Qonix
Raid-Boss
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1. Kapitel: Rain
Es kam mir vor wie ein Traum.
Der Regen strömte in seidenen Fäden aus den Wolken und hinterließ silberne Spuren auf dem brüchigen Beton der Strasse. Das laute, gleichmässige prasseln des Regens nahm ich schon lange nicht mehr wahr.
Denn es regnete immer.
Seit sieben Jahrzehnten hatte bereits die Sonne nicht mehr über unserer Stadt geschienen. Ich selbst kannte die Sonne nicht. Ich wusste zwar, dass sie eine Art brennende Kugel war, mehr aber auch nicht.
Die Alten nannten unseren Regen Black Death, Schwarzer Tod. Ich nahm daher an, dass es auch anderen Regen gab.
Aber im Grunde war es mir egal.
Egal, dass einer meiner Freunde bereits wiederholt meinen Namen rief, egal, dass die Soldaten auf dem Weg nach South Atlantis waren.
Ich sass unter den Überresten einer schrägen Mauer, welche mich nicht vor dem Regen schützen konnte. Kalt und schwarz rann er durch meine Haare und tropfte von den Spitzen auf meine durchnässte Hose. Ich schloss meine schmerzenden Augen und lehnte mich gegen die kalte, feuchte Betonwand.
Rain, verdammt, wo steckst du?!, rief Chander nervös. Ein lächeln schlich sich in mein Gesicht.
Auf Chander konnte ich immer vertrauen. Er war es, der mich damals dazu bewogen hatte, der Gruppe von Matt beizutreten, denn alleine war es unmöglich in diesen Ruinen zu überleben. Matts Gang beherrschte den Süden der Stadt. Seine Ambitionen waren bewundernswert. Er versuchte die Lebensmittelverbindung der Soldaten anzuzapfen und richtete eine Sammelstelle ein. So hatten wir meistens eine Mahlzeit pro Tag.
Die Soldaten, die uns ununterbrochen jagten, konnten hier nicht ohne ihre Masken atmen, darum war es leicht, sie ausser Gefecht zu setzten. Mein älterer Bruder, er lag irgendwo begraben unter einer Mauer, erklärte mir, dass es an dem Regen lag. Er war wie Gift für ihre Lungen. Und darum hatten sie angst vor uns und wollten die Kinder dieser Ruinenstadt ausrotten. Und mehr als junge Erwachsene waren wir nicht, denn der Regen griff auch unsere Gesundheit an. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass die Menschen früher über hundert Jahre alt wurden. Was sollte man denn so lange tun?
Jedenfalls verstand ich es nicht. War es denn wirklich nötig, uns zu vernichten? Reichte es nicht, uns in Ruhe zu lassen? Was sollten wir denn schon gross tun? Meinetwegen konnten sie uns auch ruhig einsperren, wenn wir dann endlich nicht mehr in dieser kalten, ewig nassen Einöde leben müssten. South Atlantis war wirklich kein schöner Anblick, doch ich kannte es nicht anders. Die Gebäude, die einst hoch bis zum Himmel gereicht haben sollen, waren nicht mehr als hässliche Trümmerhaufen. Die wenigen Gewächse die es hier gab waren kümmerliche Gebilde, wenn ich sie mit den Bildern verglich die ich kannte. Als mein Bruder noch lebte, wohnten wir in einer noch intakten, dichten Behausung, ich besass sogar einen eigenen Raum.
Ich hasste diese Stadt. Und ich hasste diesen ewigen Regen.
Und ich hasste das Pochen in meinem linken Bein, welches mich daran erinnerte, dass rotes Blut sich mit schwarzem Regen vermischte. Ann würde mich wieder beschimpfen...
Rain, zum Teufel mit dir! Hast du deine Zunge verschluckt?!, zeterte mein braunhaariger Genosse und funkelte mich wütend an.
Du bist spät, beschuldigte ich ihn, blickte aber nicht auf, denn im Grunde war es doch meine Schuld, dass er nach mir suchen musste. Er kniete sich zu mir und sah mich vorwurfsvoll an.
Du bist verletzt, stellte er besorgt fest und seufzte, kannst du laufen?
Ich kann es versuchen, murmelte ich und rappelte mich ein wenig auf. Der Schmerz war heftig, doch es würde gehen. Chander legte meinen Arm um seine Schulter und seinen um meine Mitte um mich zu Stützen.
Was ist passiert?, fragte er während wir uns vorwärts bewegten.
Die Platte ist unter mir weggebrochen, sie haben mich entdeckt und auf mich geschossen.. erklärte ich kurz. Er musste ja nicht die ganze Wahrheit erfahren. Er nickte verstehend.
Diese Ungeschicklichkeit war durch einen dummen Zufall entstanden. Obwohl es ja keine Zufälle geben soll.... Jedenfalls wagte ich mich nur aus meiner Deckung heraus, weil ich dieses eine Gespräch zwischen dem Kommandanten, einem Mann und Kyle, dem Anführer des North Clans mitangehört hatte. Das Gespräch handelte von mir. Ich erkannte den Sinn in dieser Unterhaltung nicht, da ich diesen eigenartigen Mann nicht verstehen konnte, vermutlich flüsterte er. Schliesslich verlor ich durch meine Unaufmerksamkeit den Halt und Stürzte von der Mauer. Ich konnte den Soldaten zwar entkommen, doch sie hatten meine Spur noch immer auf ihren Maschinen. Und sie kamen näher.
Heute gibt es Suppe mit Klössen, unterrichtete mich Chander lachend. Wie amüsant, es gab seit ich denken kann dieses eine Gericht.
Wie abwechslungsreich, antwortete ich und grinste. Seit gestern Mittag hatte ich schon nichts mehr zu mir genommen und mein Magen knurrte in freudiger Erwartung.
Unsere Festung war riesig, feucht und hässlich. Die dunklen Gänge waren eng und es tropfte permanent Wasser von den Decken, während die Wände bereits unheimlich schimmerten. Dieser Komplex lag unter den Strassen und nur schwer zugänglich. Ein ideales Versteck also. Chander schleifte mich durch die Gänge weiter nach unten. Die jüngeren Kinder, welche ihre Schicht bereits beendet hatten, rannten wild in dem Komplex herum und spielten ein altes Spiel, welches sich Fangen nannte.
Die Lebensweise in der Festung war streng geregelt. Alle Kinder bis Zehn mussten im Untergrund das Wasser abschöpfen oder Ann beim Kochen behilflich sein. Wer älter war, durfte sich an Botengängen beteiligen und gelegentlich einem Kundschafter begleiten, bis er selbständig genug war.
Die älteren, also Jugendliche in Chanders und meinem Alter, hatten die Aufgabe die Soldaten zu überwachen und die Metallungetüme abzufangen. Da ich ziemlich schnell bin und besser hören kann als die Meisten, war meine persönliche Aufgabe, den Kommandanten selbst zu beschatten und alle 2 Tage Bericht zu erstatten. Und Chander, nun, er war so etwas wie mein Kindermädchen. Er brachte mir etwas zu Essen, er suchte mich wenn ich mal wieder zu spät dran war und er bemutterte mich andauernd...
Ann, unsere Küchentyrannin, wie die Jungs sie nannten, explodierte beinahe vor Wut, als sie mein Bein untersuche. Grob werkelte sie in der Wunde, um die Kugel zu entfernen. Ich biss auf meine Lippe, um nicht zu schreien und die Kinder noch mehr zu verängstigen. Schliesslich passierte es nicht oft, dass so viel Blut in der Küche floss.
Hier ist sie ja.., fauchte Ann und hielt mir die Kugel vor die Augen um mir mein Vergehen bewusst zu machen.
Tu das niemals wieder, verstanden?!, giftete sie und zog kräftig an der Mullbinde, welchen sie um mein Bein wickelte. Es schüttelte mich und kurz wurde mir schwarz vor Augen. Tyrannin, schimpfte ich sie in Gedanken.
Ja, versprach ich keuchend und krallte mich an den Stuhl.
He, nicht so grob, wir brauchen ihn lebend, scherzte Chander und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie murmelte zornig, verzichtete jedoch darauf, mir weitere unnötigen Schmerzen zu bereiten. Ich wusste, dass sie nur um uns alle besorgt und darum so streng war, doch manchmal übertrieb sie es wirklich. Sie war schon über Zwanzig und ihr rechtes Bein verdunkelte sich von Tag zu Tag mehr, bis es schliesslich abgenommen werden müsste. Das war das Schicksal, welches alle Bewohner von Atlantis ereilte. Ich hoffte von ganzem Herzen, dass es irgendwann eine Möglichkeit geben würde, diesem erbärmlichen Tod zu entgehen.
Ann stand mühselig auf und Chander schlang seine Arme um sie. Ihr vor 2 Wochen noch winziger Bauch war bereits deutlich zu erkennen. Ich lächelte, glücklich. Liebe war hier ein Privileg, welches sich die wenigsten nehmen konnten, nur mit der persönlichen Erlaubnis von Matt war es gestattet, sich körperlich miteinander zu vereinen. Es war nicht ganz fair, doch eine notwendige Regel. Wir waren mit knapp siebzig Kindern schon ausgelastet und manchmal reichte es für die Jüngeren nicht einmal für eine zweite Mahlzeit. Ein Überschuss an Kleinkindern würde unser System zerstören. Ich verzichtete lieber darauf, ein Kind diesen Lebensbedingungen auszusetzen, denn ich war mir sicher, dass es in ein paar Jahren möglich ist, diese Stadt zu verlassen. Die Stadt Australia sollte den Bedingungen vor dem Seuchekrieg ähnlich sein. Ich kannte diese alte Welt aus Büchern. Ich konnte zwar nicht lesen, doch dieses Buch enthielt viele Bilder. Sie waren wunderschön, viele Gewächse zierten die Bilder, manchmal mit farbigen Büscheln. Es gab sie in so vielen verschiedenen Farben, deren Namen ich meistens nicht kannte. Nur eines der Bilder fand ich hässlich. Die Gebäude ragten bis in den Himmel und Hunderte dieser Metallriesen reihten sich auf der Strasse auf. Es ähnelte unserer Zeit zu sehr.
Ich fand erst den Weg in die Wirklichkeit zurück, als Ann mir die bis zum Rand gefüllte dampfenden Suppenschüssel in die Hände drückte.
Iss, sonst klappst du mir noch zusammen, drängte sie mich mit sanftem Tadel, du bist noch blasser als sonst. Ich nickte nur und nahm die Extraportion dankend an.
Gibt es etwas Interessantes?, fragte Chander, während er mich beim essen beobachtete.
Kyle. Ich weiss nicht was er vor hat, aber es klang nicht gerade beruhigend., nuschelte ich mit vollem Mund.
Ich verstehe nicht ganz
Es schien mir, als würde er mit dem Kommandanten verhandeln. Doch den genauen Inhalt der Verhandlung verstand ich nicht., erklärte ich. Den genauen Dialog würde ich erst Matt nennen, dessen Schritte ich bereits durch die Gänge hallen hörte.
Ach so....du lässt langsam nach, was?, grinste Chander und boxte mich freundschaftlich gegen die rechte Schulter. Unter der Linken befand sich noch immer ein dicker Verband, welcher eine grässliche Schürfwunde verdeckte. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern genoss dieses wohlige Wärmegefühl in meinem Bauch, die mich ganz schläfrig machte. Ein unüberhörbares, für meine empfindlichen Sinne nachhaltig dröhnendes, lautes Poltern riss mich jäh aus meiner Zufriedenheit.
Verflucht, hier steckst du!, rief Matt erbost und schüttelte seine Locken aus seinem Gesicht.
Lass ihn doch erst einmal wieder zu Kräften kommen!, schalt ihn Ann zornig und fuchtelte mit der Kelle vor seinem Gesicht herum. Ich grinste amüsiert, denn es wagte viel zu selten Matt vor den Kopf zu stossen. Er starrte sie erst entgeistert an, räusperte sich dann aber, um Autorität bemüht
Dein Bericht?, fragte er steif und wirkte dabei doch ein wenig lächerlich mit seinen geröteten Wangen und dem irritierten Blick, der noch immer an Ann hing. Erstaunlich, wie leicht unser Oberhaupt sich aus der Fassung bringen lässt.
Es war bereits düster als ich plötzlich Kyle hörte-
Kyle?!, unterbrach mich Matt und Ann funkelte ihn wütend an.
Ja, Kyle. Er hatte sich freiwillig gestellt, um etwas zurück zu verlangen, aber ich weiss nicht, um was es sich dabei handelte. Sie stritten eine ganze Weile, da der Kommandant etwas haben wollte, was Kyle ihm nicht geben konnte. Erst wollte er, dass Kyle ihm den genauen Standort unserer Festung nannte, doch er weigerte sich. Danach verlangte er die Auslieferung einer bestimmten Person., ich hielt inne, nicht sicher, ob es klug war, die Wahrheit zu sagen. Matt beobachtete mich und das schweigen, welches sich im Raum ausbreitete, behagte mir nicht.
Wer?, fragte Chander schliesslich.
Den Jungen, der sie immerzu aus einer grossen Entfernung belauschte und mit dessen Hilfe ihre Züge vereitelt werden konnten, also mich., teilte ich ihm mit. Ich hörte deutlich das zittern in meiner Stimme und blickte auf die leere Schüssel, um Matt nicht ansehen zu müssen.
Ha! Was denken sie sich eigentlich?! Als ob ich einen meiner besten Leute kampflos ausliefern würde! Kommt nicht in Frage! Ich bin nicht verantwortlich für Kyles Fehler., ereiferte sich Matt und sein Gesicht verfärbte sich in ein ungesund aussehendes Rot.
Sie wissen ja nicht, wie Rain aussieht. Ausserdem hat Kyle keine Ahnung, wen genau sie meinen, warf Chander in den Raum. Ann nickte, stellte sich hinter mich und legte ihre Hände auf meine Schultern.
Matts Gesicht verlor an Farbe und er setzte sich auf einen Stuhl.
Ein Trupp von etwa 40 Soldaten ist auf direktem Weg hierher, in Begleitung von Kyle., teilte ich ihnen mit und lehnte mich zurück um mein Bein entlasten zu können.
Wie lange brauchen sie noch?, fragte Matt monoton.
In diesem Tempo etwa noch eine halbe Stunde, meinte ich abfällig. Ich hätte, ohne angeben zu wollen, gerade mal eine halbe Minute für diese Strecke gebraucht. Wenn ich rannte dauerte es etwa eine viertel Stunde, während die Soldaten 15 Stunden dafür brauchten, denn der Weg war unwegsam und mühselig. Immer wieder musste man über zerstörte Häuser klettern oder über tiefe Gräben springen.
Verdammte...., brach Matt ab, nach einem Blick zu Ann, und schlug stattdessen mit der Faust auf den Tisch.
Locken wir sie in einen Hinterhalt!, schlug Chander begeistert vor. Ich schüttelte den Kopf.
Sie haben diese Metallwaffen bei sich. Ich höre sie schon die ganze Zeit. Wir werden sie nicht zurück schlagen können., meinte ich ruhig. Anns Finger verkrampften sich und bohrten sich durch den Stoff in meine Haut. Unsere Lage war verzwickt. Sie würden die Eingänge nicht finden, dabei konnte Kyle ihnen nicht helfen. Doch sie könnten uns belagern.
Ich werde gehen, beschloss ich, mehr für mich selbst, und hob den Kopf. Matts Augen funkelten wütend und erneut färbten sich seine Wangen rot. Nun, er war eben ein Hitzkopf.
Auf keinen Fall, knurrt er wütend. Entschlossen verschränkte ich die Arme. Es war die einfachste Lösung, Matt wusste es genauso gut wie ich. Und er würde mir nachgeben.
Rain..., murmelte Chander abwesend und starrte auf den Tisch.
Das brauchst du nicht zu tun, flüsterte Ann heiser. Ich seufzte.
Besser ich als wir alle, antwortete ich und stand auf. Ann schlang ihre Arme um mich und eilte zurück um den Jungs neue Anweisungen im Kartoffelschälen zu geben. Auch Matt und Chander erhoben sich.
Mir kam das alles so surreal vor.
Es kam mir vor wie ein Traum.
Der Regen strömte in seidenen Fäden aus den Wolken und hinterließ silberne Spuren auf dem brüchigen Beton der Strasse. Das laute, gleichmässige prasseln des Regens nahm ich schon lange nicht mehr wahr.
Denn es regnete immer.
Seit sieben Jahrzehnten hatte bereits die Sonne nicht mehr über unserer Stadt geschienen. Ich selbst kannte die Sonne nicht. Ich wusste zwar, dass sie eine Art brennende Kugel war, mehr aber auch nicht.
Die Alten nannten unseren Regen Black Death, Schwarzer Tod. Ich nahm daher an, dass es auch anderen Regen gab.
Aber im Grunde war es mir egal.
Egal, dass einer meiner Freunde bereits wiederholt meinen Namen rief, egal, dass die Soldaten auf dem Weg nach South Atlantis waren.
Ich sass unter den Überresten einer schrägen Mauer, welche mich nicht vor dem Regen schützen konnte. Kalt und schwarz rann er durch meine Haare und tropfte von den Spitzen auf meine durchnässte Hose. Ich schloss meine schmerzenden Augen und lehnte mich gegen die kalte, feuchte Betonwand.
Rain, verdammt, wo steckst du?!, rief Chander nervös. Ein lächeln schlich sich in mein Gesicht.
Auf Chander konnte ich immer vertrauen. Er war es, der mich damals dazu bewogen hatte, der Gruppe von Matt beizutreten, denn alleine war es unmöglich in diesen Ruinen zu überleben. Matts Gang beherrschte den Süden der Stadt. Seine Ambitionen waren bewundernswert. Er versuchte die Lebensmittelverbindung der Soldaten anzuzapfen und richtete eine Sammelstelle ein. So hatten wir meistens eine Mahlzeit pro Tag.
Die Soldaten, die uns ununterbrochen jagten, konnten hier nicht ohne ihre Masken atmen, darum war es leicht, sie ausser Gefecht zu setzten. Mein älterer Bruder, er lag irgendwo begraben unter einer Mauer, erklärte mir, dass es an dem Regen lag. Er war wie Gift für ihre Lungen. Und darum hatten sie angst vor uns und wollten die Kinder dieser Ruinenstadt ausrotten. Und mehr als junge Erwachsene waren wir nicht, denn der Regen griff auch unsere Gesundheit an. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass die Menschen früher über hundert Jahre alt wurden. Was sollte man denn so lange tun?
Jedenfalls verstand ich es nicht. War es denn wirklich nötig, uns zu vernichten? Reichte es nicht, uns in Ruhe zu lassen? Was sollten wir denn schon gross tun? Meinetwegen konnten sie uns auch ruhig einsperren, wenn wir dann endlich nicht mehr in dieser kalten, ewig nassen Einöde leben müssten. South Atlantis war wirklich kein schöner Anblick, doch ich kannte es nicht anders. Die Gebäude, die einst hoch bis zum Himmel gereicht haben sollen, waren nicht mehr als hässliche Trümmerhaufen. Die wenigen Gewächse die es hier gab waren kümmerliche Gebilde, wenn ich sie mit den Bildern verglich die ich kannte. Als mein Bruder noch lebte, wohnten wir in einer noch intakten, dichten Behausung, ich besass sogar einen eigenen Raum.
Ich hasste diese Stadt. Und ich hasste diesen ewigen Regen.
Und ich hasste das Pochen in meinem linken Bein, welches mich daran erinnerte, dass rotes Blut sich mit schwarzem Regen vermischte. Ann würde mich wieder beschimpfen...
Rain, zum Teufel mit dir! Hast du deine Zunge verschluckt?!, zeterte mein braunhaariger Genosse und funkelte mich wütend an.
Du bist spät, beschuldigte ich ihn, blickte aber nicht auf, denn im Grunde war es doch meine Schuld, dass er nach mir suchen musste. Er kniete sich zu mir und sah mich vorwurfsvoll an.
Du bist verletzt, stellte er besorgt fest und seufzte, kannst du laufen?
Ich kann es versuchen, murmelte ich und rappelte mich ein wenig auf. Der Schmerz war heftig, doch es würde gehen. Chander legte meinen Arm um seine Schulter und seinen um meine Mitte um mich zu Stützen.
Was ist passiert?, fragte er während wir uns vorwärts bewegten.
Die Platte ist unter mir weggebrochen, sie haben mich entdeckt und auf mich geschossen.. erklärte ich kurz. Er musste ja nicht die ganze Wahrheit erfahren. Er nickte verstehend.
Diese Ungeschicklichkeit war durch einen dummen Zufall entstanden. Obwohl es ja keine Zufälle geben soll.... Jedenfalls wagte ich mich nur aus meiner Deckung heraus, weil ich dieses eine Gespräch zwischen dem Kommandanten, einem Mann und Kyle, dem Anführer des North Clans mitangehört hatte. Das Gespräch handelte von mir. Ich erkannte den Sinn in dieser Unterhaltung nicht, da ich diesen eigenartigen Mann nicht verstehen konnte, vermutlich flüsterte er. Schliesslich verlor ich durch meine Unaufmerksamkeit den Halt und Stürzte von der Mauer. Ich konnte den Soldaten zwar entkommen, doch sie hatten meine Spur noch immer auf ihren Maschinen. Und sie kamen näher.
Heute gibt es Suppe mit Klössen, unterrichtete mich Chander lachend. Wie amüsant, es gab seit ich denken kann dieses eine Gericht.
Wie abwechslungsreich, antwortete ich und grinste. Seit gestern Mittag hatte ich schon nichts mehr zu mir genommen und mein Magen knurrte in freudiger Erwartung.
Unsere Festung war riesig, feucht und hässlich. Die dunklen Gänge waren eng und es tropfte permanent Wasser von den Decken, während die Wände bereits unheimlich schimmerten. Dieser Komplex lag unter den Strassen und nur schwer zugänglich. Ein ideales Versteck also. Chander schleifte mich durch die Gänge weiter nach unten. Die jüngeren Kinder, welche ihre Schicht bereits beendet hatten, rannten wild in dem Komplex herum und spielten ein altes Spiel, welches sich Fangen nannte.
Die Lebensweise in der Festung war streng geregelt. Alle Kinder bis Zehn mussten im Untergrund das Wasser abschöpfen oder Ann beim Kochen behilflich sein. Wer älter war, durfte sich an Botengängen beteiligen und gelegentlich einem Kundschafter begleiten, bis er selbständig genug war.
Die älteren, also Jugendliche in Chanders und meinem Alter, hatten die Aufgabe die Soldaten zu überwachen und die Metallungetüme abzufangen. Da ich ziemlich schnell bin und besser hören kann als die Meisten, war meine persönliche Aufgabe, den Kommandanten selbst zu beschatten und alle 2 Tage Bericht zu erstatten. Und Chander, nun, er war so etwas wie mein Kindermädchen. Er brachte mir etwas zu Essen, er suchte mich wenn ich mal wieder zu spät dran war und er bemutterte mich andauernd...
Ann, unsere Küchentyrannin, wie die Jungs sie nannten, explodierte beinahe vor Wut, als sie mein Bein untersuche. Grob werkelte sie in der Wunde, um die Kugel zu entfernen. Ich biss auf meine Lippe, um nicht zu schreien und die Kinder noch mehr zu verängstigen. Schliesslich passierte es nicht oft, dass so viel Blut in der Küche floss.
Hier ist sie ja.., fauchte Ann und hielt mir die Kugel vor die Augen um mir mein Vergehen bewusst zu machen.
Tu das niemals wieder, verstanden?!, giftete sie und zog kräftig an der Mullbinde, welchen sie um mein Bein wickelte. Es schüttelte mich und kurz wurde mir schwarz vor Augen. Tyrannin, schimpfte ich sie in Gedanken.
Ja, versprach ich keuchend und krallte mich an den Stuhl.
He, nicht so grob, wir brauchen ihn lebend, scherzte Chander und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie murmelte zornig, verzichtete jedoch darauf, mir weitere unnötigen Schmerzen zu bereiten. Ich wusste, dass sie nur um uns alle besorgt und darum so streng war, doch manchmal übertrieb sie es wirklich. Sie war schon über Zwanzig und ihr rechtes Bein verdunkelte sich von Tag zu Tag mehr, bis es schliesslich abgenommen werden müsste. Das war das Schicksal, welches alle Bewohner von Atlantis ereilte. Ich hoffte von ganzem Herzen, dass es irgendwann eine Möglichkeit geben würde, diesem erbärmlichen Tod zu entgehen.
Ann stand mühselig auf und Chander schlang seine Arme um sie. Ihr vor 2 Wochen noch winziger Bauch war bereits deutlich zu erkennen. Ich lächelte, glücklich. Liebe war hier ein Privileg, welches sich die wenigsten nehmen konnten, nur mit der persönlichen Erlaubnis von Matt war es gestattet, sich körperlich miteinander zu vereinen. Es war nicht ganz fair, doch eine notwendige Regel. Wir waren mit knapp siebzig Kindern schon ausgelastet und manchmal reichte es für die Jüngeren nicht einmal für eine zweite Mahlzeit. Ein Überschuss an Kleinkindern würde unser System zerstören. Ich verzichtete lieber darauf, ein Kind diesen Lebensbedingungen auszusetzen, denn ich war mir sicher, dass es in ein paar Jahren möglich ist, diese Stadt zu verlassen. Die Stadt Australia sollte den Bedingungen vor dem Seuchekrieg ähnlich sein. Ich kannte diese alte Welt aus Büchern. Ich konnte zwar nicht lesen, doch dieses Buch enthielt viele Bilder. Sie waren wunderschön, viele Gewächse zierten die Bilder, manchmal mit farbigen Büscheln. Es gab sie in so vielen verschiedenen Farben, deren Namen ich meistens nicht kannte. Nur eines der Bilder fand ich hässlich. Die Gebäude ragten bis in den Himmel und Hunderte dieser Metallriesen reihten sich auf der Strasse auf. Es ähnelte unserer Zeit zu sehr.
Ich fand erst den Weg in die Wirklichkeit zurück, als Ann mir die bis zum Rand gefüllte dampfenden Suppenschüssel in die Hände drückte.
Iss, sonst klappst du mir noch zusammen, drängte sie mich mit sanftem Tadel, du bist noch blasser als sonst. Ich nickte nur und nahm die Extraportion dankend an.
Gibt es etwas Interessantes?, fragte Chander, während er mich beim essen beobachtete.
Kyle. Ich weiss nicht was er vor hat, aber es klang nicht gerade beruhigend., nuschelte ich mit vollem Mund.
Ich verstehe nicht ganz
Es schien mir, als würde er mit dem Kommandanten verhandeln. Doch den genauen Inhalt der Verhandlung verstand ich nicht., erklärte ich. Den genauen Dialog würde ich erst Matt nennen, dessen Schritte ich bereits durch die Gänge hallen hörte.
Ach so....du lässt langsam nach, was?, grinste Chander und boxte mich freundschaftlich gegen die rechte Schulter. Unter der Linken befand sich noch immer ein dicker Verband, welcher eine grässliche Schürfwunde verdeckte. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern genoss dieses wohlige Wärmegefühl in meinem Bauch, die mich ganz schläfrig machte. Ein unüberhörbares, für meine empfindlichen Sinne nachhaltig dröhnendes, lautes Poltern riss mich jäh aus meiner Zufriedenheit.
Verflucht, hier steckst du!, rief Matt erbost und schüttelte seine Locken aus seinem Gesicht.
Lass ihn doch erst einmal wieder zu Kräften kommen!, schalt ihn Ann zornig und fuchtelte mit der Kelle vor seinem Gesicht herum. Ich grinste amüsiert, denn es wagte viel zu selten Matt vor den Kopf zu stossen. Er starrte sie erst entgeistert an, räusperte sich dann aber, um Autorität bemüht
Dein Bericht?, fragte er steif und wirkte dabei doch ein wenig lächerlich mit seinen geröteten Wangen und dem irritierten Blick, der noch immer an Ann hing. Erstaunlich, wie leicht unser Oberhaupt sich aus der Fassung bringen lässt.
Es war bereits düster als ich plötzlich Kyle hörte-
Kyle?!, unterbrach mich Matt und Ann funkelte ihn wütend an.
Ja, Kyle. Er hatte sich freiwillig gestellt, um etwas zurück zu verlangen, aber ich weiss nicht, um was es sich dabei handelte. Sie stritten eine ganze Weile, da der Kommandant etwas haben wollte, was Kyle ihm nicht geben konnte. Erst wollte er, dass Kyle ihm den genauen Standort unserer Festung nannte, doch er weigerte sich. Danach verlangte er die Auslieferung einer bestimmten Person., ich hielt inne, nicht sicher, ob es klug war, die Wahrheit zu sagen. Matt beobachtete mich und das schweigen, welches sich im Raum ausbreitete, behagte mir nicht.
Wer?, fragte Chander schliesslich.
Den Jungen, der sie immerzu aus einer grossen Entfernung belauschte und mit dessen Hilfe ihre Züge vereitelt werden konnten, also mich., teilte ich ihm mit. Ich hörte deutlich das zittern in meiner Stimme und blickte auf die leere Schüssel, um Matt nicht ansehen zu müssen.
Ha! Was denken sie sich eigentlich?! Als ob ich einen meiner besten Leute kampflos ausliefern würde! Kommt nicht in Frage! Ich bin nicht verantwortlich für Kyles Fehler., ereiferte sich Matt und sein Gesicht verfärbte sich in ein ungesund aussehendes Rot.
Sie wissen ja nicht, wie Rain aussieht. Ausserdem hat Kyle keine Ahnung, wen genau sie meinen, warf Chander in den Raum. Ann nickte, stellte sich hinter mich und legte ihre Hände auf meine Schultern.
Matts Gesicht verlor an Farbe und er setzte sich auf einen Stuhl.
Ein Trupp von etwa 40 Soldaten ist auf direktem Weg hierher, in Begleitung von Kyle., teilte ich ihnen mit und lehnte mich zurück um mein Bein entlasten zu können.
Wie lange brauchen sie noch?, fragte Matt monoton.
In diesem Tempo etwa noch eine halbe Stunde, meinte ich abfällig. Ich hätte, ohne angeben zu wollen, gerade mal eine halbe Minute für diese Strecke gebraucht. Wenn ich rannte dauerte es etwa eine viertel Stunde, während die Soldaten 15 Stunden dafür brauchten, denn der Weg war unwegsam und mühselig. Immer wieder musste man über zerstörte Häuser klettern oder über tiefe Gräben springen.
Verdammte...., brach Matt ab, nach einem Blick zu Ann, und schlug stattdessen mit der Faust auf den Tisch.
Locken wir sie in einen Hinterhalt!, schlug Chander begeistert vor. Ich schüttelte den Kopf.
Sie haben diese Metallwaffen bei sich. Ich höre sie schon die ganze Zeit. Wir werden sie nicht zurück schlagen können., meinte ich ruhig. Anns Finger verkrampften sich und bohrten sich durch den Stoff in meine Haut. Unsere Lage war verzwickt. Sie würden die Eingänge nicht finden, dabei konnte Kyle ihnen nicht helfen. Doch sie könnten uns belagern.
Ich werde gehen, beschloss ich, mehr für mich selbst, und hob den Kopf. Matts Augen funkelten wütend und erneut färbten sich seine Wangen rot. Nun, er war eben ein Hitzkopf.
Auf keinen Fall, knurrt er wütend. Entschlossen verschränkte ich die Arme. Es war die einfachste Lösung, Matt wusste es genauso gut wie ich. Und er würde mir nachgeben.
Rain..., murmelte Chander abwesend und starrte auf den Tisch.
Das brauchst du nicht zu tun, flüsterte Ann heiser. Ich seufzte.
Besser ich als wir alle, antwortete ich und stand auf. Ann schlang ihre Arme um mich und eilte zurück um den Jungs neue Anweisungen im Kartoffelschälen zu geben. Auch Matt und Chander erhoben sich.
Mir kam das alles so surreal vor.