Hallo Al Fifino,
erstmal Glückwunsch zum neuen Porträt, das wirkt gleich viel kraftvoller. Danke auch für Deine Erklärungen,
besonders zu den Zeit-Formen der Verben. Das rückt die Sache noch mal in ein etwas anderes Licht. Das Ge-
dicht hat mich sehr angesprochen, weil es mich zum Nachdenken über eine ganze Reihe Dinge angeregt hat.
Dazu gleich mehr. Zuvor wollte ich noch sagen, dass ich mir das Format des Textes anders gewünscht hätte.
Einen Vorschlag dazu habe ich weiter unten gemacht.
Mit der Form ist es so eine Sache. Ich glaube da haben sich im Laufe der Zeit einfach die Geschmäcker und
auch die Anforderungen an einen Text geändert. In einem Kommentar hier im Forum hast Du ja einmal ge-
schrieben, dass für Dich zu einem Gedicht immer auch ein Reim gehört. Man müsste genauer sagen: ein sog.
Endsilben-Reim, d. h., dass die Worte am Zeilenende jeweils miteinander reimen, wobei es da verschiedene
Möglichkeiten gibt. In Deinem Text passt der Endsilben-Reim gut, vor allem weil er über die Sätze hinausgeht.
Jetzt noch etwas zu meinen Gedanken zu Deinem Text: Besonders die Sentenz am Schluss und das Bild des
vor dem Computer sitzenden, gedanklich ausgehöhlten Menschen hat mich interessanterweise an die Geschichte
von Odysseus erinnert. Dort gibt es ja die Sirenen, die von einem Felsen im Meer aus ihre Gesänge zu allen
vorbeifahrenden Schiffern tragen. Wer ihrem Gesang verfällt, steuert unweigerlich auf ihre Insel zu, wo er mit
seinem Schiff zerschellt oder nach einiger Zeit der Selbstvergessenheit umkommt.
Auch die Figur in Deinem Gedicht scheint in gewisser Hinsicht einem besonderen Reiz erlegen zu sein. Mit dem
Unterschied, dass sie noch genügend Kraft besitzt, ihren Zustand zu beschreiben bzw. zu beklagen. Doch los-
reißen kann sie sich auch nicht mehr. Der Computer ist für die Figur in Deinem Text vielleicht Sirenenfelsen und
Arbeitsgerät zugleich, je nachdem ob sie sich mit Spielen ablenken will oder selbst etwas schaffen möchte. Das
macht die Sache natürlich ziemlich schwierig: Odysseus musste den Sirenen nur ein einziges Mal entkommen,
doch Deine Figur ist dem Sog der Selbstvergessenheit (durch Spiele) mit nur einem Klick jederzeit ausgesetzt.
Dadurch entsteht ein starkes Spannungsverhältnis in der Figur selbst, die sich immer wieder zwischen der ver-
lockenden Sorglosigkeit der Spiele und dem anstrengenden, jedoch selbstbestimmten Handeln entscheiden muss,
diesen Kampf jedoch zunehmend zu verlieren scheint. Vielleicht ist die Figur bald so blind wie das Ballern auf dem
Bildschirm, so dass sie den vorgegebenen Fantasien auf dem Monitor keine eigene Welt mehr entgegensetzen
kann – und somit untergeht. Soweit erst einmal meine Gedanken dazu. Unten steht noch mein Format-Vorschlag.
Viele Grüße
ophtar
[Text von Al Fifino:]
No Fantasy
Schon wieder kein Gedanke, bin voll neben der Spur.
Wozu noch etwas schreiben? Ich nehme Drogen pur,
Nichts Hartes, nur das Weiche; Computer, noch ein Spiel,
Vor lauter blindem Ballern seh' ich nicht mehr das Ziel,
Um endlich das zu kriegen, was ich doch schon mal hatte.
Um mich anders zu fühlen, nicht wie 'ne kleine Ratte,
Die's dauernd nur versucht und es dann doch nicht schafft.
Die dauernd nur herum rennt, bis sie es auch mal rafft:
Die Zeit, da man noch schrieb, ohne daran zu denken,
Dass vielleicht auch was falsch ist, mal etwas zurecht renken.
Als alles noch perfekt war, als alles perfekt lief.
Doch das ist jetzt verschwunden. Zurück bleibt nur ein Tief.
Was ist aus mir geworden, dass meine Fantasie
So leicht, so verflucht einfach hinabging in die Knie.