Kapitel 2

Dryadris

Rare-Mob
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Es war der Morgen des zweiten Tages in Nordrend, als ich unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Nur wenige Stunde hatte ich im Land der Träume verbracht, auch wenn ich bereits früh zu Bett gegangen war. Die ganze Nacht über hatte man die Kanonenschläge dumpf in dem spartanisch eingerichteten Zimmer hören können und es war schwer gewesen, überhaupt zur Ruhe zu kommen. Ich hatte schon an vielen Schlachten teilgenommen und war wahrlich niemand, der einen besonderen Komfort benötigte, doch das was ich hier vorgefunden hatte, hatte alles bisherige in den Schatten gestellt. Das Bett war nicht mehr als ein aus morschem Holz zusammen gezimmertes Gestell, bei dem man bei jeder Bewegung das Gefühl hatte, es könnte jeden Moment zusammenbrechen. Auf dem Gestell lag ein mit Stroh gefülltes Stück grobes Leinen, von dem man vermuten konnte, dass es ursprünglich einmal dazu gedient hatte Kartoffeln oder ähnliches auf zu bewahren. Das Stroh stach durch das Leinen hindurch und roch, als hätte man es noch feucht in das Leinen eingenäht. Auch die Decke müffelte und ich wollte lieber nicht daran denken, auf wie viel Pferderücken sie wohl schon gelegen war. Alles hier im Hafen der Vergeltung schrie danach schnell errichtet worden zu sein. Zweckmäßigkeit hatte hier wohl die höchste Priorität erhalten, denn wie hätte man auch sonst diesen enormen Ansturm von Kämpfern bewältigen sollen? Jeden Tag kamen neue Kämpfer in Nordrend an, bereit ihr Leben für den Kampf gegen Arthas zu geben. Die meisten Kämpfer ritten noch am gleichen Tag weiter nach Nordrend hinein, während andere maximal für einen Tag hier im Hafen der Vergeltung blieben. Sie alle brauchten kein bequemes Bett oder gar eine ausgebaute Möglichkeit um der Hygiene nach zu gehen. Der Regen reichte den meisten als Körperpflege vollkommen aus.Ich erhob mich von meinem Lager, welches ich heute zum letzten Mal gesehen hatte und fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. Ich brauchte keinen Spiegel um zu wissen dass ich müde aussah, ich wusste es auch so. Mit den Fingern strich ich mir meine rötlichen Haare glatt, denn bei meinem Aufbruch hatte ich an alles gedacht, nur nicht an einen Kamm. Nicht dass ein solcher lebensnotwendig war, er war lediglich praktisch. Ja wir befanden uns im Krieg, aber deswegen musste man noch lange nicht einer Vogelscheuche auf dem Kornfeld Konkurrenz machen. Ich ging zu dem Stuhl über welchen ich am Abend zuvor meine Robe gelegt hatte. Viele Schlachten habe ich dafür schlagen müssen, ehe ich endlich in den Besitz dieses kostbaren Stückes gekommen war. Matt golden schimmerte der feine Stoff im schwachen Sonnenlicht, das durch die schmutzigen Fenster herein schien. Silberne Stickereien durchbrachen das Gold und wechselten sich mit violetten Stickereien ab. Es war eine Meisterleistung des Schneiderhandwerks und es musste Tage gedauert haben, ehe sie fertiggestellt gewesen war. Leicht strich ich mit den Fingerspitzen über den kühlen Stoff und Erinnerungsfetzen glitten vor meinem geistigen Auge vorbei. Erinnerungen an früher, an ein Leben von dem man gedacht hatte es in Frieden verbringen zu können. Die schweren Schlachten hinter sich lassen und einfach wieder das Leben in all seinen Facetten genießen zu können. Für wenige Wochen war es so gewesen, so wie man es sich immer erträumt hatte, doch dann holte einen die harte Realität wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Für jeden Feind den man besiegte, tauchte ein stärkerer, noch gefährlicherer Feind auf. Man hatte keine Chance einfach mal durch zu atmen, aber vielleicht wollte man auch nicht dass man das tat. Beinahe so, als wolle man jeden Kämpfer für seine Entscheidung, den Weg des Krieges zu gehen, bestrafen. Ihm frühesten dann Frieden gönnen, wenn er seinen letzten Atemzug getan hatte.

Nur mühsam konnte ich mich von den alten Erinnerungen losreißen. Das weiße, schlichte Leinenhemd, welches ich zu Bett getragen hatte, zog ich aus und schlüpfte in die Robe. Kaum hatte ich die Robe an meinem Körper waren sämtliche Erinnerungen, sämtliche Gedanken, mit einem Schlag weggewischt. Ich war wieder die Blutelfin die sich nicht scheute auch die schwerste Schlacht zu schlagen und die nicht aufgab, auch wenn sie dem Feinde alleine in die Augen blicken musste, weil alle Kampfgefährten am Boden lagen.

Schnell waren die Stiefel geschnürt und die Taschen gepackt. Es war auch nicht schwer gewesen, denn ich hatte sie noch nicht einmal ausgepackt. Den Umhang über den Arm legend ging ich auf die Zimmertüre zu und öffnete sie einen Spalt. Ich warf noch einen Blick über die Schulter und schaute nach, ob ich nicht etwas hatte liegen lassen das ich vielleicht vermissen könnte. Aber dem schien nicht so zu sein. Der Dolch hing wie gewohnt an meinem Gürtel und das Medaillon welches ich gefunden hatte, baumelte um meinen Hals. Alles befand sich dort, wo es sein sollte. Kurz verharrte mein Blick auf dem Leinenhemd, welches ich achtlos auf den Boden hatte fallen lassen. Doch dann drehte ich mich wieder zu der Türe, verließ das Zimmer und schloss die Türe hinter mir. Das Leinenhemd ließ ich in dem Zimmer zurück, so wie ich mein altes Leben hinter mir gelassen hatte. Nein ich wollte jetzt nicht mehr zurück denken, auch wenn es schöne Zeiten gegeben hatte, so hatten die schlechten am Ende überwiegt. Was passiert war, war passiert und nun galt es nach vorne zu schauen, alles belastende hinter sich zu lassen und mit neuem Mut, in einem neuen Land vielleicht das zu finden, nach was ich immer gesucht hatte.

Von unten drang ein buntes Stimmengewirr die Treppe hinauf und vorbei war die Hoffnung auf einen ruhigen Tagesanfang. Es war so früh am morgen, dass ich nicht damit gerechnet hätte, schon so viele Abenteurer auf den Beinen zu sehen. Aber wenn es um Ruhm und Ehre ging, da wurde sogar der gemütliche Troll fit. Ich schlängelte mich an einem Taure vorbei der roch, als würde er aus Prinzip allem was nach Wasser aussah aus dem Weg gehen. Seine Lederrüstung war schäbig und wurde wohl nur noch von einer angetrockneten Lehmschicht an seinem massigen Körper gehalten.

„Ey hast wohl nie 'nen Druide geseh'n so wie du gucken tust“, kam es von jemanden, der von der breiten Statur des Tauren verdeckt wurde. Aber man musste nicht wirklich sehen um zu wissen was es sein könnte, man hörte es.

„Doch maaan“, meinte ich und winkte leicht mit der Hand ab. „Aber ey der sieht aus wie eener der meinte Schlammlinge mit der Hand fangen zu müssen. Da is' nix mit gleich Druide erkennen.“

Plötzlich drehte sich der Taure zu mir um und in seinen Augen funkelte es bedrohlich. Vielleicht hätte ich doch besser nichts gesagt und einfach meinen Mund gehalten.

„Nichts für ungut Großer“, sagte ich zu dem Tauren und setzte mein freundlichstes Lächeln auf, welches mir zu so früher Stunde möglich war. „Nechi ich towateke ki hale chi. Pawene ichnee pawene.“

Ich hoffte nur, die wenigen Worte in Taur-ahe würden sein Gemüt besänftigen und noch mehr hoffte ich, er würde jetzt nicht anfangen in der Sprache seiner Vorfahren zu reden. Ich sprach gerade einmal ein paar Worte, kannte ein paar Floskeln, aber das war es dann auch schon wieder. So sehr ich mich auch bemüht hatte die Sprache zu lernen, so richtig klappen hatte es nie wollen.
Ich hatte die Luft angehalten und als der Taure anfing zu lachen, atmete ich erst einmal tief ein. Doch der freundschaftliche Schlag den der Taure mir versetzte, brauchte mich beinahe aus dem Gleichgewicht.

„Ich hätte niemals erwartet diese Worte aus dem Munde einer Blutelfe zu hören“, sagte der Taure mit seiner tiefen Stimme und kratzte sich dabei am Hinterteil. „Da fühlt man sich doch gleich an das gute alte Mulgore erinnert. Lass dich zu einem Humpen Donnerbräu einladen.“

„Nehm es mir nicht übel wenn ich deine Einladung ablehne, aber Bier am frühen Morgen überlasse ich lieber den starken Männern“, meinte ich lachend und rieb mir leicht über die Stelle, an welcher mich der freundliche Klaps getroffen hatte. Manchmal vergaßen Tauren wohl wie viel Kraft sie doch hatten.

„Wie du meinst“, antwortete der Taure, zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder dem Troll. Es dauerte gerade mal wenige Sekunden, da bemerkte er mich nicht einmal mehr. Froh über diesen Sinneswandel schaute ich, dass ich schnell aus seinem Sichtfeld verschwand. Nicht dass er es sich doch noch einmal anders überlegte. Ich wusste genau warum ich die Einladung abgelehnt hatte, denn es wäre garantiert nicht bei einem Humpen geblieben und ehe ich mich versehen hätte, wäre es wohl später Abend gewesen. Aber ich wollte nicht noch eine Nacht in diesem Loch hier verbringen, sondern endlich meine Nase in den kühlen Nordwind strecken und mich den ersten Herausforderungen stellen. Doch nichts davon würde ich ohne ein kleines Frühstück tun. Außer natürlich ich hatte vor meine Gegner mit einem knurrenden Magen in die Flucht schlagen zu wollen, was aber wiederum nicht sehr effektiv sein würde.
Ich suchte mir einen freien Platz an einem der Tische und winkte den Gastwirt herbei.

„Was gibt’s?“, fragte er unfreundlich, aber etwas anderes hätte mich bei einem Untoten jetzt auch verwundert.
„Einen Honigminztee und zwei Speerspießerkringel... Bitte.“
„Sonst noch was?“
„Nein“, sagte ich zu ihm und schaute ihm kurz hinterher, als er etwas vor sich hin brummelnd zurück zu seiner Theke ging. Ja ich war wirklich froh endlich von hier fort zu kommen, auch wenn ich ja freiwillig so lange hier geblieben war. Ich hatte wirklich gehofft der Paladin wäre der Besitzer des Medaillon gewesen und zurückgekommen um es wieder in seinen Händen halten zu können. Aber er war nicht erschienen und niemand schien dieses kostbare Schmuckstück zu vermissen. Etwas das ich nicht verstehen konnte. Diese fein eingravierten Schriftzeichen, die winzig kleinen Juwelensplitter die in das Silber eingefasst waren. Es musste Wochen gedauert haben bis dieses Medaillon fertig gewesen war und derjenige der es hatte anfertigen lassen, hatte sicherlich einen hohen Preis bezahlt. Den Verlust von so etwas Teurem musste man doch einfach bemerken.

„Da“, kam es von dem Gastwirt, als er mir den Teller und die Tasse mit Tee vor die Nase stellte. Er tat es so voller Freude, dass der Tee über den Rand der Tasse zu schwappen drohte und sich sein Finger, oder das was davon übrig war, beinahe in einen der Kringel gebohrt hätte.

Ich nickte einfach nur mit dem Kopf und war froh, als er auch gleich wieder verschwand. Kurz nippte ich an dem Tee und hätte mir beinahe die Zunge verbrannt. Er war so heiß, dass er ungenießbar war. Zumindest zu diesem Zeitpunkt. Also schob ich die Tasse ein Stückchen von mir weg und probierte einen der Kringel. Besonders schmackhaft war er zwar nicht, aber er war zumindest essbar. Für einen Moment fragte ich mich, was jetzt wohl der Blutelf Paladin gerade essen würde. Ob er sich an einer saftigen Hirschlende labte oder ob er sich mit einer Hand voll Nüsse begnügen musste. War er alleine oder hatte er Weggefährten bei sich. Befand er sich noch irgendwo im Heulenden Fjord oder war er bereits weiter gezogen. Aber am ehesten fragte ich mich, ob es ihm wohl gut ging. Allein die Tatsache, dass ich mich so etwas fragte, verwunderte mich selbst. Ich hatte lediglich auf der Reise mit ihm ein paar Worte gewechselt, mich unterhalten und gut er hatte sich um meine Verletzungen gekümmert. Aber das hatten viele vor ihm auch schon und da hatte ich mir solche Fragen nie gestellt. Es waren einfach nur Heiler gewesen die ihrer Bestimmung nachgekommen waren und so wie sie aufgetaucht sind, so waren sind sie auch wieder verschwunden gewesen. Nichts worüber man sich danach noch Gedanken gemacht hätte. Aber hier, hier war es irgendwie anders.

Meine Finger hatten sich um die warme Tasse gelegt und bewegten sie leicht hin und her, während ich mir seine Erscheinung zurück vor mein geistiges Auge holte. Nichts an ihm hätte mich je darauf schließen lassen, dass er überhaupt Erfahrung im Kampf hatte. Seine Rüstung war so gepflegt gewesen, dass man sich beinahe im dem Metall hatte spiegeln können. Keine Beulen oder Kratzer hatten seinen Brustschutz beeinträchtigt, so wie man es von Paladinen in der Schlacht gewohnt war. Den Rüstungen der Paladine denen ich bisher begegnet war, hatte man schon weitem die vielen Schlachten angesehen. Sie waren verkratzt, verbeult und stumpf. Aber nicht diese Rüstung. Das silberne Metall hatte geglänzt, als wäre es stundenlang poliert worden. Das Schwert das er bei sich trug sah aus, als wäre es zum ersten Male aus seiner schützenden Hülle genommen worden. Nein es hatte wirklich nichts an ihm darauf hingedeutet, als hätte er jemals an einer Schlacht teilgenommen. Doch es gab eine Sache an ihm, die mir das Gegenteil bewiesen hatte. Die mich davon überzeugt hatte, dass seine äußerliche Erscheinung nicht dem entsprach, was er wirklich war. Es war seine Art wie er heilte. Es wirkte gekonnt, es wirkte erfahren, es wirkte, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes gemacht als das. Aber jemand der nur in einer Stadt als Heiler tätig war, würde niemals auf eine solche Art und Weise heilen können. Niemals die Erfahrung erhalten wie jemand, der seine Fähigkeit jeden Tag aufs Neue auf dem Schlachtfeld anwenden musste. Seine glänzende Rüstung, sein ungenutztes Schwert mochten vielleicht im ersten Moment das Auge täuschen, doch seine Art zu Heilen würde ihn immer verraten.

Ich fragte mich, warum er versuchte die Leute um ihn herum zu täuschen. Warum er vorgab jemand zu sein, der er eigentlich gar nicht war. Ich hatte bisher nur Leute getroffen die Andere glauben machen wollten große und starke Kämpfer zu sein, obwohl sie es gar nicht waren. Aber noch nie war mir jemand unter gekommen, der sein Können versuchte zu verheimlichen. Der lieber als unerfahrener Kämpfer gesehen werden wollte. Es lag auf der Hand dass er seine Gründe für sein Verhalten haben musste, aber es interessierte mich, welche das wohl sein könnten. Wollte er vorgeben jemand anderes zu sein, weil er einen schlechten Ruf hatte und jetzt versuchte hier in Nordrend neu anzufangen in der Hoffnung so seine Spuren zu verwischen? Oder war er eine Berühmtheit und wollte nicht als solche sofort erkannt werden und verkleidete sich deshalb? Es gab so viele Gründe und alle waren auf ihre Art und Weise logisch, dass ich es nach einer Weile aufgab weiter darüber nachzudenken. Vielleicht würde ich ihn ja irgendwann einmal wieder sehen und dann würde ich ihn nach seinen Beweggründen fragen.

Wieder hob ich die Tasse an meine Lippen und verzog auch jetzt wieder das Gesicht. Nicht weil der Tee noch immer heiß war, sondern dieses mal wegen dem Gegenteil. Ich schien wohl so lange überlegt zu haben, dass er mittlerweile eiskalt geworden war. Es mochte sicherlich Leute geben, die kalten Tee bevorzugten, doch ich gehörte keinesfalls dazu. Die Tasse von mir weg schiebend erhob ich mich von meinem Platz.

„Ist dir wohl nicht gut genug“, hörte ich die Stimme des Gastwirtes hinter mir, der mich mit einem abschätzigen Blick ansah. Zuerst wollte ich ihm etwas darauf erwidern, ihm erklären dass es daran nicht lag, aber würde so oder denken was er wollte. Da konnte ich sagen was ich auch wollte, also machte ich mir die Mühe erst gar nicht. Ich kramte in dem kleinen Lederbeutel an meinem Gürtel nach 3 Goldstücken die ich ihm zuwarf und er fing sie mit seinen knöchrigen Fingern.

„Das sollte reichen“, meinte ich zu ihm, schnappte meine Sachen und verließ das Gasthaus. Noch immer wehte ein kühler Wind über das Land und ich entschied mich dazu, meinen Umhang doch wieder anzulegen. Aber der heutige Tag sah wesentlich freundlicher aus, als die vergangenen Tage. Der Nebel hatte sich gelichtet und zum ersten Male konnte ich die hohen Klippen erkennen die sich scheinbar endlos senkrecht in die Höhe streckten. Hinter ihnen lag Nordrend, die Herausforderungen und die Abenteuer. An der einen Ecke wartete der Ruhm, an der anderen der Tod. So viele Wege lagen vor einem die man gehen konnte, doch das Ziel war überall das Gleiche - Der Sieg über Arthas Menethil.
 
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