Die Sterne über Dalaran - Vierter Abschnitt, Teil 8 (4.8)

Melian

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Dairean kniff die Augen zusammen und blickte erneut in die Richtung des nordöstlichen Gebirgszuges, wo sich die Wolkenberge auftürmten. Vielleicht mochte er etwas übertrieben haben, aber es bestand durchaus eine Chance, dass sie von einem Sturm überrascht wurden. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihm so etwas zustossen würde. Er konnte sich noch gut an einen fünftätigen Schneesturm in der Drachenöde erinnern, der ihn auf dem Rückflug einer Kuriermission überrascht hatte. Er hatte damals gedacht, er müsste verhungern.
Die Sonne blendete ihn unangenehm in den Augen und so schloss er sie kurz. Ihm war kalt und seine Finger hatten sich im Verlauf der letzten Stunde immer mehr verkrampft. Kaum spürte er sie noch. Er biss die Zähne zusammen, dass sie nicht klapperten.
Wenn er doch nur etwas Blutdistelpulver hätte, dann würde es ihm sofort besser gehen. Er seufzte und öffnete die Augen wieder und blickte nach vorne, wo im Abstand von ungefähr einem halben Kilometer Imenia und der Rest auf ihren Greifen flogen. Irgendwo dazwischen war immer noch Lorethiel. Dairean schätzte, dass sich der Abstand zwischen ihm und ihnen in den letzten Minuten noch mehr verringert hatte. Der Greif hatte seine sichtliche Mühe, nach den Strapazen der letzten Tage das Tempo aufrecht zu halten.
Daireans Magen schmerzte, und nun spürte er einen Schub Hitze, der sich ausbreitete, Schweisstropfen traten aus den Poren seiner Haut. Erneut biss er die Zähne zusammen, doch dieses Mal nicht vor Kälte, sondern um die Schmerzen zu unterdrücken, die langsam in ihm hoch krochen.
< Drachenfalkenpisse >, dachte er bei sich. Kurz riskierte er einen Blick nach hinten zu seinem treuen Reittier Phönix. Das Tier jaulte nur kurz auf, als es seinen Blick wahrnahm, wofür Dairean wiederum einen leichten Hieb von Ylaria erhielt. Er wandte den Blick wieder ab. Vor seinen Augen tanzten Sterne. Der Hieb war nicht einmal besonders fest gewesen, doch in seinem geschwächten Zustand hatte es gereicht. Ein schmerzvoller Laut entwich ihm, und er wollte die Hände auf den Bauch legen, doch noch immer waren sie gebunden. „Hör auf“, murmelte er tonlos.
„Dann bring den Falken zum Schweigen“, erwiderte sie. Er hörte die Gereiztheit in ihrer Stimme heraus.
„Ich versuche es, aber ich kann..“, erwiderte er, doch dann wurde er von einem weiteren Schrei von Phönix unterbrochen. Alarmiert hob er den Kopf wieder, verengte die Augen. Das war keiner der üblichen Zuneigungsbekundungen gewesen, sondern ein Warnruf.

Zur selben Zeit, etwas weiter westlich

'Wyrmköder' Pjotr Ivarsson fluchte einmal laut, und trieb seinem Greifen erneut die Haken in die Seite, riss ihn im selben Moment an den Zügeln zur Seite, als der eisig kalte Atem des Frostwyrms nur knapp ins Leere ging. Immerhin hatte sich seine Beute endlich aus ihrer Ruhestätte auf dem Schnee erhoben.
„Schneller, Frosti“, feuerte er seinen Greifen an, der sofort und routiniert mit grossen Flügelschlägen anfing, Distanz zwischen sich und den gefährlichen Geisselwurm zu bringen. Ivarsson wischte sich über das Gesicht, grinste siegessicher. Der Wyrm war endlich auf ihn eingegangen. Auf seinen und den Geruch des Greifen, auf den Geruch des Lebenden. Für den riesigen Wyrm mochte es den Anschein haben, als wäre es nur ein lästiges Insekt, welches um ihm herumflog, und so schlug es mehrmals mit den Klauen danach. Doch Ivarsson und sein Greif waren zugeschickt, entkamen, und 'flohen' offensichtlich immer schneller. Das machte den Wyrm rasend, und so brüllte er einmal ohrenbetäubend und schlug selbst mit den riesigen, vermoderten Flügeln, um seiner entkommenden Beute zu folgen.
„Gut gemacht, Frosti“, lobte Ivarsson seinen Greifen. „Endlich haben wir ihn.“ Er grinste leicht beim Gedanken an die vielen Harpunenkanonen, die den Greifen bei der Front der 7. Legion erwarteten, und ihn sicherlich zu Boden bringen würden. Einer der letzten verbliebenen Frostwyrme, die noch die Gegend unsicher machten.
Erneut zog er an Frostis Zügeln, als der Wyrm dazu ansetzte, seinen Frostatem in ihre Richtung zu schleudern, und wieder entkam er, allerdings weniger knapp als das vorherige Mal. „Jetzt auf, in Richtung Front, Frosti, dann hast du dir..“
Er verstummte und kniff die Augen zusammen. Vor ihm waren Greifen! Direkt zwischen ihm und der Front. Kaum zwei oder drei Kilometer mochten ihn von der Front trennen, und diese Idioten waren direkt in seiner Flugbahn. < Ja, spinnen die denn? >
Hastig zählte er sie, und griff mit der anderen Hand nach einer Signalflagge, die er wie üblich dabei hatte. Was machte die 7. Legion auf ihren Greifen hier? Die wussten doch, dass heute wieder.. Wüst schimpfte er und machte das entsprechende Zeichen. Er konnte nur hoffen, dass die Greifen schnell landeten oder sich anderweitig ausser Sichtweite brachten, damit der Drache sich weiterhin auf ihn konzentrierte, und nicht auf diese Reiter da vorne.
„Beim heiligen Licht“, rief er. „Geht aus dem Weg ihr verflixten Idioten“. Sie konnten ihn nicht hören, das war ihm klar. So riss er gleichzeitig erneut an den Zügeln, und lenkte seinen Greifen weiter südlich, in der Hoffnung, ass der Wyrm die anderen Reiter nicht sehen würde.
Doch da war es schon zu spät. Der Drache hielt im Flug inne, bremste seinen massigen frostigen Leib ab und brachte sich mit einigen Flügelschlägen in eine fast aufrechte Schwebende Position. Erneut kreischte er schrill, durchdringend, unwirklich, so dass Ivarssons Ohren klingelten und sein Greif sich etwas duckte.
Er wagte einen Blick nach hinten, nur um zu sehen, wie der Frostwyrm zielstrebig die Richtung wieder korrigierte, und ungefähr in die Richtung des kleinen Trupp Greifenreiter zuflog, sogar noch schneller als zuvor.
Ivarsson fluchte und nahm die Verfolgung des Wyrms auf.

Zur selben Zeit

Imenia sah den Frostwyrm noch bevor dessen Kreischen erneut durch die Lüfte hallte. Nur einen Moment lang erstarrte sie, dann zahlte sich die langjährige Routine aus. Sie mussten sofort landen. In der Luft hatten sie keine Chance.
„Frostwyrm“, alarmierte sie die vier, die direkt nahe ihr flogen. „Sofort landen und Schild bilden. Sofort!“
Sie liess die straff gespannten Zügel des Greifen los, rief ihm den Befehl zum Landen zu. Als der greif in einen steilen Sinkflug überging, wagte sie einen Blick über ihre Schulter und sah, wie ihr drei Greifen folgten.

Zur selben Zeit

Als der Schrei des Frostwyrms schrill durch die Lüfte hallte, fing Phönix wie wild mit den Flügeln an zu flattern und stemmte sich in einem Atemzug auf einmal gegen den die Flugrichtung, die ihm die an dem Greifen befestigten Zügeln auferlegten. Der ruhige Fluss der Flügelschläge wurde dadurch unterbrochen, und der Vogel kreischte ebenfalls wild. Ylaria zog an den Zügeln, und versuchte das Tier wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Dairean wandte den Kopf in die Richtung des Schreis, nur um zu erblicken, was er schon bei Phönix schrillem ersten Kreischen gedacht hatte: Ein Frostwyrm.
„Binde mich los, Ylaria. Schnell!“, herrschte er sie an.
Ylaria hatte die Lage offensichtlich noch nicht wirklich verstanden. „Was.. aber.. nein.. warum?“
„Verflucht, Ylaria, das ist ein Frostwyrm. Bind' mich los, oder wir werden beide todsicher sterben!“
Sie wandte den Blick zu ihm, dann zur Seite. Als sie den Frostwyrm sah, keuchte sie erschrocken auf. Sie nahm die Zügel des Greifen, der immer noch gegen Phönix' Gegenzug kämpfte, in eine Hand, und zog dann selbst daran, um den Greifen zu signalisieren, er solle sofort das Tempo drosseln. Mit der anderen Hand versuchte sie den Knoten im Seil zu lösen, der Daireans Hände an den Sattelknauf, und somit den ganzen Elfen an sie band.
„Beeil' dich“, knurrte Dairean. Er blickte kurz nach vorne, und sah Dämmerpfeil, der offensichtlich mühe hatte, seinen Greifen zu kontrollieren. Gefährlich schief hing er in der Luft.
„Keine Zeit, Rücksicht zu nehmen“, rief Ylaria laut, und legte zwei Finger auf das Seil, murmelte etwas. Als das Feuer, welches Ylaria beschwor, sich magisch die Seile frass, und seine Haut ebenso teilweise verbrannte, zog Dairean scharf die Luft ein.
Ein erneutes, durchdringendes Kreischen des Frostwyrms zerschnitt die Luft. Beide blickten nach vorne. Die riesige Klaue des wyrms erwischte Dämmerpfeils Greif an der Brust und riss den Körper des Tieres auf wie dünnes Pergament.
Dairean verlor keine Sekunde. Er griff hinter sich und löste Phönix' Zügel vom Sattel des Greifens. „Ylaria, bring den Greifen sofort zu Boden, wenn du überleben willst“, rief er ihr zu. Dann schrie er „Phönix, Seite“, und Phönix reagierte in geübter Manier sofort, tauchte etwas ab und flatterte mit den Flügeln, so dass er schliesslich seitlich des Greifen flog.
Dairean wickelte sich die Zügel um die Finger. Er schwang das Phönix' abgewandte Bein auf die richtige Seite. Der Greif sackte unter der spontanen Gewichtsveränderung etwas ab. „Sonne steh mir bei“, rief er, fixierte den Sattelknauf von Phönix' Sattel an, und sprang.

Zur selben Zeit

Lorethiels Greif starb noch im Sinkflug. Er trudelte samt Reiter ohne Halt und Schutz dem Boden zu, und kam in einer grossen Schneewehe zu landen. Lorethiel wurde vom dem harten Aufprall zur Seite geschleudert, direkt in den Schnee hinein. Er spürte, wie seine Hüfte gegen etwas Hartes schlug, der stechende Schmerz, der ihm daraufhin durch jede Faser seines Körpers fuhr, liess ihn erstickt aufschreien.
Einen Moment blieb er benommen liegen, während die Schmerzen durch seinen Körper tobten. Doch dann versuchte er sich zu erheben, was nicht gelang. Er keuchte auf, und versuchte es erneut. Er musste seinen Auftrag.. Der Griff.. Er durfte ihn nicht unbeaufsichtigt lassen. Unendlich langsam robbte er vorwärts auf dem kalten Schnee.
Mit einem erneuten Kreischen setzte der Wyrm dazu an, mit den Krallen voran in die Schneewehe zu fahren, um den Greifen samt Reiter endgültig zu töten. Da traf ihn ein feuriger Ball mitten in der Luft, worauf der Frostwyrm ein ohrenbetäubendes Grollen ausstiess und sich von der Schneewehe abwandte.

Zur selben Zeit

Einen kurzen Moment lang dachte Dairean, er hätte verfehlt. Dann schlossen sich seine klammen Finger um den Sattelknauf. Er mobilisierte die letzten Kraftreserven und hievte sich mühselig auf den Sattel. Die Zügel umklammernd holte tief Luft und versuchte sich zu besinnen. Sterne tanzten vor seinen Augen.
Phönix nahm sofort Abstand von Ylarias Greif, wandte sich ab, während Dairean ihm die Haken in die Seite presste. < Bloss weg von hier >, dachte er. Das war seine Chance zu entkommen.
Er blickte zurück. Der Frostwyrm wurde von einem Feuerball getroffen. „Sie kämpfen..?“, entfuhr es ihm ungläubig. Er liess Phönix eine scharfe Kurve fliegen, und dann in der Luft an Ort und Stelle schweben. Tatsächlich. Sie kämpften. Er konnte Imenia an der Front sehen, flankiert von Verian und Leireth.
Ein leichtes Grinsen überzog seine Lippen, als er die Schneewehe ansteuerte, in der er Lorethiel hatte abstürzen sehen. Er brauchte Vorräte. Die Zeit, in der die Quel'dorei damit beschäftigt waren, den Frostwyrm zu töten, konnte er gut gebrauchen. Nur zu genau hatte er sich gemerkt, wo Dämmerpfeil mit seinem Greifen abgestürzt war. Phönix landete. Er rutschte aus dem Sattel, kam vor Schwäche nicht richtig zum Stehen und sank erst einmal auf die Knie.
„Muss.. verflucht.“ Er hörte Lorethiels Stimme, erhob sich mühselig und stapfte durch den tiefen Schnee über die Düne
Lorethiel hatte kaum einen Meter geschafft. Er konnte offensichtlich nur kriechen, seine Beine waren unbrauchbar.
Dairean näherte sich dem Greifen, um dessen zerschmetterten, aufgeschlitzten Körper sich eine rote Blutlache gebildet hatte.
„Hilfe“, ächzte Lorethiel, doch als er Dairean erkannte, knurrte er nur. „Du? Verräter.. du.. wie..“ Dairean achtete nicht auf ihn und begann, die Gepäckstücke, die auf dem Greifen geladen waren, zu lösen, und sie zu durchsuchen.
„Nicht.. den Griff.. Du wirst.. niemals nach Dalaran.. Ich werde.. alles erzählen.“ Dairean fuhr herum. Hatte dieser Idiot gerade etwas von einem Griff gesagt? Das konnte doch nicht.. Hatte Imenia etwa..
„Nicht.. der Griff.. Verräter“, murmelte Lorethiel fast schon tonlos.
Dairean stand auf und trat wieder auf Lorethiel zu. Sein Atem ging keuchend, und er spürte immer wieder Stiche in der Seite.
„Vielen Dank für den Hinweis“, sagte er verächtlich und trat Lorethiel in die Seite. Der Tritt hatte kaum Kraft, nichtsdestotrotz heulte der Hochelf auf vor Schmerzen.
Dairean lachte erneut leise, dann hustete er. Der Griff befand sich irgendwo im Gepäck des armseligen Silberbundlers. Er kniete sich hin und drückte Lorethiels Gesicht so lange in den Schnee, bis dieser aufhörte, erstickte Laute von sich zu geben und mit dem Armen zu fuchteln.
Als er sich sicher sein konnte, dass Lorethiel tot war, schleppte sich Dairean zurück zum Kadaver des Greifen und durchsuchte weiter das Gepäck.
 
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