Heute: Horst Evers - Mein Appendix
Der Aufnahmearzt kam auch gleich zur Sache.
»Haben Sie Schmerzen?«
»Ja.«
»Na, dann legen Sie sich doch mal hin, so schlimm ist das doch noch gar nicht.«
Dann drückte er auf den Blinddarm, und ich hatte das Gefühl, mein Bauch würde explodieren.
»Sehense, das sind Schmerzen.«
Stimmte.
»Das is ja herrlich klassisch bei Ihnen, ein richtiger Lehrbuchappendix. Weil, eigentlich ist es ja gar nicht der Blinddarm, sondern der Wurmfortsatz, der Appendix. Das isser.«
Dann drückte er wieder drauf.
»Toll. Einfach toll. Genau da, wo ein akuter Appendix sein soll. Sagen Sie, darf ich das meinen Studentinnen zeigen?«
Ich dachte, was soll schon sein? Wenn ich doch so einen Lehrbuchappendix habe, so ein Geschenk der Natur, darf ich mich doch nicht der Wissenschaft verschließen. Was konnte schon passieren? Kurz darauf erschienen drei Studentinnen, die jede nochmal auf den Schmerzpunkt drückten. Während mir vor Schmerz die Konturen des Behandlungsraumes vor den Augen verschwammen, wurde mir allmählich klar, was schon passieren konnte.
Als ich wieder einigermaßen bei Besinnung war, faßte ich mir endlich ein Herz.
»Herr Doktor, werde ich durchkommen?«
Diesen Satz wollte ich schon immer mal sagen.
»Ach, so´n Appendix. So schlimm ist das doch nicht. Den kratzt zur Not auch noch der Pförtner mit dem Löffel raus!«
Das war ein Medizinerwitz. Medizinerhumor ist zumeist etwas sperrig und wenig erfolgreich, was allerdings auch am Publikum liegt. In der Regel todkranke Patienten wie ich. Diesen Pförtner-Blinddarmwitz sollte ich übrigens in den nächsten drei Stunden bis zur Operation noch 37mal hören. Er ist ist sehr beliebt im Urbankrankenhaus.
Hinter dem Vorhang tuschelten jetzt schon die Chirurgen, wer mich operieren sollte.
»Oh nee, ich will den Appendix. Bitte. Ich hab vorher ne Leber und ne Niere, da brauch ich einfach mal was Leichtes hinterher. Zur Entspannung. Laß mir den Appendix.«
Irgendwie fühlte ich mich nicht richtig ernstgenommen.
Die Pfleger spielen mittels Schingschangschong aus, wer mich hochfahren muß. Der Verlierer ist stinksauer und fährt mich, um die Schwestern zu beeindrucken, freihändig hoch. Auf einem Fuß hüpfend, bugsiert er mich mit dem anderen in den dritten Stock. Insgesamt stoßen wir 17mal gegen Wände oder Türen, was jedesmal zu leichten Implosionen in meinem Bauch führt. Aber er schaffts und ich bin auch ein wenig stolz, von so einem geschickten Pfleger gefahren worden zu sein.
Die Stationsschwester sieht traurig aus. Ich glaube, sie hat sogar kürzlich geweint. Vermutlich Liebeskummer. Ich frage sie, ob sie mal auf meinen Blinddarm drücken will, damit sie auf andere Gedanken kommt. Sie drückt, ich schreie auf, und für einen Moment hat sie ihren Kummer vergessen.
Drei Stunden später werde ich zum OP gefahren. Der Pfleger sagt, die OPs sind unten im Parterre, damit der Weg zum Landwehrkanal kürzer ist, wenn mal was schiefgeht. Dann lachen wir beide gelöst. Zur Belohnung fährt er mich diesmal mit den Händen.
Im OP stellt mir der Anästesist ungefähr 200 Fragen über irgendwelche Allergien, Krankheiten oder Operationen. Von wegen, ob ich die schon mal »gemacht« habe. Nachdem ich 40mal »nein« gesagt habe, sage ich einfach mal »ja«, um glaubwürdig zu bleiben. Daraufhin bricht eine relative Panik aus, und der Chirurg fragt mich, wer denn die Herztransplantation vorgenommen hätte. Ich gestehe kleinlaut, daß ich jetzt auch einmal einen Scherz gemacht hätte. Dann lache ich ansteckend, und der Chirurg weist den Anästhesisten an, mich sofort einzuschläfern.
Ich bin schon im Wegdösen, als der Chirurg mich nochmal beruhigen will.
»Keine Angst, so´n Appendix ist keine große Sache, ich habe eine große Berufserfahrung, ich stehe schon seit 30 Jahren an der Pforte.«