Die Sterne über Dalaran - Fünfter Abschnitt, Teil 8 (5.8)

Melian

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Der Vormittag war bereits weit fortgeschritten und neigte sich der Mittagsstunde zu, als Ylaria aus einem erholsamen Schlaf erwachte. Das Gespräch mit Verian am Tag zuvor hatte sie ziemlich angestrengt, so dass sie fast sofort eingeschlafen war, nachdem er den Raum verlassen hatte. Das Bett war bequem und ihr Schlaf traumlos, entspannend. Sie träumte nicht mehr wirr von Feuer und irgendwelchen Gebäuden ohne Ausgang wie in den letzten Tagen. Als sie schliesslich erwachte, hatte sie sich bereits ein paar Mal im Halbschlaf hin und her gedreht und gekonnt ignoriert, dass die Sonnenstrahlen immer heller durch das Fenster schienen. Irgendwann liess es sich nicht mehr ignorieren.
Ylaria drehte sich so, dass sie auf dem Rücken zu liegen kam und öffnete die Augen und lächelte. Verian sass auf demselben Platz, auf dem er am Tag zuvor schon gesessen hatte, als sie richtig zu Bewusstsein gekommen war. Sie freute sich, ihn zu sehen. „Hallo“, brachte sie krächzend zustande und räusperte sich dann.
„Du bist wach“, stellte Verian fest.
Ylaria nickte und versuchte sich in eine sitzende Position auf dem Bett zu begeben. Sie hatte einige Mühe, aber es klappte schliesslich. „Guten.. Morgen. Ist es noch überhaupt noch Morgen?“, sagte sie, die Stimme noch immer etwas belegt vom Schlaf.
„Ja“, antwortete Verian schlicht.
„Uh.. Dachte, ich habe länger geschlafen“, sagte Ylaria und lächelte ihn erneut an. Verian erwiderte das Lächeln nicht, sondern blickte sie weiterhin ziemlich reserviert an. Seine Augen zierten dunkle Ringe, er trug dieselbe Kleidung wie am Vortag und auch sein Haar wirkte eher ungewaschen. „Im Gegensatz zu dir. Du hast wohl wenig Schlaf bekommen“, sagte sie und lächelte weiterhin.
„Wundert dich das?“, fuhr Verian sie an und verschränkte die Arme.
Ylaria blickte ihn verwirrt an. „Wie..?“
„Entschuldige. Vergiss es. Iss etwas.“ Verian deutet mit einer Handbewegung auf das kleine Tischchen, welches zu ihrem Bett geschoben worden war, und rieb sich danach die Stirn. Darauf befand sich ein Tablett mit einem Teller, auf dem eine Schale mit Mus stand. Ylaria rutschte etwas näher zum Bettrand, während ihr Blick auf Verian ruhte. Zwei steile Falten standen über seiner Nasenwurzel, er wirkte im Vergleich zum Vortag verändert, besorgt, ja fast schon wütend. Ylaria kannte ihn zu gut, um diese Anzeichen nicht korrekt deuten zu können. Aber sie verstand nicht, was los war. Langsam stellte sie den gesunden Fuss auf den Teppich, der vor dem Bett lag und zog das Tischchen etwas näher, damit sie den Löffel ergreifen konnte. Sie war eigentlich nicht hungrig, aber sie schätzte, es würde nicht lange dauern, bis ihr Körper nach etwas Essbarem verlangte. In ihrem Magen pochte es dumpf. Sie tauchte den Löffel ins Mus und nahm etwas von der fruchtig-süsslich riechenden Masse auf, steckte den Löffel dann in den Mund und schluckte die kleine Portion herunter. Währenddessen spürte sie den fast schon bohrenden Blick von Verian stetig auf ihr ruhen. Sie nahm einen zweiten Löffel, doch schon bei diesem zweiten Bissen kehrte die Übelkeit, die sie während der letzten Tage empfunden hatte, mit voller Wucht zurück. Sie liess den Löffel sinken und zog mit einer Hand an der Bettdecke, um sie etwas mehr um sich zu wickeln.
„Du sollst essen“, sagte Verian fast schon tonlos. Ylaria runzelte die Stirn. Was war mit ihm los? Noch gestern war er so liebevoll freundlich und besorgt gewesen.
Ylarias Blick wanderte erneut zum Teller, aber diese seltsame Gemütswandlung Verians verstärkte ihre Übelkeit bis zu dem Punkt, dass sie sich über sich selbst ärgerte.
„Nein. Mir ist übel“, sagte sie. Mit einer Hand rieb sie sich über die geheilte Wunde an ihrem Bein. Es schmerzte noch, obwohl Brionna die Wunde gereinigt, verschlossen und geheilt hatte. „Verian, was ist los? Ist etwas passiert, von dem ich wissen müssten?“, fragte sie schliesslich. Er würde ja sowieso nicht von alleine mit der Sprache herausrücken, sondern weiterhin dumpf vor sich hin brütend dasitzen, wenn sie nicht fragen würde.
„Nicht, dass ich wüsste“, gab er einsilbig Antwort.
„Beim Licht, Verian.“ Ylaria rollte mit den Augen. „Dann geh schlafen. Ich komm hier auch allein klar. Du wirkst, als hättest du vier Tage nicht geschlafen und wärst gleichzeitig zum Latrinendienst verknurrt worden.“
Verian löste die Verschränkung der Arme und blickte sie an, verengte die Augen etwas. „Ich habe kaum geschlafen, weil ich hier über dich gewacht habe. Findest du es seltsam, dass ich müde bin?“
Ylaria vernahm bei den letzten Worten einen leicht aggressiven Tonfall in Verians Stimme und antwortete nun ihrerseits erbost. „Nein, natürlich nicht. Aber ich mein ja nur…“ Sie beendete den Satz nicht, schnaubte und legte sich wieder hin, zog die Decke fast bis zur Nasenspitze hoch. Verian sagte nichts, verschränkte nur die Arme wieder.
Einen Moment lang herrschte Stille, die sich immer dichter zwischen ihnen legte. Ylaria wagte nicht, Verian einen Blick zuzuwerfen. Sie verstand nicht, was hier vor sich ging.
Gerade als die Stille unangenehm zu werden schien, seufzte Verian. Sie blickte ihn an. Er hatte die Hand gehoben und rieb sich erneut die Stirn, blickte kurz zu ihr und wieder weg. Abrupt stand er auf und lief die zwei Schritte zum grösseren Tisch, kehrte wieder zurück zum Stuhl, setzte sich hin. Er wirkte wie ein gefangener Bachtatzenluchs, als er erneut aufstand und wieder zum Tisch ging, mit der Handfläche über die Tischplatte fuhr.
„Verian, jetzt sag schon... Was ist los? Tu nicht so, als wäre nichts. Ich kenne dich lange genug.“
Verian drehte sich zu ihr und blickte sie an, schwieg einen erneuten Moment. „Wie lange nimmst du es schon?“, sagte er schliesslich. Seine ganze Körperhaltung verriet seine Anspannung.
„Wie.. was?“
„Ich meine, es wär' ja nicht so, dass ich dich dafür verdammen würde, aber du hättest es mir wenigstens sagen können. Warum musstest du es geheim halten? Wenn ich es gewusst hätte, wäre... Ach... was weiss ich... Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum hast du überhaupt angefangen mit dem Zeug?“, sprudelte es plötzlich aus Verian hervor. „Du weisst genau, dass es gefährlich ist, und dass es extrem süchtig macht. Brionna hat gesagt, dass du dich deswegen nicht so gut erholt hast. Sie hatte sogar Angst, dass du nicht mehr aufwachst, Ylaria! Was hast du dir dabei gedacht?“ Er fuhr sich durch die ungekämmten Haare. Seine Stimme wurde immer eindringlicher.
„Halt... Stopp“, unterbrach Ylaria ihn. „Verian, ich verstehe kein Wort. Wovon sprichst du?“
„Die Blutdisteln. Ich habe Brionna gesagt, dass ich nicht glaube, dass du das Zeug nimmst, aber ich weiss nicht, was ich denken soll, Ylaria“, fuhr er fort.
„Wie... Blutdisteln?“ Ylaria zog eine Augenbraue hoch. Sie verstand kein Wort. Was dachte er über sie? Was für ein Unsinn?
„Blutdisteln halt! Stell dich nicht absichtlich dumm. Du weisst genau, was Blutdisteln sind!“
Ylaria verschränkte die Arme. „Natürlich weiss ich das, aber was hat das mit mir zu tun? Wie kannst du mir unterstellen, dass ich Blutdisteln nehme?“
„Weil Brionna das gesagt hat. Sie ist sich sicher. Du hast Blutdisteln genommen.“
„Was... das ist... wie kannst du ihr mehr glauben als ich? Verian, beim Sonnenbrunnen, was ist in dich gefahren?“, sprach Ylaria scharf und starrte Verian an.
„Nein, was ist in dich gefahren?“, entgegnete Verian nicht weniger scharf.
Ylaria unterdrückte die Regung, ihn wütend anschreien zu wollen. Was war denn los? Sie hasste Blutdisteln. Das wusste er ganz genau. Sie begriff nicht, was los war und wollte Verian am liebsten durchschütteln. Doch sie holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Sie war noch immer müde, ihr Magen wusste sich nicht zwischen Hunger und Übelkeit zu entscheiden und ihr Kopf begann schon wieder zu pochen. „Bitte... Verian... Von Vorne. Ich verstehe nicht“, bemühte sie sich in einem möglichst ruhigen Tonfall zu sagen.
Verian behielt einen Moment lang noch seinen wütenden Gesichtsausdruck bei, aber Ylaria glaubte ein wenig darunter versteckt Sorge zu erkennen. Er seufzte und setzte sich zurück auf den Stuhl neben ihr Bett.
„Brionna und eine ihrer Kolleginnen sagen, du nimmst Blutdisteln.“
„Das ist nicht wahr!“, protestierte Ylaria.
„Warum sagt sie es dann?“
„Ich weiss nicht... Ich bin keine Heilerin... Wie kommt sie auf diese Idee?“
„Sie ist aber Heilerin. Ylaria, sie erkennt so was doch.“
„Verian“, Ylaria streckte die Hand aus, rutschte auf dem Bett etwas näher zu Verian und legte ihm eine Hand auf den Oberarm, „Du... wir sind so lange befreundet. Warum glaubst du mir nicht? Ich nehme keine Blutdisteln. Nicht nach Sonnenpfeils Tod.“ Verian rieb sich den linken Nasenflügel mehrmals. „Bitte, Verian. Du musst mir glauben. Das ist irgendein Missverständnis.“
„Ich verstehe das nicht.“
„Ich doch auch nicht, Verian“, murmelte Ylaria. „Hör zu, wir werden das klären. Am besten holst du Brionna und ich rede einmal mit ihr darüber.“
„Wir haben keine Zeit. Ich habe auch Brionna schon den einen Tag abgerungen, um mit dir zu sprechen, aber danach wird sie es wohl Feuerblüte sagen.“
Ylaria wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Wenn Imenia erfahren sollte, dass dieser absurde Verdacht auf ihr lag, dann.. sie wollte sich nicht vorstellen, was das bedeutete. „Ich... du musst mir glauben, Verian, ich...“

Sie konnte den Satz nicht mehr beenden. Die Tür wurde mit viel Schwung geöffnet, so dass sie mit einem lauten Geräusch an die Wand knallte. Ylaria zuckte zusammen.
Imenia betrat ihre enge Kammer, gefolgt von Arkanist Tyballin.
„Himmelswispern, zur Seite“, befahl sie und baute sich ohne weiteren Kommentar vor Ylarias Bett auf. „Wie konntet ihr es wagen?“, fuhr Imenia sie sofort an. Ylaria öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber hatte nicht die Chance, tatsächlich etwas zu sagen. „Beim Licht, wie konntet ihr es wagen, die Mission mit eurem elenden Blutdistelkonsum auch nur annähernd in Gefahr zu bringen? Wie könnt ihr es wagen, als Magierin dieses dreimal verfluchte Kraut zu schlucken? Seid ihr von allen guten Leylinien verlassen?“, zeterte sie weiter.
Ylaria starrte Imenia an. Das konnte nicht wahr sein! Verian hatte doch gesagt, dass sie es nicht wusste. Wie konnte er sie anlügen? Sie wollte ihm gerade einen wütenden Blick zu werfen, als sie sah, dass er ebenso verwirrt war wie sie. Was wurde hier gespielt?
Tyballin trat mit verschränkten Armen neben Imenia. „Beruhige dich, Imenia. Wir müssen sie zuerst untersuchen und danach erfahren, woher sie die Disteln hier bezieht, damit wir den Händler unschädlich machen können.“
„Aber... Was... Ich nehme keine Blutdisteln, das habe ich schon Verian gesagt“, wehrte Ylaria sich verzweifelt, doch ihre Worte gingen unter, denn Verian hatte hinter den beiden Elfen die Menschenfrau entdeckt, die ebenfalls ins Zimmer gehastet war.
„Ihr! Ihr habt mir versprochen, dass... Ihr habt euer Versprechen gebrochen!“, rief er in ihre Richtung und versuchte sich an Imenia vorbei zu drängen.
„Himmelswispern, haltet den Mund!“ befahl Imenia barsch.
Mittlerweile hatte sich auch die Menschenpriesterin nach vorne gedrängt und zupfte an Imenias Umhang. „Lady Feuerblüte, ich... wir wissen noch nicht genau, das...“, versuchte sie zu sagen. Ylaria bewunderte ihren Mut, sich tatsächlich näher zu Verian zu begeben, der immer noch neben Imenia stand, und die Priesterin wütend anfunkelte, aber dem Befehl seiner Kommandantin Folge leistete und passiv die Arme verschränkte. Imenia drehte sich zu der Priesterin um und funkelte sie wütend an. „Ihr seid gefälligst still. Ihr habt mir das schliesslich verheimlicht.“
Brionna duckte sich unweigerlich ein wenig und trat einen Schritt zurück. „Verzeihung“, murmelte sie.
Imenia übertönte sie und zeterte weiter. „Was habt ihr noch angestellt, Silbersang? Vielleicht noch Verrat begangen? Den Schwertgriff..“
„Ruhe!“, schnitt Arkanist Tyballin Imenia das Wort ab.
Sehr zu Ylarias Erstaunen kehrte Schweigen ein in der engen und mittlerweile recht überfüllten Kammer.
„Gut. Jetzt atmen wir alle einmal tief durch und benehmen uns dann wie anständige Elfen“, sagte er schliesslich gen Imenia und Verian. „Himmelswispern, ihr macht Platz. Imenia, du bist einen Moment lang still. Tallys, tretet vor“, befahl er.
Die Menschenfrau trat vor, die Hände ineinander verschränkt, den Blick auf dem Boden. Tyballins Blick kam auf Ylaria zu liegen, die den Drang unterdrücken musste, die Decke höher zu ziehen.
„Sprecht!“, befahl er der Menschenfrau.
„Verzeiht, Sire, aber... Es war nur ein... Ich wollte niemanden in Bedrängnis bringen“, murmelte sie. Im gleichen Moment ging die Tür auf und Leireth betrat die Kammer.
„Ihr sollt euch nicht entschuldigen, sondern sprechen. Es reicht schon, dass ihr uns dies verheimlicht habt. Zum Glück gibt es eine anständige Elfe unter uns.“
Ylaria war die einzige, die ihren Blick nicht auf Tyballin hatte, sondern auf Leireth. Sie sah, wie Leireth lächelte und sich kurz durch die Haare fuhr. Es war fast schon so, als würde sie sich durch Tyballins Bemerkung geschmeichelt fühlen.
„.. erholt, wie wir es erwarten würde. Nach einer Lichtheilung, meine ich.“ Ylaria wandte den Blick schnell ab. Sie hatte sich einen Moment lang von Leireth ablenken lassen und so den Anfang von Brionnas Ausführungen verpasst. „Ich habe auch eine befreundete Heilerin um Hilfe gefragt, sie kam auf dasselbe Ergebnis. Auch ihre Lichtkräfte konnten nicht mehr ausrichten. Unsere Schlussfolgerung war dieselbe: Es muss Blutdistel im Spiel gewesen sein. Der Entzug von dieser Pflanze kann in Kombination mit Krankheits- oder Verletzungsymptomen eine Verstärkung eben... dieser Symptome bewirken.“ Mit jedem Wort wurde die Menschenfrau sicherer. „Aber ich bin mir nicht sicher, denn...“
„Da hast du es gehört“, fuhr Imenia dazwischen. „Also, woher habt ihr das Zeug, Silbersang? Sprecht!“
Die Menschenfrau zuckte sofort wieder zusammen. Sie litt offensichtlich darunter, dass sie mit ihren Heilkünsten Leid auf Ylaria gebracht hatte. Oder zumindest hoffte Ylaria das. Sie spürte Wut auf die Priesterin in sich aufsteigen. „Ich nehme keine Blutdisteln“, erwiderte sie in leicht gereiztem Tonfall. „Spielen hier denn alle verrückt? Wie könnt ihr so etwas behaupten?“
Tyballin hob erneut die Hand. „Die Fakten sprechen gegen euch. Ich rate euch zu sprechen, dann kommt ihr vielleicht mit einer leichten Strafe und Degradierung davon, ansonsten...“
Ylaria hob die Schultern etwas an. „Ich weiss wirklich nicht... Bitte, ich verstehe nicht. Ich war immer eine gute Magierwache, wie könnt ihr so etwas überhaupt behaupten.“
„Himmelsflamme, ihr durchsucht ihre Habseligkeiten“, befahl Tyballin. Er schien Ylarias Worten keine Beachtung mehr zu schenken. „Nein, ihr nicht, Himmelswispern. Ich traue euch nicht.“
Ylaria wandte sich an die Priesterin. „Bitte, Brionna, sagt ihnen dass ihr euch irrt. Ich nehme keine Disteln. Ich kann es mir nicht anders erklären, dass...“
Mitten im Satz fiel es ihr ein. Aus irgendeiner Ecke ihres Gedächtnisses fiel es ihr wieder ein: Dairean und sein Pulver. Sie wurde bleich. „Mist eines Bachtatzenluchs“, murmelte sie. Dairean... konnte es sein, dass sein Pulver tatsächlich...? Aber sie hatte sich gut gefühlt. Besser. Sofern dies den Umständen entsprechend gesagt werden konnte. sie hatte angenommen, es wäre ein Heilmittel. Irgendein Schlafmittel oder ein schmerzstillendes Mittel.
Leireth hatte sich in Bewegung gesetzt und wühlte sich durch den Inhalt ihres Kleiderschranks.
Ylaria hob den Kopf und blickte den Arkanisten an. „Arkanist Tyballin“, räusperte sie sich. „Darf ich... eine Frage stellen? Ich werde danach auch sprechen.“
Tyballin zog eine Augenbraue hoch. „Eine Frage?“
„Bitte. Danach beantworte ich alle Fragen, die ihr habt.“
„Ich wusste, dass ihr klein beigebt“, schmunzelte der Arkanist. „Was wollt ihr fragen?“
„Ich... würde gerne Brionna... Ich meine Miss Tallys etwas fragen.“
„Was hat Tallys damit zu tun?“, schnaubte Tyballin. „Verratet uns einfach, bei wem ihr das Zeug gekauft habt.“
„Bitte.“, sagte Ylaria schlicht.
Brionna hatte sich bereits wieder genähert und blickte sie an.
„Ihr behauptet also, ich hätte Blutdisteln genommen, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Brionna. „Verzeiht, Miss, ich...“ Es war ihr sichtlich unangenehm.
„Und geht von der Annahme aus, dass ich regelmässige Nutzerin sei. Beantwortet mir eine Frage: Wie wird Blutdistelextrakt zumeist aufgenommen?“
„Nun.. man kann es schnupfen oder ins Zahnfleisch reiben.“
Ylaria nickte. Soviel wusste sie auch. Bereits sah sie eine Augenbraue Tyballins höher wandern.
„Das ist doch nutzlos“, murmelte Imenia.
„Das hinterlässt Spuren, oder?“, fragte Ylaria dann.
„Ja, natürlich. Das Zahnfleisch ist gerötet, und bei längerem Gebrauch geht es zurück, legt die Zahnhälse frei. Die Zähne verfärben sich auch grünlich. Und durch die Nase greift es die Nasenwände an, frisst sie regelrecht weg.“
„Kontrolliert mich.“
Brionna blickte sie verwirrt an.
„Ich nehme keine Blutdisteln“, fuhr Ylaria fort. „Ihr sollt mich auf die eben genannten Spuren hin untersuchen.“
„Das ist nicht notwendig“, wollte Tyballin eingreifen.
„Und ob es das ist! Das steht mir zu, Arkanist! Ich nehme keine Blutdisteln. Ich bin in dieser Einöde fast gestorben, ich hätte für diese Mission mein Leben gegeben. Es ist keine Art, mit mir derart umzuspringen, obwohl ihr keine Beweise habt“, wehrte sich Ylaria und legte all ihre Überzeugungskraft, die sie aufbieten konnte, in ihre Worte.
„Die Worte einer Heilerin genügen als Beweis“, entgegnete Imenia an Tyballins Stelle.
„Nicht, wenn sie beweisen sollen, dass ich eine regelmässige Nutzerin bin. Was ich nicht bin. Dafür werdet ihr keinen Beweis finden.“
„Aber dafür für eine einmalige Nutzung oder was?“, höhnte Leireth aus dem Hintergrund und schlug die Schranktür wieder zu. „Nichts zu finden, Sire.“
„Ruhe dahinten“, befahl Tyballin.
Ylarias Hände zitterten. Mittlerweile war ihr so übel, dass sie jeden Moment befürchtete, sich zu erbrechen. „Ja. Für eine einmalige Nutzung. Bitte.. untersucht mich“, sagte sie zu Brionna. „Ich habe eine Erklärung dafür, aber untersucht mich zuerst.“
Die Menschenfrau trat vor. „Also gut. Mund auf“, sagte sie leise und Ylaria gehorchte ihren Anweisungen. Sie untersuchte Ylarias Mund und forderte sie auf, den Kopf etwas zurückzulegen. Die Untersuchung dauerte nur wenige Minuten, ehe sich Brionna wieder umdrehte und kleinlaut sagte, „Sie... sagt die Wahrheit. Es lassen sich keine Anzeichen für eine Nutzung erkennen.“
Tyballin und Imenia wirkten gleichermassen erstaunt, Verian erleichtert „Aber... wie ist das möglich?“
„Der Spion“, sagte Ylaria leise. „Er gab mir ein Pulver. Ich hatte sehr grosse Schmerzen. Es machte alles besser. Vermutlich war es... das Pulver.“
„Glaubt ihr ihr so leicht?“, erklang erneut Leireths Stimme. „Sie könnte das Zeug auch geschluckt haben, oder?“
„Das ist... das würde keinen Sinn machen, Miss. Dann entfaltet das Pulver keine Rauschwirkung“, wagte Brionna ihr zu widersprechen.
„Hrmpf“, brummelte diese und widmete sich Ylarias kleiner Kommode. Offensichtlich schien es ihr Spass zu machen, Ylarias Sachen zu durchwühlen.
„Und ihr seid sicher, Tallys? Auch nachdem ihr das beim ersten Mal nicht entdeckt habt?“
„Ja, ich bin sicher, Sire. Ich habe sie zuvor... nicht so untersucht, es erschien mir aufgrund meiner Erklärung nicht notwendig.“
Imenia schnaubte. „Das hättet ihr aber tun müssen. Wie stehen wir denn jetzt da? Wir haben eine gute Magierwache wegen euch unnötigerweise beschuldigt.“
„Aber... ich wollte... ich habe...“
„Stammelt nicht 'rum und geht mir aus den Augen. Ich will euch heute nicht mehr sehen“, fuhr Imenia sie an, liess Brionna aber gar keine Chance, sich in Bewegung zu setzen, sie verschwand vor der Priesterin aus der Kammer und schlug die Tür unnötigerweise zu.
Ylaria erlaubte es sich zu atmen. Verian näherte sich dem Bett wieder, wirkte zerknirscht. „Verzeih“, murmelte er leise.
„Also gut, ihr seid von den Vorwürfen vorläufig enthoben. Aber wenn ihr je wieder unter den Verdacht kommt, dann muss ich euch härter bestrafen, das ist euch wohl klar.“ Im Gegensatz zu Imenia klangen Tyballins Worte nicht wütend, sondern wohlüberlegt, aber besorgt. Was war in den letzten Tagen passiert? Imenia verhielt sich wie eine andere Person, Leireth schien auf einmal Gefallen am Gedanken zu finden, dass Ylaria etwas Verbotenes tun würde und Verian traute ihr nicht mehr über den Weg?
„Geht nicht allzu sehr ins Gericht mit ihr“, unterbrach Tyballin ihre grübelnden Gedanken. „Ich werde euch heute Abend noch einmal besuchen, und ihr werdet mir alles über diesen Aufenthalt in der Höhle mit dem Spion erzählen.“
„Natürlich, Arkanist... Auch wenn... ich habe fast nur geschlafen, muss ich sagen.“
„Ich möchte Klartext reden: Uns ist ein Schwertgriff verloren gegangen, und wir wollen wissen, wo er ist. Ich erwarte volle Kooperation.“
Ylaria nickte. „Natürlich, Sire.“
„Shorel'aran und erholt euch gut.“ Tyballin verliess die Kammer ebenfalls zügig, während Verian sich zu ihr auf das Bett setzte.
Ylaria schluckte leer, dann atmete sie tief durch. „Verzeih... wirklich... verzeih mir, dass ich dir nicht geglaubt habe. Warum hast du das mit Ley... ich meine dem Spion nicht vorher gesagt? Ich habe wirklich gedacht, dass du...“ Verian legte eine Hand auf ihre.
„Mir... ist es auch erst jetzt eingefallen... gerade“, sagte Ylaria leise. Sie kämpfte immer noch gegen die Übelkeit.
Mit einem leichten Knall flog etwas auf den Boden und zerbrach scheppernd. „Leireth, hör auf. Was machst du da noch? Das sind meine Sachen“, protestierte Ylaria schwach.
„Befehle befolgen“, gab Leireth zur Antwort.
„Das hat sich doch erledigt. Hast du nicht zugehört? Ich nehme kein Pulver.“
Leireth richtete sich auf und blickte sie an. „Man kann nie sicher sein.“
Verian liess Ylarias Hand los und stand auf, trat zu Leireth. „Lass ihre Sachen in Ruhe“, sagte er ruhig.
„Aber Verian, wir müssen sicher sein.“
„Wir müssen gar nichts... Ich habe dir gestern gesagt, dass ich das mit dir später bespreche, und dass ich nicht glaube, dass sie Blutdisteln nimmt. Und trotzdem bist du zu Feuerblüte gerannt?“
„Wovon sprichst du?“, sagte Leireth.
„Lüg' mich nicht an. Ich habe dir gestern von Brionnas Verdacht erzählt. Nur Brionna, Hammerschmied und ich wussten davon. Brionna hat mir versprochen, es nicht zu erzählen, und Connell würde nichts tun, was gegen Brionnas Ansichten verstiesse.“
Leireth legte eine Hand auf Verians Oberarm und trat näher zu ihm. „Verzeih, Liebster. Ich dachte, es wäre... Du hast nicht gesagt, dass es ein Geheimnis ist. Ich bin zu Feuerblüte gegangen, weil ich ihr Hilfe anbieten wollte, Ylarias Händler für das Pulver zu finden.“
„Ich habe keinen Händler“, begehrte Ylaria auf.
„Ja, natürlich.“ Leireth lächelte irgendwie falsch und gleichzeitig doch überzeugend in ihre Richtung und blickte dann wieder zu Verian hoch. Bereits jetzt spürte Ylaria, wie Verians Widerstand schwand.
„Ich war selbst überrascht davon, du Dummerchen hättest mir das doch sagen sollen“, fuhr Leireth weiter fort. „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es niemals gesagt. Das musst du mir glauben.“
„Das hätte dir doch klar sein müssen.“
„Ja... vielleicht. Auch wenn ich nicht so gut bin, Dinge zu erraten, die man mir nicht sagt.“
„Aber...“ Leireth legte Verian einen Finger auf die Lippen.
„Pscht... Es tut mir leid. Verzeihst du mir noch einmal?“
Ylaria zog eine Augenbraue hoch. Entschuldigte sie sich gerade bei Verian? Sie wollte protestieren, doch sie sah, wie Verian Leireths Hand in die seine nahm, und über die Handfläche streichelte. Er kaute auf der Lippe herum, sein Blick lag auf ihr.
Ylaria legte sich seufzend zurück auf das Bett. „Ist ja jetzt egal. Bitte geh, ich muss mit Verian was besprechen, Leireth“, unterband sie mögliches weiteres Gesäusel Leireths, die ihr mit jedem Satz, den sie gesagt hatte, unsympathischer wurde. Was war bloss mit ihr los? Sie hatte Leireth früher doch geschätzt? Und Leireth hatte auch sie immer mit Respekt behandelt.
„Wie du willst“, kam die kühle Antwort. Ylaria blickte ihr nicht nach, als sie die Kammer verliess.
Verian setzte sich wieder neben sie. „Tut mir wirklich leid. Ich habe nicht gewusst, dass sie es gleich erzählt.“
„Ist nicht dein Fehler. Konntest du nicht wissen“, murmelte Ylaria. Sie war müde. Kaum eine Stunde war vergangen, seit sie aufgewacht war. Beim Aufwachen hatte sie sich auf den Tag gefreut, doch die Unruhe, die in der letzten Stunde von ihr Besitz genommen hatte, hinterliess ein dumpf pochendes Gefühl der Unsicherheit in ihrer Brust, welches sich zur Übelkeit in ihrem Bauch gesellte.
Verian hatte den Kopf gesenkt.
„Du bist nicht wütend auf sie“, sagte Ylaria, mehr als Feststellung denn als Frage. Verian hob den Kopf. Natürlich war er das nicht.
„Ich...“
„Scht... schon gut“, murmelte Ylaria und schloss die Augen. Sie wusste, sie sollte sich freuen für sein Glück. Die Vertrautheit zwischen den beiden, das Kosewort, welches Leireth benutzt hatte, reichten schon, um Ylaria in die fortgeschrittene Natur dieser Liebesbeziehung Einblick nehmen zu lassen. Sie wusste, sie sollte sich freuen, aber sie tat es nicht, und nicht nur, weil Leireth sie offensichtlich angeschwärzt hatte, ob absichtlich oder nicht. Sie fühlte sich leer. „Schon gut...“, murmelte sie erneut.

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