir werden eine Lösung finden.“, flüsterte er in Ohr, „Du und dein Vater werden mitkommen, das verspreche ich. Vielleicht weis Herr Elrond aus Bruchtal eine Lösung. Man sagt er könnte die Zukunft erblicken.“
„Ich hoffe es gibt eine. Für uns.“, sagte Gilmenel und erwiderte seine Umarmung mit einem zärtlichen Kuss.
„Ja, das hoffe ich auch, Liebste.“, sagte der Elb noch vom Kuss der zarten Halbelbe bedöhrt.
Gilmenel stand auf und zog ihr Kleid gerade.
„Hier scheinen wir kein Glück zuhaben.“, sagte sie und schaute hinüber zu dem schlanken hoch aufragenden schwarzen Turm.
„Ja, ich denke nicht, dass der Herr über den Orthanc uns weiterhelfen kann.“, nickte Lingolf als er sich neben sie stellte und mit Zweifel im Gesicht das gewaltige altertümliche Bauwerk musterte.
„Wir werden sehen was …“, begann Gilmenel als sie ihre Namen rufen hörte.
„Gilmenel! Lingolf! Kommt schnell!“, rief eine Frauenstimme, die wie Eärdaliene klang.
Sie schien aus Richtung der kleinen Hütte zu kommen, die für Aliasan, Eärdaliene und Gilmenel unter den alten Bäumen etwas abseits vom Orthanc gebaut wurde.
„Lass uns eilen!“, rief Gilmenel Lingolf zu und rannte los.

Eärdaliene stand vor der Hütte. Sie schien vor Aufregung zu zittern. Gilmenel und Lingolf blieben vor ihr stehen.
„Was ist los, Mutter?“, fragte Gilmenel besorgt.
Eärdaliene sah ihre Tochter mit leuchtenden Augen an.
„Sieh selbst.“, sagte sie und wies zur Türe der Hütte.
Gilmenel sah sie kurz verwundert an und rannte in die Hütte.
„Vater!“, rief sie erstaunt.
Aliasan saß halb aufgerichtet auf seinem Bett. Er trank Wasser aus einem Kristallbecher.
„Mein Lord, wie ist es möglich?“, fragte Gilmenel die Gestalt in der weißen Robe, die neben Aliasans Bett stand.
„Nun, unsere Bemühungen hatten letztendlich Erfolg.“, sagte der Istari mit tiefer Stimme, als er sich auf seinem Stab gestützt der Halbelbe zuwendete.
„Das Wasser der Entquellen war in der Tat die richtige Zutat.“, erklärte er kurz, „Es sollte ihm nun schnell besser gehen.“
„Es geht mir bereits besser, Mithrandir.“, sagte Aliasan schwach.
„Mithrandir?“, grollte der Istari kurz, „Nein,… Ah,….. Verzeiht mir. Ja, eine gewisse flüchtige Ähnlichkeit, aber mehr auch nicht. Ich bin Lord Saruman, der Weiße, Herr des Ordens der Istari von Mittelerde. Mithrandir ist nur ein normales Mitglied unseres Ordens.“
Gilmenel schaute den Zauberer, den auch Eärdaliene bei ihrer ersten Begegnung für Mithrandir gehalten hatte, besänftigend an.
„Lord Saruman, verzeiht meinen Vater.“, sagte sie schmeichelnd, „Er war solange in der Dämmerung seines Manamangels.“
Der Istari nickte kurz. Eärdaliene kam zu Türe herein. Sie hatte Lingolf mit der frohen Botschaft zu den restlichen Elben ihrer Gemeinschaft geschickt, die etwas abseits der Hütte ihr Lager aufgeschlagen hatten.
„Mein Liebster, ich bin froh und glücklich dich wieder erwacht zu sehen.“, sagte sie und küsste den Magier auf die Stirn, „Lord Saruman hat viel erforscht um dich von deiner Not zu befreien.“
„Und ich war erfolgreich.“, sagte der Istari stolz, „Es wird euch nicht mehr an dem mangeln was ihr Mana nennt. Ich bin schon sehr begierig mehr von euch zu erfahren und eure Fähigkeiten zu sehen.“
„Danke, Lord Saruman, ich stehe in eurer Schuld.“, sagte Aliasan mit gesenkten Haupt, „Ich hoffe ich kann eueren Wissensdurst mit meinen einfachen Mitteln befriedigen.“
„Oh, gewiss, gewiss.“, sagte Saruman mit finsterer Miene, „Ihr seit einzigartig auf dieser Welt, soweit ich es bis jetzt erfahren habe, und somit für mich und meine Pläne äußerst wertvoll.“
„Eure Pläne?“, warf Eärdaliene fragend ein.
„Nun, davon später, wenn euer Gefährte wieder mehr bei Kräften ist.“, sagte Saruman und verließ die Hütte.

„Ah, ich sehe unser geschätzter Gastgeber hat euch verlassen.“, sagte Lingolf abfällig, als er die Hütte betrat.
Eärdaliene warf ihm einen bösen Blick zu.
„Lingolf, er hat uns sehr geholfen.“, versuchte Gilmenel die Situation zu retten.
„Das mag sein.“, antwortete der Elf sorgenvoll, „Aber zu welchen Preis? Mein Gefühl sagt mir wir sollten bald aufbrechen.“
„Nein, ich brauch noch Erholung.“, sagte Aliasan ungeduldig, „Außerdem muss ich wissen, wie er diesen Trank zubereitet, sonst ergeht es mir bald wieder so.“
„Dann verzichtet auf eure Magie.“, schlug Lingolf vor, „Herr Elrond weis sicher auch Rat.“
„Ihr wisst nicht was ihr da verlangt!“, wütete Aliasan, „War meine Magie uns bisher nicht mehr als hilfreich? Damals bei den Har…“
Aliasan wandte sich von Lingolf kalt ab und nahm einen Schluck aus dem Kristallbecher.
„Mein Liebster, du bist gerade erst wieder zu Sinnen gekommen.“, sagte Eärdaliene beruhigend, „Lass mir dir erst erzählen, was sich seit unserer Querung über den Anduin zugetragen hat.“
„Ja, vielleicht weis er dann die Situation zu bewerten und das Getane zu schätzen.“, sagte Lingolf eindeutig verstimmt.
„Gil, geh doch mit Lingolf nach draußen.“, forderte Eärdaliene ihre Tochter auf, „Lingolf vertrau mir. Alles wird sich zum Rechten wenden.“
Gilmenel nickte kurz, und verließ die Hütte.
„Gut, ich denke, dass sich alles klären sollte.“, sagte Lingolf im Hinausgehen.
Eärdaliene schloss die Türe und setzte sich neben Aliasan auf das Bett.
„Es tut mir leid.“, stammelte der Magier, „Ich weis auch nicht, was in mich gefahren ist, aber ich war noch nie so ohne meine gewohnte Magie. Vielleicht bin ich schon süchtig danach?“
Eärdaliene nahm seine Hand in ihre, und streichelte sie.
„Es ist nur alles für dich sehr ungewohnt, mein Liebster.“, versuchte sie ihn aufzumuntern.
„Hmmmmm.“, brummte Aliasan und genoss ihre Liebkosung.
„Als du an dem Ufer des Anduin zusammengebrochen bist, waren wir alle in großer Sorge.“, erzählte Eärdaliene, „Wir wollten dich nach Landorian nicht auch noch verlieren. Ich versuchte alle meine Heilgesänger, aber ich konnte dir nicht helfen. Der Mangel war körperlich. Lingolf schliesslich baute eine Trage für dich. Zusammen mit drei anderen Elben trug er dich vom Anduin bis hierher, und du kannst mir glauben, es ist eine gewaltige Strecke. Wir brauchten Wochen um hierher zu gelangen.“
„Und er hat mich immer getragen?“, schüttelte Aliasan den Kopf, „Ich muss mich wohl entschuldigen bei ihm.“
„Ja, aber später.“, nickte Eärdaliene, „Als wir hier ankamen, wurden wir von Lord Saruman freundlich empfangen. Er stellte uns diese Hütte für dich zur Verfügung, und gab den Elben Zelte und andere Hilfsgüter.“
„Schon wieder in einer Hütte rumgelegen.“, murmelte Aliasan, und musterte die einfache Hütte aus rauen Steinen und Holzbalken.
„In der Tat.“, schmunzelte Eärdaliene, „Aber unsere war schöner.“
„Das gesteh ich dir zu.“, lächelte Aliasan.
„Sieht du es geht dir schon besser.“, freute sich Eärdaliene ob des kleinen Lächelns.
„Ja, mein Herz.“, nickte der Magier, „Mein Zustand wendet sich dramatisch zum Besseren. Ich möchte nur wissen, wie Lord Saruman es schaffte einen Manaersatz zu finden.“
„Nun, vielleicht lässt du mich weiter erzählen.“, sagte die Elbe.
„Ja, gerne.“, nickte der Hochelf.
„Viel weis ich auch nicht darüber.“, fuhr Eärdaliene fort, „Lord Saruman war von Anfang verständlicherweise sehr an dir interessiert. Ich berichtete ihm alles was ich über dich und deine Herkunft wusste. Er versuchte dir auch zuerst mit seinen Zaubern zu helfen, aber hatte ebenfalls keinen Erfolg.“
„Naja, ihr kennt hier kein Mana.“, zuckte Aliasan mit den Schultern.
„Mag sein, aber Saruman ist der grösste der Istari hier in Mittelerde, wenn er keine Lösung gefunden hätte, dann wüsste ich nicht wer sonst eine hätte finden sollen.“, sagte Eärdaliene mit sorgenvollen Blick, „Allerdings war es mein Fehler, dass er zuerst keine Lösung fand.“
„Wieso das, meine Liebste?“, sah sie der Magier fragend an.
„Ich habe ihn zwar von dem Mana als Quelle deiner Magie erzählt.“, begann Eärdaliene zögerlich, „Aber ich habe vergessen ihm zu erklären, wie du es wiedergewinnst. Deinen Samtbeutel mit den Manakeksen habe ich vergessen.“
Sie schaute betrübt zu Boden. Aliasan nahm ihr zartes Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich und küsste sie.
„Nun, scheinbar ist er dir doch noch eingefallen.“, lächelte er sie an, „Bei all dem, was passiert ist, kann ich dir da keinen Vorwurf machen, dass du so kleine Dinge vergessen hast.“
„Danke, mein Magier.“, hauchte sie, „Nun, ich gab Saruman den Beutel. Welche Analysen er mit den letzten kleinen Krümmeln in seinen Turm gemacht hatte, dass hat er uns nicht gesagt. Aber schon bald schickte er Boten aus, um Kräuter, Mineralien und andere Zutaten, die ich lieber nicht erwähne, zu suchen.“
Aliasan begann den Inhalt des Kristallbechers nachdenklich anzuschauen.
„Keine Angst, Liebster.“, lächelte Eärdaliene, „Er hat vieles versucht, und ich muss dir leider sagen, das manches, was er dir eingeflösst hat, nicht über meine Lippen gekommen wäre. Es führte auch alles nicht zum Erfolg.“
„Nett von dir mir das zu erzählen.“, sagte Aliasan mit einem leichten Würgen in der Kehle.
„Nein, nein, keine Angst.“, lachte die Elbe, „Das was du nun trinkst ist nur ein Kräuterextrakt in einem ganz besonderen Wasser.“
„Entquell?“, fragte Aliasan, „Ich hörte vorhin dieses Wort.“
„Ja, das Wasser kommt aus einer besonderen Quelle im nahegelegenen Fangornwald.“, erklärte Eärdaliene, „Mehr wollte uns Lord Saruman aber nicht erklären.“
„Nun, die Hauptsache ist, dass es funktioniert.“, sagte Aliasan, „Und das tut es. Ich hoffe unser Gastgeber hat mehr davon.“
Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Kristallbecher.
 
16. Aufbruch

„Das ist nicht dein Ernst?“, schrie Aliasan.
„Doch, wir müssen aufbrechen.“, sagte Lingolf ruhig.
„Ich kann hier nicht fort.“, sagte der Magier kurz angebunden.
„Meister Aliasan, versteht doch, dass wir hier weg müssen.“, versuchte es Lingolf eindringlicher.
„Wieso?“, fauchte der Hochelf.
„Spürt ihr es nicht?“, schüttelte Lingolf den Kopf, „Es geht etwas vor in Isengard.“
„Du und eure elbischen Vorahnungen.“, blaffte Aliasan ihn an, „Ich habe Lord Saruman viel zu verdanken. Ich stehe tief in seiner Schuld, und Aliasan Mindmaker begleicht seine Schulden.“
„Wie ihr wollt, dann bleibt hier.“, grollte Lingolf, „Gilmenel und Eärdaliene werden es sicher anders sehen. Wagt nicht, sie zu hindern.“
„Das werden wir sehen.“, höhnte der Hochelf, „Sie wissen, zu wem sie gehören.“
„Wirklich?“, sagte Lingolf finster und verliess wütend die Hütte.
Eärdaliene und Gilmenel kamen gerade von einem kurzen Spaziergang zurück. Sie sahen den wutentbrannden Lingolf die Hütte verlassen.
„Lauf ihm nach.“, sagte die Elbe zu ihrer Tochter.
Gilmenel sprintete leichtfüssig dem Elben nach.
„Lingolf!“, rief sie, „Warte!“
Lingolf drehte sich um und blieb mit trotzig verschränkten Armen stehen.
„Ah, seine Tochter.“, rief er ihm zu, „Sollst du mich nun umstimmen?“
„Was ist los?“, Gilmenel schaute Lingolf fragend an, „Ich weis von nichts.“
Lingolf seufzte. Er beruhigte sich langsam wieder. Er lehnte sich an einer Eiche mit dem Rücken an.
„Dein Vater ist ein Dickkopf, Gil.“, schüttelte er verzagt den Kopf.
„Das ist nichts Neues.“, lächelte die Halbelbe, „Nun, nachdem er seine Kräfte wieder hat, und er sie auch nicht mehr verlieren kann, ist es sogar noch etwas schlimmer geworden.“
„Er ist verblendet, mein Herz.“, seufzte der Elb, „Sarumans Schmeicheleien sind bei ihm auf fruchtbaren Boden gefallen.“
„Er hat ihm viel zu verdanken, das darfst du nicht vergessen.“, antwortete Gilmenel, „Er zeigt nur etwas Dankbarkeit.“
„Mag sein.“, stimmte der Elb ihr zu, „Aber er bringt uns alle in Gefahr.“
„Gefahr?“, wiederholte Gilemenel fragend, „Wir sind hier in Sicherheit. Mordor und die Gefahren vor denen wir geflüchtet sind, sind weit weg.“
„Es mag sein, dass sie weit weg ist.“, erklärte der Elb, „Aber ich habe so das Gefühl, dass sie nicht weit genug weg sind.“
„Selbst dann.“, lächelte Gilmenel mehr verzweifelt, „Selbst dann, kann Lord Saruman wohl dem Bösen Paroli bieten.“
„Nein.“, schüttelte Lingolf den Kopf mit einem bitteren Lächeln, „Ich denke nicht.“
„Wieso glaubst du das?“, wollte Gilmenel wissen.

„Ich kann dir leider nicht einen absolut sicheren Grund sagen.“, flüsterte Elb und sah sich sorgenvoll um, als würde er irgendwelche Lauscher fürchten, „Doch wir waren die letzten Wochen nicht untätig. Alle Elben der Gemeinschaft hielten ihre Augen und Ohren offen. Aus dem was wir beobachten konnten lässt sich nur schlussfolgern, dass das Böse näher als uns lieb ist, und dass wir so schnell wie möglich von hier fort sollten. Und da ist immer noch die Sache mit Lenegulf.“
„Ist er noch nicht wieder zurück?“, schaute Gilmanel ihren Freund mit Sorgen im Blick fragend an.
„Ah, das weist du noch gar nicht.“, seufzte Lingolf.
„Was soll ich wissen?“, erwiderte sie, „Ich weis nur er wollte eine Höhle erforschen.“
„Ja, er ist vor sieben Tagen aufgebrochen.“, erklärte Lingolf, „Als er nach drei Tagen noch nicht zurückgekehrt war, machten sich meine beiden Brüder auf die Suche nach ihm. Sie betraten die Höhle. Sie drangen tief in den Berg hinein. Ihr Weg führte sie weit unter die Oberfläche bis ein breiter Lavastrom jedwedes Weiterkommen verhinderte.“
„Lava? Hier?“, rief Gilmenel entsetzt.
„Ja, dein Vater würde es wohl nur eine Laune der Natur nennen.“, beantwortete der Elb ihre Frage mit einem höhnischen Unterton.
„Lingolf!“, rügte sie ihn.
„Ja, schon gut, entschuldige.“, sagte er verlegen, „Aber Tatsache ist, dass meine Brüder Lenegulf nicht vor dem Lavastrom gefunden haben.“
„Vielleicht haben sie ein Abzweigung übersehen?“, zuckte Gilmenel mit den Schultern.
„Nein, die Höhle besteht aus einem einzigen Gang.“, begann Lingolf und fügte stolz hinzu, „Außerdem sind sie die besten Fährtensucher unserer Gemeinschaft. Lenegulfs Spur führte eindeutig in die Lava.“
„Aber er würde doch nicht freiwillig in die Lava springen?“, sah die Halbelbe ihn fragend an.
„Nein sicher nicht.“, erklärte Lingolf weiter, „Die Spuren sahen auch nicht nach Flucht aus. Was immer Lenegulf gefunden hat und was aus ihm wurde bleibt uns verborgen. Solange es keine anderen Ausgang gibt oder der Lavastrom versiegt, wird er nicht mehr zu uns zurückkehren können.“
„Du hast Recht, dass ist sehr merkwürdig, aber trotzdem noch kein Beweis.“, grübelte Gilmenel.
„Sicher nicht, aber es reimt sich alles langsam zusammen.“, begann Lingolf nachdenklich, „Harte Beweise kann ich dir und deinem Vater nicht liefern, aber die Gemeinschaft hat einstimmig beschlossen weiterzuziehen.“
„Einstimmig?“, schaute ihn Gilmenel fragend an, „Ich bin nicht gefragt worden, und Vater sicher auch nicht.“
„Verzeih mir Liebste.“, lies Lingolf den Kopf hängen, „Ich wurde überstimmt. Es wurde beschlossen die Elben zu befragen, und …“
„Ich verstehe!“, sagte Gilmenel enttäuscht und lies die Schultern hängen, „Ich bin ja nur eine Halbelbe.“
Sie schaute ihn voll Zorn an und drehte sich um. Sie rannte ohne sich umzublicken zurück zur Hütte.
„Gil…“, rief ihr Lingolf verzweifelt hinterher.

Eärdaliene saß vor der Hütte und schrieb in ihr Tagebuch.
„Mutter!“, rief Gilmenel vor Zorn fast unverstädlich, „Wusstest du davon?“
Die Elbe sah zu ihrer Tochter auf, die vor Wut bebend und gleichzeitig in Tränen aufgelöst vor ihr stand. Sie legte ihr Tagebuch beiseite, und stand auf. Sie umarmte ihre Tochter zärtlich.
„Beruhige dich, Gil.“, flüsterte sie leise, „Und dann ganz langsam. Um was geht es?“
„Sie haben uns übergangen!“, schluchzte Gilmenel.
„Wobei?“, sah die ehemalige Matrone Gilmenel sorgenvoll an.
„Bei der Abstimmung, ob wir weiterziehen sollen.“, sagte Gilmenel vorwurfsvoll, „Sie haben nur die Elben befragt.“
„Ja, das haben sie.“, lächelte Eärdaliene sanft, „Und ich habe dafür gestimmt weiterzuziehen.“
„Du wusstest davon?“, sah Gilmenel ihre Mutter ungläubig an und riss sich aus deren Umarmung.
„Aber natürlich, mein Liebling.“, fuhr Eärdaliene trotz der plötzlichen Abkehr ihrer Tochter ruhig fort, „Ich wurde gefragt.“
„Aber ich nicht.“, grollte Gilmenel, „Ich bin ja nur eine Halbelbe.“
„Du ähnelst deinem Vater wirklich sehr.“, lächelte Eärdaliene sie an, „Du hast dasselbe hitzige Temprament. Aber beruhige dich bitte. Es hat nichts mit Halbelben oder Elfen zu tun.“
„Sondern?“, raunte Gilmenel trotzig die Arme verschränkt.
„Es ist ganz einfach, mein Herz.“, erklärte Eärdaliene, „Die Entscheidung wurde gefällt als Aliasan noch im Schlaf lag. Ich muss aber zu meiner Schande gestehen, dass ich dich nicht gefragt habe. Aber verzeih mir, ich war wohl zu stark mit der Sorge um Aliasan beschäfftigt, und habe vergessen dich zu Rate zu ziehen.“
Gilmenel lies ihre Arme sinken, und schaute beschämt zu Boden.
„Ja, Mutter.“, nickte sie, „Entschuldige, ich war wohl wieder etwas zu voreilig. Das ist ein guter Grund. Außerdem hätte ich wohl eh wenig dazu beitragen können. Ich kenne Mittelerde ja erst seit wenigen Jahren.“
Sie gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Nun wieder beruhigt?“, lächelte Eärdaliene.
„Ja, das bin ich.“, nickte Gilemenl.
„Gut, dann kommt da jemand angelaufen, dem du wohl eine Erklärung schuldest.“, sagte Eärdaliene und zeigte auf Lingolf der auf sie zugelaufen kam.
Gilmenel drehte sich um und lief los. Sie streckte ihre Arme aus, und umarmte Lingolf so heftig, dass beide ins Gras fielen.
„Verzeih mir.“, hauchte sie ihm zärtlich ins Ohr, „Wie konnte ich zweifeln? Nun ist alles wieder gut.“
„Schon gut, mein Schatz.“, nahm Lingolf die Entschuldigung an bevor er sie küsste.

Aliasan sah die beiden Liebenden als er vom Orthanc kommend neben Eärdaliene tratt.
„Die Jugend.“, lächelte er, „Was ist der Grund für diese heftige Umarmung?“
„Nichts weiter, meine Herz.“, lächelte ihn Eärdaliene an, „Ein Missverständnis wurde aufgeklärt.“
„So, welches denn?“, fragte der Elf nach.
„Gilmenel glaubte, dass sie bei der Abstimmung übergangen worden sei.“, erklärte die Elbe.
„Hm, du meinst die Abstimmung, ob wir weiterziehen sollten?“, sagte Aliasan nachdenklich.
„Ja, Liebster.“, nickte Eärdaliene.
„Gut, darüber wollte ich auch mit dir reden.“, sagte Aliasan ernst.
Eärdaliene blickte ihn fragend an. Sorgenfalten bildeten sich auf ihrer ansonst perfekten Stirn.
„Ich hab dir immer vertraut, wenn es hier auf dieser Welt etwas zu entscheiden gab.“, begann Aliasan, „Und es war stets richtig. Doch nun bin ich wohl zum ersten Mal einer anderen Meinung. Ich will nicht, dass wir aufbrechen.“
„Bist du mir böse, dass ich entscheiden habe, während du schliefest?“, fragte Eärdaliene leise.
„Nein, mein Herz.“, beruhigte Aliasan sie, „Es war sicher aus deiner Sicht damals die richtige Entscheidung. Aber nun, da sich einige Dinge geändert haben, sollten wir deine Entscheidung nochmals überdenken.“
„Das können wir gerne tun.“, sagte Eärdaliene etwas verstimmt, „Aber ich glaube nicht, dass sich an den Fakten viel geändert hat. Wir fühlen uns hier einfach nicht wohl.“
„Mit wir meinst du nun euch Elben.“, nickte Aliasan verständlich, „Ja, ich sehe ein, dass es gewisse Umstände gibt, die man beunruhigend finden könnte, aber ich habe eine andere Sicht der Dinge.“
„Und die wäre?“, wollte Eärdaliene wissen. Ihre Stimme kühlte merklich ab.
„Meine Liebe, du weist ich kann ohne Mana fast nicht existieren.“, sagte Aliasan vorwurfsvoll, „Und meine einzige sichere Quelle ist hier.“
„Herr Elrond weis sicherlich Rat.“, sagte Eärdaliene fest.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“, zuckte Aliasan mit den Schultern, „Es ist ein Risiko. Mein Risiko.“
„Bist du bereits so süchtig nach deinem Mana?“, schaute ihn Eärdaliene finster an.
Aliasan drehte sich um, und tat so als ob er die Frage nicht gehört hätte. Er zeigte mit ausgestreckten Armen zum Orthanc der zwischen und über den Bäumen zu sehen war.
„Lord Saruman ist sehr an meiner Magie interessiert.“, sagte er stolz, „Er ist besonders an meinen Portalzaubern interessiert."
„Du weist nicht, zu was er sie nutzen wird.“, warf Eärdaliene mit Bedenken ein.
„Es steht wohl ausser Zweifel, dass ihm die Elben vertrauen.“, antworte Aliasan kurz angebunden, „Warum sollte ich es also nicht auch tun?“
Eärdaliene sah ein, dass sie darauf keine Gegenargument hatte. Die Bedenken und Gefühle der Elben waren Aliasan nur sehr schwer, oder vielleicht gar nicht, vermittelbar. Es war eine böse Vorahnung, die sie und alle Elben hier in der Nähe des Orthancs quälte.
 
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