Drive - Eine kleine Sichthilfe

win3ermute

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Was ist „Drive“? Was macht den Film für die einen zu etwas besonderem, während der Rest sich fragt, was der langweilige Scheiß denn bitteschön soll?

Nun, es hilft, ein Fan des „New Hollywood“ zu sein. „New Hollywood“ bedeutet dabei nicht etwa die „Blockbuster“ mit all ihren Knallereien der neuesten Generation. „New Hollywood“ ist eine Etappe zwischen 1968 und 1980 in der langen Geschichte des amerikanischen Films, in der die Irren die Filmherrschaft übernahmen.

Das „New Hollywood“ fing an mit einer kleinen Explosion, der ein Urknall folgte. 1969 war Hollywood absolut tot: Alte Leute drehten mit Lee Marvin und Clint Eastwood ein Westernmusical, das keiner sehen wollte. TV schien dem alten Medium den Rang abzulaufen; die bisherigen sicheren „Box-Office-Hits“ erwiesen sich als Flops ohnegleichen. Kino galt – wenn schon nicht tot – als sterbend.
Warren Beatty drehte mit Arthur Hill einen Streifen, den jeder sehen wollte: Die Geschichte von „Bonnie & Clyde“; eine krude Love-Story, die etliche Tabus brach und in einem Massaker endete. Erzählweise und Handlung waren für einen Hollywood-Film selbst im Vergleich zum „Film Noir“; der „schwarzen Serie“; absolut revolutionär: Zwar wurde noch genügend angedeutet und der Interpretation des Zuschauers überlassen, aber bei Gewalt und Sex hielt die Kamera voll drauf; blendete nicht wie sonst üblich das unvermeidliche aus. Der ‚69er-Generation erschien der Film trotz seines „klassischen“ Themas als realistischer als das, was sonst über die Leinwände flimmerte.

Ein Jahr später drehte ein durchgeknallter Regisseur auf Dauerdroge dann den ultimativen Film der 1960’er. Er zeigte desillusionierte Biker, die mit ein wenig Kokain ihren Traum von „Freiheit“ verwirklichen wollen und dank der spießigen Moral ihrer Landsleute mit dem Leben bezahlen müssen.

„Easy Rider“ ist heute mit Sicherheit ohne Kontextwissen kein leicht goutierbarer Film. Als einer der ersten Streifen überhaupt verfügte er über einen reinen temporären „Rock-Soundtrack“, was sicherlich zu seinem Erfolg beigetragen hat. Ferner ist er aber der erste amerikanische Film überhaupt, der kiffende Leute ohne erhobenen Zeigefinger zeigte (oder wie ein Zeitzeuge sagte: „Da kifften Leute einfach ganz normal – nicht wie sonst im Kino, wo sich Kiffer gleich gegenseitig umbringen!“). Darüber hinaus thematisierte er so ziemlich alles, was die jungen Zuschauer, die sich dem veralteten Kino verweigerten, interessierte: Freiheit, Ideale, Spießer, Scheitern des amerikanischen Traumes!

Nach „Easy Rider“ war in Hollywood nichts mehr so, wie es vorher war: Hier war ein Low-Budget-Streifen, der Massen von jungen Leuten in die leeren Kinos lockte; für den für die Filmfestspiele in Cannes sogar ein „Sonderpreis“ eingerichtet wurde; während die „alten“ Kinoregeln komplett versagten und ein französischer Film wie Jean-Luc Godards „Außer Atem“ mehr Einnahmen einbrachte als eine Multimillionen-Dollar-Produktion (muß im Gegensatz zu heute ein Bomben-Publikum gewesen sein).

Im Zuge des Erfolges von „Easy Rider“ kapitulierten die Hollywood-Studios. Sie wollten junge Filmemacher; sie wollten wieder ein junges Publikum – und gaben die Herrschaft komplett an die „Irren“; die jungen, wilden Filmemacher; ab! Das Jahrzehnt von Coppola, Hellman, Peckinpah, Scorsese, Spielberg, Malick, Friedkin, Lucas, Schrader, Milius, aber auch Hill und Eastwood hatte begonnen.

Und was waren das für Filme! Peckinpah, eh Bürgerschreck dank des vielleicht blutigsten und besten Western überhaupt – „The Wild Bunch“ mit irrsinnig, bis heute unerreichten Action-Szenen – gebar das Bild des „unfreiwilligen Helden“, der nur durch die Umstände zum Anführer wird.

Clint Eastwood hatte unter Sergio Leone in drei meisterhaften Filmen den „Fremden ohne Namen“ bereits salonfähig gemacht; seine erste Western-Regie-Arbeit, die im Original „High Plains Drifter“ lautet, bekam in der deutschen Version gar den Titel „Ein Fremder ohne Namen“ (Treppenwitz der Filmgeschichte: Der deutsche Titel ist absolut treffend; die Synchro verfälscht allerdings den gesamten Film, indem sie am Schluß dem „Fremden“ einen Hintergrund gibt, der im Original gar nicht da ist. In der deutschen Version bekommt man plötzlich eine Geschichte präsentiert; im Original antwortet der Fremde ohne Namen auf die Frage, wer er denn sei: „You know who I am!“ („Du weißt, wer ich bin!“)).

Eastwood und Regisseur Don Siegel versuchten anfangs erfolglos, den „Fremden ohne Namen“ in die damalige Jetztzeit zu versetzen (siehe „Coogans großer Bluff“). Ein Drehbuch, das die seinerzeit aktuellen „Zodiac“-Morde mit der Story eines kompromisslosen Bullen verwob, gab ihnen die Gelegenheit: Der Film hieß „Dirty Harry“, wurde als reaktionäres Machwerk verschrien, das sexistisch, rassistisch und menschenfeindlich sei – und wurde zu Recht ein voller Erfolg!

Wo „Dirty Harry“ noch einen Namen hatte, gingen Filmemacher wie Walter Hill oder Monte Hellman noch weiter, um dem „Fremden ohne Namen“ ein Denkmal zu setzen. In Hills „Driver“ (unschwer als einer der stärksten Einflüsse auf „Drive“ zu erkennen) heißt der Held „The Driver“; sein Mädchen „The Player“ und der sie jagende Bulle „The Detective“ – Archetypen, die kaum einer näheren Vorstellung bedürfen.
Nur Hellman ging noch einen Tacken weiter. In seinem unglaublichen „Two-Lane Blacktop“ (ein Gegenentwurf zu „Easy Rider“ und meiner Meinung nach der weit bessere Film) heißt der Fahrer „The Driver“, das Mädchen „The Girl“, der Mechaniker „The Mechanic“ und der Widersacher wird nur nach seinem Auto benannt: „GTO“.

Es war ein wildes Jahrzehnt, das so unglaublich unterschiedliche und so unglaublich gute Filme wie „Der Pate“, „Der weiße Hai“, „Apocalypse Now“, „Sorcerer“, „French Connection“, „Badlands“, „Der Texaner“, „Jeremiah Jones“, „Bullit“, „Pat Garret jagt Billy the Kid“ etc. pp. Hervorgebracht hat. Das alles endete 1979, als Lucas – selbst mit „American Graffiti“ und „THX 1138“ einer der Vorreiter des „New Hollywood“ – einen neuen Weg aufzeigte: B-Movies mit teuren F/X versehen und abkassieren! Heute macht die „Traumfabrik“ kaum mehr was anderes; statt Moviemaniacs sind heute kalte BWL-Erbsenzähler am Zug, die das stromlinienförmige, leicht an den Mann respektive Frau zu bringende „Produkt“ herstellen...

1981 flackerte mit „Thief“ noch einmal kurz das „New Hollywood“ auf: Es war Michael Manns Kinodebut, der den Mythos des „Fremden ohne Namen“ mit einem Verbrechertypus verband, den er später im wenig erfolgreichen TV-Film „L. A. Takedown“ und dann meisterhaft (mit demselben Drehbuch des TV-Films) in „Heat“ mit Al Pacino und Robert DeNiro herausarbeitete: Ein Mann ohne Vergangenheit und Zukunft, der alles sofort zurücklässt, wenn es brenzlig wird.

Und genau da setzt „Drive“ ein. Ryan Gosling verkörpert Eastwoods „Fremden ohne Namen“; Manns Kriminellen ohne Vergangenheit, der keinerlei Bindungen aufbauen möchte; Peckinpahs „Helden“ wider Willen. Refn bedient sich der Bildsprache des „New Hollywoods“, die letztendlich auf Hitchcock zurückgeht: Die Bilder haben zu sprechen; der Dialog ist nebensächlich.

Aber Refn ist kein Tarantino (und das ist positiv gemeint). Ihm reicht es nicht, alte Versatzstücke neu zu arrangieren bzw. „modernisieren“; aus dem „Pulp“ der Vorlage was eigenes zu schaffen. Bei Refn wird jedes Bild zum Postermotiv; hat aber auch etwas zu sagen. Der „Soundtrack“ – Retro; dennoch modern – ist genau auf die jeweilige Szene abgestimmt. Dialog wird nur dann benutzt, wenn die Bilderflut an ihre Grenzen geht. So steht Goslin in der Wohnung seiner großen Liebe ganz im kalten Blau vor einer Tapete, während sie in warmen Brauntönen badet (und diese Farbgebung dreht sich in der berüchtigten „Fahrstuhl-Szene“ um).

Für den Filmkenner ist das alles heimisch und vertraut – und vollkommen neu und anders. Es ist ein „New Hollywood“-Film; mit den Mitteln der Jetztzeit gedreht. Während allerdings das „New Hollywood“ von einem dokumentarisch-kalten Stil geprägt ist, so verlässt sich Refn in der Hauptsache auf das Gefühl – und das ist wahrhaft neu. Die Geschichte kennen wir: „Der Fremde ohne Namen“, der alles zurücklassen kann, wenn es brenzlig wird; der nach seinem eigenen Codex lebt, verliebt sich; zeigt Anteilnahme an seiner Umgebung – und alles geht den Bach ‚runter.

MEHR als eine überaus opulent und intelligent bebilderte Mischung aus „Noir“ und „New Hollywood“ in neuer, origineller Verpackung ist „Drive“ nicht (was eine verdammt große Menge ist)! Für die einen ist es atemberaubend; für die anderen die langweiligste Sache der Welt. Unfair ist es natürlich, dass der Film umso besser wird, je mehr „olle Kamellen“ man kennt.

Weniger unfair ist natürlich, dass der Film eben Lust auf diese „ollen Kamellen“ macht. Vom superben „Gun Crazy“ über „Bonny and Clyde“ bis zum gegen „Star Wars“ völlig zu Unrecht untergegangenen „Sorcerer“ (einem meiner Meinung nach ebenbürtigem Remake von „Lohn der Angst“) – für den Interessierten warten Dutzende von guten Filmen auf eine Entdeckung!
 
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