Die Möhre: Obst oder Gemüse ?

Galad

Quest-Mob
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bzw. warum WoW-Spieler nicht auf Mutter und Kind-Parkplätze gehören.


Es ist der 16.01.2007, eigentlich war Weihnachten gerade erst und das nächste ist noch ein paar Tage hin, aber wie eigentlich jeder WoW-Spieler weiß, wurde es um ein paar Wochen vorgezogen.

So auch bei mir. Das erste Mal in diesem Jahr schaffe ich es, vor den Kindern wach zu sein, was einiges heißen will, da Kinder egal wann sie ins Bett gegangen sind, immer vor einem wach sind. Also schnell ‚nen Frühstück rein, den Hund durch den Garten gejagt und ab zum " wir sind doch nicht doof Markt“. Allerdings hat der durchschnittliche M-Markt nicht in jeder Stadt um 24 Uhr geöffnet, um unsere Sucht zu stillen, sondern tut einfach so, als wäre es ein ganz normaler Tag, wie jeder andere Tag der Woche/Monats/Jahr. Unvorstellbar!

Also auf die 10,-€ Anzahlung geschissen und weiter, gibt ja noch Alternativen und jetzt noch 'ne Stunde warten? Was sollte man in der Stunde tun? Spontane Kettenbriefaktionen die Umstellung der Sommerzeit vorzuverlegen, erscheinen mir doch zu aufwendig, also weiter auf der Suche nach einem Geschäft, das hier in Kleinkleckersdorf TBC verkaufen könnte. Also ab in meinen röhrenden Ford Fiasko und mit quietschenden Reifen runter vom Parkplatz rauf auf "den Ring". Grüne Welle bei 60 - aha - ohne mich jemals besonders für Mathematik oder Verkehrlogistik interessiert zu haben, wurde an diesem Morgen meine Theorie bestätigt, dass, wenn man bei 60km/h die grüne Welle erwischt, es mit 120 auch funktioniert.

8.05 Uhr, der Laden hat gerade geöffnet. Rauf auf den nächsten Parkplatz. Dort ist nichts bis gar nichts los. Also ab in die 1. Reihe: Behindertenparkplatz, hmmmmm. Als anständiger Sozi-Student nicht mit dem Gewissen zu vereinbaren, dort zu parken. Also vorbei an den Behinderten Parkplätzen 1-5, der nächste freie gehört mir. Da Parkplatz Nummer 6, immer noch in der ersten Reihe hat keinen Rollstuhl auf den Boden gemalt. Geschmeidig röhrend biegt der Fiasko Ford ein. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein blaues Schild vor mir aufragen, allerdings nur eben solange wie ich brauche, um den Gurt zu lösen. Raus aus dem Auto, Tür zu, ups die schließt ja gar nicht mehr richtig. Egal, es ist 8.06 Uhr, es ist nichts los und mein Auto gibt nichts her, das sich zu klauen lohnen würde. Weiter. Noch 10 Meter, dann passiere ich die Schiebetür, ermahne mich locker zu bleiben, "lass es ruhig angehen Junge". Die Türen öffnen nicht immer so schnell, wie es die Kundschaft gerne hätte und eine geprellte Nase im Sichtfeld könnte den Spielspass von TBC den Rest des Tages erheblich trüben.

9 Meter, 8, 7, 6, 5..."Junger Mann!" "Äh?" Ich drehe mich um, vor mir eine Frau, ungefähr mein Alter, recht gutaussehend. Von dem komischen Gefühl abgesehen, das einen überkommt, wenn man von einer etwa gleich alten Person mit "junger Mann" angesprochen wird, ist mein einziger Gedanke: "was zum...?" Ich meine, wäre ich nicht in einer glücklichen Beziehung, wäre es Samstagabend, ich hätte genug Pils inne, würden Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, ich wäre nicht der elendige Feigling der ich bin, hmmm wer weiß, ich würde sie sicher nicht ansprechen. Aber vielleicht würde mich genug Selbstbewusstsein überkommen, um ein Interesse ihrerseits an mir nicht vollkommen auszuschließen.

Aber es ist der Tag, an dem TBC released wird und ein Gespräch auf einem Parkplatz mit einem mir fremden Mitmenschen liegt so fern wie der Mittelpunkt unsrer Galaxie. Sie muss sich geirrt haben. Außer uns ist zwar keiner hier, aber was soll sie schon wollen? Weiß sie vielleicht, dass der Laden vor uns nur eine einzige Kopie von TBC hat und will mir diese abspenstig machen? Ich ringe etwas mit mir, wechsele auf die Schnelle 35 Blicke zwischen ihr und der Schiebetür vor mir, kann mich aber schließlich doch zu einem fragenden "Ja?" durchringen. "Sie stehen auf einem Eltern & Kind-Parkplatz", lautet die Antwort. Erneut dieser Gedanke in meinem Kopf: "Was zum...“ ah ja, das blaue Schild, das war es also.

Es ist immer wieder bekannt geworden, dass Menschen in Extremsituationen, völlig, für sie in der Regel, unkonventionell reagieren. So auch ich. Mutig werfe ich ihr ein "richtich" entgegen und drehe mich zum gehen um. "Das geht so nicht" höre ich hinter mir. Okay. Das geht also so nicht. Es ist Montagmorgen, außer uns beiden ist niemand hier, dem entweder sein Fernseher kaputtgegangen ist und umgehend einen neuen braucht, Interesse an möglicherweise an diesem Morgen neu erschienenen Volksmusikveröffentlichungen hat und überhaupt bin ich der einzige, der in Gütersloh WoW spielt, was zum Geier also will sie von mir?

Extremsituation hin oder her, den Gedanken an ein "nette Anmache" verkneife ich mir dann doch. Stattdessen ergänze ich meine 1. Antwort um ein Ja und versuche das "richtig" nicht ganz so schnoddrig klingen zu lassen, "Ja, richtig", stelle ich fest. Stille, eher die unbehagliche Art von Stille. Zwei fremde Menschen schauen sich fragend an. Die arme, denke ich mir, braucht sicher einen neuen Fernseher, da kann man schon mal kleinlich werden. Irgendwann kommt von ihr ein "das ist nicht ok". "Sie haben keine Kinder, demnach dürfen sie nicht auf einem Eltern & Kind- Parkplatz stehen". Oh Gott, es ist Montagmorgen am wichtigsten Tag meines Lebens, na gut einem der wichtigsten Tage und ich treffe auf einen betroffenen Menschen. Unnötig zu erwähnen, dass sie auch kein Kind dabei hat, aber dafür hat sie auch auf einem "normalen" Parkplatz geparkt. Meine Gedanken rasen, wie wäre es mit "ich habe Kinder, nur nicht dabei!" zu argumentieren, doch ich verschiebe diesen Gedanken schnell wieder. Stattdessen nehme ich den nächsten, quasi nächstbesten Gedanken, der in meinem wirren Geist herumturnt und "Kinder verursachen keine Gehbehinderung" kommt dabei heraus.

Bei einem Blick in das Gesicht gegenüber, befällt mich jetzt plötzlich ein ganz neuer Gedanke. Die Dame mir gegenüber will auch TBC, sie weiß, dass es nur eine Kopie gibt und spielt eine Taurin. Zumindest sie sieht nach meiner Aussage gerade wie eine wutschnaubende RL-Taurin aus. Wieder diese Stille und plötzlich kommt die Dame auf mich zu. Oh Gott, mein Herz pocht, meine Gedanken rasen, mehr Argumente, einfach ignorieren und rein, mittlerweile könnte ich schon wieder zuhause sein und wäre gerade am patchen! "FAHREN SIE IHRE SCHEISS SCHROTTKARRE DA WEG! SOFORT!" Werde ich angeschrien. Na gut, im Nachhinein vielleicht übertrieben, es war wohl nicht geschrien und ein "Bitte" war wohl auch dabei, aber, aber, ich muss doch...

Der Moment, an dem jedes weitere Wort das ganze nur noch schlimmer machen würde, ist längst erreicht. Es muss was neues her. Nonverbale Kommunikation. Instinktiv setze ich meinen, zu Schulzeiten perfektionierten und verinnerlichten "ich habe die Hausaufgaben wirklich gemacht und es ist keine dreiste Lüge, dass unser Hund draufgepinkelt hat"-Blick auf. Aber egal, für wie kompetent ich mit diesbezüglich halte, mein Gegenüber ist mir um Lichtjahre voraus. Sie hebt den linken Arm, streckt ihn aus und deutet mit dem Zeigefinger von links nach rechts. "Wegfahren".

Plötzlich bin ich wieder 10, in der dritten Klasse und meine Lehrerin hat gerade gesagt "Ja André, das mag sein, das euer Hund inkontinent ist, aber dann musst Du Deine Hausaufgaben halt noch mal machen".

Ich seufze, nicke und gehe zu meinem Auto. Ein Blick auf die Uhr sagt mir dass, Fahrzeit inklusive der M-Markt jetzt auch offen hätte. Also selbst wenn dieses Luder wirklich die einzige Kopie hat, HAH, ich werde heute TBC spielen. Locker und wieder etwas gelöster schlendere ich trotzdem noch mal in den Laden auf dessen Parkplatz ich gerade, als einer von zwei Kunden meinen Wagen um 10 Meter verrückt habe, nur um hier möglicherweise auftauchenden Müttern mit ihren Kindern, die dann einen neuen Fernseher kaufen wollen ( wissen die eigentlich das Fernsehgucken für Kinder vor dem 5. Lebensjahr total schädlich ist? ) freizumachen. Im Laden angekommen muss ich feststellen, dass meine Angst total unbegründet war. Es gibt unglaublicher weise ganze Stapel von TBC. Also schnell eine Kopie abgegriffen und ab zur Kasse.

Angekommen steht vor mir der Parkplatztyrann. Automatisch und schuldbewusst senkt sich mein Blick, bekomme aber noch mit, wie die Reinkarnation meiner Grundschulklassenlehrerin zu der Kassiererin vor mir sagt "Ach ist das schön, dass ihr die wirklich schon da habt. Bin echt froh, es noch vor der Arbeit geschafft zu haben". Also wirklich eine RL-Taurin, die sich TBC besorgen wollte, um nach der Arbeit gleich loslegen zu können, denke ich mir und hebe den Blick. Vielleicht könnte ja ein schüchternes wedeln mit meiner TBC-Kopie, verspielte Sympathien zurückbringen. Aber man würdigt mir keines Blickes mehr. Glücklich strahlt die selbsternannte Parkplatzwächterin die Kassiererin an, nimmt ihr Wechselgeld entgegen, steckt den Kassenbon ein ... und verlässt mit der neuen Stefanie Hertel CD in der Hand den Laden.
 
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