Die Sterne über Dalaran - Part 5

Melian

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Als Imenia Feuerblüte sie anblickte, behielt Ylaria ihren wachsamen, doch starren Gesichtsausdruck bei. Sie erlaubte es sich nicht zu lächeln, denn dies entsprach nicht dem Respekt, den sie einer Vorgesetzten entgegenzubringen hatte. Sie neigte ihren Kopf, wie alle andern anwesenden Mitglieder des Silberbunds, die sich zu dieser frühen Stunde auf dem Trainingsplatz im Allianzquartier eingefunden hatten. Dann hob sie den Kopf wieder, und schlug sich leicht mit der Faust auf die Brust zum formellen Salut. Es mutete fast schon gespenstisch an, wie dies zeitgleich von allen Anwesenden getan wurde, doch die wenigen Wesen, die sich in der Nähe des durch Magie geschildeten und geschützten Trainingsplatzes aufhielten, waren sich so etwas schon gewöhnt. Ylaria wagte es nicht, sich umzusehen, sondern richtete ihren Blick aufmerksam auf Imenia, die den Gruss erwiderte, und mit klarer Stimme zu sprechen begann. Ihre Stimme war kräftig und sie wirkte gut gelaunt, doch konnte man bei ihr niemals wissen, ob es nicht vielleicht gespielt war. „Guten Morgen“, sagte die durchschnittlich grosse Elfe, und stemmte eine Hand in die Hüfte. Ihr selbst für eine Magierin erstaunlich durchtrainierter Körper wurde eingehüllt durch eng anliegende, und dennoch bequem anmutende Lagen von Stoff, die ihr perfekte Bewegungsfreiheit boten. Sie hatte – wie so viele Kampfmagier – bereits vor langer Zeit angefangen darauf zu verzichten, lange Roben zu tragen, sondern kleidete sich in Hosen und Lederstiefeln, eng anliegenden hochgeschlossenen Oberteilen, die mit einer weiteren Schicht Stoff und Watte ausgefüttert waren, welche als Schutz gegen eventuelle Dolchstiche, aber auch gegen die Kälte Nordends diente. Dicke Handschuhe und Schulterpolster komplettierten das Erscheinungsbild ebenso wie der dunkelblaue Umhang, der zusätzlich Schutz gegen Wind und Wetter bot, und der imposante Wams des Silberbunds. So wie Imenia trugen alle Anwesenden Silberbundler diese Art von Rüstung, auch Ylaria und Verian, der neben ihr stand. „Guten Morgen“, wiederholten die Anwesenden im Chor, und Ylaria riskierte einen kurzen Seitenblick zu Verian, der etwas zu spät einsetzte. Man sah ihm kaum an, dass er sich dem Alkohol hingegeben hatte, doch Ylaria kannte Verian zu lange, um nicht zu sehen, dass seine Gestalt etwas geduckter wirkte als an normalen Tagen, seine Stimme etwas belegt klang, und die Augen einen leicht rötlichen Schimmer hatten. Ebenso wirkten seine Haare ungekämmter als sonst, was er jedoch mit einem Haarband zu verbergen suchte. < Idiot >, dachte sie innerlich, als sie ihren Blick wieder auf Imenia richtete.
„Wir haben uns heut hier versammelt zur üblichen Truppübung. Nehmt eure Ausgangspositionen ein. Eskorte.“ Wie immer kam Imenia schnell zum Punkt. Die acht anwesenden Magierwachen, die unter Imenias Befehl standen, bewegten sich sofort und geschmeidig zu dem Punkt, den sie einzunehmen hatten, es mutete wie ein Spiel an. Beinahe gleichzeitig wurden acht Schutzschilde beschworen und ausgedehnt, so dass die acht in einem Oval angeordneten Magier eine einzige schützende Hülle umgab. Dann zogen die Magier ihre Waffen. Vier von ihnen trugen einhändige Schwerter, darunter auch Verian. Ylaria begnügte sich wie Leireth mit einem Dolch und einem langen, aus sehr robustem Holz gefertigtem und mit Magie verzierten Stab. Einer der Kampfgefährten trug einen mächtigen Zweihänder, und ein anderer trug ebenso wie Imenia einen Stab. Ein jeder konnte diese Waffen zu ihrem besten einsetzen, und damit die Magie unterstützen, die sie wirkten.
Langsam trat Imenia, die das Ganze von aussen angesehen hatte, zwei Schritte vor. „Gute Arbeit, und sehr präzise.“ Sie ging ein paar Schritte, und kam dabei an Ylaria vorbei, die die Zähne zusammenbiss. Gleich würde…
Sie hatte den Gedankengang noch nicht einmal beendet, als die Angriffe anfingen. Ein heftiger Energiestoss schlug auf das Schild ein, drohte es zu durchdringen. Sofort wurde der Schutzschild an der Stelle verstärkt. Ylaria sandte ihre Gedanken aus, wusste, dass sieben andere dies ebenso taten, um den Angreifer zu finden, der irgendwo lauerte. Noch bevor sie den ersten Angreifer gefunden hatten, spürte sie einen eisigen Blitz in dem Schutzschild einschlagen, der die Handschrift von Arkanist Tyballin trug. Verian neben ihr hob eine Hand, und beschwor in seiner rechten eine arkane Antwort, die er sogleich in die Richtung des Angriffs zurückschickte.
Weitere Zauber prasselten als Antwort auf den Schutzschild der acht Magier. „Vor“, gab Ylaria das Kommando, als sie sicher war, dass der Schild halten würde. Langsam bewegten sich die Acht in Richtung Imenia, die sich ans andere Ende des Platzes teleportiert hatte, mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen.
Die Angriffe wurden stärker, als sie ungefähr fünf Meter zurückgelegt hatten, immer darauf bedacht, die Mitte zu schützen, in der im Ernstfall wohl ein zu eskortierendes Ziel gewesen wäre. Ylaria biss die Zähne zusammen, und gab noch etwas mehr ihrer Magie in das Schild hinein, als es kurzzeitig an einer Stelle schwächelte. „ Bei allen Sonnen“, entfuhr es ihr leise. Es musste einige Arkanisten anwesend sein, um diese Übung so realistisch wie möglich zu gestalten, wenn die Intensität der Angriffe ein achtfaches Schild zum Schwanken bringen konnte.
„Ich kann es nicht mehr halten, Ylaria“, rief Tyradien, „bei mir sind die Angriffe zu stark“. „Übernehmen“, antwortete Ylaria, und nickte Leireth und Verian zu, die ihre Flanken darstellten. „ich schere aus.“
Mit diesen Worten speiste sie das Schild noch mit etwas Magie, dann trat sie aus dem Verbund heraus, erfasste blitzschnell die Lage, und schickte eine Salve arkaner Geschosse in die Richtung des hauptsächlichen Angreifers. Schweissperlen tropften ihr ins Gesicht, sie wischte einmal mit dem Ärmel drüber, während sie sich auf einen weiteren Zauber konzentrierte, und die Beschwörungen murmelte. Es kostete sie den Rest ihrer Kraft, und dann.
„Verflucht“, konnte man den Schrei von Tyballin hören, der erfolglos versuchte, die fünf Spiegelbilder Ylarias zu attackieren, die eine enorme Menge an fast wirkungsloser, aber extrem nervender kleiner Eisgeschosse auf ihn abfeuerten. An Konzentration für grössere Sprüche war nicht mehr zu denken.
Ylaria rannte, begleitet von einem der Spiegelbilder auf einen anderen Arkanist zu, und schlug ihm erfolgreich den Stab über den Kopf, während sie ihr eigenes Spiegelbild imitierend kleine Frostblitze verschoss.
Der getroffenen Arkanist sank gehorsam auf den Boden, und blieb sitzen, als Ylaria bereits weiterstürmte. Ihre Kraft sank, und die Spiegelbilder begannen zu flackern, bald erloschen sie ganz. Doch es reichte schon. Das Manöver hatte wunderbar funktioniert, und mit wenigen Schritten erreichte sie die Gruppe Magier wieder, die mittlerweile fast Imenia erreicht hatten. Sie gliederte sich wieder ein, und zog ihre Schilde hoch, vereinigte sich mit dem grossen Schild.
„Gute Arbeit“, flüsterte Verian, und lächelte sie an. Ylaria nickte nur, für weiteres fehlte ihr der Atem. Der Rest erledigten die anderen, die die verbliebenen Angriffe mühelos abwandten, nachdem die Intensität gebrochen worden war durch Ylarias Ablenkungsmanöver.
„Neu formieren, Frontale Verteidigung“, schnitten Imenias Worte durch die Luft.
Die acht Magier stellten sich in einem Halbkreis auf, gaben vor, dass Imenia der Angreifer war. In dieser schützenden Position blieben sie stehen.
Imenia klatschte in die Hände. „Übung beendet. Ihr habt gut gekämpft, und bewiesen, dass ihr immer noch eine eingespielte Gruppe seid. Weiter so. Ruht euch eine Stunde aus, bevor ihr wieder euren Pflichten nachgeht. Und vergesst nicht eure Meditation.“
Sie verbeugten sich alle, und zerstreuten sich. Auch Ylaria wollte sich anschicken, den Platz zu entfernen, als Imenia vor sie trat. „Gut gemacht. Gut habt ihr dies gemacht, und auch du hast mich nicht enttäuscht, Ylaria“, sagte Imenia. „Du wirst dich heute Abend im Besprechungszimmer einfinden. Ebenso.. Du.. und du.. Euer Dienst ist für heute gestrichen.“, dabei zeigte sie auf Leireth und Verian. „Wie ihr es wünscht, Arkanistin Feuerblüte“, erwiderte Ylaria, und verbeugte sich noch einmal.
Verian knuffte sie in die Seite. „Ich glaub, das haben wir grad gut gemacht.“, grinset er. „Idiot“, erwiderte Ylaria. „So liebevoll?“, feixte Verian. „Du bist echt.. ich weiss nicht.. am Vortag noch trinken, und heute den grossen Macker spielen oder was?“, erwiderte Ylaria, und ihre Stimme klang etwas erbost. „Tut mir leid Täubchen“, Verians Seufzen klang echt. „Ich wusste wirklich nicht, dass das so stark war.. Ich weiss nicht einmal mehr, wie ich ins Bett gekommen bin, ehrlich. Aber danke, dass du mir grad den Arsch gerettet hast.“ „Pff“, entfuhr es Ylaria. „Tut mir echt leid.. wirklich.. Eigentlich müsste ich Feuerblüte sagen, dass ich nichts tauge.“ „Jetzt spiel nicht den Helden“, murmelte Ylaria, und blickte zur Seite. „Spendier mir einen Saft, und gut ist.. Oder noch besser, übe mit mir noch etwas den Schwertkampf, du hattest es versprochen.“
„Schwertkampf? In meinem Zustand..?“ „Ach komm schon, du hattest es..“ Leireth trat vor die beiden, und lächelte. Ylaria unterbrach ihren Satz. „Ylaria, gute Arbeit heute“, erklang Leireth liebliche Stimme. „Ich danke dir für die Unterstützung“, sagte Ylaria. „Ohne deine und Verians Hilfe hätte ich den Ausfall nie wagen können.“ „Wir schätzen alle deine Fähigkeiten, und würden dich jederzeit unterstützen. Ausserdem.. Jetzt ist Feuerblüte auf mich aufmerksam geworden.“ Leireth schmunzelte. „Ich schulde dir was.“
Verian öffnete und schloss den Mund wieder wie ein stummer Fisch. Der Anblick war fast zu komisch. „Ach.. nicht doch..“ „Wollt ihr beide etwas trinken? Ich lade euch ein“, sprach Leireth, und blickte Ylaria an. „Ich ehm.. wollte eigentlich..“ „Natürlich kommen wir sehr gerne etwas trinken, Leireth“, fuhr ihr Verian dazwischen, die Augen konnte er kaum abwenden von der Elfe. „Aber Verian..“, seufzte Ylaria. „Ylaria-Schätzchen, wir können auch heute Nachmittag trainieren, komm doch mit uns mit...“ Den letzten Satz warf Verian ihr etwas halbherzig vor, und blickte sie durchdringend an. Ylaria seufzte erneut und sprach mechanisch: „Nein. Geht ihr beide nur. Ich trainiere jetzt noch etwas.“ Verian grinste, und als Leireth sich mit einem Nicken abwandte, flüsterte er ihr noch zu: „Danke, Süsse“, und eilte dann hinter Leireth her.
Ylaria strich sich den Schweiss vom Gesicht, und tapste auf eine der einfachen steinernen Bänke, die an der Seite des Raumes standen für eventuelle Zuschauer, die sich auch am heutigen Morgen zur Genüge eingefunden hatten.
„Elender, alter, sturer, notgeiler Bock“, fluchte sie, ein zweites Mal innerhalb einem ganzen Tag, und war froh, dass sie niemand hören konnte. Oder zumindest hatte sie es gedacht.
Neben ihr raschelte es.
„Ich hoffe doch, ihr meint damit nicht mich, Madame“, sagte Dairean mit einem Schmunzeln, und trat aus einer Nische hervor, setzte sich ungefragt neben sie auf die Bank.
„Beeindruckende Vorstellung, muss ich schon sagen.“
 
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