Das Tor zur neuen Welt (2)

Dencarion

Rare-Mob
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12.06.2006
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Myrr und ich grinsten uns an. Die kleine Allianz-Gruppe lag im Dreck und stellte für unsere Kämpfer vorerst keine Gefahr mehr da. Bulljin und Lilium betraten die oberste Plattform des Turms. Bulljin grinste breit, und außer einem Blutfleck und einem kleinen riß in seiner Robe, war nichts mehr von seiner Verletzung zu erkennen. Lilium hatte, wie immer, gute Arbeit geleistet. Wir zwinkerten uns zu, und drehten uns wieder der Schlacht zu.
„Mist!“
Myrr deutete nach Westen, wo ein Pfad den Hügel hinauf führte, direkt auf den Turm zu.
„Wir bekommen Gesellschaft“
Mit diesen Worten drehte er sich um, und rannte die Treppe hinunter.
Auf dem Pfad erkannte ich fünf Gestalten, die in Richtung des Turms ritten. Pamram schickte sofort seinen Sherman hinunter, um die gegnerischen Kämpfer abzufangen. Ein kurzer Blick nach unten, und ich erkannte einen zwergischen Paladin, auf einem gewaltigen Kampfwidder.
„Schnapp ihn Dir mein Großer“
Elvenshrek blickte kurz zu mir auf, und sprintete dann, mit einem lauten Knurren, die Turmtreppe hinunter, dem Paladin entgegen.
Ein weiterer Kampf begann.
Bulljin schleuderte den Angreifern gewaltige Flammenkugeln entgegen, Pamram und ich deckten sie mit einem wahren Hagel aus Pfeilen ein, während sich Myrr, Sherman und Elvenshrek mitten in die Angreifer stürzten. Unterdessen stand Lilium neben uns und schirmte Myrr ab. Für jeden Schlag den Myrr einstecken mußte, schickte sie ihre heilenden Zauber hinunter, und gab ihm neue Kraft. Der Paladin, der mit Elvenshrek kämpfte, und von mir mit Pfeilen gespickt wurde stolperte, schnell schützte er sich mit einem magischen Schild, den keiner meiner Pfeile durchdringen konnte.
Ich fluchte leise vor mich hin; das konnte etwas länger dauern. Auch Sherman, der mit zwei Gegnern kämpfte, mußte zurückweichen. Die Angriffe wurden selbst für seinen Panzer zu stark.
Doch bevor es zu spät war, wurde auch er von Liliums Heilzauber eingehüllt, und er konnte mit neuer Energie seine Feinde angreifen.
Myrr hatte seinen ersten Gegner niedergestreckt, und eilte nun Elvenshrek zur Seite. Er hieb sein Schwert auf die Schulter des Paladins. Der magische Schild des Zwergs zerbarst, und meine Pfeile und Elvenshreks Hiebe trafen ihn wieder. Der Zwerg wandte sich Myrr zu, und versuchte die Schläge des Kriegers, der immer wieder von Lilium geheilt wurde, abzuwehren. Siegessicher spannte ich einen weiteren Bolzen in meine Armbrust, als ein Röcheln neben mir ertönte.
Ich drehte mich um und erstarte.
Mit schreckgeweiteten Augen und starr durchgedrücktem Rücken stand Lilium da, die eine Hand noch ausgesteckt, tastete die andere in ihren Rücken. Ein vergifteter Dolch hatte sie in den Rücken getroffen, und sie konnte sich vor Schmerz und Pein nicht bewegen.
Nun sah ich auch den Schurken, der am Treppenaufgang, hinter Lilium stand, und gerade zum zweiten Stoß ausholte.
Mein schnell auf ihn abgefeuerter Bolzen verfehlte ihn.
Keine Zeit nachzuladen.
Ich zog meine beiden Dolche und sprang mit einem Schrei auf ihn zu.
Mein Schrei verwirrte ihn.
Kurz.
Sofort ließ er von Lilium ab, und drehte sich mir zu. Mühelos wehrte er meinen ersten Angriff ab und ging, noch in derselben Bewegung, in den Gegenangriff über. Sein Dolch traf mich am Oberarm, rutschte an den Armschienen entlang, und drang schließlich direkt unter der Rüstung meiner Drachenschultern ein. Ich spürte den Schmerz fast gar nicht, und versuchte meinerseits seine Deckung zu durchdringen. Dann spürte ich plötzlich die Kälte und Taubheit in meinem Arm. Der Dolch war vergiftet!
Wieder griff der Schurke an, und traf mich am Oberschenkel. Ich strauchelte, und brennende Schmerzen breiteten sich in meinem Bein aus. Ich konnte kaum das Gleichgewicht halten. Die Maske vor dem Gesicht des Schurken lies nur die Augen frei, doch nun war klar zu erkennen, wie der Schurke lächelte – er war sich seines Sieges sicher.
Wieder schoß der Dolch auf mich zu und ich parierte, doch es war nur eine Finte. Mühelos bückte sich der Schurke unter meinem hochgerissenen Arm durch und stieß seinen zweiten Dolch in meine Brust.
Ich schnappte nach Luft, Tränen traten in meine Augen. Der Schmerz war unerträglich. Ich wurde immer schwächer, und ich fiel zu Boden.
Der Schurke richtete sich auf und blickte mit kalten Augen auf mich hinab. Hilflos lag ich da, und spürte wie mein Körper immer schwächer wurde. Der Schurke kniff die Augen etwas zusammen, anscheinend beurteilte er ob ich noch einen Stoss benötigte, oder ob die Wunden wohl genügten.
Plötzlich riß er vor Schreck die Augen auf.
Bulljin hatte sich dem Schurken zugewandt, und begann ihn mit Flammenbällen zu belegen. Von Pein geschüttelt versuchte der Schurke nun Bulljin anzugreifen, doch der wich ihm geschickt aus. Ein weiterer Feuerzauber traf den Schurken, doch der folgte Bulljin weiter über die Plattform des Turms. Da traf ihn ein Blitz in den Rücken.
Lilium hatte sich soweit erholt und geheilt, daß sie den Schurken mit ihrem Zauberstab angreifen konnte.
Von meiner Dolchwunde und Bulljins Flammen geschwächt, hatte der Schurke keine Chance mehr, als ihn der zweite Blitz traf. Er fiel zu Boden, und hauchte seinen Atem aus.
Lilium eilte sofort an meine Seite, und begann mich mit heilenden Zaubern einzuhüllen. Bulljin schaute kurz zu mir, machte eine aufmunternde Geste, und drehte sich wieder dem unten am Fuße des Turms wogenden Kampf zu.
Als die Schmerzen soweit nachließen, daß ich wieder ruhig atmen und klar sehen konnte sagte ich:
„Danke Lilium, ich komme zurecht. Hilf den Anderen.“
Lilium nickte mir kurz zu und wandte sich dann auch dem Kampf am Boden zu. Ich kramte aus meiner Tasche einen starken Heil- und Stärkungstrank, und führte ihn mit zitternden Händen an meine Lippen. Er schmeckte schrecklich bitter, doch seine wohlige Wärme breitete sich blitzschnell in meinem gesamten Körper aus. Sofort kehrte die alte Stärke zurück, und ich fühlte mich wieder gesund und kräftig.
Obwohl meine Beine noch etwas zittrig waren richtete ich mich auf, und hob meine Armbrust wieder auf. Vom Rand der Plattform schaute ich nach unten.
Der letzte gegnerische Kämpfer, ein Druide in seiner Bärenform wehrte sich verzweifelt. Seine Kameraden lagen leblos neben ihm, und da nun Myrr, Sherman und Elvenshrek gemeinsam auf ihn eindrangen, erlag auch er binnen Sekunden und fiel.
Erschöpft drehe sich Myrr zu uns um gab uns ein Siegeszeichen, und untersuchte dann die Gefallenen um ihn herum. Lilium betrachtete noch einmal meine Wunden und nickte dann zufrieden. Wieder hatten wir einen Sieg davon getragen.
Ich hörte das Klappern von Stiefeln auf den Treppen und drehte mich. Durch den Treppenaufgang betrat eine junge Schamanin den Turm.
Die Trollin nickte uns grüßend zu.
„Hallo Smokefist“

***

Die Schamanin trat an den Rand der Plattform und schaute nach unten. Sie nickte anerkennend, als sie die gefallenen Allianzkämpfer rund um Myrr sah.
„Es schein als hättet ihr Spaß gehabt hier oben.“
„Ooch, hier oben war recht ruhig, Myrr da unten hatte den ganzen Spaߓ sprach Lilium, und schob ihre Unterlippe vor, als wäre sie beleidigt.
Smokefist hob ihre linke Augenbraue, und lief hinter Lilium, neigte den Kopf und betrachtete den noch giftverschmierten riß in Liliums Robe.
„Hmm, scheint wirklich sehr langweilig gewesen zu sein“
Ich Blick wanderte zu Bulljin Schulter, und dann weiter zu meinem Oberschenkel, und schließlich dem riß in meinem Kettenhemd. Mit einem süffisanten Grinsen nickte sie, während wir versuchten möglichst unschuldig in die Luft zu schauen. Pamram konnte nicht länger an sich halten, und er mußte glucksen – was sich bei einem Tauren schon recht eigenartig anhörte, geradeso als rolle ein mit Wasser und Steinen gefülltes Faß einen Berg hinunter – worauf auch das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte, und es sich mit einem lauten Prusten befreite.
Sofort stimmten alle in das Gelächter ein, und wir begannen Smokefist von unseren Kämpfen zu erzählen.
Gebannt hörte sie uns zu, und schnalzte mitfühlend mit der Zunge, als sie von Bulljins Pfeilwunde hörte. Ihre Augen wurden immer größer, und sicher fragte sie sich insgeheim, ob wir ihr nicht etwa Soldatengespinnst woben, und schamlos übertrieben. Doch als wir von dem Schurken und seinem vergifteten Dolch in Liliums Rücken erzählten sog sie laut die Luft ein, die sie erst mit einem lauten Zischen entweichen ließ, als sie hörte wie der Schurke zu Boden ging.
Dann schüttelte sie ungläubig den Kopf.
„Ich habe den ganzen Spaß verpaßt. Ursharok hatte mich zum Sammeln von Holz und Steinen verdonnert.“
Zornig stemmt sie die Fäuste in die Hüften.
„Und während ich in diesem blöden Wald herumgestolpert bin, mit einem Stapel Holz unter dem Arm, durftet ihr euch mit der Allianz kloppen. Das ist nicht fair!“
Pamram klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter, worauf sie erst einmal einen Schritt nach vorne stolperte.
„Ach komm schon. Die Nächsten teilen wir mit dir.“
Wir alle nickten zustimmend in ihre Richtung. Und ich fragte sie:
„Seid ihr denn wenigstens mit dem Katapult fertig?“
Smokefist nickte und sagte:
„Ja, die Katapultbauer und eine Eskorte bringen die Maschine nach vorne, so daß sie das Tor beschießen können.“
Myrr, der mittlerweile wieder auf die Plattform getreten war, sagte darauf:
„Hey, das wird bestimmt lustig. Wenn die großen Brocken in das Tor schmettern.“
Und mit einem Zwinkern der Augen:
„Oder mitten in die Allianz rein.“
„Hehe, und wir haben hier oben einen tollen Platz, wir sehen alles“
Mit diesen Worten machte ich einer ausholenden Geste, die das Tal vor uns einschloß. Doch als ich mich weiter nach links drehte, runzelte ich die Stirn und meine Bewegung stockte.

***

Ibdavkii richtete sich stöhnend auf, und streckte seinen schmerzenden Rücken durch. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, und beugte sich dann wieder vor, und half seinen Kameraden das Katapult zu schieben. Den ganzen Vormittag hatten sie gehämmert und gesägt, gemessen und verbunden. Nun endlich war das Katapult einsatzbereit. Ein echtes Meisterwerk zwergischer Maschinenbaukunst.
Neben ihnen Schritt die stolze Kriegerin, die die Eskorte befehligte. Ihr schwarzes Haar wehte in der leichten Brise und Ibdavkii rümpfte die Nase. Für Menschen sah sie bestimmt recht gut aus. Langes schwarzes Haar, dunkle Haut, lange, kräftige Beine. Und sicher duftete ihre Haut nach Rosen – bäh! Es gab nur zwei Dinge an der Kriegerin, die Ibdavkii gefielen: ihre stahlblauen Augen, die ständig in Bewegung waren und wachsam die Gegend beobachteten, und die dicke, lange Narbe, die von ihrer rechten Schläfe, über die Wange, bis fast hinunter zu ihrem Hals verlief. Die Narbe war gezackt und hatte einen leicht grünlichen Schimmer. Ibdavkii hatte schon einige seiner Zwergenkammeraden mit ähnlichen Narben gesehen, er wußte wie eine solche Narbe entstand. Nur in den tiefen Stollen unter Dun Baldar, dort wo die Zwerge die seltensten Edelsteine, und wertvollsten Metalle schürften, hauste die Kreatur, deren giftige Zangen solche Narben verursachten.
Ibdavkii lief ein Schauer des Ekels über den Rücken, als er an die Drachenspinne dachte. Nur die mutigsten und geschicktesten Zwergenkrieger wagten sich in einen Kampf mit dieser Kreatur. Ganz offensichtlich hatte sich Riona nicht nur dem Kampf gestellt, nein, die Kette um ihren Hals zeigte auch ganz deutlich, daß sie diesen Kampf gewonnen hatte. Er versuchte aus den Augenwinkeln einen genaueren Blick darauf zu werfen, ohne sie allzu offensichtlich anzustarren. Die Kette selbst bestand aus den roten Schuppenspitzen des Drachkinoberkörpers, verbunden mit den acht Enden der Skorpidbeine, und in der Mitte befand sich, wie ein Medallion, eine Chelicere des Spinnenkopfes. Aus der Größe der Chelicere, die fast so lang war wie Ibdavkii’s Unterarm, folgerte er, daß diese eine Drachenspinne ein wirklich großes Exemplar gewesen sein mußte.
Naja, aber sicher war ihre Haut ganz glatt und seidenweich. Bei diesem Gedanken wurde ihm fast übel vor Ekel, und nach einem weiteren Blick zu Riona, war er sich ganz sicher, daß sie fast komplett ohne Körperbehaarung war. Wie konnte man so etwas nur attraktiv finden? Ein Wesen, dessen Haut unbehaart war, erinnerte ihn immer an einen Wurm. Bleich, glatt, haarlos.
Ibdavkii mußte zwar zugeben, daß diese Riona wirklich wenig mit einem Wurm gemein hatte, aber er konnte es einfach nicht verstehen, daß Orix, der menschliche Schurke, der zu ihrer Eskorte gehörte, seine Augen nicht von ihr nehmen konnte. Auch Zintal, die Nachtelfe, die die Eskorte vervollständigte, schein dies schon bemerkt zu haben. Ibdavkii hatte den spöttischen Gesichtsausdruck der Jägerin bemerkt. Auch jetzt ließ sie ihre Augen von Orix zu Riona und wieder zurück wandern, und wandte sich dann mit leichtem Kopfschütteln ab. Dabei traf ihr Blick kurz den von Ibdavkii. Sie blickte ihm in die Augen, runzelte kurz die Stirn, und wandte ihren Blick dann wieder ab, um weiter die Gegend um sie herum zu beobachten.
Wobei; was so eine hochnäsige Elfe dachte, konnte ihm, dem großen Katapultbauer und Maschinenführer ja wirklich egal sein. Und das Urteil einer Elfe, mußte ja schon zwangsläufig falsch sein. Er runzelte die Stirn, denn irgendwie schienen sich seine Argumente gerade etwas zu widersprechen. Ach, das war egal. Was zählte war das Katapult.
Aber es war wirklich mühsam, das große Katapult von ihrem Bauplatz nach vorne, an die Front zu bringen. Er wünschte sich, sie hätten einige Zugtiere dabei, die sie sonst bei solchen Kampfmaschinen benutzten. Aber zum einen waren die Tiere noch nicht hier auf der Scherbenwelt eingetroffen, und zum anderen war der Pfad, über den sie nun das Katapult schoben, viel zu holperig. Naja, nun mußten sich also Ibdavkii und seine fünf Katapultbauer mit der der Maschine abmühen. Aber wenn sie erst einmal an der Front eintrafen, würden sie es diesen Primitiven von der Horde schon zeigen. Wenn die ersten Gesteinsbrocken in das Tor einschlugen, würde die Horde schon wissen, daß mit ihnen nicht zu spaßen war.
Langsam öffnete sich der Hohlweg, und begann den Blick auf das Tal vor ihnen freizugeben. Rechts erkannte er einen Pfad, der sich den Hügel hochwand. Doch geradeaus, sah er, am Ende des Talkessels, das Tor. Unheimlich ragte es dort oben auf, und als Zwerg konnte er nicht anders, als die architektonische Kunst der Baumeister zu bewundern. Die Ausstrahlung war düster und einschüchternd. Einfach perfekt für eine Bastion. Sein Blick wurde so von der Bastion gefesselt, daß er gar nicht bemerkte wie Riona die Hand hob und sie zum Anhalten aufforderte.

***

„Schaut mal da rüber.“
Ich zeigte nach Westen, wo auf dem Pfad, der unten am Hügel entlang in den Talkessel führte, eine Gruppe von Zwergen, begleitet von einer dreiköpfigen Eskorte, ein großes, zwergisches Katapult schob.
„Wir sind wohl nicht die Einzigen, die das Tor mit schweren Waffen knacken wollen.“
Smokefist verschränkte beleidigt die Arme vor ihrer Brust, und tippte ungeduldig mit ihrem rechten Fuß.
„Und nun? Wollen wir uns das gefallen lassen?“
Pamram schaute in die Runde und sagte schließlich:
„Es sind nur drei.“
Er nickte nochmals um Bestätigung heischend, bevor er fortfuhr:
„Wir sollten einfach dort runter reiten, die Eskorte ausschalten, und dann Kleinholz aus dem Zwergenspielzeug machen!“
Sofort konnte ich das begeisterte Glühen in Liliums Augen ausmachen. Sie wurde mal wieder ihrem Ruf gerecht, keinem Ärger mit Allianzlern aus dem Weg zu gehen. Auch Bulljin hatte bereits ein ziemlich breites Grinsen im Gesicht, während Myrr regelrecht mit den Hufen scharrte. Resigniert hob ich die Augenbrauen – was sollte man da schon anderes tun?
Ein kurzer Blick in die Runde, der von allen bestätigend erwidert wurde.
„Also gut, dann wollen wir mal.“
Unter lautem Trampeln und Trappeln stürmten wir die Treppe des Turms hinunter, allen voran Elvenshrek, der wohl witterte, daß es wieder losging. Nur am Ende der Gruppe ging es etwas gemächlicher zu, da sich Sherman erst durch die Öffnung des Treppenaufgangs zwängen mußte. Zwar bewegte er sich vorsichtig, doch auf der fünften oder sechsten Stufe passierte es:
Seine kurzen Beine verfehlten die Stufe, er verlor die Balance, das Gewicht der Panzers schob von hinten weiter, er wackelte kurz, dann zog er hurtig Kopf und Füße ein, und ein lautes Rumpeln ertönte.
Als ich nach oben schaute, sah ich Smokefist, der mit einem lauten, lang gezogenem „Aaachtung“ an mir vorbei nach unten flog. Dann sprangen auch schon Myrr und Lilium von der Treppe direkt nach unten. Bulljin vor mir beschleunigte einfach, und nahm nun drei Stufen auf einmal bei jedem Schritt. Hinter mir stöhnte Pamram:
„Oh Sherman, was machst du nur?“
Er klopfte mir auf die Schulter und sagte dann, bevor er selbst sprang:
„Du solltest lieber auch springen. Da kommt ein schwerer Panzer!“
Ich schaute über die Schulter nach hinten, und wäre vor Schreck beinahe gestolpert. Von hinten kam Sherman die Treppe herunter, wie eine Lawine. Obwohl er den Kopf eingezogen hatte, könnte man ein lautes, lang gezogenes Quieken hören, während er, immer schneller werdend, die Stufen der Turms herunter schlitterte. Gelegentlich stieß er an die Außenwand, doch dies schien ihn nicht wirklich zu verlangsamen, auch wenn es jedes Mal laut rumpelte. Da Sherman immer näher kam, blieb mir tatsächlich nichts anderes übrig als zu springen, und so legte ich die letzten Meter nach unten, im freien Flug zurück, und landete mit einem lauten Keuchen unten auf dem Turmboden, wo sich Lilium, Myrr und Pamram gerade aufrappelten. Bulljin machte einen langen Satz, überwand die letzten zehn Stufen, und landete vor Liliums Füßen.
Fast im selben Moment hatte auch Shermans schlitternder Panzer das Ende der Treppe erreicht, prallte mit rauhem Knirschen auf dem Boden auf, und rutschte, noch immer quiekend, weiter, bis er schließlich, mit einem lauten Knall, in die Turmwand krachte.

***

Elvenshrek trat vorsichtig schnuppernd nach vorne, eine Pfote leicht angewinkelt, den Schwan_z waagerecht nach hinten ausgestreckt. Doch da Sherman noch immer in eine Staubwolke gehüllt war, mußte er niesen, und trat kopfschüttelnd einen Schritt zurück. Unterdessen traten wir alle, mit den Händen den Staub vor unseren Nasen wegwedelnd, näher.
„Sherman?“
Pamram kniete sich neben seinem Begleiter nieder und legte seine Hand auf dessen Panzer. Er schloß kurz die Augen, dann sah er zu uns auf und sagte lächelnd:
„Er ist in Ordnung, nur etwas durchgeschüttelt – und wohl auch ziemlich verlegen.“
Er kramte in seiner Gürteltasche und zog einen großen, braunen Königsboletus hervor. Diesen hielt er vor Shermans Kopföffnung im Panzer.
„Na komm schon. Wir müssen los, dort unten warten Gegner auf uns.“
Er schaute uns entschuldigend an, und zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht solltet ihr schon einmal vorgehen, wir kommen sofort nach.“
Mit diesen Worten wandte er sich wieder um und versuchte Sherman zum Hervorkommen zu bewegen.
Schnell ergriff Lilium das Wort:
„Na dann los. Die sind sonst schon weiter gezogen, und wir müssen ihnen ewig hinterher reiten.“
Sprach’s und rannte hinaus, wo sie sich ihren Frostwolf schnappte und schnell aufsaß. Wir folgen ihr und saßen ebenfalls auf.
Ein kurzer Blick in die Runde, und gerade als ich das Zeichen zum Losreiten geben wollte kam auch Pamram aus dem Turm. Er lächelte kurz etwas verlegen, und bestieg dann seinen gewaltigen Kriegskodo. Als Sherman auch aus dem Turm gestapft kam, unterdrückte ich ein Grinsen und drehte mich wieder zu den Anderen um.
„Los geht’s“
Gemeinsam stürmten wir im Galopp den Hügel hinunter, geradewegs auf das Katapult und seine Eskorte zu. Immer schneller wurden wir, tief über den Rücken meines Frostwolfs gebeugt schaute ich nach vorne, der Wind brachte Tränen in meine Augen. Die Kämpfer um das Katapult hatten uns bemerkt und begaben sich in Verteidigungsstellung. Ich erkannte einen Schurken, der gerade versuchte sich ein Stück weg zu schleichen. Ich riß die Zügel zurück, und noch bevor der Wolf zum stehen kam, sprang ich ab. Ich gab Elvenshrek ein Zeichen und hetzte ihn auf den Schurken, bevor er sich verstecken konnte.
„Schnapp ihn Dir!“
Mit lautem Knurren stürmte die Katze los. Ich legte einen Giftbolzen in die Armbrust und zielte auf den Schurken. Auch die Anderen waren nun abgesprungen und gingen in den Angriff über. Sherman rannte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, nach vorne und begann die elfische Jägerin zu attackieren. Myrr ging direkt in den Nahkampf mit der Kriegerin, einer langbeinigen Menschenfrau, mit langem schwarzem Haar, und einer ziemlich häßlichen Narbe im Gesicht. Lilium begann sofort Heilzauber zu wirken, während Bulljin Feuerschläge auf die Kriegerin schoß. Auch Smokefist wollte gerade nach vorne stürmen, als plötzlich die Eule der Nachtelfe auf Lilium zuflog und sie angriff. Mit schrillem Kreischen und einem schnellen Sturzflug drang sie auf Lilium ein, und störte sie beim Zaubern. Smokefist eilte an ihre Seite schlug nach der Eule.
Federn flogen.
Mein zweiter Bolzen flog auf den Schurken zu, der verzweifelt versuchte die Bisse und Schläge von Elvenshrek abzuwehren. Da bemerkte ich zu meinem Entsetzen, daß die sechs Zwerge, die bisher das Katapult geschoben hatten, gewaltige Hämmer aus ihren Gürteln zogen, und ebenfalls in den Kampf eingriffen.
Zwerge! Dieses kleine, hinterhältige Volk, das ständig in den Eingeweiden der Erde grub, um seine gierigen, dicken Finger an die Schätze der Natur zu legen. Ich haßte sie!
Und nun mischten sich diese kleinen, haarigen Muskelberge, mit ihren ekelhaften und verfilzten Bärten in unseren Kampf ein.
Ich wurde wütend als zwei dieser häßlichen Kreaturen auf Myrr losgingen, und mit ihren Hämmern auf ihn einschlugen. Zwei weitere Zwerge gingen auf Sherman los, und schlugen ihre Waffen auf seinen Panzer. Ein Zwerg ging nun auf Elvenshrek los, während der sechste, ein besonders häßliches, rothaariges Exemplar vorstürmte und Smokefist angriff, die gerade die Eule der Elfe erledigt hatte.
Ich legte schnell mehrere Bolzen auf einmal in die Armbrust, und schoß eine ganze Salve von Bolzen in die kämpfende Menge. Ein weiterer Bolzen, sorgfältig auf den Schurken gezielt, zischte davon, und traf den Schurken direkt zwischen die Augen. Sofort sackte er zusammen und fiel unter das Katapult.
Elvenshrek wandte sich nun dem Zwerg zu, der nach wie vor mit seinem Hammer auf ihn einschlug. Elvenshrek war verletzt, und sein Fell war total verklebt vom vielen Blut. Ich konnte nicht erkennen wie viel davon sein Eigenes war, aber ich sah genau, daß er schwer angeschlagen war. Ich mußte ihm unbedingt helfen. Meine Armbrust schickte Bolzen über Bolzen gegen den Zwerg.
Diese elendige kleine Kreatur wollte nicht von meinem Elvenshrek ablassen!
Ich kam ins Schwitzen, und das Adrenalin rauschte in meinen Ohren. Ein weiterer Bolzen traf den Zwerg in seinen Rücken. Endlich ging er zu Boden.
Elvenshrek kam auf mich zu gehumpelt und bot einen jämmerlichen Eindruck. Den Kampf um mich herum vergessend, gab ich ihm eine gebratene Wachtel, die er dankbar entgegen nahm, und begann seine Wunden zu verbinden und einen kleinen Heilzauber zu wirken.
Da ertönte ein schrecklicher Schrei.
Bevor ich etwas unternehmen konnte war diese Kriegerin über mir.
Ihr flammendes Schwert sauste herunter.
Verzweifelt wehrte ich ihren Schlag mit meinem Dolch ab.
Die Wucht des Schlages war so gewaltig, daß die Klinge meines Dolches fast zersplitterte.
Der Schmerz drang durch meinen Arm bis hinauf in die Schulter.
Wütend ging Elvenshrek auf die Kriegerin los.
Elvenshrek ignorierend hob sie wieder das Schwert zum Angriff.
Obwohl mein rechter Arm noch immer schmerzte, und fast taub war hob ich den Dolch und ging in Verteidigungsstellung.
Angst erfaßte mich.
Elvenshrek Biß, riß und zerrte an der Kriegerin, doch ihr kalter Blick blieb auf mich geheftet.
Verzweifelt duckte ich mich.
Die Klinge sauste herunter.
Ich versuchte auf die Seite zu springen.
Eine Finte!
In der Bewegung riß die Kriegerin die Klinge herum.
Meine linke Hand hob den Dolch zur Abwehr.
Zu spät.
Das Schwert drückte den Dolch mühelos zur Seite.
Der Schmerz war unfaßbar.
Die Klinge trat in meinen Hals.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Ich hörte Elvenshrek jaulen.
Ich bekam keine Luft.
Ich war nur noch Schmerz.
Glühend.
Rot.
Stille.
Tot.
 
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