Dieser Thread ist maßgeblich durch den Thread "Wie wird man in WoW beliebt?" inspiriert worden.
Das Gebahren der Menschen in der virtuellen Realität spiegelt in überspitzter Form die Verhältnisse wieder, die auch im RL den gesellschaftlichen Betrieb maßgeblich regeln. Viele Menschen, die uns in Führungspositionen am Arbeitsplatz und in der Gildenleitung begegnen, zeichnen sich durch einen autoritären Umgang mit ihren Untergebenen aus, der sich von der tyrannischen Herrschaft einiger Diktatoren im afrikanischen Dschungel wohl nur deshalb unterscheidet, weil eine übergeordnete gesetzgebende Gewalt sie in Schach hält.
Natürlich sind nicht alle so, aber diejenigen die so sind, bestimmen viel zu häufig die Richtung, in die es geht, wenn ihnen keiner ins Wort fällt (,was leider viel zu selten passiert). Sie treten auf diejenigen ein, die in der Hackordnung unter ihnen stehen, sobald sie nicht nach ihren Vorstellungen funktionieren, und katzbuckeln bei denen, die sich über ihnen befinden. Sie reißen stets ihre Schnauze auf, um zu bestimmen, wo es langgeht. Häufig funktioniert das auch deshalb, weil die anderen Mitglieder der Gruppe, aus Angst ihren Status zu verlieren, lieber zustimmen, als eine Konfrontation mit dem Profilsneurotiker zu provozieren.
Letztlich sind diese scheinbaren Persönlichkeiten arme Schweine, die in ihrem autoritären Auftreten zu erkennen geben, woran es dieser Gesellschaft am meisten mangelt: Humanität, Solidarität und Mitgefühl. Das Verlangen, über den anderen stehen zu wollen, zeigt insgeheim den sublimierten Wunsch nach menschlicher Nähe. Diesem kann in den zwischenmenschlichen Beziehungen der westlichen Industriegesellschaft immer weniger entsprochen werden, weil der die Gesellschaft regelnde Wettbewerb den Menschen in seinen Bedürfnissen unterminiert. Die bürgerliche Kälte, die wir am Arbeitsplatz und in den Einkaufsmeilen erleben, ist das Resultat der Reduzierung des Menschen auf Produktionsfaktoren in den Kosten-Nutzenrechnungen der Managementetagen oder auf werbewirksame Zielgruppen. Da helfen auch nicht die Heere von Psychologen, Sozialarbeitern und guten Christen, welche die auf der Streckegebliebenen wieder für den gesellschaftlichen Betrieb fit machen sollen. Wie Öl schmieren sie bloß das unbarmherzig treibende Räderwerk einer durch Ausbeutung und Herrschaft bestimmten Gesellschaft.
Derjenige, der nicht aufhört, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die sozialen Beziehungen in denen er lebt zu hinterfragen, wird die Wahrheit erkennen. Er wird rein argumentativ in der Lage sein, sich gegen Autorität und Repression durchzusetzen. Er wird die Kraft finden, Schwächere vor psychischer Gewalt zu beschützen und zweifelhafte Entscheidungen in Frage zu stellen.
Erst dann haben wir eine wahre Persönlichkeit, die Anerkennung und Ruhm verdient hat.
Und solche Persönlichkeiten hat nicht nur die virtuelle Gesellschaft dringend nötig, will sie ein humaneres Miteinander ermöglichen, sondern vor allem die Reale.
EDIT:
BEVOR IHR MICH KRITISIERT, was ich schön finde, möchte ich einmal anmerken, dass ich kein Anhänger von Gesellschaftsutopien bin, die man über eine Gesellschaft rüberstülpt. Dies wäre, wie die meisten bereits richtig festgestellt haben, nicht besser als jede Form von totalitärem System. Ich appelliere an das Denken jedes Einzelnen, sich über die rein funktionalen Erfordernisse eines Raids, der bloßen Zweckrationalität einer Gilde oder der am Arbeitsplatz zu erheben, und das Individuum, inklusive seiner psycho-sozialen Bedürfnisse am anderen Ende der DSL Leitung oder des Schreibtisches zu achten. Genau das geht in unserer rational durchorganisierten Gesellschaft immer mehr verloren und bereitet den Boden für autoritäre Beziehungsstrukturen, deren Legitimationsgrundlage in der Funktion selbst bestehen und in deren Name, der Mensch heutzutage abgerichtet und ausgebeutet wird.
Weiterführende Argumente halte ich auch in den restlichen Posts, die ich in diesem Thread getätigt habe, bereit.