Ich las ein Buch.

Khanor

Dungeon-Boss
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Es gibt Bücher, die muss man einfach gelesen haben. Ich bezeichne mich selbst als alles andere als einen Bücherwurm, allerdings weiß ich doch in gewissen Momenten ein gutes Buch sehr zu schätzen.

Unter dem Wort 'muss' kann man nun vielerlei Bedeutungen verstehen, ich ziele hier jetzt allerdings nicht im Sinne von Damals war es Friedrich-muss ab oder darauf wie ich an der Fachoberschule Homo faber lesen musste, sondern eher in die Richtung, dass man ansonsten als Freund des geschriebenen Wortes durchaus etwas verpasst hat. Ich bin Dennis beispielsweise sehr dankbar, dass er mir damals nahelegte den Herrn der Ringe zu lesen, bevor die Kinofilme anliefen, denn auch wenn es spätestens in Mordor doch oftmals über zig Seiten eher schleppend geht ist diese Buchreiche noch weit mehr gelungen als die grandiosen Verfilmungen. Mir wurde auch nahegelegt Eragon und Das Parfüm zu lesen, anstatt die Filme zu schauen.

Wiederum andererseits behaupten auch manche Menschen, dass man das BGB gelesen haben müsse.

Was man auch immer in diesem Zusammenhang unter 'muss' versteht oder verstehen will, es gibt auch Bücher die nicht dazu gehören. Hierzu zählen meines Erachtens nach Werke wie Bücher über höhere Mathematik, denn entweder übersteigen diese mein Fassungsvermögen und / oder sind einfach wahnsinnig mies geschrieben. Allerdings beschränkt sich diese Einstufung nicht nur auf Fachliteratur, sondern durfte ich kürzlich feststellen, dass es auch Romane gibt, die als alles andere als lesenswert einzustufen sind.

Mag sein, dass es durchaus Leute gibt, denen Werke dieses Kalibers zusprechen, hier nun allerdings als eine Art "Warnung" mein Eindruck zu Die Stumme Bruderschaft von Julia Navarro:




Manche Leute fragen mich, wie ich mich für Bücher entscheide und in erster Linie muss ich dazu sagen, dass der Preis wohl ein Kriterium ist. Viele meiner Bücher sind preisreduzierte Mängelexemplare, die entweder schlecht gebunden sind und beim Durchblättern einige Seiten verlieren oder Tipp- und Schnittfehler aufweisen. Meiner Meinung nach ändert das allerdings nichts an der Geschichte an sich und somit kaufe ich gern Bücher, die 3,-- Euro anstatt 10,-- bis 15,-- Euro kosten.

Danach fällt mein Augenmerk auf den Einband. Ein einfarbiges Cover spricht mich nicht sonderlich an und ich würde sogar sagen, dass derlei Schriftsätze aus meinem Blickfeld gänzlich verschwinden. Eine schöne Buchfront allerdings springt mir ins Auge und meist bin ich danach schon kaufwillig (wobei ich mich mittlerweile nicht mehr der Illusion hingebe, dass Titelbild und Buchinhalt in irgendeinem Zusammenhang stehen - in Unterland von Wolfgang Holbein taucht nicht ein einziges Schiff auf, welches allerdings die Front ziert).

Erst danach lese ich Titel und die rückseitige Inhaltsangabe, wenn allerdings Kriterium 1 und 2 bereits erfüllt sind muss hier nur grob etwas ansprechendes Enthalten sein.

Bei dem besagten Buch trafen diese drei Punkte in oben genannter Reihenfolge zu und so begann ich auf einer meiner Zugreisen zu Yvonne mit besagtem Stück. Bereits die ersten Seiten waren eine Geduldsprobe, denn irgendwie schien mir die Schreibweise nicht ansprechend genug zu sein um mich wirklich zu fesseln.

Dennoch: ich hatte Geld bezahlt um etwas Kurzweil zu verleben, somit wollte ich dieses Geld auch herausarbeiten.

Es mag nun sein, dass ich ein wenig zu sehr in mir bekannten Klischees wühle, allerdings hörte ich davon, dass Italiener doch einen Hang zum Reden haben. Meiner Meinung nach kann man das in diesem Buch sehr deutlich merken, denn selten taucht eine über längere Zeilen anschaulich formulierte Umgebungsbeschreibung auf und ich für meinen Teil suchte auch vergeblich nach mitreißenden Passagen über die Empfindungen der Hauptperson. Aus den Büchern, die bisher durch meine Hände gingen bin ich es gewohnt die meisten Informationen über Ereignisse, Orte oder Personen aus Sicht des Erzählers zu bekommen, ausgeschmückt und gerade so Detailreich, dass es fassbar ist und sich der Geschichte anpasst. In diesem Buch kann es auch einfach mal passieren, dass man über vier Seiten nahezu ausschließlich wörtliche Rede findet. Und was machen Menschen in Gesprächen meist? Sie geben Fakten wieder, nicht allerdings Umgebungsdetails und somit kämpft der Leser mit einer Vielzahl an Äußerungen, die mir persönlich gleich wieder entfielen, obwohl sie zum Verständnis des 'großen Ganzen' hätten beitragen können.

Andererseits: Welche Hauptperson?

Die Autorin schafft es in grandioser Weise in jedem Kapitel einen anderen Charakter in den Mittelpunkt zu stellen, was sie mir allerdings unmöglich machte war mir simple Dinge zu merken, wie zum Beispiel: Wer ist das? In jedem Kapitel tauchen neue Namen, einer komplizierter als der andere, auf, manchmal werden diese kurz angerissen und der Leser bekommt einen gewissen Background zur Person, allerdings verschwindet der Charakter nach diesem Kapitel wieder und wird auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht mehr auftauchen.

Letztendlich liegt dieser Umstand auch daran, dass hier die Geschichte des Grabtuchs Christi teilweise rekonstruiert, teilweise neu erdacht wird. Soweit so gut, ich bewundere die Recherchen, welche die Autorin angestellt hat (sofern sie wirklich Tatsachen wiedergibt). Dennoch ist es schwer einer Geschichte zu folgen, die mit Christus' Tod beginnt und über die knapp 40 Kapitel mit ebensovielen Zeitsprüngen bis zur Neuzeit führt, immer abwechselnd; Vergangenheit, Gegenwart, Vergangenheit (+100 Jahre), Gegenwart, Vergangenheit (+250 Jahre) Gegenwart, usw, usw.

Die ersten Christen, die Kreuzzüge, die Templer, die alten Könige, alles schön und gut, auch mir ist klar, dass die Tempelritter multikulturell zusammenfanden und daher italienische, englische, französische Namen hatten, doch bei vier bis acht neuen Namen mit je Vor-, Doppel- und Nachname sowie ggf. einen Titel pro Kapitel macht es einfach keinen Spaß mehr und man hofft auf baldiges Ende des Abschnitts und einem Sprung in die Gegenwart, denn hier tauchen pro Kapitel nur zwei bis drei neue Personen mit weniger komplizierten Namen auf.

Was mich besonders enttäuscht hat waren die Rückblenden, die essenziell wichtig für die Geschichte des Grabtuchs waren und dem Leser so nebenbei Geschichte, Fiktion und Teilverständnis der gegenwärtigen Ereignisse vermitteln sollten. Ein Beispiel:
Ritter X bringt das Grabtuch von A nach B und kommt unbehelligt an. Keinerlei Erzählungen über Landschaft und Reise.
An B will dieser Ritter X den Ordensoberen Ritter Y treffen und spaziert ohne Fragen, Kontrollen oder sonstetwas einfach zu ihm hin, zeigt ihm das Grabtuch und dieser ist so ehrfürchtig berührt, dass er sofort auf die Knie fällt, weint und zwei Stunden lang betet. Mag sein, dass es durchaus so gläubige Menschen gibt und gab, allerdings sind derlei Ereignisse in etwa so lieblos beschrieben wie ich es eben darstellte.
Kurz gefasst würde ich vermuten, dass die Autorin nicht sonderlich begabt ist Geschehnisse bildlich zu vermitteln und Sequenzen in denen eine längere Zeit kein Wort gesprochen wird werden auf wenige Absätze lieblos zusammengestückelt und lesen sich wie ein Aufsatz eines 5.-klässlers über seine Ferienerlebnisse. "Und dann hab ich (...) und danach (...) weil ich dann (...) bis ich endlich (...) und dann bin ich wieder zur SChule gegangen."

Schade Schokolade.

Ich glaube mittlerweile, dass abgesehen von einigen wenigen Zeichensetzungsfehlern im Text der wahre Mangel dieses Mängelexemplars war, dass der Aufkleber mit der Aufschrift "Buch des Monats" auf die Front gefallen ist und sich nicht mehr ablösen ließ.

Nun, genug des Ganzen, letztendlich dürft ihr euch natürlich - sofern Risikobereit - selbst ein Bild dieses Romans machen, allerdings möchte ich noch kurz auf die Rückseitig aufgedruckten Referenzen eingehen.




1. Der SPIEGEL-Bestseller...
Wie konnte das passieren? Mir persönlich fehlt dafür jegliches Verständnis, es sei denn in der Spiegel-Redaktion beachtete man höchstens die geschichtlich recherchierten Fakten im Hintergrund der Geschichte, denn wie gesagt halte selbst ich diese für beachtlich.

2. "Beängstigend gut!" - Freundin
Nun, so mancher Mann mag nun schmunzelnd behaupten, dass Frauen sowieso die ganze Zeit quatschen und nicht viel sinnvolles dabei rum kommt und sie sich deswegen so gut mit diesem Buch anfreunden können, ich will von dieser Aussage hier nun allerdings - abgesehen von ein wenig ironischer Zustimmung - weitestgehend Abstand nehmen und mich auch hier fragen: wie kommt jemand zu so einem Schluss?

Beängstigend, nunja, ähm... Nö?



Letztendlich muss ich nun nach all den negativen Punkten allerdings sagen, dass auch wenn die ersten 350 Seiten keinesfalls ein Genuss waren es auf den folgenden - und letzten - 50 Seiten doch einen Hauch von Spannung in sich trug. Frau Navarro hat sich wirklich ein gelungenes Ende ausgedacht, zumindest wenn man das letzte Kapitel liest. Wie sie im vorletzten Kapitel dorthin gelangt ist wieder zwiespältig zu betrachten, vielleicht ein wenig zu sehr gehetzt und einfach alles übereinander gewürfelt.

Ich habe allerdings selten so lang an einem Buch gelesen und bin niemals so oft beim Lesen im Bus oder der Bahn eingeschlafen.



Wer nun mit dem Gedanken spielt das Buch noch zu lesen sollte hier wegschauen, ich verrate das Ende:

Die Christen, denen das Grabtuch vor 1950 Jahren anvertraut wurde versuchen ein 'Sicherheitsrisiko' in ihren eigenen Reihen durch Mord auszumerzen um nach beinahe 2000 Jahren noch immer unentdeckt zu bleiben. Hinzu kommt noch eine Gruppe von Neo-Templern, die mitmischt, ebenso eine noch viel geheimere Fraktion der sowieso schon geheimen Bruderschaft, außerdem mischt noch eine Journalistin mit und die Polizei, sowie die Sondereinheit und ein paar Verwandte des Sicherheitsrisikos.

Unübersichtlich? So ist das Buch nunmal, aber das ist egal, weil:

Sie sterben aaaaalle!

Bis auf geringe Ausnahmen, z.B. die Templer, die geheime Organisation der geheimen Organisation, der Chef der Polizeitruppe wird 'nur' zum Krüppel geschossen und hat hin und wieder Angstzustände und eine promovierte Miarbeiterin von ihm verliert ihr hübsches Äußeres - ausgerechnet nachdem sie sich endlich entschieden hatte sich wirklich auf Partnersuche zu begeben und nicht mehr mit dem verheirateten Kollegen in die Kiste zu hüpfen (welcher übrigens tot ist).



Ich müsste mal bei amazon schauen, ob ich das Buch finde und diese Referenz dort posten kann
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