[RP] Reue und Sühne -- 5. Kapitel

Melian

Dungeon-Boss
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5. Kapitel – Eine Erklärung

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Erschreckt hob Yoran den Kopf. Das konnte nicht sein. Warum suchte sie ihn denn? „Yoran, wo bist du?“, hörte er sie erneut rufen, und sie näherte sich ihm. Yoran drückte sich enger in die Ecke des Pavillons, in der er Zuflucht gefunden hatte.
„Warum suchst du mich“, murmelte er leise, wissend, dass niemand ihn hören konnte. Er verstand sie wirklich nicht. Er hatte sich – in ihren Augen – bestimmt daneben benommen, ohne Erklärung. Sie konnte bestimmt nicht begreifen, warum er sich so verhielt.

„Yoran, komm schon. Wo bist du?“, rief sie ihn, nur wenige Meter von ihm entfernt. Aus Yorans Kehle entsprang ein Krächzen, er wollte sie rufen, aber im letzten Moment hielt etwas in ihm seine Stimme zurück. „Ich will es ihr doch nur erklären“, dachte er zu sich selber. Und ein Teil von ihm wusste, dass es nicht nur das war. Er wollte es ihr erklären, weil er auf eine verdrehte Art und Weise hoffte, sie würde ihn verstehen. Yoran schüttelte den Kopf, belustigt über die Absurdheit seines Gedankens. Sie würde ihn nicht verstehen. Niemand würde verstehen, was in ihm vorging. Und dennoch. Er hoffte es irgendwie doch. Er wollte, dass diese spezielle Elfe ihn verstand. Warum, war ihm schleierhaft.
Sie war bereits einige Schritte an ihm vorbei, als er leise rief: „Hier bin ich.“ Sie drehte sich um und suchte ihn zuerst mit ihren Augen. Sie begab sich in den Pavillon und erst dann sah sie ihn in ihrer Ecke.

„Was ist los, Yoran?“, fragte sie ihn und setzte sich neben ihn. Yoran rutschte automatisch ein wenig von ihr weg, so gut es eben ging, wenn man bereits in einer Ecke sitzt. Sie bemerkte sein Tun, und half ihm, in dem sie ein wenig rutschte. Weiter bohrten sich ihre fragenden Augen in seine, doch seine Zunge war wie ausgedörrt. Er schaute sie nur an und wusste, dass er wohl ein seltsamer Anblick war. Ein Häufchen Elf in einer Ecke, zusammengekauert trotz seiner zwei Meter Körpergrösse fast klein wirkend, mit grossen Augen die Elfe neben sich anstarrend.
Er musste fast lachen, als er sich das Bild vorstellte, doch im letzten Moment konnte er es unterdrücken.

Er hörte das Scheppern der Plattenrüstung. Doru war ihnen ebenfalls gefolgt und betrat den Pavillon. „He, was ist denn mit dir los?“, fragte er und musterte Yoran.
„Ich...“, Yoran konnte endlich sprechen, „mag keine Berührungen.“ Autsch. Yoran schlug sich innerlich gegen den Kopf. Hätte er lieber geschwiegen. Der Satz würde für die beiden ja wohl kaum einen Sinn machen.
„Du magst keine Berührungen? Das verstehe ich nicht“, sagte Doru. Er trat einen Schritt näher zu Doru und berührte ihn an der Schulter.
Yoran sprang wie vom Blitz getroffen auf und machte zwei schnelle Schritte weg von Doru und Nimmera. „Nicht.. berühren“, konnte er gerade noch zwischen seinen Zähnen hervor zischen. Er bekämpfte seinen unterdrückten Reflex, wegzulaufen und die Stimme in ihm kämpfte gegen den Wunsch an, Doru zu schlagen. So viele Gefühle, die ihn verwirrten.

Sein Blick wanderte zu der Elfe, und er verlor sich in ihren Augen. Sie strahlten eine Mischung aus Traurigkeit, Interesse und Hilfsbereitschaft aus. „Doru!“, sagte sie energisch und stellte sich vor ihn. „Lass ihn in Ruhe, sonst kriegst dus mit mir zu tun.“ Doru lächelte. „Ja, schon gut.“ Er trat einige Schritte zurück, die Hände abwehrend in die Luft gehoben, und grinste Nimmera immer noch an.
Nimmera schnaubte leicht und trat dann einen Schritt auf Yoran zu. Er drückte sich gegen die Wand, einige Schweissperlen standen ihm auf die Stirn. Flehend sah er zu Nimmera. Warum begriff sie nicht?
„Keine Sorge.. ich werde deinen Wunsch respektieren.“, sagte sie langsam. „Du hast also Angst vor Berührungen?“
„So kannst du es.. nennen, wenn du willst“, sagte er leise. Er hatte keine Angst vor Berührungen. Er hatte Angst davor, was Berührungen anrichteten. Er hob ein wenig seine Hände und schaute sie an.
„Wie würdest du es denn nennen, Yoran?“ Yoran schaute auf und in ihre Augen. Er wusste nicht genau, ob er seinen Gedanken laut aussprechen wollte. Die Stimme in ihm warnte ihn eindringlich davor, irgendetwas zu sagen. Doch Yoran hatte sie heute schon mehrmals ignoriert, er konnte es erneut tun. Langsam sprach er. „Ich darf niemanden berühren.“ „Warum nicht?“, entgegnete Nimmera entgeistert. „Wer hat dir das befohlen?“. „Ich mir selber.“
„Das verstehe ich nicht“, entgegnete Nimmera und blickte ihm erneut forschend in die Augen.
Ganz leise sprach Yoran weiter, er ignorierte den tobenden Geist in seinem Innern. „Meine Hände bringen Unheil. Ich darf niemanden berühren.“
„Wie, Unheil?“, warf Doru ein, der still zugehört hatte. „Du meinst wohl Pech?“.
Er begriff nicht. „Nein, nicht Pech. Unheil! Zerstörung. Katastrophe..“, Yoran wusste, er hatte zu viel gesagt. „Rede noch ein Wort mehr, und die Strafe wird grausam sein“, meldete sich dann auch schon sein zweites Ich, mit einer merkwürdigen Ruhe, von der er wusste, dass sie die allerletzte Stufe auf der Leiter zum Zorn darstellten.
„Ach, das kann doch nicht so schlimm sein“, sagte Doru und lächelte freundlich. „Ihr habt keine Ahnung“, entgegnete Yoran trocken. Und das hatten sie. Sie hatten keine Ahnung davon, wer er war und was er getan hatte. Besser, es bliebe so.

„Ich glaube nicht, dass du so schlimm bist.“ „Solltest du aber“, entgegnete Yoran und versuchte, einen flehenden Ausdruck in seine Augen zu legen. Es schien nicht zu funktionieren. Stattdessen wechselte sie abrupt das Thema. „Weisst du was, Yoran? Hast du morgen Abend Zeit? Ich möchte dich mitnehmen zum Dorf der Bluthufe in Mulgore.“ Yoran schaute sie verdutzt an. „Ähm..“, stotterte er. „Keine Widerrede! Ich möchte dir den weisesten Priester vorstellen, den es gibt. Razzajin ist sein Name.“, entgegnete sie und lächelte ihn fröhlich an. „Aber..“ „Ich sagte keine Widerrede. Auch wenn du mir nicht die Hand schütteln wolltest, wir sind nun Freunde. Morgen Abend hol ich dich hier ab.“ Sie nickte ihm entschlossen zu. „Ich gehe nun schlafen, Yoran. Gute Nacht. Gute Nacht Doru.“ Sie nickte den beiden zu und lief die Strasse der Urahnen herunter in Richtung der beiden grossen Tore.

Yoran schaute ihr hinterher, er war baff. Er hörte Doru lachen. „Ist sie.. immer so energisch?“, fragte er ihn. Doru nickte nur. „Nun.. dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, sagte Yoran und lächelte schwach. Er versuchte, Abneigung zu fühlen, doch in ihm drin war nur Vorfreude. Sie hatte ihn eingeladen! Sie gingen zusammen irgendwo hin! Sie betrachtet ihn weiter als Freund! Yoran konnte das Ganze irgendwie nicht richtig fassen.
„He.. Was meintest du mit dem Unheil, das deine Hände bringen?“, warf da Doru die Frage in den Raum, die Yoran schon befürchtet hatte. „Genau so, wie ich es gesagt habe.“ „Aber das kann doch nicht wortwörtlich Unheil sein, hm?“ Yoran seufzte. Dann blickte er Doru gerade in die Augen. „Ich habe mit diesen Händen fürchterliches angestellt, Doru.“
„Oh“, sagte dieser nur. „Und nun hast du Angst, es wieder zu tun?“ „Das auch.“ Doru schob sich einen Teil der Rüstung zurecht und musterte ihn dabei. „Du bist ein seltsamer Kerl, Yoran.“
Yoran seufzte erneut. „Ich habe schreckliche Dinge angestellt. Mir wurde verziehen, aber ich verzeihe mir nicht. Verstehst du? Und so habe ich beschlossen, mir jegliche Berührung zu verbieten fortan.“ Nicht ich, sondern er, fügte Yoran in Gedanken zu.

„Das stelle ich mir aber schwierig vor im täglichen Leben.“ „Das ist kein Problem. Ich widme mich meinen Studien in der Bibliothek der Priester. Ich gehe kaum aus dem Gebäude heraus. Wenn ich es recht überlege..“ Yoran zählte die Tage und Wochen, die er das Gebäude tatsächlich schon nicht mehr verlassen hatte. „Ich glaube, es sind an die sieben Wochen nun.“ „Du hast sieben Wochen die Bibliothek nicht verlassen?“ Doru wirkte schockiert.
„Ich mag die Bibliothek. Ich lese viel und bilde mich weiter. Ich habe keinen Grund, rauszugehen.“
Doru schnaubte leicht. „Ahja.. Ich glaube eher, du versteckst dich.“ „Verstecken?“
Doru trat einen Schritt näher und musterte Yoran von oben bis unten. Yoran fühlte sich seltsam inspiziert. „Ja. Was nützt es der Welt, wenn du dich in Büchern verkriechst, eh? Wenn du wirklich dir nicht verzeihen kannst, dann geh raus.. Geh raus und kämpfe. Sorg dafür, dass es der Welt ein wenig besser geht als Ausgleich für das, was du angestellt haben magst.“ Als Doru dies sagte, lief Yoran ein kalter Schauer über den Rücken. „Aber..“, sagt er, doch er kam nicht weit. „Da gibt es kein Aber. Du bereust nicht richtig. Du versteckst dich.“
„Du verstehst mich nicht, Doru“, versuchte Yoran ihn zu überzeugen. Doch den liess das kalt. „Man kann den Leuten auch helfen, ohne sie zu berühren. Denk drüber nach.“ Doru blickte ihn noch einmal einen Moment an. „Gute Nacht Yoran. Man sieht sich hoffentlich wieder. Und damit meine ich nicht in der Bibliothek.“ Doru drehte sich um und verliess den Pavillon. „Gute Nacht“, murmelte Yoran ihm hinterher. Er hatte den Seitenhieb nur zu gut verstanden.

Kämpfen. Helfen. Da raus gehen.

Yoran dachte noch eine lange Zeit über Dorus Worte nach und besprach sich mit sich selber. „Meinst du, wir könnten das wagen?“, fragte Yoran sich selber. „Hm. Wir müssen vorsichtig sein“, wandte dieser ein. „ich weiss nicht mal, ob ich richtig kämpfen kann“, entgegnete Yoran in Gedanken. „Natürlich. Du hast viel gelernt. Und auch wenn es nur Theorie wäre, ich brenne darauf, die Schattenmagie auszuführen.“ „Oh nein“, sagte Yoran laut, nicht mehr nur in Gedanken. Er stoppte sich sofort. „Wir werden keine Schattenmagie brauchen, das ist viel zu gefährlich. Das weisst du so gut wie ich. Es würde deiner Wut Antrieb geben. Macht verschaffen.“ Yoran wusste, dass er Recht hatte. Dies war der einzige Punkt, in dem ihn sein zweites Ich recht geben musste. Yoran war erschaffen worden, um die Welt vor ebendieser Wut zu beschützen, die die Stimme nicht unter Kontrolle hatte. Sein altes Ich niemals unter Kontrolle gehabt hatte. Yoran siegte also wenigstens in dieser Hinsicht.

„Wie wäre es mit einer Abmachung“, sagte die Stimme plötzlich. „Morgen gehen wir kämpfen. Ich verspreche dir, keine Schattenmagie einzusetzen und du.. du lässt mich an die Oberfläche.“ Yoran wollte schon energisch protestieren, doch die Stimme unterbrach ihn. „Sch, sch.. Ich habe alles unter Kontrolle. Und wenn wir auf jemanden treffen, mache ich sofort Platz. Ich will mich bloss.. wieder einmal austoben.“ Yoran konnte spüren, wie es in ihm drin lachte. „Und dafür.. im Ausgleich, lasse ich dich in Ruhe, wenn du morgen mit dieser Elfe wohin auch immer gehst. Solange du die Regeln einhältst!“ Yoran traute seinen Ohren – Gedanken – nicht ganz. Bisher hatte die Stimme ihn von jeglichem Kontakt zu allem möglichen abgehalten, selbst mit Finis, seiner Mentorin, durfte er meist nicht mehr als ein paar wenige Worte wechseln. Doch anscheinend war die Gier nach Kampf, die Gier, ein wenig seiner Wut loszuwerden, für sein zweites Ich verlockender als jeder Schwur.

Yoran überlegte und liess ihn zappeln. Er wusste nicht. Normalerweise hätte er dem nie zugestimmt. Aber die Erinnerung an Nimmera liess ihn schon jetzt nicht los. Er schüttelte ein wenig den Kopf, aber das Bild liess ihn natürlich nicht los. Was war das? Er verstand einfach nicht.

Dann sagte er laut und deutlich: „Na gut. Einverstanden.“
 
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