[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny oder Der Mann ihrer Träume[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Bis ich vierzehn war, hatte ich nicht geglaubt, dass es auch mal von Vorteil sein könnte, eine ältere Schwester zu haben. Doch dann brachte sie mir etwas bei, was mir für den Rest meines Lebens von großem Nutzen sein sollte. Denn sie tat etwas, was eine Frau nie tun sollte: Sie brachte ihren ersten Freund mit nach Hause.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]An jenem bewussten Sonntag bereute ich es ebenfalls erstmalig, in einem so aufgeklärten und offenen Haus wie dem unserer Eltern aufgewachsen zu sein. Wir befanden uns alle im Wohnzimmer, meine Eltern sahen fern, ich pubertierte dazu, und mein kleiner Bruder kinderte auf dem Boden herum.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Wir hörten, wie die Wohnungstür geöffnet wurde, und vernahmen zwei Stimmen aus der Diele. Eine klang beinahe männlich. Meine Eltern sahen sich bedeutungsvoll an. Meine Mutter reagierte blitzschnell und knotete ihren Bademantel zu. Meine Vater schaute hilfeheischend nach einem Oberhemd, ich hörte zur Abwechslung mal damit auf, mir meinen Unterarm mit Texten von The Cure vollzukritzeln. Selbst mein Bruder schien sich des Ernstes der Lage bewusst und stellte das Sabbern ein. Fremder Mann im Anmarsch. Erster Freund von großer Tochter. Vielleicht was Ernstes. Er sollte unsere Familie nicht gleich von ihrer lässigsten Seite kennen lernen.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Meine Schwester schien ihren Lover erst noch in der Diele zu instruieren, sodass meine Restfamilie geschlagene fünf Minuten angespannt und übertrieben aufrecht sitzend abwartete, dass der Mann präsentiert werden würde. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Meine Schwester lugte ins Zimmer hinein. Hinter ihr wuselte auch etwas herum, etwas Lebendiges. Meine Schwester griff hinter sich, zog den Menschen hervor und sagte:"Das is` Lenny."[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Wir verharrten weiter in Erdmännchenmanier. Lenny war ein strähniger Pickel. Er hatte ein Megdeath – T – Shirt über seiner Hühnerbrust und Cowboystiefel an den Enden seiner O – Beine. Er hatte die unvermeidliche Steckdosen – Nase und wahrscheinlich auch das Mofa, das jeder erste Freund haben muss. Er war klein. Zu klein, als dass meine hünenhafte Familie ihn als „Mann" hätte deklarieren können. Bestenfalls als „Jungchen" würde er durchgehen, eher noch als „Lumpi".[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Mein Bruder brach endlich das Eis und hieß Lenny mit einem feuchten Furz willkommen. Meine Mutter versuchte, ihr Grinsen zu unterdrücken, und täuschte ein Lächeln vor.[/font]
„[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny", sagte sie schließlich, „kommt das von Leonard?"[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny, der schon fast wieder rückwärts durch den Raum entwischt wäre, hätte meine Schwester ihm nicht den Weg versperrt, lächelte dankbar zurück:"Nee, ich komm` von Dortmund."[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Mein Vater stellte sich einfach schlafend, was nicht besonders überzeugend kam, da er immer noch aufrecht saß.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny hätte jetzt eine gute Gelegenheit gehabt, zu verschwinden, denn meine Schwester war vor Scham im Erdboden versunken. Aber er, das Lenny, schien sich jetzt offenbar wohler zu fühlen. Er erinnerte sich sogar daran, dass es angebracht sei, jedem die Hand zu schütteln. Unglücklicherweise fing er bei meinem Bruder damit an. Wenn man nach all den Körperflüssigkeiten gegangen wäre, die mein Bruder ihm nun übergeben hatte, hätte Lenny spätestens jetzt zur Familie gehört.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Ich verspürte einen Anflug von Mitleid für die Anwesenden. Einmal für Lenny, der versuchte, sich unauffällig die Hand an seiner domestosgebleichten Jeans abzuwischen. Dann natürlich für meine Eltern, die sich die ganze Sache irgendwie anders vorgestellt hatten. Es kamen sogar solidarische Gedanken gegenüber meiner Schwester auf: Normalerweise war ich es, die undefinierbares Zeug mit nach Hause schleppte – wobei ich mittlerweile schlau genug war, dieses so schnell wie möglich und unauffällig in mein Zimmer zu schaffen.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Meine Schwester war indessen aus ihrer Erdspalte hervorgekrochen und gliemte in meine Richtung. Ihr Blick war schwer zu deuten. Entweder sollte ich dem Lenny lieb die Hand geben oder ihn erschlagen. Ich entschied mich für ein Mittelding und erwähnte intelligenterweise, dass ich die Schwester meiner Schwester sei. Lenny verprasste daraufhin seinen letzten Bonuspunkt bei mir, als er zur längsten Rede seines Aufenthalts anhob:"Ja, das dachte ich mir. Ihr seht euch sehr ähnlich. Ihr habt beide blaue Augen und blonde Haare. Aber deine Schwester hat den größeren … Mund. Dafür hast du die größere Nase."[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Lennys letzte Stunde. Ich sah meine Schwester mit Bedauern an. Ich konnte nichts mehr für Lenny tun. Ich gab ihm die Hand und brach ihm dabei den kleinen Finger. Er sah mich erstaunt an, irgendein Urinstinkt befahl ihm, nicht zu schreien.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Meine Mutter besann sich plötzlich darauf, irgendetwas Mütterliches zu tun, ganz egal, wer oder was ein Lenny war. Sie sprang auf, hechtete zur Tür und sagte:"Ich mach´ mal Kaffee, was?"[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny sah sie an, als ob er seinen Faustkeil irgendwo verlegt hätte. Mein Vater schnaufte, nur mal so. Lenny sagte:"Gibt´s auch Kuchen? Oder Kakao?"[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Was meine Mutter dazu bewog, meine Vorstellung noch zu toppen:"Ach ja, ich bin die Waltraud. Waltraud Buddenkotte. Frau Buddenkotte, ja, die bin ich." Sie drückte Lennys Hand, ich vernahm ein erneutes Knirschen. Dann ging sie, um weg zu sein. Mein Vater schnaufte, öffnete dabei aber die Augen. Als Leitbulle des Clans musste er wohl das Allerdämlichste sagen, damit seine Autorität nicht ins Wanken geriet:"Ich bin der Mann der Frau. Der Vater von der Tochter. Von allen Kindern hier."[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Meine Schwester war wohl als Einzige gegen das Ich-Lenny-du-hirntot-Syndrom gewappnet. Sie packte Lenny beim Schlafittchen und sprach einen guten Satz mit gutem Sinn:"Lenny und ich wollten noch woanders hin. Wir trinken dann demnächst mal Kaffee, nicht?"[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Lenny grinste und winkte, während meine Schwester ihn abtransportierte.
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Kurzer Schnitt von mir, irgendwann geht die Protagonistin ihre Schwester suchen und findet sie in der Speisekammer.
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"„[font="Comic Sans MS, cursive"]Na, das war wohl nix, was?", bemerkte sie nüchtern. Ich setzte mich neben sie.[/font]
„[font="Comic Sans MS, cursive"]Naja", hob ich an, „für Mama und Papa ist das halt auch … gewöhnungsbedürftig. Bist du gar nicht traurig, dass Lenny gegangen ist?"[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Ich hatte mir ein bisschen mehr Drama erhofft.[/font]
„[font="Comic Sans MS, cursive"]Och", sagte meine Schwester, „das war eh nur so eine Art Test. Eigentlich bin ich ja in Dirk verliebt. Aber der ist schon dreiundzwanzig und hat ein richtiges Motorrad. Der ist auch tätowiert und so. Ich dachte, bevor ich den hier anschleppe, versuch ich´s erst mal mit Lenny und gucke, was passiert."[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]In diesem Moment bewunderte ich meine Schwester zutiefst. Welche Weitsicht, welche Raffinesse. Vielleicht waren wir doch Schwestern im Geiste. Wie die allerbesten Freundinnen saßen wir auf der Kühltruhe, hörten, wie sich unsere Eltern ehrlich zerknirscht gegenseitig schworen, jedem Wesen, dass ihre Töchter durch die Tür führten, mit Wohlwollen und wenigstens geheucheltem Interesse zu begegnen. Sie wollten uns mehr Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten lassen. Das hörte sich doch gut an. Meine Schwester zauberte eine Flasche Amaretto hervor und ließ mich zuerst daraus trinken. Dieser Tag war voller Überraschungen und Offenbarungen. Im Gegenzug zeigte ich meiner Schwester, wie man durch unser Zimmerfenster Dinge ins Haus schmuggelte, die elterlichen Augen zunächst besser verborgen blieben.[/font]
[font="Comic Sans MS, cursive"]Als Dirk drei Monate später unser Haus erstmalig durch die Tür betrat, waren meine Eltern cool wie Streetworker. Vielleicht übertrieben sie es etwas, denn mein Vater wollte plötzlich unbedingt mit ihm Motorrad fahren, und meine Mutter fragte Dirk offenherzig nach einer geeigneten Körperstelle für ein Tattoo, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.[/font]