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Tage später kam für Soyala die Zeit um aufzubrechen. Noch lange waren sie und Seherin Rabenfeder in der Nacht von Soyalas Erwählung durch die Ahnen zusammen gesessen und hatten das Ereignis durchgesprochen.
Rabenfeder wies den Dorfbäcker an für den Reiseproviant zu sorgen und viele der Bewohner kamen, um Soyala nützliche Geschenke zu überreichen, die sie vielleicht gebrauchen konnte. Großmutter Falkenwind brachte ihr einen besonders warmen Mantel aus hellem Rentierfell und zerdrückte ein paar kleine Tränen im Augenwinkel. Soyala selbst war zwischenzeitlich nicht mehr als ein aufgeregtes, nervöses Bündel Kuh. Ein paar der älteren Frauen des Stammes versuchten bereits seit einiger Zeit ihre Mähne in ordentliche Zöpfe zu legen, aber Soyala sprang immer wieder auf, um ihre Reisetaschen zu durchsuchen und gegebenenfalls den Inhalt neu zu sortieren. Sie würde niemals wagen, laut über diesen „Irrtum“ den die Ahnen offensichtlich gemacht hatten zu sprechen, ihre Gedanken allerdings liefen ungefähr auf das selbe hinaus.
Als die Frauen es endlich geschafft hatten, Soyalas Haar zu ordnen, ihr das einfache Reisekleid über zu stülpen und ihr den Mantel auf die Schultern zu legen, hob sich das Fell, das den Eingang zu Soyalas Hütte bedeckte und Häuptling Falkenwind schob den mächtigen Kopf zur Öffnung herein. Zwischen seinen Hörnern sitzend trug er den aufwändigsten Kopfputz, den er besaß. Mit einer Geste der Hand bat er Soyala vor die Türe. Als die junge Taure hinaustrat, standen alle Bewohner des Dorfes auf dem großen Hauptplatz. Die Krieger waren ebenfalls geschmückt, hatten ihre besten Rüstungen an und jeder trug seinen wertvollsten Kopfschmuck.
Die Frauen waren in ihre hübschesten Gewänder gekleidet und hatten sich kostbare Perlen aus verschiedenen Edelsteinen auf ihre Haare gezogen. Häuptling Falkenwind stand mitten unter ihnen, flankiert von zwei bewaffneten Wachen, die Soyala nur flüchtig kannte, da sie sich meistens auf Patrouille durch das umliegende Land befanden. Mit Schrecken, Ehrfurcht und ein wenig Rührung gewahrte sie, dass dieser ganze Auflauf nur ihr galt, jeder wollte sie verabschieden, ehe sie auf ihre große Reise ging. Schüchtern trat sie nach vorne. Der mächtige Tauren-Häuptling räusperte sich.
»Liebes Kind. Als Du vor Jahren zu uns kamst, hätte niemand es für möglich gehalten, daß der Clan der Bären eines Tages wieder voller Stolz eine Auserwählte von Mutter Erde nach Donnerfels schicken dürfte. Kinder der Natur sind selten geworden in diesen schweren Jahren des Blutvergießens und unsere Hoffnung liegt auf jedem von ihnen. Vielleicht wirst du deinen Weg alleine gehen müssen, vielleicht wirst du in Donnerfels auch andere Auserwählte treffen, die dein Schicksal teilen, aber immer sollst du daran denken, daß alle unsere Wünsche jederzeit mit dir sind. Jeder hier wird für dich beten und ich selbst werde deine Ausbildung mit Interesse beobachten.«
Er wies auf die beiden Wächter neben sich.
»Diese beiden hier, Torak Schnellhuf und sein Sohn Rendan, werden dich nach Donnerfels begleiten, damit kein Feind deinen Weg stört. Viele werden Dir nach dem Leben trachten, so wie sie nach jedem Leben eines Auserwählten der Erde trachten, denn ist deine Ausbildung erst einmal beendet, wirst du eine mächtige Frau sein. Torak wird zu uns zurückkehren, denn ich kann auf seine Pflichten hier an den Grenzen von
Mulgore nicht verzichten. Rendan jedoch wird seine Dienste in deine Hände legen und dich begleiten, wohin du auch gehen wirst.«
Der Häuptling schnaubte bekräftigend während Soyala unter ihren langen Wimpern her einen prüfenden Blick auf die beiden Wächter warf, wofür sie mit einem unverschämten Grinsen von Rendan beschenkt wurde. Schnell sah sie wieder weg. Rabenfeder war in der Zwischenzeit an die Seite des Häuptlings getreten, in ihren Händen einen langen, kostbar gearbeiteten Holzstab, den sie Soyala entgegen hielt.
»Nimm dies, als Zeichen deines neuen Status. Er wurde extra für dich gefertigt und mit allen guten Zaubern unserer Ahnen belegt. Möge er dir gute Dienste leisten und dich in heiklen Situationen beschützen. Sei demütig zu deinen Lehrern und befolge ihre Anweisungen.«
Soyala nahm den Stab an sich und drehte ihn in den Händen. Er war glatt poliert, sicher tausende Male geschliffen, bis er so glänzte und die eingekerbten Zeichen überzogen ihn nahezu vollständig. An einigen Stellen war er mit Lederbändern umwickelt, damit ihre Hände dort einen festen Griff hatten und sein oberes Ende zierte ein großer grüner Edelstein, der dort befestigt war. Soyala verneigte sich dankbar vor der Seherin und ihrem Ziehvater. Sie wußte nicht genau, was sie sagen sollte, aber sie vermutete, daß dies auch nicht weiter notwendig war. Ihre Taschen waren bereits von leiser Hand aus ihrem Zelt gebracht worden und wurden auch schon von Torak und Rendan umgehängt. Nur die Tasche mit ihren besonders persönlichen Gegenständen nahm Soyala selbst und ehe sie sich versah, war sie auch schon auf dem Weg, der aus dem Dorf hinaus führte. Hinter ihr folgten Torak und Rendan und die jubelnden Dorfbewohner, die ihr alle möglichen guten Grüße hinter her warfen.