Vorgeschichte von Tizzir: Der Träumer aus dem Hinterland

Le bizarre

Rare-Mob
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Wie Tizzir nach Durotar gelangete und was vorher geschah...

Der Träumer aus dem Hinterland

„Hey! Wach auf!“ tönte es beunruhigt von oben.
Tizzir schreckte mit einem leichten Grunzen aus seinem Schlummer auf. Seine hellgrün-blaue Haut schimmerte im Mondlicht, was schwach durch die Wipfel des Hinterlandes drang, noch seltsamer. Man sah ihm im Dunkeln nicht an, dass er nur ein halber Waldtroll war. Der Moosbewuchs auf seiner Haut fiel relativ gering aus – zu gering, um nicht von den anderen Stammesangehörigen abzuweichen.
Tizzir lehnte immer noch an einen Baum und seine Augen fielen auf das Gesicht eines anderen Trolls mit heller giftgrüner Haut, der jetzt neben ihm hockte und die Hand auf Tizzirs Schulter legte.
Man hörte schon wieder die Eulenbestien in der Ferne kreischen. Auch ihnen gefiel die jetzige Situation nicht. Probleme gab es hier im Hinterland immer, aber sie waren schlimmer geworden - anders. Der Wasserfall plätscherte unruhig in den kleinen See neben den beiden Trollen.
„Hm? Was’n los? Musste mich unbedingt aufwecken, Jigon?“ Tizzir fuhr sich genervt durch die blauen, aufstehenden Haare, die wie das Meer schimmerten. Seine mit Magenta umrandeten goldenen Augen blinzelten müde.
„Du, ich hab da was mitgekriegt…“ Der Schamane strich nervös über den leicht feuchten Erdboden.
„Du hast extra gemeint, dass ich heut Nacht ohne dich auskomm’ muss… Was wollt mein Pa denn so Wichtiges von dir? Is’ die Nachricht so wichtig, dasste mich beim Penn’ störn muhusst?“
Jigon, der Berater des Häuptlings, nickte aufgeregt und blickte dabei überaus bedrückt drein.
Der Baum in Tizzirs Rücken bewegte sich unruhig pulsierend und die Erde begann zu summen. Der Schamane drehte sich mit zusammengekniffenen Augen um, und legte sein linkes Ohr an den warmen Stamm. Aber Tizzir verstand Mutter Erde diesmal nicht, weil der Wind tosende Laute von sich gab. Ein kalter Schauer durchfuhr Tizzir und er begann zu zittern. Ängstlich drehte er sich zurück und blickte in die Baumkronen – sie bewegten sich im Wind – aber nicht wie immer.
„Etwas stimmt hier nicht…“ wimmerte er äußerst leise, aber Jigon verstand es trotz der geringen Lautstärke und des tobenden Windes nur zu gut. Er verstand Tizzir immer.
Er war Tizzirs einziger Freund – der einzige, dem er vollkommen vertraute. Zu den anderen Bleichborken bis auf sein Vater war er immer irgendwie auf Distanz geblieben. Seine Halbgeschwister bedeuteten ihm gar nichts und zu den anderen Trollen hatte er nie Kontakt gehabt beziehungsweise haben wollen.
Tizzirs Bruder unterdessen versetzte das ganze Hinterland in Angst und Schrecken – und es wurde im Allgemeinen geduldet, auch wenn es offensichtlich war, was der Sohn des Stammeshäuptlings tat. Nicht einmal sein Vater traute sich, ihm Einhalt zu gebieten.
Tizzirs Mutter war keine der Bleichborken. Er hatte sie nicht allzu oft gesehen, denn sie wurde in einem Käfig gehalten… unter Verschluss – so gut wie immer. Aufgezogen worden war er bei der Hauptfrau seines Vaters. Tizzirs Vater besuchte seine Mutter ab und an. Er hatte keine Ahnung, was er mit ihr anstellte und wo er sie ‚herhatte’. Er blieb das einzige Kind aus dieser Verbindung. Seine leibliche Mutter hatte hellblaue Haut und ebenso dunkelblaue Haare wie Tizzir, wobei auch die Haare seines Vaters die Farbe des Meeres hatten. Obwohl er neben seiner Mutter der einzige Sonderling war, hatte er keinerlei Nachteile, da er der Sohn des Häuptlings war, der eine Vorliebe für ‚exotische Damen’ zu haben schien. Außerdem trieb er sich so gut wie nie in der Hauptstadt Shadra’Alor herum, sondern lieber in der Wildnis. Dort aß er, trank er und schlief er. Er kehrte nur zurück, wenn sein Vater irgendetwas wollte.
So erregte er kein sonderliches Aufsehen und musste sich um nichts weiteres kümmern.
Jigon senkte die Stimme: „Dein Vater hat nicht mehr lange zu leben, das weißt du selber. Er ist alt… und krank ist er auch mittlerweile. Vielleicht wurde er sogar langsam vergiftet… Und… dein Bruder… Mai…“
„Was ist mit ihm?“ fragte Tizzir misstrauisch.
Jigon brummte.
„Du weißt, was er den Elementen antut… was er dem Land antut… Er ist gefährlich. Und du bist außerdem ein potentieller Nachfolger für deinen Vater. Es wurden nie Unterschiede zwischen dir und Mai gemacht, auch wenn du nicht der Sohn seiner offiziellen Frau bist. Was meinst du, für was für eine Art Häuptling sich die Elemente und der noch nicht korrumpierte Rest des Stammes entscheiden würden? Sicher für niemanden, der die Elemente knechtet wie dieser – dieser-“ Jigon brach ab.
Tizzir erschrak.
„Was macht mein Bruder?“
Jigon wurde noch bleicher als er ohnehin schon war.
„Sag mir nicht, du weißt nichts davon?! Es sprudelt ständig aus der Quelle hier in der Nähe in meine Ohren. Das Wasser beklagt sich über ihn, ebenso wie das Feuer, deine geliebte Erde und der Himmel! Die Luft spricht nicht mehr mit mir und spielt verrückt! Das Feuer züngelt nur mehr und die Erde wird übertönt vom ohrenbetäubenden Lärm des Windes!“
„Ja…“ kam es zaghaft zurück. „Das Gleichgewicht ist gestört… aber… Ich wusste nicht wieso. Mutter Erde redet zwar immer noch mit mir, wenn der Wind still ist… und will mit etwas sagen … Ich wusst nie, wer dafür verantwortlich is - für das Chaos… Nu weiß ich’s…“
Jigon lächelte sanft. „Das ist schön… Nur leider befürchte ich für dich nun das Schlimmste! Du hättest auch ruhig mal damit anfangen können, auf die Ratschläge von Mutter Erde zu hören!“
Denn nun ist es zu spät… Jigon wurde sichtlich nervös und begann, herumzuzappeln, nachdem er sich verkniffen hatte, die Bemerkung laut auszusprechen.
Tizzir murmelte unterdessen: „Aber Mutter Erde spricht in Rätseln. Selbst wenn ich weiß, dass sie mir den Weg weist, erkenne ich ihn nicht…“
In Shadra’Alor wurden auf einmal Trommeln geschlagen. Ein Todesfall.
Jigons Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr. „Dein Vater… Komm, wir sollten in die Hauptstadt. Eigentlich sollte ich dich holen, weil er dich vor seinem Tod noch einmal sehen wollte... Er wusste anscheinend, dass es zu Ende geht. Und du treibst dich ja nur in den Wäldern rum und redest mit der Erde, die du nicht mal verstehst... Aber dennoch: Du warst immer sein Lieblingssohn. Und genau DAS ist das Problem…“
Die Stimmung war gedrückt. Die beiden Trolle trotteten nach Shadra’Alor zurück und als sie in der Häuptlingshütte angekommen waren, war der tote Häuptling bereits von einer ganzen Reihe von Priestern, Schattenjägern und Hexendoktoren umgeben.
Sie blickten Tizzir an und machten schweigend Platz. Manche von ihnen blickten ihm angespannt und unfreundlich nach, aber Tizzir achtete nicht darauf.
Der Häuptlingssohn blickte die Leiche an und wurde traurig. Er hatte seinen Vater geliebt. Nun ja, jeder musste nun einmal sterben… Und wirklich vermissen würde er ohnehin nur Jigon. Dieser lehnte ein wenig abseits an der Holzwand und musterte Tizzir beunruhigt. Immer wieder warf er einen verstohlenen Blick zu den anderen Anwesenden.
Als Tizzir seinem Bruder, der ihm von der anderen Seite des Sterbettes entgegentrat, in die Augen blickte, erstarrte er. So viel geballten Hass hatte er noch nie zu sehen bekommen. Doch es war nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aus dem hasserfüllten Blick wurde ein falsches, überlegenes Grinsen und kurz darauf ein irres Lachen.
„LOS! Ergreift ihn!“ zischte Mai in die Runde und bevor Tizzir aus der Starre entwich, wurde er von Jigon, der auf ihn zugestürmt kam, bereits am Arm gepackt und weggezerrt.
Ein starker Windstoß erfasste die beiden, als sie draußen angelangt waren und sollte sie zu Fall bringen, aber das Zittern der Erde verscheuchte den Wind und brachte sie ins Gleichgewicht zurück.
Das Moos und das dichte Unterholz knirschten unter ihren Füßen – die Stolperfallen machten bereitwillig Platz als sie sich ihren Weg in Richtung Meer bahnten. Jigons Element würde sie schützen.
Eine ganze Gruppe Bleichborken war dabei, sie auf den Befehl Mais hin zu verfolgen.
Tizzir war froh, dass er seinen Beutel mit den wichtigsten Dingen darin und seinen Gürtel, wo all seine Totems dranhingen, dabei hatte, denn wie es schien, gab es kein Zurück mehr.
Tizzir japste: „Warum das alles? Ich hab doch nie was Schlimmes gemacht und auch nie irgendwelche Ansprüche erhoben!? Warum können se mich nicht einfach weiter unser Leben weg vonner Stadt leben lassen wie bisher?!“
Jigon vor ihm keuchte darauf: „Das ist nicht so einfach, wie du es dir immer denkst! Es geht hier einzig und allein um Macht und dazu ist deinem Bruder jedes Mittel recht! Ihn kümmert’s nicht, was du willst! Er will auf Nummer sicher gehen! Hör endlich auf, zu träumen und sag der Realität hallo! Du weißt ja gar nicht, was da in Shadra’ immer so abgegangen is’! Du bist nicht einer der Berater des Häuptlings wie ich, der diese ganzen schmutzigen Spielchen miterlebt… Es geht NUR um Macht!“
Das versetzte Tizzir einen Stich ins Herz und er blieb wie angewurzelt stehen. Er war zu unschuldig für diese Welt.
Die Kampfesschreie hinter ihnen wurden immer lauter.
Jigon bekam es mit der Panik zu tun.
„So wird das nix! Sie kriegen uns früher oder später! Wir müssen die Elemente um weitere Hilfe bitten… Nur mit Wegrenn’ ziehen wir den Kürzeren… zusammen. Renn du weiter, ich beschwöre eine Mauer aus Wasser, die sie eine Weile aufhalten wird! Nimm die Kraft von Mutter Erde und hau ab! Mit dem Vorsprung, den du kriegst, kannst du entkommen!“ rief Jigon Tizzir zu, als er plötzlich stehen blieb.
Jigon rüttelte ein paar mal seinen großen hölzernen Stab, murmelte ein paar Worte und begann eine Art Ritualtanz. Ein Gewitter zog wie auf Befehl auf und es begann, zu regnen. Jigon fing das Wasser mit seinen Händen auf, machte ein paar wundersame Handbewegungen und aus den herabregnenden Tropfen wurde ein starker Wall. Die kurz darauf ankommenden Bleichborken stockten. Mai war nicht unter den Verfolgern, sonst hätte es zu Problemen kommen können. Aber so war die Wasserwand stabil genug, um die, die gekommen waren, um die beiden zu fassen, aufzuhalten - vorerst.
Tizzir, der nun ein Stück abseits stand, zögerte. Er wollte Jigon nicht alleine zurücklassen. Es stand außer Zweifel, dass er unter den Anstrengungen, die das Aufrechterhalten der Mauer erforderte, nicht heil da herauskommen würde, wenn die Mauer zusammengebrochen war.
„NU HAU AB MAAAAANN!“ brüllte Jigon durch den sprudelnden Lärm des Wassers hindurch.
„Aber- du stirbst doch dann!“
„DAS IS’ EGAL VERDAMMT! Es geht um DICH!“
„Jetzt werd nicht so tragisch! Lass uns einfach zusamm’ abhaun!“
Jigon schüttelte wieder den Kopf.
Tizzir lief auf ihn zu und versuchte, ihn mit sich mitzuziehen, aber der Waldtroll war nicht zu bewegen.
Das war eine eindeutige Antwort.
Tizzir umarmte ihn ein letztes Mal, ließ los und verschwand schweren Herzens.
Als er die Wasserwand zusammenbrechen hörte, vernahm er Schreie – auch Jigons. Seine Stimme brüllte durch den Regen – durch das Wasser hindurch, welches er beschworen hatte.
Tizzir blieb stehen und die Tränen vermischten sich mit dem prasselnden Regen auf seinem Gesicht. Es kamen keine Verfolger mehr – aber auch kein Jigon.
Tizzir lehnte sich an einen Baum, der ebenso zitterte wie er selbst.
“Geh zurück…“ flüsterte Mutter Erde, dieses Mal klar verständlich. “Nimm ihn mit dir…“
Tizzirs ging schlurfend in die Richtung zurück, aus der er alleine gekommen war – gebeugt wie ein alter Troll trotz seines jungen Alters von vierundzwanzig Jahren, weil er wusste, dass ihn sein toter Gefährte dort erwarten würde.
Als er am Ort des Kampfes angekommen war, lag Jigons zerfledderte Leiche am Boden.
„Nein, nein, nein!“ zischte Tizzir in die feuchte Nachtluft, die langsam zu dampfen begann. Er wollte die Sache nicht wahrhaben und bebte am ganzen Leib.
Tizzir brach neben dem Haufen blutenden Fleisches zusammen, der einmal sein Freund gewesen war.
„Du bist meinetwegen tot…“ wisperte er, als er den blutigen Leichnam in den Arm nahm. Die Tränen liefen ihm wieder über die Wangen. Noch niemals vorher hatte er sich so miserabel und schuldig gefühlt – aber auch gleichzeitig so verlassen.
Er wusste, was er tun würde. Er würde ihn aufessen – und zwar komplett. Niemand außer Tizzir sollte seine sterblichen Überreste bekommen!
Als er unter Tränen fertig geworden war, ging davon. Jigons stumme Stimme im Regen hatte ihm zugerufen, er solle sich in Richtung Meer nach Osten begeben.

An den Klippen angekommen sah er in die dunklen, blauen Tiefen herab. Jemand legte eine Hand auf seine Schulter, aber als er sich erschrocken umdrehte, war da niemand. Als er seinen Blick wieder nach unten auf das Wasser richtete, tauchte Jigons Gestalt in den Wellen auf, öffnete ihrer Arme und lächelte, bevor sie wieder verschwand.
Tizzir wusste, was er zu tun hatte. Er schloss die Augen und ließ sich ins Wasser fallen.
 
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